Autorenseite

 << zurück weiter >> 

XXXVII.
Sie locken und kirren die Sinne;
und tragen den Gürtel der Minne,
wie Händler die Waaren, zum Kauf.

Daß Leidenschaften ein ganz andres Gesezbuch, als kalte Vernunft und natürliche Billigkeit zu haben pflegen, ist eine längst erprobte, und doch in der Erfahrung selbst oft traurige Wahrheit. Sie verdunkeln den Blick des schärfsten Auges, verstopfen das feinste Ohr, und verdrehen die Worte des beredtesten Mundes. – Keine unter allen aber hat soviel Abweichung, nicht nur von den übrigen, sondern auch unter sich selbst, als die Liebe. Ihr, der kein Berg zu steil, kein Thal zu düster, kein Feuer zu heiß und keine Gefahr zu unübersteiglich dünkt, ihr pflegt auch nicht selten das Krumme grad, das Abscheuliche reizend, und das Unerlaubte rechtmäßig zu scheinen. – Giebt es nicht oft Männer, die von iedem eigennüzzigen Betrug, ieder unedlen Hinterlist, selbst iedem unwahren Worte ihre Seele frei erhalten – wohlverstanden wenn sie wieder mit Männern umgehn! – und die doch gegen das andre Geschlecht, ganz ohne Bedenken, Ränke, Bestechung ieder Art, selbst Trug und Meineid aufbieten, um ihre Pläne durchzusezzen.

Noch weit sonderbarer ist es, daß die Betrügereien der Liebe, mit so mancher Unwürdigkeit in der Ausübung, mit so manchen traurigen Folgen am Ende sie verbunden seyn mögen, doch selten in fremden Augen für ein Verbrechen gelten, und selten von iemand andern, als von der leidenden Person, höchstens noch von ihren Freunden und Verwandten, getadelt werden. Frauenzimmer selbst nehmen sich hierinnen ihres Geschlechts fast niemals an; lächeln oder schmähen nur auf die Betrogene, und verachten oder hassen den Betrüger – keineswegs. Derienige, der die Unschuld verführte, der sein heiligstes Wort verlezte, gilt bei ihnen immer noch für einen Mann von Ehre, und hat alle Schande auf dieienige übertragen, die ihn für einen Mann – von Ehrlichkeit hielt. Ja, was unglaublich sein würde, wofern uns nicht so oft Erfahrung davon überführte – eben demienigen Wollüstlinge, der schon tausend Frauenzimmer hinterging, dient bei der Tausend und Ersten dieser Ruf zur Empfehlung; die Menge ehmals gemachter und wieder verlaßner Eroberungen erleichtert ihm den nächsten Sieg; seine Meineide gelten für Schwachheitssünden, seine Treulosigkeit für einen frölichen Leichtsinn, seine boshaften, den guten Namen und die Seelenruh der Geliebten stürzenden Trügereien für die schalkhaften Pläne eines fruchtbaren Kopfes. – »Der liebenswürdige Bösewicht,« ruft man, lächelt ihm von weiten zu, und läßt dagegen unbemerkt den gutmüthigen Mann stehen, der so altmodisch ist, Wort zu halten, und mit Anhänglichkeit zu lieben.

Daß ein solches Betragen die Treulosigkeit der Männer um ein großes vermehre und aufmuntre, ergiebt sich von selbst. Doch freilich, das weibliche Geschlecht geht uns auch nur selten mit besserm Beispiel voran. Nicht blos die Damen aus der sogenanten großen, das heißt, verderbten Welt, sondern auch fast alle, die nur einige Spuren von Reiz und Wohlgestalt besizzen, machen sich der Sünde theilhaftig, ihre Liebhaber mit trüglicher Kunst zu behandeln. Ob dies aus Stolz, aus Eitelkeit, oder natürlicher Wankelmuth geschehe, untersuch' ich iezt nicht; doch das glaub' ich, ganz ohne Parteilichkeit für meine Brüder sagen zu müssen. Aufführung dieser Art kann beim Frauenzimmer noch minder, als bei den Männern entschuldigt werden, da Unschuld, Sanftmuth und Einfalt der Sitten zu den auszeichnenden Eigenschaften des schönen Geschlechts gehören, oder wenigstens gehören solten. Auch spielt das Frauenzimmer, das alzuoft mit dem Gegenstande seiner Neigung wechselt, alzusichtlich seinen Unbestand verräth, mit seinem eignen Glücke ein noch gefährlicheres Spiel, als der Mann es thut. Nur alzuschnell wird es mit gleicher Münze belohnt, und die schönste Aussicht auf Ruh' und Wohlstand wird durch eigne Schuld, durch eigne Unvorsichtigkeit verdüstert, wo nicht ganz entrückt. – Warum ich Betrachtungen von so bekanter Wahrheit, aber auch so gehäßigem Gehalte hier niederschreibe? darüber wird man sich hoffentlich – nicht mehr wundern, wenn es mir anders gelingt, die Geschichte der Miß Betty Hertlove nicht ganz uninteressant vorzutragen. Romantisches hat sie zwar verzweifelt wenig; doch an dem, was sich merken, was sich nüzzen läßt, ist sie, meines Bedünkens nach, nicht ganz arm.

Miß Betty Hertlove hatte von der Natur manchen rechtsbegründeten Anspruch auf Liebe und Bewunderung erhalten. Ein feuriges geistvolles Auge, regelmäßige Gesichtszüge, ein dunkles, langes, seidnes Haar, ein zarter feiner Gliederbau, und etwas Einnehmendes, Anlockendes im ganzen Betragen – dies sind doch wohl Reize genug für Männerblicke und Männerherzen? Freilich hatten alzuverschwenderische Eltern ihr nur ein mäßiges Vermögen hinterlassen. Doch befand es sich ganz in ihren Händen, und langte mit Beihülfe einer guten Haushaltungsgabe hin, sie unabhängig, und zwar nicht prächtig, doch anständig leben zu lassen. Schon hatten sich verschiedne angesehne und wohlbemittelte Männer, wiewohl nur bürgerlichen Standes, um ihre Hand beworben; aber alle hatte sie abgewiesen. Ehrgeiz war die herschende Leidenschaft ihrer Seele; und eitel genug glaubte sie, troz ienes Abgangs vom Vermögen, durch Vorzüge der Geburt, des Körpers und Geistes, auf eine höhere Verbindung sich Hofnung machen zu dürfen.

So lebte sie bis in ihr zwei und zwanzigstes Jahr, immer voll Erwartung, doch in der Würklichkeit unbefriedigt, als um diese Zeit ein iunger Mann von Stande, Sir Godwin Rathcliffe, im Hause seiner Tante, bei einem Besuch sie erblickte; sofort heftig liebgewann, und nicht eher ruhte, bis er bei ihr aufgeführt ward, und seine Neigung ihr entdecken konte. Sie nahm dieses Geständnis zwar mit dem bescheidnen Erröthen eines wohlerzognen Mädchens, doch auch mit aller Aufmunterung an, die er nur hoffen konte. Würklich hatte sie auch zu dieser letztern Ursache genug; denn ganz den, gewissermaßen nichtigen, Umstand bei Seite gesezt, daß er aus einem alten würdigen Hause abstamte, besaß er ein Landgut, das völlig unverschuldet, unbeschwert, achthundert Pfund iährlich abwarf; war von Person und Betragen äußerst angenehm, stand durchgängig im Ruf eines Mannes von Ehre; und zeigte in seinen Sitten, seiner Denkungsart, eine Klugheit und Bescheidenheit, die in seinen Jahren und bei dem algemeinen Verderbnis gegenwärtiger Zeiten fast für eine Seltenheit gelten konte.

Sir Godwin, so vergnügt er anfangs mit der Hofnung war, die Miß Betty ihm zu geben schien, beruhigte sich doch nicht lange damit. Je wärmer, ie aufrichtiger seine Liebe war, ie dringender war sein Bestreben, sich bald im Besiz des erwünschten Glücks zu sehen. Seine Beredsamkeit, sein Eifer – und auch vielleicht das Vortheilhafte in seinen Anerbietungen bewogen endlich Miß Betty zum unbefangensten Geständnis der Gegenliebe, und der entzückte Bräutigam wolte so eben den Ehvertrag aufsezzen lassen, als ein unvermutheter dringender Vorfall ihn auf sein Landgut zu reisen nöthigte. Er nahm sich fest vor, höchstens zwei Wochen wegzubleiben; doch auch eine so kurze Trennung von seiner Geliebten dünkte ihm einer halben Ewigkeit ähnlich. Miß Betty bewies sich bei seinem Abschied nicht minder gerührt. Sie wetteiferten beide gleichsam um den höchsten Ausdruck der Zärtlichkeit; und als er endlich mit schwerem Herzen aus ihrer Umarmung sich losriß, nahm er wenigstens den Trost mit, daß der Geist und ieder Gedanke seiner Auserwählten ihn begleite.

Es ist mir wahrscheinlich, daß Miß Betty bei diesen ihren Schwüren, wenigstens nicht absichtlich, falsch schwur; daß sie ihren Bräutigam heiß und einzig zu lieben glaubte, und den Aufschub ihrer Verbindung als einen empfindlichen Unfall betrachtete. Doch bald verschwand dieser anfängliche Kummer, und machte sehr entgegen laufenden Ideen Plaz; bald verrieth dieses schöne, blendende, einnehmende Mädchen, daß ihre Seele nur eine gewöhnliche Mädchen-Seele sei!

Als sie am dritten Morgen nach Sie Godwins Abreise, mit einer ihrer Freundinnen, die wir Emilie nennen wollen, im Park spazieren ging, gesellte sich zu ihnen Emiliens Bruder, ein langer Officier, in Begleitung noch eines Herrn, den zwar beide Lädis nicht kanten, der aber in seinem Aeußern schon den Mann vom Stande verrieth, und gegen unsre Damen sich mit gröster Höflichkeit betrug. Nachdem sie zwei oder dreimal in der Mail-Bahn auf und abgegangen waren, trenten sie sich von einander; unsre zwei Freundinnen fuhren heim; und dieser ganze kleine Umstand schien vergessen zu seyn. Doch des andern Tags kam Emilie ungewöhnlich früh zu Miß Betty, und rief gleich beim ersten Schritt über die Schwelle ihr zu:

»Freuen Sie sich, meine Beste! Ich komme Ihnen Glück zu wünschen.«

Miß Betty. Und wozu? Ich weis von keiner andern Freude, als von der, Sie wieder bei mir zu sehn.

Emil. Mich? O nein! Nein! Tausend solche Ichs kommen hier nicht in Betrachtung. Ich komme, Ihnen zu der glänzendsten Eroberung Glück zu wünschen, die Ihre Schönheit iemals machte, und vielleicht auch iemals zu machen vermag.

Miß Betty. Sie scheinen heut Morgens Lust zum Spotten zu haben.

Emil. Mit nichten! – Auf Ehre, es ist mein höchster Ernst. Entsinnen Sie sich des feinen, iungen Mannes, der gestern mit meinem Bruder im Park spazieren ging?

Miß Betty. Der uns anredete – nicht?

Emil. Richtig! Sein Name ist Sir Edmund Dudlei. Er ist der älteste Sohn reicher Eltern. Seine Einkünfte belaufen sich auf dreitausend Pfund. Seine Person – doch die sahen wir ia! Mein Bruder versichert: Seines gleichen an Bildung geb' es wenig oder gar keinen unter allen Männern.

Miß Betty. Meintwegen: Aber was geht das mich an?

Emil. Sehr – sehr viel! Schon am lezten Sontag erblickte er Sie in der Westmünster-Abtei, und ward sterblich verliebt. Schon, damals wäre er Ihnen gern auf dem Fuße nachgefolgt, hätte nicht ein lästiger Bekanter sich ihm angeschlossen.

Miß Betty. Wohl möglich, daß ich ihn schon sah! Doch acht gab ich warlich nicht auf ihn.

Emil. Aber er desto mehr auf Sie! Von dieser Minute kam kein Schlaf in seine Augen.

Miß Betty. Sehr romantisch, das muß ich gestehn! Aber woher, liebe Emilie, wissen Sie alle diese Kleinigkeiten? Sie schienen ia gestern noch ganz fremd mit ihm zu seyn?

Emil. Und war es auch. Daß er zu meines Bruders genauern Bekanten gehörte, erfuhr ich gestern Abends erst. – Nachdem sie uns verlassen, speisten sie zusammen. Sir Edmund that wohl tausend Fragen, Ihre Familie, Ihre Glücks-Umstände, Ihren Karakter betreffend. Daß die Antworten nicht zu Ihrem Nachtheile gegeben wurden, versteht sich von selbst. Endlich macht' er meinen Bruder zum Vertrauten seiner Liebe, und da er von unserer genauen Freundschaft wußte, so beschwor er ihn, es dahin zu bringen: daß ich mich seiner annähme, und ihn hier aufführte.

Miß Betty. Wie? Ohne meine vorherige Einwilligung?

Emil. Ich hoffe, Sie verzeihen mir, wenn ich es versprochen haben solte? Ein solcher Antrag, dünkt mich, ist nicht zu verwerfen.

Miß Betty. Er geht vielmehr über meine Erwartung! Die Ungleichheit unsrer Glückslage ist alzugroß.

Emil. Und wenn er nun Ihre Person für einen reichlichen Ersaz derselben annimt? Ist es Ihre Pflicht dagegen Einwendungen zu machen?

Miß Betty. (lächelnd) Sehr gütig! – Wenn seine Absichten ernsthaft sind – ich will mir es überlegen.

Emil. Noch ists dazu Zeit, wenn Sie ihn angehört haben. Ich habe mein Wort gegeben, ihn diesen Abend in Ihre Gesellschaft zu bringen.

Miß Betty. Wie schon diesen Abend? Unmöglich!

Emil. Doch! Doch! Ich lade Sie hiermit ein, Abends bei mir zu speisen. Mein Bruder und Sir Edmund kommen, wie von ohngefähr, dazu. Weder Ihr Stolz noch Ihre Sitsamkeit darf sich dabei das geringste Bedenken machen. Denn bei allem, was heilig ist, mein eigner Bruder soll nicht unsre iezzige Verabredung erfahren.

Miß Betty. Wohl! Unter dieser lezten Bedingung komm ich.

Emil. Auch verargt' ich es Ihnen gewaltig, wenn Sie eine so vortheilhafte Aussicht verschmähten. Alle mögliche Achtung für Ihre Geburt, Bildung und Reize! – aber der annehmlichen Freiwerber giebt es iezt nirgends viel, und Ihre Vermögens-Umstände können schwerlich auf eine Kutsche mit Sechsen Anspruch machen.

Miß Betty Eingestanden! Doch möcht' ich nichts thun, was meinen Karakter zweifelhaft machen könne, oder mich irgend einem Manne, – und wenn es selbst ein König wäre, – anzutragen schiene. Bedenken Sie daher wohl, liebste Emilie, daß ich ganz auf Ihre Vorsicht baue.

Emil. Das können Sie! Ich weiß nur alzuwohl, was ich meinem Geschlechte schuldig bin, und wie grausam das mänliche auch unsre unschuldigsten Freiheiten miszudeuten pflegt. – Leben Sie iezt wohl! Ich versprach meinem Bruder baldige Nachricht: Ob Sie bei mir speisen würden, oder nicht? Gelingt alles nach Wunsche, so bin ich fast eben so glücklich, wie Sie; denn nichts dünkt mir süßer, als das Glück meiner Freundin zu befördern.

Das gutartige Mädchen, das wahrscheinlich kein Wort von Sir Rathcliffs ältern Ansprüchen auf Miß Bettys Hand und Herz wissen mochte – umarmte bei diesen Worten ihre Freundin, und entfernte sich. Wie angenehm dieser Leztern iene Nachricht klang, verrieth schon die Purpurröthe ihrer Wangen; noch unbezweifelter ward es mir durch das Selbstgespräch, als sie nun allein zu seyn glaubte.

»Ist es ein geträumtes Glück, oder ein wachendes? rief sie aus: Dreitausend Pfund iährlich, und überdies noch ein so feiner Mann, wie Sir Dudlei? So schön, so artig, so liebenswürdig in iedem Betracht! – Meint er es so ernsthaft, wie Emilie vorgiebt, geseegnet sei dann die Stunde, wo ich nach Westmünster ging! und noch mehr, iene gestrige, ohne welche er vielleicht nie erfahren hätte: wer und wo ich zu finden sei? – (mit geändertem Tone) Daß ich so weit schon mit Sir Godwin mich eingelassen habe! Der arme Mann liebt mich bis zum Wahnsinn. Ich fürchte, es ist sein Tod, wenn ich mit ihm breche. – Schade! Traurig genug! Doch ist es meine Schuld, daß er mich so unmäßig liebt? – Wie gut, daß der Kontrakt noch unterblieb! Alle Aufmunterung, die ich ihm gab, alles mündliche Versprechen kann mich nicht verpflichten, einen so vortheilhaften Antrag zu verwerfen. Doch freilich – freilich darf er keineswegs die Abnahme meiner Neigung merken, bevor ich Dudleis nicht sicher bin.«

Mehr braucht' ich wohl kaum, um Miß Bettys ganzes Herz offen vor mir liegen zu sehn! Unzufrieden im höchsten Grad, und mit so bittrer Verachtung, daß es doch wohl ihren Stolz gekränkt haben dürfte, hätte sie solche zu spüren vermocht, verließ ich sie. Zwar stelte ich mich diesen Abend richtig bei Emiliens Nachtessen ein; doch ließ sich voraus sehn, das bei einer Zusammenkunft, die ganz den Anschein des Ohngefährs haben solte, nichts merkwürdiges vorfallen werde. Miß Betty wußte sich allerdings auf einer täuschenden, das heißt, liebenswürdigen Seite zu zeigen. Sir Dudlei schwieg noch von seinen innern Gefühlen. Blos einige Blicke und die ungemeine Aufmerksamkeit für alles, was Miß Betty sprach und that, verriethen, was in ihm vorgehn mochte. Den Tag drauf machte er ihr, mit Emiliens Bruder, seine Aufwartung. Am dritten Morgen kam er allein, und wagte das Geständnis seiner Leidenschaft. Schon längst darauf vorbereitet gab sie ihm eine Antwort, die weder abwies, noch zusagte. Erst, als er einige Tage hindurch, iene Erklärung bei iedem Besuch mit neuer Wärme wiederhohlte, gestand sie: daß er ihr nicht gleichgültig sei; ward mit iedem Morgen freundlicher, und wuste doch auch dann mit so vieler Vorsicht, so vieler Bescheidenheit sich zu betragen, daß ieder zärtliche Blick, iedes verbindliche Wort ihr nur zu entschlüpfen schienen; daß Sir Dudlei über ihre kunstlose Unschuld eben dann am entzücktesten sich fühlte, wann die Schauspielerin am künstlichsten sich betragen hatte.

Sehr große Dienste leistete ihr bei allen diesen Maasregeln – Emiliens Freundschaft. Durch diese erfuhr sie alles, was in Dudleis Herzen vorging; aber sie erfuhr auch noch einen Umstand, der ziemlich trübe Gedanken in ihr aufsteigen machte. Ihres Liebhabers Vater lebte noch. Sir Dudlei, so innig seine Liebe gegen Miß Betty seyn mochte, war doch auch ein so gehorsamer, ehrfurchtsvoller Sohn, daß er nur mit väterlicher Beistimmung sich zu verehlichen wünschte. Zweimal hatte er schon desfals geschrieben; aber die Antwort war nicht so ganz befriedigend, wie er wohl wünschte, ausgefallen. Jezt hatte er sich zum drittenmahle mit Worten, wie sie nur die höchste Leidenschaft in die Feder iagen kann, an seinen Vater gewandt. Viel versprach er sich von diesem Schritt, und viel – besorgte Miß Betty von eben demselben. Daß iener alte Herr über eine Heirath ohne Vermögen ganz anders, als ein iugendlicher Liebhaber denke, fand sie sehr begreiflich: daß bei Sir Edmund die kindliche Pflicht mehr als die Liebe gelten dürfte, sehr möglich; und daß sie diesem leztern zuvorkommen müsse, sehr nöthig. Immer stärker suchte sie daher sein Herz zu gewinnen; und hofte dann seinen Edelmuth unauflöslich an sich zu ketten, wenn sie ihn erst auf eine geschickte Art zum Vertrauten ihrer gegenseitigen Neigung gemacht habe.

Nur worinnen diese geschickte Art bestehen solle? darüber war sie mit sich selbst höchst uneinig. Ein grades ofnes Geständnis der Liebe – der einfache Weg edler Seelen! – schien ihr eine Beleidigung des guten Tons und der weiblichen Schaamhaftigkeit, zumal bei einer noch so kurzen Bekantschaft, zu seyn. Es durch Emilien an ihn zu bringen, unterlag den nämlichen Bedenklichkeiten, und im Grunde traute sie auch diesem braven Mädchen, troz aller von ihr geleisteten Freundschafts-Dienste, nicht ganz. Gleichwohl war auf der andern Seite auch etwas Eil von Nöthen. Edmunds Vater konte bald antworten; Sir Rathcliff muste bald zurück kommen! Sie sah sich daher ängstlich nach einer Gelegenheit um, wo sie, ohne Argwohn zu erregen, die Selbstverrätherin machen könne. Einst, als Sir Dudlei zur gewöhnlichen Stunde seine Aufwartung machen wolte, fand er sie am Flügel. Sie spielte und sang, das hörte er noch im Vorzimmer; doch ihr Mund verstumte und ihre Finger zogen sich in der besten Ordnung zurück, so wie er eintrat. Daß er sie nun, nach den ersten Komplimenten, ersuchte, weiter zu spielen, weiter zu singen, versteht sich; daß sie sich ziemlich lange vergebens bitten ließ, versteht sich nicht minder. Endlich machte sie doch die Gefällige. Noch mehr, sie sang zwei Stücke. Das erste war ziemlich unbedeutenden Inhalts; das zweite, eine Arie aus einer vor kurzen erst erschienenen Oper, Arsinoe mit Namen, lautete – wie folgt:

Holde Zephirs, schalkhaft lauschend,
spielend, kühlend, lispelnd, rauschend;
haucht die Seufzer mir vom Herzen!
Sagt: ich leide tiefe Schmerzen!
sagt es meinem Orosmann!
Sagt: es könne von den Ketten
bangen Grams nur Er mich retten!
säuselt, säuselt leiser:
»Ach, ich lieb' ihn heißer
als die Sprache fassen kann.«

Der Ausdruck, womit sie diese Arie sang, hätte einem dritten, unbefangnen Zuschauer leicht verrathen, welcher Orosmann iezt Miß Bettyn in Gedanken schwebe. Dennoch – und ich glaube würklich aus Bescheidenheit, aus einem rühmlichen Mangel von Zutrauen in sich selbst – verstand Sir Dudlei den wahren Sinn dieser Worte nicht. Er lobte ihre Stimme und ihre Kunst. Er küßte dankbar ihr wohl zehnmal die schöne Hand; aber er wagte es nicht, den Inhalt des Gesanges auf sich selbst zu deuten. Natürlich glaubte Miß Betty iezt, es ihm noch näher legen zu müssen. Sobald sie, noch an eben diesem Abend, aller übrigen Gesellschaft sich entschlagen hatte, grif sie zur Feder, oder noch eigentlicher genommen, zur Leier. In der Dichtkunst zwar grade nicht mit ausgezeichneten Talenten begabt, doch auch eben so wenig ganz ungeübt, warf sie einige Stanzen aufs Papier, die freilich manche Veränderung, manche geglaubte Verbesserung erleiden mußten, eh sie zu einer reinen Abschrift, oder vielmehr (um desto besser zu täuschen) zur abermaligen Form eines ersten Entwurfs gediehen. Billig, daß wir sie unsern Lesern nicht vorenthalten!

Empfindungen
eines liebekranken Herzens.

Wiz, Anmuth, seltnen Männerreiz verbindet
der Jüngling, der mein Herz mit Götterglut entzündet.
Doch träume, eitles Herz, nicht stolzer Wünsche Traum!
gieb unvorsichtig nicht zu rascher Flamme Raum.
Du kennst den Gözzen ia, den unser Welttheil ehrt;
dem ieder Altar raucht; vor dem die Völker knieen;
dir hat ein widrig Glück nicht seine Huld gewährt;
statt Reichthum ward dir nur Empfindsamkeit verliehen.
Ein trauriges Geschenk beim Mangel goldner Schäzze!
Verwahre deine Brust, eh Hofnung sie beschleicht!
Bald folgt ihr bittre Schaam, die deine Wange bleicht;
bald stürzest du in der Verzweiflung Nezze.
Vergebne Vorsicht! – Nichts entreißt dich diesen Klippen
mit Edmund zieht der Gott der Liebe selbst in Streit.
Er glänzt in Edmunds Aug', er spricht von Edmunds Lippen;
Er leiht ihm seine Kraft und seine Lieblichkeit.
Dem ernsten Spruch im Schicksals-Buch geschrieben,
sprach noch kein Erdgeborner Hohn.
Ich will, ich soll, ich muß Dich, Edmund, lieben;
Ja, wär' auch Undank selbst der reinsten Liebe Lohn.

Wie iezt dieses Gedicht, dieses offenherzige Geständnis ihrer Neigung, – vielleicht noch um ein gutes Theil wärmer, als sie solche würklich fühlte – in Edmunds Hände gespielt werden könne, ohne daß er ihre Absicht merke? Dies war die lezte Frage, die nicht lange – ungelößt verblieb. Als er des nächsten Tages bei Miß Betty sich allein befand, kam ihr Kammermädchen, eine schlaue, leicht abzurichtende Dirne! – hastig ins Zimmer, ihr zu melden: »Der Mann, den sie herbestellt, sich seine Rechnung zu holen, sei da« – »Was für ein Mann? was für eine Rechnung?« fragte Miß Betty ganz verwundrungsvoll. – »Herr Shapley, der Schneider!« – »Ha! es ist wahr! Aber daß er grade iezt kommen, grade diese Stunden wälen muß! Warum nicht früher? Wart ein wenig, ich will den Zettel suchen. Doch nein! bring' ihm Dinte und Feder zur Unterschrift ins Sprachzimmer. Ich komme gleich nach.«

Indem sie dies sagte, und das Mädchen wegging, öfnete sie ihren Schreibtisch, störte ein Weilchen unter einer Menge von Papieren nach; stelte sich endlich, als ob sie das rechte finde; zog es rasch heraus; riß aber zugleich dasienige Blatt, worauf die bewußten Verse standen, gleichsam von ohngefähr hervor, und ließ es auf die Erde fallen; warf dann ihr Pult wieder zu; bat Sir Edmunden um Verzeihung: daß sie ihn ein paar Augenblicke allein lassen müsse, und eilte zum Zimmer hinaus.

Kaum war sie fort, so sah Sir Edmund das Blatt am Boden, und hob es auf; wahrscheinlich, um es ihr bei ihrer Rückkunft einzuhändigen. Doch da es absichtlich so gebrochen war, daß die Schrift auf der Außenseite gleich ins Gesicht fallen muste; da Edmund gleich beim ersten unwilkührlichen Blick erkante, daß es ein Gedicht, und seiner Gebieterin eigne Handschrift sei; so hätte er warlich noch weniger als nicht neugierig seyn müssen, wenn er nicht Lust zum Lesen bekommen haben solte. – Er las; und nie hat wohl Freude und Entzücken auf dem Gesicht eines Mannes in stärkern Zügen sich ausgedrückt, als iezt bei Edmund geschah. Sich geliebt, ia überdies heiß geliebt von derienigen zu sehen, die er fast abgöttisch verehrte; einen so überzeugenden Beweis nicht gemeiner Seelenkräfte, – ihm dünkten sie überirdisch! – mit so vieler Zärtlichkeit verbunden, in seinen Händen zu sehn; es nun, im buchstäblichsten Verstande, schriftlich zu haben, daß sie seine Neigung mit Gegenneigung vergelte; – o dies Glück galt ihm mehr, als das Geschenk einer Krone!

Miß Betty, in allem so schlau, hatte weislich auch ihrem Geliebten recht geraume Zeit gelassen, ihr Gedicht mehr als einmal zu lesen. Noch befand es sich, indem sie hereinkam, in seinen Händen. Doch stellte sie sich es nicht zu bemerken, und entschuldigte blos ihr langes Ausbleiben mit dem zudringlichen Geschwäzze des Schneiders. Allein Sir Dudlei, mit einem Blick und Ton des Entzückens voll, unterbrach diese Entschuldigung, und rief:

»O nein, nein! schönste Miß, erlauben Sie mir einen rechtschafnen Mann zu entschuldigen, der durch seine Herkunft, durch Ihre Abrufung, mich zum Glücklichsten aller Menschen machte.«

Miß Betty. (lächelnd, als verstände sie ihn nicht.) Sie glücklich, wenn ich weggehe? – Ein Räthsel Sir, für dessen Auflösung ich zu einfältig bin!

Sir Dudlei. Dieses Papier hier, vom Gott der Liebe selbst mir in die Hände gespielt, überzeugt mich von einem Glücke, das ich Unwürdiger zwar innigst zu wünschen, doch kaum zu hoffen vermochte. – Nein, reizendste Betty, alle Schäzze der Erde sind mir ein Tand gegen die Anmuth dieser Blicke, gegen den Liebreiz, der in ieden Ihrer Worte, Ihrer Mienen herscht, der eine unaussprechliche Zaubermacht über Ihre ganze Person verbreitet. Mit Ihnen – mit Ihnen kämpft derienige Gott, den Sie so gütig ungerecht für meinen Bundesgenossen ausgeben; und wer Sie einst besizzen wird, ist reicher als der Beherscher beider Indien.

Indem er dies sprach, senkte Miß Betty ihren Blick auf das Papier in seiner Hand, und ihre Wange glühte, vielleicht zum Theil aus Schaam, doch sicher noch mehr aus Vergnügen; denn Edmunds Worte überführten sie von dem völligen Gelingen ihrer Kriegslist. Diese glücklich angenommene Bestürzung war zugleich eine Entschuldigung mehr für ihr Stillschweigen, und ein Zuwachs ihrer Reize. Mit den zärtlichsten Ausdrücken schwur Sir Dudlei ihr zu: daß keine Hindernis, keine andre Rücksicht seine Flamme mindern könne; daß er binnen wenig Wochen sie zum Altar zu führen hoffe; und daß doch wozu eine weitläuftige Erzählung von Dingen, die ieder sich von selbst denken kann? Es ist Zeit, iezt auch etwas von einem Manne zu sagen, der warlich nicht verdiente, so schändlich vergessen, oder vielmehr so schmählich betrogen zu werden.

Sir Godwin Rathcliff war durch Geschäfte auf seinen Gütern weit länger aufgehalten worden, als er geglaubt hatte, und da er sie nun geendet hatte, verzögerte ein unglücklicher Sturz mit dem Pferde abermals seine schon festgesetzte Abreise. Eben dieses Ausbleiben kam Miß Betty sehr erwünscht, und verschafte ihr völlige Freiheit zum Umgang mit ihrem neuen Liebhaber. Mit iedem Posttage empfing sie iedoch Briefe von ihrem ältern Anbeter, und beantwortete solche mit einer Pünktlichkeit, und einer Wärme, wie sie sich nur – für eine Verlobte schickten. Immer blieb sie ihrem Vorsazze getreu, den frühern Geliebten auch nicht einen Schatten von Wankelmuth merken zu lassen, bis sie des spätern ganz versichert sei. Endlich genas Sir Rathcliff; fest überzeugt, daß die Trennung seiner theuren Betty nicht minder schmerzhaft als ihm gefallen seyn werde, wolte er sie auf eine angenehme Art überraschen, und verschwieg ihr noch seine Heilung. An eben dem Tage, als die vorerwähnte Szene zwischen Miß Betty und Sir Edmunden gespielt wurde, kam Rathcliff an. Voll Ungeduld nach dem Anblick seiner Gebieterin, war sein erster Gang zu ihr gerichtet. Er kam, als sein Nebenbuhler bei ihr zum Besuche war; doch das schlaue Kammermädchen verläugnete ihre Herschaft. Der treuherzige Sir Godwin ging mit der Versicherung fort: Abends wieder nachzufragen, da er wuste, daß Miß Betty sonst nicht lange außerm Hause zu bleiben pflege.

So sehr ihm sein vergebner Gang schmerzen mochte, so fiel ihm doch nicht der kleinste Gedanke von Argwohn ein. Nur durch ein Ohngefähr wandte er, tief auf der Straße schon, seine Augen nach demienigen Fenster, wo er so oft sonst seine Göttin erblickt hatte, und – zu seinem grösten Erstaunen iezt wieder erblickte. Miß Betty, – das hätte er gern seinen eignen Augen abgeläugnet, wenn es möglich gewesen wäre, – Miß Betty saß am ofnen Fensterflügel, dicht neben ihr eine iunge Mansperson; beide waren im tiefsten, wie es ihm däuchte, freundschaftlichsten Gespräche begriffen. Selbst ihn, der doch einige Minuten gleichsam angewurzelt stehn blieb, ward man nicht gewahr. Gewiß, dies war eine Aussicht, die mehr überraschte, als sich sagen läßt! Zwar, daß eine Mansperson bei Miß Betty zum Besuch seyn könne, war unbefremdend, und der Ort, wo sie ihn sprach, verdachtlos genug. Doch warum man sie vor ihm verläugne, davon konte er keine Ursache sich denken, außer eine einzige, die ihm – durch Mark und Seele ging. Von Eifersucht ergriffen war er mehr als einmal im Begriff sofort umzukehren, und das Mädchen, ihrer Lüge halber, zur Rede zu stellen; dennoch behielten andre Gedanken wieder die Oberhand; und er ging heim, um dort der klügsten Aufführung bei solchen Umständen nachzudenken.

Sir Dudlei blieb heute zum Abendessen da. Miß Betty, als sie ihrem Mädchen einige, desfalls nöthige Befehle geben wolte, erfuhr, daß Sir Rathcliff nicht nur da gewesen sei, sondern auch wieder kommen werde. Diese Nachricht kam ihr höchst ungelegen. – »Ein verzweifelter Umstand!« rief sie nach einer kleinen überlegenden Pause: »hätt' ich doch dies nur zwei Minuten früher gewußt, so wäre Sir Dudlei nicht eingeladen worden. Jezt läßt es sich nicht ändern. Du must mich für Rathcliff abermals verläugnen. Sag', ich sei gar nicht heim gekommen, und würde wahrscheinlich im Schauspiel mich befinden!« – Ihr Befehl ward befolgt. Sir Rathcliffs Argwohn mehrte sich mächtig bei dieser Nachricht. Doch schon im Voraus auf eine solche Antwort wenigstens halb gefaßt, war er Meister über sich selbst genug. »So wolle er das Vergnügen haben, morgen bei der Lädi zu frühstücken!« Dies gab er zur Antwort, und ging mit einer so gelassnen Miene weg, daß die Zofe heimlich über seine Leichtgläubigkeit lachte. Doch, so wie er vor die Hausthüre kam, befahl er einem vertrauten Bedienten, den er geflißentlich dazu mitgenommen hatte, unter einer Lampe, die ohnweit von Miß Bettys Wohnung brante, Wache zu stehen; Acht zu geben, ob und wenn eine Mansperson draus hinweggehn würde? und wofern dies ein Herr in dunkelbraunen Samt-Rocke sei, solchen zu verfolgen; wo möglich seinen Namen, und aufs wenigste seine Wohnung auszuforschen.

Der arme Bediente! seine Rolle erforderte viel Gedult. Sir Dudlei, entzückt über die Entdeckung von Miß Bettys Liebe, blieb so spät in die Nacht, als es nur immer mit Anstand möglich war. Aber iener Kundschafter – der freilich kein Unsichtbarer war! – wich nicht von seinem Posten. Als er endlich nach einer Sänfte rufen hörte, und in solche eine Person, wie sein Gebieter sie ihm beschrieben hatte, steigen sah, folgt' er ihr treulich nach, fragte die Träger auf dem Heimweg nach dem Namen des Herrn, den sie getragen hätten? erhielt zwar zur Antwort: daß sie es nicht wüßten; machte sich aber mit Straße und Haus so bekant, daß er beides am nächsten Morgen bald wieder fand, und zog auf eine so geschickte Art die übrigen Nachrichten ein, daß er seinem Gebieter beim Aufstehn schon Sir Dudleis Namen und halbe Lebensgeschichte erzählen konte.

Sir Rathcliff, völlig überzeugt, daß er nicht nur einen Nebenbuhler, sondern auch einen begünstigten Nebenbuhler habe, fühlte sich tief im Herzen dadurch gekränkt, unterließ aber doch nicht, zur gewöhnlichen Frühstücks-Stunde bei Miß Betty zu erscheinen. Diese, bevor ihr noch die Zofe seine gestrige Rede hinterbracht, im Herzen seines Besuchs auf heute schon gewiß, hatte schlau genug dem Sir Dudlei beim Weggehn überredet: sie müsse auf zwei oder drei Tage zu einer kranken Freundin aufs Land reisen; und hofte daher sicher vor iedem Zusammentreffen zu seyn. Mit dem Entzücken der höchsten Freude, mit ieder Schauspielkunst der innigsten Zärtlichkeit, eilte sie Sir Rathcliffen, – so wie sie ihn auf der Treppe vernahm – ins Vorgemach entgegen; bedauerte da schon, daß er sie gestern verfehlt habe; führte ihn bei der Hand in ihr Gemach, und bot ihm, so wie sie die Thür zuwarf, Kuß und Umarmung dar. Sir Rathcliff nahm, sehr natürlich, beides an, doch schon mit einem gewissen Betragen, das den beleidigten redlichen Mann verrieth. Denn er erwiederte ihren Kuß kaum mit derienigen Wärme, die einer Freundin, geschweige mit iener, die einer Geliebten gehört. Er vergalt die wiederholte Bedaurung wegen des gestrigen fruchtlosen Besuchs, blos mit der kalten Versicherung, daß der Verlust auf seiner Seite sei. Er erkundigte sich: in welchem Schauspiele sie gestern gewesen wäre? und auf ihre Antwort: In Drurylane! wunderte er sich mit ernsten, sie fassendem Blicke: Sie nicht, soviel er sich Mühe gegeben, dort gesehen zu haben. Als sie endlich auch dies, ohne verlegen zu werden, durch die Ausrede zu umgehen glaubte: Sie habe, ganz einfach in einer der hintersten Logen und ganz in der Tiefe gesessen; da brach er endlich mit dem Tone des Vorwurfs und der gekränkten Liebe hervor. Er sagte ihr: daß er sie selbst am Fenster, und neben ihr einen begünstigten Nebenbuhler gesehen habe. Er fragte sie, ob es einer Verlobten zieme, mit einem andern einzelnen Manne tief in die Nacht sich zu unterhalten, indeß iedem andern Freunde der Zutritt versagt werde? Er gestand ihr auch, daß er bereits den Namen seines Nebenbuhlers wisse.

Dies war allerdings mehr, als Miß Betty sich vermuthet hatte! Ihre Gesichtsfarbe, das Stottern ihrer Antworten, ihr ganzes Betragen verrieth Ueberraschung und Ueberzeugung. Dennoch sezte sie ihre Verstellung fort, so viel ihr nur möglich war. – Sie gestand, was sie freilich nicht mehr läugnen konte, daß sie zu Hause gewesen; daß sie Besuch gehabt, und auf eignen Befehl von ihrem Mädchen verläugnet worden sei. Aber sie betheuerte ernstlich, nichts von Sir Godwins Besuch, – von seinem zweiten so wenig, als seinem ersten gewußt zu haben; Sie schwur noch feierlicher, daß Sir Dudlei kein Liebhaber, und am allerwenigsten ein begünstigter sei. Sie bat Sir Godwin, von keiner thörichten Eifersucht, von keinem falschen Argwohn sich hinreißen zu lassen; und fügte – was ihr Geschlecht so überreichlich besizt – iede Kunst der Schmeichelei, ieden Anschein wahrer Zärtlichkeit hinzu. Schon war mir, der ich alles dies mit ansah, mit anhörte, für Sir Godwin bange. Doch zu meinem großen Vergnügen blieb er – ein Mann, oder richtiger gesprochen, mehr als ein Mann. Zwar ließ er Miß Betty ihre ganze kunstvolle Beredsamkeit ausschütten; zwar widersprach er ihr nur selten, und auch dies ohne Erbitterung. Doch als iezt das Kammermädchen ins Zimmer trat, und die Geräthschaften zum Theetrinken brachte, stand er rasch, unterm Vorwand dringender Geschäfte, auf. Alles Bitten dazubleiben, schlug er ab. Selbst auf die, mit zärtlich wehmüthigen Ton an ihn gerichtete Frage: Ob sie nicht diesen Nachmittag ihn wiedersehen werde? antwortete er blos: daß er nichts gewisses versprechen könne; und wiewohl ihn Miß Betty bis an die Treppe und zwei oder drei Stufen hinab begleitete, eilte er fort, ohne sich nur umzusehen.

In seiner Seele, das spürte man deutlich, kämpfte mehr als eine Leidenschaft, und so ernst er sich zu seyn bemühte, war wenigstens sein Entschluß noch nicht gefaßt. In der Hofnung ein mehreres zu erfahren, wenn er allein seyn werde, begleitete ich ihn. Sein Weg ging zu derienigen Lädi, wo er Miß Betty das erstemal gesehen hatte. Zu ihr, als einer nahen Verwandten, und einer Dame von bewährtem Verstande, hatte er längst ein vorzügliches Zutrauen gehegt, und wolte auch iezt sich ihres Raths erholen. Doch kaum hatte er seinen Spruch angefangen, als ihm diese in die Rede fiel, ihm sagte: daß sie alles schon wisse; daß eine Freundin, die Miß Betty gegenüber wohne, ihr von diesem neuen Liebhaber schon die Menge erzählt habe; daß er altäglich dort sei, und die ganze Nachbarschaft ein völliges Einverständnis vermuthe. – Wann bei dieser Erzählung Sir Rathcliff seinen Unwillen nicht länger zu bezähmen vermochte; wann er bereits in Zorn auszubrechen drohte, so erinnerte diese verständige Dame auf der andern Seite: daß doch vielleicht das Gerede und der Schein schlimmer als die Würklichkeit seyn dürfte. Sie gestand: daß Sir Dudlei ein sehr angenehmer und in iedem Verstande des Worts für Mädchen wichtiger, iedoch auch rechtschafner, Mann sei. Sie entschuldigte zwar Miß Bettys Leichtsinn nicht; aber sie gestand, daß diese Versorgung, wenn sie sich ihr von selbst angeboten, allerdings lockend genannt werden könne; und sie rieth' ihrem Neffen, erst genauere Nachricht einzuziehen, eh er den Stab über seine Geliebte breche, oder sonst einen entscheidenden Schritt wage. Kurz – indem wahrscheinlich alte Freundschaft für Miß Betty in ihrem Herzen sprach, suchte sie diesen Handel mehr zur Aussöhnung als zum Bruch hinzulenken.

Die gute Dame! Sie wußte, sie glaubte wahrscheinlich nicht, in welchem Grade iene Freundin strafbar sei; und bedachte noch minder, daß sie durch ihren Rath das Leben ihres Neffen in Gefahr sezze. Denn nachdem er heimgegangen, nachdem er wenigstens hundert Verwünschungen über weiblichen Unbestand und Undank ausgestoßen, fühlt' er doch wieder in sich selbst eine Stimme, die für Miß Betty sprach; und nach der thörichten Sitte der sogenannten Ehrgesezze beschloß er, doch eher und stärker an seinen Nebenbuhler als seine treulose Geliebte sich zu halten. Er sezte sich hin und schrieb:

Sir!

Sie haben mich aus dem Herzen eines Frauenzimmers zu verdrängen bestrebt, die ich liebte, die ich bereits als meine Versprochene betrachtete. – Ohne weitre Umschweife! Ich meine Miß Betty damit. Entsagen Sie daher entweder schriftlich und eigenhändig Ihren Ansprüchen, oder geben Sie mir dieienige Genugthuung, die ein Mann von Ehre in solcher Lage von dem andern erwartet. Im lezten Fall erwarte ich Sie morgen früh um acht Uhr bei Montague-House, und bin, bis dahin

Ihr etc.

Godwin Rathcliff.

Er überschickte dieses Billet sogleich an Sir Dudlei, und da es ihm zu Hause getroffen, erhielt er, bevor eine Stunde verging, folgende. Antwort:

Sir!

Ja, ich gesteh es gern: Ich hege ernstliche, rechtschafne Neigung gegen Miß Betty, doch wußte ich von Ihrer Liebe nie ein Wort; kann auch nicht glauben, daß diese Dame mit Ihnen oder irgend einem Manne schon auf ernstliche Verbindung dachte. Weit entfernt daher, meine Ansprüche aufzugeben, bin ich sie bis zum lezten Blutstropfen zu vertheidigen bereit; und werde Sie morgen zu bestimter Zeit und am bestimten Orte nicht fruchtlos warten lassen

auf

Edmund Dudlei.

Kaum war Sir Rathcliff mit Lesung dieses Briefchens fertig, so brachte ihm sein Bedienter noch einen, doch von ganz andrer Hand geschrieben, und von ganz anderm Inhalt. Er war von Miß Betty und lautete also:

Mein theurer, einzig geliebter Godwin!

Ihr Betragen gegen mich am heutigen Morgen hat mich in eine Unruhe gestürzt, die selbst dann Sie kränken müste, hätten Sie auch nie mich so innig geliebt, als sie doch zahlenlos mir zuschwuren. – Godwin! Godwin! Ich hofte nach einer schmerzhaften Trennung auf Freude bei Ihrer Rückkehr; und sie kostet mich iezt schon fast zahllose Thränen! kostet mich solche, eines Verstoßes halber, wo weder Untreu noch Leichtsinn, nur ein sehr schuldloser Zufall auf meiner Seite Statt fand. – Warlich, eine Liebe, wie die unsrige, hofte ich, solte auf weit festern Grund erbaut seyn, als daß ein ieder Hauch von eifersüchtiger Laune Sie erschüttern könne! Daß aber Ihre ganze Beschwerde nur auf eine solche Laune sich gründet, davon hof' ich Sie zu überzeugen, sobald Sie nur noch einmal mich gelassen anhören wollen. Ist daher mein Brief so glücklich, Sie daheim, oder auch nur früh genug zu treffen, so bitt' ich, so beschwör' ich Sie, besuchen Sie mich noch diesen Abend. Ich kann es unmöglich zugeben, daß Sie noch diese Nacht einen so grausamen Verdacht hegen sollen gegen

Ihre

Sie innigst liebende
Betty.         

Ich spürte deutlich, daß er bei Lesung dieses Schreibens ein wenig unentschlossen ward. Er schwieg ein Weilchen; las es von neuem. »Mach der Lädi meinen Empfehl, und ich würde – – Abermals eine Pause! – Sag' ihr, rief er endlich mit etwas stärkerer Stimme: für heute sei ich versprochen; doch morgen früh würd' ich aufwarten.«

Der Bediente ging hinaus, und ich mit ihm; denn für heute hoft' ich doch nichts weiter mit anzusehn oder anzuhören, als die schmerzhaften Aeußerungen getäuschter und immer noch mit sich selbst kämpfender Leidenschaft. Doch des andern Morgens säumte ich nicht, am bewußten Orte mich einzufinden. Beide Parteien erschienen so pünktlich, daß ich nicht entscheiden konte, wer der Erste war. Sir Rathcliff, der seinen Gegner noch nie außer am Fenster neben Miß Betty, gesehen, redete ihn mit einiger Ungewisheit an:

»Hab' ich Recht, Sir, wenn ich hoffe: Sie auf meine Einladung hier erscheinen zu sehn?«

Sir Dudlei. Volkommen, wenn Sie anders Sir Godwin Rathcliff heißen.

Sir Rathcliff. So heiß ich.

Sir Dudlei. Und ich Dudlei! Fest entschlossen, meine Ansprüche auf die Hand der schönen Miß Betty zu vertheidigen.

Sir Rathcliff. Die meinigen gründen sich auf eine lange, günstig aufgenommene Bewerbung und auf ein wechselseitiges Versprechen.

Sir Dudlei. (aufs Schwerdt schlagend) So wäre dies das Mittel unsern Zwist auszumachen!

Bei diesen Worten zogen beide; und daß es keinem von Ihnen an Muth gebrach, beweißt das eben Erzählte schon. Dennoch, entweder, daß Sir Rathcliff der bessere Fechter, oder auch nur der Glücklichere war, kurz, nach einigen wenigen Gängen brachte er seinem Gegner erst eine leichte Wunde in die linke Seite, und gleich darauf eine weit tiefere im rechten Arme bei. Diese leztere und ein starker damit verbundner Blutverlust nöthigten Sir Edmunden seinen Degen zu senken; und kaum sah Sir Rathcliff dies, als er nicht nur ein gleiches that; sondern voll Besorgnis, die Wunde dürfte gefährlich seyn, seinem bisherigen Gegner zueilte, und ausrief: »Sir, ich konte bei der Gerechtigkeit meiner Sache allerdings einigen Vortheil zu erhalten hoffen; doch thät' es mir innig leid, wenn die Folgen für Sie alzutraurig wären. Chaisen dürften so früh wohl kaum zu haben seyn; aber meine Wohnung ist nahe. Erlauben Sie mir, Sie dahin zu bringen, so soll Ihnen sofort aller möglicher Beistand geleistet werden.« Sir Edmund nahm diesen Vorschlag an. Man holte einen Wundarzt; die Kleider wurden ausgezogen und die Wunden untersucht. Die in der Seite war ganz ohne Belang; die im Arm hatte zwar eine ziemlich große Blutader getroffen; doch versicherte der Arzt: Ein mäßiger Verband und eine kleine Schonung des Arms würden bald alles wieder herstellen, und selbst das Ausgehn nicht verhindern. Für iezt rieth er zu einigen Schaalen glühenden Wein, und zur Ruhe von zwei oder drei Stunden. Sir Rathcliff, mit außerordentlich vieler Höflichkeit und Theilnahme, gab zum erstern sogleich Befehl, und bestand darauf, daß auch die Leztere Sir Edmund bei ihm pflegen solle. Blos nach einem andern Kleide und frischer Wäsche ward in Dudleis Quartier geschickt.

Aus der Tasche dieses iungen Mannes war, als man ihn ausgezogen hatte, ein Papier gefallen, welches keiner von allen Anwesenden in der damaligen Unruhe bemerkt hatte. Jezt, als Rathcliff seinen Gast, damit er zu schlummern versuche, allein im Zimmer lassen wolte, sah er diesen Zettel auf dem Boden liegen; glaubte, daß er ihm selbst gehöre; hob ihn auf und schlug ihn erst im nächsten Gemach aus einander. – Welches Erstaunen, als er auf demselben die Verse las, die Miß Betty an Edmund gerichtet hatte. Bis diesen Augenblick war seine Liebe nur gekränkt, nicht gemindert worden; bis diesen Augenblick hatte er – wozu das Gespräch seiner Tante viel gewürkt! – Bettys Betragen nur für einen noch verzeihlichen Leichtsinn, für eine weibliche Eitelkeit gehalten. Doch diese unleugbare Probe ihres Unbestandes, dieser Beweis einer schändlichen Heuchelei – man wende sie nun auf welche Seite man wolle! – diese ihm schamlos dünkenden Verse veriagten auf einmal alle Achtung, und mit dieser auch alle rückständige Zärtlichkeit aus seinem Herzen. Er hätte für Verdrus unter die Erde sinken mögen, eine solche Person geliebt, für sie heute noch den Degen geführt zu haben. Indem er deshalb, nach. Art heftiger Leidenschaft, mit sich selbst sprach; indem er aber noch mehr von Begierde brante, auch bald mit seinem Nebenbuhler zu sprechen, und alle Ansprüche freiwillig ihm abzutreten, hörte er sich von ebendemselben gerufen.

Sir Dudlei nemlich vermochte, troz der Empfehlung des Wundarztes, iezt nicht zu schlafen. Mancherlei Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Sein Obsieger schien ihm ein Mann von Ehre zu seyn. Er überdachte sich den gestrigen Brief, und die heutigen wenigen Worte, bevor sie gezogen hatten. Zweifel gegen Miß Bettys Aufrichtigkeit wagten es, in ihm aufzusteigen. Es ward ihm unendlich wichtig, denselben genauer nachzuforschen. Da er seinen Wirth im Nebenzimmer auf und nieder gehen hörte, rief er ihn; Sir Rathcliffe kam schnell, und fragte: ob ihm was fehle?

»So wenig, daß es mir würklich unmöglich ist, zu schlummern, und eben so wenig hier liegen zu bleiben. Nur auf meine Kleider warte ich daher, um mich wieder anständiger anzuziehen. Wollen Sie aber wohl indeß eine Frage mir erlauben? Mir unbefangne Antwort darauf ertheilen?«

Sir Rathcl. Wenn ich kann; wenn es, sich ziemt: Ja!

Sir Dudl. Ihr gestriges Billet sprach in Ausdrücken: Als habe der Plan einer Heirath zwischen Ihnen und Miß Betty bestanden. Ich gesteh' Ihnen, daß ich gestern kein Wort davon glaubte. Aber sagen Sie mir, als Mann von Ehre, gab es iemals eine solche Absicht zwischen Ihnen, und zwar auf beiden Seiten?

Sir Rathcl. Es bestand nicht nur eine, sondern wenn anders Miß Bettys Handschrift irgend etwas gilt, so besteht sie noch von Ihrer Seite. Ungeziemend ist es sonst, mit den Gunstbezeugungen einer Dame sich zu rühmen; doch um Sie von der Wahrheit zu überführen – hier lesen Sie!

Er reichte ihm hier das lezte Billet, das er von ihr empfangen; und Sir Edmund, indem er es flüchtig überblickte, rief mit höchster Bestürzung aus:

»Gerechter Himmel! Das Datum ist von gestern erst!«

Sir Rathcl. Von gestern! Geschrieben, als ich meine Eifersucht bei einer Rückkehr vom Lande ihr merken ließ! Indeß Sie sich bei ihr befanden, indeß Sie wahrscheinlich Aufmunterung genug erhielten, ward ich zweimal von ihrer Thüre weggewiesen; doch dies – dies hier solte mich wieder versöhnen.

Sir Dudl. Mein theuerster Schwur bei Gott und Seeligkeit, daß ich von allem diesen nichts wußte! Daß ich dann nie in dieser Dame Gunst mich angeschlichen haben würde; daß ich auch iezt noch allen Ansprüchen –

Sir Rathcl. (einfallend) Schwören Sie nicht aus. Denn ich selbst entsage hiermit allem Recht, das ich ie auf Miß Bettys Hand besaß, und vielleicht noch besizzen könte. Hätte sich dieses Papier, das wahrscheinlich hier aus Ihrer Tasche fiel, früher in meine Hände verirrt, – bei Gott, ich hätte wenigstens nie das Leben eines Biedermanns dieser Liebe halber, in Gefahr gesezt.

Indem er dies sagte, blickte Sir Dudlei auf das ihm hingehaltne Papier; erkante es sogleich für Miß Bettys Verse, und erwiederte lächelnd:

»Ich danke Ihnen, Sir! Vor zwei Stunden noch machte dieses Gedicht meinen höchsten Stolz, mein höchstes Glück aus. Jezt bin ich nicht mehr eitel darauf. Es beweist nur, daß die Dame auf eine doppelte Sicherheit dachte, und wenn ein Liebhaber ihr untreu würde, durch den andern gedeckt seyn wolte.«

Beide Theile stelten nun eine genaue Untersuchung von Miß Bettys Betragen gegen ieden Einzelnen an, und es blickte überall so viel künstliche, planvolle Hinterlist, so viel Undank und Treulosigkeit hindurch, daß es sich schwer bestimmen läßt, wem von beiden sie zulezt am verächtlichsten ward. Sie beschlossen daher auch auf eine Art sich zu rächen, die vielleicht mancher meiner Leserinnen – wiewohl hoffentlich schon allen Miß Bettys Betragen mißfällig war! – doch wohl zu grausam dünken dürfte.

Indeß Sir Dudlei, dessen Bediente mit den verlangten Sachen angekommen war, sich anzog, samlete Rathcliff alle von seiner ehmaligen Geliebten erhaltne Briefe, schloß sie in ein ziemlich großes, versiegeltes Paquet zusammen, und überschrieb solches: Liebesbriefe einer Dame von sehr seltsamen Karakter. Dann ließen beide sich in zwei Sänften nach ihrem Hause tragen, und eilten, da sie die Thüre offen fanden, ganz ohne Umstände die Treppe hinauf und grade in Miß Bettys Siz-Zimmer. Sir Dudlei trat zuerst hinein; sie sprang freudig auf, ihn zu bewillkommen; aber sie stuzte nicht wenig, als sie seinen Arm in einer Binde erblickte, und rief: »Ums Himmelswillen, Sir, was ist Ihnen begegnet?«

Sir Dudl. Kein Unfall von Bedeutung, Madam! Ich habe zwar zwei Wunden, und diese Ihrentwegen erhalten. Doch geseegnet sei die Hand, die sie mir gab! Sie heilte mich von einer weit gefährlichern, die mein Herz bedrohte.

Ehe sie noch fragen konte, was er mit dieser Rede sagen wolle? trat auch Sir Rathcliff ins Gemach, und fuhr fort:

Sir Rathcl. Auch mein Herz, Madame, ist genesen. Ich habe zwar eine Geliebte verlohren, iedoch dafür einen Freund gewonnen, auf dessen Redlichkeit ich besser zälen zu können hoffe. Sie sehen hier zwei Personen beisammen, von welchen Sie wahrscheinlich wünschten, sie möchten stets von einander geschieden bleiben, weil Ihr Vortheil so verschieden war. Doch da wir einmal uns trafen, so haben wir, die wir bisher einstimmig mit unserer Liebe Sie verfolgten, auch einstimmig den Vorsaz gefaßt, Sie – fortan nicht mehr zu beunruhigen.

Sir Dudl. Noch hätt' ich zur Erklärung meines Freundes dies nur hinzuzusezzen. Hier ist ein Papier zurück: das mir nichts mehr, wohl aber vielleicht noch Ihnen nüzt. Sie brauchen nur den Namen zu ändern, um einen würdigern Mann damit glücklich zu machen.

Sir Rathcl. Mit gleichem Dank geb' ich hier die Briefe zurück, mit welchen Sie von Zeit zu Zeit mich beehrten.

So unbeweglich fast, wie ein marmornes Bild, hatte Miß Betty während dieser Reden gestanden. Von dem Augenblick an, als sie beide Liebhaber zugleich in ihrem Zimmer erblickte, hatte sie vermuthet, daß man ihre Künste entdeckt, und sie sich selbst um die Hofnung, einen von beiden zu besizzen, gebracht haben werde. Jezt, indem Sir Dudlei das Gedicht, Sir Rathcliff sein Brief-Paquet auf den Tisch hinlegte, ward sie kaum der wenigen Worte fähig:

»Vortreflich! – Ich seh, daß ich beschimpft werden soll, aber –«

Sir Rathcl. Nein, Madame! Dafür sichern Sie Ihre Geburt und Ihre Reize. Hätte Ihre Seele nur einem von diesen geglichen, wir würden iezt nicht so leicht unsre Ketten brechen; nicht so frölich unsre Freiheit zurück fordern.

Sir Dudl. Kommen Sie, Freund. Die Lädi, wie Sie sehen, ist außer Fassung. Gönnen wir ihr Zeit diesem Abentheuer nachzudenken. Es könte seinen Nuzzen für künftig haben. – Leben Sie wohl, Miß! Ein würdiger Gemahl tröste Sie für diese bittre Minute!

Sir Rathcl. Auch ich wünsche Ihnen dies von ganzer Seele. Höher kann man doch wohl die Versöhnlichkeit nicht treiben? – Ihr Diener!

So gingen sie hinweg, um – nie wieder zu kommen. Ich folgte ihnen bald. Der Anblick von Miß Bettys Verzweiflung, so sehr sie dieselbe auch sich selbst zugezogen hatte, schmerzte mich doch noch mehr, als ihre Bestrafung mich freute. Die beiden Nebenbuler blieben fortan vertraute Freunde. Miß Betty ist noch iezt, indem ich dies schreibe, ohne Gemal, und fast auch ohne Hofnung dazu für künftig. Zufrieden mit ihrer Rache rühmen sich iene beiden Freunde deren zwar nicht. Doch viele erriethen sie; und verschönerten noch im Gerücht, was kräftig genug in der Würklichkeit war.


 << zurück weiter >>