Fritz Reck-Malleczewen
Von Räubern, Henkern und Soldaten
Fritz Reck-Malleczewen

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Roter Brigadeadjutant

Spione. Die Weißen greifen an. In vorderster Linie. »Gott ist eingeschlafen!« Das Kommunistenregiment wird eingesetzt. Bolschewistische Folterkünste. Die Falle der Tscheka. Pläne. General T. vom Teufel geholt.. Die Nerven versagen. Endlich an die Front!

So liegen wir denn Woche um Woche in unserer Stellung, sehen vom Feinde nichts, haben nichts zu tun, beschäftigen uns, indem wir in der Düna baden, ein wenig reiten, zu unseren Mädchen gehen. Jeder zu der Seinen und manchmal auch zu der des andern. Da ist zum Beispiel der Kommandeur T.: immer à quatre épingles, immer noch solch ein mangeur de femme wie in Peterhof. Jeden Tag reitet er nach Dwinsk, wo seine kleine Tartarin ihn erwartet . . . eigentlich ist sie häßlich, aber doch wenigstens so eine beauté du diable . . .

Ja, was ist das doch für ein seltsamer Krieg an unserer Front . . . wieviel amüsanter als dieser Laufgrabenkrieg, der doch eigentlich mehr eine große Fabrik als ein Krieg war! Wir haben überhaupt keine Schützengräben. Die Leute aller Armeen haben genug von diesem unterirdischen Leben in den Trancheen . . . ich kenne doch den Soldaten zu gut, bin sicher, daß man ihn in keiner Armee wieder in die Gräben hineinbekommt!

So liegen hier also Freund und Feind in loser Fühlung, haben hier und da kleine Gehöfte besetzt, haben allenfalls einen Posten auf den Dächern und schießen, wenn es nottut, mit einem alten wackligen Maschinengewehr. Artillerie ist verpönt.

Nun gut: Mitte Juli ist es, als unsere Sappeure eine Telephonleitung entdecken, die auf dem Boden über die Steppe geht und in das schüttere Birkenwäldchen führt, bei dem wir liegen. Am Abend lasse ich den Wald absuchen. Die Patrouille kommt um Mitternacht zurück, bringt drei weiße Litauer, die in unserem Rücken einen telephonischen 104 Nachrichtendienst unterhalten haben. Sie werden vorgeführt . . . große, stattliche Männer in stolzer Haltung, die sich durchaus dessen bewußt sind, was ihrer wartet. Dem lettischen Kommissar, in dessen Gegenwart ich sie verhöre, tritt der Schaum vor den Mund, er droht mit allen Höllenmartern. Die Leute lachen dazu und antworten, er möge nur mit ihnen machen, was er wolle, er solle ihnen im übrigen gut bleiben . . .

Sie schweigen hartnäckig über alles, was wir von ihnen wissen wollen; nicht um der Sache willen, der sie dienen, sondern wegen ihrer Haltung tun sie mir leid.

Wir legen uns nieder, aber wir tun es in den nächsten Nächten mit leisem Schlaf. In der übernächsten Nacht um zwei Uhr erwache ich von einer ganz gewaltigen Detonation. Ich gehe ans Fenster, sehe hinter uns bei der Dünabrücke einen großen Feuerschein und dann unsere Scheinwerfer, die wir dort haben, in der Luft herumtasten . . . ebenso könnte man den nächtlichen Himmel mit einer brennenden Zigarre absuchen! Gleichzeitig amüsiert sich offenbar die Besatzung des Brückenkopfes damit, in Salven nach einem Flieger zu schießen, dessen Lärm dort über der Brücke zu hören ist.

Lärm ist auch in unserem Hof. Berittene halten da in heftigem Wortwechsel mit unserer Stabswache. Als ich im Hemd hinausgehe, bekomme ich die Antwort: »Ach, Genosse . . . die Weißen haben angegriffen . . . wir unsererseits sind alle besoffen und davongelaufen.«

Ich suche den Himmel über unserer Front mit dem Glase ab. Nichts ist dort zu sehen . . . da der Wind entgegensteht, ist auch kein Gefechtslärm zu hören. General T., den ich wecken will, treffe ich bereits am Telegraphen in einer heftigen Auseinandersetzung mit dem Hauptkommissar Arbusow. Arbusow schreit den General an: »Es scheint ja Ihr Wille zu sein, daß die Front nachgibt . . . Sie werden es verantworten müssen!« Er rauscht, einigermaßen komisch anzusehen, in seinem roten türkischen Schlafrock in sein Abteil zurück. 105

Von T. höre ich, daß, von dem Fliegerangriff auf die Brücke abgesehen, die Litauer unsere linke Flanke angegriffen und sie aufgerollt haben . . . alles, was links der Dwinsker Straße steht, ist über den Haufen geworfen. Das Kommunistenregiment, das in Dwinsk liegt, ist telegraphisch hierher gerufen worden, es wird in drei Stunden eingreifen können.

Später werde ich sagen, was das für ein Regiment ist. Vor der Hand erteilt T. mir den Auftrag, die Fliegerwirkung bei der Brücke festzustellen. »Reite nur, mein Lieber, reite nur . . . ich sage dir, es ist ja doch ganz gleich, ob wir die Brücke noch haben oder nicht. Meine Perückenmacher da vorn« . . . er weist mit dem Kopf nach der Front . . . »werden ja doch fortlaufen, und mich werden die Roten dafür das Gras von unten sehen lassen.«

Als ich pleine chasse zur Brücke reite, höre ich nun doch Kanonendonner vom Westen her. Außerdem sehe ich da Schatten über die Steppe jagen, die ich für Trainfuhrwerke halte, ohne Genaues feststellen zu können. Erst am Brückenkopfe sehe ich, daß es einzelne Geschützbespannungen sind, die mit abgeschnittenen Strängen auf die Brücke zujagen, um sich in Sicherheit zu bringen. Vor allem sehe ich auch viele von unseren requirierten Bauernwagen, an denen Soldaten von allen Waffen hängen. Es ist ein heilloses Durcheinander, es ist für mich als einzelnen, da die Brückenkopfwache viel zu schwach ist, unmöglich, dieser Panik ein Ende zu machen. Ein Judchen, das auf seinem Korbwagen an mir vorüberkommt und den ich anzuhalten versuche, erklärt mir auf deutsch in halbem Jargon: »Wir laufen alle weg . . . laufen Se auch, Herr Graf . . . laufen Se nach Möglichkeit.« Fort ist er. Ich muß sehr lachen.

Die Fliegerbombe, die abgeworfen ist, ist keine 10 Meter von der Brücke niedergegangen . . . da diese aus Holz ist, so ist es eigentlich ein Zufall, daß uns die einzige Rückzugslinie erhalten geblieben ist.

Unsere Pferde warten schon, als ich T. meine Meldung 106 mache. Wir reiten in scharfem Trabe den Wald entlang, bekommen schon an seinem westlichen Ausgange Feuer und müssen die Pferde abgeben. Hier, wo die ersten Gefallenen – alles Leute vom 34. – liegen, stoßen wir auf eine Gruppe von drei Infanteristen, die plötzlich im Scheinwerferlicht wie aus dem Boden gewachsen vor uns steht. »He, Freunde,« sagt T., »weswegen wollt ihr fort . . . wollt ihr Rußland nicht verteidigen?«

Sie springen ins Dunkle zurück, wir, geblendet von dem Licht, können sie nicht mehr sehen. Der ersten geschlossen zurückgehenden Abteilung stellt T. mit der Pistole sich in den Weg. Ein kleiner Tartar murrt. T. zieht ihm die Reitpeitsche übers Gesicht. Alles ist still. Die Offiziere bringen die Leute dazu, wieder in der Richtung auf die alte Stellung zuzumarschieren.

Gleich darauf bekommen wir selber eine Maschinengewehrgarbe, daß es meine Stiefel streift. Soll ich fallen, denke ich, so wollte ich wohl für ein anderes Rußland fallen, als für dieses. Wir gehen weiter.

Zum Gefechtsstande des 34. Regimentsstabes kommen wir. Der Kommandeur meldet ordnungsgemäß . . . das Purwitgehöft, das vor der Front liegt und die Dwinsker Straße beherrscht, wird zur Stunde noch gehalten. Wir machen uns auf den Weg dorthin, obwohl der Oberst uns vor dem Feuer warnt. Vorwärts kriechend finden wir in einer Bodenfalte einen blutjungen Offizier mit zerschossenem Kopf. »So also«, sagte T. voller Gedanken, »werde ich in einer Woche auch liegen.« Ich verstehe nicht, was er meint.

Ich kann nicht sagen, daß dieser Weg angenehm ist. Noch ist es dunkel und die Artillerie des Feindes schweigt. Dafür leuchten ihre vorzüglichen Scheinwerfer alles ab, wir halten den Atem an, wenn wir über eine solche Bodenschwelle kriechen, von der die Wölkchen der einschlagenden Maschinengewehrkugeln im hellen Lichte zu sehen sind.

T. schickt mich nach links hinüber, wo eine Kompagnie der Dreiunddreißiger liegt . . . ich soll sie zur Stützung des 107 Gehöftes da vorn herführen. Ich krieche hinüber, nehme mein Herz fest in die Hand dabei und komme auch wirklich durch. Einmal sehe ich, wie der Scheinwerferstrahl in meiner Nähe einen Menschen in russischer Uniform erwischt, der sich über einen Gefallenen beugt . . . wohl so ein Leichenräuber. Gleich darauf wirft er selbst die Arme hoch und wälzt sich schreiend über den Leib des Toten. Dann erlischt der Strahl, das Momentbild ist versunken in der Nacht.

Die Kompagnie, die ich in einer Bodenfalte finde, hat bislang überhaupt keine Verluste gehabt. Der Kapitän . . . so ein Fabrikarbeiter vom Rigaischen Prowodnikwerk . . . weigert sich, mir zu folgen. »Man weiß, Genosse, daß es euch alten Offizieren nur darauf ankommt, möglichst viel Proletarier in den Tod zu führen.« Die Soldaten murren über ihn. Wir gehen ohne ihn. Er folgt kleinlaut seiner Kompagnie. Wir kommen, ohne daß der Scheinwerfer uns erwischt, zu T.

Wir marschieren auf das Gehöft zu, noch immer im Dunkeln. T. kennt das Gelände gut: wir erreichen einen Hohlweg, passieren ihn, sehen dann im ersten Morgengrauen die Ruinen des Gehöftes dicht vor uns.

Das Gehöft selbst ist von sechsundfünfzig Mann besetzt . . . der Rest von drei Kompagnien der Dreißiger, die sich hier, an dem Schlüssel unserer Stellung, während der ganzen Nacht gegen die Angriffe der Litauer gehalten haben . . . die von den Handgranaten zerrissenen Leichen des Feindes liegen allenthalben herum. Wir werden mit Freuden begrüßt von den Kameraden.

Ganz langsam wird der Himmel heller, das Gefechtsfeld vor uns ist nun schon ein wenig zu übersehen. Hier hängen wir eigentlich in der Luft . . . links von uns steht kein russischer Soldat mehr. Weiter vorn glauben wir auf der Straße Fuhrwerke zu erkennen . . . wohl die Artillerie der Litauer, die in aller Gemächlichkeit herankommt, um uns hier zusammenzuschießen. Wir haben ja kaum ein paar elende, alte Feldgeschütze, um ein wenig Lärm zu machen! 108

Heiß wird der Himmel. Es ist klar, daß wir hier verloren sind, wenn unser von Dwinsk her angesetzter Gegenstoß den Feind nicht rechtzeitig über den Haufen wirft. Nervös gehen wir in den Trümmern dieses schon im Jahre 1915 von den Deutschen zusammengeschossenen Gehöftes auf und ab . . . wo bleibt nur dieses verwünschte Kommunistenregiment? Ich bleibe, mit den Fingern unruhig trommelnd, vor dem breiten Kamin des einstigen Wohnhauses stehen. Auf den Kalk hat vor Jahren in friedlichen Zeiten der Bauer geschrieben, wann er Steuern zu zahlen hätte, wann der Großvater gestorben ist, wann man dem Popen Eier bringen müsse. Wir lauschen auf die Lerchen, die pfeilgerade aus dem feuchten Acker steigen und so tun, als wenn auf der Erde Gottes alles noch beim alten wäre . . . wir fahren plötzlich zusammen und lauschen: wir haben eben Maschinengewehrfeuer in unserem Rücken gehört, wir wissen nicht, was wir damit anfangen sollen. Die Soldaten werden nun auch nervös: »Man hat uns umgangen!« T. setzt das Glas ab: es ist ein Motorfahrer, der quer über die Steppe auf den Hohlweg in unserem Rücken zukommt.

Es ist Fedja vom Stabe, unser Gefechtsgänger, den wir hierher bestellt haben, er hat es fertig gebracht, mit seinem altersschwachen Rade bis zu uns zu kommen. Die Maschinengewehre drüben, die ihn bemerkt haben, beginnen zu spät zu feuern: er ist schon in dem Hohlweg. Er bringt die Meldung, daß das Kommunistenregiment mit seinen Spitzen die Gabelung der Dwinsker Straße vier Werst hinter uns erreicht habe und in einer Stunde am Fuß des Gehöftes bereitstehen werde.

So nehmen wir beide unseren Gang zwischen diesen Trümmern wieder auf mit der Uhr in der Hand. Vier Uhr . . . in spätestens einer halben Stunde werden wir die Artillerie der Litauer spüren, und erst in einer Stunde werden diese Dwinsker hier sein! T. sagt mir, daß ich, sollte das Regiment rechtzeitig eintreffen, mich dem Kommando des Regimentes anzuschließen habe, er zeigt mir, wo der 109 Stoß anzusetzen sei, »Sie werden es von selbst richtig machen.«

Er raucht eine Zigarette nach der andern. Wir gehen nach einem alten, noch von den Deutschen errichteten Beobachtungsstande hinüber. Hier ist es ganz still, nur diese Lerchen singen sich noch immer die Seele aus dem Leibe. Ganz langsam geht dieser verfluchte Uhrzeiger vorwärts, und vergebens spähen wir nach Osten, nach der Dwinsker Seite aus. Einmal rennen vor uns in den Ruinen unsere Maschinengewehre . . . in dünnen Schleiern brechen drüben aus dem Walde die Litauer vor, im Frühlicht sehen wir sie wie kleine Puppen umkugeln in unserem Feuer. Es ist die »verfluchte Stunde« zwischen Nacht und Morgen, wo man unsicheren Herzens ist.

T. bietet mir den letzten Kognak aus seiner Flasche an, er hält es für richtig, trotz der verirrten Kugeln aufgerichtet umherzugehen. Vor einem toten Kaukasier bleibt er stehen, mit dessen langen, schwarzen Haaren der Frühwind spielt. »Nun also,« sagt er wieder, »so werde auch ich nun bald liegen. Denn das ist schon gewiß, daß ich seit dieser Nacht denen in Dwinsk da verdächtig bin und daß sie mir diese Nacht nicht verzeihen werden.«

Ich suche ihn zu beruhigen. Er wehrt ab mit den Händen, geht auf und nieder. »Nun also, da hast du gesehen, was unser Putnin mit den Gefangenen gemacht. hat. Nun, und wenn wir so schon gewiß sind, daß bei uns das Böse regiert, daß bei denen da drüben . . .«, er zeigt mit dem Kopf nach den Weißen hinüber . . . »Gott ist. Aber das sage ich dir: genau solche Henker sind sie wie wir selber. Und auch sie haben solch einen Oberstleutnant, und ich kenne ihn sogar . . . der reist wie unser Putnin mit gerade so einem Koffer mit Holzpflöcken herum, und wen er von den Unseren erwischt, den foltert er auf die gleiche Weise, siehst du. Nein, das will ich dir schon sagen: weder bei uns noch bei denen da ist Gott . . . weder bei den Deutschen noch bei den Engländern! Sondern Gott ist eingeschlafen für 110 eine Zeit, und daß auf diese Weise überall der Böse regiert, das ist schon selbstverständlich. Nun, du denkst also, was dieser T. schon für ein Schiller geworden ist, daß er so predigt . . . Aber sieh dich mal um, mein Lieber: überall ist Roheit und Geldgier . . . bei allen Völkern. Nein . . . wenn es einen Gott gibt, so schläft er, kümmert sich nicht. Schwer ist es, zu leben jetzt, Bruder . . . bitter ist es auch, zu sterben, mit so bitterem Herzen . . .«

Ich antworte nicht, bin selbst so traurig. Die Sonne geht auf. Vor uns auf den toten Kaukasier setzt sich eine kleine Meise, untersucht neugierig seinen grauen Mantel. Wir sprechen, um uns abzulenken, von Petersburg, von T.s altem Regiment . . . von den Olga-Husaren mit den weißen Attilas und den schwarzen Pelzen . . . von Paraden und Fuchsjagden und unserem Klub . . . von alten Zeiten und Schlittenfahrten zu den Inseln, von den Essen bei Medjwedj. T. lächelt . . . dennoch sehe ich, wie schwer es ihm ist, an all das zurückzudenken.

Fünf Uhr ist es, die Artillerie der Litauer hat bisher wie durch ein Gotteswunder geschwiegen, als wir die Spitzen des Regiments unten auf der Straße erkennen. Wir gehen durch den Hohlweg, treffen auf eine Ordonnanz, die uns die Ankunft des Hauptkommissars Peters meldet. Er wartet mit der Regimentsspitze auf T., den er zu sprechen wünscht . . . der Henker ist also selbst erschienen.

Wir gehen zusammen die Straße entlang bis zu dem zerschossenen Gasthof, wo Peters mit seinem Automobil wartet. Mag er ein Henker sein oder nicht . . . es gehört Mut dazu, auf der unter Feuer liegenden Straße bis hierher in einem Automobil zu fahren. Hier bei dem Gasthof trenne ich mich von T.

In den großen Mulden hinter dem Hofe steht das Kommunistenregiment in guter Deckung . . . von weitem höre ich sie singen: Lieder, die direkt aus der Hölle zu kommen scheinen . . . sie reißen einem die Seele aus dem Leibe! 111 Es sind alles große, kriegerische Gestalten . . . nur solche, die die »Probezeit« schon absolviert haben, lauter reinblütige Kommunisten, also in vorzüglicher Ausrüstung. Ich werde zum Kommandeur geführt. Es ist ein Zirkelschmied aus Pskow, ein ordentlicher Kerl, mit dem man reden kann. Wir vereinbaren, mit drei Kompagnien im Scheinangriff über die Höhen links der Straße zu stoßen, mit dem Gros des Regimentes von links her umfassend anzugreifen. Ich, der ich mich den drei Diversions-Kompagnien anschließen soll, bekomme einen blutjungen, ehemals kaiserlichen Offizier als Gefechtsadjutanten mit. Er meint lachend, daß ich nun blaue Wunder sehen werde.

Als wir über den Höhenkamm hinaus sind, bekommen wir ein Feuerchen, mit dem man zufrieden sein kann. Ich gebe den Befehl, sich hinzuwerfen und an den Feind zu kriechen. Kein Mensch kommt dem Befehl nach: nicht ein einziger wirft sich nieder, alle gehen sie ganz ruhig, ohne auch nur einen Schritt zu laufen, aufrecht wie Bildsäulen durch das Feuer. Ich bin so beeindruckt davon, daß ich mir ganz abergläubische Gedanken mache hierüber. Denn nur ganz selten sehe ich einen fallen . . . wie gefeit sind diese Menschen gegen das Feuer. Das muß ich sagen: noch heute kann ich mir das, was ich damals gesehen habe, nicht erklären. Es sind wohl alte Krieger von höchster Virtuosität gewesen, die jeder Gefahr auszuweichen verstanden!

Unbeschreiblich ist die Wirkung dieses Vorgehens auf den Gegner: mit den sichtbaren Zeichen abergläubischen Entsetzens flüchten diese Litauer, werfen die Gewehre von sich, sind schon auf dem sanft abfallenden Hange jenseits der Weidenbüsche, geraten in das Maschinengewehrfeuer des Regimentes. Ich sehe einige von Entsetzen befallene Leute anhalten, sich auf die Knie werfen: da die Kommunisten keinen Pardon geben, so bildet sich rasch um jeden dieser Leute eine kleine Gruppe . . . er wird an Ort und Stelle niedergemacht. Meist durch die Kugel. Nur da, wo man Verdacht hegt, daß es sich um einen Deserteur der eigenen 112 Armee handle, werden ihm die Augen ausgestochen und die Zunge abgeschnitten. Der Morgen ist voller Geschrei und Stöhnen.

Der Hauptstoß des Regiments wirft die ganzen in der Nacht errungenen Stellungen des Feindes um, er trifft die auf der Straße heranrückenden Staffeln . . . wir sehen drüben Menschen und Fuhrwerke in wildem Knäuel nach Westen jagen. Wir beschränken uns darauf, das zu besetzen, was wir in der Nacht verloren haben. –

Ich habe an diesem Vormittag die neuen Stellungen festzulegen, Gefangene zu verhören, für die Rangierung der in der Nacht durcheinandergekommenen Verbände zu sorgen. Ich verliere dabei mein »Kommunistenregiment« zunächst aus den Augen und treffe erst spät am Abend wieder in unserem Stabsquartier ein. Da es am Nachmittag sich sehr bewölkt hat, so ist es schon ganz dunkel. Rechts und links der Dwinsker Straße brennen die Feuer des Kommunistenregimentes, die Leute sitzen in ihren Mänteln mit den hohen Pelzmützen. »Zu uns, Genosse«, ruft man mir von einer Kompagnie aus zu. Die Leute erkennen mich wieder. Ich begrüße sie und lasse mir Tee geben. »Gut habt ihr Offiziere uns geführt, und das ist schon gar nicht wahr, daß ihr uns verraten wolltet, wie man uns das immer sagt. Aber dennoch sind wir der Meinung, daß wir noch den Wald dort drüben hätten besetzen sollen.« Und nun beginnen mir diese einfachen Leute zu beweisen, warum diese Besetzung zweckmäßig gewesen wäre. Sie tun das ohne die Arroganz der Schreiber und Kommissare aus den Stäben, die nie ein Gewehr gesehen haben und dennoch gern Napoleon spielen. Sondern sie äußern sich nach der Art erfahrener Feldsoldaten, und man hört ihnen gern zu.

Als ich aufstehe, fallen mir die Gefangenen ein, die man mit ihrem Telephonapparat gestern im Wald erwischt hat. »Nun,« heißt es, »wir haben von ihnen gehört, haben uns aber mit ihnen nicht weiter befaßt. Zu derlei hat auch 113 Euer Stab genug Mut. Geh und sieh dir die Scheune dort an . . .«

Ich gehe hinüber: an der Holzwand lehnen die drei Litauer. Sie sind blutüberströmt, man hat sie gekreuzigt, indem man sie mit großen Nägeln an die Balken nagelte, man hat ihnen die Geschlechtsteile abgeschnitten und sie ihnen in den Mund gestopft.

Sie sind längst tot. Wer das besorgt hat, weiß ich nicht. So stumpf bin ich nun schon geworden, daß ich heute schon nicht mehr danach frage. Sondern ich trotte meines Weges nach Hause, schlinge, da ich seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen habe, wie ein wildes Tier . . .

Arbusow, der Hauptkommissar des Brigadestabes, begrüßt mich herzlich: »Nun, Genosse . . . gut hast du dir dein Essen heute verdient.« Er holt eine Sakuska und Schnaps. Auf dem Tisch des Pullmanwagens, an dem einmal diese internationale, zwischen Paris und Petersburg reisende Welt Diners eingenommen hat und an dem ich einmal vielleicht selbst in besseren Zeiten geflirtet habe, beginne ich zu schlingen wie ein Menagerielöwe. Arbusow sitzt bei mir, er trinkt und spricht mit mir über Literatur und die neue Kunst in Moskau, während mir nur so die Augen blutunterlaufen werden von vielem Essen. Endlich kommt auch Zirulis, der der Rekognoszierungsabteilung beigegebene lettische Kommissar, setzt sich zu uns und trinkt. Plötzlich, während ich den Schnaps in meinen Kopf steigen fühle, fällt es mir ein, nach General T. und Peters zu fragen, und während der Russe, der schon leicht betrunken ist, mit leisem Zungenschlag erzählt, daß Peters alles in Ordnung befunden habe und nach Dwinsk abgereist sei, sehe ich, wie mich die wasserblauen Augen des Letten da argwöhnisch betasten.

Wir sitzen noch zwei Stunden beisammen, auch der Stabschef Karo tut uns die Freude an . . . es wird ein scharfes Trinken, bei dem ich ganz benebelt bin.

Als K. gegangen ist und ich todmüde und betrunken in 114 meinem Nachbarabteil auf mein Bett falle, höre ich zwischen den beiden Kommissaren, die noch beieinandersitzen, folgendes Gespräch: Zuerst beginnt der Russe: »Was ist doch dieser B.« – er meint mich – »für ein feiner Kerl. Er arbeitet, er trinkt gut . . . man kann zufrieden sein mit ihm . . .«

Der Lette spricht plötzlich leise, trotzdem höre ich sein Latrinenrussisch: »Ja, ich fürchte nur, daß er zuviel weiß. Viele geheime Berichte hat er in der Hand. Wenn er uns nur nicht verrät.«

»Das will ich durchaus nicht glauben. Dieser da nicht! Fortlaufen wird er nicht. Gerät er aber in Gefangenschaft, so ist es schon sicher, daß er uns verrät.«

»Und was sollte man also machen mit ihm nach Ihrer Ansicht?« – »Dasselbe,« antwortete der Lette, »was man mit dem General machen wird.« Und nun fangen sie an, ganz leise miteinander zu reden. Ich kann sie nicht mehr verstehen und stelle mich auch schlafend. Aber das weiß ich nun, daß dem General wirklich eine große Gefahr droht und daß auch mein Kopf nicht mehr sehr fest sitzt. Plötzlich bin ich nüchtern, und alle Müdigkeit ist fort. Die ganze Nacht zerbreche ich mir den Kopf über das, was man tun könnte. Immer wieder erscheint die Flucht mir als das einzige, was mir bleibt. Denn wenn sie einen schon verdächtigen, nachdem man sich als Soldat gut gehalten hat . . . wie soll es werden, wenn man sie einmal mit offenen Worten in der Wut zum Teufel wünscht?

Am nächsten Morgen suche ich den General auf. Zu meiner Freude ist er noch da, auch ist er durchaus nicht mehr so weich wie am letzten Morgen. Er duzt mich nicht mehr . . . ich schließe daraus, daß sich alles für ihn zum Guten gewandt hat. Immerhin sage ich ihm, während wir im Wäldchen auf und ab gehen, daß ich alles hier satt habe und dieser Schweinebande nicht mehr dienen wolle. Er sieht mich scharf an: »Sie wollen also überlaufen?«

Ich sehe ihm ebenso ins Gesicht, wie er mir: »Ja.« 115

Und nun erzähle ich ihm das nächtliche Gespräch der Kommissare, nur die ihn, T., selbst angehende Wendung behalte ich noch für mich. Immerhin rate ich ihm offen und unverhohlen, selbst das Bündel zu schnüren. Er lacht nur: »Wozu? Mit Peters ist doch alles gut geordnet . . . was soll mir also geschehen?«

Da er solch ein Kind ist, rücke ich mit allem heraus, was die Kommissare von ihm selbst gesagt haben. Und nun geschieht es, daß er, leicht beeindruckbar, wie er ist, sofort ebenso melancholisch wird wie am gestrigen Morgen. »Ach, wozu denn noch fortlaufen,« sagt er, »ich bin ja doch zu hoch. Laufe ich über, so werden die Weißen mich gerade so erschießen wie diese hier . . .«

Immerhin merke ich ihm an, daß meine Erzählung einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht hat. Er bittet mich nun, zum Baden ans Dünaufer mitzukommen, dort gebe es keine Lauscher. Und während wir dort in der Sonne liegen, beginnen wir wieder von unserem Thema. Er kommt nicht mehr los davon, nur seine geringe Entschlußfähigkeit hindert ihn noch am sofortigen Handeln. »Eine Empfehlung an die Weißen müßte man haben oder etwas tun, was einen dort empfiehlt«, meint er und überläßt mir das Rätselraten.

Schließlich gehe ich auf ihn ein. Ich erinnere ihn daran, daß wir beide . . . er und ich . . . sehr wohl die wirklichen Ursachen für die Mißerfolge der Weißen kennen: ihre verfehlte Art, diesen Bürgerkrieg mit den Mitteln und den Voraussetzungen des Großkampfes zu führen; ihre blinde Manier, stets die ganze rote Front gleichmäßig anzugreifen, statt sich auf das jeweilige Kommunistenregiment allein zu werfen . . . wir beide wissen ja zu gut, daß unsere übrigen Truppen doch nur aus Gesindel bestehen, das nur auf den ersten Schuß wartet, um fortlaufen zu können. Das alles, sage ich, seien doch Geheimnisse, die uns empfehlen und schützen müßten . . . außerdem besäße ich für den Notfall alle Pläne der Dwinsker Festung, alle Artillerie-, Infanterie- und Munitionspläne, alle Aufzeichnungen über unsere 116 Stellungen. Es sei genug, daß man uns alte Zarenoffiziere zum Dienst bei einer verhaßten Sache gezwungen habe. Das allein gebe uns ein Recht darauf, unsere Stellen bei der ersten passenden Gelegenheit zu verlassen. Trotzdem hätten wir unseren Dienst gewissenhaft getan. Diese Dienste aber, nur weil unsere Nase solch einem Lettvogel nicht gefiele, mit Hinrichten zu belohnen, das ginge denn doch zu weit. Ich würde bestimmt hinübergehen, ich würde auch sein Kommen ankündigen. Er könne dann ja tun, was er wolle.

T. verharrt in seiner Unentschlossenheit. »Man muß überlegen . . . man muß sehen, daß man etwas tut, was den Weißen imponiert . . .« Wir verabreden, uns am nächsten Tage wieder zu treffen.

Gut, das geschieht denn auch. An diesem Tage ist er totenblaß. »Es ist wahr, was Sie sagen,« meint er, »ich bin den Dingen nachgegangen. Wirklich wollen sie mich da in ihre Mordkeller schleppen, nur weil ich einen der ihren einmal beleidigt habe. Nun gut, ohne meinen Willen soll das nicht geschehen. Hören Sie also. Ich habe mit dem Kommandanten der Nachbarbrigade gesprochen, gleich werden wir ihn treffen. Sie werden also als erster überlaufen, wir werden hierbleiben, bis die drüben wieder angreifen, was, wie ich weiß, bald geschehen wird. Wir hier werden Unordnung anrichten und die Verwirrung benutzen, um zu entkommen. Und nun folgen Sie mir, bitte.«

Ein wenig zögernd folge ich ihm. Es gefällt mir schon gar nicht, daß wir noch einen Mitwisser haben sollen. Wir gehen das Stromufer entlang und sehen unter einer Weide in einem Bademantel einen großen, dicken Mann sitzen, auf den wir zugehen. Ja, es ist der Nachbarkommandeur, den T. treffen wollte. Ich werde vorgestellt. Es fällt mir auf, daß dieser General, ich will ihn X. nennen, mich außergewöhnlich mißtrauisch behandelt, als könnte ich am Ende doch so ein agent provocateur der Roten sein. In der Tat werde ich gebeten, zunächst beiseitezubleiben, die beiden Herren gehen leise verhandelnd auf und nieder. Dann 117 trennen wir uns, um nicht unnötig zusammen gesehen zu werden.

Trotz dieser Geheimniskrämerei kramt T. auf dem Heimwege alles aus. Das, was sie ausgeheckt haben, wäre denn freilich genug Empfehlung für die Weißen: sie wollen nämlich die Brücke in unserem Rücken, die einzige leistungsfähige Verbindung der Armee mit dem Ostufer, in die Luft jagen. Das ist ja nun, da die Minenkammern nicht geladen sind, weniger einfach getan als geplant. Dementsprechend haben die beiden Herren folgendes vereinbart: General X., der ebenfalls Gegner unter den Gouvernementskommissaren zu haben behauptet, ist vor kurzem um ein Gutachten ersucht worden, ob angesichts der Frontlage eine Vorbereitung der Brückensprengung ratsam sei oder nicht. Er, General X., übernimmt es also, das Gutachten bejahend zu beantworten und die Ladung zu veranlassen. Er übernimmt es ferner, den Offizier der Brückenwache ins Geheimnis zu ziehen . . . alles werde sich ganz natürlich und leicht abwickeln.

Ich schweige. Mir gefällt dieser General X. nicht so ohne weiteres . . . ebensowenig, wie anscheinend ich ihm gefallen habe. Immerhin ist mein guter, schwacher T. nun so weit Feuer und Flamme für den Plan und vor allem so getrieben von seiner Furcht vor den Kommissaren, daß er sowieso nicht aufzuhalten sein wird. Daß ich für mein Teil nicht hierbleibe, ist mir klar. Es wird mir noch klarer, als ich an diesem Tage der Hinrichtung zweier Soldaten beiwohne, die es sich herausgenommen, einem ihrer Kommissare, der sie gescholten hat, vor die Füße zu speien. Sie werden auf fünf Schritt von einem Pikett erschossen, ihre Köpfe explodieren bei der kurzen Entfernung. Ich will jedenfalls meinen Schädel nicht so zerschmettern lassen, weil es einem Herrn Putnin oder einem Herrn Zirulis gefällt.

Zwei Tage vergehen. Am dritten erhalten wir vom Gouvernement ein Schreiben. Die Ladung der Minenkammern wird angeordnet. Auffälligerweise wird uns das, 118 was an sich schon absonderlich ist, nicht nur besonders mitgeteilt, es wird auch befohlen, daß ich bei dem Einlegen der Ladung zugegen sein solle. Während ich das Schreiben lese, schnüffelt wieder dieser Kommissar Zirulis herum. Immer weniger gefällt mir diese Sache, immer mehr sieht es so aus, als wolle man uns in eine Falle locken.

Zunächst ist es meine Sorge, der leichteren Flucht halber ein Quartier außerhalb unseres Eisenbahnwagens zu erhalten. Wirklich bekomme ich an diesem Tage noch eine kleine Bauernhütte am Waldrande angewiesen. Sie wimmelt zwar von Ungeziefer, liegt aber so dicht am Walde, daß ich für den äußersten Notfall wenigstens eine geringe Aussicht habe, zu verschwinden. Und nun muß ich am Nachmittag zum Einlegen der Ladung nach der Brücke reiten. Ich finde den Kommandanten der Brückenwache, einen alten zaristischen Sappeurkapitän mit langem Bart, vor. Der Mann macht mir einen zuverlässigen Eindruck. Er gibt mir sogleich zu verstehen, daß er von T. schon eingeweiht sei. Bei guter Gelegenheit, als wir die Peroxylinröhren einlegen, schickt er seine aus mobilisierten Vierunddreißigern bestehende Wache fort. Und nun höre ich das, was er mit T. vereinbart hat. Man will das nächste in dieser Jahreszeit ja wohl bald eintretende Gewitter abwarten . . . es gewinne dann nach außen an Wahrscheinlichkeit, daß die Sprengung durch Blitzschlag ausgelöst sei. Diese Sprengung aber soll . . . das wolle T. durch mich bei den Weißen bestellen lassen . . . für die Litauer das Signal sein, um die ganze von dem rechten Ufer abgeschnittene und ihrer Rückzugsmöglichkeit beraubte Armee zu vernichten.

Ich sehe ihn an: »Und Sie?«

Er zuckt die Achseln: »Nun . . . mich wird man totschießen. Aber wenn ich hierbleibe, wird man mich sowieso totschießen, da es doch nun einmal ausgemacht ist, daß von diesen Teufeln alles ermordet werden soll, was Rußland liebt.«

Einen guten Eindruck macht auf mich der Mann! Ich 119 verlasse ihn erleichterten Herzens. Über alles Weitere wird Gott und unser Mut uns hinweghelfen.

So vergehen wieder zwei Tage. Ich benutze die Zeit, um eine schriftliche Eingabe zu machen: ich hätte genug vom Dienst im Stabe, ich wolle an die Front zum Dienst in irgendeiner kämpfenden Truppe. Natürlich muß ich das . . . wie soll ich denn sonst überlaufen? So gehe ich am dritten Tage gemütlich zum Baden, ich treffe T.s kleine Tatarin Marianka . . . wir scherzen eine Weile. Da es so heiß ist, so wickele ich mir nach dem Bade nur mein Handtuch um die Lenden und gehe nackt in das Stabsquartier zurück . . . wer fragt bei uns danach, ob man nackt oder bekleidet herumläuft?

Nun also, es fällt mir sofort auf, daß eine frische Automobilspur über die Steppe gegangen ist. Nur dann, wenn der Dwinsker Stab uns einen Besuch zu machen geruht, kommen Automobile zu uns. Mir klopft, ohne daß ich weiß warum, das Herz. Da sehe ich auf dem Bahngleis einen Chinesen, so ein schiefäugiges Biest aus der Tscheka, mit schußbereitem Gewehr stehen. »Ach,« sage ich, »du Aas . . . wo hat dich wohl der Teufel hergetragen?« Da er kein Russisch versteht, so grüßt er. Aber da sehe ich schon, daß vor dem Eisenbahnwagen des Stabes ein Automobil mit noch vier solch gelben Wanzen hält und daß sie in dem gleichen Augenblick, wo ich den Wagen erreiche, den General T. und den estnischen Stabschef herausbringen und in den Wagen setzen.

Mir erstarrt das Blut. General T. ist verhaftet, und ich werde es auch sehr bald sein, wenn nicht alles täuscht! Schnell drücke ich mich hinter einen Birkenstamm . . . es ist ja immer gefährlich, bei solchen Gelegenheiten auch nur gesehen zu werden. Von hier aus beobachte ich die Abfahrt. General T. ist ruhig, er ist von einer geradezu großartigen Haltung . . . angesichts des gewissen Todes ist er über allen Wankelmut hinweggekommen. Er sieht mich nicht. Und hier will ich es gleich sagen, daß ich ihn nie wiedergesehen 120 habe und gewiß bin, daß er aus den Blutkasematten von Dwinsk nicht entkommen ist. Das Auto entfernt sich in schneller Fahrt, ohne daß auch nur ein einziger Soldat sich auf der Straße zu zeigen wagt, in der Richtung nach der Stadt. Es ist, als ob das Laub an den Bäumen verdorre, wo diese Teufel sich zeigen.

Eine Weile liege ich da hinter meiner Birke und überlege. Am wahrscheinlichsten ist es, daß dieser Nachbarbrigadier, General X., uns verraten hat, um sich selbst eine Empfehlung bei Peters zu verschaffen. Hat er es getan, so spricht alles dafür, daß auch ich verloren bin, wenn X. ja auch nicht in meiner Gegenwart mit T. verhandelt hat.

Nun, es bleibt mir nichts, als mit Frechheit mir aus dem Dreck zu helfen. Splitternackt, pfeifend und lustig gehe ich aus dem Walde in unseren Eisenbahnwagen, mache mich gleich an Arbusow, spreche über die Hitze, über die vielen Mücken an der Düna, über die Wolkenbildung am heutigen Tage . . . über alles, nur nicht über T.s Verhaftung, von der ich wohlweislich überhaupt nicht Kenntnis nehme.

Arbusow ist freundlich und harmlos . . . mir fällt ein Stein vom Herzen. So rücke ich denn gleich heraus mit meinem Gesuch: möglichst schnell zur fechtenden Truppe zu kommen . . . ich sei nicht dazu geschaffen, um im Stabe zu faulenzen. Während wir sprechen, kommt derjenige Stabsoffizier, der nach Karos Verhaftung automatisch zum Dienstältesten geworden ist, herein . . . so ein gemütlicher Dicker aus dem kaiserlichen Offizierkorps. Er hört mein Gesuch, lacht freundlich, klopft mir auf den Bauch. »Das glaube ich . . . damit Sie überlaufen können? Nun, mein Lieber, was mich betrifft . . . ich werde Sie nie dorthin lassen. Ich habe nur einen Kopf zu verspielen.« Schließlich, da auch der gute Arbusow auf meiner Seite ist, erreiche ich doch, daß er sich einverstanden erklärt, wofern der Kommissar des Divisionsstabes meine Bitte bewilligt.

Aber noch während des Gesprächs merke ich – oft ist mir das nicht passiert in meinem Leben – wie meine Nerven in 121 all der Aufregung und bei diesem Spiel ums Leben versagen. Kurz breche ich das Gespräch ab, gehe in meine Hütte, will schlafen und am Morgen weitersehen.

Aber ich kann ganz und gar nicht schlafen . . . auch das ist mir nicht oft passiert, mir, der ich im November 1917 doch meine eigene Hinrichtung verschlafen habe! Nun also, den ganzen nächsten Tag liege ich auf meinem Strohsack, lasse mich von den Läusen fressen und zermartere mir den Kopf. Schließlich halte ich es nicht aus, fühle, daß ich mir Gewißheit verschaffen muß, reite nach Dwinsk hinüber in den Stab.

Zu dem gleichen Stab, dem ich einmal angehört habe und aus dem ich durch diese lettischen Friseure hinausbefördert worden bin! Nun ist dieser Stab schon ganz vornehm geworden, er liegt in einer schönen Villa in der Vorstadt, man muß einen riesigen Park durchschreiten, um zu ihm zu kommen. Kupitschnikoff, der Stabschef, empfängt mich in alter Weise. Er ist sanft nur gegen diese Läuse, uns alte Kameraden faßt er scharf an. Er sagt, daß er sowieso ein ganz anderes Kommando für mich habe . . . ich solle nach Moskau, um einen Bericht über Pferdelieferungen abzustatten.

Innerlich fällt mir ein Stein vom Herzen: bei diesem wenigstens bin ich noch nicht angeschwärzt. Ich bitte ihn, doch gütigst meinen Aufzug anzusehen . . . so könne ich doch unmöglich nach Moskau in meinen Lumpen. Tatsächlich sehe ich wie ein Räuberhauptmann aus, ich starre von Schmutz, die Läuse promenieren lebhaft heraus aus meinem Rockkragen. Er gibt wirklich nach: »Nun gut, bleiben Sie in Gottes Namen. Und wenn Ihr Stabskommissar es bewilligt, so will ich Ihre Versetzung zur Front gestatten.«

Sogar eine Einladung zum Abendessen bekomme ich, ich armseliger Aristokrat, zu diesen geschniegelten lettischen Friseuren. Und wie sie sich herausgemacht haben in dieser Zeit! Da stehen Konstantin und Pawel wie in einem alten kaiserlichen Kasino und bedienen bei Tisch . . . wahrhaftig, 122 sie haben sogar weiße Zwirnhandschuhe über ihre krebsroten Tatzen gezogen, und schade ist nur, daß der Posten draußen ein Stromer ist, mit der Schnur statt des Gewehrriemens und einer Hose, die wie ein Sieb durchlöchert ist.

Ein neuer in dieser Runde . . . ein moskauischer Kommissar, der das große Wort führt und wiederholt erklärt, daß er einen neuen Zug in unsere Sache bringen wolle. Einmal erwähnt er den Namen des verhafteten Generals T. Ich sehe ihn an. Aber das Gesicht dieses Henkers da ist undurchdringlich . . . Ich reite nach Hause, schon bei Nacht. Auf der Brücke brennt vor einem Zelt ein Feuer, der Stabskapitän, mit dem ich vor ein paar Tagen alles besprochen habe, sitzt vor seiner Hütte. Ich spreche ihn an. Er weiß von T.s Verhaftung und macht sich gleich mir keine Illusionen über sein Schicksal. »Und doch werde ich sie in die Luft schicken samt ihrer Brücke«, sagt er. ». . . Dennoch wird es so sein, mein Lieber.« Wir trinken Tee zusammen, trennen uns dann.

Nacht ist es schon, als ich den Eisenbahnwagen erreiche. Eine Stimme ruft, als ich vom Pferde steige, meinen Namen. Es ist die kleine Tatarin T.s, die eben von der Verhaftung des Generals gehört hat. Sie kauert mit einem Bündel am Wege, sie will ihm Essen in die Tscheka bringen. Ich warne sie. Sie antwortet nur mit ihrem hoffnungslosen Weinen und geht schließlich auf der Dwinsker Straße davon. Nie mehr habe ich von ihr gehört. Wenig empfehlenswert war es damals, einem Häftling der Tscheka eine Erleichterung zu verschaffen . . .

Am nächsten Morgen gehe ich zum rangältesten Stabsoffizier in den Wagen mit meinem von Kubitschnikoff unterzeichneten Papier. Er ist sehr erstaunt und zuckt die Achseln: »Sie sind aus unseren Listen schon gestrichen. So kann ich Sie nicht zur Front lassen.«

Ich bin verzweifelt. Bleibe ich noch zwei Tage hier, so bin ich dort, wo sich nun T. befindet. Alle die Aufregungen, die Todesnot der letzten Tage haben mich 123 verwirrt, ich bin nicht mehr Herr meiner Nerven . . . alle Augenblicke können sie mir einen übeln Streich spielen. Zitternd vor Erregung gehe ich zum Hauptkommissar Arbusow, der ja wirklich ein guter Kerl ist. »Sehen Sie, Genosse,« sage ich, »wie man mich hin und her wirft. Wo ich wirklich gehörig arbeiten will! Wer hält dies aus auf die Dauer?«

»Sicherlich,« sagt er, »das ist eine rechte Schweinerei. So kann man mit einem Menschen nicht umgehen. Wenn der Stabsälteste nichts dagegen hat, so werde ich meine Einwilligung heute geben.«

Ich bitte ihn, sofort mit mir zum Stabsältesten zu kommen. Endlich gelingt es uns, seine Einwilligung zu erhalten. Arbusow unterschreibt sie an Ort und Stelle. »Eines kann ich dir ankündigen: läufst du über und wirst du dann gefangen, so behalte ich mir das Recht vor, dich zu Tode zu bringen . . . mit diesen meinen Händen.«

Ich nehme mich zusammen: »Du weißt,« sage ich, »daß ich euch diene.« – »Das glaube ich«, antwortete er zufrieden. Wir saufen noch einmal sehr an diesem Tage. 124



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