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Das Bruch

Östlich vom Lichtenhagen zieht sich von Norden nach Süden eine Senkung hin, auf der gegenüberliegenden Seite begrenzt von aufsteigenden Ackerfeldern, weiten Heideflächen und Kiefernwäldern. Zwei Bäche sammeln die Wasser dieser auf Lehm und Mergel ruhenden Senkung und tragen sie in trägem Lauf zu Tal, um mit ihnen den Dorfteich zu speisen. Der treibt mit ihnen seine Mühlräder, schafft aus ihnen Badekölke und Eisbahnen für die Jugend, Schwemmen für die Pferde und Waschplätze für die Weiber und gibt dann diese durchtollten und durchwühlten Wasser durch eine andere Senkung in den südlichen Höhn weiter durch Bach und Fluß zum Strom.

In der Mitte dieses langgestreckten, mannigfach eingeengten und verbreiterten Tales liegt ein Heiderücken, der schon seit langer Zeit auf seiner einsamen Höhe ein Hochmoor trägt; das schmückt seinen Rand mit würzigen Gagelsträuchern und Sumpfporsten und dem gelben Beinheil, mit schwarzen Moorkiefern und kümmerlichen Zwergbirken, über seiner Mitte aber wölbt sich ein gewaltiges Sphagnumlager – und unter dem, hier in dem übermoosten See, haben die beiden südwärts fließenden Bäche und ein dritter nach Norden abströmender ihren Ursprung.

Dieses ganze, versumpfte, vermoorte und vertorfte Gebiet nennen die Leute das Bruch und denken dabei an saure Wiesen, oftmalige Überschwemmungen, die ihnen das karge saftlose Heu wie Schiffe und Flöße davontragen, und an Maifröste, die in den wenigen anliegenden Gärten die Obstblüte und die jungen Gemüse regelmäßig zerstören.

Aber auf den torfigen Wiesen, den sandigen Aufschüttungen der Bäche und eisenroten Gräben, an den übelriechenden Sumpflöchern, in den zerstreut liegenden Elsen- und weichhaarigen Birkengebüschen, am Rande der Kiefern- und Eichenkolonien geben sich flammende leuchtende Blumen ihr Stelldichein: Da läuten neben den brennenden Weidenröschen die Purpurglocken des Fingerhuts, gesellt sich zu dem weinduftenden Wasserdost der friedlose Goldweiderich und breitet die gewaltige Bärenklau ihre gastlichen Dolden. Hier leuchtet weit über die Wiesen die hohe Grundfeste und unter ihr nickt die Arnika mit ihrem harzduftenden Blütenkopf, während allerorts die bunten Kerzen der Knabenkräuter brennen und die zartgefransten Blütentrauben des Fieberklees; und allerorts schwellen die Sphagnummoose ihre grünen und bläulichen Polster, zarte Moosbeeren und gleißender Sonnentau haben sich auf ihnen angesiedelt und neben ihnen, wo der wilde Schneeball an zierlichen Schirmtrauben seine Früchte hängen läßt, hockt träge und tückisch das Fettkraut und schaukelt seine Veilchenblüten auf schlanken Stengeln. Aber in der Mitte, dort um das schwarze Erlenloch, in dem der sparrige Pferdekümmel sich breit macht, haben gefleckter Schierling und hohe Brustwurz im Verein mit übermannshohen Sumpfdisteln und Nesseln eine Mauer geschlungen, über die nur noch die braunen Rispen des Schilfrohrs ragen; und von Rispe zu Rispe, von Halm zu Halm und Baum zu Baum klettert über alles und überschüttet alles die Winde mit ihren weißen Trichterblüten. –

Ringelnattern und Kreuzottern haben hier ihr Reich und ihre Beute an lärmenden Froschheeren und mannigfachen Mäusen; Wasserhühner und Krickenten locken aus dem Röhricht und trippeln des Abends auf den taufeuchten Wiesen; polternden Fluges gehen Rebhühner- und Fasanenketten vor dir hoch; gaukelnde Kiebitze wiegen sich in den Lüften; schreiende Regenpfeifer streichen in Scharen dahin; der schillernde Eisvogel huscht über die Bachläufe – während der Reiher steif wie ein Pfahl am Schilfrand steht.

Aber in den Kolken und Lachen tanzen unzählige seltsame Wesen auf und nieder – ein grotesker ungeheurer Kopf, mit zwei Hörnern versehen, der Körper eingeschlagen und nicht viel größer als dieser, mit breiten Borsten am Schweif – mit einigen zornigen Schlägen ist es unten und steigt jetzt wieder geruhig hoch, stundenlang geht das Spiel, auf und ab –. Doch des Abends schälen sich aus den seltsamen Tauchern Schnaken hoch, diese Lachen und Kolke senden Heere auf Heere aus von sausenden surrenden Mücken, daß das ganze Tal singt und summt und surrt. –

Es ist schön, am glühenden Sommermittag durch dies Alles zu schweifen, sich im Schatten einer Silberweide neben den Bach ins Gras zu werfen, zuzusehen, wie der Grashalm in den kleinen Wellen sich hebt und senkt, wie über ihnen blauschimmernde Gyriniden gleich tanzenden Quecksilberkugeln ihre unermüdlichen Reigen kreisen, wie glänzende Schilfkäfer von Halm zu Halm schwirren, wie dort auf dem trockenen Eichenast ein Sperber aufbäumt, umlärmt von Schwalben und Bachstelzen und anderem scheltenden Volk – um dann seinen Blick an eine einsame Wolke zu hängen und mit ihr durch den blauen Himmel zu segeln, weit fort ins Reich der Träume, der bunten Sommerträume – so weit, daß du plötzlich um dich blickst: was ist das? – wer bin ich? – wo war ich? –

Wie die beiden südlichen Bäche ihr Wasser dem Dorfteich zuführen, so hat auch der dem Nordrande des Hochmoors entspringende seinen Teich zu tränken. Der liegt am nördlichen Ende der großen Senkung. Die Wälder, die in einiger Entfernung das ganze Tal begleitet haben und dann in gewaltiger kompakter Masse sich bis an den Rhein nach Cleve walzen, senken sich hier von allen Seiten flach und sanft herab und lassen ihre Vorposten, Haseln und Weiden, in den stillen Wassern sich spiegeln. Weiße Seerosen liegen in der Mitte dieser Wasser und träumen in lauen Nächten zum Mond, während an den langgestreckten Ufern der ewig raschelnde und lispelnde Schilfwald schwätzt; bis unter die Buchen und breitkuppligen Kiefern dringt er zuweilen in dem umgebenden Wald vor mit seinen bleichen Schlangenwurzeln. Mehr und mehr sucht er dem Wasser sein klares spiegelndes Reich zu rauben, immer neue spitze Schößlinge läßt er aus dem schlammigen Grund hochschießen, er kann nicht genug sein windiges zerrissenes Gesicht sehen, nicht genug sich rascheln und schwätzen hören. Nach Osten zu hat er schon die beiden Ufer bis fast zur Teichesmitte in seinem festen schwätzenden Besitz, hier und da reicht er sich schon die Hand von Ufer zu Ufer, seine rauschende raschelnde Hand, und die armseligen freien Lachen dazwischen hat er in ein, zwei Jahren zugewürgt, und dann liegt er da, breit und brutal, und neigt schwätzend seine braunen fahrigen Köpfe nach den ewig gleichen Stößen des Westwinds –.

Doch am östlichen Ende dieses raschelnden Waldes liegt wieder ein Teich, blank und rein vom Schilf; Laichkräuter, Froschlöffel und runde Kolonien dunkelgrüner Krebsscheren leben in dem, und purpurne Schwanenblumen und die weißen Blütenwirtel der Pfeilkräuter lächeln von seinen Ufern: und wenn bis hierhin die kleinen Wellen des Baches, die von da oben zwischen den narkotischen Gageln und Porsten heruntersickerten, gekommen sind, dann spielen und glucksen sie an mächtigen Mauern und Pfeilern, ein hoher Turm spiegelt sich in ihnen, dann plätschern und wandern sie rings um eine Wasserburg, das alte Schloß zu Raesfeld – eine Wasserburg, im Tiefland, von breiten Gräben umgeben – wie sie im Norden und Nordwesten Deutschlands träumen und zerfallen.

Nichts weckte in Erich schöner und reiner die schmerzlose Verwunderung über unser hineilendes, verzerrtes, sinnloses und unergründliches Dasein als diese alte, halb zerfallene Burg. Oft wanderte er, vor sich und seinem Überdruß flüchtend, hier hinaus, um auf der flechtenbewachsenen Galerie des Turmes stehend oder in eine der tiefen Fensternischen gelehnt dieses träumerische Bild auf sich wirken zu lassen.

Auf drei Wegen konnte man das Schloß und das nach ihm benannte etwas abseits gelegene Dorf erreichen. Einmal durch das Bruch, an den Bächen entlang, über den Heiderücken mit dem einsamen Moor und den anderen Bach hinab; das war der kürzeste, er lief der Luftlinie gleich und in zwei Stunden war man dort. Sodann im Bogen über die östlichen Höhn, durch Felder und Heideland, über ein Dorf, das berühmt war durch eine uralte Eiche – von dort aus benutzte man den Fahrweg und sah nach einer kleinen Weile die Türme des Schlosses herüber grüßen – drei Stunden ging man hier. Der dritte Weg schlängelte sich westwärts vom Bruch durch den Lichtenhagen und den Königlichen Wald – sandige, nasse und verheidete Waldwege. Es dauerte vier, auch wohl fünf Stunden, bis man mit dem niedersteigenden Wald bei dem Schilfteich anlangte; doch meistens verlief man sich unterwegs und kam nach stundenlangem Umherirren in einer ganz anderen Gegend heraus.

Ein feiner Westwind, der zuweilen an stillen glühenden Sommertagen von den feuchten Wäldern nach der weiten dürren Heide weht, rastet gern auf seiner Fahrt bei dem alten Schloß. – Mit einem leisen Schwung hebt er sich von den Teichen, deren ölig glatte Fläche er nicht zu kräuseln vermocht hat, hoch und streicht, nach vergeblichem Bemühn die steilen Mauern des Schlosses, seine hochgelegenen breiten Fenster und sein flaches Schieferdach zu erklimmen, längs der Wand des auf jenem Flügel senkrecht stehenden Gebäudes hin, hebt sich langsam bis zu dem spitzen Ziegeldach, um sich aber bald in dem mächtigen Efeubewuchs der Mauer zu verfangen und über ihre dunkelgrüne Mauerraute, ihren Rainkohl und Hauslauch niederzugleiten zu den niedrigen Trümmern eines runden Turms; er kühlt und tränkt die Pflanzen, die dort zwischen dem Schloß und dem Wassergraben hausen – den Alant, die Pestwurz und das Bilsenkraut, den alten Spindelbaum, der Jahr aus Jahr ein im Schutz einer hohen Esche in scharlachroten Kapseln seine orangegelben Samen trägt, den schwefelfarbenen Eibisch und die über ihm blühenden weinduftenden Rosen.

Inzwischen hat der Graben, der die ganze weitere Nordseite des Schlosses schützt, schon seit Jahrhunderten hinter dem runden Turm einen Arm nach Süden geschickt – und über den eilt nun der Westwind hinüber, quer über den langgestreckten Hof, um aber gleich an der zusammenhängenden Wand der Wirtschaftsgebäude und ihrem steilen Ziegeldach anzuprallen; die werfen ihn wieder über den Hof zurück, sodaß er denselben Graben über einer breiten Brücke überweht und dann in den eigentlichen Schloßhof fällt.

Auf diesem hochgelegenen Hof, den an seinen beiden Wasserseiten eine niedrige Mauer umfaßt, lagert die Luft heiß und leicht und läßt den Wind, wie er von den kühlen Bogengängen vor den Kelleröffnungen zurückfährt, kreisen und steigen, die enge Treppe, die zu der schmalen Tür des Hauptflügels führt, hinaufgehen, auf der Plattform neben ihr seine Kräfte wieder sammeln, in die breiten, der Morgensonne entgegenlachenden Fenster des einen und die schmalen, Schießscharten ähnlichen des andern Flügels blicken – und dann im Bogen auf den hohen Turm zuwehen, der neben dem Schieferdach in eigentümlich ausgeschweiften Linien sich verjüngt. Vergebens versucht der Flüchtige an solchen Tagen die rostige Windfahne, die da oben von der zwiebelförmigen Kuppe ins Land schaut, zu drehen und setzt mit einem eleganten Sprung über die beiden Höfe und den Graben zu dem anderen Turm hinüber, der massiger und weniger hoch als der des Wohngebäudes das Südende der langgestreckten Wirtschaftsgebäude abschließt.

Hier oben auf der steinernen Galerie, über der sich eine schieferbedeckte Kuppel mit kleinem Glockenaufsatz erhebt, umläuft der Wind dann wohl den Turm und blickt ins Land: unten schläft der Burggraben mit seinen Nymphäenblättern und Laichkräutern, schlafen still die roten spitzen Dächer der Tagelöhnerhäuser, ruht die zweitürmige Kapelle und schlummern die holprigen spitzsteinigen Gassen mit ihren windschiefen blaugekalkten Häusern – sie scheiden das Dorf da hinten mit seinen Wirtshausschildern und elektrischen Lichtern, die neue hastende Zeit gegen die Vergangenheit, die hier schläft und träumt – blickt in den Schloßhof, wo zwei Geistliche auf und nieder wandeln, sich auf die Hofmauer setzen, plaudern und den Hahn fortscheuchen, der sich vor ihren Augen den Minnesold holen will – da hängt der Efeu so matt und sonnenmüde über dem breiten Fenster, das auf die Turmreste blickt – da ragt der Turm so einsam in die Luft, und neben ihm hin und über das gleißende Schieferdach fort schweift der Blick fern auf den sonnenbeschienenen Teich, das sich beugende neigende Schilf und die ruhenden Wälder – blickt über die Anger und Felder weit in die Heiden, wie sie mit dunklem Kieferngebüsch gesprenkelt sich unabsehbar in den blaugelben Sonnenglast verlieren, in dem die Kirchtürme ferner Dörfer auftauchen, zittern und verschwinden –, aber dort über dem Heidesattel lagert grauer schwerer Dunst; da schickt der Industriebezirk seinen Kohlenrauch ins Land und hängen schwarze Punkte in der Luft: die Fördertürme der Zechen, wo das gewaltige Rad die schwarzen Gestalten wieder ans Licht trägt!

Wie lange wird's dauern, daß das Dröhnen und donnernde Hasten von da unten auch hier die Ruhe und den Traum verscheucht, auch hierhin seine tobende, dampfende und rasselnde Zeit trägt? Und wenn die alt geworden und zerfällt, so hängt wieder eine andere dort am Horizont und droht mit ihrer Gegenwart, und wieder – was ist Menschenleben, was ist Menschenlos! Wie eine Stunde fließt es und träumt es dahin, und ihre Werke vereinsamen und zerfallen zu Staub –. Aber sind sie denn anders als ich? Ich komme und vergehe. Stunde für Stunde, bin zeitlos und bin doch immer da. –

Als so der Wind gesprochen, erhob er sich und wehte fort über Dorf und Feld in die glühende Heide, um nach kurzem Schlaf in den Bärlapprasen und Farndickichten zur Nacht wieder zurückzukehren zu den westlichen feuchten und warmen Wäldern.


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