Fritz Reck-Malleczewen
Von Räubern, Henkern und Soldaten
Fritz Reck-Malleczewen

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Bei Bermont

Einer, der nicht vergessen kann. »Geschenke der dankbaren Bevölkerung.« Wir nehmen Schaulen. Weiberwirtschaft und Landsknechtsleben. Begegnung mit Bermont. Der Kampf um Riga. Kanonenschüsse auf die Tante. England fällt Rußland in den Rücken. Rückzug und Chaos. Auf verlorenem Posten. Antwort an Bermont. Wer war's? Rußland ist tot!

Das deutsche Armeekommando weist mich nach S . . . ., wo das Werbebureau des russischen KontingentesNeben der einstigen, nun von Awaloff-Bermont geführten Goltzarmee, mit dieser organisatorisch eng verbunden, sammelten sich im Herbst 1919 die monarchistischen Elemente des alten Rußland. Die alten historischen Regimenter der einstigen kaiserlichen Armee wurden hier rekonstruiert, sogar die alten Feldzeichen wurden auf mehr oder weniger abenteuerliche Weise herbeigeschafft und den Truppenteilen wieder verliehen. liegt. Nun, ich fahre hin, und da sitzen denn auch zwei solch dicke alte Kameraden mit der alten Verbindlichkeit und den alten Uniformen und der alten russischen Vertrauensseligkeit. Anstandslos, ohne Prüfung meiner Papiere, werde ich an das in Kurschany liegende Reiterregiment »Graf Alexej« gewiesen. –

Ein paar Werst vom Korpsstab liegt der des Regimentes. Die weißblaurote Fahne weht von der Tür des Schulhauses, wo auch das Kasino ist, Trompeter üben hinter einem Wäldchen die alten Kavalleriefanfaren . . . es ist alles so schön und unwahrscheinlich, daß man es beinahe für eine Luftspiegelung halten möchte. Gleich werde ich ins Kasino geführt, wo die Kameraden sitzen, essen und trinken und sich freuen, daß sie unter ihresgleichen sind. Denn das sehe ich schon, daß jeder von ihnen ebenso wie ich zwangsweise bei den Roten gedient und sein Leben vor Henkern und Kommissaren ebenso hat in Sicherheit bringen müssen.

Ein kleiner schwarzer Rittmeister setzt sich neben mich, bleich und stumm, spricht kein Wort den Abend über. Mein 151 anderer Nachbar nimmt mich beiseite: »Den werden Sie noch kennenlernen! Sehen Sie, Braut und Mutter haben die Bolschewiki ihm erschlagen . . . Gott weiß, was mit ihnen gemacht vorher. Nun denkt dieser nur daran, wie er sich rächen kann. Fängt er also einen Roten oder wird ein Gefangener ihm gebracht, so ist er schlimmer als ein Tier, obwohl er eigentlich ein guter Kerl ist. Sehen Sie, da nimmt er sich den Gefangenen, der schon zittert, vor, redet freundlich mit ihm . . . von seinen Eltern, von seinem Dorf, was weiß ich. Der Gefangene wundert sich über die Freundlichkeit, er wird zutraulich, er erzählt . . . plötzlich fährt unser Andrej Antonowitsch ihm an die Kehle . . . sehen Sie, so . . . beißt ihm die Gurgel durch. So macht er es immer. Man soll nicht sprechen darüber. Es ist auch wahr, daß der Kommandeur es ihm schon verboten hat. Aber was soll man machen, es hilft alles nichts, er fängt sie immer wieder und beißt sie tot.«

Abends kommen die Offiziere der detachierten Schwadronen aus den umliegenden Dörfern. Man zecht, man spricht darüber, an welche Front man kommen wird. Bei Denikin ist es nicht gut, der hält es mit den Franzosen . . . dort sitzen die französischen Offiziere, die schon solche Rechtsanwälte in Uniform und Handlungsreisende sind, handeln erst um die Gewinnprozente von irgendeiner Ölquelle, die Denikin erobern soll, ehe man ihm Munition gibtTatsächlich scheiterte das stark von der Entente abhängige Denikinunternehmen daran, daß seitens der französischen Etappe um jeden Granatentransport gehandelt wurde. Augenzeugen berichten, daß ein Artillerieangriff Ds. abgestoppt werden mußte, weil man sich mit den Franzosen nicht über die Prozente einigen konnte.. Oben bei Judenitsch aber ist es gut. Und hier stehen sechzigtausend Deutsche, haben in Kurland, im Lande Gottes, so ein wallensteinisches Lager . . . ihr Kommandeur Goltz hat seinen Leuten Siedlungsland versprochen, er wird sein 152 Versprechen halten. Man sagt zwar, Goltz werde abdanken, das wollen so die Sozialisten in Deutschland.

Was ist eigentlich ein Sozialist? Keiner von uns weiß es so recht . . . wir sind Soldaten. Nur das wissen wir, die deutschen Sozialisten sind Menschen, die uns keine Munition, kein Geld, kein Brot schicken wollen . . .

Einer sitzt, während wir so reden, ganz nachdenklich dabei. »Fjodor Fomitsch,« fragt ihn einer, »Sie haben wohl wieder etwas vor?«

Der andere lacht: »Der Teufel soll mich holen, mir fehlen in meiner Schwadron ein paar Pferde. Ich werde sie besorgen . . . Ja, das soll mir schon gelingen.«

Alle lachen. Wenn Fjodor Fomitsch Pferde »besorgen« will, dann weinen ringsum die Bauern. Aber es gelingt ihm immer. Denn keiner kann Pferde so stehlen wie Fjodor Fomitsch. Der Kommandeur hört das Gespräch, er versucht auch, böse auszusehen, muß aber lachen. Was sollen wir denn auch tun? Auf Krückstöcken kann man nicht reiten. Und wer ist noch unser, wer ist noch Rußlands Freund? Allein noch diese Deutschen, die hier im Lande stehen! Und unsere Verbündeten von 1914? England will Privilegien und Prozente, Frankreich will Prozente, noch mehr Prozente und immer wieder Prozente und Privilegien, Amerika will Prozente, Privilegien, Schürfrechte im Ural . . . was weiß ich . . . Jeder will ein Stück Fleisch schneiden aus dem Leibe des Mütterchens Rußland. Wir aber wollen Rußland, wir wollen den russischen Gott und die russische Ordnung. Nicht so eine deutsche, eine englische oder französische Ordnung, sondern eine russische Ordnung. –

Spät leert sich das Kasino, wir legen uns ins Stroh. Am Morgen, wie wir aufwachen, stehen da schon sieben jammernde Bauern vor unserem Quartier, haben abgeschnittene Pferdeschwänze in der Hand, klagen, daß man sie in dieser Nacht bestohlen habe. Schon vorher, der Sicherheit wegen, hätten sie den Pferden die Schwänze abgeschnitten, um jederzeit beweisen zu können, daß es ihre Pferde 153 seien . . . man werde sehen, daß die Schwänze paßten, man solle nur bei der vierten Schwadron suchen.

Gut, das ist die Schwadron von Fjodor Fomitsch. Fjodor Fomitsch war einmal Gardekavallerist, nun ist er Pferdedieb. Der Kommandant macht ein finsteres Gesicht und befiehlt uns, mit ihm zur vierten Schwadron zu reiten. Unterwegs treffen wir den Kornett Grafen P. von der vierten Eskadron, er reitet eine sehr edle Halbblutstute. Der Kommandeur stellt ihn. »Woher das Pferd, Kornett?«

Der Kornett salutiert: »Ein Geschenk der dankbaren Bevölkerung, Herr Oberst.«

Der Oberst dreht sich um und lacht. »Reitet mit euren Bauern gefälligst allein zur Vierten, ihr Pferdediebe. Was mich betrifft, ich werde mich nicht blamieren.«. Fort ist er.

Allein reiten wir zur Untersuchung! Die Pferdeschwänze passen aber nicht. Die Soldaten haben nämlich sofort nach vollführtem Diebstahl die Pferde umgefärbt . . .

Am 15. Oktober bekommen wir von General Degobory den Befehl, Schaulen, den von weißen Litauern besetzten Hauptpunkt der in unserem Rücken nach Deutschland führenden Bahn, zu nehmen. Die Litauer, die es besetzt haben, sind zwar, wie sie sagen, auch Feinde der Bolschewiken, trotzdem liegen wir uns mit ihnen in den Haaren . . . kein Mensch weiß ja heutzutage, wer noch Freund, wer Feind ist. Und in jedem Falle stören diese Litauer unsere und die deutschen Munitionstransporte.

Da wir durch Spione alle örtlichen Wachen erkundet haben, wollen wir das Nest in schnellem Schlage nehmen. So reiten wir um zwei Uhr früh los. Auch wir Offiziere tragen Karabiner. Wir haben keine Artillerie bei uns, nur eine berittene, aus Berufsoffizieren gebildete Maschinengewehrabteilung. Der Regimentskommandeur mit dem Stabe und der ersten Schwadron ist an der Spitze . . . auch ich bin dabei, da ich des Landes kundig bin.

In den kleinen Judenhäusern brennt noch kein Licht, wie wir einrücken. Sowie wir die ersten Häuser hinter 154 uns haben, setzen wir in scharfem Galopp vor die Kommandantur. Da wir auf unseren guten Pferden der Schwadron zuvorkommen, so erreichen wir Stabsoffiziere als erste allein unser Ziel. Die Wache im Vorgarten des Hauses schlägt das Gewehr an, zielt auf mich. Ich schieße den Mann mit dem Karabiner nieder . . . da liegt er mit seinem Brustschuß. Da regnet es schon aus dem ersten Stock des Hauses Handgranaten auf uns nieder . . . . ein paar von uns fallen. Wir laufen über die Treppen hinauf, sind im Zimmer des Kommandeurs. Der ist oben ganz allein . . . erst später stellen wir fest, daß sein Stab durch die Kohlenkeller des Hauses entwischt ist. Der Kommandant wehrt sich mit Handgranaten und Pistolenschüssen, und wieder legt er ein paar von uns um. Da die Schwadron inzwischen eingetroffen ist und unsere Leute wütend sind über ihre Verluste, schlagen sie ihn tot, ehe wir es verhindern können.

Als die Sonne aufgeht, ist die Stadt in unserer Hand. Die Bahn ist besetzt, drei Millionen sind auf der Bank erbeutet. Unser Oberst fährt, von der ersten Schwadron begleitet, in seiner Kalesche durch die Stadt, verteilt das Geld an die Soldaten, indem er die Scheine zum Fenster hinauswirft. Auch wir Offiziere bekommen ein Teilchen. Da aber nach ein paar Tagen schon eine Berliner Theatertruppe einrückt mit vielen schönen Weibern, so ist das Geld gleich wieder beim Teufel . . .

Als wir in unser Quartier abrücken, bringt man uns einen Haufen Zivilpersonen. Es sind amerikanische Pfarrer vom Roten Kreuz, sie sind versehentlich verhaftet. Eigentlich müßten wir sie sofort loslassen. Da aber ein Dicker unter ihnen ist, der auf englisch sehr laut auf uns flucht, so gefällt es uns, sie noch einen ganzen Tag einzusperren.

So liegen wir rings um die Stadt in unseren Biwaks. Schön ist das Spätherbstwetter, lustig klingen die Fanfaren. In diesen Tagen bekomme ich ein schönes Quartier bei einem Arzt. Nach vielen Monaten soll ich wieder in einem 155 Bett schlafen. Aber ich kann es nicht. Nein, ich kann es nicht mehr. So sehr habe ich mich schon des Bettes entwöhnt, daß ich mich neben ihm auf die Dielen legen muß. Da schlafe ich gut!

Gut wäre es hier und alles in Ordnung, wenn nur diese verfluchten Weiber uns Soldaten zufrieden lassen wollten! Früher war es in russischen Regimentern eine gute Sitte, daß es den Offiziersdamen verboten war, das Kasino zu betreten, nur am Neujahrstage war eine einzige Stunde im Jahr ihnen erlaubt für einen Nachmittagstee. Nun haben die deutschen Truppen die Unsitte eingeschleppt, daß die Offiziersfrauen – und wenn es auch nur immer die Frauen sind! – überall sich in den Quartieren zeigen. Nicht einmal ungeniert trinken kann man auf diese Weise! Da geschieht es so, während wir in Schaulen liegen, daß Konstantin Pawlowitsch, der frühere Gardedragoner, betrunken wie er ist, schlechte, ganz schlechte Witze erzählt. Wir lachen und können es nicht verhindern, sehen zu spät, daß unser Kommandeur »mit dem Busen«, will sagen die Frau des Obersten, im Kasino anwesend ist. In einer Ecke sitzt sie da wie ein bunter Pfau, läßt sich den Hof machen, rauscht, als sie unser Lachen beleidigt, hinaus, raschelt nur so mit den seidenen Unterröcken. Wir beachten es zuerst nicht, denken, »mag sie rauschen«. Aber zwei Stunden darauf kommt eine Stabswache: Konstantin Pawlowitsch soll sofort arretiert, soll in den Regimentsstab gebracht werden.

Was sollen wir tun? So betrunken ist er, daß er weder reiten, noch fahren, noch gehen, noch sonst sich irgendwie bewegen kann. Wir binden ihn also auf den Sitz einer LiniendroschkeEinfaches russisches Gefährt, bei dem die beiden Räderpaare nur durch einen schmalen Sitzbalken verbunden sind., befestigen ihn dort, wie die Goten den König Alarich befestigt haben. Los geht die Reise! Kaum ist der Wagen in Gang, so fällt unser Konstantin von seinem Sitz herunter. Gleichwohl wird er von den Stricken 156 gehalten, und nun fährt der Wagen, indem unser Freund an den Stricken hängt und seine Beine auf dem Wege schleifen . . .

Wir lachen und lachen. Aber freilich, am nächsten Tage hören wir, daß das Offiziersgericht ihn aus dem Regiment gestoßen habe. So also muß ein tapferer Soldat enden, weil sich die Frau Oberst nicht enthalten kann, sich unter den Männern herumzutreiben! Wir sind Feldsoldaten, versparen es auf eine andere Zeit, uns vor Frauen korrekt zu benehmen!

Außerdem sind da noch immer diese verfluchten Berliner Komödienspieler mit den Weibern herum. Sie fangen uns das Geld aus der Tasche . . . Ewig gibt es Krach der Frauenzimmer wegen. Ich liege in einer Nacht in meinem Quartier, bin sehr müde. Ich werde geweckt: der Stabsrittmeister X. steht vor meinem Bett, sagt mir, er habe wegen der Schauspielerin Z. ein Duell mit dem Rittmeister Y. . . . gleich wolle man sich schießen beim See unten. Gut also, beim See unten erwartet uns die andere Partei. Es wird vereinbart, mit dem Browning sieben Schüsse abzugeben, bis beide Magazine leer sind, und richtig feuern die Gegner aufeinander los. Gott sei Dank ist es so dunkel, daß jeder eher die Sekundanten, den Unparteiischen, die Ärzte, den Geistlichen, die Pferdeburschen erschossen hätte als den eigenen Gegner. Nun aber, wir alle werden gerettet . . . keiner ist verletzt, die Gegner geben sich die Hand, umarmen sich nach russischer Sitte. Hinterher wird sehr stark getrunken. –

November wird es. Schön ist das Wetter noch immer, nie brauchte das Leben anders zu werden! Wir bekommen eine Standarte. Es ist die des früheren Dritten Husarenregiments, die drei Unteroffiziere auf ihrem Leibe vor den Bolschewiken durch zwei Jahre verborgen haben. Das Regiment hat sie schon gegen Napoleon geführt, sie ist ganz zerfetzt. Gerüchte gehen durch die Lager: nun wird es gegen die Letten gehen, und das ist schon sicher, daß wir diesen 157 Letten an den Hals müssen, um Judenitsch helfen zu können, der da vor Petersburg steht. Sie sind sowieso selbst beinahe Bolschewiken . . .

In diesen Tagen, wo wir auf die Abmarschbefehle warten, kommt ein Eisenbahnzug an mit der Interalliierten Kommission . . . englische und französische Offiziere sind in dem Salonwagen. Sie kommen also . . . vielleicht sind es nette Kerle. Aber diesmal gefällt es unseren Soldaten, den Zug mit Steinwürfen zu empfangen, Handgranaten unter den Wagen zu binden und ihn in die Luft zu sprengen. Das ist ja sicher unfreundlich, aber kein Mensch kann es ändern. Aber siehe da: die anderen sind selbst Krieger, verstehen solche Dinge. Sie sitzen am Abend im Kasino mit uns. Auch deutsche Kameraden sind dabei. Aber es gibt keine Feindseligkeit und keine Reiberei. Alle verstehen sich, alle behandeln einander rücksichtsvoll. Denn jeder ist ein Soldat und weiß, daß der andere von dem gleichen Handwerk ist . . .

Am nächsten Tage erscheint bei uns der Fürst Awaloff-Bermont. Vielleicht ist er auch kein wirklicher Fürst . . . da aber alle ihn so nennen, so tun wir es auch. Man sagt, er sei der Sohn einer geborenen Fürstin Awaloff, und da sie die Letzte ihres Geschlechts gewesen sei, so führe er nach russischem Gesetz den Namen der Mutter weiter. Er ist ein Mann in den Dreißigern, er sieht gut aus in der Tscherkessenuniform mit der hohen Mütze. Er hält eine lange begeisterte Rede von dem gemeinsamen großen Rußland, das er wiederherstellen wird unter dem allrussischen Zaren. Unter uns, die wir an langen Bänken zechend dabeisitzen, erzählt man sich, daß die Zarinmutter Marja Fjodorowna von Dänemark hierher berufen sei, um die künftige Regentschaft zu führen. Nach der Politik sind wir alle sehr betrunken, der Fürst am meisten. Zuerst umarmt er den Korpschef Wirgolitsch, dann zieht er ihm seine Reiterstiefel aus, versteckt sie und sagt ihm, er solle nur ruhig in Strümpfen in sein Automobil steigen. 158

Am nächsten Tage kommen deutsche Truppen an. Ganz vorzügliche, gesunde, fröhliche Leute . . . richtige Soldaten, an denen man seine Freude haben kann. Auch Bespannung und Pferdematerial ist von erster Klasse, ganz vorzüglich ist die schwere Artillerie, die sie mit sich führen. Und richtig: am nächsten Tage erhalten auch wir den Abmarschbefehl gegen Riga. Einige kombinierte russisch-deutsche Detachements brechen noch am gleichen Tage auf. Wir aber, die wir erst am nächsten marschieren sollen, werden in feierlichem Feldgottesdienste eingesegnet. Da stehen wir mit unserer lieben Standarte im schönen Herbstsonnenschein und knien nieder, und der Geistliche segnet uns ein und hält das Kreuz uns hin, das nach dem Kommandeur alle küssen . . . Offiziere und Soldaten. Dann hören wir, daß wir für Rußland kämpfen sollen und den großen russischen Gott. Froh und zuversichtlich sind wir, als wir von dem Alarmplatz abrücken.

Noch am gleichen Abend machen wir uns fertig. Morgens in der Früh schmettern die Trompeter die alten Märsche, wir alle, obwohl wir so zuversichtlich sind, wissen wohl, daß es diesmal um das Schicksal Deutschlands und Rußlands geht. Gelingt es uns, durch die Letten zu Judenitsch zu kommen, so ist der Fall Petersburgs und der Zusammenbruch der Bolschewiken sicher. Ganz Rußland wird uns und den Deutschen zujubeln, ein neues Rußland und ein neues Deutschland wird sein . . . unbesieglich für den Westen!

So reiten wir nordwärts mit unseren alten russischen Soldatenliedern, kommen abends in Mitau an. Da liegen wir in der alten Kaserne der »Archelgorod-Dragoner«, liegen, in unsere Mäntel gehüllt, auf den Steinfliesen vor den großen Kaminen, essen ein wenig, erzählen dies und das . . . von den alten Kameraden, die bei Tannenberg liegen und bei Lodz, von den Winternächten 1914 . . . denken immer daran, daß wir in unseren Schicksalskampf gehen, schlafen schließlich ein.

Wieder um drei Uhr sitzen wir zu Pferde. Bei klingendem 159 Frostwetter geht auf der Rigaer Chaussee der Marsch, wir sind an der Tete. Seitwärts von uns gehen deutsche Verbände über die Felder. Immer freue ich mich nun über die deutschen Kameraden, wie sie zuversichtlich und freudig, wie sie echte Soldaten sind. Sie führen übrigens nun, da sie offizielle »russische« Truppen geworden sind, blaurotweiße Fahnen mit sich, zum großen Teil tragen sie sogar die orangefarbige Kokarde des Hauses Romanow.

Seltsam ist es, so durch die Morgendämmerung zu reiten in diesem verödeten Land. Nirgends ein Mensch . . . überall hat die Landbevölkerung sich verkrochen. Da stehen noch immer die toten Stümpfe der vergasten Wälder . . . allenthalben sieht man die Linien der alten deutsch-russischen Stellung durch das wüste Land ziehen. Kein Mensch . . . kein Tier . . .

Abend ist es, als wir auf die Stellung dicht vor Riga stoßen. Acht Werst sind wir von der Stadt entfernt, der Turm der Peterskirche leuchtet in der Abendsonne. Die Soldaten sind lustig, singen ihre Lieder, überall hört man Gitarren- und Harmonikaklänge . . . man freut sich, wieder nach Riga zu kommen, wo jeder von den jungen Burschen sein Mädchen hat. Überall ist der Geist der Kameradschaft zu fühlen, überall ein herzliches Einvernehmen zwischen Soldaten und Offizieren. Ja, dies ist ein anderes Bild als in diesem pestigen Grabenkrieg, wo man nur verbitterte Gesichter sah.

Der Lette drüben ist ein grausamer Feind, schlimmer noch als die Roten. Den Gefangenen werden die Finger ausgebrochen, die Hoden zwischen Ziegelsteinen zerschlagen, geblendet treibt man sie in den Hungertod hinaus. Und da es der eine vom andern sieht, so macht der andere es dem einen nach. Gott ist gestorben in diesem Krieg. –

Am Morgen kommt eine herrliche deutsche Artillerie in unserer Stellung an. Sie hat ihre leichten Haubitzen, die uns während des großen Krieges so wehe getan haben. Ich begebe mich in die Stellung und erwarte den ersten 160 Schuß. Um acht Uhr morgens wird die Hölle auf die Letten losgelassen. Von einem Weidengebüsch aus sehe ich die feindlichen Gräben, die bald verhüllt sind von Staubwolken. Alles läuft dort drüben, rennt mit Geschrei der großen Stadt zu. Das Infanteriefeuer verstummt, ein paar verstörte Menschen kommen auf uns zugelaufen, können nicht sprechen, werfen sich hin und stöhnen und bohren die Hände in den Sand.

Wir Dragoner werden zur Verfolgung angesetzt. Wir jagen durch die weiten Sümpfe ihnen nach, scheuchen mit den Lanzen den letzten Letten auf, der sich da irgendwo verborgen hat, sind sicher, heute noch in Riga zu sein, wenn wir nur wollten. Weswegen gehen wir nicht weiter? Aus dem Dunkeln . . . weiß Gott, von wem . . . kommt das Gerücht, daß Awaloff uns an die deutschen Sozialisten verraten habe, daß auch der Korpskommandeur Wirgolitsch uns im Stiche lasse. Wir wollen nicht daran denken, sehen nur vom linken Dünaufer die nahe Stadt liegen, die wir heute noch haben könnten! Gefangene trotten in langen Zügen an uns vorüber mit trotzigen Gesichtern. Fast alle diese Letten sind ohne Uniform, sind mit Gewehren verschiedensten Kalibers bewaffnet, sind eigentlich eine Räuberbande. Aber sie fechten trotzig bis zur letzten Patrone, ehe man sie fängt . . . ein verzweifeltes, mutiges Volk.

Wir liegen in Torensberg, am Eingang der nach Riga führenden Pontonbrücke. Wir haben uns in den kleinen Gartenhäusern eingenistet, der gewaltige Strom liegt zwischen uns und der Stadt . . . prächtig rollt er dahin in der Morgensonne. Die Leute hocken beieinander: auch sie reden von Verrat. Wirgolitsch hat dem Fürsten den Gehorsam verweigert, die Deutschen haben ihren Truppen die Munition gesperrt . . . So reden sie, und man kann es nicht verhindern in dieser Untätigkeit. Wir warten und warten auf den Angriffsbefehl auch diesen Tag, hören nichts. Unsere Patrouillen, die wir nach der See, nach der Dünamündung vorgeschoben haben, melden, daß die englischen Kreuzer sich 161 auf die Außenreede vorgeschoben haben . . . die gleichen Schiffe, die im Januar 1919, als die Bolschewiken Riga besetzten, die Stadt so schmählich im Stiche ließen . . .

Nun endlich, am Abend kommen große Massen der Unseren bei uns an: deutsche Infanterie und vorzügliche russische Sappeure, und noch an diesem Abend fällt denn auch wirklich der erste Schuß aus diesen deutschen Haubitzen. Ich gehe zur Batterie hinüber, sehe, daß man die Gegend der Rigaer EsplanadePlatz in Riga. beschießt, wo man feindliche Batterien vermutet, Dort wohnt Tante Kathinka, die mich erzogen hat . . . so ein altes, hartes, selbstgerechtes Geschöpf, das mir meine ganze Jugend verbittert hat! Der Teufel hole Tante Kathinka! Unchristlich mag es sein, seine Tante mit einer Haubitze zu erschießen. Könnte ich aber die genaue Schußrichtung geben, ich würde es mit tausend Freuden tun!

Am nächsten Tag in aller Frühe schießen die Letten wie rasend mit ihren Maschinengewehren zu uns nach Torensberg hinein. Es ist ein so starkes Feuer, daß niemand die Straße passieren kann . . . alle Zäune werden durchsägt von den Kugeln. Zögernd, da sie die unsere nicht reizen will, beginnt drüben auch die Artillerie. Wir bringen unsere Pferde in Sicherheit und warten, da es für uns Reiter hier ja doch nichts mehr zu tun gibt.

Am nächsten Morgen sehe ich, nachdem wir unsere Pferde in Sicherheit gebracht haben, am diesseitigen Ende der Pontonbrücke in Deckung unsere Sturmkolonnen antreten, Infanterie und Pioniere. Es sind ziemlich tief gestaffelte Stoßtruppen von je 200 Mann. Ich sehe die frischen, zuversichtlichen Gesichter . . . gut Dreiviertel von ihnen sind ja dem Tode geweiht. Nun, mit Gott, liebe Kameraden, es gilt das alte, liebe Rußland, es gilt den Kampf gegen den Bösen . . . Gott sei mit euch! . . . Ich habe an dieser Kampfhandlung kein Teil, ich begebe mich zu meinem 162 Beobachtungsstand. Und hier ist es mir beschieden, das Schicksal Rußlands sich erfüllen zu sehen! . . .

Um zehn Uhr früh tritt die erste Kolonne an, ich sehe sie auf der Brücke vorstürzen, höre von drüben das Rasen der Maschinengewehre, sehe sie sich auf der Brücke überschlagen und einige wenige zurücklaufen. Die zweite Kolonne folgt, es ergeht ihr nicht anders . . . Jeder weiß, daß, wenn er den Todesweg der Brücke erst einmal passiert hat, wir in Riga sind, und daß, wenn wir in Riga sind, in diesen Tagen noch Judenitsch, der heute schon in Gatschina sein mag, in Petersburg steht. Die nächste Sturmkolonne tritt weniger tief gestaffelt an. Lachend und singend sehe ich diese lieben Jungen aus den Deckungen herausklettern in den Tod, sehe sie vorstürmen, über die Leichen ihrer Kameraden springen, und, Gott sei Dank, da haben sie die fast eine Werst lange Brücke zu drei Vierteln zurückgelegt . . . Deutlich sehe ich drüben auf dem Dünakai erregte Menschen auf und nieder laufen: das erste Zeichen der Panik bei den Letten. Auch das Feuer drüben scheint mir schwächer zu werden.

Plötzlich wirft mich der Luftdruck einer ungeheuren Detonation fast nieder. Ehe ich mich noch aufrichten kann, erfolgt eine zweite, eine dritte. Lautes Schreien ist in unserem Rücken zu hören, und gleichzeitig sehe ich in der Ausgangsstelle unserer Sturmkolonnen eine riesige grüne Wolke stehen. Was ist das? Nun faßt mich ein starres Entsetzen an. Von der Seite her kommen die Schüsse, es ist schwere Marineartillerie, die uns beschießt, es sind englische Kriegsschiffe, die den Schutz der Letten da drüben übernommen haben!

Ich laufe durch das wiederauflebende lettische Maschinengewehrfeuer zum Brückenkopf hinüber . . . Ich weiß selbst nicht, wie ich da hinüberkomme. Ich falle beinahe in einen riesigen Granattrichter hinein, in dem die Gase noch brodeln, sehe ganz verstümmelte Leichen da liegen. Ich treffe einen Sappeuroberstleutnant, der mich aufklärt: Ja, es 163 sind wirklich englische Kriegsschiffe, die von Bideraa, von der deutschen Mündung her unsere Ausgangsstellung, vielleicht sogar unsere Rückzugsstraße unter schweres Feuer genommen haben . . .

Die Sturmreserven stehen da, totenblaß vor Wut, mit geballten Fäusten. Auf diesen Feind waren sie nicht gefaßt! . . . Trotzdem tritt die nächste Truppe an . . . ich gehe zu dem einen der Offiziere, so einem jungen, deutschen Infanteristen: »Werden Sie hinüberkommen?« Er zuckt die Achseln, macht eine skeptische Handbewegung, lächelt blasiert. Zierlich und manierlich sind die Deutschen, auch wenn es ans Sterben geht, das muß man ihnen lassen.

Ich schließe mich der Kolonne an. Wie wir die Deckung verlassen, reißt eine Granate das Haus, hinter dem wir eben hervortreten, in der Mitte auseinander, alles dreht sich um mich herum in einem abscheulichen Wirbel von Gas, Eisensplittern, Steinen und Todesgeschrei . . . Ich weiß nicht mehr, was oben und was unten ist, ich liege da, richte mich auf mit bleischweren Gliedern, atme dieses verfluchte Pikringas, sehe, daß ich mit Blut vollkommen überströmt bin. Ich taste ohne hinzusehen meinen Körper ab, wo es mich wohl getroffen haben kann, finde aber nichts, wage allmählich ein Glied nach dem andern zu rühren . . . Ich bin nicht getroffen. Neben mir liegt ein russischer Unteroffizier, den es in der Mitte entzweigerissen und der mich mit seinem Blut überströmt hat. Ringsherum jammert und stöhnt es. Gleichwohl tritt der Rest der Kolonne mit verbissenen Gesichtern an. Ein Stabsoffizier kommt gelaufen, fällt dicht vor uns über einen Toten, überbringt uns die Nachricht, daß der Sturm abgebrochen sei. Die Truppen sollen in einer halben Stunde den Rückmarsch nach Mitau antreten . . .

In den nächsten Minuten geht alles unter in einem wüsten Durcheinanderschreien. Zeigt sich auch nirgends Panik, so muß doch diese allgemeine Verwirrung in kurzer Zeit die Truppen aufgelöst haben . . . die zum Sturm 164 angetretenen Leute verlangen schreiend, daß man die Verwundeten, die vorne auf der Brücke liegen, zurückschafft. Alles stimmt bei. Das ist das, was uns in dieser Stunde zusammenhält: keinen Kameraden im Stiche lassen, keinen den Henkern da drüben mit ihren chinesischen Folterkünsten überantworten! Wir kriechen auf der Brücke vor. Das Maschinengewehrfeuer der Letten schweigt in dieser Viertelstunde . . . auch die Engländer streuen ihre Granaten weiter nach Westen, wohl auf unsere Rückzugstraßen. So kommen wir unbehelligt zu den Unseren da vorn. Fast keiner liegt dort, der nicht verwundet wäre. Ein junger russischer Sappeurunteroffizier, so ein Mensch mit braunen Augen, will nicht zurück . . . wir müssen ihn mit Gewalt entfernen . . . Die Letten schießen uns nach, als wir zurückgehen, streuen ihre Garben aber zu hoch. Wir kommen ohne Verluste in der Ausgangsstellung an.

Ich gehe zu meiner Schwadron zurück. Eine Granate hat auch mir ein Pferd im Stall erschlagen, von den Leuten haben sich nur ganz wenige in der allgemeinen Verwirrung davongemacht . . . Ein Dragoner, in dessen nächster Nähe es eingeschlagen hat, tanzt nackt und singend auf der Straße herum, obwohl alle Augenblicke der Weg von dem Feuer des Dünakais bestrichen wird. Der Mensch ist verrückt geworden.

Ich finde Anschluß an die 3. Schwadron. Wir verlassen Torensberg südlich der nach Mitau führenden Straße, in der Richtung nach Westen. Die Chaussee selbst liegt noch immer in schwerem Artilleriefeuer, niemand kann dort marschieren oder reiten. Alle Augenblicke stoßen wir auf tiefe Trichter und Berge von Leichen . . . Es ist Schneewetter – die Leute reiten mit finsterem Gesicht –, nicht den Letten gilt diesmal ihre Erbitterung. Es ist England, das Rußland in den Krieg gerissen hat; es ist England, das Rußland im Stich gelassen hat. Es ist England, das jetzt durch seine Kanonenschüsse das Zustandekommen eines neuen großen Rußlands verhindert hat . . . Ich bin keiner, 165 der sagt: »Ich hasse die Engländer, ich hasse die Franzosen, ich hasse die Deutschen . . . auf der einen Seite der Erde wohnen Engel, auf der anderen Zuchthäusler . . .« Aber das sage ich: »Nie wird Rußland den Engländern die Kanonenschüsse von Riga verzeihen! Die Stunde wird kommen, wo England sie bereuen wird!«

Wir reiten den ganzen Tag. Unterwegs lassen die Leute ihre Wut aus an den lettischen Gehöften, aus denen hier und da Schüsse fallen. Alles wird kurz und klein geschlagen. Dann nehmen wir in den wenigen bewohnten Ortschaften Geiseln: Schullehrer, Gemeindeälteste, wohlhabende Bauern . . . Sie marschieren zwischen unseren beiden Schwadronen mit gesenkten, aber trotzigen Blicken.

Als wir in Mitau ankommen, steht das Herzogschloß in Brand. Wer es angezündet hat, weiß kein Mensch . . . Bermont soll noch im Schlosse sein! So reiten wir durch die alte Stadt. Schüsse und Handgranaten von allen Seiten: Unsere Leute plündern die Juwelierläden. »Was sollen sie«, sagt man, »den Letten in die Hände fallen.« Die Besitzer setzen sich zur Wehr mit Schüssen und sogar mit Handgranaten. Es gibt ausgesprochene Kampfhandlungen auf der Straße.

An den Ecken kleben Plakate: »Ich habe das Kommando des 6. deutschen Reservekorps übernommen! Admiral Eberhard.« Es ist der Admiral, der von der deutschen Regierung beauftragt worden ist, diese deutschen Truppen in die Heimat zurückzuführen. An der nächsten Ecke kleben dafür gleich zwei Bekanntmachungen Bermonts: Eberhards Bekanntmachungen seien null und nichtig, er – Bermont – habe allein die Befehlsgewalt! Wer soll sich auskennen in solchem Durcheinander? Wir erhalten in der Stadt den Befehl, sofort nach Schaulen zurückzureiten. Wir sollen die Stadt sofort besetzen und Wirgolitsch, der wirklich Verrat geübt haben soll, verhaften. Ohne Aufenthalt passieren wir Mitau.

Als wir die Stadt hinter uns haben, erhalten wir aus 166 einer Ziegelei, die in der Nähe liegt, rasendes Maschinengewehrfeuer. Wir sitzen ab und stürmen die Fabrik. Wir finden dort lettische Weiber, die ein Gewehr in den Turm des Gebäudes eingebaut haben. . . . Meine Leute sind oben, sie arbeiten wie die Teufel. Ein Teil der Weiber wird erstochen, der Rest den Turm hinuntergeworfen. Sie sterben trotzig und unverzagt.

Am nächsten Tag sind wir in Schaulen. Das Generalstabsgebäude, das wir besetzen und durchsuchen, ist leer. Wirgolitsch ist mit der Bahn nach Deutschland! Auf dem Bahnhof verhafte ich einige seiner Stabsoffiziere, die sich in Weiberkleidern davonmachen wollen. Ich drehe mich um und weine vor Wut und Ekel! . . .

Am nächsten Tag erhalte ich den Befehl, mit drei jungen russischen Kadetten, die sich unserm Regiment angeschlossen haben, mich nach Baechow, nördlich an Mitau vorbei, zu begeben, da Mitau bereits von den Letten besetzt ist. Ich soll dort oben eine Stellung für das Regiment auskundschaften, das Regiment selbst soll einen Tag später folgen. Wir reiten und reiten durch die weiten kurischen Wälder, ab und zu finde ich Versprengte von unserer Armee, die sich uns anschließen. Hundemüde langen wir abends in Baechow an, nehmen in der Apotheke Quartier. Als ich zu meinen Kadetten gehe, um ihnen einzuschärfen, daß sie sich in Kleidern und mit den Waffen zur Hand zu Bett zu legen hätten, sehe ich auf ihrem Tisch bereits Vorräte von schönster Toilettenseife, Zahnpasta und andere vergessene Herrlichkeiten: natürlich haben sie bereits den Apotheker bestohlen.

Wir werden in der Nacht in Ruhe gelassen. Am frühen Morgen aber hören wir 500 Meter von uns starken Gefechtslärm. Es sind deutsche Truppen, die sich dort mit den Letten herumschießen. Ich reite zu ihnen herüber, höre, daß unser Regiment bereits unterwegs sei. Abends trifft es auch wirklich ein.

Da sind wir nun, so eine verlassene Reiterschar, mitten 167 im feindlichen Ringen um unser brennendes Land! Eine deutsche Batterie ist zu uns gestoßen . . . sie ist tagelang herumgeirrt, ohne sich noch zurechtfinden zu können. Morgens nehmen wir, um schließlich überhaupt etwas zu tun, eine Stellung gegenüber dem Gute Livenbaersen ein. Kundschafter bringen die Nachricht, daß es voller Letten stecke. Der Teufel fährt uns allen in das Genick: Laßt die Hölle auf sie los und spuckt ihnen auf den Hintern! Wir klettern auf das Dach, als die Artilleristen ihre Geschütze fertigmachen. Auf tausend Meter lassen sie ihre Granaten in geradem Feuer auf das Gut los. Nun, wir sind doch auch nicht Tierquäler und Menschenschinder! Aber so verzweifelte Gesellen sind wir schon, daß wir bei jedem Schuß lachen: Da laufen mit lautem Geschrei Mensch und Tier durcheinander, einen Hang herauf . . . die Ochsen brüllen, heben die Schwänze senkrecht hoch, galoppieren davon . . . und mitten hinein in dieses Gewimmel von Tier und Mensch schlagen unsere Granaten! Wenn der Barbar eine Quelle sieht, muß er sie verunreinigen . . . wenn er ein irdenes Gefäß in der Hand hat, muß er es an die Wand werfen . . . und wenn er einen Spiegel sieht, eine Champagnerflasche hineinschleudern . . . Nun, solche Barbaren sind wir schon geworden oder vielleicht auch immer gewesen . . . . Wer kann das wissen? . . .

Die Letten da drüben vergessen das Wiederkommen. Unbelästigt ziehen wir nach Doblen, nehmen allenthalben Geiseln, in langer Karawane zieht neben unserer Schwadron die flüchtende deutsche Bevölkerung . . . Jeder hat auf einem elenden Wägelchen seine Sachen aufgestapelt, es ist immer dasselbe Bild . . . So kommen wir nach Moscheiki.

In Moscheiki läßt Awaloff-Bermont unseren Kommandeur zu sich kommen. Was will er? Er – Awaloff-Bermont – hat sich selbst in den letzten Tagen zum General befördert mit Umgehung aller anderen Chargen, denn er ist noch vor zwei Jahren simpler Stabsrittmeister gewesen. 168 Was er nur will! Wir glauben, daß er mit den Sozialisten in Deutschland im Einverständnis steht . . . Wir erinnern uns, daß er während dieses Feldzugs alles getan hat, um unser Unternehmen auf den Sand zu setzen . . . Rief ihn Judenitsch, so mußte er sich nach Süden wenden . . . verlangte der im Süden operierende Denikin Unterstützung, so erwiderte er, daß er sich nach Norden wenden müßte . . . Überall halbe Befehle . . . überall verdächtige Ausreden! Heute, wo ich in Deutschland sitze und über diesen Menschen weit mehr weiß als damals, zweifle ich nicht daran, daß er absichtlich unsere Operation zum Scheitern gebracht hat.

Nun also, unser Oberst kommt zurück . . . Was hat Bermont ihm gesagt? Wir sollen als Kriegsgefangene nach Neiße ins Gefangenenlager uns transportieren lassen! Wir brüllen auf vor Wut! Der Teufel hole ihn nebst seinem Gefangenenlager! Ist es hier wirklich zu Ende, so wollen wir zu Wrangel oder zu Judenitsch und für Rußland fechten!

Gegen Awaloffs Befehl rücken wir am nächsten Tage längs der Bahn wieder auf Schaulen zu. Drei Werst von der Stadt nisten wir uns ein in einem Dorf, wir verschollenen Reiter . . . Wir stellen Maschinengewehre auf den Kirchturm, wir nehmen zum Entsetzen der Bevölkerung den katholischen Geistlichen in Geiselhaft. Jede Nacht patrouillieren wir Offiziere die Straße ab, da wir ja nur noch eine ganz kleine verwehte Schar sind. Aber man läßt uns in Frieden hier. Sogar ein Kasino eröffnen wir, wenn es auch nur eine Hundebude voller Fliegenschmutz, Mäuse und Ratten und Wanzen ist . . .

Ach wie traurig dieses feuchte Schneewetter ist . . . so grau und hoffnungslos wie das Leben! Wo ist Rußland . . . wo sind die glänzenden Regimenter? . . .

Wir sitzen eines Abends – der Kommandeur, der Adjutant und ich – auf der Station beim Bahnvorsteher . . . noch ein paar deutsche Soldaten, die sich uns angeschlossen haben, sind bei uns im Stationsraum. Eine Lokomotive 169 pfeift draußen . . . ein Zug hält . . . die Tür wird aufgerissen.

Schritte vor der Tür . . . eine Stimme mit russischem Akzent: »Guten Abend, Kameraden!« Die deutschen Soldaten springen bolzengerade von den Schemeln. »Guten Abend, Euer Exzellenz!« Denn Awaloff-Bermont, der in seinen Pelz gewickelt soeben eintritt, hat sich ja inzwischen selbst zum General befördert . . .

Er tritt vor unsern Kommandeur: »Nun, wie denn, Pjotr Stepanowitsch, widersetzen Sie sich noch immer meinem Befehl, nach Deutschland zu gehen? Wie blind Sie doch handeln . . . ganz blind . . .« Unser Oberst sieht ihn an: »Das Regiment werde ich nicht in Gefangenschaft führen! Daß ich blind bin, sehe ich wohl ein, da ich erst heute bemerke, daß Sie sich zum General befördert haben, Herr Stabsrittmeister!« Awaloff-Bermont ist blaß . . . er dreht sich ab und geht. Ja, ja, hol dich nur der Teufel!

So sitzen wir denn Nacht um Nacht in unserem trübseligen kleinen Quartier. Einmal klopft es ans Fenster. Besoffen gehe ich raus: Deutsche Soldaten unter Führung eines russischen Marineoffiziers . . . Sie wollen unseren Oberst verhaften . . . In meiner Betrunkenheit schreie ich die Leute an: »Er hat euch getäuscht, er ist ein Bolschewistenspitzel . . . Nicht den Oberst sollt ihr verhaften, sondern ihn erschießen.« Der Mann verschwindet im Dunkeln . . . Am nächsten Morgen finden wir ihn erhängt am Güterboden! Wer ist es gewesen? . . .

Züge rollen vorbei . . . alle nach Deutschland mit unseren Truppen. Einmal, als wir ahnungslos auf der Station stehen, reißt man in einem vorüberjagenden Zug die Schiebetüren auf, feuert wie rasend mit einem Maschinengewehr auf uns. Wer denn nur? Ich weiß es nicht . . . Keiner weiß es . . . keiner weiß, wer des andern Feind ist!

Wirgolitsch, der Korpskommandeur, kommt eines Tages, weiß Gott, wo er gesteckt hat, während wir uns bei Riga schlugen . . . Jedenfalls ist er da wie der Dieb in der 170 Nacht. Versprechungen von der Interalliierten Kommission bringt er uns. Sie erwarten uns an der deutschen Grenze, sie bieten 100 Mark jedem Offizier, 100 Mark jedem Soldaten . . . dann soll man uns zu Denikin oder Wrangel, in eines der weißen zaristischen Heere bringen, wo wir für die Entente gegen die Roten fechten sollen. So willigen wir ein . . .

Züge fahren vor, Heu und Stroh kommt in die Wagen . . . Ganze Schwärme von Rote-Kreuz-Schwestern überfluten uns, hängen sich an uns, steigen mit uns ein. Alle sind sie in Berlin später als Hochstaplerinnen, mit erlogenen russischen Fürstinnen-Namen, als Varietésterne siebenter Größe oder als Schlimmeres geendet . . .

Wir rollen und rollen durch Ebene und feuchten Schnee. Bei Laugszargen erreichen wir endlich die deutsche Grenze, Rußland liegt hinter uns! . . .

Ein Schnapshändler aus Königsberg hat von den hundert oder zweihundert Mark gehört, die jeder von uns empfangen hat. Er versperrt mit Schnapsbatterien uns den Weg. Alles Geld saugt er auf . . . alles ist besoffen in seinem Elend . . . aus jedem Wagen hört man Schüsse und mißtönende Musik.

Die Armee ist tot . . . Ab und zu, wenn wir irgendwo halten, klettert aus einem schönen Salonwagen ein fremder Offizier heraus . . . so ein Engländer . . . so ein uniformierter französischer commis voyageur . . . vielleicht gar ein japanisches Äffschen . . .

Jeder sucht das Regiment einzukaufen für seine Sache, bietet Geld, verspricht Freiheiten, verspricht dies, verspricht das . . .

Rußland ist da weit hinter uns . . . Rußland ist tot! 171



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