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Siebzehntes Kapitel.
Eine traurige Familie

In den Pausen zwischen den Schulstunden ging es in diesen Wochen bei unseren Großen ganz anders zu als früher. Da gab es nur noch einen Gesprächsstoff, das waren die fünf auserwählten Dichter und ihre Werke. Gegenseitig wurde ausgefragt und überhört; es wurde kleinmütig gejammert von den Verzagten und frohlockt von den Siegesgewissen. Es galten auch keine Freundschaften mehr, sondern nur Gruppen.

Heute, als die Mädchen sich um zehn Uhr auf dem großen Vorplatz ergingen, faßte Gretchen Hermine am Arm, als diese sich eben wieder zu ihrer Gruppe gesellen wollte. »Halt einmal, Hermine,« sagte sie, »so geht das nicht weiter. Meinst du, ich überließe dich wochenlang ganz deinem Uhland?«

»Du hast ja dafür deinen Schiller!«

»Jawohl, und ich habe gerade auswendig gelernt, wohin seine Totengebeine gebracht worden sind. Mit ihm kann ich nicht immerfort umgehen, ich brauche dich, Hermine, und jetzt komme einmal mit, ich möchte auch wieder einmal allein mit dir sein,« und Gretchen zog ungestüm die Freundin mit sich fort bis an das Ende des Ganges. Dort standen sie nun miteinander unter dem Fenster. Hermine legte ihren Arm um Gretchen und sagte: »Ich brauche dich ja noch viel mehr, als du mich. Meine Gruppe ist ja ganz nett und Elsbeth May habe ich wirklich lieb, aber so wie du ist keine.«

»Meinst du vielleicht, Ottilie und Elise seien so wie du?« fragte Gretchen.

Nach einer kleinen Weile sagte Hermine: »Ich kann mir's gar nicht denken, wie das wird, wenn wir nicht mehr miteinander in die Schule gehen; es ist doch schön gewesen all die Jahre her, daß wir jeden Tag beisammen waren. Ich weiß noch so gut, wie du zum erstenmal zu uns in die Schule gekommen bist; weißt du's auch noch?«

»Jawohl; zuerst hat mir's gar nicht gefallen, aber du warst gleich gut gegen mich.«

Hermine wandte sich um, sie hörte hinter sich Schritte. Fräulein von Zimmern kam auf sie zu. Gütig sah sie auf die Freundinnen, die in traulicher Umarmung beisammen standen und sie jetzt begrüßten.

»Das ist ein nettes Plätzchen zum Plaudern,« sagte sie. »Ja,« erwiderte Gretchen, »wir haben gerade davon geredet, daß es uns fehlen wird, wenn wir uns nicht mehr alle Tage in der Schule treffen.«

»Das glaube ich wohl, die Schule ist eine rechte Pflanzstätte für Freundschaften. Aber wenn die Pflanze durch so viele Jahre hindurch gepflegt worden ist, dann ist sie festgewurzelt und dauerhaft. Ihr werdet euch durchs ganze Leben lieb haben, auch wenn ihr nicht mehr so oft zusammenkommen solltet.«

Gretchen ging's im letzten Jahr ganz eigentümlich. So oft sie außer den Stunden mit Fräulein von Zimmern zusammen war, fühlte sie das Bedürfnis, sich ihr liebevoll zu nähern, und als sie nun die herzlichen Worte hörte: »Ihr werdet euch immer lieb haben,« hatte sie das größte Verlangen, die Hand der Vorsteherin zu fassen und zu sagen: » Sie werden wir auch immer lieb behalten!« aber es kam ihr doch vor, als ob sich das Fräulein von Zimmern gegenüber nicht schickte, und so unterdrückte sie die Bemerkung.

Etwas davon hatten vielleicht ihre Augen verraten; denn Fräulein von Zimmern ergriff selbst in ungewohnter Traulichkeit Gretchens Hand, während sie zu ihr sagte: »Ich wollte dir mitteilen, daß ich es für besser halte, die Lesestunden mit Ruth jetzt aufzugeben. Das Kind leidet sehr unter der Hitze. Gestern schlief sie während des Unterrichts ein und heute wurde sie wegen Unwohlseins entschuldigt.«

»Sie sieht auch recht elend aus,« sagte Gretchen und nahm sich vor, der Kleinen einen Krankenbesuch zu machen.

Bei ihrer Heimkehr traf sie unter der Haustüre mit dem Briefträger zusammen; sie erkannte gleich auf dem Brief, den er ihr entgegenhielt, die Handschrift ihrer Tante, Frau van der Bolten. Vergnügt eilte sie damit die Treppe hinauf. »Mutter, wo bist du? Ein dicker Brief von der Tante ist gekommen!« rief sie. »Endlich hört man wieder etwas von ihr,« entgegnete Frau Reinwald und las, während Gretchen neben ihr stand und begierig wartete, bis ihr die Mutter etwas daraus mitteilen würde. Sie hatte für die ganze Familie die wärmste Teilnahme, auch enthielten die Briefe meist irgend eine Bemerkung über Fräulein Trölopp, obwohl diese nicht mehr in der Familie weilte.

»Allerlei Neues und schöne Pläne,« sagte Frau Reinwald, nachdem sie gelesen hatte. »Denke dir, van der Boltens haben für den ganzen Sommer ein Häuschen im Gebirge gemietet. Mit Beginn der Ferien sollen einstweilen die Kinder alle hinaus und von Fräulein Trölopp bemuttert werden, bis nach ein paar Wochen Onkel und Tante nachkommen.«

»Wie nett,« sagte Gretchen, »daß wieder Fräulein Trölopp dabei sein wird, und diesmal bekommt sie es angenehmer als im Winter, während des Scharlachs.«

»Ja, gewiß; doch ist es auch nichts Leichtes, die Verantwortung für fremde Kinder allein zu übernehmen.«

»Besonders wenn Oskar dabei ist; aber sie wird schon fertig mit ihm, überhaupt mit allem, was sie unternimmt,« sagte Gretchen in voller Bewunderung.

Am Nachmittag trat sie die Wanderung an zu Ruth Holland. Nie mehr war sie dort gewesen, seit jenem Tag, da sie sich entschuldigen mußte wegen der Ohrfeige, und die Erinnerung kam ihr lebhaft, als sie ins Haus trat und an der Kanzlei vorbei hinauf zu der Wohnung ging. Auch diesmal wurde sie wieder in das kleine Empfangszimmer geführt, auch heute kam ihr die Frau Forstrat entgegen. Sie sah etwas befremdet auf Gretchen, sie erkannte sie wohl nicht mehr. Gretchen stellte sich vor. »O, ich kenne Sie schon,« rief die Frau Forstrat, »aber es wäre nicht nötig gewesen, daß Fräulein von Zimmern Sie geschickt hätte! Wenn das Kind nicht wirklich krank wäre, hätte es die Schule nicht versäumt. Sagen Sie nur Fräulein von Zimmern, ein solches Mißtrauen wäre bei uns nicht am Platz.« Gretchen war sehr erstaunt über diese Auffassung. »Fräulein von Zimmern schickt mich gar nicht,« sagte sie, »ich wollte mich selbst gern nach Ruth erkundigen und sie ein wenig besuchen.«

»Ich weiß schon, so sagt man ja wohl, aber es ist doch anders gemeint. Ruth ist recht krank, keine Schulkrankheit, nein, gewiß nicht, richten Sie das nur Fräulein von Zimmern aus.«

»Darf ich ein wenig zu ihr hinein?«

»Nein, Fräulein, Sie müssen mir es schon so glauben. Der Arzt hat nicht erlaubt, daß jemand zu ihr kommt, kein Mensch darf zu ihr hinein.« »Das tut mir recht leid,« sagte Gretchen wirklich enttäuscht und wollte sich eben noch näher nach des Kindes Krankheit erkundigen, da ertönte aus dem Nebenzimmer der Klang einer Glocke, und ohne ein Wort zu sagen folgte Frau Holland dem Glockenzeichen und ließ Gretchen allein. Diese wußte nicht recht, sollte sie gehen oder bleiben? Vielleicht lag Ruth im Nebenzimmer, hatte ihre Stimme erkannt und wollte ihr etwas sagen lassen. Sie wartete. Nach kurzer Zeit kam Frau Holland zurück. »Ruth möchte Sie sehen,« sagte sie, »kommen Sie nur herein.«

»Aber Sie sagten doch, es dürfe niemand zu ihr?«

»Wohl, aber die Kleine will Sie gerne sehen.«

»Ich möchte doch lieber nicht zu ihr, wenn es der Arzt ausdrücklich verboten hat!«

»Wenn das Kind will, kann man nichts machen, kommen Sie doch!« Gretchen weigerte sich nicht länger und folgte in ein Schlafgemach mit drei Betten, das schlecht gelüftet und nicht aufgeräumt, einen unangenehmen Eindruck machte. Die Kleine lag blaß und matt in ihrem Bett, aber bei Gretchens Eintritt setzte sie sich auf und die Erregung machte ihr rote Bäckchen.

»Wie geht's dir denn, kleine Maus?« fragte Gretchen zärtlich. Aber Ruth konnte nicht zu Wort kommen, die Mutter fing die Frage auf: »Sie liegt so elend da und mag nichts essen, bloß Kaffee will sie trinken, und der Arzt sagt doch, es sei Gift für sie. Ich muß ihn ihr immer heimlich geben, daß es mein Mann nicht sieht.« Gretchen wußte gar nicht, was sie darauf sagen sollte. Von zu Hause war sie gewöhnt, daß Vater und Mutter nichts voreinander verbargen und daß beide taten, was vernünftig und recht war, nicht was dem Kind beliebte. Sie konnte diese Frau nicht verstehen, wandte sich an Ruth und erzählte ihr leise von Rudi und Betty. Die Kleine lauschte auf Gretchens Worte, aber es war nicht leicht, eine Unterhaltung zu führen; denn Frau Holland begann nun hastig im Zimmer aufzuräumen, was allerdings nottat.

»Es ist noch nicht gebettet hier innen,« sagte sie, »ich kam heute vormittag nicht dazu; mein Dienstmädchen ist nämlich nur so aus dem Dienst gelaufen, schon die vierte, die es so macht, die Verdingerin schickt mir absichtlich die schlechtesten.« Frau Holland begann ihr Bett zu machen, dicht neben Gretchen. Diese sah erstaunt auf. Die kleine Kranke fing den Blick auf und verstand. »Mama,« bat sie, »mach' doch das Bett nicht, solange mein Fräulein da ist.«

»Ich will jetzt nicht länger stören,« sagte Gretchen; denn der Aufenthalt in diesem Zimmer war ihr peinlich. »Bleiben Sie nur, Ruth muß doch Unterhaltung haben.« Sie ließ nun das Betten einstweilen sein, ging aber ruhelos bald da, bald dorthin.

Im Nebenzimmer hörte man Schritte. »Papa kommt,« rief die Kleine wie erschreckt. Der Forstrat trat ein, Gretchen ging ihm entgegen und gab ihm unbefangen die Hand, er war ja ihr guter Freund, hatte ihr selbst vor dem Fest die Blumen gebracht. Er begrüßte sie auch heute mit herzlicher Freundlichkeit, aber bald verfinsterte sich sein Ausdruck, und mit einem Ton, aus dem die tiefste Mißstimmung klang, sagte er zu seiner Frau: »Diese Unordnung und diese Luft!« und rasch riß er die Fenster auf. »Das Kind erkältet sich!« rief die Frau.

»Das Kind geht noch zugrund durch deine Schuld!« rief der Mann, verließ das Zimmer und warf die Türe schmetternd hinter sich zu. Die Kleine erzitterte und drückte ihr Köpfchen wie beschämt in die Kissen. Die Frau schloß die beiden Fenster und ging, fast ebenso hastig wie der Mann, nach der andern Seite ab.

Gretchen war ganz erschüttert über dies traurige Familienbild. Sie beugte sich über das Kind, drückte einen Kuß auf ihr schmales Gesichtchen und sagte liebevoll: »Komm du nur recht bald wieder zu mir, du bist mein kleiner Liebling.«

Leise verließ sie das Zimmer, war froh, daß sie niemanden begegnete und atmete erleichtert auf, als sie sich wieder auf der Straße befand. »Über diese Schwelle gehe ich so bald nicht wieder,« sagte sie leise vor sich hin.

Was sie gesehen und gehört hatte, ging ihr den ganzen Tag nach, und ein namenloses Mitleid mit der kleinen Ruth preßte ihr fast Tränen aus. Wie konnte das zarte Pflänzchen in dieser Luft und Pflege gedeihen?

Auch Herr und Frau Reinwald hörten mit Teilnahme diesen Bericht. »Es ist eine schreckliche Frau,« sagte Gretchen, »aber daß auch der Mann so heftig ist vor dem kranken Kind, das er doch so lieb hat, das kann ich gar nicht begreifen.«

»Der Mann wäre vielleicht gar nicht so geworden ohne diese Frau,« sagte Herr Reinwald ernst, »eine Frau, die weder nach Verstand noch nach Gewissen handelt, die ihr Hauswesen vernachlässigt und ihre Kinder falsch behandelt, eine solche Frau kann ihren Mann zur Verzweiflung bringen.«

Während Gretchen an diesem Abend länger als sonst wach im Bett lag und an die Familie Holland dachte, wurde in aller Stille ein schöner Plan geschmiedet.

»Wenn Fräulein Trölopp das kleine Mädchen noch neben den anderen Kindern hinaus aufs Land nähme,« sagte Frau Reinwald zu ihrem Mann, wie müßte das dem schwächlichen Kind gut tun!«

»Die Gebirgsluft und die verständige Behandlung könnten da freilich Gutes wirken. Glaubst du denn, das wäre zu machen?« fragte Herr Reinwald.

»An Fräulein Trölopp würde es nicht scheitern, wenn Ruths Eltern für den Plan zu gewinnen wären.«

»Er sicherlich, sie scheint unberechenbar.«

»Sie muß doch auch einsehen,« meinte Frau Reinwald, »wie gut für ihr Töchterchen der Verkehr mit den glücklichen, fröhlichen Kindern wäre. Ich will doch gleich einmal bei meiner Schwester anfragen. Wie würde sich Gretchen für die Kleine freuen, es ist mir ganz leid, daß sie in so traurige Verhältnisse Einblick getan hat.«

Gretchen erfuhr zunächst noch nichts von diesem Plan. Sie hatte keine Ahnung davon, daß noch am selben Abend ein Brief an ihre Tante abging, in dem in beweglichen Worten um Aufnahme der kleinen Ruth gebeten wurde.

Die Antwort kam umgehend: Fräulein Trölopp habe sich bereit erklärt, so viele Kinder aufzunehmen, als für nützlich befunden würde. Herr und Frau van der Bolten wollten gerne der kleinen Freundin ihrer Kinder diesen Aufenthalt ermöglichen und frugen an, ob Gretchen sie nicht hinbegleiten und mit Fräulein Trölopp und den Kindern den schönen Landaufenthalt genießen wolle?

Dieser Brief kam in Gretchens Abwesenheit an.

»Wie schade, daß sie nicht zu Hause ist,« sagte Frau Reinwald zu ihrem Mann, wie wird sie sich freuen! Schade, daß sie gerade heute so spät heimkommt, sie will nach der Schule noch zu Elise Schönlein und mit ihr lernen. Ich kann es gar nicht erwarten, bis ich ihr den schönen Plan mitteilen kann!«

»Nun, auf ein paar Stunden kommt es doch nicht an. Man sieht schon, woher Gretchen ihre Ungeduld hat,« sagte neckend Herr Reinwald, indem er fortging.

Gretchen kam wirklich erst spät am Nachmittag heim, und dann war ihr erstes Wort zur Mutter: »Ich bin dem Vater begegnet und soll dir sagen, er habe mir schon alles von dem Brief erzählt.« Etwas enttäuscht fragte Frau Reinwald: »Nun, und was sagst du dazu?« »Ach, so wichtig ist mir's nicht, wie der Vater gemeint hat; wenn auch der Buchhändler das Buch nicht schickt –«

»Was sprichst du denn von einem Buch? Davon ist doch jetzt nicht die Rede!«

»Nicht? Der Vater hat mir doch von dem Buchhändlersbrief erzählt.«

Frau Reinwald sah Gretchen mit glückverheißendem Lächeln an: »Dann weißt du freilich noch nicht alles! Es hätte mich doch auch gewundert, wenn mir der Vater die schöne Neuigkeit weggenommen hätte, er hat mich nur wieder necken wollen. Gretchen, ich weiß dir etwas ganz anderes als Buchhändlersnachrichten, da nimm und lies den Brief von der Tante.«

Und nun las Gretchen, und Frau Reinwald verfolgte mit Genuß den Ausdruck auf ihren Zügen. Zuerst nur Neugierde, dann Staunen, Freude und das höchste Entzücken!

»Mutter!« rief sie jetzt, »was hast du da wieder Herrliches ausgesonnen! Wenn Ruth dorthin darf, muß sie ja ganz aufleben, und wenn ich sie selbst hinbringen darf und mit für sie sorgen und mit Fräulein Trölopp zusammenleben und mir von ihr erzählen lassen, Rudi und Betty haben und auf dem Land, im Gebirge sein – kann so etwas wirklich wahr werden, ist's nicht zu herrlich?« »Warum soll's nicht wahr werden?« sagte Frau Reinwald. »Freilich, Forstrats haben bis jetzt noch keine Ahnung davon, und es wäre ja denkbar, daß sie nicht einwilligen.«

»Sie müssen, da hilft gar nichts, sie müssen! Mutter, wann kann ich hin? Heute abend noch?«

»Morgen, morgen.«

»O, warum nicht gleich?«

»Es ist ja zu spät. Auf ein paar Stunden kommt's doch nicht an, du darfst nicht so ungeduldig sein,« mahnte Frau Reinwald, und Gretchen wußte nicht, warum sie dabei lächelte. »Ich möchte viel lieber mit Ruths Vater reden, als mit ihrer Mutter,« sagte Gretchen, »aber ich kann doch nicht wieder auf seine Kanzlei.« Dafür wußte Herr Reinwald Rat, als er nach jubelnder Begrüßung seitens seiner Tochter beim Abendessen saß. »Wenn du nicht wohl auf die Kanzlei kannst, so kann ich das doch tun,« sagte er. »Der Forstrat war ja neulich auch so freundlich, dir an Stelle seiner Kleinen die Blumen zu bringen.« Nun war Gretchen voll der besten Zuversicht. Wenn der Vater selbst die Sache in die Hand nahm, dann mußte sie ja gelingen.

Er kam auch am nächsten Tag mit gutem Bescheid heim: der Forstrat hatte sich mit rührender Dankbarkeit über diesen Vorschlag ausgesprochen und die besten Hoffnungen an diesen Plan geknüpft. Er wollte nur noch mit seiner Frau und dem Arzt darüber reden und dann Antwort bringen.

Diese Antwort wurde am nächsten Tag mit großer Ungeduld von Gretchen erwartet. Frau Reinwald war allein zu Hause, als der Forstrat kam.

Sie empfing mit freundlicher Teilnahme den Mann, den sie noch nie gesehen hatte, und von dessen Familienleben sie schon so viel wußte. Er hatte kaum ihrer Aufforderung, Platz zu nehmen, Folge geleistet, als er kurz und mit fast rauher Art sagte: »Aus dem schönen Plan wird nichts, meine Frau will nicht.« Frau Reinwald sah ihn sehr enttäuscht an. »Aber warum denn nicht?« fragte sie in ganz schmerzlichem Ton.

»Warum? Darauf kann ich nichts antworten.« Frau Reinwald war zu schüchtern, weiter zu fragen, denn sie merkte dem Mann eine tiefe Verstimmung an. Einen Augenblick schwieg sie, dann sagte sie zögernd: »Wir könnten vielleicht Ihre Frau doch für unseren Plan gewinnen, wenn wir die Gründe wüßten, die sie dagegen einnehmen.«

»Gründe,« wiederholte der Forstrat mit Bitterkeit, »fragen Sie doch nicht darnach. Nicht jede Frau handelt nach Gründen. Sie will eben nicht!« Bei diesen Worten stand der Forstrat auf und ging aufgeregt im Zimmer hin und her.

Frau Reinwald hatte das Bedürfnis, etwas Versöhnendes zu sagen. »Ihre Frau will wohl deshalb nicht, weil sie das zarte Kind nicht Fremden anvertrauen mag, und das kann ihr jede Mutter nachfühlen.« Der Forstrat blieb vor ihr stehen, besänftigt durch ihre freundlichen Worte. »Eine Mutter sollte aber doch tun, was für das Kind so offenbar gut wäre,« sagte er.

»Freilich, aber das stellt sie sich vielleicht nicht so vor. Ich meine, wenn wir ihr recht schildern würden, wie gut es das Kind hätte, dann würde sie nachgeben. Wenn ich ihr erzählte von dem schönen Gebirgsaufenthalt, von den fröhlichen Kindern und der vorzüglichen Pflegerin – soll ich das nicht versuchen?«

»Sie verkehrt nicht mit Fremden, und sie wird Ihren Besuch nicht annehmen, wenn Sie kommen.«

Frau Reinwald schien erstaunt. »Können Sie nicht verlangen, daß sie mich empfängt?« fragte sie.

Der Forstrat blieb eine ganze Weile die Antwort schuldig, dann sprach er mit gedämpfter Stimme: »Ich sage Ihnen, was ich noch keinem Menschen gesagt habe: meine Frau ist leidend, ihr Gemüt ist verstört, ihre Gedanken sind oft nicht klar.« Da sah Frau Reinwald voll freundlicher Teilnahme auf zu dem traurigen Mann und entgegnete: »Dann müssen wir nicht nur für das Kind, sondern auch für die Mutter sorgen. Was meint Ihr Arzt?«

»Ich habe Ihnen ja gesagt, daß ich keinem Menschen davon gesprochen habe, auch dem Arzt nicht.«

»Das begreife ich nicht,« sagte Frau Reinwald, »warum reden Sie nicht davon? Es ist eine Krankheit wie viele andere, und sehr oft heilbar, wenn man rechtzeitig etwas dagegen tut.«

»Glauben Sie das im Ernst?«

»Gewiß, ich weiß im Kreis meiner Verwandten und Bekannten mehrere, die gemütlich erkrankt waren und wieder geheilt wurden.«

»Wie ruhig und einfach Sie das nehmen! Es kommt mir nun selbst verkehrt vor, daß ich es so in der Stille mit mir herumgetragen habe.«

»Wie schwer müssen Sie darunter gelitten haben,« sagte Frau Reinwald teilnahmsvoll.

»Mehr als ich sagen kann,« entgegnete der Forstrat und trat ans Fenster, um seiner tiefen Bewegung Meister zu werden. Nach einigen Minuten kehrte er mit verändertem Ausdruck zu Frau Reinwald zurück: »Ich gehe jetzt. Ich will heute noch mit dem Arzt sprechen, ich habe vielleicht schon zu lange gesäumt.«

»Ja, zögern Sie nicht länger,« sagte Frau Reinwald, »und haben Sie guten Mut. Jetzt sieht es wohl traurig bei Ihnen aus, aber so Gott will, haben Sie übers Jahr eine gesunde Frau und Tochter.« Er drückte dankbar ihre Hand und ging.

Gretchen erfuhr von dieser Unterredung nur, daß Ruths Mutter ihre Einwilligung nicht geben wolle. Sie war schmerzlich enttäuscht und wollte sich gar nicht zufrieden geben. Auch das freundliche Versprechen der Mutter, daß Gretchen, wenn auch ohne Ruth, doch einige Zeit bei Fräulein Trölopp und den Kindern zubringen dürfe, konnte sie nicht fröhlich stimmen. Der Gedanke an die blasse Kleine in der dumpfen Schlafstube bei den aufgeregten Eltern verfolgte sie, und sie konnte nicht verschmerzen, daß der schöne Plan ohne triftigen Grund aufgegeben werden sollte.

Sie begleitete am nächsten Tag Hermine und ihre Schwester Mathilde aus der Schule heim und erzählte ihnen von ihrer bitteren Enttäuschung. Sie ahnte nicht, welche Nachwirkung dieses Gespräch haben sollte.

Mathilde Braun machte am folgenden Sonntag ihrer Freundin Ruth einen Krankenbesuch. Sie wußte nicht, daß Ruth von dem ganzen Plan, der sie betraf, nichts erfahren hatte, besann sich auch nicht, ob sie ihr denselben mitteilen dürfe; sie berichtete über alles, was sie Gretchen in den schönsten Farben hatte schildern hören, und sprach auch von Gretchens bitterer Enttäuschung. Die Kleine lauschte begierig. Sie war nicht unternehmungslustig, aber mit »ihrem Fräulein« fortzureisen, aus der heißen Stadt hinaus aufs Land, dahin, wo die lustigen Kleinen Rudi und Betty waren, das schien doch auch ihr verlockend, und daß Gretchen sich so sehr gefreut hatte und nun so bekümmert war, das beglückte sie, das war Liebe.

Eine Stunde, nachdem Mathilde ihre kleine Freundin verlassen hatte, sprach Frau Holland zu ihrem Mann: »Das Kind will mit ihrem Fräulein reisen, da kann man nichts machen, man muß es eben reisen lassen,« und der Forstrat zürnte nicht wie sonst über die Nachgiebigkeit der Mutter, sie kam ihm diesmal gar zu erwünscht, er wiederholte sehr befriedigt: »Ja, man muß sie reisen lassen.«


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