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40.

W er Se. Hochwürden, Herrn Ambrosius Kandel in seinen hohen blankgewichsten Stiefeln durch das Dorf und hernach auf dem Wege, der von Kirchheim nach Rheinfelden am Ufer des Stromes entlang führte, dahinwandern sah, würde ihm schwerlich die siebenzig Jahre, die er zählte, angesehen haben; so rüstig war sein Schritt, so strack und straff die Haltung seines mittelgroßen gedrungenen Körpers; so energisch stieß er den Knotenstock, den er in der Hand trug, in den Ufersand; so scharf schauten seine Augen unter den buschigen Brauen über die trüben Wasser des in mächtigen Wirbeln dahinrollenden Stromes; so kräftig klang das Gebrumm, mit welchem er das: Gelobt sei Jesus Christ! einiger ihm begegnenden Bauerweiber erwiderte, obgleich es allerdings schlechterdings unmöglich war, zu entscheiden, ob er: In Ewigkeit! oder etwa: in des Teufels Namen! geantwortet hatte.

Die Bauerweiber schienen das Letztere für das Wahrscheinlichere zu halten, denn sie sahen sich, als sie einige Schritte vorüber waren, scheu nach der schwarzen Gestalt um, und die Eine bekreuzigte sich im Weiterschreiten mehrmals, als hätte sie ein böser Blick getroffen.

In der That gehörten die Blicke des Pfarrers Ambrosius Kandel nicht zu den besonders freundlichen und vertrauenweckenden, wie denn überhaupt an seiner Denkweise und Erscheinung die Grazien keinen Theil hatten; nichtsdestoweniger aber wäre nichts ungerechter gewesen, als den Pfarrer für einen nicht guten, oder gar für einen bösen Menschen zu halten. Es spricht gewiß für die Lauterkeit, zum wenigsten für die Unabhängigkeit seines Charakters, daß er bei seinen Oberen in keinem besseren Geruche stand, als bei seinen Beichtkindern; ja man erzählte sich, daß der Herr Erzbischof selbst, als man einst bittre Klage gegen den renitenten und halsstarrigen Priester führte, lachend erwidert habe: »sehet zu, wie Ihr mit ihm fertig werdet; ich will nichts mehr mit dem groben Menschen zu thun haben.« Ohne Zweifel theilte Herr Ambrosius in dieser seiner Unfähigkeit, es nach oben oder unten hin recht zu machen, das Schicksal sehr vieler braver Leute, deren Bravheit ihnen nicht erlaubt, einen andern Weg zu gehen, als den, welchen ihnen ihre Ueberzeugung vorschreibt. Es konnte kaum einen einsameren Menschen geben, als Herrn Ambrosius. Er war wie die Lessing'sche Windmühle: Niemand kam zu ihm und er kam zu Niemanden. So war er gewesen, als er vor vierzig Jahren die Pfarre in Kirchheim erhielt, so war er noch heute; der einzige Unterschied schien, daß sein unschönes Gesicht immer brauner und runzliger und seine starken Augenbrauen immer grauer und struppiger geworden waren.

Welche Schicksale Herrn Ambrosius so braun und runzlig, und knorrig und hart, wie einen Eichstamm gemacht hatten – Niemand wußte es. Eine alte, fast verschollene Sage erzählte: er habe als junger, von Geist und Leben sprühender Lehrer in der Familie eines sehr reichen und mächtigen Römers für die Mutter seiner Zöglinge eine leidenschaftliche Liebe gefaßt; diese Liebe sei mit derselben Leidenschaft erwidert worden, schließlich aber habe das Verhältniß, wie das unter diesen Umständen auch wohl kaum anders sein konnte, einen tragischen Ausgang genommen. Die Dame war von dem eifersüchtigen Gatten ermordet worden; Ambrosius war in ein Kloster geflüchtet, um der Rache des Wahnsinnigen zu entgehen, oder, wie Andere wollten, einer Welt zu entfliehen, in welcher ihm der Versuch, glücklich zu sein, so übel bekommen war.

Clärchen hatte als kleines Mädchen ihre Eltern oft über diese Geschichten, die so lange vor ihrer Geburt gespielt hatten – Ambrosius war um zehn Jahre älter als sein Bruder, Clärchen's Vater – sprechen hören. Uebrigens sahen sich die Brüder sehr selten. Sie stimmten in wenigen Dingen überein. Clärchen's Vater, lange Jahre Lehrer an demselben Gymnasium, von welchem Münzer später seiner freisinnigen Lehren wegen den Abschied nehmen mußte, – ein guter, gutmütiger Lebemann, für den die Philosophie im Allgemeinen und besonders seines Bruders herbe, ascetische Doctrin ein Buch mit sieben Siegeln war, – hatte eine instinctive Scheu vor dem »alten Sonderling,« und der alte Sonderling wußte mit diesem Bruder, mit dem man über die Vedas und über den » Guide spirituel« des Molinos, über Madame Guyon's » Torrents« und andere mystische Bücher so gar nicht reden konnte, nichts anzufangen. Dennoch hatte der alte Sonderling, bei all' seiner Menschenfeindlichkeit, nicht vergessen, daß er einen einzigen Bruder, und dieser Bruder ein einziges Kind hatte, denn als Clärchen's Vater starb – die Mutter war schon viel früher gestorben – erschien Herr Ambrosius schon am folgenden Tage in dem Trauerhause, tröstete das verlassene zwölfjährige Kind, oder versuchte es wenigstens zu trösten, indem er ihr sagte, daß seit Adam und Eva alle Menschen gestorben wären, daß der Tod so wenig ein Uebel sei, wie der Schlaf, und nur dann ein Uebel sein würde, wenn es aus ihm ein Erwachen gäbe, was indessen ebenso gegen die Erfahrung, wie gegen die Philosophie streite. Clärchen hörte auf zu weinen, nicht, weil diese Trostgründe einen Eindruck auf sie gemacht hätten, sondern weil in der ganzen Weise dieses sonderbaren alten Mannes, der ihrem verstorbenen Vater bei aller Verschiedenheit so ähnlich war, etwas lag, das ihrem ernsten, entschlossenen Wesen sehr sympathisch, ja bis zu einem gewissen Grade verständlich war. Sie glaubte es gern, daß der Onkel für sie sorgen würde, so weit es ihm bei seinen beschränkten Mitteln möglich sei; und der Pfarrer Ambrosius war so gut, wie sein Wort. Er bezahlte die Begräbnißkosten, bezahlte die verhältnißmäßig beträchtlichen Schulden des Bruders, bezahlte das Kostgeld in dem Kloster, welchem er die Kleine zur Erziehung übergeben hatte, und würde noch mehr für sie gethan haben, wenn Clärchen, als sie siebenzehn Jahre geworden war, nicht erklärt hätte, nun auf eigenen Füßen stehen zu können. Sie verwerthete als Lehrerin in einem Mädchenpensionat das Wenige, was sie im Kloster gelernt hatte: ihre große Fertigkeit in allen nur möglichen Arten des Nähens, Strickens, Stickens; und hier war es, wo sie nach einigen Jahren Münzern, der in der obersten Klasse Literatur und Geschichte lehrte, kennen lernte, um bald darauf sein Weib zu werden.

Seit dieser Zeit hatte Clärchen den Onkel Pfarrer nur sehr selten gesehen. Er hatte ihr gleich nach ihrer Verheirathung einen wunderlichen Brief geschrieben, in welchem er ihr zu dem Schritt, welchen sie gethan, sein Beileid ausdrückte. »Ein Mensch, der heirathet,« hieß es darin, »ist ein X., das sich jeder Berechnung entzieht, ist wie ein Fahrzeug, das steuerlos auf einem unbekannten, klippenreichen Meere treibt. Solltest Du aber, wie das ja im höchsten Grade wahrscheinlich ist, einmal Schiffbruch erleiden, so kennst Du den Hafen, der Dir alle Zeit offen steht. Ich bin kein Mann für die Glücklichen, aber die Unglücklichen haben an mir noch stets einen Helfer gefunden, so weit mir zu helfen vergönnt war.« Clärchen hatte diesen Brief nie ihrem Gatten gezeigt, denn Münzer war so schon keineswegs gut auf den alten Herrn zu sprechen. »Ich mag die Leute nicht,« sagte er, »die durchaus etwas Anderes sein wollen, als alle anderen Menschen, und die gar nichts thun, ihre Sondergelüste zu bekämpfen. Das ist der alte romantische Tic, unter dem wir schon viel gelitten haben, und der die Leute widerstandslos dem Obscurantismus in die Arme treibt. Dein Onkel, der bei all' seinem philosophischen Radicalismus in der Politik ein unverbesserlicher Reactionair ist, war mir immer ein klassisches Beispiel dafür.«

Der Alte schien sein Pflegekind vergessen zu haben.

Um so überraschter war Clärchen, als Ambrosius, der jetzt seit Jahren nicht in der Stadt gewesen war, im Frühling dieses Jahres, kurze Zeit, nachdem die Wahlagitation ihren Anfang genommen, plötzlich in ihrem Hause erschien, nach ihrem Befinden fragte, sich die Kinder zeigen ließ, geduldig wartete, bis Münzer am Abend spät aus einer Vorversammlung kam, und sich dann von diesem das Versprechen geben ließ: Frau und Kinder, im Falle die politischen Wirren einen noch höheren Grad erreichten, oder Münzer durch seine politischen Pflichten verhindert werde, ausreichend für sie zu sorgen, Niemandem anzuvertrauen, als dem alten Onkel auf Kirchheim. Münzer versprach das; nur, um den Alten los zu werden, wie er sagte. Er ahnte wohl nicht, daß wenige Wochen später die kleine Wohnung in der Vorstadt, in welcher er seit seiner Verheirathung gewohnt, verödet stehen, und er auf dem Wege nach der Residenz sein würde, während Clärchen das verlorene Heim in den Räumen des Pfarrhauses von Kirchheim, so gut es gehen wollte, wieder herzustellen suchte.

Es gelang Clärchen besser, als sie gehofft hatte. Was sie früher gewollt, gewünscht, erstrebt, stand jetzt deutlicher als je vor ihrer Seele, aber auch über den Weg, der zu dem heiß ersehnten Ziele führen könnte, war sie sich klarer geworden. »Es war eine Thorheit von Dir,« sprach sie zu sich, »daß Du Dein Licht unter den Scheffel stelltest. Kannst Du Dich denn wundern, daß Bernhard fortwährend über Dich im Dunkeln blieb, und nach langem vergeblichen Suchen die Hoffnung, in Dir eine Seele zu finden, die seine Seele verstände, aufgab? Nein, nicht nach langem Suchen! er hat Dich zu früh, viel zu früh aufgegeben – aber gleichviel! ich bin es mir, ich bin es ihm schuldig, ihm zu zeigen, daß ich nicht unwerth bin, sein Weib zu sein.«

Schon seit Jahren war es Clärchen's Ehrgeiz gewesen, ihrem Gatten bei seinen Arbeiten, deren Ueberlast ihn oft beinahe erdrückte, unmittelbar helfen zu können. Um das zu vermögen, hatte ihr im Anfang freilich nicht weniger als Alles gefehlt; sie verstand wenig von den Sachen, um die es sich handelte, und für das Wenige, das sie verstand, wußte sie weder mündlich noch schriftlich eine Form zu finden. Auch später, als Studium und Nachdenken ihre Einsichten wunderbar vermehrt hatten, war ihr der letztere Mangel besonders peinlich. Sie richtete ihren ganzen Fleiß auf diesen Punkt. Zuerst versuchte sie, einen Aufsatz, den sie gelesen hatte, aus der Erinnerung zu Papier zu bringen; dann stellte sie denselben Versuch bei Unterredungen an, die zwischen ihrem Gatten und seinen Freunden geführt waren, und bei denen sie eine stille, aufmerksame Zuhörerin gewesen war. Zuletzt wagte sie sich an die freie Bearbeitung eines Themas, das ihr aus ihrer Lectüre als interessant und wichtig aufgefallen war. Sie hatte diese Uebungen, wie das Meiste, was sie zu ihrer Ausbildung that, vor ihrem Gatten streng geheim gehalten, weil sie von der Werthlosigkeit ihrer Arbeiten in tiefster Seele überzeugt war, und ein vielleicht thörichtes und in diesem Falle gewiß unheilvolles Schaamgefühl ihre Lippen schloß. Bis zum letzten Augenblick hatte sich ihre officielle Thätigkeit in dem Arbeitszimmer ihres Gatten auf das Mundiren von Briefen und Aufsätzen, die Münzer im Brouillon entworfen hatte, beschränkt. Sie hatte immer auf dem Punkte gestanden, ihren Gatten um schwierigere Aufgaben zu bitten, selbst auf die Gefahr hin, ihm ihr großes Geheimniß mittheilen zu müssen, und sie würde das auch ohne Zweifel über kurz oder lang gethan haben, wenn die Katastrophe nicht so schnell hereingebrochen wäre und die Ausführung ihres Entschlusses unmöglich gemacht hätte.

Nun aber, nachdem sie in der grünen Einsamkeit des Pfarrgartens von Kirchheim den ersten herben Schmerz einer so herben Trennung ausgeweint hatte, begann sie ernstlich darüber nachzudenken, welche Mittel sie jetzt noch habe, mit ihrem Gatten in eine engere geistige Verbindung zu treten, und sie fiel dabei auf eines, das bei aller Kühnheit den keuschen Stolz – in welchem die Stärke und zugleich die Schwäche der jungen Frau lag – nicht verletzte. – Münzer hatte kaum auf der äußersten Linken der Vereinbarungsversammlung Platz genommen, als sein feuriger Geist und die Macht seiner Rede ihm unter den Vertretern des plötzlich zur Freiheit erwachten Volkes eine hervorragende Stelle verschaffte. Dennoch leistete er der guten Sache keineswegs die großen Dienste, welche die Partei von einem so bedeutenden Talent zu erwarten berechtigt war. Seine Leidenschaftlichkeit machte es ihm schwer, ja unmöglich, sich der Disciplin, ohne welche keine politische Partei bestehen kann, zu fügen, und oft verdarb die stürmische Heftigkeit, von der er sich gerade in dem entscheidenden Augenblicke hinreißen ließ, die beinahe sicheren Erfolge seiner glänzenden Beredsamkeit. Clärchen, welche den Verhandlungen der Versammlung mit nimmer müdem Eifer folgte, hatte das oft zu ihrem größten Schrecken wahrgenommen. Mehr als einmal, während sie mit klopfendem Herzen die Reden ihres Gatten las, war es ihr, als müßte sie aufschreien vor Angst, als müßte sie ihm in's Wort fallen, ihn bitten, sich zu mäßigen, nicht alles schon Errungene durch seine Heftigkeit wieder aufs Spiel zu setzen. Sie war sich bewußt, daß Niemand auf der Welt die geheimsten Gedanken Bernhard Münzer's so kenne, so begreife, wie Bernhard Münzer's Gattin; sie glaubte zu sehen, daß er selbst von seinen Freunden verkannt werde; sie war überzeugt, daß jetzt oder nie diesem dämonischen Menschen ein guter Engel Noth thue, ihn von dem Abgrunde, an dem sein kühner Muth ihn dahinwandeln ließ, zurückzuhalten – und eines Tages tauchte sie die Feder ein und schrieb – während ihre Wangen brannten und ihre Augen leuchteten, mit zitternder Hand, aber voll festen Muthes – einen Brief, in welchem sie ihren Wünschen, ihren Besorgnissen, ihrer Theilnahme an seinem Geschick, ihre Bewunderung seiner Tapferkeit einen rührend einfachen und eben in dieser seiner rührenden Einfachheit vollendeten Ausdruck gab. –

Als aber der Brief, der zu einem kleinen Aufsatz geworden war, fertig vor ihr lag, überkam sie wieder die alte Scheu, sich als die zu zeigen, die sie war – eine Scheu, zu der sich in diesem Momente noch die Furcht gesellte, Bernhard könne möglicherweise in diesem Briefe nur einen übereilten und unzarten Versuch, ihn auf jeden Fall zurückführen und fesseln zu wollen, erblicken. Clärchen ließ deshalb, ohne ihres Onkels Wissen, durch den Schulmeister Balthasar den Brief copiren und so ohne Unterschrift in Rheinstadt unter Münzer's Adresse auf die Post geben. Die Gefahr, diesen kühnen Schritt vor dem Onkel, der ihn schwerlich gebilligt haben würde, entdeckt zu sehen, war nicht groß. Der Onkel hatte ihr auf ihre dringende Bitte, an einem Journal, für welches Ambrosius selbst in früheren Jahren geschrieben hatte, eine Mitarbeiterschaft vermittelt, und Clärchen hatte ihre Uebersetzungen englischer und französischer Novellen durch Balthasar abschreiben lassen. Ein Wink Clärchen's an den ihr sehr ergebenen und durchaus verschwiegenen Balthasar, über diesen Zuwachs seiner Arbeit gegen Niemanden zu sprechen, genügte vollkommen. Sie hatte den Brief durchaus objectiv gehalten und jede directe Anspielung ihres Verhältnisses zu Bernhard sorgfältig vermieden. Sie wollte, daß die Wirkung – wenn der Brief anders eine Wirkung ausübte – ganz rein, ganz unabhängig von jeder Beimischung eines gleichviel ob günstigen oder ungünstigen Vorurtheils sei. Und der Brief blieb nicht wirkungslos. Mit einer unsäglichen Freude las Clärchen ungefähr eine Woche später eine Rede Münzer's ganz in dem Geist und Sinn des Briefes, ja es kamen einige Sätze vor, die fast wörtlich aus dem Briefe genommen waren. Ein so über alle Erwartung günstiger Erfolg belebte den Muth der jungen Frau, und gab ihrem Genius, der sich so spät entfaltet hatte, mächtigste Schwingen. Sie schrieb in derselben Weise, anknüpfend an Münzer's letzte Rede, mit Bezugnahme auf die neuesten Maßregeln der Regierung und die Beschlüsse der Versammlung, einen zweiten Brief, und nach dem zweiten einen dritten und vierten; und keine Maria kann von dem süßen Mysterium ihrer Mutterschaft mit himmlischerer Freude erfüllt sein und mit ahnungsvollerer Seele das Werden des Wunders unter ihrem Herzen spüren, wie diese junge Frau mit heiligem Ernst an dem Bande webte, das sie für immer mit dem geliebten Manne verknüpfen sollte, und mit stolzester Freude und doch zugleich mit der rührendsten Demuth ihren Einfluß wachsen sah. Was wollte dagegen die Seltenheit und Kürze der Briefe, welche Münzer im Lauf dieses Sommers und Herbstes an sie schrieb, bedeuten? Diese Briefe galten einem Clärchen, das, wenn es je einmal existirt hatte, jetzt nicht mehr existirte; aber die Huldigungen, die der Abgeordnete Münzer auf der Tribüne dem Genius zollte, der ihn unsichtbar umschwebte, – diese Huldigungen galten ihr, wie sie in Wirklichkeit war. Mit andächtiger, tiefernster Rührung wiederholte sich die junge Frau oft jene geheimnißvolle Weissagung des Apostels von dem dunklen Wort, in dem der Mensch durch einen Spiegel sieht, um stückweise zu erkennen, was er einst ganz erkennen soll, gleich wie er selbst erkannt ist; und von der Liebe, die viel mächtiger ist, denn Glaube und Hoffnung, und auch da noch lebt und wirkt und schafft, wo selbst der Glaube und die Hoffnung gestorben sind. Aber die Liebe, sagte sich Clärchen, bringt den Glauben und die Hoffnung zurück; mir wenigstens hat sie es gethan.

Wenn so der Horizont der Zukunft sich für Clärchen in immer schönere und herrlichere Farben kleidete, so fehlte es freilich auch an Wolken nicht. Zuerst die Lage der Dinge im Vaterlande, die mit jedem Tage schlimmer und für die Führer der Bewegung verhängnißvoller wurde. Clärchen wußte, daß Münzer zu den äußersten Consequenzen vorgehen würde; sie erwartete es nicht anders, sie wollte es nicht anders, aber ihr patriotischer Opfermuth hinderte nicht, daß sie bei dem Gedanken an Ereignisse, die den Gatten, den Geliebten abermals von ihrer Seite reißen würden, bis zum Tode betrübt war. Sodann machte ihr der Zustand ihres Karl's ernstliche Sorge. Das Kind hatte sich von den Folgen jenes seines Unfalls noch immer nicht erholt. Clärchen glaubte in dem fortwährenden Husten die Symptome einer hereindrohenden Schwindsucht wahrzunehmen, obgleich Dr. Brand ihr ihre Sorge auszureden suchte. Was sie aber beinahe noch mehr als alles das bekümmerte, war des von ihr so hochverehrten Onkels unversöhnliche Abneigung, ja beinahe Feindschaft gegen Münzer. Der alte Herr vermied es allerdings geflissentlich, von dem Gatten seiner Nichte zu sprechen; aber jedesmal, wenn sich das nicht vermeiden ließ, war sein Urtheil immer dasselbe strenge, verwerfende. Merkwürdigerweise war der hauptsächlichste Vorwurf, den er Münzer machte, fast genau derselbe, den jener ihm selbst so oft gemacht hatte. »Er jagt nach dem Besonderen, Absonderlichen,« behauptete Ambrosius; »er ist trotz seines ungestümen Freiheitsdranges und Adelshasses im Grunde eine despotische Natur, eine Junkernatur, denn worin besteht das Charakteristische dieser Natur, als in der scharfen Accentuirung eingebildeter persönlicher Vorzüge und in jener Willkür, die sich dem Gesetze nicht fügen kann und will. Es sollte mich gar nicht wundern, wenn ich Deinen Gatten noch einmal mit denselben Feinden, die er jetzt so ungestüm angreift, einen Compromiß eingehen sähe.«

Immer aber hatte Ambrosius nur den Politiker in Münzer angegriffen, heute zum ersten Male hatte er den Stab auch über den Menschen gebrochen. Ambrosius hatte sich nicht von seiner Heftigkeit hinreißen lassen, er hatte mit Vorbedacht den Augenblick benutzt. – Münzer's Rückkehr stand bevor, vielleicht war er schon zurück; von dem Briefe, den Clärchen in diesen Tagen schreiben mußte, hing es ab, ob sie mit ihrem Gatten wieder vereinigt werden sollte, oder nicht. Ambrosius liebte Clärchen und die Kinder mit einer Liebe, die um so ausschließlicher war, als eine sceptische und misanthropische Philosophie den alten Mann vollständig vereinsamt hatte. Der Gedanke, dies treffliche junge Weib, vor der er trotz seiner Frauenverachtung die tiefste, aufrichtigste Verehrung empfand, einem Manne wieder ausgeliefert zu sehen, den er niemals gern gesehen hatte und jetzt geradezu haßte, war dem alten Sonderling abscheulich, unerträglich, und in der Noth des Augenblicks, gedrängt durch die bevorstehende Entscheidung hatte er zu einem Mittel seine Zuflucht genommen, das, rauh, wie es war, seinem rauhen Geiste das einzig richtige, weil einzig Erfolg versprechende schien.



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