Autorenseite

 << zurück weiter >> 

XXIX.
Freilich büßt auch hier am meisten – wer am gewöhnlichsten büßt – der unschuldige Theil.

Gern wär' ich schon mit frühem Morgen wieder dort gewesen, doch unvermeidliche Geschäfte hielten mich bis zwölf Uhr Mittags fest. Ich fand, als ich endlich hinkam, daß auch Alexis schon ausgegangen und eben zurück gekehrt sei. Seine Miene verrieth zwar etwas mehr Fassung, als gestern, doch auch tiefe innerste Schwermuth. – »Er habe, erzählte er mir, auch diese ganze Nacht wachend und mit Nachdenken zugebracht. Nun sei er überzeugt, daß Mathilde nach iener erlitnen Beschimpfung unmöglich länger in der Stadt verweilen könne. Wie leicht dürfte sie hier an öffentlichen Orten ihren schändlichen Entführer abermals ins Auge fallen; wie leicht würde er dann den Namen ihres Gatten erfahren! Und wie wahrscheinlich sei es, daß ein so vollendeter Bösewicht dann noch mit seinem Sieg und seinem Laster pralen, – mithin über sie und ihn, außer iener Kränkung noch Schmach und Spott verbreiten werde. Er sei daher entschlossen, Mathilden noch diesen Nachmittag aufs Land zurückzusenden, und habe so eben die Post dazu bestellt.«

Diese Gründe waren so wichtig, daß ich sie nicht zu widerlegen wußte. Als ich aber hierauf antwortete: Es sei mir lieb, ihn wenigstens iezt nicht verfehlt zu haben, um noch ein aufrichtiges Lebewohl ihm auf den Weg zu geben; stuzt' ich ein wenig, als er mir rasch ins Wort mit der Versicherung fiel: daß er noch hier zu bleiben gedenke. – »Wollen Sie Ihre Gemalin denn allein fortschicken?« fragt' ich mit einem Tone, den er unmöglich unbemerkt lassen konnte. – Ein tiefer Seufzer war anfangs seine Antwort. Dann fügt er endlich hinzu:

»Ja, liebster Freund, Mathilde reiset, und ohne mich! Nie bedurft' ich der Zerstreuung einer großen Stadt nöthiger, als iezt. Noch vor zwei Tagen war Mathildens Gesellschaft mein höchstes Gut auf Erden. Ich lebte gleichsam von ihrem Anschauen. Ihr kleinster Blick, ihr leisestes Wort drang tief in mein Herz. Ach, diese seeligen Augenblicke sind nun vorüber. Ich sehe iezt in ihr nur die traurigen Ueberreste einer – vordem mir theuren Gattin!«

Ganz unerwartet kam mir dieses Geständnis nicht; aber schmerzhaft genug war es mir. Mit aller Beredsamkeit, die Mitleid und eignes Gefühl mir eingaben, stellt' ich ihm vor: daß er ia überzeugt von Mathildens Unschuld seyn müsse; daß eine Gewaltthätigkeit, ganz ohne ihr Verschulden an ihr verübt, auch kein rechtmäßiger Grund zur Vermindrung von Lieb' und Achtung seyn könne; und daß selbst die Aufrichtigkeit ihrer Erzälung ein Beweis mehr von ihrer unbefleckten Tugend sei. Er gestand mir: daß ich volkommen Recht habe; aber er berief sich auch auf eine innere Empfindung, die er nicht zu überwinden vermöge. – Als ich es ihm zur Grausamkeit anrechnen wolte, sie einen so weiten Weg, ohne aller, zur Linderung ihres Kummers ersprieslichen, Gesellschaft machen zu lassen; erwiederte er: daß auch dies nicht geschehe! Ein Kammermädchen von ihr, eine Person, die mit ihr aufgewachsen, sei grade gestern wieder, aus dem Krankenhaus, wo sie bisher unpäslich gelegen, zurück gekehrt, und werde Mathildens Begleiterin sein. Kurz! auf alles wuste er eine Ausrede; nur für meine Gründe hatte er ein taubes Ohr.

Indem wir noch sprachen, kamen die Postpferde bereits, und er ließ Mathilden sagen, sich reisefertig zu machen. Auf meine Frage: Ob ich Abschied von ihr nehmen könne? gab er die, allerdings gegründete, Antwort: daß in ihrer iezzigen Lage ieder Abschied nur ihren Kummer verstärken dürfte! bat mich aber, indem er zu ihr hinein ging, seine Rückkehr und ihre Wegreise abzuwarten. Wenige Minuten drauf sah ich durch ein Fenster, das auf die Treppe ging, Mathilden würklich, wie sie am Arm ihres Gemals und auch von ihrem Mädchen unterstützt, die Stiege herab wankte. Das Zittern ihrer Tritte, die ganze gleichsam nur schwebende Haltung ihres Körpers, und einige tiefe Seufzer verriethen mir, wiewohl ich ihr Gesicht nicht sehen konte, unwiderlegbar genug, wie unglücklich ihre Lage, und wie gros ihre Betrübnis sei.

Auch er, als sie nun weg war, kam mit einer Miene zurück, die eine äußerste Zerrüttung seines Kopfs und seines Herzens anzeigte. Da ich es iezt nicht für rathsam hielt, iene schon angewandten Gründe zu wiederholen, so bestrebte ich mich durch Zureden, durch Aussicht besserer Zukunft, und durch alles, was nur die Freundschaft mir eingab, seinen Schmerz zu lindern. Doch es gelang mir nicht. Indem er mich rasch umarmte, mich um Verzeihung bat, daß er für heute mich verlassen müsse, und mich morgen selbst aufzusuchen versprach, riß er sich los, und ging in sein Kabinet, welches er rasch hinter sich zuschlos. Nicht ohne Besorgnis, doch unvermögend, dahin ihn zu folgen, verließ ich nach einigen Warten das Haus, fast trauriger noch, als ich gekommen war. – Hätte iener wollüstige Bube mit an gesehen, was ich sah; und hätten die Folgen seines kurzen Vergnügens auch noch dann nicht ihn wahrhaft gereut; so wäre es entschieden genug, daß unter Menschlicher Gestalt zuweilen auch Teufel sich verbergen.

Da der folgende Tag und auch ein dritter verging, ohne daß Alexis sich bei mir blicken ließ, so ging ich zwei bis dreimal kurz hinter einander hin, ohne ihn zu treffen. Mistreß Soberton versicherte mich: daß er schon sehr früh auszugehn und sehr spät wieder zu kommen pflege. Ich wunderte mich allerdings ein wenig drüber, und überließ es nun dem Zufall: Wenn und wo ich ihn wieder treffen würde? Doch erinnerte ich ihn durch ein zurückgelassenes Billet an sein Versprechen. Am vierten Morgen drauf kam er zu mir; entschuldigte sein Außenbleiben mit der Versicherung, daß er fast immer in ienem, von ihm angezeigten Kaffeehause, auf Nachrichten gewartet, und gab mir einen Brief zu lesen, den er vor einer Stunde ohngefähr von Mathilden erhalten hatte. Er lautete also:

Mein theurer, allertheuerster Alexis

»Nein, es ist unwahr, was ich so oft sagen hörte: daß der Kummer zu tödten vermöge. Wenigstens thut er es nicht schnell; denn ich lebe noch, und bin nur zu wohlbehalten in * * angelangt. – So wäre ich dann wieder auf den Wohnplaz des süßesten Vergnügens, der reinsten tugendhaftesten Liebe! Doch leider dieser Himmel ist entflohen; diese Seeligkeit ist verschwunden! Wohin mein Auge in dieser Oede blickt, seh ich statt ehmaliger Freuden, nur Schrecken und Graus.«

» Sei getrost, Mathilde! dies – ich erinnere mich gar wohl! waren Ihre lezten Worte. Ach, Alexis weiß nur zu gut, daß ohne ihn kein Trost für Mathilden möglich ist. Ihre Gegenwart allein könte noch die Quaal eines langsam brechenden Herzens lindern. Wollen Sie daher mein Elend wenigstens etwas erträglicher machen, so lassen Sie mich nicht länger in einer Verbannung leben, die grausamer, als der Tod selbst ist. Verlassen Sie iene unseelige Stadt. Fliegen Sie zu meinem Beistand herbei, – oder helfen Sie mir wenigstens beweinen, was – sich doch nicht wieder vergüten läßt.«

»Doch ach! Mit nur alzuvielem Grunde fürchte ich: Ihre Liebe ist ganz dahin! Und das Bewußtsein, daß ich Ihrer unwürdig ward, quält mich zwiefach. – Ja, hätte Krankheit – hätte irgend ein andrer Unfall mir die wenigen Reize, die ich von der Natur empfing, geraubt; wäre ich lahm, blind, ausgewachsen, oder entstellt von Pocken geworden; doch – ich schmeichle mir! doch hätten Sie mich lieb behalten. Bedaurung und Zärtlichkeit wäre gewiß noch in Ihrem Busen zurück geblieben. Nur iezt, ach, auch der iezzige Unfall traf mich eben so ohne mein Verschulden, als iemals einer der vorher erwähnten mich hatte treffen können!«

»Wohlan! Ich will nicht vor der Zeit ein so hartes, so unverdientes Urtheil befürchten; will mich nicht mit Besorgnissen quälen, die für Sie selbst eben so beleidigend, als kränkend für mich seyn würden. Sie sind gerecht und edel; diese Grundsäzze, hoff' ich, sollen auch Ihre Liebe gegen mich dauernd erhalten. Jene Gewaltthat – warum könnten Sie ihretwegen mich hassen? Sie sind ia überzeugt, daß ich ihr nur so unterlag, wie Sie und ich, mit gefesselten Händen, dem Dolch' eines Banditen, oder dem Schwerdt des Henkers erliegen müsten. Ich will glauben, daß Sie meinen Jammer mit mir theilen; daß Ihr Mund für mich nur Worte des Trostes, nicht der Vorwürfe hat.«

»Wäre es aber einmal über uns beschlossen, elend zu bleiben, so lassen Sie es uns zusammen seyn. Lassen Sie uns vereint Thränen vergießen; mit Seufzern uns wechselseitig antworten; und wenn Verzweiflung uns droht, das Andenken iener seeligen Stunden zurück rufen, sie mit den gegenwärtigen vergleichen, und vereint dem unmenschlichen Urheber unsers Unglücks fluchen! – Ach, wozu verleitet eine unbesonnene Leidenschaft mich? Kann Liebe, Zärtlichkeit und Pflicht eines Weibes begehren, daß ihr Gemahl ihr Elend theile? Nein! Wenn ich nichts mehr zu Ihrem Glück beitragen kann; so vergessen – entsagen Sie meiner! So verstoßen Sie mich auf ewig! – Verstoßen? ach, es ist hart! Meine Seele bebt wild bei diesem Gedanken zurück! Ich muß aufhören. Erbarmen Sie sich meiner, mein theuerster, mein angebeteter Alexis! Erbarmen – erbarmen Sie sich

der unglücklichen verlornen
Mathilde.«             

N. S. Haben diese, der Zerstreuung so übervolle, Zeilen nur einige Würkung auf sie – blieb nur ein Fünkchen Empfindung für mich zurück; – so antworten Sie mir mit erster Post. Bestimmen Sie mein ungewisses Schicksaal. Ach, warum muß ich leben, da ich zu solchen Bitten herabgesunken bin!

Mir traten, indem ich dies las, die Thränen ins Auge, und da ich deren auch in Alexis Augen schimmern sah, so fragte ich ihn mit doppelter Zuversicht: was er nun zu thun gedenke? – Die Empfindung, die er äußerte, machten mir schon Hofnung, daß er auf Nachreise und Wiedervereinigung denke. Doch in wenig Minuten fiel er in ienes alte Lied zurück. – »Er wisse, rief er, daß Mathilde ganz aus Tugend, Unschuld und Liebe zusammengesezt sei. Er bete sie an, und werde es Lebenslang thun. Doch, so lange er nicht den Schimpf, der ihr zugefügt worden, mit dem Blute des Bösewichts abgewaschen habe, so lange gelte sie in seinen Augen für entehrt; und bevor er nicht sie und sich selbst gerächt habe, werde er sie nur als den Geist eines sonst ihm theuern Weibes betrachten.« Alle meine erneuerten Vorstellungen blieben fruchtlos; er ging mit diesen Gesinnungen weg; und daß sie auch dann noch bei ihm obgewaltet haben musten, als er den Brief der unglücklichen Lädi beantwortete, erhellte deutlich aus dem zweiten Schreiben ebenderselben, das er mir, ohngefähr vierzehn Tage später bei einem ähnlichen Besuche zeigte, und welches ich zu guter Lezt hier meinen Lesern mittheilen will.

Mein ewig theurer, wiewohl unfreundlicher Alexis.

»Mit welcher sehnlichen Angst habe ich der Post entgegen geharrt! Wie langsam schien iede Minute mir zu schleichen! Wie zitterte ich, zwischen Furcht und Hofnung, bei iedem Klopfen an der Thüre, weil ich immer glaubte: iezt – iezt komme dein Brief. Er kam endlich – aber ach! er hat mich nicht getröstet.

Alexis! Wozu dieser grausame Aufschub? Ich begehre ia nicht Unmöglichkeiten! Nicht Ihre ehmalige Liebe! Nur Entscheidung meines Schicksaals. Diese darf ich doch fordern? Diese können Sie mir ia doch gewähren?

Mein Vater, mein Onkle, alle meine Bekanten – meine Bedienten sogar stuzten, als ich allein ankam. Sie sahen die Veränderung in meinen Gesichtszügen gar wohl, und fragten mich theilnehmend um die Ursache einer so schnellen Zurückkunft. Alles, was ich zu antworten vermochte, war: daß mir die Luft in London nicht angeschlagen; daß ich daher heimgeeilt sei, Sie aber noch durch wichtige Geschäfte verspätet worden wären. Für eine Weile gilt diese Entschuldigung; doch für lange kann sie nicht gelten. Ich beschwöre Sie daher bei allem, was Sie hoffen, fürchten, wünschen: setzen Sie sich und mich nicht Vermuthungen aus, die zu unserm beiderseitigen Nachtheil ausschlagen müssen! Sprechen Sie mein Urtheil! – Entschließen Sie sich entweder zur Rückkehr! entweder, wieder mit mir auf den vorigen Schein – ach leider nur Schein! – zu leben; oder kündigen Sie mir, ohne weitres Bedenken ewige Trennung an; damit ich in einen versteckten Winkel der Erde, begleitet von Mitleid und Verachtung, mich flüchte.

Vielleicht – vielleicht hätte dies schon überdacht werden sollen, ehe Sie noch zur Wegreise von London mich antrieben! Doch zu groß war damals unsre wechselseitige Bestürzung, als eines kältern Entschlusses fähig zu seyn. Jezt haben wir Zeit genug gehabt, unsrer unglücklichen Lage genauer nachzudenken; und ich – ich schmeichle mir! hab' es zuerst gethan.

O Alexis, wann ich iezt auf eine Erklärung dringe – glauben Sie nicht, daß mein Herz sich mit der eitlen Hofnung täusche, als könten Sie nach ienem traurigen Vorfall mich noch, wie ehmals, lieben! Nein! Ich seh' es voraus, mein Urtheil wird – ewige Verbannung seyn. Schon ist es wahrscheinlich unterzeichnet; nur Ihr Mitleid schob noch dessen Vollstreckung auf. – Ist diese Vermuthung gegründet, dann verbannen Sie auch ienes grausame Mitleid. Aufschub der Strafe ist Verstärkung derselben. – Schmerz und Verzweiflung werden mir Muth geben, auch das Schlimste zu ertragen; und kann etwas trauriger für mich seyn, als – Sie nicht zu sehn? Nur Uebergang zu iener ewigen Ruhe, nur Abwerfung dieses lästigen Lebens – Doch hinweg mit allen Klagen! Ich will Ihre Gedult nicht ermüden; nur die Bitte will ich erneuern: Ihr nächster Brief entscheide über das Schicksal

der unschuldig strafbaren
Mathilda.           

N. S. Ihr alter Freund und Schulkamerade, Sir L * * schickt so eben, und läßt fragen: wann ich Sie zurückerwarte? Er bewirbt sich um die Stelle eines Parlament-Gliedes für * * und rechnet auf Ihr Ansehn in hiesiger Gegend. Wahrscheinlich schreibt er Ihnen deshalb. Möchte doch der Ruf der Freundschaft auch meiner Bitte neues Gewicht ertheilen, und Ihre Rückkehr befördern.

Wiewohl dieser Brief mich nicht minder als der Erste rührte, so schwieg ich doch absichtlich, indem ich solchen dem Alexis zurückgab. Der fruchtlosen Vorstellungen müde wolt' ich ihm selbst Raum sich zu besinnen geben. Auch wartete er meine Frage nicht ab, indem er ausrief: Arme Mathilde! Unschuldiges Schlachtopfer! Mit welcher zaubrischen Beredsamkeit spricht sie, und – spricht doch gegen sich selbst! – Und warum das? Sind ihre Gründe nicht so billig, als möglich? – »Ja wohl, sind' sie es! Doch ie mehr ich Verdienst in ihr entdecke, ie minder kann ich die Kränkung vergeben, die ihre Ehre erlitt. Ich muß erst sie weniger lieben, bevor ich gleichgültig den Gedanken ertrage: daß sie, außer mir, noch ein andrer besaß!«

Indem ich darauf antworten wolte, trat ein andrer Besuch ins Zimmer, der ein weitres Gespräch über diesen Punkt unmöglich machte. Auch hätte ich wahrscheinlich nur einen Mohren zu waschen versucht. Alexis verließ wenige Minuten drauf mein Zimmer, und ich sah ihn geraume Zeit hindurch nicht weiter. Es schien mir sogar aus mancherlei Gründen, als vermeide er meinen Anblick. Ungern überließ ich ihn seinem Schicksaal. Ich erfuhr endlich, daß er sich ganz einer ausschweifenden, liederlichen Lebensart preis gegeben habe; daß er, immer noch ein Raub der Schwermuth und Verzweiflung, endlich beim Laster Trost gesucht, und indem er seine Zeit zwischen der Flasche und den Umgang mit liederlichen Weibspersonen theile, sich selbst so unähnlich geworden, wie ein Neger dem Europäer. – Zwar höre ich, indem ich dies schreibe, daß er nun ernstlich Willens sei, auf sein Landgut zurückzukehren. Doch ach, welchen Trost kann die tugendhafte Mathilda nun noch bei einem umgeformten Gemahl finden, der einst ihrer Liebe, ihrer Hochachtung so würdig, nun mit befleckter Seele, wahrscheinlich auch mit zerstörtem Körper zurückkehrt.

Ich zweifle nicht, daß viele meiner Leser, und fast alle meiner Leserinnen, Alexis Betragen – gleich von da an, wo er Mathilden auf ihr Zimmer schickte! – unverzeihlich finden werden; und ich selbst fand es tadelhaft. Doch gewiß ist, daß der wahre Grund desselben nicht nur in der Liebe, sondern auch grade in einem sehr hohen Grade der Liebe lag. Es war ihm ein unerträglicher Gedanke, daß das Heiligthum seines Lebens, der Abgott seiner Seele, von fremden Händen entweiht worden sei. Es war ihm unmöglich, ein Gefühl zu bemeistern, das, sehr richtig an sich selbst, nur durchs Uebermaas fehlerhaft ward. – Mit Unwillen, mit Verachtung und Abscheu hingegen, muß man auf einen Bösewicht hinabblicken, der – vielleicht sehr hoch im Staatskalender stehend, vielleicht iezt schon oder doch bald unter die sogenanten Stüzzen des Staats gezählt; im Besiz bei öffentlichen Festen mit einer Prinzessin zu tanzen, und alle Augenblicke sehr Edler Lord und Ewr. Herrlichkeit gescholten – der, troz allen diesem, kein Bedenken trug, durch die schändliche Wollust eines Augenblicks eine Glückseeligkeit zu zernichten, die er nun, mit allem seinen Vermögen, wenn er auch wolte, nicht wieder herstellen könte. – Wenn er auch wolte? – Thorheit! Er ist ia in den Augen der Welt ein Mann von Stand und Ehre! Was kümmern sich die Meisten dieses Ranges um das eigne Gewissen?


 << zurück weiter >>