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Vierzehntes Kapitel.
Fragen, Antworten und ihre Folgen

Es war recht still geworden in der Familie Reinwald, seitdem die kleinen Gäste das Haus verlassen hatten. Heute war wieder der erste Montag im Monat, der Tag, an dem Pfarrer Kern eine Stunde in die Klasse der Großen kommen sollte. Die Mädchen sprachen davon während der Pause um zehn Uhr. Heute hatten nicht alle das Schulzimmer verlassen. Hermine und Ottilie, die sich sonst nicht eben aufsuchten, hatten doch eines gemeinsam, sie waren beide geschickt in Handarbeiten, und da gab es nun gerade ein neues Spitzenmuster abzumachen. Sie saßen eifrig damit beschäftigt am grünen Tisch.

Gretchen hatte dafür kein Verständnis. Sie stand am offenen Fenster, durch das die warme Sommerluft einströmte. Sie lehnte sich weit hinaus; es war so schön, bis dorthin zu blicken, wo endlich die Häuser aufhörten und grüne Hügel herübergrüßten. Sie hatte die Mitschülerinnen ganz darüber vergessen, als unvermutet eine derselben zu ihr trat. Gretchen wandte sich um. Es war Elsbeth May, ein liebes, stilles Mädchen. Gretchen mochte sie gerne, wenn sie auch nicht öfter mit ihr verkehrte. Sie rückte an die Seite, um für sie Platz zu machen. »Es ist so schön da draußen,« sagte Gretchen. »Ja,« erwiderte Elsbeth und lehnte ihren Kopf ganz zum Fenster hinaus, und da draußen sagte sie ganz leise, daß es im Zimmer nicht gehört werden konnte: »Gretchen, wie du unserem Pfarrer einmal einen Zettel mit einer Frage geschickt hast, war's dir da auch so angst vor der Antwort, wie mir's heute ist?« »Angst war mir's gerade nicht, aber woher weißt du, daß ich eine Frage aufgeschrieben hatte?« »Ich habe dir's damals angesehen und ich glaube, mir wird man's heute noch viel mehr ansehen. Ich habe so Herzklopfen!« Gretchen sah Elsbeth an. »Ja, wirklich, man merkt es dir an. Warum ist dir's denn so angst?« »O, das wirst du gut verstehen, wenn du erst meine Frage gehört hast. Ich mag sie dir gar nicht sagen, du hörst sie ja dann. Ich kann mich selbst nicht mehr begreifen, wie ich so etwas fragen mochte; ich habe es an einem stillen Abend aufgeschrieben, als ich ganz allein war, und jetzt ist heller Tag und alles kommt mir anders vor. Meinst du nicht, ich könnte vor der Stunde fortgehen und mich bei Fräulein von Zimmern wegen Herzklopfens entschuldigen? Es wäre wirklich keine unwahre Ausrede.« »Aber Elsbeth, was fällt dir ein, dann hörst du ja die Antwort auf deine Frage gar nicht.« »Die könntest du mir morgen sagen, und ich weiß auch, daß du mich den andern nicht verrätst, gelt, keiner, auch Hermine nicht?« »Nein, gewiß nicht. Aber Elsbeth, ich ginge an deiner Stelle doch nicht fort, man kann doch nicht immer gleich davonlaufen, wenn man vor etwas Angst hat, und gar vor so einer Stunde davonlaufen, das käme mir schrecklich dumm vor.«

Dieser etwas derbe Zuspruch übte eine gute Wirkung aus. Gretchen merkte es und fuhr fort: »Glaube nur, Fräulein von Zimmern bekäme doch heraus, warum du fort willst. Sie fragt dich genau, woher das Herzklopfen kommt, und was willst du dann antworten? Lügen kann man nicht, so mußt du ihr den Grund sagen; nein, wirklich, ich wollte lieber ruhig in der Stunde bleiben, als so ein Verhör bei Fräulein von Zimmern durchmachen.«

»Ja,« sagte Elsbeth, »wenn du meinst, sie frage so genau.« »Ganz gewiß; Fräulein von Zimmern merkt es gleich, wenn etwas nicht ganz in Ordnung ist.«

»Dann bleibe ich lieber.«

»Ja, bleibe nur, du hast vielleicht ganz unnötig Angst. Unbehaglich war mir's damals schon auch zumute, aber nachher war ich glücklich, denn die Antwort hat mir so gut gepaßt. So geht dir's gewiß auch. Komm, mach kein so jämmerliches Gesicht, da iß!« und Gretchen schob der trübseligen Gefährtin einen Bissen Apfel in den Mund, so daß diese lachen mußte und nicht mehr so kleinmütig aussah. – Nach der englischen Stunde kam Pfarrer Kern. In seinem Testament, aus dem er seinen Schülerinnen immer einen Abschnitt vorlas, lag ein Blättchen Papier. Als er es herausnahm, hätte Gretchen gern noch einen ermutigenden Blick zu Elsbeth hinübergesandt, aber diese hob die Augen nicht auf. »Es ist mir da eine Frage zugegangen,« sprach der Pfarrer, »deren Beantwortung nicht für unsere Stunde paßt.« Gretchen erschrak ordentlich; also auch der Pfarrer fand die Frage ungeeignet? Was konnte nur Elsbeth gefragt haben?

»Die Frage lautet: ›Wir möchten gerne zum Schluß des Schuljahres Fräulein von Zimmern irgend eine Freude machen, etwas aufführen oder dergleichen. Was könnten wir wohl tun?‹ Die Frage ist unterschrieben von einem Kleeblatt. Diesem Kleeblatt möchte ich nun zu wissen tun: Ich bin gerne bereit, mit euch darüber zu beraten, aber nicht in dieser Stunde. Am Mittwoch gebe ich von neun bis zehn Uhr Unterricht in der vierten Klasse, wenn ihr um zehn Uhr hinunterkommen wollt, so haben wir eine Viertelstunde Zeit zur Besprechung. Ich habe aber noch einen anderen Fragezettel erhalten, und dieser hat mich herzlich gefreut.« Gretchen wagte einen raschen Blick auf Elsbeth, diesmal mußte es ihre Frage sein. »Die Frage hat mich gefreut, weil sie ein Zeichen von Vertrauen ist. Sie lautet: ›Ich kann vieles nicht mehr glauben, was ich früher geglaubt habe und was wir Christen glauben sollen, und ich möchte es doch gern glauben. Ich kann auch nicht beten, wenn ich nicht glauben kann. Aber ich war viel glücklicher früher, wo ich noch alles geglaubt habe. O, wenn ich nur wieder glauben könnte! Was soll ich tun?‹

»Was soll ich tun?« wiederholte der Pfarrer. »Das erste, was du tun sollst, hast du schon angefangen zu tun: Du hast dich überwunden, deinen Unglauben auszusprechen einem Gläubigen gegenüber. Wenn du es nicht nur schriftlich tust, wird es dir noch mehr Segen bringen. Kommt zu mir, wenn euch Zweifel beunruhigen, dann sprechen wir miteinander, oder wenn ihr einen Vater, eine Mutter habt, die eure Zweifel befriedigend beantworten können, so sprecht ganz offen mit ihnen. Meint nicht, daß das etwas Seltenes, etwas Schlimmes sei, dessen ihr euch schämen müßt. Was soll ich tun? fragst du. Du sollst Geduld haben und Treue halten. Ist dir das Glück jetzt nicht beschieden, fest im Glauben zu sein, so kannst du dennoch treu bleiben. Denke an den Spruch: ›So jemand will des Willen tun, der wird inne werden, ob diese Lehre von Gott sei.‹ Es hat mir einst eine Frau anvertraut: ›Von meinem zwanzigsten Lebensjahr bis zu meinem fünfzigsten habe ich mich immer an diesen Spruch halten müssen, nach dreißig Jahren erst ist mir die richtige Erkenntnis gekommen und ich weiß jetzt, daß diese Lehre von Gott ist. Es hat mir keinen Schaden gebracht, denn in allem Unglauben bin ich treu geblieben.‹ Also Geduld haben und treu bleiben, auch wenn Jahre darüber hingehen. Lebe, wie wenn du glaubtest, dann bringt das Leben den Glauben.«

Noch einmal wiederholte der Pfarrer die Frage: »›Was soll ich tun?‹ Du sollst alles aufsuchen, was dich zu Gott führen kann: ernste Arbeit, edle Erholung, gute Bücher, kräftige Predigten und wahre Christen, und sollst alles meiden, was von Gott wegführt. Dann, glaube mir, kommt einmal der Tag, wo du das Wort liest oder hörst, das gerade für dich das richtige ist, dann wirst du wieder so glücklich sein, oder noch glücklicher wie zur Zeit des ersten Kinderglaubens.«

*

Als heute Pfarrer Kern die Mädchen verließ, waren sie schweigsamer als sonst; sie wußten, daß eine unter ihnen war, der die Worte sehr nahe gegangen sein mußten, und sie wollten nicht so schnell wieder von gleichgültigen Dingen reden. Gretchen stand am Kleiderhaken und wollte ihre Jacke anziehen. »Komm, ich helfe dir,« sagte eine freundliche Stimme. Es war Elsbeth, die ihre Hilfe anbot, eine Hilfe, die nicht nötig war, die aber Gelegenheit gab, sich gegenseitig verständnisinnig in die Augen zu blicken und sich, von den andern unbemerkt, die Hand zu drücken.

Während die meisten Mädchen mit ihren Gedanken über das Gehörte beschäftigt waren, ließ sich plötzlich Elise Schönlein vernehmen: »Wer hat denn das gefragt wegen der Aufführung für Fräulein von Zimmern?« »Aber Elise!« riefen ein paar Mädchen zugleich, »wir sollen doch nie darnach fragen; wenn sie wollten, könnten sie es ja von selbst sagen!« »Ja, sie sagen's eben nicht von selbst, darum frage ich,« entgegnete Elise. Die andern lachten. »Es bleibt allerdings doch kein Geheimnis,« sagte Ottilie, »weil es unser Pfarrer mündlich mit uns besprechen will und uns in die vierte Klasse bestellt hat. So kann ich es auch gleich sagen: ich habe angefragt und die beiden andern werden es wohl auch nicht geheim halten können.«

Sie nannten sich; es waren eine Verwandte von Ottilie und deren Freundin. »Wie hat eure Frage gelautet?« fragte Gretchen, »was für eine Freude wir Fräulein von Zimmern zum Schluß machen könnten? Wir alle, die ganze Klasse?« »Ich habe nur an uns drei gedacht, sagte Ottilie. »Ich bin begierig, was da verabredet wird,« sagte Gretchen, »es gibt gewiß etwas Nettes.«

Die Mädchen trennten sich. Eine ging leichteren Herzens von dannen, als sie gekommen war, und pries sich glücklich, daß jemand sie abgehalten hatte, davonzulaufen. Auch Gretchen dachte noch an die Antwort des Pfarrers und freute sich, der Mutter von dieser Stunde zu erzählen. Aber als sie heimkam, mußte sie sich gedulden; denn sie traf die Mutter nicht allein. Eine große, umfangreiche Person stand ihrem Mütterchen gegenüber. Es war eine Kochfrau, die bei feierlichen Gelegenheiten als Köchin berufen wurde. Im Hause Reinwald war sie bisher noch nie tätig gewesen; denn Lene war selbst eine Meisterin in der Kochkunst und hatte keine Hilfe bedurft. Von Franziska konnte man das noch nicht rühmen, und so war die Kochfrau gebeten worden, die Bewirtung für eine größere Abendgesellschaft zu übernehmen, die Herr und Frau Reinwald geben mußten. Heute war erst die Vorberatung; sie wurde aber sehr lebhaft gepflogen und Gretchen fand, als sie eintrat, für ihren Gruß bei der Mutter nur eine ganz flüchtige Erwiderung und bei Frau Batz gar keine Beachtung.

Eine Weile hörte Gretchen nicht ohne Teilnahme zu, ob Pastetchen oder Mayonnaise, ob Krebsauflauf oder Griespudding. Aber all die Einzelheiten der Bewirtung waren ihr gleichgültig. Sie war auch noch so erfüllt von der letzten Schulstunde und hätte gern vor Tisch noch mit der Mutter darüber gesprochen. Jetzt war es schon bald ein Uhr, Essenszeit. Wenn es wenigstens Notwendiges gewesen wäre, was diese Frau sagte, aber das Nötige war offenbar schon längst erledigt; denn Frau Batz wiederholte nun schon zum drittenmal: »Ich sag's ja, wer das Kochen los hat, der macht aus einem Ei zwei.«

Gretchen verlor die Geduld. »Mutter,« sagte sie, »es ist schon so spät, der Vater wird gleich zum Essen kommen.« »Oh, es hat noch lange Zeit bis ein Uhr,« sagte Frau Batz, »und vor Eins wird in keinem meiner Häuser gespeist. Natürlich unsereins kommt ja nur in die feinsten Häuser. Aber die Schulkinder sind immer ungeduldig, es fehlt halt die Einsicht, das rechte Verständnis. Aber wie gesagt, das Salatöl vom Hinterboxer –«

Gretchen rannte davon, sie war wütend über Frau Batz. Sie kam in des Vaters Arbeitszimmer. »Vater, rief sie, »Frau Batz ist bei der Mutter und läßt sie nicht los; bitte, komm doch ins Eßzimmer und brumme ein wenig über die Unpünktlichkeit.«

»Den Gefallen will ich dir tun, aber es ist leider noch nicht ganz ein Uhr.«

Noch drei Minuten vergingen, dann schlug es und Herr Reinwald verließ sein Zimmer. Aber Frau Batz ging nicht so leicht in eine Falle, auch sie hatte mit dem Schlag das Eßzimmer verlassen, und so konnte Herr Reinwald nichts tun, als ihren untertänigen Gruß artig erwidern, und Gretchen, die ihm auf dem Fuße folgte, mußte es mit ansehen.

Auf die große Abendgesellschaft freute sich Gretchen gar nicht. Früher war so etwas nett gewesen; denn wenn auch Lene an solchen Tagen während der Zurüstungen nicht die rosigste Laune zeigte, so war sie nachher um so liebenswürdiger gewesen, wenn alles glücklich aufgetragen war. Gretchen hatte solche Abende in der Küche zugebracht, wo ihr die besten Bissen aufgetischt wurden, und wenn sie ihnen gut zusprach, so war Lene überzeugt, daß alles gut geraten sei, und die beiden waren sehr gemütlich beisammen. Mit Wehmut dachte Gretchen an diese vergangenen Zeiten und es trieb sie, wieder einmal Lene zu besuchen, die sie lange nicht mehr gesehen hatte.

Diesmal traf sie die junge Frau ganz allein zu Hause, saß bald gemütlich bei ihr am Fensterplätzchen und erzählte. Hier fand sie immer die wärmste Teilnahme für alle ihre Erlebnisse. Lene hatte ihr Strickzeug herbeigeholt und arbeitete fleißig. »Für wen strickst du das nette Kinderjäckchen?« fragte Gretchen, »ich kenne das Muster, es war das letzte, was ich bei Fräulein Treppner gestrickt habe vor ihrem Tod.«

»Ja,« sagte Lene, »es ist ein schönes Muster.«

»Für wen machst du's?« Da sah Lene von ihrer Arbeit auf und ihre Augen leuchteten, als sie antwortete: »Für mein eigenes, kleines Kind, wenn Gott mir eines beschert.« »O Lene, was wäre das für eine Freude!« rief Gretchen. »Gelt?« sagte Lene, »und wenn es nun gar ein Mädchen wäre zu den drei Buben, ich glaube, es würde sie selber freuen!« »Ja, aber mich noch viel, viel mehr!« Lene stand von der Arbeit auf. »Komm mit mir, ich zeige dir etwas.« Sie führte Gretchen über den Gang in ein Kämmerchen, das sie aufschloß. »Sieh,« sagte sie, »da steht schon der Kinderwagen bereit, den hat mir mein Mann auf der letzten Messe gekauft und dazu gesagt: ›Ein Kutscher muß doch zuerst fürs Fuhrwerk sorgen.‹ Und sieh, die kleinen Bettchen, die waren noch da von den Buben, die habe ich frisch hergerichtet, jetzt sind sie wieder wie neu. Und da sieh her, die winzigen Hemdchen, weißt du, von wem die sind? Die hat mir neulich deine Mutter mitgegeben, die sind von dir, Gretchen. Alle paar Jahre habe ich sie wieder gebleicht, daß sie schön weiß bleiben, und habe manchmal gedacht: es ist schade, daß wir kein Kindchen mehr für die netten Hemden haben.« Gretchen sah die kleine Wäsche, die so blühweiß vor ihr lag, und es kam ihr in den Sinn, wie Lene schon für sie gesorgt hatte in einer Zeit, von der sie nichts mehr wußte. Sie gab Lene einen Kuß und sagte: »Ich möchte auch etwas für dein Kindchen tun, was kannst du wohl dafür brauchen?«

»Fürs erste ist gesorgt,« sagte Lene, »aber später, wenn es Gottes Wille ist, daß das Kind groß wird und alles in der Schule so schwer ist, wie es bei dir immer war, wenn ich die Sachen nicht recht verstehe oder vielleicht gar nicht mehr am Leben bin, dann hilfst du meinem Kind, gelt, Gretchen?« »Ja,« sagte Gretchen, »ich weiß schon, was du meinst, sie muß immer die Erste sein, sonst bist du ja nicht zufrieden!«

Lene machte die Bettchen wieder zurecht und schloß sorgfältig die Kammer. Gretchen schickte sich an, heimzugehen. »Ich begleite dich durch den Hof,« sagte Lene, »ich habe da ein Stück Fleisch übrig, das will ich der Base bringen. Ach Gretchen, mit der Base ist mir eine schwere Last aufgelegt. Sie wird immer elender und nun klagt sie immer, wie einsam sie sei, und sagt, wir sollten sie doch zu uns nehmen in die Kammer neben unserer Schlafstube. Sie meint, es wäre so bequem, wenn sie mich nachts rufen könnte und bei Tag in unserer Stube sitzen. Und dann sagt sie wieder, sie wisse wohl, daß sie mir zu gering sei. Ach Gretchen, zu gering ist sie mir ganz gewiß nicht, aber ich weiß keinen Menschen, der so verdrießlich ist wie sie! Wenn ich sie ins Haus nehme, ist mir's, als wenn mir's Regenwetter bis ins Zimmer hereinkäme.«

»Kann sie keine Pflegerin zu sich nehmen, ist sie zu arm dazu?«

»Sie wäre gar nicht so arm, sie bekommt viel aus der Kasse, aber bei ihr ist's so: sobald sie Geld hat, schickt sie ihr Schnapsfläschchen zum Füllen. Die Buben müssen ihr's besorgen, der Kleine hat mir's verraten. Da heißt's immer: ›Hol' mir den Schnaps, sag's dem Vater nicht, dann kriegst auch einen Schluck.‹ Es ist nichts nutz für die Kinder! Ich hab's lang nicht begriffen, warum sie so gern zu der Bas gehen, aber jetzt weiß ich's; sie gibt ihnen auch oft ein paar Pfennige zum Naschen. Es wäre freilich besser, sie wäre bei mir, dann könnte ich nach allem sehen.« »Ja, vor dir müßte sie sich schämen, Schnaps zu trinken.«

»Ganz könnt' sie's wohl nicht mehr lassen.«

»O Lene, du dauerst mich; wenn du sie nicht zu dir nimmst, ist's nicht gut, und wenn du sie nimmst, ist's gar nicht mehr nett bei dir!«

»Ich kann mir's noch überlegen bis zum Ziel, vorher rede ich noch mit deiner Mutter.« Lene und Gretchen standen längst an dem Punkt, wo sich ihre Wege trennten. »Lebwohl, Lene,« sagte Gretchen, »komm nur bald zur Mutter, sie muß einen Ausweg finden.«

»Ja, nach eurer Gesellschaft komme ich, vorher hat deine Mutter keine Zeit.« »Ach ja,« sagte Gretchen, »die Gesellschaft, die Frau Batz, die aus einem Ei zwei macht!«

»Gegen die darfst du nichts sagen, Gretchen, sie ist weit und breit berühmt, und du wirst sehen, wie fein sie alles macht. Aber eines kannst du ihr ausrichten: links hinten im Bratrohr ist ein kleines Loch, auf das muß sie ein Blech legen, sonst bekommt sie keine gleichmäßige Hitze.« »Ich will's ihr ausrichten; lebwohl, Lene.« Als Gretchen schon ein paar Schritte weg war, rief ihr Lene noch nach: »Ganz hinten, links!« und Gretchen wandte sich lachend um und rief zurück: »Ich habe schon verstanden, ganz vorn, rechts!« über welche Zurufe die Vorübergehenden etwas erstaunt aufsahen.

Am nächsten Mittwoch um zehn Uhr gleich nach der Geschichtsstunde sagte Gretchen zu den neben ihr Sitzenden: »Kommt, wir lassen alle Bücher liegen und gehen schnell hinunter, damit unser Pfarrer nicht warten muß.«

»Ihr wollt hinunter?« fragte Ottilie; »habt ihr auch etwas zu verabreden?«

»Wir wollen doch mittun, wenn etwas für Fräulein von Zimmern verabredet wird!« sagte Gretchen. »Und möchten die Vorschläge hören,« fügte Elsbeth May hinzu. Aber Hermine wehrte ab: »Bleibt doch, ihr seht ja, daß Ottilie uns nicht dabei haben will.«

»Das brauchst du gar nicht so spitzig zu bemerken,« entgegnete Ottilie; »wenn man allein einen guten Gedanken hat, will man doch auch allein die Ehre davon und den Dank dafür. Ihr hättet ja selbst daran denken können, irgend eine Schlußfeier zu veranstalten.« Das Kleeblatt verließ das Zimmer. Es folgte ihnen keines der Mädchen, es folgte ihnen aber auch keine gute Nachrede.

Die Schülerinnen der vierten Klasse hatten ihr Schulzimmer schon verlassen und der Pfarrer stand allein am Pult, als die drei Mädchen eintraten. Ottilie dankte dem Pfarrer sehr artig für die versprochene Beratung.

»Wo sind die andern?« fragte der Pfarrer; »haben sie nicht mitkommen wollen?«

»Wir wollen ihnen nachher Ihren Vorschlag mitteilen,« antwortete eines der Mädchen ausweichend.

»So? Mein Vorschlag ist allerdings auf die Mitwirkung der ganzen Klasse berechnet.« Die drei schwiegen und sahen sich unschlüssig an. »Ihr wollt wohl lieber etwas, bei dem nur ihr drei beteiligt wäret?« »Ja,« antwortete das Kleeblatt wie aus einem Mund.

Der Pfarrer ging ein paarmal auf und ab und blieb dann vor Ottilie stehen. »Man muß sich nur immer klar machen, was man will. Ist es euch darum zu tun, Fräulein von Zimmern eine große Freude zu machen, so erreicht ihr das am besten, wenn ihr alle zusammenwirkt. Liegt euch aber mehr daran, euch vor den andern auszuzeichnen, so müßt ihr allerdings allein handeln, nur dürft ihr in diesem Falle nicht meine Hilfe in Anspruch nehmen, denn das ist nicht nach meinem Sinn.«

Eine kleine verlegene Pause entstand, dann sagte Ottilie zu ihrem Bäschen: »Gehe hinauf und hole die andern.« Diese folgte, wie sie es der schönen Ottilie gegenüber nicht anders gewöhnt war. Oben angekommen, rief sie nur durch die Türe: »Ihr sollt alle herunterkommen,« und sie eilte voran, um über die bisherige Verhandlung nicht ausgefragt zu werden.

Inzwischen sagte der Pfarrer zu den beiden Mädchen: »Wenn ihr nicht lernt, euch mit andern zu freuen, so werdet ihr wenig Freude erleben; wer sich aber mit andern freuen kann, dem wird es durchs ganze Leben hindurch nicht an Freude fehlen.«

Sobald die ganze Oberklasse versammelt war, sprach der Pfarrer in verändertem, heiterem Ton: »Dies Kleeblatt hat also den Wunsch, eine Schlußfeier zu veranstalten und hat euch gerufen, damit ihr alle mittut und zunächst meinen Vorschlag mit anhört. Will man jemand eine Freude machen, so muß man vor allem seine Eigenart bedenken. Da hat mich nun Fräulein von Zimmerns große Vorliebe für die Literatur auf einen Gedanken gebracht. Ihr wißt alle, wie ausgezeichnet sie in diesem Fach Unterricht erteilt, und wie gern sie euch noch mehr davon gelehrt hätte, wenn die Zeit nicht so knapp zugemessen wäre. Wie käme nun euch mein Vorschlag vor: Ihr fünfzehn Mädchen würdet euch in fünf Gruppen teilen; jede Gruppe übernähme einen Dichter, würde seine Lebensgeschichte studieren und so viel von seinen Werken lernen, daß man ein vollständiges Bild von ihm bekäme. Ich nehme z. B. an, drei von euch hätten sich Schiller erkoren. Sie würden nun seine Lebensbeschreibung – die ich euch verschaffen kann – gemeinsam lesen und dann verteilen: eine müßte alle Fragen beantworten können, die seine Jugendzeit betreffen, die zweite den nächstfolgenden Zeitraum, die dritte den letzten. Gedichte, die ihr früher auswendig lernen mußtet, blieben weg und weniger bekannte, vielleicht auch Reden aus dramatischen Werken, oder sogar Abschnitte aus prosaischen, würden gelernt. Kommt dann die letzte Schulwoche, so fordert ihr Fräulein von Zimmern auf zu einer außerordentlichen Literaturstunde und überreicht ihr feierlich die Liste von allem, was sie euch abfragen darf. Versteht ihr wohl, wie ich's meine?«

Ehe noch die Mädchen antworten konnten, ertönte im Vorplatz das Glockenzeichen, die Schülerinnen der vierten Klasse erschienen unter der Türe und machten sehr erstaunte Gesichter über die Eindringlinge. Die Großen mußten das Feld räumen und der Pfarrer sagte im Fortgehen: »Überlegt es euch, ob ihr soviel Arbeit auf euch nehmen wollt, wir sprechen noch einmal darüber.«

Erst um zwölf Uhr hatten die Mädchen Zeit, ihre Gedanken über den Vorschlag auszutauschen. Darüber waren alle einig, daß es ganz nach dem Sinne von Fräulein von Zimmern wäre, auch fürchteten sie die Arbeit nicht, es lagen noch zwei Monate bis zum Schulschluß vor ihnen, in dieser Zeit konnte man viel lernen. Aber es war doch kein fröhliches Besprechen und Beraten, denn vom Morgen her herrschte noch eine Verstimmung zwischen dem Kleeblatt und den andern Mädchen. Hermine sagte halblaut zu Gretchen: »Es ist nicht nett für uns, mitzutun, wo man uns lieber nicht dabei hätte!«

»Ich glaube,« sagte Gretchen gutmütig, »sie haben uns jetzt ganz gern dabei, denn sie haben uns ja selbst heruntergerufen.«

»Weil sie mußten!«

»Das kannst du doch nicht wissen.«

»Sieh doch nur Ottilie an, wie sie verstimmt aussieht.«

Das konnte nun allerdings Gretchen nicht leugnen. Im stillen sann sie nach, wie Ottilie wieder gut gestimmt werden könnte. Ihr war es immer Bedürfnis, das gute Einvernehmen wieder herzustellen, wenn es gestört war, und sie besann sich nie lange, wer schuld war an der Störung.

Einige Mädchen hatten schon das Schulzimmer verlassen, andere waren im Begriff, fortzugehen. Gretchen hielt Ottilie zurück und sagte leise: »Bleibe noch einen Augenblick bei mir,« und sowie sie allein waren, sagte sie: »Ottilie, mir ist ein guter Gedanke für dich gekommen, weil du doch lieber allein Fräulein von Zimmern eine Freude gemacht hättest.«

»Ach nein, es ist mir ja ganz recht so, wie es ausgemacht ist. Übrigens was hast du für einen Gedanken?«

»Du könntest für Fräulein von Zimmern eine schöne Handarbeit machen und sie ihr am letzten Tag überreichen. Wir reden dann nicht vor den andern davon, damit du etwas für dich allein hast.«

»Das gefiele mir wohl, aber man wird mir's übelnehmen, wenn ich nicht mittue bei der Literatur.«

»So meine ich's auch nicht, du mußt natürlich mittun, sonst wäre es ja gar nicht nett; aber die Handarbeit kannst du doch noch dazu machen, wir haben ja noch zwei Monate Zeit.«

Ottilie überlegte. Die schönsten benähten Deckchen und gestickten Kissen erschienen ihr im Geist. Feine Handarbeiten waren ihre große Liebhaberei, der Vorschlag paßte für sie. Hermine, die vorangegangen war, rief nach Gretchen. »Ich komme,« rief diese dagegen und eilte der Freundin nach. Ottilie folgte ihr langsamer und sagte halblaut vor sich hin: »Es ist doch ein guter Kerl!«

Das waren nun in den nächsten Tagen endlose Beratungen in der Schule: Welche Dichter sollte man wählen und wie die Gruppen bilden? Die verschiedensten Vorschläge schwirrten durcheinander; von den fünfzehn Mädchen sprachen immer vierzehn zugleich ihre Meinung aus und Elise Schönlein, die keine Meinung hatte, blieb die einzige Zuhörerin. Die Verstimmung war gewichen, alle waren voll Eifer für das Vorhaben; aber die Sache war doch schwierig in Gang zu bringen.

Eines Morgens, bei Beginn der Pause, kam Mathilde Braun zu den Großen und sagte zu ihrer Schwester Hermine: »Unser Pfarrer kommt gleich herauf zu euch.«

»Woher weißt du es?« frugen verschiedene Stimmen.

»Er hat mich gefragt, ob ich wisse, wie es mit eurem Plan stehe. Ich habe gesagt: Es steht durcheinander. Dann hat er gelacht und gesagt, er wolle euch besuchen.«

Richtig kam Pfarrer Kern auch schon die Treppe herauf, und nach kurzer Zeit war alles aufs schönste geordnet. Jede Schülerin sollte am nächsten Tag einen Zettel mitbringen, auf dem fünf Dichter vorgeschlagen waren. Diejenigen Dichter, die die meisten Stimmen für sich hätten, würden gewählt. Durch das Los sollten je drei Mädchen zu einer Gruppe vereinigt und wiederum jeder Gruppe ein Dichter zugeteilt werden. Die nötigen Bücher wollte der Pfarrer liefern und in den Inhalt derselben sollten die einzelnen jeder Gruppe sich teilen.

Am Abend saß Gretchen sinnend vor ihrer Literaturgeschichte, um die fünf Dichter zu wählen, die sie vorschlagen wollte. Schiller und Goethe waren schnell aufgeschrieben, die durften ja nicht fehlen; dann kam Körner als ihr Lieblingsdichter, und etwas zögernd folgten Lessing und Uhland.

Die ganze Klasse war am folgenden Tag sehr begierig auf die Zählung und die Verlosung, die sie in der Freiviertelstunde vornehmen wollten. Fräulein Bertrand, die um neun Uhr zur französischen Stunde kam, wurde ins Vertrauen gezogen und gebeten, etwas vor zehn Uhr zu schließen, um die Pause zu verlängern. Sie zeigte großen Eifer für den Plan und erklärte sich bereit, in der Stunde die Zählung und Verlosung vornehmen zu lassen, unter der Bedingung, daß dabei französisch gesprochen würde. Das war unseren Großen keine zu schwierige Bedingung, und die Zählung begann.

Schiller, Goethe und Lessing hatten weitaus die meisten Stimmen, dann kamen Rückert und Uhland. Körner war zu Gretchens Bedauern durchgefallen.

Nun wurden mit Hilfe des Loses die Gruppen gebildet. Ottilie, als die Urheberin des Ganzen, durfte zuerst zwei Zettel mit Namen ziehen; der erste trug den Namen: Elise Schönlein. Ottilie gab sich keine Mühe, ihren Ärger zu verbergen, als ihr die Letzte zur Bundesgenossin zufiel, aber wie um sie schadlos zu halten, stand auf dem zweiten Los, das sie zog: Gretchen Reinwald. Die Erste und die Letzte, das konnte sich ja ausgleichen. Hermine Braun kam mit Elsbeth May und mit Ottiliens Bäschen in eine Gruppe.

Bei der Verlosung der Dichter erhielt die erste Gruppe Schiller, und Ottilie forderte Gretchen und Elise Schönlein auf, in der nächsten Woche zu ihr zu kommen, um zu verabreden, was jede von ihnen lernen sollte.

Als alle Gruppen und Dichter verteilt waren, erkundigte sich Fräulein Bertrand, in welcher Weise beim Schulschluß das Gelernte vorgetragen werden sollte.

»Ganz einfach,« sagte Gretchen, »wir bitten Fräulein von Zimmern um eine Stunde, und sie fragt uns ab.« Aber dies gefiel der Französin nicht. »Ihr werdet euch nicht so nüchtern, wie alle Tage, um den grünen Tisch setzen,« sagte sie, »es treten sonst die Gruppen gar nicht hervor. Ihr solltet euch getrennt in fünf Gruppen im Halbkreis aufstellen, Fräulein von Zimmern in der Mitte, so wird es hübsch. Seht, so!« Fräulein Bertrand stellte die Mädchen je drei und drei im Halbkreis auf, wobei es sehr lebhaft und fröhlich zuging, bis zu dem Augenblick, wo plötzlich jeder Laut verstummte und alle wie versteinert stehen blieben – denn Fräulein von Zimmern trat ein.

Sie hatten ja nichts Böses getan, und doch kam es allen vor, als wären sie auf einem Unrecht ertappt worden. Jedenfalls war nun ein peinliches Ausfragen zu erwarten, und man konnte doch nicht befriedigend antworten, wenn man die geplante Überraschung nicht verderben wollte.

Aber es kam anders. Fräulein von Zimmern kannte Fräulein Bertrand als eine altbewährte, gewissenhafte Lehrerin, sie kannte auch ihre »Großen« als eine fleißige Klasse, und so war sie weit entfernt, Böses zu vermuten. Freundlich wandte sie sich an Fräulein Bertrand: »Ich habe in dem unteren Zimmer die ungewohnte Unruhe über mir bemerkt und dachte mir gleich, daß Sie Spiele machen ließen. Es ist sehr anerkennenswert, daß Sie sich diese Mühe geben. Ihre Schülerinnen können dabei manchen Ausdruck kennen lernen, der in der Grammatik nicht vorkommt.« Etwas verlegen entgegnete Fräulein Bertrand: »Gewiß sind Spiele eine gute Übung und ich will gern welche mit den Mädchen einüben.«

»Ich bin eben heraufgekommen, um zu sehen, wie Sie das angreifen. Lassen Sie sich nicht stören, machen Sie weiter.« Und Fräulein von Zimmern setzte sich in eine Fensternische, entschlossen, zuzusehen.

Lehrerin und Schülerinnen wechselten bestürzte Blicke. Einige wußten sich vor unterdrücktem Lachen kaum zu halten; Fräulein Bertrand befand sich in schwieriger Lage, da kam ihr Ottilie mit großer Geistesgegenwart zu Hilfe. »Bitte, Fräulein Bertrand, ›la ronde,« rief sie, und damit nannte sie ein Spiel, so einfach wie unser deutsches »Ringe-Ringe-Reihe«; sie selbst und ihr Bäschen hatten das mit ihrem französischen Kinderfräulein gespielt und Ottilie nahm an, Fräulein Bertrand müßte es kennen. »Gut,« sagte Fräulein Bertrand, »sage du die Worte zuerst deutlich vor.«

Ottilie sprach das kindische Verslein. Alle ihre Mitschülerinnen hatten erfaßt, daß es nun galt, schnell die Worte zu behalten, und als sich nun die Mädchen an der Hand faßten, sich im Kreis drehten und den Vers dazu sagten, hätte man nicht gedacht, daß es zum erstenmal geschah. Fräulein von Zimmerns Erwartungen schienen aber auch nicht voll befriedigt, denn sie wandte sich an Fräulein Bertrand mit der Frage: »Ist dies Spiel nicht etwas zu kindlich für die Oberklasse?«

»Es ist ein erster Versuch,« entgegnete die Lehrerin, »ich werde passendere Spiele wählen und dieses mit den Kleinen einüben.«

»Das wird mich sehr freuen,« sagte Fräulein von Zimmern und verließ mit freundlichem Gruß die Klasse. Sie hatte sich kaum entfernt, als die unterdrückte Heiterkeit bei allen Mädchen durchbrach. Fräulein Bertrands Ermahnungen zu Ruhe und Ernst wollten lange nichts fruchten, denn sie wurden mit gar zu heiterer Miene gegeben.


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