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46.

U nd wieder waren die Pressen in dem Hintergebäude des Hauses in der Ufergasse zum Stillstand gekommen; ja, es war sehr wenig Aussicht, daß sie jemals wieder in Gang kommen würden. Die Setzerstube, in der es im Frühlinge des vergangenen Jahres von so viel bärtigen Gesichtern gewimmelt hatte, war verödet und das gutmüthige Gesicht des Factors Wenzel Müller erschien nicht mehr in dem Schaufensterchen der Thür nach dem Redactionszimmer, denn das Redactionszimmer war wüst und leer. Die Papageien auf der Tapete, die mit den verwitterten Schnäbeln nach den vermoderten Früchten hackten, sahen melancholischer aus als je zuvor; den Bilderbogen, auf welchem die famose Geschichte von dem Hausherrn, der zur Nacht auf die Katzenjagd ging, so zierlich illustrirt gewesen war, hatte der Druckerjunge Fritz, als er zum letzten Male durch die Stube ging, von der Wand gerissen; nur ein Fetzen mit der Schlußmoral: Blinder Eifer schadet nur! war sitzen geblieben und schien die lautlose Stille in den sonst von rastloser Thätigkeit erfüllten Räumen zu verhöhnen.

Aber der Hohn war übel angewandt, denn nicht blinder Eifer war es gewesen, was den »Volksboten« in Ruhstand versetzt hatte. Der Volksbote war nur der diensteifrige Mohr der Revolution gewesen und mußte gehen, als die Revolution seine Dienste nicht mehr bezahlen konnte oder wollte. Wohl hätte er sein Leben fristen können, wenn er sich im Dienst einer andern Herrin eine andere Livree hätte gefallen lassen; aber zu einem solchen Kleider- und Gesinnungswechsel hielt sich der brave Mohr für zu gut, und so legte er sich denn am letzten Tage des Jahres, nachdem er den ganzen Sommer und den ganzen Herbst hindurch todesmuthig um sein Leben gekämpft hatte, hin, gehüllt in die alte Fahne, die er hoch gehalten, und starb brav, wie er gelebt. Das Schild links über der Hausthür, auf welchem mit so hoffnungsgoldigen Worten: »Expedition des Volksboten« zu lesen gewesen, wurde heruntergenommen und Peter Schmitz war ein ruinirter Mann.

Peter Schmitz hatte längst gewußt, daß dies das Ende sein würde. Er hatte, um ganz freie Hand über das Blatt zu haben, und es so lange wie möglich der Partei erhalten zu können, nach und nach alle Actien in seine Hände gebracht, und die bisherigen Inhaber derselben waren seelenfroh gewesen, schließlich noch so guten Kaufes davon zu kommen; er hatte die einst so kostbaren Papiere in seinen Händen sich entwerthen und entwerthen sehen, hatte zugesetzt und zugesetzt, bis er sah, daß er, ohne Anderen, wie sich selbst, Opfer zuzumuthen, die Zeitung nicht mehr halten konnte. Dann erst hatte er seine Bücher zugeklappt.

Mit traurigem Herzen und doch auch nicht ohne ein Gefühl der Dankbarkeit gegen das Schicksal, das ihn von dieser Last endlich befreite, die täglich schwer und schwerer auf seinen Schultern gelegen hatte. Es war nicht blos der mit unaufhaltsamen Schritten herandrängende Ruin gewesen, der ihm die Zeitung während der beiden letzten Quartale verleidet hatte, sondern fast noch mehr die traurige Notwendigkeit, in welche das Blatt gerathen war: gegen ihren früheren Redacteur en chef, gegen den Abgeordneten Bernhard Münzer und die extreme Partei, an deren Spitze er sich in der Constituante gestellt hatte, Opposition zu machen. Nichts schmerzte den braven Peter mehr als dieser Umstand, denn Münzer war der Freund seiner Seele gewesen; ja er liebte ihn noch jetzt, wie er außer seiner Schwester Margareth und seiner Ottilie wohl Niemand auf Erden geliebt hatte. Und doch hatte er sich politisch von ihm lossagen müssen, und doch hatte er ihn zuletzt Schritt vor Schritt bekämpfen müssen; denn höher, als persönliche Freundschaft, und wäre sie die innigste gewesen, stand Peter Schmitz das allgemeine Wohl, und nach seinem besten Wissen und Gewissen war Bernhard Münzer jetzt ein Feind des allgemeinen Wohles, ein um so gefährlicherer Feind, je größer sein Talent, je feuriger sein Geist, je hinreißender die Macht seiner Rede und der Zauber seiner Persönlichkeit war.

Vielleicht wäre Peter Schmitz trotz all' seiner Energie nicht im Stande gewesen, diesen Kampf, bei dem sein Herz sich fast verblutete, durchzuführen, wenn Dr. Holm nicht so treulich zu ihm gestanden hätte. Holm war genau in derselben Lage, wie Peter Schmitz, ja vielleicht in einer noch schlimmeren, da in den Augen des Publicums auf ihn, als den Redacteur en chef des Volksboten nach Münzer's Rücktritt von der Redaction, das Gehässige dieses leidigen Zwistes einzig und allein fiel. Man beschuldigte ihn in den Münzer freundlich gesinnten Blättern, ebenso wie in den Blättern der Reaction des Neides, des Ehrgeizes, der Eifersucht, der Doppelzüngigkeit – und doch konnte keines Menschen Herz reiner von diesen Leidenschaften sein, als das des Dr. Holm. Er hatte in Münzer nicht blos einen Freund verloren, an dem sein warmes Herz mit der größten Zärtlichkeit hing, sondern auch ein Ideal, zu dem er stets mit neidloser Bewunderung hinaufgeschaut hatte. Niemand hatte dem glänzenden Genius Münzer's so willig gehuldigt, wie Holm. Wie oft hatte er nicht Münzer's Artikel den Freunden als Meisterwerke nach Inhalt und Form angepriesen! wie oft war er nicht von Münzer's Reden zum begeisterten Beifall hingerissen worden und hatte ihn mit großer Emphase einem Demosthenes, einem Cicero gleichgestellt! Nein, Dr. Holm machte es wahrlich kein Vergnügen, gegen den früheren Kollegen öffentlich aufzutreten; und wer ein Ohr für dergleichen hatte, konnte die rührende Klage des Mannes, den die Pflicht zu so grausamen Diensten zwang, zwischen den Zeilen, die er gegen Münzer in dem Volksboten schrieb, herauslesen.

Wie dem aber auch sein mochte – das Schild über den Fenstern links war verschwunden, und in dem weiten Hausflur zeigten keine Riesenhände mehr die schmale Treppe hinauf und die knarrende Gallerie entlang: »Nach der Redaction.« Dennoch konnte man Dr. Holm jetzt noch ebenso häufig, wie früher, in dem Hause der Ufergasse aus- und eingehen sehen, was freilich alle Diejenigen nicht überraschen konnte, welche (wie z. B. sämmtliche Bewohner der Ufergasse mit unberechenbar kleinen Ausnahmen) wußten, daß Dr. Holm seit dem ersten Januar nicht nur seine Residenz in zwei Hinterzimmern des Schmitz'schen Hauses aufgeschlagen, sondern sich auch in aller Form bei Tante Bella in Kost gegeben hatte.

Dieses Factum hatte vielleicht an sich nichts Außerordentliches, dennoch rief es in allen Kreisen, die Dr. Holm's Lebensweise kannten (und solcher Kreise gab es, da Dr. Holm's Leben seit fünfundzwanzig Jahren, so zu sagen, offen vor den Augen seiner Mitbürgern lag, viele), eine große Sensation hervor. Man wußte, daß Dr. Holm (ohne ein Gourmand zu sein) sehr viel auf einen guten Mittagstisch hielt, daß er (als ein Mann von vielem Geschmack, der er unbestritten war) gern in hellen und schönen Räumen, die eine schickliche Aufstellung seiner kleinen Kunstsammlungen möglich machten, wohnte, und daß er, in richtiger Consequenz dieser seiner Neigungen, die Regel: gut zu essen und dem entsprechend sich zu logiren, seit fünfundzwanzig Jahren unverbrüchlich befolgt hatte. Daß ein so gründlich verwöhnter Mann das Kreuz einer vielleicht nicht geradezu schlechten, immerhin aber sehr gewöhnlichen Hausmannskost in Gesellschaft eines grilligen, in seinen Geschäften zurückgekommenen Bürgers und einer grämlichen alten Jungfer auf sich nehmen und als Ersatz dafür in ganz notorisch engen, dunklen und etwas dumpfigen Räumen hausen und das Alles freiwillig thun sollte, schien dem gesunden Menschenverstande im Allgemeinen und dem gesunden Verstande des Dr. Holm im Speciellen so vollkommen zu widersprechen, daß Niemand eine so offenbar thörichte Behauptung aufzustellen wagte. Im Gegentheil war man allgemein der Ansicht, daß Dr. Holm durch das Eingehen des Volksboten in seinen Vermögensverhältnissen sehr zurückgekommen sein müsse, und daß sein Verschwinden von den seit fünfundzwanzig Jahren frequentirten Plätzen in das geheimnißvolle Dunkel des Hauses in der Ufergasse einfach die Consequenz einer traurigen Nothwendigkeit sei.

Niemand aber war davon inniger überzeugt, als Tante Bella; Niemand bedauerte den braven Mann wegen der Entsagungen, die er sich auferlegen mußte, mehr, als sie. Sie war, als Dr. Holm ihr eines Abends den Vorschlag machte, ihn in Kost und Wohnung zu nehmen, mit Freuden darauf eingegangen. Sie war stolz, dem Freund in seinem Unglück helfen, ihm die Hälfte seiner bisherigen Ausgaben ersparen zu können.

Wenn Tante Bella ein weniger ehrliches Gemüth gewesen wäre, so würde sie vielleicht die Bedingung, welche Dr. Holm stellte, Niemandem, und am wenigsten ihrem Bruder Peter die Details der zwischen ihnen getroffenen Verabredungen mitzutheilen, stutzig gemacht haben. »Schmitz versteht von diesen Dingen nichts,« hatte Holm gemeint, »und so braucht er auch die Einzelheiten unseres Vertrages nicht zu wissen. Er wird vielleicht finden, daß ich mit zwölf Thalern monatlich meine Zimmer zu theuer bezahle; aber mir sind sie so viel werth und ich habe früher für nicht viel bessere Räume noch einmal so viel gegeben. Ebenso wird er zwölf Thaler für den Mittagstisch für zu viel erachten und Sie sagen ja selbst, daß Sie es billiger thun könnten; aber ich würde glauben zu verhungern, wenn ich nicht einmal so viel für meine leiblichen Bedürfnisse ausgeben dürfte, und so lassen Sie mir wenigstens die Illusion, wenn Sie auch wirklich einmal ein ›Kastemännchen‹ übrig haben sollten. Rechnen Sie noch zwölf Thaler für Frühstück, Abendbrod, Heizung und so weiter, so werden Sie Ihre liebe Noth haben, an mir keinen Schaden zu leiden, und ich kann der Zukunft mit ruhigerer Seele entgegensehen.«

Tante Bella hatte in ihrem Leben noch nie gelogen und glaubte Dr. Holm auf das Wort; ja sie schlug die Hände über den Kopf zusammen bei diesem Einblick in das Junggesellenleben, das sie sich immer sehr kostspielig, aber denn doch nicht ganz und gar »als eine Räuberhöhle« vorgestellt hatte, wie es ihr jetzt nach den statistischen Angaben des Dr. Holm erschien. Wie würde die gute Dame erstaunt gewesen sein, wenn sie erfahren hätte, daß sie auf das Gröblichste getäuscht und daß ihr Schützling niemals theurer, aber schon sehr oft billiger gelebt hatte, als in dem Hause in der Ufergasse, daß Alles nur eine Spiegelfechterei des braven Journalisten war, um Peter Schmitz' mißlichen Verhältnissen in einer unschuldigen und dennoch sehr wirksamen Weise zu Hülfe zu kommen! Tante Bella würde bei dieser Entdeckung an allem Heiligen, vielleicht auch daran verzweifelt sein, daß das verstümmelte Wappen über der Hausthür wahr und wahrhaftig das Wappen der Schmitz'schen Familie sei.

Und doch that der guten Dame dieser Glaube an den einstigen patricischen Glanz ihrer Familie jetzt mehr als je noth, jetzt, wo der Stern derselben so tief – tiefer als je gesunken war. Als vor dreißig Jahren der Vater Anton Schmitz das Schild mit der Aufschrift: »Schreibmaterialien-Handlung von Anton Schmitz« über den Fenstern des Erdgeschosses aufhing, da hatte ein junger krausköpfiger Bursch neben dem alten Mann gestanden und zu sich gesagt: das kommt auch noch einmal wieder herunter, oder ich will nicht Peter Schmitz heißen! – Heute aber, heute war aus dem krausköpfigen Burschen ein grauhaariger Mann geworden, und er hatte Niemanden neben sich, der, auf seine Kraft und sein Talent pochend, mit trotzigem Jünglingsmuth eine bessere Zukunft prophezeien konnte.

Freilich war Peter Schmitz zu dieser Zeit noch immer ein energischerer Mann, als sein Vater je in seinem Leben gewesen war. Auch wollte Peter Schmitz niemals zugeben, daß die gegenwärtige traurige Lage etwas Anderes sei als eine vorübergehende Calamität. »Wir haben den Dampf ausgegeben und müssen erst wieder einheizen, bevor wir weiter fahren können,« sagte er; oder: »Pah, was ist's denn weiter? habt Ihr noch nie einen Käfer gesehen, der auf dem Rücken lag? ein Haar, an das er sich anklammern kann, und der Bursch steht wieder auf seinen Füßen und läuft euch noch, wer weiß wie weit« – aber diese tapfern Worte und der tapfere Muth, den er ohne Zweifel noch immer in alter Kraft besaß, hinderten nicht, daß die perpendiculäre Falte über der Nase immer tiefer wurde, und die buschigen Augenbrauen immer dichter zusammenrückten. Auch kam er – was er sonst niemals gethan hatte– oft auf die alte Zeit zu sprechen, auf den alten wunderlichen Vater, wie er sich mit seinen schlechten Recepten so jämmerlich gequält, und doch so überaus jämmerliche Tinte fabricirt habe; und vor Allem sprach er viel von Margareth, nicht von der jetzigen krankheitgebrochenen, sondern von dem bildschönen Mädchen mit den sanften dunklen Augen, die er so grenzenlos geliebt und die ihm seine Liebe so schlecht vergolten hatte. Besonders zu Ottilien sprach er gern von jener Zeit. »Es ist alles wieder wie es damals war,« pflegte er zu sagen; »das Rad hat einen vollen Umschwung gehabt und mich wieder an die alte Stelle gebracht. Ein alter grämlicher Mann und ein herziges Ding von einem Mädchen; – nur fehlt mir zu der Tochter der Junge, an dem ich meinen Aerger auslassen könnte; ich wollte, ich hätte so einen Jungen! – Früher habe ich wohl manchmal geglaubt: der Wolfgang könnte es einmal werden, wenn sein Vater, dem ich kein langes Leben gab, stürbe, und der Junge mit der Mutter allein und verlassen stände in der Welt. Nun aber ist der Bursch ein vornehmer Mann geworden, – Officier, gerade wie damals sein Vater war, nur daß er gescheidt genug ist, sich unter seines Gleichen nach einer Frau umzuthun und die windige Lieutenantsgage mit der Erbschaft des Alten auf Rheinfelden aufzubessern. Freilich gegen das letzte Item hätte der Herr Vater auch wohl nichts gehabt, und daß er eine Mesalliance eingegangen ist, hat er bitter genug bereut. Hole der Teufel diese Hohensteins! Sie sind der Fluch meines Lebens gewesen.«

»Aber Onkelchen,« sagte Ottilie; »wie heftig und ungerecht Du nun wieder bist! hast Du nicht selbst gesagt, daß Wolfgang sich neulich gegen Dich so brav benommen habe! hast Du denn das schon wieder vergessen?«

»Ach was!« sagte Onkel Peter ärgerlich; »ich hab' es nicht vergessen, aber er hat's vergessen, sonst würde er wohl einmal in diesen vier langen Wochen hereingeschaut und gefragt haben: ›wie geht's Onkel? ist Dir's nicht schlecht bekommen?‹ oder dergleichen. Das hätte er trotz seiner Lieutenantsepauletten immer thun können. Ich habe den Burschen so lieb gehabt; ich könnte fuchswild werden, wenn ich denke, daß er nun auch so ein – ruhig, Peter, ruhig! Da sitze ich und schwatze und habe noch wer weiß wie viel zu thun. Adieu, Mädel! in einer Stunde komme ich wieder. Da sollst Du mir was vorspielen und singen. So la-la. Adieu, Kind!«



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