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47.

O nkel Peter ging aus der Stube; Ottilie blieb in dem Erker sitzen, öffnete das Fenster und schaute durch den Epheu auf die Gasse, in welcher der Abend bereits zu dämmern begann. Obgleich es erst gegen Ende des Februar war, zog doch schon der warme Hauch des Frühlings durch die Luft; mit fast sommerlichen Tönen hatte sich der safranfarbene Himmel geschmückt, der über die spitzen Giebel der gegenüberliegenden Häuser hereinscheinte. In der Gasse war es still – nur von Zeit zu Zeit tönten aus der Ferne die Freudenrufe spielender Kinder. – Dem jungen Mädchen kamen die Uhland'schen Verse in den Sinn und sie sang sie leise vor sich hin:

»Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich Alles, Alles wenden!«

»Was soll sich wenden?« sprach sie lächelnd zu sich selbst. – »Bin ich nicht so glücklich, wie ich es damals, als Vater starb, nie wieder im Leben zu werden hoffen konnte? Freilich, der arme Onkel! er hat gewiß seine rechte Noth; und daß ich ihm nun auch zur Last sein muß, ist sehr schlimm; aber was soll ich thun? Er wird bei der leisesten Andeutung: ich möchte mir mein Brot bei andern Leuten verdienen, so bös; ich wage es gar nicht, wieder davon anzufangen; ich muß schon sehen, wie ich mich ihm hier im Hause nützlich machen kann.«

· · · · · · · · · · · · · · · · · ·

»Das also würde sich schon wenden! was aber hatte sich noch sonst zu wenden? was ist jenes geheimnißvolle ›Alles,‹ von dem das Lied spricht? jenes ›Alles,‹ das die lauen Frühlingslüfte, die schaffenden, webenden, schaffen und weben sollen? Was ist es? wo ist es? blüht es im fernsten tiefsten Thal? blüht es in stiller Heimlichkeit im eigenen tiefsten Herzen?«

»Doch wohl im Herzen! warum wäre sonst das Herz so bang? Was willst Du armes banges Herz?«

»Was willst Du?«

»Liebe!«

»Und liebst Du nicht? liebst Du nicht den herrlichen Mann mit den krausen grauen Haaren und den strengen Augen, die so freundlich lächeln, sobald ihr Blick auf Dich fällt? Liebst Du nicht die gute Tante, die mit nimmermüder, rührender Zärtlichkeit für die Ihrigen sorgt? Liebst Du nicht die sanfte kranke blasse Frau in der Klosterstraße so, wie Du Deine Mutter geliebt haben würdest, wenn sie Dir nicht so früh gestorben wäre? und wirst Du von allen diesen nicht wieder geliebt, viel mehr als Du es verdienst? Was willst Du noch mehr, Du ruheloses Herz?«

»Liebe!«

»Liebe für wen?«

»Für ein Herz, das ebenso jung und ruhelos ist, wie das Deine; ruhelos und doch stetig; kräftiger als Dein Herz, das vor jedem Hauch der Gefahr erzittert; für ein Herz, wie es in eines Mannes Brust schlägt.«

»Eines Mannes! und wie müßte er sein, der Mann, den Du lieben könntest? von ganzem Herzen, mit ganzer Seele – dem Du Dein Leben weihen könntest? jede Stunde Deines Lebens – jeden Schlag Deines Herzens – jeden Gedanken Deiner Seele? Wie müßte er sein?«

»Klug und gut; klug, daß ich vor ihm Respect habe, und gut, daß ich mich nicht vor ihm zu fürchten brauche. Stolze klare Augen müßte er haben und eine sanfte Stimme, – wie Wolfgang.«

»Wie Wolfgang?«

»Wenn Wolfgang mein Bruder wäre, dann hätte ich noch einen mehr zu lieben und dann würde er mich wieder lieben. Dann würde er es nicht über das Herz bringen, monatelang in der Stadt zu sein, ohne sein Schwesterchen einmal zu sehen. Dann würde er alle Tage kommen und ich könnte über Alles mit ihm sprechen; über meine Musik, über – so Vieles, was ich gern wissen möchte, und worüber ich mit dem Onkel und nun gar mit der Tante nicht sprechen kann. Das sollte ein Leben werden wie ein sonniger Frühlingstag so schön! Und dann würden wir zusammen spazieren gehen. Ich habe mich im vorigen Sommer, als wir die Fahrt in das Gebirge machten, ordentlich nach ihm gesehnt. Wie muß das herrlich sein, so mit Jemand, auf den man sich ganz verlassen kann, in den Bergen herumzuklettern, oder auf seinen kräftigen Arm gestützt, von dem Gipfel auf die grünen Wälder und die weiten Thale und den schimmernden Strom hinabzublicken! Wenn er mein Bruder wäre!« …

»Aber würde er mich auch dann so lieben können, wie ich ihn lieben würde? würde er dann nicht doch ein andres Mädchen mehr lieben und sie am Ende heirathen und mich wieder allein lassen? Und wäre ich dann nicht ärmer wie zuvor? Denn ich könnte nicht heirathen, wenn ich einen Bruder, wie Wolfgang, so recht mit ganzer Seele liebte; mir würde es gehen, wie dem armen Onkel Peter, der noch immer und immer um die geliebte verlorne Schwester klagt. – Arme Tante Margareth! wie lange ist es nun schon wieder her, daß ich sie nicht gesehen habe! aber es ist auch Unrecht von Wolfgang, daß er nicht einmal hergekommen ist. Wie kann ich denn den Muth haben, hinzugehen! Wer weiß denn, wie er jetzt über mich denkt! Auch meinen Brief hat er nicht beantwortet. Es war freilich eine Antwort nicht gerade nöthig, aber so ein paar Zeilen, die sind doch bald geschrieben, und ich hätte mich so darüber gefreut. An seine Braut wird er wohl desto mehr geschrieben haben.« …

»Seine Braut? Wie die nur ist? Sie soll so sehr schön sein und gewiß ist sie auch ebenso klug – und da ist es ihm freilich nicht zu verdenken, wenn er lieber zu ihr geht, als zu uns. Ob sie ihn denn auch wohl recht lieb hat? Kann denn ein Mädchen, das so reich und vornehm ist und Alles in Hülle und Fülle hat und deren ganzes Leben wie ein langer Festtag ist – kann sie denn wirklich lieben? hat sie auch so stille, traurige Stunden, wo sie sich einsam und verlassen fühlt? Mir däucht, dann erst könnte sie wissen, wie öde die Welt ist und was es heißt, nicht geliebt zu werden, wie man geliebt sein möchte.« …

Ottilie stützte den Kopf in die Hand und schaute die Gasse hinauf mit jenem träumerischen Blick, der die Gegenstände sieht, ohne sie wahrzunehmen. Da kam Wolfgang die Gasse daher, nicht in dunklem Rock, wie sie ihn an dem letzten Abend gesehen – sondern in Uniform, mit raschen Schritten und schon von fern nach dem Erker schauend …

Ottilie rieb sich die Augen, sich zu vergewissern, daß sie wache, aber das Bild blieb, wurde deutlicher – »ist es denn möglich? Wolfgang? und ich bin ganz allein hier? Er wird auch wohl nicht heraufkommen!« …

Das junge Mädchen erhob sich rasch von ihrem Sitze und trat weit vom Fenster weg mitten in die Stube. Dort blieb sie stehen, mit klopfendem Herzen, lauschend, ob sie einen Schritt auf der Treppe vernehmen würde …

»Nein! er war vorbeigegangen! Gott sei Dank! aber das ist doch nicht recht von ihm! einen Augenblick hätte er doch …

Und da knarrte die Treppe, und da erschallte ein rascher Schritt auf der Gallerie und da klopfte es an die Thür …

»Herein!« wollte Ottilie sagen, aber das Wort blieb ihr in der Kehle stecken; und wieder klopfte es. »Herein!« – diesmal glückte es besser! zum wenigsten hätten es die Möbel im Zimmer hören können, wenn sie Ohren gehabt hätten. Ottilie wartete ein drittes Klopfen nicht ab, sondern trat rasch ein paar Schritte näher und sagte zum dritten Male – und diesmal ordentlich muthig: »Herein!« –

»Guten Abend! – guten Abend, liebe Ottilie,« sagte Wolfgang, hastig auf das junge Mädchen zutretend und ihr die Hand reichend. »Bist Du ganz allein?« fragte er weiter, indem er seine Blicke in dem dämmrigen Gemach umherschweifen ließ.

»Der Onkel ist ausgegangen, aber wird bald zurückkommen; die Tante ist, glaube ich, in der Küche; ich will sie holen.«

»Nein, nein, laß; ich bitte Dich; es ist mir sehr lieb, daß ich Dich einen Augenblick allein sprechen kann, bevor der Onkel und die Tante kommen.« –

»Soll ich nicht die Lampe anzünden?«

»Es ist ja noch ganz hell; wir setzen uns hier in's Fenster – so! Zuerst soll ich Dir einen Gruß von der Mutter bringen; sie läßt Dich fragen, weshalb Du denn gar nicht mehr kommst?«

»Wie geht es der Tante?« fragte Ottilie ausweichend.

»Etwas besser heute, aber sie ist diese Tage wieder recht krank gewesen. Sie sehnt sich so in's Freie; ich wollte, der Frühling wäre erst da.«

»Ich wollte es auch,« sagte Ottilie; »ich habe mich nur noch eben recht nach dem Frühling gesehnt. Es ist nun bald ein Jahr her, daß ich hier bin. Eine lange Zeit!«

Wolfgang's Blicke ruhten auf der schlanken Gestalt des Mädchens, das mit halb abgewandtem Gesicht vor ihm saß. Es fiel ihm zum ersten Male auf, wie schön die Form des Kopfes war und wie anmuthig die Fülle der leichten braunen Locken rings umher den schönen Kopf umspielte und hier und da den zierlichen Hals bis zu den rundlichen Schultern herabringelte.

»Und ich habe Dich nur zweimal während der langen Zeit gesehen!« sagte er.

»Du bist ja auch dreiviertel Jahre lang nicht hier gewesen; da ist es kein Wunder.«

»Ich hätte doch wohl öfter kommen können.«

»Du kannst es ja nun nachholen.«

»Kann man das Versäumte nachholen?« sagte Wolfgang. »Ist ein verlorener Tag nicht für die Ewigkeit verloren? Mir fällt das jetzt oft recht schwer auf's Herz.«

»Es muß sich Alles wenden!« sagte Ottilie.

»Glaubst Du?«

»Da kommt die Tante,« rief Ottilie, sich schnell erhebend und Tante Bella entgegengehend, die mit einem breiten, flachen Korbe, in welchem sich ihre Stickarbeit für den Abend befand, in das Zimmer trat.

»Was giebt's?« fragte Tante Bella mit scharfer Stimme.

Tante Bella's Stimme war stets scharf, so lange sie etwas Unbekanntem – gleichviel, ob Sache oder Person gegenüberstand, denn Tante Bella ging von dem Grundsatze eines wachsamen Vorpostens aus, daß Alles, was in ihren Gesichtskreis kam, bis es sich als »Freund« ausgewiesen, als »Feind« zu betrachten und demnach zu behandeln sei. Sie hatte die undeutlichen Umrisse eines uniformirten Menschen im Fenster bemerkt. Der uniformirte Mensch war ohne Zweifel ein Polizeiofficiant oder ein Steuerexecutor.

»Ich bin's, Tante!« sagte Wolfgang, aus der Fensternische heraustretend.

Tante Bella stieß einen Schrei aus und ließ den Arbeitskorb fallen.

»Dachte ich's doch!« rief sie; »ich habe geträumt, das Du heute kommen würdest.«

Da aus dem aufgeregten Ton, in welchem die Tante das sagte, noch keineswegs mit Sicherheit geschlossen werden konnte, ob sie den Traum in die Kategorie der guten oder schlimmen gerechnet habe, und ob sie sich mithin über das Eintreffen desselben freue oder betrübe, so hielt Wolfgang es für das Gerathenste, schnell zu sagen:

»Ich gehe sofort wieder, Tante, wenn Dir meine Gegenwart peinlich ist.«

»So?« sagte Tante Bella, »gehst sofort wieder? Warum bist Du denn gekommen, wenn Du sofort wieder gehen willst? Du« –

»Leb' wohl, liebe Tante!« sagte Wolfgang in sanftem, aber entschiedenem Tone.

Wolfgang mußte, um zur Thür hinaus zu gelangen, an Tante Bella vorüber.

»Wolfgang!« rief Tante Bella, als der junge Mann in ihre unmittelbare Nähe gekommen war.

Wolfgang blieb stehen.

»Wolfgang!«

Die Liebe hatte über die Empfindlichkeit gesiegt. Mit stürmischer Heftigkeit warf sich Tante Bella an Wolfgang's Brust, küßte ihn unter heißen Thränen und schluchzte: »Sei mir nur nicht bös, Wolfgang! ich habe Dich ja so sehr lieb und kann es nicht ertragen, daß Du Dich von uns wendest.«

»Liebe Tante« –

»Ja, ich weiß, daß in Deinem Herzen nicht Alles todt für mich ist, und gegen meinen Bruder bist Du ja neulich auch so gut gewesen! Du lieber, guter, lieber Junge! Habe ich es nicht gesagt, Ottilie?« –

Aber Ottilie hatte, als sie sah, daß die Begegnung zwischen der Tante und Wolfgang einen guten Ausgang nahm, sich in aller Stille entfernt, und Tante Bella nahm diese Gelegenheit wahr, um Wolfgang (den sie zu sich auf das Sopha gezogen hatte) ihr Vertrauen zu beweisen, indem sie (nicht ohne dabei manche Thräne zu vergießen) die Geschichte der Familie Schmitz seit der Ankunft Ottilien's im vorigen Frühjahr recapitulirte, – eine traurige Geschichte, die in dem dunklen Spiegel von Tante Bella's melancholischer Phantasie doppelt leidvoll erschien:

»Und nun denke Dir, Wolfgang,« schloß Tante Bella ihren beredten Vortrag, »was soll aus uns werden, wenn mein Bruder eines Tages plötzlich stirbt? Er sagt freilich, er sterbe noch lange nicht, als ob solche gottlosen Reden nicht das Unglück geradewegs herbeiriefen! und als ob nicht alle Schmitz', so lange die Familie existirte, eines plötzlichen Todes gestorben wären! Unser Großvater ist innerhalb vierundzwanzig Stunden gesund und todt gewesen, unser Vater hat noch am Morgen des Tages, an welchem er starb, seine Pfeife geraucht; mein Bruder Eugen – ich darf gar nicht daran denken! Und so wird mein Bruder Peter auch weggerafft werden, ehe wir's uns versehen, und was soll dann aus uns werden, Wolfgang! Ich bin überzeugt, daß er in diesem Augenblicke wieder an ein großes Unternehmen denkt, zu dem er Geld aufnehmen muß, denn er hat ja keine Ruhe. Stirbt er nun, bevor sein neues Unternehmen ordentlich im Gange ist, dann kommen die Gläubiger; das Inventar wird verkauft, die Meubel werden verkauft, das Haus wird verkauft – und Ottilie und ich müssen betteln gehen. Ich werde die Noth und das Elend nicht lange überleben – aber Ottilie, das arme, liebe Kind, die Niemand auf der weiten Welt hat, der sich ihrer annimmt: nicht Vater, nicht Mutter, nicht Onkel oder Tanten, oder Brüder und Schwestern! Ich wache oft des Nachts vor Schrecken auf, wenn ich sie im Traum barfuß auf der Landstraße gesehen habe, und könnte mich dann todtweinen vor Kummer und Herzeleid. Ach, Wolfgang, wer mir die Sorge von der Seele nähme: ich wollte zu ihm, wie zu einem Heiligen, beten!«

»Aber, Tante,« sagte Wolfgang, »wie Du Dich nun einmal wieder, nach alter Gewohnheit, unnöthig quälst! Der Onkel ist so rüstig, wie je; und gesetzt auch, Deine Unglücksprophezeiung träfe ein – so bin ich doch noch immer da; oder giebst Du mich wirklich so ganz verloren, daß Du mir zutraust: ich könnte Euch im Unglück verlassen?«

Tante Bella trocknete ihre Thränen, die während des letzten Theils ihrer Rede reichlich geflossen waren, und sagte:

»Nein, Wolfgang, ich halte Dich nicht für schlecht, ich habe es nie gethan, und zweifle auch an Deinem guten Willen nicht; aber Du wirst nicht können, wie Du willst. Die Verwandten Deines Vaters werden es nicht leiden, daß Du Dich unserer annimmst; und wenn Du nun gar erst verheirathet bist – denkst Du denn, Deine Frau würde es dulden, daß Du für Ottilien wie für eine Schwester sorgtest? Da kennst Du die Hohensteins – na, Wolfgang, sei mir nicht bös, aber was man nicht begreifen kann, davor steht man, wie vor einer verschlossenen Thür, oder wie vor einer chinesischen Mauer – und so kann ich auch noch immer nicht über Deine Verlobung wegkommen, und werde es auch nicht, und wenn ich so alt, wie Methusalem würde. Sieh', Wolfgang, – ich will einmal ganz so sprechen, wie mir um's Herz ist – diese Heirath ist kein Glück für Dich, Du wirst es einsehen, wenn es zu spät ist. Ich kenne Deine Braut nicht; ich will einmal annehmen, daß sie nicht falsch und kalt und eitel ist; daß sie so gut ist, wie ein Mädchen, das in einer solchen Umgebung groß wurde, nur immer sein kann – aber, Wolfgang, das ist nicht genug für Dich, ich kenne Dich von Kindesbeinen an, und weiß, was für ein liebevolles Gemüth Du hast, daß Du – und wenn Dein Vater zehnmal ein Hohenstein ist – ein Schmitz'sches Herz hast, und ein Schmitz'sches Herz, Wolfgang, das ist mit so einer gewöhnlichen Liebe nicht zufrieden; das will mehr; das will mehr; das will mit jedem Blutstropfen lieben und eben so geliebt werden; und wenn es fühlt, daß es nicht eben so geliebt wird, dann, Wolfgang, bricht so ein Schmitz'sches Herz; und wenn es nicht bricht, ist es doch so grenzenlos elend, daß der Tod hunderttausendmal besser wäre, als so ein Leben. Ja, ja, Wolfgang, ich kann Dir davon ein Lied singen, wie es einem Schmitz'schen Herzen thut, wenn es nicht so wieder geliebt wird, wie es geliebt sein möchte; und, wenn Du mir nicht glauben willst, so frage nur Deinen Onkel, der ein alter Junggesell geworden ist, weil er es sich in den Kopf gesetzt hatte: er müsse leben, um seine geliebte Schwester glücklich und reich zu machen; ja Wolfgang, und dann frage Deine Mutter, ob sie glücklich gewesen ist, nachdem sie das Haus in der Ufergasse verließ, oder ob nicht ihr ganzes Leben ein nie gestilltes Sehnen, ein unaufhörliches Heimweh gewesen ist!«

Tante Bella schwieg und Wolfgang fand keine Antwort auf Worte, die aus seiner eigenen Brust gekommen zu sein schienen. In dem Zimmer war es fast dunkel geworden; die alte Wanduhr sagte ihr Tic-tac – Tic-tac mit derselben pedantischen Ernsthaftigkeit, über die sich Wolfgang schon vor so vielen Jahren, als er, ein kleiner Knabe, in diesem Zimmer spielte und sich unter der Decke dieses Sophatisches versteckte, gewundert hatte. Es war ihm, als ob die alte Zeit wiedergekommen, als ob Alles, was er seitdem erlebt, nur ein Traum sei; als ob er sein Leben noch einmal leben könne in dem Geist der Wahrhaftigkeit und Liebe, die ihn, so lange er denken konnte, aus diesen Räumen angeweht hatten …

»Es fliegt ein Engel durch's Zimmer,« sagte Tante Bella.

Ein Lichtschein fiel durch die offene Thür, die in Tante Bella's Zimmer führte, und gleich darauf stand Ottilie mit einer angezündeten Lampe in der Hand auf der Schwelle.

»Wollt Ihr Licht haben?« sagte sie.

»Ihr?« erwiderte Tante Bella, sich mit dem Taschentuch über die Augen fahrend; »willst Du denn kein Licht haben? Wahrhaftig, es ist ganz dunkel geworden und ich habe heute Abend noch so viel zu nähen! – Denk Dir, Wolfgang, da bin ich einmal wieder schön angekommen! Fällt es den Damen hier in unserer Nachbarschaft ein, für den Altar der St. Brigittenkirche einen Teppich zu sticken, und sie fragen mich, ob ich mich betheiligen wolle. Natürlich sage ich ja. Anfänglich waren wir unser sechs – das ging noch – nun aber hat sich die Eine verheirathet, die Zweite ist verreist, die Dritte krank geworden, die Vierte will nicht mehr und die Fünfte – ja, was ist doch nur gleich mit der Fünften? – genug, ich bin allein geblieben, mutterseelenallein – ich werde auch nicht klug werden.«

Tante Bella hatte, während sie diese ingenuose Fabel mit einigem Erröthen und gelegentlichem Räuspern vortrug, den angefangenen Teppich, dessen gewaltige Dimensionen in der That die Treulosigkeit der fünf Damen doppelt strafwürdig erscheinen ließ, auf den Schooß genommen, den Arbeitskorb neben sich auf einen Stuhl gestellt und die mattblaue Brille aus dem Futteral genommen, angehaucht, abgerieben, gegen das Licht gehalten und schließlich aufgesetzt.

»Das Sehen wird mir jetzt schon etwas schwer des Abends,« sagte sie, »und wenn die Kleine nicht wäre, die mir immer die Farben aussuchte, so käme ich gar nicht zu Stande.«

Ottilie saß auf einem Schemel vor der Tante und nähte bereits eifrig an einem Zipfel des Riesenteppichs. Der Schein der etwas alterthümlichen Lampe war nur eben hell genug, um die Stickerei und die geschäftigen Hände hell zu erleuchten; die Gesichter schon befanden sich meistens in einem milden Dämmerlicht; nur wenn sie sich einmal vorn überbeugten, traten sie in den hellen Schein. Wolfgang konnte sich von seiner Sophaecke aus nicht satt sehen an diesen beiden Frauen, die so verschieden an Jahren, an Gestalt und Gesichtsausdruck, doch so harmonisch zusammenstimmten. Besonders günstig war das Bild in dem Moment, wo Tante Bella, die Brille etwas tiefer auf die Nasenspitze rückend, mit den dunklen ausdrucksvollen Augen prüfend über die Brillengläser weg auf ihre Kleine herabschaute, »die gewiß wieder anstatt nach dem Muster nach ihrer Phantasie stickte,« und Ottilie, das Antlitz erhebend, mit schelmischem Lächeln versicherte, daß »Alles in schönster Ordnung sei.« Wer die ängstliche Sorglichkeit des Alters und den vertrauensvollen Muth der Jugend hätte personificiren wollen – würde hier treffliche Studien haben machen können. Und welches Leben in diesen Gesichtern! Welch' herrliches Mienenspiel, und vor Allem, welche Emsigkeit in der Arbeit! Man sah es wohl: dies hier war kein geschäftiger Müßiggang; dies war eine Arbeit, die zu einem bestimmten Termine fertig sein mußte, wenn die Firma – »Maria Blad & Co.« nicht einen bedenklich großen Abzug von dem winzigen Arbeitslohn machen sollte. Und dabei hatte die arme Tante Bella, die so leichtsinnig für die fünf fahnenflüchtigen Damen aus der Nachbarschaft der Brigittenkirche eintrat, offenbar ihre liebe Noth nicht blos in der Unterscheidung der Schattirungen, sondern auch bei dem Sticken selbst. Ihre Nadel traf keineswegs immer sogleich die richtige Stelle, und es war augenscheinlich, daß ohne die schlanken Finger der jüngeren Dame, die mit so großer Leichtigkeit und Sicherheit die Nadel führten, der Altar in der St. Brigittenkirche noch lange auf den ihm zugedachten Schmuck hätte warten können.

Wie anders war dies Bild als jenes, welches Wolfgang so oft im Salon seiner zukünftigen Schwiegermutter beobachtet hatte! Wie hell hatte dort die doppelarmige Lampe auf die kostbare Decke des Sophatisches geschienen! wie bequem hatte die Präsidentin sich in die schwellenden Kissen zurückgelehnt! wie lässig hatten die fetten weißen Hände mit den langen Ohren des Schooßhundes gespielt! wie oft hatte die Arbeit der jungen Damen geruht, wenn man Arbeit nennen konnte, was nicht weniger leichtfertig betrieben wurde, als das Klimpern auf dem Flügel, oder das Blättern in den goldgeränderten Gedichtsammlungen, oder das Gekritzel in den Albums, bei dem es alle Augenblicke hieß: »Ach, Kettenberg, das müssen Sie aber zeichnen, das kann ich nicht!«

Wolfgang wurde es ganz heiß bei dieser Erinnerung; er stand von dem Sopha auf.

»Du willst doch nicht weg, Wolfgang?« sagte Tante Bella, über ihre Brillengläser lugend.

»Es wird spät,« sagte Wolfgang.

»Papperlapapp!« sagte Tante Bella.

»Vielleicht wird Wolfgang anderswo erwartet;« sagte Ottilie.

Wolfgang setzte sich wieder hin.

»Ich werde nirgends erwartet.«

Da ertönten draußen auf der Gallerie Schritte mit gelegentlichem Aufstampfen eines derben Stockes.

»Der Onkel und der Doctor!« rief Ottilie, sich eilig erhebend, um die Thür zu öffnen.

»Guten Abend, Ihr Herren!«

»Seid mir gegrüßt, vielliebliche Maid!« scandirte Dr. Holm, und dann, Wolfgang erblickend, fuhr er ohne Unterbrechung fort: »Und trefflicher Jüngling, blinkend von glänzendem Erz! fürwahr: ich staune dem Anblick; denn sehr lange entfernt von den Deinigen hielt Dich die Moira. – Auch Ihr seid mir gegrüßt, Bellissima, treffliche Tante. Gönnt mir, daß ich am wärmenden Herd in die Asche mich setze.«

»Wollen Sie nicht lieber einen Stuhl nehmen?« sagte Tante Bella.

»Auf denn, führet den Fremdling zum silbergebuckelten Sessel!« sagte Holm, sich behaglich in die Sophaecke sinken lassend, aus der Wolfgang aufgestanden war, um den Onkel zu begrüßen.

Onkel Peter hatte die letzte Begegnung mit seinem Neffen hier in diesem Zimmer vor nun fast einem Jahre nicht vergessen, und die Erinnerung an seine damalige Unfreundlichkeit trug nicht wenig zu der herzlichen Begrüßung bei, deren sich Wolfgang diesmal zu erfreuen hatte.

»Du hast mich lange warten lassen, bevor ich Dir meinen Dank für Deine neuliche Rettung aus der Noth abstatten konnte,« sagte er, dem jungen Manne kräftig die Hand schüttelnd; »ich bin Dir wirklich nachträglich recht dankbar gewesen, denn ein Opfermuth für die gute Sache, bei dem gar nichts herauskommt, ist schließlich doch sehr übel angebracht. Wie geht's der Mutter?«

Onkel Peter fing an mit Wolfgang im Zimmer auf und abzugehen. Wolfgang mußte ihm von der Mutter erzählen und Onkel Peter's Gesicht wurde sehr ernst, als er hörte, daß der Zustand derselben sich in letzterer Zeit wesentlich verschlimmert habe. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn und sagte: »Ich komme morgen und besuche sie; bin freilich seit zehn Jahren nicht in Eurem Hause gewesen, aber, wer weiß, wie lange Deine Mutter und ich noch zusammen auf der Welt sind und über das Grab hinaus –«

Onkel Peter sah, einen wie schmerzlichen Eindruck diese Worte auf Wolfgang hervorbrachten; er brach deshalb schnell ab und fing an von der Politik zu sprechen. Seiner Anschauung nach war die augenblickliche Lage der Dinge im Vaterlande eine fast verzweifelte zu nennen. »Die Reaction,« sagte er, »hat ihr Netz fast zugewebt, und der Riese ›Revolution‹ liegt am Boden; der Belagerungszustand in den großen Städten unterdrückt alles politische Leben; die Waffen hat man uns genommen; unser Arm ist gelähmt, unser Mund geschlossen – wir sind nicht viel mehr als eine Leiche. Aber ein Volk stirbt nicht, zum mindesten nicht ein Volk wie das unsrige; nur ist mit krampfhaften Zuckungen, die uns die Bande nur noch fester schnüren helfen, nichts gethan. Die Kräftigung muß von innen heraus und von unten herauf beginnen; wir müssen unsere Handwerker in den Städten, unsere Arbeiter auf dem Lande erst zu Menschen machen; wir müssen erst das Material zu dem Standbild der Republik herbeischaffen; – für Jeden, der Augen hat zum Sehen, muß es sich jetzt herausgestellt haben, daß es uns vorläufig an diesem Material so gut wie ganz fehlt. Mit Menschen, die kein Selbstvertrauen besitzen, und weil sie moralisch und physisch degenerirt sind, auch nicht besitzen können, lassen sich keine Republiken gründen. Darum ist es jetzt unsere erste Aufgabe, dem Volke die großen Grundsätze einer vernünftigen Selbsterziehung zu einer in materieller und ethischer Hinsicht menschenwürdigeren Gestaltung des Daseins zu predigen, in allen Städten, in allen Flecken und Dörfern zu predigen, bis das erste und letzte Gebot der politischen Moral: ›Hilf Dir selbst!‹ an der Hüttenwand des letzten Häuslers steht. Darum sind aber auch die socialistischen Republikaner die schlimmsten Feinde der Freiheit, denn sie wirken der Selbsterziehung des Volkes direct entgegen, indem sie die staatliche Bevormundung, die uns alle Lebenskraft ausgesogen hat und aussaugt, nicht nur nicht aufheben, sondern wo möglich noch verstärken. Sie gleichen dem Vater, der seinem hungernden Kinde einen Stein statt des Brodes giebt, und laden so die schwerste Schuld auf sich, gleichviel ob sie Betrüger oder Betrogene sind, daß heißt: ob sie an ihre Theorien glauben, oder nicht. – Ich spreche über diese Dinge nicht ohne Absicht mit Dir, Wolfgang, sondern weil Du weißt, daß ich mit Münzer früher in einem sehr intimen Verhältnisse stand, und ich Dir deshalb über meine jetzige Stellung zu ihm gleichsam Rechenschaft schuldig bin. Münzer ist von der Partei, zu der er sich früher bekannte, abgefallen. Er will aus der deutschen politischen Bewegung eine europäische, ja eine kosmopolitische machen; ich habe bestimmteste Nachrichten, daß er mit den französischen, den italienischen, den slavischen Republikanern in lebhaftesten Unterhandlungen steht, und ich bin wie von meinem Leben überzeugt, daß, wenn seine Ideen durchgingen, wir nicht zur deutschen Einheit, sondern in des Teufels Küche kommen würden. Ebenso hat er sich nach und nach von den volkswirthschaftlichen Grundsätzen des Volksboten losgesagt; er hat in seinen letzten Broschüren den krassesten Socialismus gepredigt. – Das Alles sind Dinge, die ich ihm als Parteimann nicht vergeben kann; aber irren ist menschlich, und so wollte ich nichts sagen, wenn er nur consequent in seinem Irrthum wäre. Das ist leider nicht der Fall. Er hat sich während der Zeit, daß er zur Constituante ging, bis jetzt der größten Widersprüche schuldig gemacht; ja, es ist manchmal, als ob er von einem Dämon besessen wäre, der ihn wider seinen Willen zu den tollsten Extravaganzen treibt. Das aber, Wolfgang, gehört nicht mehr vor das Forum der Partei, das gehört vor das Forum der allgemeinen und überall stichhaltigen Moral, und wie ich mit dem Politiker Münzer nicht mehr Hand in Hand gehen kann, so ist er auch – und das ist wahrlich viel schmerzlicher für mich – in meiner Achtung als Mensch sehr gesunken. Siehe, Wolfgang: ich glaube an die Solidarität der menschlichen Tugenden, und war immer der Meinung, daß, wenn bei einem Menschen irgend eine Störung in der einen Sphäre stattgefunden hat, diese Störung auch in der andern Sphäre sich äußern wird, und umgekehrt. Es mag dies ein philiströser Irrthum sein, aber es ist einmal meine Ueberzeugung, und so schließe ich denn auch aus Münzer's politischen Sünden auf seine moralische Unzulänglichkeit – um es milde auszudrücken. Ich habe den Gerüchten, die über seine ehelichen Zerwürfnisse in der Stadt circulirten, keinen Glauben geschenkt; habe meine Frauenzimmer oft hart angelassen, wenn sie mir damit kommen wollten – aber ich gestehe, daß ich jetzt Alles und noch mehr glaublich finde. Leider spricht nur zu viel für seine Widersacher: die Trennung von seiner Frau, die jetzt, nachdem er schon fast zwei Monate wieder zurück ist, unerklärlich bleibt; seine Intimität mit der Schwägerin Deines Vaters, – eine Intimität, die sich für einen Demokraten von reinem Wasser, wie Münzer doch zu sein prätendirt, schlechterdings nicht schickt; sein Umgang mit dem Herrn von Degenfeld, der, trotz seiner revolutionären militairischen Ideen, ein Erz-Aristokrat ist und mit seinen napoleonisch-imperatorischen Gelüsten, die aus verschiedenen Stellen seines Buches deutlich genug hervorblicken, Münzer's Kopf noch ganz verrücken wird. Die Aristokraten sagen: Noblesse oblige; und ich sage: das Demokratenthum hat auch seine Verpflichtungen, hat auch seine dehors zu beobachten. Wer ein Volkstribun sein will, der sei es vom Wirbel bis zur Sohle und bis in's innerste Herz hinein; den Bogen, der das Ziel treffen soll, muß man aus ganzem Holze schneiden. – Was giebt's, Kleine?«

»Tante läßt bitten!« sagte Ottilie, auf einen Tisch im Hintergrunde des Zimmers deutend, den sie während dessen schnell und geräuschlos zum Abendbrod gedeckt hatte.

»Komm, mein Mädchen,« sagte Onkel Peter, Ottilien galant den Arm reichend; »komm, Wolfgang, es ist lange her, daß wir die letzte Flasche mit einander getrunken haben.«

Wolfgang folgte zu dem Tisch, an welchem Tante Bella bereits Platz genommen hatte. Das Essen rechtfertigte trotz seiner spartanischen Einfachheit Dr. Holm's enthusiastisches Lob, und auch an einer Flasche guten alten Weines – der vorletzten, wie Tante Bella mit einer gewissen selbstquälerischen Genugthuung bemerkte – fehlte es nicht. Dr. Holm hatte seinen allerbesten Tag, und Tante Bella schien für heute ihren Vorrath von Rührseligkeit erschöpft zu haben und blieb dem humoristischen Freunde durchaus keine Antwort schuldig. Onkel Peter machte den aufmerksamen Wirth und ließ – trotz Tante Bella's protestirendem Stirnrunzeln – die letzte Flasche heraufholen. »Ich will auch einmal vergnügt sein,« sagte er, »oder vielmehr: ich will's nicht sein, ich bin's. Mir ist, als wären die letzten zwanzig, fünfundzwanzig Jahre aus dem Buche meines Lebens ausgelöscht und als könnte ich die reinen Seiten noch einmal beschreiben. Stehe ich doch wieder, wo und wie ich damals stand – und ist nicht beinahe Alles wieder, wo und wie es damals war? Erinnern Sie sich, Holm, des ersten Abends, nachdem Sie aus Rom zurückgekommen waren? Wir saßen hier auf dieser selben Stelle, an diesem selben Tisch. Sie, meine Schwester Margareth, Dein Vater, Wolfgang, der sich eben mit Margareth verlobt hatte, und – ja richtig, Bella, Du warst ja an dem Abend auch zufällig hier. Ich hatte den Kopf voller Pläne – gerade wie ich ihn jetzt wieder voll habe – Bella; Sie, Holm, lebten noch ganz in Ihren italienischen Erinnerungen und erzählten in den prachtvollsten Hexametern und Pentametern die elegische Geschichte Ihrer Liebe mit der römischen Gräfin; Tante Bella war erst sehr sentimental und wurde nachher so munter, wie sie sein kann, und immer sein würde, wenn sie wüßte, wie gut ihr das steht; – und die beiden Liebesleute waren gerade so still, wie unsere Jugend heute Abend auch ist. Ich dachte an jenem Abend, so würde es immer bleiben. Nun, es können nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen, und doch ist auch jener Wunsch zum Theil erfüllt worden. Wir wenigstens, Holm, sind Freunde geblieben; Bella und ich fangen ja auch nachgerade an, uns ineinander zu schicken; und wenn wir nun den Sohn für den Vater und den Krauskopf da für meine Margarethe nehmen – so stimmt ja Alles noch so erträglich. Stoßt an, Kinder! darauf, daß die Alten jung bleiben und die Jungen sich an den Alten ein Beispiel nehmen.«

Die Gläser klangen an einander und Holm hielt eine Rede in Hexametern; aber Wolfgang hörte nicht viel davon. Die harmlose Fröhlichkeit dieser guten Menschen war wie ein Vorwurf für ihn. Sie durften fröhlich sein! Sie hatten sich nichts vorzuwerfen; ihr Leben, ihr Streben war so klar und hell, wie ihre Augen; sie brauchten nicht Ja zu sagen, wo sie Nein dachten.

Eine immer größere Unruhe bemächtigte sich des jungen Mannes; es war ihm, als ob inmitten dieser lachenden Gesellschaft ihn ein schweres Unglück treffen müßte; und er fuhr zusammen, als das Mädchen hereintrat, zu melden, daß draußen des Herrn Lieutenants Bursche sei, der den Herrn Lieutenant zu sprechen wünsche. Mit hochklopfendem Herzen ging er hinaus; ein Blick in das Gesicht des gutmüthigen Burschen genügte, ihm zu sagen, das es eine schlimme Botschaft sei, die er jetzt hören würde.

»Was giebt's?«

»Ein Billet, Herr Lieutenant, von dem Herrn Stadtrath.«

Mit zitternden Händen erbrach Wolfgang das Billet und las beim Schein der Hauslampe:

»Komm sogleich nach Haus, Wolfgang; die Mutter ist sehr krank geworden.

Dein unglücklicher Vater.«

»Wo willst Du hin?« fragte Onkel Peter, der ihm gefolgt war.

»Die Mutter ist sehr krank« –

»Ich komme mit Dir – einen Augenblick; ich will nur denen drinnen Bescheid sagen.«

Onkel Peter trat wieder in's Zimmer und theilte so ruhig als er vermochte, die Nachricht mit. »Es wird wohl nichts zu bedeuten haben; aber ich will doch zu meiner und Eurer Beruhigung mitgehen.«

Einen Augenblick darauf waren die beiden Männer auf der Straße und eilten durch die Nacht dahin. Keiner von ihnen sprach ein Wort. Was sollten sie sich mit einer Hoffnung belügen, die sie nicht hatten?



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