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42.

I n derselben finstern und rauhen Nacht saßen in der Officierstube der Wache vom Fort St. Sebastian in Rheinstadt mehrere Herren vom Militair um eine dampfende Bowle. Die Herren hatten augenscheinlich schon lange gesessen und gebechert; zum wenigsten sprach für diese Vermuthung eine bedenkliche lange Reihe leerer Flaschen an der einen Wand und der mehr oder weniger gläserne Ausdruck in den Augen der jungen Leute.

Die Wachtstube war ein nicht eben großes Eckzimmer, das auf zwei Seiten je ein Fenster hatte. Die Ausstattung war äußerst einfach: ein großes, mit schwarzem Leder überzogenes Sopha, ein eben solcher Lehnstuhl, einige Rohrstühle, ein Bureau, ein Schrank für die Gläser und Teller – Alles in reparaturbedürftigem Zustande. Ueber dem Sopha an der Wand hing ein großes Bild »des Kriegsherrn« in schwarzem Rahmen, und von der Decke über der Bowle eine Lampe mit einem Schirm von grünem Blech, deren Licht durch den Tabaksrauch, welcher aus einem halben Dutzend Cigarren fortwährend emporstieg, und um die Lampe herum einen schmutzigrothen Hof bildete, einigermaßen gedämpft wurde.

»Ich dächte, wir trösteten uns über die Abwesenheit unseres Wirthes durch ein kleines Jeu;« sagte Kuno von Hohenstein, eine Pause der Conversation, während dessen die Spitzen der Cigarren ganz besonders lebhaft geglüht hatten, unterbrechend.

»Ich dächte, wir ließen das, bis Ihr Vetter zurück ist;« sagte von Todwitz, ein blonder, bescheiden aussehender Jüngling; »es wäre meiner Ansicht nach etwas unfein, dergleichen während seiner Abwesenheit zu arrangiren. Was meinen Sie, Willamowsky?«

»Wa–wa–s?« sagte der Baron, der die Pause in der Conversation benutzt hatte, um ein wenig einzunicken.

»Todwitz hat einen Toast auf Camilla Hohenstein proponirt,« sagte der wegen seines Sarkasmus gefürchtete Lieutenant von Wyse (Bruder des Regierungs-Assessors von Wyse).

» De tout mon coeur;« – sagte der Baron mit großer Bereitwilligkeit, aber ziemlich lallender Stimme; » Je l'aime de tout mon coeur!«

Ein schallendes Gelächter der Andern beantwortete dieses Geständniß und ermunterte Herrn von Wyse, an dem mehr als Halbberauschten seinen Witz noch etwas weiter zu üben:

»Ausgetrunken, Baron! auf das Wohl einer Dame, die man liebt, pflegt man auszutrinken.«

» De tout mon coeur,« lallte Willamowsky, das ihm dargebotene volle Glas leerend und dann wieder in seine Sophaecke zurücksinkend.

Von Wyse winkte den Uebrigen: »Willamowsky, hören Sie?«

»Ja, in drei Teufels Namen, was soll's?«

»Sie haben im Schlaf gesagt, daß Sie Camilla anbeteten; Hohenstein, der eben von der Ronde zurückkam, hat es gehört. Er ist wüthend und verlangt, daß Sie sich mit ihm schießen.«

» De tout mon coeur,« lallte der junge Mann, den die Müdigkeit bereits wieder überwältigt hatte; »ist mir ganz egal. Elle m'aime aussielle m'ai –«

»Lassen Sie's nun gut sein, Wyse,« sagte von Todwitz, treiben Sie den Scherz nicht zu weit!«

»Uebrigens kriegen Sie Nichts aus ihm heraus, was wir nicht schon wissen,« sagte der Lieutenant von Hinkel (Neffe des Generals von Hinkel-Gackelberg).

»Seine letzte Behauptung mit dem Wiedergeliebtwerden möchte doch etwas gewagt sein,« sagte Kuno, der zu dieser letzten Scene ein sehr verdrießliches Gesicht gemacht hatte.

»Um Gotteswillen, Kuno, Du willst doch nicht Deine alten Prätensionen wieder auffrischen!« rief von Wyse. »Nein, lieber Junge, Dein Glück bei den Frauen, in allen Ehren; aber hier bist Du abgefallen, hoffnungslos abgefallen.«

»So sicher abgefallen, wie Ihr Bruder mit sechszig Points minus durch sein Examen gerasselt ist;« bestätigte von Hinkel.

Den Fähndrich Odo rüttelte diese unzarte Erwähnung eines Unglücks, das ihn vor wenigen Wochen schon zum zweiten Male betroffen hatte, aus der Lethargie, in welche er gegen die Mitte der zweiten Bowle und bei der sechsten Cigarre zu versinken pflegte.

»Ich will lieber noch einmal durchrasseln, als einen Parademarsch vollführen, wie ihn heute Wolfgang vollführt hat;« schnarrte er.

»Ha, ha, ha!« lachte von Hinkel, »der Parademarsch war wirklich horribel. Schon die Schwenkung war gräßlich, und dann der Vorbeimarsch! ha, ha, ha! erst vor dem rechten Flügel, dann allmälig über die Mitte hinüber zum linken. Der Onkel war außer sich. Er hätte so etwas noch nie gesehen … das käme von der Gelehrsamkeit … Stubenarrest … na! Ihr kennt den Alten ja! Es fehlte nicht viel, so hätte er ihn wahrhaftig einstecken lassen.«

»Oder gleich cassirt, wie den Major!« meinte von Wyse.

»Na, Ihr Herren, unter uns gesagt: Degenfeld hat es reichlich verdient;« sagte von Hinkel.

»Haben Sie denn die Broschüre gelesen?« fragte von Todwitz, »ist es denn wirklich so toll?«

»Zum Anbinden toll, auf Ehre!« rief von Hinkel, »ich sah das Dings bei meinem Onkel auf dem Bureau und habe es in aller Eile durchgepeitscht. Ein dünnes Dings, aber der Unsinn! Alles wird runter gemacht, aber Alles! unsere Bewaffnung taugt nichts, unsere Gefechtsweise ist veraltet; Parademarsch ist nicht; große Garnisonen dummes Zeug, dafür Uebungslager; einjährige Dienstzeit für die Infanterie, anderthalbjährige für die Specialwaffen. Und was Allem die Krone aufsetzt: die Unterofficiere sollen avanciren können – Officier werden können.«

»Dummes Zeug!« sagte von Wyse.

»Was ich Ihnen sage, Wyse! sollen avanciren können! Er verspricht sich gerade daraus einen immensen Vortheil für die Armee!«

»Der Kerl muß verrückt sein;« sagte Kuno.

»Scheint beinahe so!« sägte von Hinkel.

In diesem Augenblick trat ein Unterofficier herein.

»Was wollen Sie?« schrie ihn von Hinkel an.

»Rapport von –«

»Der Lieutenant ist auf der Ronde. Was giebt's?«

»Ein Mann arretirt, der sich der Wache widersetzt hat.«

»Is gut! Lassen Sie den Kerl vorläufig in's Loch stecken. Will's dem Lieutenant sagen, wenn er zurückkommt.«

»Zu Befehl!«

Der Unterofficier machte auf dem Absatz Kehrt und verließ das Gemach.

»Das geht jetzt flott,« sagte von Wyse; »seit dem Belagerungszustand giebt's an einem Abend mehr Arrestanten, als sonst in einer Woche. Das Bürgerpack hat jetzt Zeit, Mores zu lernen. War wa'haftig hohe Zeit. Aber der Hohenstein kommt auch gar nicht wieder. Wo er nur stecken mag?«

»Wird sich wohl von jedem Posten anrufen lassen,« meinte Kuno; »sein mütterlich bürgerliches Gewissen wird sonst keine Ruhe haben.«

»Hören Sie, Kuno,« sagte von Wyse, »sticheln Sie nicht auf Ihres Vetters bürgerliche Abstammung mütterlicher Seits. Es wurde heute bei Nikolini erzählt, daß Sie die kleine Schmitz rasend poussiren. Was ist daran? Hat das Mädchen was?«

»Keinen rothen Dreier. Ihr Vater soll einmal was gehabt haben. Jetzt ist er ganz herunter gekommen. Die Herren können daraus sehen, was es mit dem Gerücht auf sich hat;« sagte Kuno, seinen blonden Schnurrbart in das Weinglas tauchend.

»Nun, an ein ernstliches Attachement hat auch kein Mensch gedacht;« sagte von Wyse. »Die Sache wurde nur als ein Paroli angesehen, das Sie Ihrem Vetter biegen. Er hat Ihnen Camilla weggeschnappt; Sie verführen ihm seine hübsche Cousine. Aber ich verdufte nun; Hohenstein kann seine Bowle allein austrinken. Wer kommt mit?«

»Ich denke, wir Alle,« sagte von Hinkel; »holla, Baron, wir wollen nach Hause gehen!«

» De tout mon coeur,« sagte Willamowsky, sich aus der Sophaecke in die Höhe richtend; »ich habe verdammte Kopfschmerzen.«

»Wird draußen schon besser werden, hier ist Ihr Degen.«

Die Herren knöpften sich ihre Uniformröcke zu, steckten die Degen ein, und zogen die Paletots über, als Wolfgang in das Zimmer trat.

»Wie, meine Herren,« rief er, »Sie wollen doch unmöglich schon aufbrechen!«

»Schon?« sagte von Wyse; »es ist ein Uhr und wir sind sämmtlich erst heute Morgen um sechs nach Hause gekommen. Warum bleiben Sie so lange!«

»Aber, meine Herren! ich bin gelaufen, was ich konnte.«

»Nun, dann werden Sie ja auch müde sein;« meinte von Wyse trocken; »gute Nacht.«

»Gute Nacht,« sagte Wolfgang ebenso trocken und kurz; »man soll die kommenden Gäste willkommen heißen und die enteilenden nicht zu halten suchen.«

Die Herren empfahlen sich, nicht ohne manche wenig zarte Anspielungen auf »übertriebenen Diensteifer, der sich mit der Zeit schon legen werde« – Anspielungen, die Wolfgang wohl verstand. Er wußte recht gut, daß es in den Augen der Kameraden der Gipfel der Lächerlichkeit und zugleich der Unhöflichkeit gegen die in der Wachtstube Zurückbleibenden war, wenn der wachthabende Officier die ihm dienstlich vorgeschriebene Ronde innerhalb des Rayons der Citadelle wirklich machte, anstatt sie einfach als gemacht in den Rapport einzutragen, während er ruhig hinter der Bowle seinen Verpflichtungen als Wirth nachkam. Aber er wußte auch, daß, was Andern ungestraft und ungerügt durchging, für ihn sehr unangenehme Folgen haben konnte.

So ließ er denn, nachdem sich die Gäste endlich lärmend und unter vielem Gelächter über die »schwankende Haltung« der Herren Lieutenant von Willamowsky und Fähndrich Odo von Hohenstein entfernt hatten, die Fenster des Zimmers öffnen, um den Tabaksrauch und den Weindunst herauszulassen, und fragte den wachthabenden Unterofficier, ob während seiner Abwesenheit etwas vorgefallen sei.

»Ein Arrestant ist abgeliefert, Herr Lieutenant; ich sollte ihn zu den übrigen stecken; aber weil der Mann so weit ganz anständig aussieht, habe ich ihn in das Officierarrestlokal sperren lassen, bis der Herr Lieutenant zurückkäme; es wimmelt in dem andern Lokal von Ungeziefer, Herr Lieutenant.«

Der Unterofficier Rüchel, ein hübscher, intelligent aussehender Mann, würde sich diese Abweichung von der Vorschrift schwerlich erlaubt haben, wenn Wolfgang nicht während der vierzehn Tage, seit denen er in das Regiment eingestellt war, durch sein freundliches Benehmen die Liebe und das Vertrauen seiner Untergebenen in hohem Grade erworben hätte. Dennoch brachte er seine Sache in einem unsichern Tone vor, und fühlte sich augenscheinlich nicht wenig erleichtert, als Wolfgang, anstatt aufzubrausen, ruhig und wie um Belehrung bittend, fragte:

»Muß ich den Mann hier behalten?«

»Wird nicht nöthig sein, Herr Lieutenant; eingetragen ist er so wie so noch nicht. Der Herr Lieutenant können ihn sich ja einmal ansehn.«

»Wollen Sie mich hinführen?«

»Zu Befehl, Herr Lieutenant.«

Der Unterofficier Rüchel zündete eine Laterne an, nahm die Schlüssel vom Haken an der Thür und leuchtete Wolfgang einen engen und schmalen Gang vorauf bis an eine Thür, die er aufschloß.

»Wollen Sie mir die Laterne geben? So! danke! Sie warten wohl hier auf mich.«

»Zu Befehl, Herr Lieutenant.«

Wolfgang trat ein. In dem kleinen, dumpfigen Gemach saß ein Mann mit dem Rücken nach der Thür an dem Tisch. Er hatte den Kopf in die Hände gestützt und schien zu schlafen; wenigstens rührte er sich, als die Thür geöffnet wurde, nicht aus seiner Stellung. Wolfgang stellte die Laterne auf den Tisch und trat an den Sitzenden heran:

»Mein Herr …«

Der Arrestant fuhr aus seiner Stellung in die Höhe.

»Onkel Peter!«

Peter Schmitz starrte mit dunklen zornigen Augen auf den vor ihm stehenden Officier, in welchem er nur mit Mühe seinen Neffen Wolfgang zu erkennen schien. Dann zog ein verächtliches Lächeln über sein ausdrucksvolles Gesicht.

»Mit wem habe ich die Ehre?«

»Onkel,« sagte Wolfgang mit bewegter Stimme, »sein Sie großmüthiger als das Schicksal, das mich Ihnen so gegenüber stellt.«

»Das Schicksal, mon cher,« sagte Onkel Peter, dem seine Leidenschaftlichkeit die Durchführung der angefangenen Rolle unmöglich machte, »macht aus uns genau das, was wir selber aus uns machen; aus dem Einen einen ehrlichen Mann, aus dem Andern … haben Sie noch sonst etwas zu befehlen, Herr Lieutenant, so geniren Sie sich nicht; im Uebrigen wünsche ich allein zu sein.«

»Onkel, Onkel! es wird Ihnen morgen bitter leid thun, daß Sie heute so mit dem Sohne Ihrer Schwester sprachen.«

In dem Tone von Wolfgang's Stimme lag ein so wahrer und tiefer Schmerz, daß Onkel Peter, so zornig er war, nicht davon ungerührt blieb.

»Was hilft das Klagen!« sagte er barsch, »Geschehenes ist nicht zu ändern; Du mußt die Folgen Deiner Handlungsweise tragen, wie ich die Folgen meiner Grundsätze tragen muß. Du kommandirst, wie es scheint, eine Wache, auf der Dein Onkel gefangen sitzt, weil er die Frechheit hatte, sich der Brutalität einer Patrouille nicht zu fügen, die ihm verwehren wollte, mit ein paar Nachbarn auf der Straße zu sprechen. Das ist allerdings vielleicht ein wenig wunderlich; aber, wie gesagt, die Sache ist nicht zu ändern, und so thu' denn, was Deines Amtes ist. Soll ich vielleicht in Ketten gelegt? oder lieber gleich erschossen werden?«

Mit Onkel Peter's erzwungener Ruhe war es längst vorbei; er ging, seiner Gewohnheit gemäß, mit raschen kurzen Schritten in dem Gemache auf und ab, und blieb bei den letzten Worten mit auf der Brust gekreuzten Armen vor Wolfgang stehen.

»Ich glaube, Onkel,« erwiderte Wolfgang mit traurigem Lächeln, »die Sache wird eine weniger tragische Wendung nehmen, wenn Du mir erlaubst, daß ich Dich aus diesem Raume und aus der Citadelle hinausbegleite. Du sollst nicht einen Augenblick länger, als Du willst, hier zu bleiben haben.«

»Ich will aber hier bleiben, junger Herr,« sagte Onkel Peter; »ich will sehen, wie weit diese elende Säbelherrschaft ihre Frechheit treiben wird; ich will nicht der Spielball einer Willkür sein, die einen freien Bürger wie einen Dieb aufgreift und in ein dunkles kaltes Loch wirft, ohne Verhör und Urtheil, und ihn hernach wieder laufen läßt, wenn es ihr beliebt. Ihr habt die Gewalt; wir haben das Recht; wir wollen sehen, wer es am längsten treibt.«

»Aber, Onkel, wenn Du nicht mit meiner peinlichen Lage Mitleid hast, wenn Dir meine Mutter, die sich über diesen Vorfall unsäglich grämen würde, nichts mehr gilt – so denke doch wenigstens an die Deinigen zu Hause! Denke an die Tante, die schon jetzt vor Angst über Dein langes Ausbleiben vergehen wird! Denke an Ottilie, die mit so großer Liebe an Dir hängt und untröstlich sein wird, wenn sie hört, was Dir begegnet ist.«

Die Erwähnung Ottilien's schien mehr als alles Andere auf Onkel Peter Eindruck zu machen.

»Ist auch wahr,« sagte er; »habe wahrhaftig in meinem Aerger an das arme Kind gar nicht gedacht. Du hast eine große Freundin an dem Mädel, Wolfgang. Sie hat mich weidlich gescholten, daß ich Dich an dem Abend, als Du zu uns kamst, so barsch angelassen habe; aber ich war in hellem Zorn, wie ich es auch jetzt war, als Du zur Thür hereinkamst. Ich glaube, sie würde mich wieder schelten, wenn ich Dein Anerbieten, mich aus dem Loche hier zu lassen, ausschlüge. Aber, weiß es der Himmel, Wolfgang: ich bleibe lieber, als daß ich gehe.«

»Ich bin davon überzeugt, Onkel; und rechne es Dir um so höher an, wenn Du es dennoch thust.«

Onkel Peter drückte mit Entschlossenheit seinen Hut – der in der Begegnung mit der Patrouille übel genug zugerichtet war – in die Stirn und ging mit Wolfgang nach der Thür. Plötzlich aber blieb er stehen und sagte leise:

»Höre, Wolfgang, Du wirst doch aber keine Ungelegenheiten davon haben, daß Du mich entwischen läßt?«

»Ich glaube nicht, Onkel; die Leute sind mir zugethan und Du bist noch nicht einmal in die Arrestantenliste eingetragen.«

»Na, so komm!« sagte Onkel Peter.

Wolfgang nahm Onkel Peter's Arm, öffnete die Thür und sagte zu dem Unterofficier Rüchel, der in dem Gange auf und abging:

»Der Herr ist mir sehr wohl bekannt; die Sache beruht offenbar auf einem Mißverständniß.«

»Zu Befehl, Herr Lieutenant,« sagte der Unterofficier Rüchel. »Befehlen der Herr Lieutenant, daß ich den Herrn hinausbegleite?«

»Danke, ich will es selbst thun.«

»Zu Befehl.«

Wolfgang nahm Onkel Peter's Arm und führte ihn aus dem Wachthause über den Hof an der Thorwache, die natürlich bereitwilligst das kleine Pförtchen neben dem verschlossenen Hauptthor öffnete, über die Zugbrücke der Citadelle auf den abschüssig chaussirten Weg an dem letzten Posten vorüber.

»So, Onkel,« sagte Wolfgang, »nun gute Nacht!«

»Gute Nacht,« sagte Onkel Peter.

Onkel Peter that, als ob er Wolfgang's dargebotene Hand nicht sähe, und ging ein paar Schritte; dann kam er schnell wieder zurück und sagte mit vor Erregung zitternder Stimme:

»Gieb mir Deine Hand, Junge! Du hast doch mehr Schmitz'sches Blut in den Adern, als ich glaubte. Und, was ich vorhin von dem Schicksal gesagt habe, das Jeder sich selbst bereite, so brauchst Du das auch nicht so wörtlich zu nehmen. Es mag Dir sauer genug werden, zu thun, was Du für Deine Pflicht hältst. Gute Nacht, und höre Wolfgang: grüß' mir die Mutter!«

Wolfgang drückte Onkel Peter's Hand, ohne ein Wort der Erwiderung finden zu können, und kehrte, in trübstes Sinnen verloren, in die Citadelle zurück, die ihm jetzt mehr als je wie eine Zwingburg der Gewalt und des Unrechts erschien.



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