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Zwölftes Kapitel.
Bei der Königin

Es war der letzte Nachmittag vor dem Fest. Gretchen saß mit Ruth allein in dem Schulzimmer und ließ ihre kleine Schülerin französisch lesen. Fräulein von Zimmern trat ein. Gretchen und Ruth sahen kaum vom Buch auf, sie waren an diese Besuche gewöhnt. Aber heute kam Fräulein von Zimmern nicht als stille Zuhörerin. »Schließt nur euer Buch,« sagte sie in ungewohnter Lebhaftigkeit, »ich bringe dir eine ganz unerwartete Botschaft, Gretchen.« Erwartungsvoll sah diese auf. »Sieh her, ich habe wieder ein Schreiben aus dem Kabinett der Königin erhalten, ich werde es dir vorlesen.«

In dem Schreiben stand, es sei der Königin bekannt geworden, daß eine der Ersten dieser Schule zugunsten der Zweiten aus allzugroßer Gewissenhaftigkeit auf die Einladung zum Fest verzichtet habe. Wenn sich das tatsächlich so verhalte und die Beweggründe wirklich edle gewesen seien, so sollen hiemit die beiden Ersten dieser Klasse eingeladen sein. Eine weitere Eintrittskarte lag bei. – Gretchen sprang auf von ihrem Platz und mit dem Ruf: »Das ist herrlich, einfach herrlich!« nahm sie die Karte in Empfang. Wem hatte sie dies unverhoffte Glück zu danken? Einen Augenblick zögerte sie, ob sie sagen dürfe, was sie dachte: als sie aber nur Freude und Güte in den Zügen ihrer gestrengen Vorsteherin las, da rief sie: »Fräulein von Zimmern, das haben Sie gemacht, Sie haben es die Königin wissen lassen!« »Nein, mein Kind, da irrst du dich, ich habe mich selbst schon besonnen, auf welchem Weg dies in der kurzen Zeit von wenigen Tagen bis zu der Königin gedrungen sein kann. Ich denke aber, wenn du unserem lieben Herrn Pfarrer dafür dankst, wirst du wohl an den richtigen Mann gekommen sein. Es freut mich herzlich für dich, auch für Hermine kann es jetzt erst eine reine Festfreude geben. Und nun geh' eilends heim zu deiner lieben Mutter, ich denke mir, sie wird kaum mehr das Nötige richten können bis morgen.«

Ruth hatte dies alles zwar schweigend, aber mit sichtbarer Freude angehört. Gretchen verabschiedete sich schnell, ohne wie sonst zu warten, bis Ruth ihre Bücher eingepackt hatte und mit ihr gehen konnte. Sie wollte keine Zeit verlieren, eilte fröhlich die Treppen hinunter. Aber doch wurde sie auf der Straße noch von Ruth überholt; die kleine Gestalt rannte an ihr vorüber, ohne sich aufhalten zu lassen. Warum es ihr heute wohl so eilt? fragte sich Gretchen, sie ist doch nicht geladen!

Das war nun daheim eine Freude bei den Eltern, bei den Kleinen, ja auch bei Franziska. Aber auch ein Getriebe! An ein neues Kleid war ja nicht mehr zu denken, aber das alte mußte gerichtet, gestärkt und gebügelt werden, und die Unterkleider und Bänder und Handschuhe und das Blumenkränzchen, was gab es nicht alles zu besorgen! Aber alle halfen gern nach Kräften, ja sogar Herr Reinwald, der so lange seine Tochter zurückdenken konnte noch nie von häuslichen Geschäften etwas übernommen hatte, bot seine Hilfe an zum großen Ergötzen von Gretchen. »Vater,« sagte sie lachend, »ich möchte dich sehen, wie du die Stärke anrührst oder meine Röcke bügelst!« »Hört, hört!« entgegnete Herr Reinwald, »sie ist schon ganz naseweis und übermütig, weil sie zu Hof geladen ist! Nun also, wenn meine Hilfe verschmäht wird, so ziehe ich mich in mein Zimmer zurück.«

Es währte aber keine Viertelstunde, so erschien Gretchen ganz demütig bei Herrn Reinwald. »Vater,« bat sie, »es wäre so gar geschickt, wenn Lene zur Hilfe käme, heute und morgen, aber wir haben alle keine Zeit, zu ihr zu gehen und sie zu bitten. Machst du denn nicht einen kleinen Spaziergang in die Gegend von ihrem Haus?« »Weil die Altstadt so verlockend ist als Spaziergang und weil der Regen so sanft herniederrieselt?« fragte Herr Reinwald dagegen. Aber er stand doch auf und erklärte sich bereit, Lene zu bestellen.

In diesem Augenblick wurde geklingelt und Franziska meldete, daß ein Herr Fräulein Gretchen sprechen wolle. »Mich? Ein Herr?« rief diese erstaunt. »Nun ja,« sagte der Vater, »es wird der König oder doch sein erster Minister sein. In diesen Kreisen verkehrst du ja.« Er ging mit Gretchen in das Besuchszimmer. Dort stand ein großer, stattlicher Mann – Gretchen erkannte ihn sofort wieder, es war Ruths Vater. Nach kurzer Vorstellung und freundlicher Begrüßung überreichte er Gretchen ein wunderbar feines Rosenzweiglein. »Meine Ruth bittet Sie, sich morgen mit diesen Rosen zu schmücken. Sie hätte die Blumen Ihnen selbst gebracht; aber sie konnte es im Augenblick nicht, sie hatte starkes Nasenbluten, als sie aus der Stunde kam.«

»Aus deiner Stunde?« fragte Herr Reinwald.

»Ich weiß nichts davon, es hat gar nichts gegeben,« sagte Gretchen errötend.

»Nein, nein,« bestätigte der Forstrat, »sie ist nur wie unsinnig heimgerannt, um rechtzeitig das Kränzchen zu besorgen.« »Es scheint ein Verhängnis zu sein, daß ihr der Verkehr mit meiner Tochter Nasenbluten zuzieht,« sagte Herr Reinwald. »O Vater!« bat Gretchen, der es peinlich war, immer wieder an ihr erstes Zusammentreffen mit dem Forstrat erinnert zu werden. Aber die beiden Herren lachten und der Forstrat sagte: »Ich glaube, es war Ruth nicht arg, daß sie selbst nicht kommen konnte, es wäre ihr eine Verlegenheit gewesen, ihr Kränzchen zu überreichen. Sie ist immer noch so ein ängstliches Häschen.« »Aber mit unseren Kleinen spielt und plaudert sie ganz vergnügt,« sagte Gretchen. »Es ist mir von großem Wert für das Kind, daß es in Ihr Haus kommen darf,« sagte der Forstrat, und dabei lag ein trauriger Ausdruck auf seinen Zügen. Gretchen bat ihn, Ruth morgen zu schicken, damit sie selbst sehen könne, wie sich die Röschen im Haar ausnähmen, und dankte herzlich für des Forstrats Freundlichkeit. Die beiden Herren verließen zusammen das Haus, Herr Reinwald mußte ja seinen Abendspaziergang in die Altstadt machen.

Lene kam am Abend voll Dienstfertigkeit und Tatendurst. Diesmal flüchtete Gretchen nicht vor ihr. »Heute habe ich mich auf dich gefreut,« sagte sie zu Lene, »aber das letztemal hätte ich mich nicht zu dir hereingewagt, wie hättest du mich auch gezankt!« »Ja, ja,« sagte Lene, »mit dir hat man aber auch seine liebe Not.« »Jetzt fängt sie doch an zu zanken,« rief Gretchen lachend ihrer Mutter zu; »du hast ja noch gar keine Not mit mir gehabt, die geht jetzt erst recht an mit den Kleidern!«

» Die Not schlage ich nicht hoch an; aber wieviel gute Worte haben mein Mann und ich dem Hofkutscher Plitt geben müssen, wie waren wir in Aufregung, weil er zuerst nicht recht gewollt hat, und dann keine passende Gelegenheit gefunden hat, es der Königin mitzuteilen. Das war eine Not! Aber gottlob, es ist ja gelungen,« rief Lene und sah mit glücklichem Stolz auf Gretchen. »Ja, Lene, ist denn das durch dich an die Königin gegangen?« fragten wie aus einem Mund Frau Reinwald und Gretchen. »Freilich, wir haben es dem Hofkutscher aufgetragen. So, das haben Sie gar nicht gewußt? Ja, ja, woher auch? Aber Gretchen, du hättest dir's denken können!« »Ja,« sagte Frau Reinwald ganz bewegt, »du hättest es dir denken können. Wem sonst wäre deine Sache so am Herzen gelegen, wer anders hätte so für dich alle Hebel in Bewegung gesetzt?« Gretchen fiel Lene um den Hals. Die wehrte mit feuchten Augen ab und sagte: »Laß doch, jetzt heißt's schaffen! Wo ist dein Kleid?«

Mit knapper Not wurde alles zur rechten Zeit fertig bis zum Donnerstagnachmittag, wo sich die Schülerinnen von Fräulein von Zimmern im Schulhaus versammelten, um gemeinsam ins Schloß zu gehen. Gretchen hatte das schlichteste Kleid an; aber die Röschen leuchteten freundlich aus dem blonden Haar und die Augen strahlten vor Vergnügen. Mit Wohlgefallen sah Fräulein von Zimmern auf die kleine Schar ihrer besten Schülerinnen. Die jüngste, ein munteres, sechsjähriges Mädchen, übergab sie der besonderen Obhut der zwei größten und empfahl ihr, folgsam zu sein. »Und nun geht hin,« sagte sie, als die ersehnte Stunde endlich geschlagen hatte, »und freuet euch des schönen Festes. Laßt euch nicht bange sein, wenn auch die Königin mit euch sprechen sollte. Wenn ihr euch so benehmt, wie ihr es alle Tage mir gegenüber tut, so ist es recht. Ich verlange täglich von euch eine feine Sitte, damit ihr euch nie bedrückt fühlt, wenn euch die Verhältnisse in vornehme Kreise führen. Heute wird es euch zustatten kommen.«

Jedermann in der Stadt wußte, was es für eine Bewandtnis hatte mit den Gruppen weißgekleideter Mädchen, die um diese Zeit aus allen Teilen der Stadt nach dem Schloß hinzogen. Eine große Menschenmenge hatte sich auf dem Residenzplatz versammelt, um zu sehen, wie die festliche Schar durch das große Schloßportal eingelassen wurde.

Obwohl von jeder Klasse nur eine Schülerin geladen war, so kamen doch aus den zahlreichen Schulen mehr als zweihundert Mädchen zusammen. In Gruppen, wie sie kamen, wurden sie von Lakaien in den großen Speisesaal geleitender rings mit grünen Bäumchen und Blattpflanzen geschmückt war. Zwei lange gedeckte Tafeln reichten fast von einem Ende des Saales zum andern. Niedliche Fähnchen ragten da und dort vom Tisch in die Höhe und trugen die Aufschrift der verschiedenen Schulen, so daß jede Gruppe leicht ihren Platz finden konnte. Weitaus die größte Anzahl der Schülerinnen gehörte den Volksschulen an. Manch armes Arbeiterkind durfte sich heute an eine Tafel setzen, die sonst nur für vornehme Herren und Damen gedeckt wurde. Die Töchter des adeligen Instituts, die sonst keine Gemeinschaft pflegten mit den Kindern des Volkes, die Klosterschülerinnen, die streng getrennt lebten von andern Mädchen, die Waisenkinder, denen die Königin selbst weiße Kleider an Stelle ihrer grauen gestiftet hatte, sie alle waren heute in einem Saal vereinigt mit den andern Schülerinnen der Stadt, und wie sie äußerlich durch die weißen Kleider und den Blumenschmuck im Haar sich ähnlich sahen, so hatten sie auch innerlich einige Eigenschaften gemein. Fleißig und gut begabt waren all die Anwesenden; denn die Faulen und die Dummen sind nicht auf den ersten Plätzen zu finden und waren nicht unter den Geladenen. So ging es auch jetzt geordnet zu, trotz der großen Anzahl von Mädchen, und in kurzer Zeit saßen sie alle erwartungsvoll an ihren Plätzen.

Gretchen und Hermine hatten zwischen sich die Kleine sitzen, die ihnen Fräulein von Zimmern als Pflegekind anbefohlen hatte. Aber über diese hinweg konnten die Freundinnen sich unterhalten: »Gretchen,« sagte Hermine, »wenn du jetzt nicht da wärest, könnte ich unmöglich glücklich sein, ich müßte immerfort daran denken, daß ich dich um dein Vergnügen gebracht habe. Ich hatte ja das Opfer angenommen, aber wirklich mehr um des Vaters und der Geschwister willen als um meinetwillen. Aber so, wie's jetzt ist, ist's herrlich!« »Könnte gar nicht herrlicher sein,« bestätigte Gretchen strahlend.

Schon ein Weilchen hatte die ganze, große Gesellschaft erwartungsvoll dagesessen, sich an den reizenden Tellern und Täßchen gefreut und sich gefragt, was wohl auf und in dieselben kommen würde, als eine Hofdame eintrat. Sie hatte ein Papier in der Hand, auf dem einiges bemerkt war. Sie hielt sich bald bei dieser, bald bei jener Gruppe auf und fragte nach einzelnen Namen. Kurz darauf wurde die große Flügeltüre des Saales geöffnet und ein Diener verkündigte: »Ihre Majestät die Königin.« Alle Mädchen erhoben sich und alle Blicke richteten sich auf die liebliche Erscheinung der jungen Königin, die in lichtblauem Seidenkleid, in Begleitung einiger Hofdamen, eintrat. Eine der Schülerinnen, die unter der Flagge des »Adeligen Instituts« saßen, ein zierliches, kleines Mädchen von kaum mehr als sechs Jahren, verließ ihren Platz, ging der Königin entgegen, begrüßte sie artig mit Handkuß, ergriff dann traulich die Hand der Hofdame, die zunächst der Königin stand, und sagte fröhlich und unbefangen: »Guten Tag, Mama, wir sind schon alle hier, sieh nur, wie viele!« »Wo sitzen deine Mitschülerinnen?« fragte die Königin, »willst du mich zu ihnen führen?« und sie folgte dem Kind an den Platz, den die Zöglinge des »Adeligen Instituts« innehatten. Die Hofdame stellte mehrere derselben, deren Namen für die Königin Bedeutung haben konnte, vor, und mit jeder wechselte die Königin einige freundliche Worte.

»Majestät,« sprach nun die Hofdame, »es ist eine Schülerin unter den Geladenen, die gern Ihrer Majestät zur Begrüßung ein Lied vorsingen möchte,« und leise, nur für die Umstehenden verständlich, fügte sie hinzu: »Es ist eine kleine Sängerin von Gottes Gnaden, sie wird einmal von sich reden machen.« »Eine zweite Jenny Lind?« sagte die Königin; »wo ist das Kind, zu welcher Schule gehört es?« »Es ist eine Volksschülerin,« antwortete die Hofdame, und wandte sich dann weiter unten an der Tafel an ein etwa achtjähriges Mädchen: »Maria Bucher, willst du nun dein Lied singen?« »Nein,« antwortete zu aller Erstaunen die Kleine mit großer Bestimmtheit, »jetzt nicht.« Etwas scharf entgegnete die Hofdame: »Jetzt ist die Zeit, später nicht; du hast doch selbst gewünscht, vor Ihrer Majestät der Königin zu singen.« Alle schauten gespannt auf das Kind. Es blickte scheu ringsum: »Es sind so viele Augen,« sagte es leise, »da kann man nicht singen.« Gütig neigte sich die Königin zu dem verschücherten Mädchen und sagte: »Du hast ganz recht, vor so viel Augen geht das nicht; aber ich weiß, wo es geht, willst du wohl mit mir kommen?« und sie führte die Kleine, die ihr willig folgte, an das Ende des Saales und stellte sie so, daß sie die gedeckten Tafeln hinter sich hatte und vor sich die grünen Bäumchen. »Hier kann man singen, nicht wahr?« fragte ermutigend die Königin und Maria Bucher antwortete: »Ja, schön!« Und ohne Aufforderung fing sie mit einem glockenhellen Sümmchen an zu singen:

Prinzeßchen fein, Prinzeßchen klein,
Wir sind heut' deine Gäste.
Wir sind geladen allzumal
In den geschmückten Königssaal
Zu deinem Wiegenfeste.

Prinzeßchen fein, bist noch so klein,
Mög' Gott dich uns bewahren!
Du bist ja unsers Königs Kind,
Drum bleiben wir dir treu gesinnt
Jetzt und in spätern Jahren!

Lautlose Stille hatte in dem ganzen Saal geherrscht und rührend hatte die reine Stimme geklungen. Die Königin war sichtlich bewegt. »Wer hat das schöne Lied gemacht?« fragte sie das Kind, während sie es an seinen Platz zurückgeleitete.

»Meine Mama hat es mir gemacht.«

»Da mußt du ihr einen Gruß von mir bestellen und mußt sie bitten, daß sie mir das Lied abschreibt und dann bringst du es mir und singst es mir noch einmal.« Die Königin bat die Hofdame, sich des Kindes Wohnung aufzuschreiben. Inzwischen hatte sich die Kleine an ihren Platz gesetzt, blickte um sich und sagte: »Nun sind schon wieder die vielen Augen da!« Die Königin lächelte: »Daran wird sich meine kleine Sängerin gewöhnen müssen,« sagte sie; aber die allgemeine Aufmerksamkeit wurde jetzt abgelenkt.

Die Hofdame hatte ein paar Worte mit der Königin gewechselt und geleitete diese nun zu der Gruppe der Waisenkinder. »Du heißt Niemeier, nicht wahr,« sagte die Hofdame zu einem zwölfjährigen Mädchen, und als diese bejahte, fuhr sie, zur Königin gewendet, fort: »Es ist die Tochter des Feuerwehrmanns, der bei dem großen Brand im vorigen Jahr das Leben eingebüßt hat. Ihre Majestät erinnern sich vielleicht, daß der Mann –«

»Gewiß, ich erinnere mich gut, solchen Heldenmut vergißt man nicht. Drei Menschen hatte er aus dem brennenden Haus herausgeholt, und als er zum viertenmal eindrang, um das kleine Kind zu retten, das man noch vermißte, da kam er nicht wieder.« Dem Mädchen waren die Tränen in die Augen getreten, als es so unvermutet, mitten in der Feststimmung, an dieses Erlebnis erinnert wurde. Als aber die Königin ihr huldvoll die Hand drückte und zu ihr sprach: »Dein Vater ist als Held gestorben, du kannst stolz auf ihn sein und mußt seinem Namen immer Ehre machen,« da sah das Kind voll Begeisterung zu der Königin auf und fühlte sich über die Trauer hinweggehoben.

Die Königin wandte sich an ihre Begleiterin: »Ich wünschte noch die beiden Freundinnen zu sehen, von denen eine der andern die Einladung zu unserem Fest abtreten wollte. Kennen Sie die Mädchen wohl?«

»Soviel ich weiß, gehören sie zu der Töchterschule von Fräulein von Zimmern,« erwiderte die Hofdame; »diese sitzen an der andern Tafel, ich werde sie Ihrer Majestät zuführen.« Gretchen und Hermine wären schon von weitem zu erkennen gewesen an dem Erröten, als sie hörten, daß die Aufmerksamkeit der Königin sich ihnen zuwandte. Die Hofdame hatte sie auch bald herausgefunden und ihnen einen Wink gegeben, ihr zu folgen. Obwohl sie gewußt hatten, daß die Königin Gastgeberin bei diesem Fest sein würde, hatte doch keine an die Möglichkeit gedacht, daß unter den Hunderten von Kindern gerade sie persönlich vorgestellt würden, und sie sahen sich im ersten Augenblick betroffen an. Hermine ließ Gretchen den Vortritt; sie fühlte sich gedeckt durch deren größere Gestalt und beruhigt durch die Erfahrung, daß Gretchen selbstverständlich die Sprecherin machte in allen schwierigen Fällen des Lebens. Den beiden Mädchen kam zustatten, was sie bei Fräulein von Zimmern gelernt hatten. Es war ihnen nichts Fremdes, sich anmutig zu verneigen, sie standen nicht steif und unbeholfen vor der Königin, die sie nun anredete: »Welche von Ihnen beiden ist nun die Erste?«

»Gegenwärtig bin ich's,« antwortete Gretchen, »aber in den letzten Jahren war es immer Hermine, und nur diesen Winter ist sie durch Krankheit zurückgekommen.«

»Dann wäre es allerdings bitter für Sie gewesen,« sprach die Königin zu Hermine, »nicht bei dem Fest zu sein.« Mit Tränen der Erregung kämpfend, brachte Hermine nur ein leises »Ja!« hervor. »Und Sie,« fuhr die Königin zu Gretchen gewendet fort, »hätten sich nicht der Freude hingeben können, während die Freundin trauert. Ich begreife wohl, daß Sie ihr lieber die Einladung abtreten wollten. Aber es ist Ihnen doch wohl schwer geworden, auf das Fest zu verzichten?« »Ja, sagte Gretchen, »ich hatte mich so gefreut, ganz besonders darauf, die kleine Prinzessin zu sehen.«

»Das tut mir leid,« entgegnete die Königin, »ich fürchte, da wird Ihnen das Fest eine Enttäuschung bereiten. Die Prinzessin ist zu zart, um in so große Gesellschaft gebracht zu werden. Es war mein Wunsch, sie den Kindern allen zu zeigen, aber der Arzt hat es nicht erlaubt.« »O, wie schade,« rief Gretchen sichtlich enttäuscht, »wir wären gewiß alle ganz leise gewesen, wenn man die Prinzessin hereingebracht hätte.«

»Das glaube ich,« erwiderte die Königin, »aber es handelt sich dabei um die Luft, die dem Kindchen unzuträglich sein könnte. Haben wohl alle Kinder die Hoffnung gehegt, die Prinzessin zu sehen?« »Ich weiß nicht,« entgegnete Gretchen. Da wagte Hermine auch ein Wort. »Nein,« sagte sie, »außer Gretchen hat es niemand geglaubt.« Schon hatte diese auf den Lippen zu sagen: »Ich habe es durch den Hofkutscher Plitt erfahren,« als ihr noch rechtzeitig ihr Taktgefühl eingab, daß es diesem Mann vielleicht unangenehm wäre, wenn hier erwähnt würde, was er geplaudert hatte. So unterdrückte sie die Bemerkung. »Ich hoffe, Sie werden dennoch vergnügt sein an meinem Fest,« sagte die Königin huldvoll, »zwei so gute Freundinnen sind immer glücklich miteinander!« Sie reichte den beiden Mädchen die Hand, sie waren entlassen. Während sie an ihren Platz zurückkehrten, flüsterte Gretchen Hermine zu: »Das war so etwas zum Erzählen für unsere Urenkel!«

Die Königin verließ grüßend den Saal, und nun wurde es belebt an den Tafeln. Die Kinder untereinander plauderten, Diener erschienen und schenkten aus silbernen Kannen Schokolade in die reizenden Täßchen und boten Kuchen dazu an. Fröhliches Leben herrschte in dem Saal, einzelne Damen sprachen da und dort die Kinder an, Diener eilten hin und her. So wurde es kaum bemerkt, als eine der Hofdamen zur Gruppe von Fräulein von Zimmerns Schülerinnen trat und leise zu Gretchen sagte: »Kommen Sie mit mir.« Gretchen folgte und verließ mit der Dame den Saal. Im Vorsaal sprach diese zu ihr: »Ihre Majestät die Königin will Ihnen die große Ehre erweisen, Ihnen die Prinzessin zu zeigen. Majestät hätte gern allen diese Gunst erwiesen, es kann aber nicht sein und wurde wohl auch von vernünftigen Menschen nicht erwartet. Sie scheinen diese Hoffnung gehegt zu haben, und in ihrer großen Güte kann die Königin den Gedanken nicht ertragen, daß eine ihrer Gäste enttäuscht von dem Fest heimkehre. Ich soll Sie deshalb in die Gemächer der Prinzessin führen. Sie werden nicht vergessen, sich für diese Auszeichnung zu bedanken, und werden der Prinzessin nicht zu nahe treten oder gar ihr die Hand küssen, wodurch Ansteckung möglich wäre.«

»Ich bin nicht krank,« sagte Gretchen. »Wer kann das wissen? Vorsicht schadet nie.« Gretchen kam es vor, als ob ihre Führerin nur widerwillig den Wunsch der Königin erfüllte. Sie fühlte sich dadurch bedrückt und hätte in diesem Augenblick leicht auf die ihr zugedachte Ehre verzichtet. Still ging sie neben der Hofdame im rauschenden Seidenkleid durch die langen Gänge des Königsschlosses. Endlich war das Ziel erreicht. Auf leises Klopfen wurde ihnen die Türe von einer einfach gekleideten Frau geöffnet. Es war die Amme der Prinzessin, die leise die Türe wieder hinter den Besuchen schloß und sich in das Nebengemach zurückzog. An einem Fenster des hohen, freundlichen Zimmers, durch das die Frühjahrssonne warm hereinschien, saß die Königin.

Bild: Cora Lauzil

»Majestät,« sprach die Hofdame, »hier ist Margarete Reinwald.« Die Königin erhob sich grüßend und sprach dann zu der Hofdame: »Lassen Sie mir das Mädchen hier, ich werde sie zurückbegleiten lassen.« Zu Gretchens großer Befriedigung verließ die feierliche Dame auf diese Worte hin das Zimmer. Allein mit der Königin, die sich so gütig gegen sie gezeigt hatte, fühlte sie sich nicht mehr befangen. Jetzt überkam sie die warme Freude, daß sie die kleine Prinzessin sehen sollte, und mit großem Verlangen sagte sie: »Darf ich wirklich das Prinzeßchen sehen? O, wo ist sie denn?« Es war gut, daß die gestrenge Hofdame nicht mehr anwesend war! Was hätte sie dazu gesagt, daß Gretchen so gegen die Hofsitte verstieß, indem sie zuerst das Wort an die Königin richtete! Aber die Königin war nicht nur Majestät, sie war auch Mutter, und das dringende Verlangen, ihr Kind zu sehen, freute sie. Gütig lächelnd sagte sie: »Ja, Sie sollen die Prinzessin sehen, kommen Sie!« Und sie führte Gretchen in das anstoßende Gemach. Auf weichen Teppichen schritten sie lautlos bis an die Wiege, neben der die Wärterin stand. »Schläft sie noch?« fragte die königliche Mutter. »Sie hat noch keinen Laut gegeben,« erwiderte die Frau. »Wir müssen sie doch sehen,« sagte die Königin und zog sachte die zarten Tüllvorhänge der Wiege auseinander. Und als sie beide – die Königin von der einen, Gretchen von der anderen Seite in die Wiege blickten, waren sie gleich sehr überrascht; denn mit offenen Äuglein sah das Kind ihnen entgegen.

»Sie wacht ja!« rief Gretchen ganz entzückt. Bei diesem hellen Ruf und dem Anblick von Gretchens Erscheinung verklärte ein Lächeln das winzige Kindergesichtchen. »Ei,« rief die Königin, »sie lächelt Sie an! Da werde ich fast eifersüchtig; denn sie ist noch sparsam mit ihrem Lächeln, nicht wahr, Frau Walter?« »Ja,« sagte diese, »Prinzessin ist erst neun Wochen alt, da kann man nicht viel verlangen.« »Wie lieblich sie aussieht, was sie für ein klein winziges Mündchen hat!« rief Gretchen ganz entzückt, und die Kleine schien Gefallen zu finden an dem blonden, rosigen Kopf, der sich über sie neigte, und an der hellen Stimme, sie lächelte wieder. »Sie hört Ihre Stimme gern,« sagte die Königin.

Da fing Gretchen an, leise die Worte zu singen, die ihr noch in den Ohren klangen: »Prinzeßchen fein, Prinzeßchen klein.« Die Kleine horchte und ihre Äuglein hafteten auf dem Röschen, das Gretchen angesteckt hatte, und das sich bewegte. »Das Röschen gefällt ihr,« sagte die Wärterin. Gretchen steckte es ab und bewegte es hin und her, und die Kleine folgte mit den Augen. »Darf ich's ihr geben?« fragte Gretchen, zu der Königin aufblickend. »Wenn Sie es gerne geben, dann können wir es an dem Vorhang befestigen, daß sie es vor sich sieht.« »Es ist Zeit zum Trinken,« mahnte die Wärterin. »Dann wollen wir nicht länger stören,« sagte die Königin und drückte einen Kuß auf die kleine Stirne. »Lebwohl, mein Liebling, wachse mir auch so blühend heran wie diese Tochter, die dir so gut gefällt!« Gretchen griff nach einem der kleinen Händchen, die aus dem Spitzenjäckchen hervorsahen und hätte es vielleicht geküßt, wenn es die Hofdame nicht untersagt hätte. So sagte sie nur: »Behüt dich Gott, Prinzeßchen!« folgte der Königin in ihr Gemach, und nicht nur auf Befehl der Hofdame, auch aus eigenem Herzensdrange dankte sie der königlichen Mutter für die Freude, die sie gehabt hatte. »Es tut mir leid,« sagte die Königin, »daß ich den anderen Mädchen nicht auch die Freude machen darf. Erzählen Sie heute noch nichts von Ihrem Besuch bei der Prinzessin, es täte vielleicht den andern weh.« »Ich will nichts davon sagen,« versprach Gretchen, »ich freue mich nur, bis ich es heute abend meinen Eltern erzählen darf.«

Mit strahlenden Augen kehrte Gretchen in den Saal zurück, wo sich manche über ihre Abwesenheit gewundert hatten. »Du hast dein schönes Röschen verloren,« sagte Hermine, sobald sie Gretchen erblickte. »Macht nichts,« entgegnete diese übermütig, »morgen erzähle ich dir, wo ich es gelassen habe!«

Zum Schluß des Festes wurden die Kinder in den Konzertsaal des Schlosses geführt. Dort war eine kleine Bühne errichtet, auf der eine lustige Puppenkomödie aufgeführt wurde. Von einer erhöhten Galerie aus sah die Königin mit den drei Prinzen der Aufführung zu und konnte sich an dem lauten Beifall der Schuljugend ergötzen. Im Hintergrund des Saales hatte sich die Dienerschaft des Schlosses eingefunden, die von dem Fest nicht nur die Mühe, sondern auch den Spaß haben sollte. Während einer Pause in der Aufführung hatte Gretchen zufällig zurückgesehen, und seitdem wandte sie sich öfter um und sah dorthin. »Warum siehst du dich immer um?« fragte eine Schülerin des Adeligen Instituts, die in ihrer Nähe saß und sie ein wenig kannte, »dort hinten ist nichts Besonderes zu sehen, dort steht nur die Dienerschaft.« »Ich weiß,« sagte Gretchen, »aber unter diesen Leuten kenne ich jemand, und dem möchte ich für etwas danken.« »Das geht doch nicht an, es ist ja auffallend, sogar die Königin könnte es von oben bemerken. Ich möchte nicht vor ihr und all diesen Mädchen mit jemand aus der Dienerschaft reden.«

»Warum denn nicht? Unter der Dienerschaft habe ich meine besten Freunde,« sagte Gretchen und dachte dabei an Lene.

Als nach dem nächsten Auftritt der Vorhang wieder fiel, hatte Gretchen ihren Entschluß gefaßt. Sie stand augenblicklich auf, schlüpfte zwischen den Reihen hindurch bis in den Hintergrund des Saales, unbekümmert um die verwunderten Blicke, die ihr folgten. Mitten unter den Leuten stand der Hofkutscher Plitt. Auf ihn hatte Gretchen es abgesehen. Plötzlich stand sie vor dem Erstaunten, reichte ihm die Hand: »Ihnen muß ich danken; denn wenn Sie nicht so gut gewesen wären, hätte ich keine Karte zum Fest bekommen. Die Lene hat mir's erzählt.« »Nichts zu danken, es ist ja gern geschehen,« versicherte der Mann wiederholt. Es war ihm aber wohl anzumerken, wie es ihn freute, daß eines von den größten und schönsten Festfräulein so vor aller Augen zu ihm herkam und sich beim ihm bedankte, und es folgten ihr viel freundliche Blicke der Dienerschaft, als sie zu ihrem Platz zurückeilte, um ihn zu erreichen, ehe der Vorhang in die Höhe ging.

*

Hoch befriedigt kamen all die jungen Gäste vom Fest heim und in vornehmen und geringen Häusern wurde an diesem Abend von denselben Erlebnissen gesprochen. Gretchen hatte aber noch etwas mehr erlebt als alle anderen. Die kleine Weile, die sie mit der königlichen Mutter allein an der Wiege der Prinzessin gestanden war, schien ihr die köstlichste Erinnerung von allen, und noch im Einschlafen schwebte ihr das holde Lächeln des Kindes vor. Als Frau Reinwald ein paar Minuten, nachdem Gretchen zu Bett gegangen war, noch einmal in ihr Zimmer kam, um das weiße Kleid herauszunehmen, (es hatte ein Loch, aber die Königin konnte es nicht gesehen haben), da war Gretchen schon eingeschlafen, und noch im Schlaf lag ein glücklicher, friedlicher Ausdruck auf ihren Zügen. »Du mein sonniges Glückskind,« sagte die Mutter bewegt, »Gott erhalte dich so wie du bist!«


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