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Achtes Kapitel.
Ausgeliehen

Der Weihnachtsmonat brachte den »Großen« angenehme Überraschungen in der Schule. Fräulein von Zimmern erklärte, daß im Dezember nicht nur in der Handarbeitsstunde Weihnachtsarbeiten gemacht werden dürften, sie gab auch die Erlaubnis, sie mit in die Literaturstunde zu bringen. Was waren das für reizende Stunden, wenn man häkelnd, stickend oder strickend um den grünen Tisch saß und Fräulein von Zimmern, die die Literaturstunden selbst gab, dabei »Hermann und Dorothea« vorlas. Eine andere Überraschung war die Verkündigung, daß die Mädchen, zur Hilfe der vielbeschäftigten Mütter, schon von Mitte Dezember an Weihnachtsferien bekommen sollten. Sie fühlten sich recht als große Töchter, und da ihnen Fräulein von Zimmern zur Pflicht machte, sich auch nach Kräften zu Hause nützlich zu machen, so kamen sie alle mit wahrem Tatendurst am vierzehnten Dezember aus der letzen Schulstunde heim.

In großen Familien, wie bei Hermine Braun, gab es auch alle Hände voll zu tun, mehr als in kleinen wie bei Reinwalds, und doch sollte gerade Gretchen diesmal vielleicht mehr als alle andern zu tun bekommen. Ahnungslos saß sie noch am fünfzehnten mit den Eltern am Mittagstisch; ohne große Teilnahme sah sie den Brief, den Franziska ihrer Mutter übergab, und den die Mutter ruhig während des Essens beiseite legte mit der Bemerkung: »Vorgestern hat die Tante erst meinen Brief erhalten, und heute antwortet sie schon.« Nach Tisch ging Gretchen in die Küche und Speisekammer, denn es war ihr übertragen, die Reste des Mittagessens aufzubewahren und den Kaffee herauszugeben. Sie war noch damit beschäftigt, als die Mutter sie hereinrief. Der Vater hielt den Brief in der Hand. »Gretchen,« sagte die Mutter, »der Brief der Tante geht dich am meisten an. Er enthält keine guten Nachrichten. Es ist eine böse Scharlachepidemie ausgebrochen, und die Tante schreibt sehr besorgt, da von ihren vier Kindern noch keines diese Krankheit hatte, und nun Hugo, der älteste, davon ergriffen ist. Sie hat sich mit diesem ihrem Kranken ins Gaststübchen im oberen Stock gebettet, damit die anderen Kinder nicht angesteckt werden, und pflegt den Kranken. Im unteren Stock bei dem Onkel und den drei Kindern ist nun bloß das Küchenmädchen, und die Kinder sind recht viel allein. Da ich zufällig der Tante geschrieben habe, daß ihr schon von heute an Ferien habt, so fragt sie an, ob du nicht auf eine Woche zu ihren drei gesunden Kindern kommen könntest. Von Weihnachten an hofft sie eine Aushilfe für längere Zeit zu bekommen.«

Gespannt hatte Gretchen zugehört. Es war ihr anzusehen, daß sie schon während des Berichts erraten hatte, wie derselbe schließen würde. Nun fragte sie, wie man um die Erfüllung eines großen Wunsches bittet: » Darf ich hin?« »Du möchtest also gerne?« frug der Vater dagegen. »Natürlich möchte ich, Vater; noch gar nie ist ja so etwas an mich gekommen, und ich habe es mir ja längst gewünscht!«

»Gar so angenehm wird das nicht sein; mit den Kindern wirst du deine Not haben, der Onkel ist nicht viel daheim und die Tante ist im oberen Stock.«

»O, das macht gar nichts, dann schließen sie sich besser an mich an; Mutter, gelt, es wird gehen?«

»Ich meine, es muß gehen,« sprach die Mutter, »wenn die Tante sich so in der Not an uns wendet. Sie bekommt nicht so leicht eine Hilfe, wenn man hört, daß Scharlach im Hause ist; viele Mädchen fürchten die Ansteckung, du aber hast die Krankheit erst vor zwei Jahren durchgemacht und bist wohl sicher davor. Sieh, der Vater zieht schon den Fahrplan aus der Tasche.«

»Ja wirklich,« rief Gretchen sehr erfreut; »Mutter, nimm mir's nicht übel, wenn ich mich so über den Scharlach freue; es tut mir ja schrecklich leid für Hugo und für die Tante, aber für mich ist's herrlich!«

»Nun, dann kannst du ja die Reise als Weihnachtsgeschenk betrachten, wenn du etwa nicht zum heiligen Abend hierher zurückkommst,« meinte der Vater.

»Doch, zum heiligen Abend kommt sie!« »Doch, da komme ich,« riefen gleichzeitig Mutter und Kind.

»Ich hoffe auch,« sprach der Vater. »Und nun meine ich, wir telegraphieren der Tante, daß du morgen früh um zehn Uhr mit dem Schnellzug kommst.«

Der Vater ging, das Telegramm zu besorgen, und im Hause gab's nun einen bewegten Nachmittag. In aller Eile wurde das Nötige an Kleidern herbeigesucht, der Handkoffer gepackt und dabei viel mütterliche Ratschläge gegeben. Gretchen wurde es unbehaglich, als sie sah, daß es die Mutter so ernst nahm. »Mutter,« sagte sie, »traust du mir's nicht recht zu, und wirst du dir all die Tage Sorge machen, bis ich wieder heimkomme?«

»Ich traue dir's allerdings nicht recht zu, weil du noch so unerfahren bist, und ich denke, du wirst einiges Lehrgeld zahlen müssen als stellvertretende Hausfrau. Aber ich will mir keine Sorge machen, denn bis ins Kleinste hinein haben wir Christen eine Richtschnur für unser Tun und Lassen, und wir können nicht wesentlich fehlen, wenn wir in stetem Verkehr mit Gott stehen.«

»Ich kann mir nicht denken, daß für die kleinen Dinge im Haus und mit den Kindern, wie ich sie zu tun bekomme, das Christentum meine Richtschnur sein kann.«

»Das wäre schlimm, denn die kleinen Dinge machen schließlich den größten Inhalt des Lebens aus. Du bist dir bisher nur noch nie so bewußt worden, was für einen klar vorgezeichneten Weg diejenigen gehen, die mit Gott gehen, denn wir Eltern waren dir Gottes Stellvertreter, wir sagten dir, was du tun und lassen solltest. Sowie du von uns fort bist, ist das anders. Du mußt selbst auf Gottes Stimme achten.«

»Ich wollte, es wären viel mehr einzelne Vorschriften über das, was recht und unrecht ist, in der Bibel.«

»Wenn auch viele Tausende von Vorschriften darin stünden, so wäre es doch nicht genug für all die Zeiten und Länder, für all die Völker und Altersstufen, die sich danach richten wollten. Aber den Geist der Liebe und der Wahrheit, den müssen wir in unser Herz aufnehmen; wer den erfaßt, der weiß auch das Rechte zu tun ohne einzelne Vorschriften. Von ihm laß du dich leiten, mein Kind, dann kann auch ich ganz ruhig sein!« –

Es war noch stockfinster, als Gretchen am nächsten Morgen in Begleitung ihres Vaters auf den Bahnhof ging. Noch nie war sie im Winter so frühzeitig unterwegs gewesen, ganz fremd erschienen ihr die sonst so belebten und glänzend erleuchteten Straßen. Schweigsam ging Gretchen neben dem Vater her und hüllte sich fest in den Mantel, der kaum die feuchtkalte Morgenluft abhalten konnte. In der Nähe des Bahnhofs wurde es lebhafter. Die Wagen aus den Gasthäusern kamen angefahren, und schlaftrunkene Hausknechte geleiteten einzelne Reisende in die Einsteighalle.

Gretchen war es wie ein Traum, als sie eine Viertelstunde später im Abteil saß, gegenüber einer älteren Dame in buntseidenem Mantel, die, sobald sich der Zug in Bewegung setzte, sich in ihrer Ecke zum Schlafen einrichtete und ihre junge Mitreisende nicht beachtete.

Heute, in der nüchternen Morgenstunde, kam Gretchen das ganze Unternehmen nicht mehr so reizvoll vor, wie am Abend vorher; hätten die Eltern in diesem Augenblick die Frage an sie gerichtet, ob sie dem Ruf der Tante folgen wolle, so wäre sie nicht so schnell mit der Antwort bei der Hand gewesen.

Aber auch die längste Winternacht hat schließlich ein Ende, auch am 16. Dezember ward es endlich Tag, und mit dem Tageslicht kam Gretchen wieder die Reiselust. Sie sah hinaus in die Landschaft, die ihr fast fremd war, denn nur einmal, vor Jahren, hatte sie mit der Mutter diese Fahrt gemacht. Damals hatte sie Onkel, Tante und deren Kinder kennengelernt; aber sie waren nur kurz beisammen gewesen. An Onkel und Tante, sowie ihren ältesten Vetter Hugo, der jetzt krank war, konnte sie sich noch sehr gut erinnern, aber Oskar und die zwei Kleinen, Rudi und Betty, kannte sie noch nicht. So erwartete sie mit steigender Ungeduld das Ende der Fahrt. Bald sah sie durchs Fenster, ob von dem Fluß noch nichts zu sehen sei, über den sie ein paar Stationen vorher kommen mußte, dann zog sie den Fahrplan heraus und verglich die Zeitangaben mit ihrer Uhr oder studierte die Eisenbahnkarte, die an der Wand hing.

»Liebes Fräulein,« sagte plötzlich ihre stille Mitreisende, »seit einer Viertelstunde nützen Sie Ihren Fahrplan und Ihr Uhrtäschchen ab, wenn Sie nur irgend etwas Nützliches tun wollten.«

Gretchen war ganz verblüfft über diesen unverhofften Überfall ihrer bisher so stillen Begleiterin. Diese war in Sprache und Erscheinung fremdartig. Klein und dick, bekleidet mit auffallendem, bunt schillerndem Reisemantel und einem schreiend gelben Samthut, war sie eher eine abschreckende als eine Vertrauen erweckende Persönlichkeit, und ihre Aufforderung, etwas Nützliches zu tun auf der Fahrt in der Bahn, kam Gretchen wunderlich vor. »Was kann man in der Bahn Nützliches tun?« fragte sie.

»Können Sie spanisch?« war die Gegenfrage der Dame. »Nein, spanisch kann bei uns niemand,« erwiderte Gretchen.

»Ich kann es, ich war zwölf Jahre in Südamerika und komme eben von dort her. Ich werde Ihnen die reine Aussprache lehren. Setzen Sie sich neben mich. Wollen Sie nicht lernen?«

»Doch, aber jetzt gerade spanisch!«

»Warum nicht, man muß nur immer irgend etwas Nützliches tun, es ist ganz gleich was. Sehen Sie, hier habe ich ein Kärtchen von Spanien, nun werde ich Ihnen die richtige Aussprache von all den Städten und Flüssen lehren; denn es ist mir ein Greuel, wie die Deutschen das alles so falsch aussprechen.«

Gretchen wußte gar nicht, wie ihr geschah. Sie war plötzlich Schülerin geworden, und ihre Lehrerin entwickelte großen Eifer. Ganz fremdartig und klangvoll lauteten die geographischen Namen im Munde der Dame, die nicht nachließ, bis auch Gretchen ganz den richtigen Ton gefunden hatte. »Sie sind ein gut begabtes Mädchen,« sagte sie, »und nun werde ich Ihnen zum Schluß eine spanische Canzonetta vorsingen.« Sie erhob sich und sang vor ihrer erstaunten Zuhörerin mit viel Kunstfertigkeit ein eigenartiges Lied. Gretchen wußte gar nicht, was sie von ihrer wunderlichen Reisegenossin denken sollte; aber als der Zug kurz darauf in die Bahnhofhalle einfuhr, überreichte ihr die Dame eine Besuchskarte und sagte: »Bitte, empfehlen Sie mich in Ihrem Bekanntenkreis, ich möchte mich hier niederlassen und will Unterricht geben in Gesang und spanischer Sprache; ich wohne im Europäischen Hof, General X. kann mich empfehlen. Und nicht wahr, sprechen Sie nie mehr Cord ova, sondern C ordova.«

»Ja, C ordova,« sagte Gretchen, und schon hielt der Zug. Gretchen wurde von ihrem Onkel empfangen und sah eben noch beim Verlassen des Bahnsteigs, wie ihre Begleiterin in den Wagen des Europäischen Hofes einstieg. Gretchen hatte ihren Onkel gleich wieder erkannt, und er war auch leicht zu erkennen. Herr van der Bolten war noch ein jüngerer, schlanker Mann mit hellen, blauen Augen. Unter seinem großen Schlapphut kam eine Fülle von langen, blonden Haaren hervor. Er stammte aus einer niederländischen Künstlerfamilie, war selbst auch Künstler und hatte als Landschaftsmaler einen guten Namen. Er empfing Gretchen sehr freundlich, und während er sie nach Hause geleitete, erzählte er von Frau und Kind. »Es ist eine böse Sache,« sagte er. »Susi muß mit Hugo abgesperrt sein von uns andern, und das ist das Schlimmste von allem; der Bub macht es schon durch, für ihn habe ich keine Sorge. Aber Susi fehlt hinten und vorne, ohne sie geht's bei uns absolut nicht; du mußt nun eben sehen, wie du zurechtkommst!«

»Darf ich auch nicht zu der Tante?« fragte Gretchen.

»Ach so, du sagst natürlich Tante zu Susi, das habe ich ganz vergessen, entschuldige. Nein, es darf niemand ins Krankenzimmer, das ist ja eben die Sache, die Ansteckung könnte sonst den andern Kindern mitgeteilt werden; aber diese Trennung ist unausstehlich, für mich und die Kinder am meisten, aber auch für Susi.« Gretchen mußte still vor sich hinlächeln, daß der Onkel schon wieder Susi sagte; wie war er doch so ganz anders als ihr Vater!

Sie kamen ans Haus. Mit jugendlich leichten Schritten, gelegentlich ein paar Stufen überspringend, eilte Herr van der Bolten voran, die Treppe hinauf. Oben an der geschlossenen Türe drückte er dreimal auf die Glocke. Auf dies Zeichen wurde augenblicklich geöffnet von einem Dienstmädchen, das aber sofort wieder verschwand und sich nicht um Gretchens Gepäck kümmerte. Unter der Zimmertüre erschien das kleine Geschwisterpärchen, zuvorderst Rudi, der fünfjährige, ein strammer, kleiner Gesell, und hinter ihm ein wenig schüchtern Betty, die vierjährige, die mit großen, blauen Augen voll Verlangen den beiden Ankommenden entgegensah, die sie doch nicht zu begrüßen wagte, während Rudi unaufgefordert die Hand zum Gruß reichte.

»Willst du mir auch die Hand geben?« fragte Gretchen die Kleine, und Rudi antwortete für sie: »Das tut sie schon, sie ist nur noch so dumm, sie ist unsere Jüngste. Betty, gib die Hand.« Und als die Kleine sich noch besann, sagte Rudi entschuldigend zu Gretchen: »Weißt du, sie hat dich kleiner gedacht; denn die Rieke hat gesagt: jetzt kommt noch ein Kind, und wir haben doch vorher genug Kinder!«

»Nun, schwätz' nur nicht so viel,« wehrte der Onkel und führte Gretchen in das Zimmer. Auf den ersten Blick wußte man beim Eintritt in dies Zimmer, daß hier die Kunst zu Hause war. Die beiden langen Wände rechts und links waren mit großen Ölgemälden geschmückt, Landschaften darstellend, die durch ihre frischen, warmen Farben das ganze Zimmer belebten. Gretchen war ganz entzückt von diesem Anblick. »Hast du das alles selbst gemalt, Onkel?« fragte sie. »Freilich, die gehören alle Susi; es sind ihre Geburtstagsgeschenke von mir; das heißt, sie gehören ihr für so lange, als wir sie nicht brauchen. Weißt du, wenn dürre Zeiten kommen, wenn kein Geld mehr im Haus ist, dann muß ab und zu so eine Landschaft herunter und verkauft werden.«

Gretchen sah den Onkel erstaunt an; sie wußte nicht, ob das Scherz oder Ernst sei. Er lachte. »Das ist dir wohl ganz fremd; was macht ihr denn, wenn euch das Geld ausgeht?« »Das weiß ich nicht,« sagte Gretchen. »Es ist, glaube ich, immer welches da.«

»So? Dann ist's bei euch anders als bei uns, da wechselt Ebbe und Flut. Aber in Zeiten der Flut geht es hoch her, das heißt, soweit es deine Tante erlaubt; sie legt dann zurück für die Zeiten der Ebbe. Wenn ich dann nichts mehr habe, hat sie immer noch etwas. Ja, deine Tante, die hält das Haus zusammen! Ist's bei euch nicht so?« »Von Geld weiß ich gar nichts, Onkel, ich habe die Eltern noch nie darüber reden hören.«

»Ach so, dann hätte wohl auch ich gar nicht davon reden sollen, Susi wird mich zanken. Überhaupt, sie hat gesagt, ich soll vor allem für deine Erquickung sorgen; hier hat Rieke etwas hergerichtet für dich, sieh, ob du etwas davon brauchen kannst. Setze dich, laß dir's wohl sein, und ihr Kinder,« sagte er, indem er sich an die Kleinen wandte, die neugierig dabei standen, »seid tugendhaft und plagt euer Bäschen nicht zu Tod, so lange ich fort bin; verstanden?

»Gehst du aus, Onkel?«

»Ja,« sagte Herr van der Bolten, »jetzt kann ich ja getrost wieder in mein Atelier, weil ich das kleine Volk versorgt weiß; nun sieh eben, wie du dich durchschlägst, mir ist alles recht, wie du es machst!« Herr van der Bolten ging. Gretchen wäre es doch lieber gewesen, wenn der Onkel ihr einige Anweisungen gegeben hätte. Wie sollte sie »das kleine Volk« versorgen? Nachdem sie sich unter Beistand der Kleinen etwas gestärkt und den Tisch abgeräumt hatte, wußte sie nicht recht, was sie tun sollte, auch nicht, wo sie eigentlich hingehörte, welches Zimmer für sie bestimmt war. Sie hätte gern ihr kleines Gepäck ausgepackt. »Wißt ihr, in welchem Zimmer ich heute nacht schlafe?« fragte Gretchen die Kleinen.

»Bei uns im Schlafzimmer,« sagte Rudi. »Nein, Rudi,« sagte Betty geheimnisvoll, »ich weiß, wo sie schlafen muß.« »Wo denn?« Und ganz traurig antwortete die Kleine: »Sie muß im Garten schlafen!«

»Im Garten? Wer sagt denn das?« fragte Gretchen. »Ich glaube doch, daß ich im Zimmer schlafe.«

»Aber da wächst doch nichts,« sagte Betty, »und Rieke hat doch gesagt, du sollst dahin, wo der Pfeffer wächst.«

Gretchen lachte; sie konnte allmählich merken, daß Rieke, die Köchin, ihr nicht hold gesinnt war. Es stellte sich aber doch heraus, daß im Schlafzimmer, in das Rudi und Betty sie nun führten, ein drittes Bett stand, auf dem frische Bettwäsche offenbar zum Überziehen bereit lag. Nun kam es Gretchen ziemlich sicher vor, daß das für sie war; sie packte ihr kleines Köfferchen aus, band sich eine Hausschürze vor und überlegte, was sie nun tun sollte. Am besten wäre es wohl, sie überzöge ihr Bett; aber vorher mußte sie sich doch versichern, ob es auch für sie bestimmt sei, und dazu mußte sie Rieke fragen. Sie fühlte aber kein Verlangen, diese aufzusuchen.

»Einmal muß es doch sein, also am liebsten gleich,« dachte sie und ging hinaus. Die Kinder, die ihr bisher auf Schritt und Tritt gefolgt waren, blieben auch hier nicht zurück. Jungfer Rieke wandte sich kaum nach ihr um, als sie in die Küche trat. »Ist das Bett, auf dem die Überzüge liegen, für mich bestimmt?« fragte Gretchen.

»Ja, aber mitten im Kochen kann ich's doch nicht überziehen,« war die Antwort. »Und wann hätte ich's wohl tun sollen? Vielleicht heute morgen? Da habe ich geputzt und das Frühstück gemacht für unten und das Frühstück für oben, die Kleinen gewaschen und den Oskar in die Schule gerichtet, und dann fortgerannt auf den Markt und heimgerannt, damit ich gewiß wieder da bin, ehe der Herr fortgeht; denn die Kleinen soll man ja keine Stunde allein lassen. Und wie ich dann schnell die Überzüge herbeisuche und will überziehen, dann klingelt die Frau, es seien keine Kohlen mehr droben; dann muß ich wieder in den Keller und Kohlen hinaufschleppen bis ins Gastzimmer im obersten Stock, und dann ist's höchste Zeit zum Kochen. Nein, mehr kann man nicht verlangen; ich möchte wohl wissen, wann ich das Bett hätte überziehen sollen!«

Bei diesem stürmischen Ausbruch fuhr Rieke hin und her in ihrer Küche, daß man ihr gern aus dem Weg ging, und die Kleinen hielten sich vorsichtig außer Schußweite. Gretchen merkte, daß dieser Zorn nicht eigentlich ihr galt, sondern daß er sich von langer Zeit angesammelt hatte, wie es leicht geht, wenn die Arbeit die Kräfte übersteigt. »Sie sollen mein Bett nicht überziehen,« sagte sie in dem freundlichen Ton, in dem sie ihre Mutter immer zu dem Mädchen sprechen hörte, »das kann ich schon tun.«

»O, lassen Sie's nur, Sie kommen doch nicht damit zurecht, aber es wird ja so schrecklich nicht eilen, unsere Kinder schlafen nicht mehr nach Tisch, aber Sie vielleicht noch?« Das war grob! Aber Gretchen nahm sich zusammen. »Ich bin doch hierhergereist, um zu helfen, dann will ich nicht noch Mühe machen; ich überziehe mein Bett selbst,« entgegnete sie, und da Rieke keine Antwort weiter gab, ging sie mit den Kindern hinaus. »Die Rieke ist eine alte Brummerin,« rief der kleine Rudi sehr entrüstet; »wenn ich erst groß bin, dann leide ich das nicht.«

Nach solch beruhigender Versicherung konnte ja Gretchen wohl an ihr Geschäft gehen. Betty wich ihr nicht von der Seite und verfolgte aufmerksam all ihr Tun. Und dies Tun war nicht so einfach. Die wollene Bettdecke mußte in das Leintuch eingeknüpft werden, aber Gretchen kam damit nicht zurecht. Es war so ganz anders als daheim; Knöpfe und Knopflöcher wollten gar nicht zusammenstimmen. Immer wieder mußte sie aufknöpfen, was sie soeben zugeknöpft hatte; das Leintuch sah schon ganz bedenklich verkrüppelt aus und Gretchens Backen wurden immer röter; ein leichtes Stampfen mit dem Fuß verriet, daß ihre Geduld am Ende war. Die kleine Betty verstand diese Sprache. Immer bedenklicher wurde der Ausdruck ihres Gesichtchens, als sie ihre neue Freundin so in Verlegenheit sah. Aber jetzt kam ihr ein Gedanke. Sie ging an ihr eigenes Bettstättchen und bemühte sich, ihre kleine Decke herauszuziehen. Sie schleppte mit aller Anstrengung die Decke bis zu Gretchen und sagte: »Ich schenke dir meine Decke, tu sie nur gleich in dein Bett.« »Du gutes Herz,« sagte Gretchen gerührt, und indem sie dem Kind die unbequeme Last abnahm, bemerkte sie, daß das kleine Deckchen nach derselben Art eingeknöpft war, wie es bei der großen sein sollte; so brauchte sie sich nur nach diesem Vorbild zu richten. Wirklich, jetzt klappte alles. Gretchen war sehr befriedigt und der Kleinen dankbar, die ihr durch ihre Teilnahme zu Hilfe gekommen war, wenn auch anders, als sie gemeint hatte. Als Gretchen eben mit diesem schwierigen Werk fertig war, ertönte draußen dreimal nacheinander ein Glockenzeichen. »Das ist Papa,« riefen die Kinder. Gretchen hörte, daß die Treppentüre geöffnet wurde, aber gleichzeitig vernahm sie lautes Schelten der Köchin.

»Es ist nicht Papa gewesen, es ist Oskar, der aus der Schule kommt,« sagte Rudi, »und Rieke zankt mit ihm, weil er so klingelt, wie nur Papa klingeln darf.« Aus dem lauten Wortwechsel zwischen Rieke und Oskar entnahm Gretchen, daß der kleine Bursche seines Vaters Klingeln nachahmte, damit ihm rascher geöffnet würde. Rieke aber wollte dem Jungen nicht dasselbe Vorrecht einräumen wie ihrem Herrn.

»Mit Oskar haben wir solch eine Not, seit Mama nicht mehr bei uns ist,« erklärte Rudi in seiner altklugen Weise; und in der Tat hörte Gretchen, daß ihr Vetter Oskar dem Mädchen sehr unbotmäßige Antworten gab. Im nächsten Augenblick aber trat er ganz vergnügt ins Zimmer. Er war schon einen Kopf größer als Rudi, ein strammer Schulbub und ein hübscher Bursche. Gretchen begrüßte er sehr fröhlich; dann wandte er sich an die Kleine: »Was gibt's zu Mittag? Heute bin ich hungrig.«

Da dachte sich Gretchen, es werde wohl Zeit sein, den Tisch zu decken. Auf ihre Aufforderung waren die Kinder gerne bereit, ihr zu helfen; und als Rieke mit den Tellern ins Zimmer kam und dies Geschäft schön besorgt sah, machte sie doch ein gnädiges Gesicht. Wie aber eine Viertelstunde um die andere verging, ohne daß der Herr zum Essen heimkam, war sie sehr ungehalten. Auch die Kinder wurden verdrießlich und verlangten einstweilen zu essen, und als Rieke nicht für sie allein anrichten wollte, wurde Oskar unartig gegen sie. Es war eine ungemütliche Stunde. Gretchen dachte daran, wie bei ihr zu Hause die Essenszeiten so pünktlich eingehalten wurden, und sehnte sich nach Hause. Endlich erschien Herr van der Bolten. Er gab für sein spätes Kommen keinen anderen Grund an, als daß er vergessen habe, rechtzeitig auf die Uhr zu sehen. Er war aber bei Tisch so liebenswürdig gegen Gretchen, so heiter mit den Kindern, daß sie bald alle in fröhlicher Stimmung waren. Nur Rieke machte noch ein böses Gesicht, als sie den Tisch wieder abräumte.

Herr van der Bolten bemerkte es. »Immer Regenlandschaft, Rieke,« sagte er, »oder gar Gewitterschwüle?«

Rieke war nicht zum Spassen aufgelegt. »Es ist aber auch keine Ordnung mehr im Haus, seit die gnädige Frau nicht mehr da ist.«

»Da haben Sie einmal ein ganz wahres Wort gesprochen,« sagte Herr van der Bolten mit voller Überzeugung.

»Und dann soll man noch immer lachen und ein freundliches Gesicht machen, wenn man so viel zu tun hat wie ich und immer putzen muß.«

»So machen Sie sich's eben leichter, Rieke,« sagte Herr van der Bolten gutmütig.

»Das ist schnell gesagt, aber wie sieht's dann aus im Haus? Spinnweben in allen Ecken!«

»Spinnweben? Das ist etwas sehr Malerisches, Rieke, die lassen Sie nur alle stehen und wühlen Sie nicht immer im Staub. Setzen Sie sich manchmal ein Stündchen hin und sehen Sie die illustrierten Zeitschriften an, dann werden Sie gleich heiterer aussehen.«

Gretchen machte große Augen bei diesem Vorschlag, Rieke fast noch größere. »Ach,« rief sie, »der gnädige Herr versteht doch schon rein gar nichts!« und damit ging sie hinaus. Herr van der Bolten lachte nur, er nahm das nicht übel.

Kaum war das Essen abgetragen, als er das Klavier aufschlug und ein paar laute Akkorde spielte. »Das ist unser Zeichen,« erklärten die Kinder, »Mama hört es droben in der Krankenstube und dann kommt sie an das Kammerfenster und schaut zu uns herunter in den Hof.«

Die ganze Gesellschaft begab sich nun hinunter, Gretchen mit Betty an der Hand. Die Kleine hatte vielleicht am meisten von den Kindern die Mutter vermißt; denn sie kam nicht recht zur Geltung neben den Brüdern, und nun gab sie sich gerne unter den Schutz von Gretchen und schmiegte sich innig an diese.

Drunten im Hof war's kalt. »Ich hätte den Kleinen etwas Warmes anziehen sollen,« sagte Gretchen und war eben daran, Betty das Taschentuch um den Hals zu binden, als die Kinder riefen: »Die Mama!«

Im oberen Stock war ein Fenster geöffnet worden, freundlich winkend und grüßend sah Frau van der Bolten herunter, und die kleine Betty streckte verlangend die Arme nach ihr aus. Gretchen hatte die Tante anders in Erinnerung gehabt, sie war eine schöne, blühende Frau gewesen, und jetzt sah sie zart und schmächtig aus, fast wie Frau Reinwald, deren Schwester sie war. Sie erinnerte Gretchen so lebhaft an die Mutter, daß sie fast ebenso verlangend hinaufblickte wie die Kleinen.

»Wie gut, daß du gekommen bist!« rief die Tante.

»Und wie geht es Hugo?« fragte Gretchen.

»Er ist recht unruhig heute mittag und hat mehr Fieber als bisher. Achte doch recht darauf, Gretchen, wenn etwa eines der Kinder sich unwohl fühlt, nicht wahr? Es müßte dann gleich von den andern getrennt werden.« – »Ja, Tante, ich will recht aufpassen und jetzt gleich mit den Kindern hinaufgehen, es ist zu kalt für sie, morgen ziehe ich sie wärmer an.«

»Und dich selbst auch, Gretchen! Sorge auch für dich, du bist jetzt die Stütze des Hauses; wie groß bist du geworden, ich kenne dich kaum mehr!«

Gretchen ging mit den Kindern ins Haus, ihr Onkel blieb noch zurück. Er sprach zu seiner Frau italienisch; Gretchen verstand die Sprache nicht; aber sie hörte, daß er in liebevollem Ton redete, und lange harrte er aus in dem kalten Hof.

Gretchens erster Bericht nach Hause lautete günstig, aber nicht alle Tage sollten so friedlich verlaufen wie die ersten. Eines Tages, kurz nach zwölf Uhr, wurde dreimal geklingelt, und Rieke, die überzeugt war, daß Oskar wieder das Glockenzeichen seines Vaters mißbrauchte, öffnete die Türe nicht. Zum zweiten Male ertönte die Klingel in derselben Weise, nur heftiger und lauter – ohne anderen Erfolg, als daß Rieke hinausrief: » einmal, oder ich mache dir nicht auf.« Gretchen besann sich, ob sie sich dareinmischen solle, sie wollte Oskar nicht in seiner Unart bestärken und fand Riekes Benehmen gerechtfertigt, und doch konnte man das Läuten, das sich zum drittenmal immer lauter wiederholte, gar nicht recht mit anhören. Da plötzlich gab es ein furchtbares Geklirr. Gretchen eilte hinaus und sah eben, wie Oskar durch das Fenster der Glastüre hereinsteigen wollte, das er in seinem Zorn mit dem Schulranzen zerschlagen hatte. Sie öffnete rasch die Türe, damit sich der Junge in seiner blinden Wut nicht noch beim Einsteigen an den Glasscherben verletze. Kaum war er eingelassen, so stürzte er auf Rieke zu und wollte nach ihr schlagen; die schob ihn auch nicht freundlich beiseite, die kleine Betty fing laut an zu weinen, es war ein rechter Tumult, in den Rudi hineinrief: »Es kommt ein Besuch die Treppe herauf!«

So unangenehm allen diese Mitteilung war, so war sie doch geeignet, die Gemüter zu besänftigen. Rieke und Oskar gingen nach verschiedenen Seiten ab, die Kleine wurde still, und Gretchen fragte nach dem Begehr des fremden Herrn, der vor ihr stand. Er wollte Herrn van der Bolten sprechen und fragte, ob er wohl nachmittags zu treffen wäre. Gretchen versprach, ihrem Onkel auszurichten, daß der Herr um drei Uhr wiederkäme.

Sie schämte sich, daß dieser Herr das Durcheinanderschreien Riekes und der Kinder vermutlich gehört hatte, und wie sah auch das zerschlagene Fenster so häßlich aus!

Über die Unart ihres Vetters war Gretchen sehr empört, und als nun Rieke mit Schaufel und Besen kam, um die Scherben aufzukehren, half sie ihr dabei. Rieke entnahm daraus, daß Gretchen auf ihrer Seite stand, und das tat ihr wohl.

»Bemühen Sie sich nicht mit den Scherben,« sagte sie, »die werde ich schnell beisammen haben; aber daß ich nun wieder mitten von der Arbeit weg zum Glaser laufen muß, damit uns der vor Nacht das Fenster noch macht, das ärgert mich.«

»Oskar soll hingehen, er ist schuld daran. Weiß er wohl den Weg zum Glaser?«

»Freilich, aber der geht doch nicht! Da könnte ich zu ihm sagen, was ich wollte, und er ginge mir nicht!«

»Ich will's ihm vorstellen, daß das seine Schuldigkeit ist; ich werde ihn schon dazu bringen.«

»Da werden Sie schön ankommen, den bringt niemand zurecht, außer die gnädige Frau, die kann's in ihrer lieben Art mit allen Menschen.«

»Ich will's auch mit Liebe versuchen,« sagte Gretchen. Sie kannte diese Art gar wohl, es war ja die ihrer eigenen Mutter. Es kam ihr auch nicht schwer vor; Oskar hatte sich gewiß inzwischen selbst schon besonnen, sein Gewissen mußte ihm sagen, daß er unrecht getan hatte. Wie elend mußte ihm nun zumute sein; er war jetzt am meisten zu bedauern.

Als Gretchen ins Zimmer trat, um mit ihrer ganzen Liebe dem reuigen Sünder entgegenzukommen, saß dieser am Tisch, ließ sich gemütlich sein Butterbrot schmecken und sagte eben lachend zu Rudi: »Gelt, das hat lustig geklirrt? So einen Streich könntest du nicht machen!«

Im Nu war Gretchens mitleidige Stimmung in hellen Zorn verwandelt. »Oskar,« rief sie in höchster Entrüstung, »wie kannst du so reden, und wie kannst du dich jetzt gemütlich hinsetzen und essen!« Und dabei nahm sie ihm mit festem Griff das Brot aus der Hand. »Augenblicklich gehst du fort zum Glaser und bittest ihn, daß er heute noch das Fenster wieder macht. Vorher bekommst du keinen Bissen zu essen, ich kann dich gar nicht begreifen –!« Aber weiteres war überflüssig, denn Gretchens sittliche Entrüstung hatte etwas so Überwältigendes, daß Oskar seine Mütze nahm und fortrannte – zum Glaser!

Einen Augenblick nachher streckte Rieke neugierig ihren Kopf zur Türe herein. »Ist er fort? Wirklich? Zum Glaser? Ich hätt's nie geglaubt. Nun will ich nur sehen, ob er klingelt, wie sich's gehört, wenn er heimkommt, oder ob er lieber durchs Fenster steigt und sich blutig reißt.«

Es geschah aber weder das eine noch das andere; denn geduldig im Eckchen des Vorplatzes wartete Betty, die gute, kleine Seele, auf ihren Bruder, und als sie ihn heraufkommen hörte, machte sie ihm schnell die Türe auf, um allem Übel vorzubeugen.

Gretchen war noch ganz erfüllt von diesem Erlebnis, als Herr van der Bolten heimkam. Er wurde sehr ärgerlich beim Anblick des zerbrochenen Fensters, und Oskar erhielt wohl einen Denkzettel; aber daß Herr van der Bolten fast ebenso ärgerlich über Rieke war, ja, daß er sogar Gretchen vorwarf, sie hätte so etwas vermeiden sollen, das konnte sie gar nicht begreifen. Wenn doch nur Oskar unartig war, warum wurden dann die andern auch und noch dazu in dessen Gegenwart getadelt? Sie war gar nicht gewöhnt, einen ungerechten Vorwurf zu bekommen, und es fiel ihr daher sehr schwer, ihn hinzunehmen. Wie gerecht war ihr Vater immer trotz aller Strenge!

Über diesen Dingen hatte Gretchen vollständig den Auftrag des fremden Herrn vergessen, und als ihr Onkel um zwei Uhr ausging, hatte er keine Ahnung, daß um drei Uhr nach ihm gefragt würde. Noch vor drei Uhr klingelte es, und Rieke kam zu Gretchen. »Der Herr ist wieder da, der heute mittag schon hier war; er sagt, er sei auf drei Uhr angesagt. Kommt denn der gnädige Herr so bald heim?«

Gretchen wurde über und über rot vor Schrecken und Scham. »Ach, das habe ich vergessen auszurichten!« rief sie ganz entsetzt.

»Was soll ich jetzt sagen? Der Herr sei verhindert, aber morgen sei er zu sprechen?«

»Nein, Rieke,« sagte Gretchen kläglich, »er ist ja nicht verhindert, wir können das doch nicht sagen!«

»Aber jedenfalls kann man den Herrn nicht so lang vor der Türe stehen lassen.«

»Ich muß um Entschuldigung bitten,« sagte Gretchen und ging mit einem schweren Seufzer hinaus. Tief errötend erschien sie vor dem Fremden und stammelte: »Es ist mir leid, ich habe es ganz vergessen, meinem Onkel auszurichten.«

Dieser schien sehr ärgerlich. »Ich habe keine Zeit, zum drittenmal herzukommen. Ich muß mit dem Schnellzug wieder abreisen und habe hier mit meiner Frau nur einen Tag Aufenthalt genommen, um bei Herrn van der Bolten eine große Bestellung zu machen.«

Als Gretchen dies hörte, war es ihr noch viel mehr leid. »Das wird meinem Onkel so arg sein!« sagte sie; »meine Tante ist eben nicht da, sonst wäre so etwas nicht vorgekommen, und heute morgen, wie Sie kamen, war gerade das Unglück geschehen mit dieser Scheibe da, und darüber habe ich es vergessen auszurichten.«

»Wissen Sie vielleicht, wo Ihr Herr Onkel ist? Dann könnten Sie ihn benachrichtigen und bitten, daß er uns vor fünf Uhr im Bahnhofhotel aufsucht, vielleicht reicht es dann noch, das Nötige zu besprechen.« Der Herr übergab seine Besuchkarte.

»Ich will gleich in sein Atelier schicken und nach ihm fragen lassen,« sagte Gretchen.

»Dort war ich selbst schon, weil ich gern Gemälde von ihm gesehen hätte; es war aber geschlossen.«

»O, hier im Hause sind auch Gemälde, wollen Sie diese nicht ansehen?« fragte Gretchen; und nun führte sie den Fremden in das Zimmer und sah mit Stolz, wie sehr er die Landschaften bewunderte. »Ist's gar nicht möglich, daß Sie hier übernachten?« wagte Gretchen zu fragen, und setzte ganz zerknirscht hinzu: »Wenn ich schuld wäre, daß Sie meinen Onkel nicht sehen, wäre es mir so furchtbar leid.«

»Heute muß ich unbedingt abreisen,« sagte kopfschüttelnd der Herr; »ich kann Ihnen leider nicht helfen, wenn der Herr Onkel böse auf Sie wird. Aber vielleicht kommt er doch noch rechtzeitig zu uns.«

Der Fremde ging. Gretchen dachte daran, wie die Mutter so besorgt gewesen war in der Furcht, Gretchen sei ihrer Aufgabe nicht gewachsen. Ach, sie hatte recht gehabt! Sie mußte nun eben des Onkels Vorwürfe hinnehmen. Aber die Mutter sagte ja immer: erst sich in ein Übel ergeben, wenn man alles versucht hat, es abzuwenden. Was war zu versuchen? Wenn der Onkel nicht im Atelier war, wo konnte er dann sein? Sie fragte Rieke. »Das kann kein Mensch wissen,« meinte diese; »vielleicht im Kaffeehaus, oder im Museum, bei Bekannten oder auf einem Spaziergang, unmöglich ihn zu finden!«

»O Rieke,« bat Gretchen, »wenn Sie es doch versuchen würden, ob Sie den Onkel nicht zufällig da oder dort treffen, ich wäre so dankbar! Ich ginge gewiß gern selbst, aber ich kenne mich gar nicht aus in der Stadt.«

Rieke wollte zwar nicht; sie fand es zwecklos, so ins Unbestimmte in der Stadt herumzulaufen, aber Gretchen ließ nicht nach mit Bitten und Versprechen; die schönste Schürze, die sie habe, wolle sie Rieke schenken und ihr helfen, so viel sie könnte, so lange sie hier bliebe. Da endlich löste Rieke ihre Schürzenbänder und machte Anstalt, sich für den Ausgang zu richten. Inzwischen saß Gretchen im Zimmer und schrieb mit fliegender Eile wohl auf fünf Zettel die Worte: Herr van der Bolten möchte so bald wie möglich in das Bahnhofhotel zu Kommerzienrat Frick kommen. »Rieke,« bat Gretchen, »geben Sie doch die Zettel da und dort ab, wo Sie etwa meinen, daß mein Onkel hinkommt; dann, wenn Sie ihn nicht treffen, bekommt er doch vielleicht noch rechtzeitig so einen Zettel.«

Rieke wollte die Papiere nicht nehmen. »Sie machen uns rein lächerlich in der Stadt,« sagte sie kopfschüttelnd. »Was sagen da die Leut'!«

Aber Gretchen ließ nicht nach mit Bitten, bis Rieke mit ihren Zetteln fortging. Oskar war in der Schule, aber Rudi und Betty hatten mit großer Teilnahme die aufregende Angelegenheit verfolgt, und alle drei standen nun am Fenster und sahen hinaus, wie Rieke die Straße entlang ging, viel langsamer, als Gretchen gewollt hätte; und als sie ihnen endlich aus den Augen schwand, gingen sie miteinander in die Küche, wo Rieke noch nicht fertig aufgeräumt hatte; Gretchen wollte des Mädchens Arbeit tun, so gut sie konnte.

Nach vier Uhr kam Rieke zurück. Sie hatte ihren Herrn vergeblich gesucht. »Und die Zettel?« »Die habe ich abgegeben, einen im Atelier, einen im Kaffeehaus, einen beim Friseur, zwei habe ich den Briefträgern angehängt; aber, Fräulein Gretchen, alle haben gelacht über mich, und ein andermal will ich nimmer zum Gespött der Leute werden! Helfen werden die Zettel doch nichts, es ist mir erst unterwegs eingefallen, daß der Herr wahrscheinlich vor der Stadt draußen ist, er malt doch den ›Winterabend‹ und schaut sich alle Tage draußen den Schnee an.«

Mit Bangen verbrachte Gretchen den Nachmittag. Wie würde der Onkel ihr zürnen, wenn sie ihn vielleicht um einen wertvollen Auftrag gebracht hatte! Mit Recht könnte er sagen, wenn sie nicht hierher gekommen wäre, so wäre es viel besser gewesen; denn Rieke hätte die Bestellung gewiß nicht vergessen. Sie machte sich die bittersten Vorwürfe, und es wurde ihr von einer Stunde zur andern unbehaglicher zumute; denn sogar wenn der Onkel noch glücklich mit dem Fremden zusammenträfe, ihre Vergeßlichkeit blieb deswegen doch bestehen. Sie fragte Rieke, sie fragte Oskar, wann der Onkel vermutlich heimkäme, sie wußten es nicht. Als es später als sechs Uhr wurde, fing Gretchen an zu hoffen, daß der Onkel mit dem Fremden an die Bahn gegangen sei. Es schlug sieben Uhr, Gretchen hatte die Kleinen zu Bette gebracht, und in der Stille, die nun eintrat, konnte sie die Spannung nicht mehr aushalten. »Oskar,« sagte sie, »klopfe auf dem Klavier herum so gut du kannst, vielleicht hört es deine Mama, ich gehe hinunter in den Hof, ich muß sie sprechen!«

Es war schon finster und kalt, als Gretchen in den beschneiten Hof trat. Aber welche Überraschung! An der Mauer lehnte eine dunkle Gestalt, die weichen Laute der italienischen Sprache klangen in Gretchens Ohr und wurden erwidert von einer sanften Stimme von oben.

»Onkel, bist du da?« rief Gretchen in höchster Erregung.

»Ich bin natürlich da,« rief lachend Herr van der Bolten, »aber du, was willst du in Schnee und Eis? Möchtest du die Tante etwas fragen? Susi, da ist unser Hausmütterchen.«

Aber das freundliche Wort tat Gretchen nur weh, wie wenig verdiente sie es gerade heute!

»Ist doch keines von den Kindern unwohl?« rief die Tante ängstlich.

»Nein, nein, sie sind ganz munter, ich wollte nur fragen, wann wohl der Onkel heimkommt.«

»So, ist's denn schon so spät?« fragte dieser verwundert. »Ich komme gleich mit dir.«

Während Gretchen pochenden Herzens mit ihm die Treppe hinaufging, und ihr das schwere Geständnis auf den Lippen schwebte, redete ihr Onkel sie plötzlich an: »Ei, Gretchen, du hast ja einen famosen Einfall gehabt, daß du Zettel nach mir in alle Winde gestreut hast. Wie hast du das nur so schlau gemacht? Überall wurde ich aufgehalten und bekam deine Aufforderung, einmal vom Briefträger, einmal im Kaffeehaus, es war köstlich!« Gretchen horchte hoch auf. »Hast du es auch noch rechtzeitig erfahren?« fragte sie ängstlich. »Hast du den Herrn gesprochen?«

»Ja, freilich; ach, du hast dir wohl Sorge gemacht, daran hätte ich denken sollen; der Herr hat mir gesagt, daß es dem jungen Fräulein sichtlich leid gewesen sei. Gretchen, du bist eine kapitale Person, daß du auf den Einfall kamst, ihm meine Gemälde zu zeigen; wir wären sonst, in so kurzer Zeit, nicht ins Reine gekommen. Der Mann hat eine prächtige Bestellung gemacht, Susi ist ganz entzückt darüber. Wenn die großen Gelder dafür einlaufen, sollst du auch nicht vergessen werden. Wieviel so Zettel hast du eigentlich nach mir abgefeuert? Fünf? Geniale Idee!«

Der Onkel lachte laut, und Gretchen wußte gar nicht, wie ihr geschah, als alles Gefürchtete sich in so reine Heiterkeit auflöste. Ja, bei den Eltern war's anders, da wurde man ganz nach Verdienst behandelt; bei dem Onkel hingegen kamen unverdiente Vorwürfe, während die wohlverdienten ausblieben. Da mußte man eben eins ins andere rechnen!


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