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Dreizehntes Kapitel.
Fräulein Trölopp

Rudi und Betty hatten sich so eingelebt in der Familie Reinwald, daß sie ganz erstaunte Gesichter machten, als eines Tages die Nachricht kam, Fräulein Trölopp würde am nächsten Montag kommen, um sie heimzuholen. Ihnen war es, als wären sie schon daheim, und sie sehnten sich nicht fort. Auch Gretchen hatte sich an sie gewöhnt wie an kleine Geschwister und mochte gar nicht daran denken, daß sie nun wieder das einzige Kind im Haus sein würde. Aber etwas war doch bei dieser Mitteilung, das sie sehr glücklich machte: Fräulein Trölopp wollte ja die Kinder holen. Sie freute sich so sehr darüber, daß sich Frau Reinwald wunderte. »Du hast sie doch zu wenig kennengelernt, um sie eigentlich lieb zu gewinnen,« sagte Frau Reinwald.

»Ich weiß auch gar nicht, ob ich sie lieb habe; aber sie ist so ganz anders als alle anderen Menschen, daß ich zu gern möchte, Ihr lerntet sie kennen.«

Als am nächsten Tag Gretchen an die Bahn ging, um Fräulein Trölopp abzuholen, brauchte sie sich nicht lange unter den Ankommenden umzusehen. Der bekannte, grellgelbe Samthut leuchtete ihr schon von weitem entgegen, auch der schillernde Reisemantel fehlte nicht, und die fremdartige Erscheinung zog sogar in der Großstadt manchen Blick auf sich. Im ersten Augenblick war es Gretchen, als sei Fräulein Trölopp noch etwas unschöner als früher, und wahrend die dicke, kleine Gestalt mit ihr durch die Straßen watschelte, mußte sie denken, was wohl die Eltern von der neuen Bekanntschaft halten würden. Vielleicht erschien sie ihnen nur abstoßend und sie würden sie gerne möglichst bald wieder ziehen sehen?

Konnte Fräulein Trölopp Gedanken lesen? Fast mußte es Gretchen glauben; denn sie unterbrach Gretchens Gedankengang, indem sie sagte: »Ich werde Ihren Eltern nicht lange zur Last fallen. Es ist jetzt elf Uhr, um zwei Uhr werde ich mit den Kindern abreisen«

»Aber Fräulein Trölopp,« rief Gretchen erstaunt, »wir haben ja gerechnet, daß Sie bei uns übernachten!«

»Ich mache nicht gerne unnütze Mühe; sagen Sie selbst, hat es einen Nutzen, daß ich bleibe?« »Sie müssen sich doch ein wenig von der Reise erholen.« »Das ist unnütz.« »Wir haben aber die Kindersachen noch gar nicht alle eingepackt.« »Das kann ich zwischen elf und zwei Uhr besorgen.«

Gretchen wandte nichts weiter ein; sie mochte nicht sagen: Es wird uns leid tun, wenn Sie so kurz bleiben. Den Eltern mußte ja die abenteuerliche Erscheinung mißfallen. Warum konnte sich auch Fräulein Trölopp nicht ein klein wenig anspruchsloser kleiden? Franziska würde gleich spöttisch lächeln beim Anblick dieses Gastes!

Als sie zu Hause anlangten, öffneten die Kinder die Türe, und fast gleichzeitig mit ihnen erschien Frau Reinwald, deren feine, schlanke Gestalt den größten Gegensatz bildete zu der kurzen, dicken Figur Fräulein Trölopps. Gretchen sah fast ängstlich auf die Mutter, wie würde der erste Eindruck sein?

Unnötige Sorge, Gretchen! Es gibt Menschen, die sehen durchs Äußere hindurch ins Innere, und zu diesen gehört deine Mutter.

Frau Reinwald hieß mit großer Herzlichkeit Fräulein Trölopp willkommen. »Sie haben meiner Schwester und ihren Kindern so viel Liebe erwiesen, daß ich glücklich bin, Ihnen auch ein ganz klein wenig Liebe erweisen zu können. Wer weiß, wie meine Schwester die schwere Zeit überstanden hätte ohne Ihre Hilfe. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen bin!« und bewegt zog Frau Reinwald die Fremde an sich und küßte sie. Gretchen fühlte sich glückselig, alle ihre Erwartungen waren übertroffen! Ein solcher Empfang wurde Fräulein Trölopp zuteil! Und sah diese noch so häßlich aus? Nein, in diesem Augenblick war wenigstens etwas Schönes an ihr, das war der warme Strahl des Glückes, der aus ihren Augen leuchtete, während sie zu Frau Reinwald aufsah und einfach sagte: »Sie sind eine edle Frau!«

Gretchen fühlte sich am Kleid gezupft, als sie eben der Mutter und dem Gast ins Zimmer folgen wollte. Rudi und Betty waren es, die sie festhielten und ihr nun zuflüsterten: »Jetzt kommt die Überraschung.« Neugierig trat Gretchen mit den andern in das Wohnzimmer und war in der Tat überrascht. Ehe sie an die Bahn gegangen war, hatte die Mutter gesagt: »Wir brauchen nichts zum Empfang zu richten, es wird ja bald nachher zu Mittag gegessen und der erwartete Gast ist anspruchslos.« Kaum aber war Gretchen fort gewesen, so hatte Frau Reinwald den Tisch gedeckt, mit Blumen geschmückt, Kuchen und Wein aufgestellt. Sie wollte den Gast und zugleich Gretchen damit erfreuen und ergötzte sich nun an Gretchens Überraschung, die doch nicht laut werden durfte.

Herr Reinwald trat ein, als sich Fräulein Trölopp eben für den gastlichen Empfang bedankte. »Verlieren Sie nur keine Worte darüber,« sagte er, »meine Frau meint nämlich mit ihrem Kuchen und ihren Blumen gar nicht Sie, sie meint nur ihre gut gepflegte Schwester und glücklich genesenen Neffen und allenfalls noch dieses Gretchen dort, das man nicht mehr erfreuen kann, als wenn man eine gewisse Reisebekanntschaft ehrt; ist's nicht so, Gretchen? Wie sagt man, C ordova oder Cord ova?«

Das Einpacken der Kinderkleider, das Fräulein Trölopp zwischen elf und zwei Uhr besorgen wollte, schien doch größere Schwierigkeiten zu machen, oder hatte Frau Reinwald etwas anderes ausfindig gemacht, das ein längeres Verweilen »nützlich« erscheinen ließ? Jedenfalls leuchtete der gelbe Samthut an diesem Tage nicht mehr auf dem Bahnhof, und Fräulein Trölopp saß abends mit der Familie Reinwald am gemütlichen Teetisch. Die Kleinen waren zum letztenmal in ihre Bettchen gebracht, Franziska hatte den Teetisch abgeräumt, es war die Stunde traulichen Gespräches.

»Sie waren gewiß schon in größeren Haushaltungen tätig,« fragte Frau Reinwald, »da Sie sich so merkwürdig schnell in dem Hauswesen meiner Schwester zurechtgefunden haben.«

»Ja, aber nur aushilfsweise, alles aushilfsweise. Ich war im spanischen Amerika, was Sie auf deutsch etwa ›Helferin‹ nennen würden.« Gretchen, die längst gerne etwas über Fräulein Trölopps eigentlichen Beruf gehört hätte, fragte begierig: »Was tut eine Helferin?«

»Haben Sie noch nie gehört von dieser Einrichtung? Die Helferin hilft aus bei unvorhergesehenen Schwierigkeiten.«

»Also in Krankheiten?«

»Auch da, doch nur so lange, bis eine Krankenpflegerin gefunden ist. Öfter noch hilft sie in anderen Fällen, einerlei was es ist, wenn es nur unvorhergesehen und nützlich ist.«

Fräulein Trölopp schwieg. Es schien nicht ihre Art zu sein, viel von ihrem Tun zu sprechen. Herr Reinwald bemerkte Gretchens Enttäuschung darüber. »Sehen Sie nicht, Fräulein Trölopp,« sagte er, »wie neugierig dies große Kind ist, und wie gerne es noch mehr hören möchte von Ihrer Tätigkeit in Amerika. Und wir Eltern verstecken uns selbst gern hinter ihre Neugier und bitten Sie, erzählen Sie uns ein wenig.«

»Gerne, aber Sie können sich den Beruf der Helferin wohl selbst vorstellen. Ich half eben aus, wo es not tat. Man wußte meine Adresse auf der Polizei, bei Bekannten und später in immer weiteren Kreisen. Ich folgte jedem Ruf, bei Tag oder Nacht, und lehnte bloß ab, wenn die Not nicht unvorhergesehen war, oder wenn es sich um Unnützes handelte. In den vielen Jahren, die ich in diesem Berufe stand, kam ich am öftesten in Familien, wo durch Todesfall ein Haushalt unversorgt war. Die Helferin bleibt immer nur so lange, bis ständige Hilfe gefunden ist, oft ist's nur ein Tag, und nie sollen es mehr als vier Wochen sein, damit die Helferin immer wieder bereit ist für Unvorhergesehenes. Oft kommt mitten in der Nacht ein Ruf an sie. Bei mir wurde einmal nachts angeläutet, und als ich das Fenster öffnete, sah ich vor meinem Haus einen ganzen Auflauf. Dort unten standen vielleicht zwanzig blinde Mädchen, ein Polizeimann dabei. Er rief mir herauf: ›Es brennt in der Blindenanstalt, Sie sollen diese Blinden in das nächste Schulhaus bringen und bei ihnen bleiben, bis sie abgeholt werden.‹ So übergab er mir, die ich mich eilends gerichtet hatte, lauter zitternde, jammernde, blinde Mädchen, die ganz außer sich waren vor Schrecken und sich nicht so schnell wie Sehende davon überzeugen ließen, daß sie der Gefahr glücklich entronnen waren. Sie hielten sich an einem Leitseil. Mit diesem führte ich sie langsam durch die ihnen fremden Straßen bis zu dem Schulhaus.

»Jederzeit nahm ich als Helferin in solchen Fällen zwei Dinge mit mir: Das eine war Tee, den bereitete ich auch den armen, vor Schrecken, Schlaf und Kälte zitternden Mädchen in dieser Nacht mit Hilfe der Hausmeisterin; das andere waren Paul Gerhardts Lieder. Diese habe ich mir, so gut ich eben konnte, ins Spanische und ins Französische übersetzt, und sie haben geängstigten Menschen aller Bekenntnisse Trost und Frieden gebracht. Auch die Blinden konnte ich mit diesen zwei Mitteln zur Ruhe bringen.

»Noch ein nächtlicher Vorgang ist mir in Erinnerung, noch viel schmerzlicher als der mit den Blinden. Mit Eintritt der Nacht wurde ich in ein Haus geholt, dort hatte ein armer Mann in der Verzweiflung sich und seine Frau ums Leben gebracht. Da lagen sie beide tot, fünf Kinder schrieen und weinten vor Entsetzen. In einer Kammer nebenan verbrachte ich die Nacht mit den armen Kindern. Ich konnte sie schwer zur Ruhe bringen, eine Mutter hätte das wohl besser verstanden als ich; aber wenn sie ganz allein geblieben wären, hätten sie sich doch noch mehr gefürchtet, und sie tranken doch auch meinen Tee, hörten meine Lieder und drängten sich um mich, und die Kleinsten schliefen ein. Am Morgen kamen die Kinder ins Waisenhaus.

»Aber nicht immer hatte ich als Helferin so traurige Pflichten; in der Zeit einer Epidemie machte ich mehrfach die Stellvertreterin für erkrankte Lehrerinnen; freilich bin ich nicht in allen Fächern genügend beschlagen, um zu lehren, aber ich konnte die Kinder doch in Ordnung halten und nützlich beschäftigen. Manchmal wurde ich auch in Geschäftshäuser gerufen. Ein paar Tage übernahm ich die Kasse in einem großen Warenhaus, dessen Angestellte erkrankt war; in solchen Fällen wurde ich oft glänzend bezahlt, und das ist gut, denn wo Armut herrscht, verzichtet man natürlich auf Bezahlung. Es ist gut, wenn sich solche Frauen zu Helferinnen hergeben, die etwas Vermögen besitzen, denn man kann nicht auf regelmäßige Einnahmen rechnen, soll es auch nicht um des Verdienstes willen tun.

»Man möchte alles können als Helferin, um allen Anforderungen gerecht zu werden. Einmal schickte Samstagnachmittag eine Büglerin nach mir, sie habe viele Körbe voll Wäsche für den Sonntag zu bügeln versprochen und könne sie nicht liefern, wenn ihr nicht jemand zu Hilfe käme. Solche Fälle müssen oft genau untersucht werden, denn die Helferinnen sollen sich vor Mißbrauch schützen. Hätte die Frau aus Gewinnsucht oder Ungeschick zu viel Wäsche angenommen, so hätte ihr jede Helferin die Hilfe versagen müssen. Es war aber ihrer Tochter der glühende Stahl auf den Fuß gefallen, und das Bügelmädchen war zur sterbenden Mutter berufen worden. Das war unvorhergesehen, da mußte die Helferin eintreten. Ich bügelte mit der Frau bis Mitternacht; freilich eine große Künstlerin bin ich darin nicht, aber es war doch brauchbar, und die Frau verlor nicht ihre Kundschaft. Am Morgen trug ich mit ihr Wäsche aus bis zur Kirchenzeit, denn einer Helferin darf keine Arbeit zu gering sein. Sie soll sich aber auch in der vornehmen Welt zu benehmen wissen, denn auch in dieser kommen unvorhergesehene Notfälle vor, wenn auch seltener, denn um Geld finden sich leicht helfende Hände.

»Eine unserer besten Sängerinnen sollte in der Stadt N. bei einem Künstlerfest als Sängerin auftreten und war im Begriff, mit ihrer Mutter dorthin abzureisen, da übertrat sich diese den Fuß und konnte nicht reisen. Es schien untunlich, das junge Mädchen allein reisen, allein mit fremden Künstlern auftreten zu lassen. Um zwölf Uhr mittags begegnete der Mutter das Mißgeschick, um ein Uhr wurde ich benachrichtigt und zur Begleiterin bestimmt, um zwei Uhr war ich schon mit meiner Pflegebefohlenen unterwegs; diesmal war ich ohne Tee und ohne Paul Gerhardt ausgezogen, aber mit meinem höchsten Staat, einem grünseidenen Gewand. Wir wurden in vornehmem Gefährt abgeholt und zur Festhalle geleitet. Ich ermutigte das junge Mädchen vor ihrem Auftreten, und nach demselben half ich ihr die Blumen tragen, welche begeisterte Zuhörer ihr gespendet hatten. Es war nicht überflüssig gewesen, daß ihr eine Stellvertreterin für die Mutter mitgegeben worden war, denn nach dem Konzert, in dem sie hinreißend schön gesungen hatte, kamen zwei Herren, um sie zu bestimmen, daß sie sich für den Winter für ihre Musikhalle gewinnen lasse. Ich wußte, daß diese Herren keiner guten Gesellschaft angehörten, aber sie machten glänzende Anerbietungen. Die junge Künstlerin fühlte sich geschmeichelt und zeigte sich gleich bereit, den Vertrag zu unterschreiben, mit dem sie dann ihre Mutter überraschen wollte. Ich bestand darauf, der Vertrag müsse der Mutter vorgelegt werden, ehe er unterschrieben würde. Aber beide Teile hörten wenig auf meine Worte. Vielleicht hätten sie mehr darauf geachtet, wenn ich nicht so klein und unschön wäre; eine Helferin sollte womöglich nicht so sein. Die Herren drängten das Mädchen und drückten ihr die Feder in die Hand, mit der sie den schon vorbereiteten Vertrag unterschreiben sollte. Ich wußte nichts Besseres zu tun, als den Vertrag wegzunehmen und in Stücke zu zerreißen. Freilich mußte ich bissige Worte hören über den ›aufgeblasenen Laubfrosch‹, womit sie mich in meinem grünseidenen Kleid meinten; aber sie verließen uns doch und kamen nicht wieder. Die junge Schöne zürnte wohl mit mir, aber in späteren Jahren schickte sie mir eine große Summe mit der Aufschrift: ›Verspäteter Dank für glückliche Bewahrung.‹«

Fräulein Trölopp schwieg. Nach einer kleinen Weile sagte Frau Reinwald: »Das ist ein schöner Beruf, in dem man so viel Not abwenden oder lindern kann. Sie haben sich wohl schwer entschlossen, ihn aufzugeben?«

»Ich wurde kränklich und ging nach Deutschland, um mich ein Jahr auszuruhen.«

»Das taten Sie wohl jetzt bei meiner Schwester?« fragte Frau Reinwald lächelnd.

»Ich war eigentlich schon ausgeruht, als ich in Europa ankam. Die Seereise hat mir gut getan.«

Gretchen hatte während der ganzen Zeit kein Auge von der Erzählerin gewendet, und nun rief sie mit Begeisterung aus: »Oh, solch eine Helferin möchte ich auch werden! Darf ich, wenn ich groß bin?« fügte sie hinzu und sah gespannt auf die Eltern.

»Das wird sich finden,« antwortete Herr Reinwald. »Geh' du vorläufig deine Wege, es ist bald zehn Uhr, höchste Zeit für ein Schulmädchen.«

Das war ein nüchternes Wort in Gretchens begeisterte Stimmung! Aber sie widersprach nicht und stand vom Tisch auf. Beim »Gute Nachtgruß« flüsterte ihr die Mutter zu: »Bringe noch frisches Wasser ins Gastzimmer und sieh nach, ob sonst nichts fehlt, meine kleine Helferin!«

Gretchen hatte noch einige Fragen auf dem Herzen, die mußte ihr Fräulein Trölopp am nächsten Morgen auf dem Weg zur Bahn beantworten. Sie ging mit ihr voran. Frau Reinwald folgte, Rudi und Betty an der Hand.

»Kann man bei uns in Deutschland nicht Helferin werden?« fragte Gretchen.

»Diese Einrichtung besteht zurzeit noch nicht, aber sie wird wohl auch kommen, und einstweilen kann jeder einzelne Mensch für sich diesen Beruf ausüben.«

»Was muß man lernen, wenn man Helferin werden will?«

»Sich selbst vergessen und an andere denken.«

»Das meine ich nicht; ich möchte wissen, was man studieren muß, oder was für eine Prüfung man macht.«

»Kein Studium, keine Prüfung! Man muß die Augen aufmachen, und wo man etwas sieht, das nützlich fürs Leben erscheint, muß man es üben!«

»Es muß aber schwer sein, so vielerlei zu lernen!«

»Es ist viel, aber bedenken Sie, wie viele Stunden vor Ihnen liegen, Sie junges Wesen! Nehmen Sie sich nur eines vor: Nutzen oder Freude, Erholung oder Arbeit soll Ihnen jede Stunde bringen; aber inhaltslos vergeudet soll keine einzige werden. Einen Pfennig verschleudern wir nicht, aber wieviel Viertelstunden vergeuden wir? Sie waren uns gegeben zu Nutz oder Freud' und wir haben keines von beiden aus ihnen gezogen; Geld kann uns ein glücklicher Zufall wieder in den Schoß werfen, aber die Zeit ist unwiederbringlich verloren!«

Gretchen hätte nichts dagegen gehabt, wenn der Weg auf den Bahnhof doppelt so weit gewesen wäre. Sie kam nun mit ihrer Gefährtin in das Menschengewühl am Bahnhof, der Zug stand schon bereit, die Reisenden mußten einsteigen. Die kleine Betty weinte Abschiedstränen, Rudi hingegen schwenkte reiselustig sein Mützchen und Fräulein Trölopps gelber Samthut glänzte aus dem Wagenfenster heraus. Einen Augenblick später war all das verschwunden, aber Gedanken, die in einer jungen Menschenseele wachgerufen werden, verschwinden nicht so schnell, ja manchmal sind sie ausschlaggebend fürs ganze Leben.

Ein jedes Band, das noch so leise
Die Geister aneinanderreiht,
Wirkt fort auf seine stille Weise
Durch unberechenbare Zeit.

(Platen.)


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