Fritz Reck-Malleczewen
Von Räubern, Henkern und Soldaten
Fritz Reck-Malleczewen

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Wenn Advokaten regieren

In die Etappe. Ein polnisches Ehrenwort und seine Folgen. Die losgelassene Bestie. Kerenskiwirtschaft in der Armee. »Die Truppen schicken Ew. Exzellenz einen schönen Gruß.« Marsch zur Front. Begegnung mit Kerenski. Taranowskis Verhaftung. Der neue General. Kerenskis Frauenbataillon. »Hauptfräulein« Sonja.

Im April erreicht uns der Befehl, nach der Gegend von Minsk in die Etappe zu gehen. Während wir durch die Sümpfe rollen, kommt nach all den Erregungen der letzten Wochen die Abspannung . . . Jetzt erst begreife ich das Ungeheure, das geschehen ist. Dieses Rußland, woran hat es gekrankt seit hundert Jahren? An seiner zwischen dem Westen und dem Osten geteilten Seele! Mag die Dynastie gewesen sein, wie sie will: sie war das große, heilige Symbol des russischen Menschen. Um der Westmächte willen hat diese Dynastie ihren Thron jenen Gefahren ausgesetzt, die heute ein Krieg für jede Dynastie birgt.

Und dieser nämliche Westen reißt das Symbol des großen Rußland vom Throne, Leute, die selbst nicht wissen, ob sie nach Moskau oder nach Paris gehören, Leute, die am liebsten heute schon all dieses Bauernland in einen Wald von Fabrikschornsteinen verwandeln würden, reißen die Macht an sich, spielen Fangball mit der russischen Seele!

In Eisenbahnwagen betrinken sich die Leute während der Fahrt. Es ist wie auf dem Rückzuge aus der Mandschurei im Jahre 1905: wer von den Vorgesetzten nicht das Zeug hat, mit ihnen fertig zu werden, und wer unbedingt mit ihnen zu tun hat, muß um seine Position kämpfen. Ich beobachte unterwegs eine Menge fremder Leute, die sich an die Wagen drängen und die Soldaten im Sinne des Petersburger Soldatenrates bearbeiten: »Wenn ihr nach Hause kommt, müßt ihr vor allem Land erhalten. Wir in Petersburg werden dafür reden.« Wann aber die Leute nach Hause kehren werden, wann der Krieg beendet wird und wie er mit diesen demoralisierten Leuten beendet werden 24 soll, sagt niemand. Einer von diesen Menschen tritt mir auf dem Bahnsteig in Minsk, als ich gehe, um dem Bahnhofskommandanten das Eintreffen des Divisionsstabes zu melden, in den Weg. Es ist die übliche Etappenerscheinung mit heilgebliebener Haut. »Nun, Genosse, seid auch Ihr gekommen, um die Wahlen zum Soldatenrat mitzumachen?« Ich antworte ihm, daß der Teufel sein Genosse sei, und haue ihm eins über das Maul. Die Soldaten in den Wagen rufen mir Beifall, der Mensch da drückt sich beiseite.

Wir, das heißt wir vom Divisionsstabe, liegen im April auf einem großen, einem polnischen Edelmann gehörigen Gute. Wir liegen in dem sehr geräumigen Schlosse, und Taranowski, der auf gute Sitte hält, macht dem Schloßherrn, der unsertwegen in ein paar Zimmer zusammengerückt ist, mit uns allen seine Aufwartung. Er fordert bei dieser Gelegenheit den Polen auf, ihm sein Ehrenwort zu geben, daß keinerlei Alkoholvorräte – der Gutshof hat eine riesige Schnapsbrennerei – in den Gebäuden lagerten. Sollte das dennoch der Fall sein, so bäte er – Taranowski –, es ihm zu sagen; er werde dann für sicheren Abtransport nach Minsk und sichere Lagerung sorgen.

Der Pole dankt, gibt sein Ehrenwort und versichert, daß keinerlei Alkohol im Gutshofe sei. Wir verbringen die nächsten Tage in Ruhe. Am vierten Tage verrät eines der Dienstmädchen einem Offiziersburschen, mit dem sie sich eingelassen hat, ein vermauertes Kellergewölbe unter der Brennerei, wo unzählige Eisenfässer voller Spiritus liegen. Taranowski ist gerade auf Schnepfenjagd. Der Bursche hat nichts Eiligeres zu tun, als seine Entdeckung telephonisch den auf den umliegenden Dörfern liegenden Regimentern mitzuteilen. Nachmittags bricht, während ich beim Stabe der Neunzehner zu tun habe, eine Horde von bewaffneten Infanteristen in die Gewölbe ein, reißt die Fässer heraus . . . es beginnt auf dem Hofe, während immer neue Kameraden herbeigerufen werden, eine gewaltige Sauferei.

Auf meinem Rückweg höre ich den Lärm, reite eilig 25 zurück, sehe, daß die schon schwerbetrunkenen Leute gerade die Maschinengewehre auf die Rinderherde richten, die eben auf den Hof getrieben wird. In wenigen Augenblicken sind die prachtvollen Tiere niedergeschossen, sie werden auf der Stelle geschlachtet und an großen Feuern gebraten. Ich alarmiere sofort die Polizeischwadron, sehe aber ein, daß ihre 80 Mann nichts gegen die schon nach Tausenden zählende Horde ausrichten können. Ich schicke einen Unteroffizier auf die Suche nach Taranowski, suche auch Verbindung mit den Regimentsstäben zu bekommen. Inzwischen ist bei den Leuten die Parole ausgegeben worden, sämtliche Weiber der umliegenden Dörfer hierher zu schaffen. Während ich zu den Artillerieformationen reite, um sie zu konsignieren, werden in den rings um den Hof wachsenden Büschen die Weiber vergewaltigt. Nicht ein Frauenzimmer entgeht den Leuten. Schließlich fährt auf den benachbarten Höhen die Artillerie auf, eine Schrapnellgarbe nach der anderen geht über der Orgie nieder. Ein Teil des Hofes geht in Flammen auf, die Speicher mit den reichen Vorräten brennen. Die Artilleristen, empört über die Infanterie, schießen wie die Teufel . . . am Abend liegen die Toten auf dem Hofe herum. Der Rest ist sinnlos betrunken. Als die Leute am nächsten Tage sich ernüchtern und die Leichen ihrer Kameraden sehen, sind sie tief niedergeschlagen, bekennen selbst, daß sie Tiere sind. Im Dorfe sterben mehrere von den vergewaltigten Weibern. –

Und nun kommt urplötzlich über uns dieser glutheiße Sommer des Jahres 1917. Noch immer liegen wir in dieser langweiligen Ebene von Minsk, wir – das heißt die Soldaten – vertreiben uns die Zeit mit dem Organisieren von Debattierklubs, in denen über die Staatsform, über die Agrarfrage, über die Höhe der Offiziersgehälter, über die Künste dieses oder jenes Soldatenkoches Reden gehalten werden, während die Front um Hilfe schreit. Unaufhörlich wählen die Truppen neue Deputierte in den Petersburger Soldatenrat . . . ich stelle Ende April fest, daß 26 nun glücklich ein Viertel der ganzen Division in Petersburg im Soldatenrat sitzt. Es geht den Herrn Deputierten gut dort, muß man sagen, sie befinden sich gut mit ihren fünf Rubeln, die sie täglich erhalten. Einzelne Soldaten zeigen mir auch Briefe, die von diesen Petersburger Deputierten kommen: »Kämpft, liebe Genossen, nur weiter gegen den äußeren Feind. Wir hier geben unser Leben hin im Kampfe gegen die Gegenrevolution.« Indem sie nämlich dort Reden halten!

Das ist keine Truppe mehr, nicht einmal eine Feuerwehr. Es ist ein Korps schwatzender Weiber! Gurko, der nun die Westfront kommandiert, sendet an Kerenski ein Telegramm, das durch meine Hände geht. Hier gebe ich es wieder in seinem Wortlaut:

»Ich bin ein von Ihnen angenommener General, der für Geld dient. Wenn Sie aber glauben, daß ich bereit bin, die von Ihnen angeordneten Dummheiten mitzumachen wie ein Arrestant, so irren Sie sich.«

Kerenski hat nicht die mindeste Autorität, er ist allenthalben auf »Propagandareisen« zu sehen; er hält Reden bei der Südfront, er redet auf den Schiffen der Schwarzmeerflotte, er erntet allenthalben, auch bei den Soldaten, Gelächter. Das sind die Errungenschaften dieser Advokatenrevolution in einem Lande, in dessen Westprovinzen der Feind sich eingekrallt hat.

Taranowski wehrt sich gegen die Auflösung der Truppe wie ein Verzweifelter. Er, der Monarchist, tut es mit bitterem Herzen. Er unterdrückt diese Bitterkeit, harrt an seiner Stelle aus für Rußland. Er will vor allem die Division aus der Etappe, wo sie hoffnungslos verludert, herausbringen. Er verlangt von der Regierung zu diesem Zwecke immer dringlicher die Auffüllung der dezimierten Verbände. Die Petersburger versprechen . . . das Blaue vom Himmel versprechen sie: heute einen Transport von tausend, morgen gar einen Transport von fünftausend neuen Leuten. Die Transporte kommen auch. Wenn aber 27 zweitausend uns angekündigt sind, so kommen allenfalls fünfhundert – der Rest hat sich unterwegs verlaufen. Wie aber steht es mit diesen glücklich ankommenden Fünfhundert?

Wir müssen sie mit Fuhrwerken von der Bahnstation abholen lassen – zum Marschieren sind sie zu vornehm geworden. Bringt man eine Truppe glücklich so weit, daß sie einen Übungsmarsch zu machen geruht, so verlangt sie, daß die Gewehre – auf Bauernwagen ihr nachgefahren werden. Wer wird noch Gewehre schleppen im Zeichen der Menschenrechte?

Im Mai wird uns wieder so ein Trupp von Zweitausend annonciert. Wir stellen Feldküchen bereit für ihren Empfang, wir bieten Bauernwagen auf, um die hohen Herren von der Station abzuholen. Ich stehe mit Taranowski vor dem Quartier des betreffenden Regimentsstabes, um dem Eintreffen beizuwohnen. Wir warten bis zum Abend, die Equipagen zeigen sich aber nicht. Schließlich, als es schon beinahe dunkel ist, kommt ein einsamer Wagen mit einem kleinen Bäuerlein; es hat eine abenteuerlich große rote Fahne in der Hand. Er steigt ab, er macht vor Taranowski eine tiefe Verbeugung: »Ew. Exzellenz, die Truppen sind angekommen, sie haben sich aber nicht entschlossen, hierherzufahren. Sie schicken Ew. Exzellenz einen schönen Gruß und lassen sagen, daß sie sich nicht entschließen können, diesen Krieg mitzumachen. Sie schicken ihren Brüdern an der Front diese rote Fahne und hoffen, daß sie unter ihr den Feind besiegen werden.« –

Mitte Mai endlich erwirkt Taranowski den Befehl zum Marsch an die Front. Für den vierzehnten wird dieser Marsch anberaumt. Wir machen uns fertig, der Stab bricht auf. Dreihundert Meter von unserem alten Quartier wird ein Reiter sichtbar. Es ist der Regimentsadjutant der Achtzehner, er meldet, daß das Regiment sich nicht in Marsch gesetzt habe, da es vorerst eine Kommission zur Untersuchung der Stiefel wählen müsse. Das neunzehnte Regiment, von 28 jeher unzuverlässig, wählt seinerseits eine Kommission zur Untersuchung der Stiefel, zur Untersuchung, ob die Gefechtsstärke hoch genug sei. Taranowski erwidert nichts, er ist blaß vor Zorn. Gut, so wird er die Truppe zum Marsch zwingen.

In der gleichen Stunde läßt er die Befehle ausgeben, daß die Lazarette, die Proviantdepots sich in Marsch zu setzen haben . . . wir Offiziere vom Stabe setzen noch am gleichen Tage diese Abteilungen in Bewegung. Die Soldaten sind außer sich. Es hilft nichts mehr, Versammlungen einzuberufen, wenn man nichts mehr zu essen hat! Eine Deputation nach der anderen kommt. Taranowski bleibt fest. Er fertigt alle Deputierten nach alter Weise barsch ab. Es ergibt sich dabei, daß die Leute stramm vor ihm stehen und zittern.

Und wirklich, am nächsten Tag setzt sich die Division in Marsch, endlich geht es wieder an die Front. Die Gewehre werden auch jetzt nachgefahren, aber die Leute marschieren wenigstens. So geht es durch diese öde Landschaft mit Sand und dürren Birkenwäldern. Wir vom Stabe haben auf unsere Pferde verzichtet, um mit den Leuten die Mühe des Marsches zu teilen. Wir marschieren mit den Achtzehnern, die noch in der besten Verfassung sind. Die Leute singen, sie scheinen jetzt, wo sie die Etappe hinter sich gelassen haben, wieder Soldaten zu werden. Gerüchte laufen um von neuen Bewegungen des Feindes uns gegenüber . . . »Nun,« heißt es, »wir werden es ihnen schon zeigen.« Ich denke an die ersten Märsche im August 1914 nach Ostpreußen hinein, an die ersten Biwaks und die allgemeine Begeisterung, an die vielen Freunde, die oben bei den Seen geblieben sind. Auch an lange zurückliegende Friedensjahre denke ich, an meine kleine Garnison an der Westgrenze, wo wir den preußischen Kürassieren so nahe gegenüberlagen, wo wir den Besuch der deutschen Kameraden empfingen, und man es nicht einmal für nötig befand, ihnen ihre Degen abzunehmen, wenn sie uns besuchten. Wo ist 29 das alles hin? War dieser Krieg notwendig zwischen zwei Heeren, die durch alte Waffenbrüderschaft und gemeinsam vergossenes Blut gekittet waren? Ein paar Baumwollspekulanten bei uns haben sich nicht mit den Spekulanten da drüben einigen können, und um dieses Krieges der Spekulanten willen bricht ein großes Reich zusammen!

Mitten in diesen Gedanken bemerke ich, daß die Truppe hält. Ich laufe nach hinten, um nach der Ursache zu sehen.

Ich bemerke, daß die Leute seitwärts der Straße in den Wald getreten sind und aufeinander einreden. Was ist? Sie haben eine Versammlung einberufen! Bei jeder russischen Kompagnie gibt es einen Harmonikaspieler . . . es soll also ein neuer Harmonikaspieler gewählt werden.

Ehe ich mich mit der Sache befassen kann, erreicht mich eine Stabsordonnanz. Ich soll sofort nach vorn kommen. Bei Taranowski hält ein Automobil, wir haben den Befehl, uns sofort dorthin zu begeben, da Kerenski heute die Stadt passiert und die umliegenden höheren Stäbe sprechen will.

Taranowski, der Chef der operativen Abteilung und ich sitzen auf, wir sind in einer Stunde in Minsk. Die Stadt ist vollgestopft von herumlungernden betrunkenen Soldaten, die Kinemas und die Kaffeehäuser sind voll. Wir fahren nach dem großen trostlosen Bahnhofsgebäude, wo vor zwei Jahren G. vom Regiment »Kexholm« mir von seinen Todesahnungen sprach, die sich dann so bald erfüllten . . .

Wir bemerken vor dem Stationsgebäude einen großen Menschenauflauf. Was ist? Im Wartesaal hat sich ein betrunkener Soldat einem Obersten gegenübergesetzt, er hat sich eine Zigarette angezündet und bläst ihm demonstrativ den Rauch ins Gesicht. Der Oberst sieht ihn scharf an, sagt kein Wort; der Mann lacht ihm ins Gesicht, er wiederholt sein Manöver und ruft Kameraden herbei: »Seht, wie ich es ihm zeige.« Der Oberst zieht die 30 Pistole und schießt den Mann über den Haufen. Seine Leiche wird herausgetragen, als wir aus dem Wagen steigen. Es ist zu bemerken, daß keiner der nach Tausenden zählenden Soldaten dem Obersten ein Haar krümmt. »Er hat recht gehabt.« Unsere Leute sind tapfer und ehrliebend, wenn sie Männer über sich haben. Ich habe später festgestellt, daß diesem Obersten auch unter den Bolschewisten nichts geschehen ist. Noch heute ist er im russischen Dienst. –

Um zwei Uhr nachmittags steigt Kerenski aus seinem Salonwagen, in englischen Reithosen, die nun modern geworden sind, obwohl Kerenski sich bisher nicht mit Reiten befaßt hat . . . Zu diesem modischen Zivil trägt er eine Militärmütze. Ich stehe im Kreise, der sich um ihn bildet, ihm dicht gegenüber, ich merke deutlich, daß dieser Mensch vor Nervosität kein Glied stillhalten kann. Er redet und hält seine übliche Propagandarede, die man schon aus den Zeitungen kennt. Ab und zu hört man irgendwo ein klägliches Hurra, im übrigen bemerke ich deutlich, daß die Soldaten sich lustig über ihn machen. »Die Südfront ist in glänzender Verfassung, sie verlangt, an den Feind geführt zu werden. Nachschübe sind allenthalben unterwegs.« Dann, als die gemeinen Soldaten fortgeschickt und nur die Stäbe noch ihn umgeben, klingt es anders: »Die Südfront ist in voller Auflösung, die Schwarzmeerflotte verludert, in Odessa . . . es sind die Vorboten der bolschewistischen Matrosenbewegung . . . meutern die Besatzungen. Was könne man wohl tun?«

Er sieht sich im Kreise um. Ein Divisionskommandeur salutiert: »Da Sie sich«, sagt er, »soviel von der Propaganda versprechen und man ja die modernen Kriege mit Propaganda gewinnt, so wäre es vielleicht gut, die Breschko-Breschkowskaja auf einer Bahre durch die Schützengräben tragen zu lassen zur Begeisterung der Leute.«

Die Breschko-Breschkowskaja ist ein in Moskau lebendes 80 Jahre altes Weib, das in der revolutionären 31 Bewegung gleich nach der Bauernbefreiung in den sechziger Jahren eine Rolle gespielt hat und seitdem zur Legendenfigur geworden ist und den Beinamen »Mütterchen der Revolution« trägt.

Wir erstarren bei dieser unverschämten Antwort des Generals, alle Augen richten sich auf Kerenski . . . nun muß doch wohl der Blitz einschlagen in solch offene Verhöhnung! Der russische Robespierre zuckt nervös zusammen, er ist totenblaß: »Ah, schweigen Sie doch.« Der Diktator Rußlands klettert mit seinen Getreuen müde in den Salonwagen.

Wir fahren ab, es ist schon Abend. Als wir den Wald, in dem unsere Division steckengeblieben ist, erreichen, sehen wir mitten auf dem Wege einen Menschen, der uns erregt zuwinkt. Es ist Taranowskis Bursche. »Ew. Exzellenz, man wird Sie verhaften!«

»Wer denn?«

»Die Soldaten, da sie nicht an die Front wollen.«

Er berichtet, daß gegen zwanzig Leute im Walde unserem Automobil auflauern; wir machen die Pistolen schußfertig. Wir sehen auch einige verdächtige Gestalten im Gebüsche herumlungern, erreichen aber unbehelligt unser Quartier.

Dann aber, als wir in unserer elenden Bauernhütte angelangt sind, erzählt uns der Stabschef, daß das zwanzigste Regiment eine Versammlung einberufen habe mit dem angeblichen Programm, einen neuen Koch zu wählen . . . de facto, um Taranowskis Verhaftung zu beschließen. Führer der Bewegung sei der Hauptmann Jakowlew vom Zwanzigsten, der es den Leuten beibringe, wie Taranowski sie in den sicheren Tod führe. Jakowlew selbst hoffe Regimentskommandeur zu werden nach des Generals Entfernung.

Taranowski lacht und erklärt alles für Unsinn. Ich bemerke aber, daß er noch lange auf und nieder geht und dann lange Privatkorrespondenzen erledigt. Schließlich ruft er mich, ich soll seine Unterschrift bestätigen: er hat soeben sein riesiges Vermögen den Witwen der Zwanziger vermacht, deren Kommandeur er einmal gewesen ist und 32 die ihn nun verhaften wollen. Schließlich gehen wir zu Bett.

Um fünf Uhr früh surrt ein Automobil vor dem Stabsquartier. Ich sehe hinaus: Hauptmann Jakowlew mit Bewaffneten. Er stampft die Treppe herauf:

»Wo ist der General?«

Ein Pikett, das in das andere Zimmer eingedrungen ist, bringt bereits Taranowski.

Der General ist eiseskühl und von einer beinahe verachtungsvollen Ruhe, er würdigt Jakowlew keines Blickes. Der Hauptmann, der ihm nicht in die Augen sehen kann, entschuldigt sich. Er habe nun den Auftrag, es sei ihm selbst peinlich usw. Taranowski antwortet ihm nicht. Da ich den General nicht allein lassen will, so frage ich Jakowlew, ob ich ihn begleiten dürfe. Jakowlew übergibt sich fast vor Verbindlichkeit: »Gewiß, selbstverständlich, ich kenne Sie ja.« Damit streckt er mir die Hand hin.

Ich antworte, indem ich meine Hand, statt sie ihm zu reichen. in die Hosentasche stecke: »Ich habe Sie um die Erlaubnis gebeten, den General begleiten zu dürfen, nicht aber um Ihren Händedruck.«

Ich steige ein. Jakowlew schweigt wie ein geprügelter Hund. Ich kenne sehr wohl den Grund dieser Verhaftung: nach der Septemberschlacht an den Masurischen Seen hat Jakowlew sich zu irgendeiner Auszeichnung eingegeben, die Taranowski nicht befürwortet hat, da der Hauptmann nie im Feuer gesehen worden ist und außerdem seine Leute auf das brutalste zu behandeln pflegt. Nun rächt er sich. Sein Wunsch, Regimentskommandeur zu werden, hat sich übrigens nie erfüllt: später haben ihn die Bolschewiken totgeschlagen.

Wir kommen also im Regimentsstabe an. Ein sehr lebhafter Jude, Vorsitzender des Regimentskomitees, kommt uns entgegen: »Alles ist ein Mißverständnis. Der General soll gar nicht verhaftet werden, wenn er sofort den Abschied nimmt und die Division dem General A. 33 übergibt.« Sie haben also schon einen Ersatzmann bereit. Wir warten eine Weile, bis der neue Chef eintrifft. Es ist ein früherer Generalstabsmajor, so ein Popensohnpopowskij sin . . . vulgäre Bezeichnung für Leute aus der Hefe des Volkes., als Streber und übler Soldatenschinder von jeher bekannt, wie alle diese Leute, die jetzt so schnell ihren Kompromiß mit der Revolution machen. Die Art, wie er den im Regimentszimmer vorerst noch festgehaltenen Taranowski ironisiert, ist widerlich.

Es ergibt sich, daß diese Verhaftung Taranowskis nur den einen Zweck gehabt hat, den Marsch der Division an die Front zu verhindern: urplötzlich rücken mit klingendem Spiele auch die übrigen Regimenter an . . . nun soll sie in aller Form vor sich gehen, die Absetzung des Generals. A. läßt die Regimenter ein Viereck bilden und beginnt in dessen Mitte ein förmliches Verhör mit unserem alten Führer: weshalb er nicht die revolutionären Komitees der Soldaten begünstigt, weswegen er nicht für bessere Verbreitung der Petersburger Soldatenratzeitungen gesorgt habe. Taranowski schweigt mit verächtlichem Lächeln. »Ja,« sagt A., »unter diesen Umständen wundere er sich nicht, daß die Division einen so schlechten Willen gezeigt habe.«

Taranowski sieht sich noch einmal um nach seinen ehemaligen Soldaten: »Adieu, russische Kameraden.« Damit geht er. Keinem sagt er ein Wort von seinem Testament. Ich glaube, er ist den Bolschewiken entkommen. Er lebt, wenn ich nicht irre, in England. Noch heute gilt ihm mein Gruß und meine Verehrung.

Nun aber . . . unser Popensohn, unser General A.! Kaum ist Taranowski verschwunden, so reibt er sich an den Soldaten: am ersten Tag kanzelt er in ihrer Gegenwart einen Ordonnanzoffizier des Korpsstabes herunter, der ihn mit »Ew. Exzellenz« anredet. »Es heißt nicht ›Ew. Exzellenz‹, es heißt ›Herr General‹. Ich verbitte mir diese 34 vorrevolutionären Redensarten!« Alles, um die Gunst der Soldaten zu erbetteln.

Da sind zum Beispiel unsere Neunzehner ohne Gewehre erschienen, weil die Gewehre eben auf Wagen nachgefahren werden. Was tut A., um die Gunst der Leute zu erringen? Er wendet sich an die Zwanziger, die ihre Gewehre bei sich haben: »Nicht wahr, ihr werdet doch eure Kameraden, die keine Gewehre bei sich haben, im Notfalle verteidigen?« Das ist nun freilich die rechte Art, mit russischen Soldaten umzugehen! Die Soldaten grinsen über diesen Polichinel . . . es wird nicht gut enden mit ihm . . .

Am nächsten Tage aber setzen wir uns nun wirklich nach der Front zu in der Richtung auf Krewo in Bewegung. Es ist heiß und staubig, die Leute, in der Etappe verweichlicht, murren. Wir sehen außergewöhnlich viele deutsche Aeroplane in der Luft . . . es heißt, der Deutsche Kaiser sei da drüben eingetroffen . . . eine große Schlacht stehe bevor. Darauf deuten auch die vielen Verstärkungen, die wir bekommen. Zum erstenmal sehe ich bei diesem Marsche die Weiberbataillone, die Kerenski an die Front geschickt hat, damit sie, wie es im Armeebefehle heißt, »die Männer beschämen, wenn die Männer zurückweichen«. Nun, wir werden ja sehen.

Es sind alles Studentinnen und Kursistinnen . . . Schöne Frauenzimmer in Kakhihosen und Wickelgamaschen, sie tragen den von den Franzosen gelieferten neuen Stahlhelm auf den kurzgeschnittenen Haaren. Als Frauen kann man sie eigentlich nur an den gemeinsamen X-Beinen erkennen und bei jenen hier unaussprechlich komischen Gelegenheiten, die auch an männliche Truppen auf dem Marsche hin und wieder als menschliche Notwendigkeiten herantreten.

So ziehen sie denn an uns vorüber. Die Kompagniechefs . . . alles Frauen, versteht sich . . . sind beritten. Und einen Bataillonskommandeur haben sie da . . . ein bildschönes Frauenzimmer, muß man sagen, das auf seiner Schindmähre um das Bataillon galoppiert und dabei flucht 35 wie ein alter Stabskapitän. Ich sehe sogar, daß sie auf eine Sektion, die nicht gehörigen Marschabstand hält, mit der flachen Klinge einhaut. Dafür wirft sie, als sie an uns vorüberreitet, mit feurigen Blicken um sich . . .

Unsere Soldaten, die derweilen im Straßengraben rasten, lachen und machen Bemerkungen, die eigentlich nicht für Weiberohren bestimmt sind. »Was wollen diese Weiber . . . ist das nicht etwa Mannssache?« Sie sind zu konservativ, um sich mit diesen Amazonentruppen abzufinden. Später unter den Bolschewiki habe ich gesehen, daß ein roter Matrose solch ein bewaffnetes Frauenzimmer vor Ekel anspie . . .

Nun gut, wir marschieren also, wir beziehen eine miserabel angelegte Stellung dicht vor Krewo. Die Gräben sind selbst in diesem dürren Sommer feucht . . . wenn die Deutschen hier je schießen, so können sie unsere Flanken bestreichen.

Aber die Deutschen schießen nicht, obwohl unsere Flieger drüben Verstärkungen feststellen und obwohl wir selbst hier alles zusammenziehen, was Rußland an Menschen noch aufzubringen vermag. Im Gegenteil, sie beschränken sich auf das, was sie immer als ihre Hauptkunst bezeichnet haben: sie treiben Propaganda. Da erscheinen plötzlich über den deutschen Gräben Plakate mit Riesenbuchstaben: »Wir tun euch nichts . . . gehorcht nur euern Offizieren nicht, wenn sie euch ins Feuer führen.« Ist das anständiger Kampf? Ob es ritterlich ist, will ich nicht fragen . . . wo in diesem pöbelhaftesten aller Kriege ist überhaupt so etwas wie Ritterlichkeit zu finden? Aber es ist unklug von unseren Feinden. Sie untergraben ihre eigene Disziplin, wenn sie den feindlichen Soldaten gegen den Offizier aufhetzen. Einmal wird es ihnen ebenso gehen.

Unsre Leute sehen die Plakate mit finsterem Gesicht. Ihnen wird der Verkehr mit denen da drüben strengstens verboten. A. übergibt mir die Polizeischwadron und weis mich an, jeden Übertreter dieses Verbotes sofort zu 36 verhaften. So muß ich denn Spion spielen und nachts die Stellungen dicht an den deutschen Gräben abpatrouillieren und die Gespräche belauschen, die sich die Vorposten wechselseitig zuschreien. Bei dieser Gelegenheit komme ich einmal auch zu dem Frauenbataillon, das seine Stellung neben der unseren hat, und zwar in den Unterstand des Hauptmanns oder Hauptfräuleins S . . . . wie soll man da nun sagen? Es ist eine warme Nacht . . . wir sind allein . . . wir werden bald einig miteinander. Sie ist zweiundzwanzig Jahre . . . eine ausgesprochen tatarische Schönheit . . . Mathematikstudentin aus dem Orenburgschen . . . ach Gott . . . wer hätte es je gedacht, daß ich in solche Beziehungen zu einem russischen »Hauptmann« treten würde? 37



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