Fritz Reck-Malleczewen
Von Räubern, Henkern und Soldaten
Fritz Reck-Malleczewen

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Der Juden-Pogrom in Woloschin

Philosophie des Schnapses. »Eine Schande, was für ein dummes Volk wir sind!« Die Stimmung wird kritisch. »Haut die Juden, rettet Rußland!« Der Teufel ist los!

Ich weiß von den nächsten Stunden nichts. Ich finde mich in Woloschin, in einem der jämmerlichen kleinen Judenhäuser wieder, die sich an dem Fuß des dortigen Schlosses längs der Minsker Chaussee gelagert haben. Meine Wunde ist nicht schlimm . . . die Muskulatur des Brustkorbes ist aber bis auf die Rippen durchrissen. Dafür ist der Blutverlust so groß gewesen, daß ich mich in den nächsten Tagen nicht rühren kann.

Hier erst erfahre ich, was sich begeben hat. Unsere Division ist mäßig zurückgegangen. Südlich von uns bei Krewo, wo unser Hauptangriff zuerst so schön vorwärts kam, haben uns die Deutschen gänzlich überrannt, wir haben entsetzliche Verluste. Und was das schlimmste ist: in Galizien, bei Tarnopol, dort, wo Kerenski selbst kommandierte, ist alles verloren, die Deutschen sind Herren des ganzen Gebietes, das sie seit dem August 1914 aufgegeben haben, die russische Armee ist zertrümmert.

Die Frauenbataillone haben kläglich Fiasko gemacht. Aber ich freue mich, daß Sonja lebt. Sie besucht mich später einmal in einem kleinen Judenhaus, wir spielen »Wint«.

Die Division verlottert immer mehr. Jetzt erst wissen wir, weswegen die radikalen Phrasen bei unseren so gutmütigen Soldaten auftauchen, weswegen sie aggressiv und frech werden, Jetzt erst hören wir von dem Petersburger Matrosenputsch. Er ist gescheitert . . . Ja, aber wie lange noch wird diese Regierung bei dem völligen Zusammenbruch des Krieges gegen die Herrschaft der Straße sich wehren können? 49

Das Kriegführen hat aufgehört, die Front ist tot. Wir sehen von den Deutschen nichts und die Deutschen nichts von uns. Man sagt, daß es ihre Absicht sei, die revolutionäre Zersetzung unseres unglücklichen Heeres gemächlich abzuwarten, um dann über uns herzufallen. Nun, ich denke, es wird ihnen nicht schwer fallen. N., der mich gelegentlich besucht, erzählt mir von dem Überhandnehmen der Desertionen. Fast alle haben sich die Achselklappen abgerissen, nur die alten Frontsoldaten tragen noch die ihren. Unzählige haben ihre Frauen an die Front kommen lassen. Da die Ehegesetze durch die Revolution gelockert sind, so kümmert sich keiner mehr um die Frauen. Man desertiert und läßt die Weiber zurück. Bei den südlich von uns liegenden Divisionen soll es so schlimm sein, daß nach dem Davonlaufen der Männer die Kommandeure nur noch über eine Front jammernder verlassener Weiber verfügen.

Und hier, wo ich mit einem schwerverwundeten Artilleriekapitän in dem Schlafzimmer eines jüdischen Krämers liege, hier erlebe ich die grausigen Ereignisse des 8. August. Dieses Woloschin ist, das muß ich zum Verständnis der Dinge vorausschicken, ein dem Grafen Tyskiewicz gehöriges großes Gut, hoch oben auf dem Berge liegt das Schloß, unten, wo die Minsker Chaussee vorüberführt, haben sich etwa 200 jüdische Händler in jämmerlichen Hütten angesiedelt. Diese Juden handeln mit allem, was die Front und das Hinterland brauchen, vor allem verkauft seit der Revolution bei ihnen der verlotterte Soldat seine vom Staat gelieferte Ausrüstung . . . Stiefel, Wäsche . . . die Juden verkaufen die Sachen wieder an die Intendantur nach Minsk . . . . kein Mensch nimmt noch einen Anstoß daran. Was die Soldaten dafür nehmen? Nun, Schnaps natürlich, vor allem Schnaps. Da der eigentliche Kronsbranntwein seit Kriegsbeginn verboten ist, so ist es der sogenannte sibirische Schnaps, ein abscheulich giftiges Zeug, ganz milchig ist er, und man kann tagelang blind werden, wenn man ihn trinkt. 50

Nun, trotzdem trinkt man ihn, man trinkt ihn gleich hier an Ort und Stelle in der kleinen Judenschenke mit ihrem aus alten Kisten improvisierten Büfett, auf dem regelmäßig zwei Konfektschalen aus häßlich gepreßtem Glas stehen . . . man trinkt ihn wohl gar in dem Hinterraum, der durch einen Vorhang vom Schlafzimmer des Juden abgetrennt ist . . . man sitzt dort auf Bänken vor einem Tisch . . . man trinkt, und wenn man auch das Gesicht verziehen muß bei diesem ekelhaften Zeug . . . das Herz wird doch leichter dadurch, wie die Soldaten sagen.

Nun, jeder, der Rußland kennt, kennt auch diese Traktierbuden. Sie wurden früher von der Polizei mit Vorliebe in der Nähe der Kasernen geduldet, der Jude hatte dann hinter dem Vorhang zu sitzen und die Gespräche der Leute zu belauschen. Hier also liege ich noch sehr hilflos im Hinterraum, der Artilleriehauptmann mit seinem Knieschuß ist noch übler daran als ich.

Und hier erlebe ich am 8. August 1917 folgendes:

Wie gewöhnlich sitzen Soldaten im Trinkraum, sie haben ihr Zeug gegen Schnaps eingetauscht, es sind Leute von allen möglichen Regimentern . . . am meisten Infanteristen, sie trinken und erzählen und streiten und debattieren über die politische Lage. Und hier beginnt am genannten Tage folgendes Gespräch, dessen Einzelheiten mir, der ich damals in schwerem Wundfieber lag, gerade deswegen so haarscharf vielleicht in Erinnerung sind.

Der Erste: »Mein Hemd habe ich verkauft und den Teufel dafür bekommen.«

Der Zweite: »Ich habe meine Stiefel verkauft . . . wie bin ich betrogen worden.«

Ein Dritter, Vierter, Fünfter . . . alle sind sie betrogen worden. »Nun, immerhin . . . das ist kein Grund, traurig zu sein . . . auf zwei Flaschen langt das Geld, dann sieht man wieder, was Gott schickt.«

Ein Sechster knipst mit den Fingern, sagt den dreietagigen 51 FluchRussischer terminus technicus für den abscheulichen, in Rußland aber ja sehr vulgären Fluch »Jeb twoju matj . . . ein Wort, das ich in seiner unwiderlegbaren Scheußlichkeit der russischen Sprachkenntnis oder -unkenntnis des Lesers überlasse.: »Bekannte Sache. Uns zieht man im Leben schon das Hemd herunter. Diese Deutschen haben uns gehauen, daß uns Schweif und Mähne flogen. Ach, ein Ekel und eine Schande ist es, was für ein dummes Volk wir sind.«

Ein Siebenter, den ich noch vor mir sehe . . . ein alter Soldat mit Achselstücken: »Wir können die Deutschen nicht mehr schlagen, wir sind ja nur eine zusammengetriebene Räuberbande. Ach, Bruder, was ist das für ein Krieg! Überall Verrat und Hurerei. Solange es aber einen inneren Feind in Rußland gibt, solange gibt es für uns weder Ruhe noch Ordnung.«

Ich höre diese Worte heute noch! Seit ich das Wort »innerer Feind« gehört habe, weiß ich, auf wen sie zielen. Auch der Jude, der vor mir hinter dem Vorhang sitzt, horcht auf und merkt, daß das Gespräch eine für ihn selbst gefährliche Wendung nimmt. Inzwischen geht es da draußen weiter: »Haben so wenig von unseren Brüdern ihren Kopf hinlegen müssen in diesem Kriege? Und nun sagt man, daß Kerenski und seine Minister, wenn sie nicht selbst Juden sind, so doch mit den Juden sich herumtreiben. Seht ihr, die Juden . . . haben Rußland verkauft.«

Ein Letzter: »Haben wir es nicht selbst gesehen, wie die Juden die Eisenbahnwagen beschmierten?«

Ich muß nun einschalten, daß tatsächlich das Beschreiben der Eisenbahnwagen an der Front durch die Zivilbevölkerung eine oft von uns beobachtete Tatsache war. Der Zweck mag wohl weniger Spionage gewesen sein. Ich selbst habe zu Anfang des Krieges auf Waggons, die von Suwalki nach Petersburg gingen, die annähernde Wahrheit über die Tannenbergschlacht gefunden, mit Börsennachrichten, Notizen über Preisbildung, Avisierung an einzelne 52 Frontlieferanten kamen dann die Wagen zurück . . . Man hatte einfach die zensierte Zeitung umgangen.

Nun da draußen im Trinkraum kehrt sich das Gespräch scheinbar ab von dem gefährlichen Thema. Sie trinken und trinken, sie sind allmählich sinnlos betrunken von diesem entsetzlichen Fusel, der einen ganz bestialischen Rausch macht. Und plötzlich schreit es: »Wirt, noch eine Flasche!«

Der alte Jude, der die Leute begreiflicherweise gern loswerden möchte, tritt heraus: »Meine Herren . . . meine lieben Herren Soldaten, ich wäre ja froh, wenn ihr noch meine Gäste wäret, aber ich habe ja nichts mehr.«

Die Soldaten bitten zuerst. »Wir zahlen auch Zarenrubel.« Dann wird plötzlich gedroht: »Du lügst . . . gib her, oder du wirst schauen!«

Der Jude beteuert, nichts mehr zu haben: »Gras soll wachsen vor meiner Tür, wenn ich noch habe.«

Da schreit die ganze Gesellschaft durcheinander: »Ach, du gottloser Kerl . . . gibst du oder gibst du nicht? . . . Wir haben genug die Dummen gespielt. Wir finden schon deinen Schnaps.«

Ich sehe von meinem Bett aus, wie sie nach dem Büfettraum laufen. Einer schlägt mit der Faust auf den Tisch, die Konfektschalen fallen um. Die Frau des Juden, die dort vorn die Gäste bedient, schreit auf. Ein Soldat schlägt sie mit der Faust auf den Mund, daß das Blut hervorspringt. Der Mann stürzt zur Tür, um Hilfe zu holen. Ein Kanonier schreit: »Laß ihn nicht hinaus, hau ihn nieder!« Ein Husar erwischt den Alten, er hat den Säbel blank. »Hau' nur zu . . . tut er dir vielleicht leid?«

Der Husar schlägt dem Mann über den Kopf. Der Mann fällt vor dem Büfett nieder. Ich sehe heute alles noch ganz deutlich, obwohl ich schweres Fieber hatte und vor Blutverlust kaum die Finger rühren konnte.

Und nun rast dieser ganze wüste Haufen mit zitternden Händen und blutunterlaufenen Augen in das Schlafzimmer, wo wir liegen. Die Frau und ihre halberwachsene 53 Tochter liegen zwei Meter von meinem Bett auf den Knien vor den Soldaten. Von meinem Bett aus interveniere ich, so gut ich kann; da es mir nicht möglich ist, mich aufzurichten, so bleibt alles erfolglos: »Wir fragen viel danach, ob du Offizier bist . . . Hau' den Weibern in den Nacken, sonst zeigen sie euch an.«

Mutter und Tochter werden zu Boden geworfen, das Blut fließt auf die Dielen. Uns werden zunächst die Betten fortgerissen. Die Soldaten schlagen mit den Säbeln auf die Betten ein, daß die Federn herumfliegen und an den Blutlachen der Dielen kleben bleiben. Schließlich wirft man uns samt den Betten, ohne auf den fast schon im Sterben liegenden Artilleriekapitän Rücksicht zu nehmen, auf den Hof. Mein Verband löst sich, in der Sommersonne, in der ich liege, setzen sich die Fliegen auf meine Wunde.

Die Soldaten, die unter den Betten Schnaps genug und vor allem auch eine Geldschatulle gefunden haben mögen, rasen zur Hintertür an uns vorbei auf die Straße. Um die für ihre Flucht nötige Panik hervorzurufen, schreien sie: »Man hat einen Juden erschlagen!« Fort sind sie.

Es ist unglücklicherweise der Tag des großen »Herbstbasars«Jahrmarkt., sofort ist die Panik da. Man schlachtet die Juden!

Die Zelte der Verkäufer stürzen um wie Theaterkulissen, die Tische werden umgeworfen, die Händler raffen in der Eile die Barschaft wenigstens zusammen. Die inzwischen zu Tausenden angewachsenen Soldaten . . . alle Waffen durcheinander . . . gähnen nicht dabei. Sie erraffen sich, was sie können, den Flüchtenden wird das Geld abgenommen. »Grabj nagrablenoje»Raubt das Geraubte«, Revolutionsredensart, unserer »Expropriation der Expropriateure« entsprechend. . . . haut die Juden . . . rettet Rußland . . .« Ein paar Juden setzen sich zur Wehr, sie werden mit 54 Säbeln erstochen. Man reißt die Weiber aus den Häusern, auf den Höfen werden sie vergewaltigt.

Wohl gibt es da ein paar scheltende Offiziere vom Stabe – ich sehe sie mit den Säbeln auf die Leute einhauen. Die Soldaten beachten es nicht: »Ew. Hochwohlgeboren haben recht . . . aber man kann es nicht ändern.« Die Horde tobt weiter.

Es gibt zu dieser Zeit oben im Stabe weder eine Wache noch berittene Jäger: alles beteiligt sich am Plündern. Nicht anders haben sie es verdient. Die revolutionären Truppenkomitees haben sich derweil verkrochen. –

Ein Stabsoffizier holt die 15. Ulanen herbei. Als sie herankommen, ist alles vorbei. Die Straße ist übersät mit zertretenen Äpfeln, mit Plunder, Nähmaschinen . . . sie sieht aus, als hätte jemand diese Dinge hinvomiert . . .

Die Ulanen kommen. Aber sie können die Toten nicht mehr lebendig machen. Sie können nicht einmal für Strafe sorgen, da alle Räuber sich nun verlaufen haben.

Am nächsten Tage kommen jüdische Hilfskomitees mit Ärzten, Trägerkolonnen, Geld. Aber die Toten stehen nicht auf deswegen. Ihrer 400 begräbt man auf dem kleinen Judenfriedhof. Meine Wunde ist ganz verschmutzt, ich habe schweres Fieber.

Dies ist der Judenpogrom von Woloschin am 8. August 1917.

Wer nun glaubt, dies sei ein logisch aufgebautes Ereignis gewesen, verursacht durch ein zu niedrig bezahltes Hemd, einen giftigen Schnaps und ein paar auf Eisenbahnwagen geschmierte und vielleicht sehr harmlose Nachrichten . . . wenn man das als die wirklichen Ursachen bezeichnet, so irrt man.

Es war ein Ausbruch der von Gott in den Menschen gelegten Roheit, unabänderlich wie Erdbeben oder ein Gewitter.

Solange bin ich doch nun Soldat, meine Augen haben viel gesehen von dieser Urroheit. Ich habe später unter den 55 Bolschewiken gesehen, wie ein Bruder den leiblichen Bruder dem Henker überlieferte um einiger versteckter Goldstücke willen, ich kenne die Geheimnisse des Zarenmordes, ich habe in Dwinsk die chinesischen Henker an der Arbeit gesehen. Und da ich durchaus nicht besser bin als die anderen, so haben meine eigenen Hände Blut genug angefaßt. Ich weiß, daß so etwas absolut Böses in den Menschen gelegt ist.

Da es nun absolut Böses und Rohes und Teuflisches gibt, so muß es doch wohl auch den anderen Pol, die Güte und die Selbstlosigkeit, geben. Ich wenigstens glaube an diese.

Aber freilich, seit Jahren schon bekennt sich die Welt zu diesen Ausbrüchen des Bösen.

Nun, vielleicht schickt Gott auch wieder einmal so einen Ansturm der Güte über die Welt. 56

 


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