Fritz Reck-Malleczewen
Von Räubern, Henkern und Soldaten
Fritz Reck-Malleczewen

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Der Todeskampf des Regimes Kerenski

Wie es kam, daß ich nicht traben konnte. Der Fall Rigas. Bolschewistische Sturmzeichen. Eine offene Frage an Herrn Kerenski. Stratege Ilja Iljitsch. Der erste Offiziersmord. Waffenruhe. Leutnant Maslowski führt den Krieg auf eigene Faust weiter. Zum Tode verurteilt. Die Orgie im Sarg. Lenin und Trotzki. Die Front von Krämerbuden. Neger mit Bartbinden. Zu den Deutschen!

Schön ist dieser lange Herbst, er entschädigt uns für den langen Winter. In den ersten Septembertagen bin ich so weit, daß ich wenigstens mich bewegen und auch schon gehen kann. Auch die ersten Reitversuche mache ich, obwohl ich noch sehr schwach bin. In diesen Tagen muß ich einmal einen Befehl zum Nachbarabschnitt bringen . . . irgend so eine Instruierung der Soldaten im patriotischen Sinne.

Ich komme zum Frauenbataillon, ich komme zum Bataillonsstab. Drinnen flucht und schreit jemand, ein Schreiber wird durch einen Fußtritt zur Tür hinausbefördert, schleicht sich vorbei an mir mit geducktem Rücken. Ich trete ein in die Tür des weiblichen Kommandeurs, der eben den Menschen da hinausgeworfen hat. »Guten Tag, mein Fräulein«, sage ich. Es ist die schöne große Blonde, die ich am Tage des Vormarsches nach Krewo zu Pferde gesehen habe. Sie schnaubt mich an: »Belieben Sie gefälligst, sich zu merken, daß ich für Sie kein Fräulein bin. Es heißt: Kapitän.«

»Nun,« sage ich und deute auf den Tisch, »nun also, Marja Nicolajewna . . . Frau Kapitän . . . Herr Kapitän . . . Sie geruhten, Ihre Brennschere auf dem Divisionsbefehl dort liegenzulassen.«

Sie sieht sich ärgerlich um, sie ist verwirrt, sie lacht schließlich. Sie ist in langen Stiefeln und hat den Säbel umgeschnallt, aber sie läßt Tee bringen. Wir plaudern. Eine Stunde . . . zwei . . . sie vergißt ganz, daß sie einmal Bataillonskommandeur gewesen ist. Wir sind allein und sie scheucht alles, was hineinkommen und uns stören will, 57 hinaus. Zum Teufel ja . . . so ausgehungert ist man nach Frauen . . . wie soll ich also sagen . . . auch hier beim Herrn Bataillonskommandeur geht die Sache ihren richtigen und natürlichen Gang . . .

Es ist ziemlich tiefe Nacht, als ich mich zu meinem kleinen englischen Hengst setze. Ich glaube, wie ich aufsitzen will, eine mir bekannte Gestalt durch das Dunkel davonhuschen zu sehen . . . war das nicht Sonja? Ich sitze auf, ich will ein wenig traben. Ich merke, daß ich mich im Sattel absolut nicht heben kann . . . die enge GallifetRussischer Armeejargon = enge Reithose. will sich nicht vom Sattelleder trennen. Ich steige ab. Auch das geht seltsam schwer, denn ich klebe fest am Sattel. Man hat mir, während ich bei ihr war und das Pferd warten ließ, den Sattel mit Pech beschmiert . . . natürlich war es eine der Damen. Vielleicht ist es Sonja gewesen in ihrer Eifersucht auf ihren Bataillonskommandeur . . .

So um den siebenten herum wird die Nachricht vom Falle Rigas bekannt. Wenn je eine Nachricht die Truppe deprimiert hat, so ist es diese. Die Soldaten stecken die Köpfe zusammen, sie rufen uns Offizieren nach, daß wir Rußland an die Deutschen verkauft hätten. Es kommt von Kerenski der Befehl, die Truppen vorsichtig aufzuklären. Ich lasse die Polizeischwadron antreten, sage den Leuten, was ich zu sagen habe. Ein Mann – wieder ist es kennzeichnenderweise der Schwadronsbarbier – tritt vor. »Ich muß fragen, ob Ew. Hochwohlgeboren über den Fall von Riga uns wirklich die Wahrheit gesagt haben?«

»Nun, was soll ich euch denn anderes sagen?«

»Ew. Hochwohlgeboren haben uns Ihre Meinung gesagt. Unsere Freunde aber sagen etwas anderes, daß das dortige Kommando, weil es gegen die Revolution ist, Riga an die Deutschen verraten hat.«

Der Wachtmeister nimmt mich beiseite und warnt mich, noch einmal vor die Truppen zu gehen . . . die Leute 58 würden von unbekannter Seite aufgehetzt. Erst später kommen wir darauf, daß diese »Freunde« schon die ersten Emissäre Trotzkis und Lenins sind . . . Leute, die sich nun als Händler, Lieferanten usw. en masse herumtreiben.

Es ist die Nacht vom 10. zum 11. September, als ich von einer Partie »Wint«Russisches Kartenspiel., die ich mit dem Stabschef und N. spiele, an den Telegraphen gerufen werde. Es kommt diese Nachricht:

»An alle, alle, alle!

General Kornilow hat im Einverständnis mit dem Höchstkommandierenden Kerenski bis auf weiteres den Oberbefehl über die gesamte Front übernommen. Die Offiziere werden beauftragt, mit den schärfsten Mitteln für die Sanierung der Front und die Wiederherstellung der Disziplin zu sorgen. General Kornilow wird . . .«

Hier bricht mitten im Satz der Telegraph ab. Sofort fragen wir bei der Zentrale des Korpsstabes nach der Fortsetzung. Die Zentrale antwortet, daß auch bei ihr an dieser Stelle das Telegramm abgebrochen sei, daß alle rückwärtigen Stellen keinen weiteren Aufschluß gäben.

Die Lösung dieses Rätsels erfahren wir, soweit es je gelöst ist oder je gelöst werden wird, erst später. Vor der Hand bemerken wir, noch ehe wir dieses Telegramm bekanntgeben, eine vollkommene Änderung in der Haltung der Truppe. Plötzlich benehmen sich nämlich die Soldaten so, wie sie seit Beginn der Revolution es immer gemacht haben, wenn eine unmittelbare Gefahr oder ein bevorstehendes Gefecht sie bedrohte. Sie halten sich mit ihrem ganzen Vertrauen an die Offiziere, sie machen wieder die Ehrenbezeigungen, es wird an den verwahrlosten Unterständen gearbeitet, dieses Gerücht geht von Mund zu Mund: von neuem beginnt der Krieg . . . Kornilow wird uns führen, wir werden den Feind aus dem Lande werfen. 59

Genau zwei Tage nach diesem Telegramm bringt mir N., gerade als ich die Nachricht des französischen Generalstabes von dem Abtransport der deutschen 21. Landwehrdivision von der französischen Front an die unsere in Empfang nehme . . . da bringt mir also N. ein neues Telegramm:

»An alle, alle, alle!

Kornilow ist ein Verräter der Revolution. Sein Telegramm von der Übernahme des Oberbefehls hat er ohne Wissen Kerenskis an die Truppen gegeben. Kornilow ist zu verhaften.«

Was soll das? Was soll dieses Hin und Her? Wollen die in Petersburg die Truppe vollkommen wahnsinnig machen? Wir wissen, daß Kerenski sich sein eigenes Grab gegraben hat mit dieser Nachricht.

Was ist nun wirklich geschehen damals? In groben Umrissen wenigstens ist es heute uns alten russischen Offizieren bekannt. Kerenski hat tatsächlich – das steht fest und wird heute wohl nicht mehr von ihm geleugnet werden – an Kornilow den Befehl gegeben, angesichts der furchtbaren Lage Rußlands zunächst einmal Petersburg zu sanieren, mit verläßlichen Truppen gegen die Stadt zu marschieren und das sich vorm Frontdienst drückende Gesindel von Soldaten auseinanderzujagen. Gut, Kornilow marschiert, er marschiert mit Kosaken, Tschkinzen und zuverlässiger Kavallerie gegen Petersburg. Als die Spitze dicht vor der Stadt ist, eilt in Kornilows Auftrag Oberst X., der Stabschef Kornilows, voraus, um sich insgeheim mit Kerenski über das Weitere zu besprechen. Diese Unterredung findet in einem großfürstlichen Palais statt – nun, Kerenski befindet sich ja wohl und wird, wenn ihn diese Ausführungen jemals erreichen, auch wissen, in wessen Palais –

Kerenski zieht sich mit X. in sein Kabinett zurück, die Unterhaltung wird leise geführt. Nach zwei Stunden geht Oberst X. totenblaß durch das Vorzimmer, er geht in einen 60 anderen Raum, er erschießt sich dort und nimmt sein und Herrn Kerenskis Geheimnis mit sich in sein Grab. Kornilow geht plötzlich auf Mohilew zurück, er wird dort gefangengenommen, ohne daß Kerenski die Macht hat, sich angesichts der Kornilow treuen Tschkinzen seiner Person wirklich zu bemächtigen.

Wie gesagt: Herr Kerenski lebt und erfreut sich hoffentlich einer guten Gesundheit. Er hat Rußlands Geschick in entscheidender Stunde in seine Schreiberhand genommen, er hat Rußland aus dieser Hand in den Abgrund von Blut und Schmutz fallen lassen . . . für Millionen verdorbener und gemordeter Seelen hat er die Verantwortung zu tragen. Weiß Herr Kerenski noch von dieser Unterredung mit dem Obersten X.? Antwortet er nicht, so wird Rußland ihm einmal die Antwort geben!

Und nun kommt das, was wir alle vorausgesagt haben nach diesem zweiten Telegramm. Mit einem Schlage bricht die Front zusammen. Plötzlich sind Meuterei, Zuchtlosigkeit wieder da . . . wir leben wieder inmitten einer uniformierten Räuberbande. Nun merken auch wir, daß in Petersburg neben dieser Advokatenregierung noch ganz andere, unterirdische Kräfte am Werke sind. Nun wissen wir, was diese Händler und Agenten zu bedeuten haben, die sich in den letzten Wochen so eifrig mit den Soldaten beschäftigen . . . nun hören wir die Namen Trotzki und Lenin. Die Regierung der Händler und Advokaten liegt im Sterben, der Terror ist im Anmarsch.

Wieder ist es Herbst geworden, kalter Regen setzt ein, der beginnende Winter macht alle noch mißmutiger. Wir erhalten die Nachricht, daß fortan den revolutionären Komitees der Truppen ein mitbestimmender Einfluß auf die strategischen Operationen einzuräumen sei. Eines Tages kommt denn auch so ein Ilja Iljitsch oder Alexej Fomitsch und läßt sich die Stellungen erklären, will dieses wissen und jenes, fragt nach der Bedeutung der Fachausdrücke und der Bedeutung der Meßinstrumente. B., der Chef der 61 operativen Abteilung, fertigt sie barsch ab. »Wenn Sie diese Dinge nicht kennen, so nehmen Sie gefälligst einen Aufklärungskursus. Ich bin nicht dazu da, Ihnen das Abc beizubringen . . .« Der Mann macht einen krummen Rücken und geht. Ab und zu erscheint er wieder, erkundigt sich durch den Telegraphen bei Kerenski, was zu tun sei. Einmal nehme ich die Antwort ab: »Genug der Worte. Es ist Zeit, daß ihr den Soldaten Befehle gebt.« Der Soldat dreht das Telegramm verlegen in der Hand herum, wünscht uns einen guten Abend.

Alles ist außer Rand und Band. Befiehlt noch ein Kommandeur eine bescheidene Erkundung, so erscheinen bei ihm drei Leute: »Nichts werden wir unternehmen. Kerenski hat selbst erklärt, daß alle Offiziere Verräter sind.«

Kalte Regen, mit Schnee schon gemischt, ohne Ende . . . ohne Ende. Ich sitze und sehe die Munitionsrapporte durch, ich höre plötzlich ein paar Schüsse vor dem Quartier. Ich gehe hinaus. Ein junger Offizier vom A.schen Husarenregiment mit zerschossener Brust liegt im Straßenkot. Sterbend erzählt er mir, daß ihm auf der Straße ein Soldat mit Fuhrwerk begegnet sei, daß der Mann ihn ohne weiteres niedergeschossen habe . . .

Dies ist der erste Offiziersmord. Ihm folgen in den nächsten Tagen bei der Infanterie, besonders bei den Neunzehnern, noch weitere.

Offiziere erscheinen in Trupps bei uns im Stabsquartier, ihre Burschen haben sie mit ihren Mannschaftsuniformen ausgestattet. Alle bitten um falsche Pässe, alle wollen sie in die Südgouvernements, wo sich, wie man nun zum ersten Male hört, weiße, gegenrevolutionäre Heere bilden sollen. Wir weigern uns, falsche Pässe auszustellen. Trotzdem kommen in den meisten Fällen diese Offiziere durch . . . sechzig sind in einer einzigen Nacht von unserer Division desertiert. Was wird aus Rußland?

Es ist Mitte November, ausnahmsweise ist's ein schöner Tag. Ich habe in den letzten Tagen immer von einem 62 entlegenen Teil unserer Front vereinzelte Kanonenschüsse gehört . . . ich will doch einmal nachsehen, wer in der allgemeinen Stille der Front dort wohl noch schießen mag. Ich reite mit meinem kleinen Engländer durch den Wald, komme durch dichtes Gestrüpp, gerate bis zum Bauche des Tieres in einen Morast, sehe einen vergessenen deutschen Toten da irgendwo im Grase liegen . . . wohl noch einen Übriggebliebenen aus dem Jahre 1915 . . . sitze wieder auf, höre plötzlich einen Kanonenschuß in nächster Nähe. Ich gehe dem Schall nach, komme an eine Lichtung, sehe schließlich etwas, was ich zuerst für eine Fata Morgana halte.

Da steht wie auf dem Exerzierplatz eine sauber ausgerichtete Feldbatterie, die Geschütze tadellos in den vorschriftsmäßigen Abständen anfgestellt . . . tadellos gehalten . . . sogar ein paar gutgepflegte Bespannungspferde sind weiter hinten angehalftert. Drei Menschen finde ich bei den Kanonen: einen blutjungen Artillerieoffizier, der mir die x-te Batterie des x-ten Artillerieregiments meldet . . . ihn also und zwei Leute. Es ergibt sich, daß dieser Leutnant sich mit dem aus den beiden Soldaten bestehenden Reste seiner Batterie entschlossen hat, auf eigene Faust den Krieg allein zu führen. Am Morgen wird ein Signal geblasen, die Pferde werden geputzt und gefüttert. Aus jeder Kanone wird ein Schuß abgegeben, keiner mehr, keiner weniger. Dann werden die Geschütze nach der Vorschrift gereinigt, es wird abgekocht, zum Essen geblasen . . . Abends werden wieder sechs Schüsse zu den deutschen Linien hinübergefeuert, wieder reinigt man die Geschütze . . . der Dienst ist zu Ende. Ich staune ihn an wie ein Meerwunder. »Wie heißen Sie?« frage ich.

»Leutnant Maslowski. Es soll Ihnen aber nicht gelingen, mich zum Aufgeben meiner Batterie zu veranlassen.« Er hält mich offenbar für einen von denen, die das Heer verraten helfen.

Ich gebe ihm die Hand. »Das will ich nicht, mein Lieber . . . ganz und gar will ich das nicht. Haben Sie Wünsche?« 63

»Munition und . . .« Er schweigt. Plötzlich treten ihm die Tränen in die Augen.

»Nun und?« frage ich.

»Daß man, wenn es schon in Rußland keine Ehre mehr gibt, mir die meine läßt. Sehen Sie, täglich kommen die Unseren aus ihren Infanteriestellungen zu mir . . . tun mir Schaden, weil, wie sie sagen, mein Schießen die Deutschen reizt. Sie drohen, mir keinen Proviant, keine Granaten mehr zu geben . . . Gestern haben Sie mir von zwei Kanonen die Verschlüsse verdorben . . . ich kann es nicht verhindern. Sie werden mich totschlagen . . . Ja, bald werde ich ihnen zum Opfer gefallen sein. Aber das soll ihnen nicht gelingen, daß sie mir die Ehre nehmen.« Plötzlich bricht er in heftiges Weinen aus. Ich reiche ihm schweigend die Hand, reite davon.

Lange reite ich hinaus in das schon winterliche Land gegen ein aufziehendes Schneetreiben. Ich komme abends erst nach Hause, schlafe ein wenig. Ich wache von einer leichten Berührung auf, sehe einen Soldaten auf meinem Bett sitzen. »Nun, Genosse,« sagte er, lacht ganz greulich, »erkennst du mich nun oder erkennst du mich nicht?«

Ich entferne ihn mit einem Fußtritt von meinem Bett. Er steht wie ein Geist im Zimmer, grinst. Nun erkenne ich ihn: er ist einer von den drei Leuten, die ich kurz vor der Schlacht von Krewo im Auftrage des Generals wegen Umganges mit dem Feinde verhaften lassen mußte . . . einer von denen, die damals zu Zwangsarbeit verurteilt worden sind, ein Kamerad jenes Grusiniers, den die Husaren der Polizeischwadron bei seinem Fluchtversuch erschossen haben. Die übrigen sind befreit worden auf Grund eines Petersburger Befehls, genau so, wie man sie auf Grund eines Petersburger Befehls vor Gericht gestellt hat . . .

Da steht also dieser Mensch, grinst mich an: »Du wirst schauen, Genosse.« Damit geht er.

Ich liege, denke nicht mehr an ihn. Als es Nacht ist, stampfen mindestens sechzig Stiefel die Treppe zu meinem 64 Zimmer herauf, man reißt die Tür auf, man schleppt irgend etwas Schweres herein, macht Licht. Ich sehe zu, erkenne, daß sie einen Sarg zu mir gebracht haben. Einer fängt zu reden an: »Den Grusinier haben wir wieder ausgraben lassen . . . den, den du hast erschießen lassen. Zwei Särge haben wir machen lassen . . . einen für ihn, einen für dich. Dieser ist für dich. Morgen früh neun Uhr wird man dich hängen, in einem Grab mit ihm wirst du liegen.«

Ich fluche, drehe mich nach der anderen Seite um, lehne es ab, mit ihnen zu sprechen. »Nun, schauen wirst du.« Sie stampfen die Treppe wieder hinunter. Der für mich bestimmte Sarg bleibt vor meinem Bett stehen.

Ich liege, denke über alles nach. Weiß der Teufel, wie es kommt . . . ich bin eigentlich nicht sehr traurig. Der Stabsarzt kommt. Er weiß schon alles, er hat im Auftrag der Neunzehner die ausgegrabene Leiche photographieren müssen. Außerdem kommt nun noch N. Ich will ja nicht sagen, daß ich mutiger oder feiger bin als andere Menschen, aber man ist nun so abgestumpft gegen das Sterben: wir fangen an zu reden, dann fangen wir an zu trinken. Zuerst Tee . . . dann haben wir ein paar Flaschen Rotwein . . . wenig denken wir an meine Hinrichtung. Ich bin ziemlich betrunken, ich lege mich in meinen Sarg auf die Spähne, und da wir alle sehr betrunken sind, so lachen wir, wie ich da liege. Es ist sechs Uhr früh, als sie gehen . . . ganz und gar habe ich vergessen, daß man mich um neun Uhr aufhängen wird. Betrunken wie ich bin, schlafe ich ein. –

Ich wache auf, ich liege in einem Sarg . . . ich erinnere mich langsam. Ich sehe nach der Uhr: es ist zwei Uhr nachmittags . . . und um neun Uhr früh sollte ich aufgehängt werden. Das also ist gewiß, daß ich die Zeit verschlafen habe.

Ich stehe auf, gehe hinunter. Große Erregung überall . . . Telegramme aus Moskau . . . Armeebefehle von Trotzki und Lenin . . . nicht mehr Kerenski . . . Straßenkämpfe in 65 Moskau . . . Straßenkämpfe in Petersburg . . . die Neunzehner sind in der Nacht noch als »Elitetruppe der Revolution« durch ein Telegramm Trotzkis nach Moskau berufen worden, um an den Kämpfen teilznnehmen . . . sie sind abgefahren und haben mich vergessen. Nicht nur meine Hinrichtung, sondern auch die neue Revolution habe ich verschlafen. –

Ich gehe nach der Station, sehen, was es Neues gibt. Ungeheures Geschrei, Schüsse, Tote gibt es dort: ein Infanterieregiment will ebenso nach Moskau wie ein Artillerieregiment. Jedes will zuerst abtransportiert werden. Die Regimenter kämpfen mit Handgranaten und Maschinengewehren . . . zwanzig Tote liegen auf dem Bahnsteig. Die Infanteristen siegen, sie besteigen den bereitstehenden Zug. Der Bahnvorsteher kommt jammernd: er hat Befehl, daß die Artilleristen zuerst fahren. Man bindet ihn auf die Schienen dicht vor der Lokomotive. »Willst du uns als erste befördern oder nicht?« Die Infanteristen fahren als erste ab.

Ich gehe zurück zu unserem Quartier. Der Wachtmeister hat die Polizeischwadron zum Appell antreten lassen, er soll ihnen nun sagen, was in Moskau sich ereignet hat. Ich gehe an der Front vorüber. Wie denn . . . ist heute alles verrückt geworden? Alle meine Husaren stehen da ordnungsgemäß in Reih und Glied, aber sie haben . . . Schnurrbartbinden vor dem Gesicht. Ich spreche einen an: »Freundchen . . . bist du verrückt geworden?«

»Von den Deutschen haben wir es gekauft, Ew. Hochwohlgeboren . . . es gehört zu ihrer Ausrüstung . . . sie verkaufen es nun auch an uns.«

Der Wachtmeister klärt mich auf: in rätselhafter Eile haben die Deutschen in den letzten vierundzwanzig Stunden zwischen den Stellungen Verkaufsstände eingerichtet . . . sie handeln mit allem, wonach unsere Soldaten verlangen: Schnaps, Haarpomade, Mundharmonikas, Taschenkämme . . . Unsere Leute, die von dorther kommen, sind geschmückt wie Neger, bei denen zum ersten Male europäische Kaufleute gewesen 66 sind. Ich halte diesen letzten Appell über eine Truppe von Schnurrbartbindenträgern. Ich drehe mich um und lache und lache . . .

N. nimmt mich unter den Arm. Er erzählt mir etwas, was mich tief erschüttert. Unsere Leute haben in dieser Nacht Maslowski, den kleinen Artillerieleutnant von gestern, ermordet. Sie haben ihn totgeschlagen wie einen Hund, weil er den Frieden störe . . . man sagt, daß die Deutschen ihnen Schnaps dafür gegeben haben, nicht weil Maslowskis 12 Granaten den Deutschen geschadet haben, sondern weil sein Beispiel die russischen Truppen hätte anstecken und von neuem anfeuern können. Ich übergebe mich fast vor Ekel und Scham.

N. führt mich auf die Stellungen zu. Unterwegs erzählt er mir Genaueres über die Moskauer Vorgänge: ein vollkommener Umsturz. Die Kerenskiregierung verjagt von Trotzki und Lenin . . . Kerenski ins Ausland geflohen . . . »Noch«, meint N., »tun sie uns Offizieren nichts. Sie haben heute sogar den Truppen befohlen, uns Offizieren zu gehorchen. Sie brauchen uns. In ein paar Wochen werden sie Galgen für uns bauen. Was Sie betrifft . . . sehen Sie, dort sind die deutschen Stellungen.«

Er zeigt mit der Hand nach dem Westen. Ich weiß, was er sagen will. Wir überklettern unsere Gräben, gehen durch die sich drängenden Leute aller Waffen auf diese neuentstandene Stadt von Bretterbuden zu. Deutsche Landsturmleute, auch jüngere Soldaten von nicht allzu gutem Aussehen . . . Schnaps, Uhrketten, Taschenspiegel, billiger Schund . . . es fehlt nur noch, daß sie unseren Leuten wie Südseeinsulanern auch messingene Nasenringe anbieten. Es wird eifrig gehandelt. Die Deutschen machen gute Geschäfte. Dabei ist doch ihr angeborener Autoritätsglaube so stark, daß sie mit lächelndem Gesicht Ehrenbezeigungen vor uns machen . . .

N. reicht mir die Hand. »Es ist Zeit für Sie, die Gelegenheit kommt nicht wieder.« 67

Ich schnalle meinen Säbel ab, übergebe ihn N. Wir umarmen uns, küssen uns nach der Sitte russischer Männer. Ich kann Rußland nicht dienen, indem ich mich aufhängen lasse für nichts . . . Etwas steigt mir in der Kehle auf, ich drehe mich ab. Ich sehe dicht bei uns einen Tisch. Ein Kerl steht darauf in schwarzem Frack, spielt auf einer Violine die Marseillaise. Er singt dazu russisch mit unverkennbar deutschem Akzent. Unsere Leute stehen umher und hören zu. »Es ist ein Kommissar von denen da drüben.«

Ich gehe auf die deutschen Gräben zu, ohne mich umzusehen. 68



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