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XXX.
Orest und Pilades im – Weiberrocke.

Unschuld und guter Ruf eines Mädchens gleichen dem süßen Duft einer Blume. Sei der Glanz der Farben bei solcher noch so schön, die Form ihrer Blätter noch so lieblich, nur erst dann, wann auch Wohlgeruch mit ihr verbunden ist, betrachten wir sie als ein volkomnes Meisterstück der Natur. Mit Misfallen treten wir von der übeldüftenden, nur von ferne täuschenden Kaiserkrone mit Gleichgültigkeit selbst von der schimmernden, aber geruchlosen Tulipe zurück, indeß wir lange, und voll innern Wohlbehagen beim Rosenstrauch verharren. So auch wenn wir eine weibliche aufblühende Schönheit betrachten. Alle Schminke, die iemals Paris erfand, weicht übertroffen von der Farbe einer holden Schamröthe zurück. Aller Flimmer eines leichten und geübten Wizzes wird vom naiven Ton der Unschuld verdunkelt; ia selbst geringre Reize dünken uns wünschenswerther, als hohe Schönheit, sobald wir wissen, daß iene noch unentweiht, diese schon mehrmals mit buhlerischer Kunst genüzzet worden. Griechenland konte eine Phrine anstaunen, durch Marmor und Gemälde sie verewigen; Jünglinge, Männer und Greise konten sinliche Begierden für sie empfinden; doch sie wahrhaft hochzuschäzzen vermochte keiner.

Aber nicht immer halten Unschuld und guter Ruf gleichen Schritt mit einander. Oft ist iene bereits längst dahin, wann eine schlaue Heuchelei noch diesen zu behaupten weiß. Nicht selten aber ist auch bei noch ungekränkter Zucht des weiblichen Herzens, der verdiente Lohn desselben, ein guter Name, dennoch verloren für nun und immer. Wenn hier ein unvermeidliches Misgeschick obwaltet, wenn Verläumdung vielleicht ihr giftiges Geschwäz von Ohr zu Ohre flüstert; und ein trügender Schein gegen die Unschuld spricht; so bleibt freilich nichts übrig, als iene Unschuldig-Leidende zu bedauern, und zu hoffen, daß vielleicht die Zukunft noch zu ihrer Rechtfertigung auftreten werde. Wenn aber an eben diesen Schein die leidende Person durch Unvorsichtigkeit allerdings einigen Antheil hat; wenn sie, zwar nicht als eine Verworfene, iedoch als eine Unvorsichtige sich betrug; dann ändert sich freilich die Lage der Sache merklich; dann können wir sie der Nachrede halber, wiewohl sie solche unschuldig leidet, kaum bedauern; ia, wir müssen sogar sie oft als die Verschwenderin eines Schazzes betrachten, mit welchem man um so haushälterischer umgehn solte, da man ihn gemeiniglich im ganzen Leben nur einmal besizzen kann.

Vorzüglich sind Mädchen nur alzuoft in einem Punkte nachlässig, von welchem doch so gern die Achtung der Welt, eigne Denkungsart, ia nicht selten das Glück des Lebens selbst abzuhängen pflegen; und dieser Punkt besteht – in der Wahl ihres Umgangs. »Aus ihm, sagt ein altes, gewiß nicht unbegründetes Sprüchwort, wird derienige erkant, den man aus sich selbst nicht zu erkennen vermag!« Wenn man daher Frauenzimmer von Jugend und körperlichen Reizen oft in Gesellschaft solcher Personen erblickt, die unbesorgt für ihre eigne Ehre das Vergnügen eines Augenblicks höher, als Pflicht und Tugend schäzzen; – was ist natürlicher, als daß man den Tadel und die Schmach dieser Letzern auch auf ihre Freundinnen überträgt? Als daß man argwohnt: sie würden, einträchtig in der Gesellschaft, auch einstimmig in Sitten und Grundsäzzen seyn?

Zuweilen ist freilich ein solcher Schlus nur ein Trugschlus. Daß aber der Irrthum nur für die Ausname, das Eintreffen für die Regel selbst gelten könne, glaube ich allerdings. Man kann sich oft irren, wenn man gleich beim Anfang einer Freundschaft auf Gleichheit der Denkungsart schließen wolte. Doch daß sie bei Fortsezzung derselben sich wenigstens allmälig einfindet, daß zwei, oft bei einander, oder mit einander lebende Personen sich nach und nach gleichsam zu einer gewissen Liturgie bekennen, – dies hat selbst a priori seine Wahrscheinlichkeit. Und dann, was wieder zwar etwas grausam lautet, aber deshalb nicht minder auf Erfahrung sich gründet, ist: Weit öfterer verführt das Laster die Tugend, als von der Tugend das Laster bekehrt wird. Der heimliche Neid, mit welchem das Leztere stets iedes wahre Verdienst betrachtet, – die Verstellung, die ihm sogern und überall zu Gebote steht, – die Hinterlist, welcher ein ieder noch so krummer Weg, ie krümmer, ie lieber däucht – welche Vortheile haben nicht alle diese im Wetteifer mit der graden, aufrichtigen Tugend? – Mannichfache Erfahrungen habe ich über diesen Punkt, auf meinen Wanderungen, anzustellen Gelegenheit gehabt. Aber nur eine will ich von den übrigen hier ausheben.

Koriska und Emilia waren zwei berühmte Schönheiten, die überall wo sie sich blicken liessen, die Augen und die Bewunderung des männlichen Geschlechts auf sich zogen; und die doch, (seltsam genug!) nicht die geringste Eifersucht gegen einander äußerten, vielmehr eine so genaue Freundschaft zusammen pflogen, daß man selten eine ohne die andre erblickte. Koriska – man erlaube mir immer hinter einem romantischen Namen ihren wahren zu verbergen! – war schon seit sein paar Jahren verheirathet, Emiliens Hand hingegen, und wie es sich nachher ergab, auch ihr Herz, waren noch frei. In allen übrigen hingegen schienen ihre Launen, Grundsätze, Wünsche – kurz ihre ganzen Seelen einander zu gleichen. Schienen es, sag' ich. Denn als ich sie genauer betrachtete, fand ich freilich, daß Tag und Nacht sich nicht unähnlicher zu seyn vermögen.

Schon lange vorher, ehe sie noch verheirathet worden, galt Koriska in mancher Augen für eine Person, die es in gewissen Punkten nicht allzugenau mit der Tugend nähme. Andre schrieben diesen gegen ihr obwaltenden Verdacht, nur der großen Lebhaftigkeit ihres Geistes zu, und hielten sie in der Hauptsache für unschuldig. Aber freilich mochte es iener strengern Richter mehr als dieser gelinden geben; und als Koriska, nun verehlicht, noch minder als sonst, um ihr Hauswesen sich bekümmerte; gegen einen würdigen, an Geist und Körper braven Gemahl, oft eine öffentliche Geringschätzung (oder wenigsten Nichtachtung) äußerte, und durch häusliche Zwiste sein Leben, wie man sagte, verbitterte, da nahm natürlicher Weise der Ruf ihrer Zucht und Tugend dadurch noch merklicher ab. Gleichwohl besaß sie in ihrem Gespräch so viel Wiz und Anmuth, in ihrem Aeußerlichen soviel Anstand und Liebreiz, daß beide Geschlechter fortfuhren, ihren Umgang zu suchen; daß Personen vom höchsten Rang und auch von der untadelhaftesten Aufführung auf freundschaftlichen Fuß mit ihr lebten; daß man in den auserlesensten Gesellschaften sich freute, wann sie eintrat, und lieber ein Auge für kleine, muthmaßliche Fehler zudrücken, als sich um das Vergnügen ihrer Unterhaltung bringen wollte.

Nur von Emiliens Verwandten dachten doch einige über ihren genauen Umgang mit Korisken nicht ganz so nachsichtig. Da Emiliens Schönheit, ihr gefällig-muntrer Ton, und ihr gutes, in tausend Kleinigkeiten durchschimmerndes Herz hoffen ließen, daß sie einst das Glück eines würdigen Gemahls, vielleicht die Zierde eines ganzen Hauses machen könne; so besorgte man gegentheils: Gerade der Umgang mit einer so verführerischen, selbst ihre Fehler durch schimmernde Eigenschaften verdeckenden Person, als Koriska sei, dürfe nach und nach Emiliens Denkungsart ändern, ihre Sitten verderben, und die Liebhaber mit rechtmäßigen Absichten, zweifelhaft machen, wo nicht gar entfernen. Da Emilie keine Eltern mehr hatte, und über ihr Vermögen sowohl als über ihr Betragen völlig unumschränkte Gebieterin war, so thaten dieienigen, die ihr entweder durchs Blut am nächsten verwandt waren, oder sonst ein Recht auf ihr vorzügliches Zutrauen zu haben glaubten, die dahin einschlagende Vorstellung mit eben so viel Bescheidenheit, als freundschaftlicher Wärme. Doch dieses liebenswürdige, sonst in iedem billigen Punkt nachgiebige Mädchen schien in diesem einzigen Umstand ihren Entschluß unerschütterlich gefaßt zu haben. Jeder ernstere Grund, iede sanfte Bitte, selbst iede vorgeschlagene Mäßigung fand kein Gehör; und wenn man sie heute bat, wenigstens nicht bei ieder öffentlichen Gelegenheit mit Korisken zu erscheinen, so sah man sie gewiß noch diesen Abend, aufs späteste den andern Tag mit ihr in einer Loge, einem Wagen, oder sonst Arm in Arm.

Daß es immer noch eine Art von Schonung war, wenn man eine solche Beharrlichkeit durch den Geist des Widerspruchs zu erklären suchte, ist augenscheinlich. Manche fingen würklich bereits an, auch Emiliens strengere Tugend heimlich zu bezweifeln; und der Scherz: daß Vestas Feuer von ihren Händen besorgt, nicht alzu hell brennen würde, war schon ein paarmal, wenn nicht ganz den Worten, doch dem Sinne nach, von diesem und ienem geäußert worden. Gleichwohl that man ihr vollkommen Unrecht. Nur Leichtsinn und allzugroßes Vertrauen in ihre eigne Einsicht waren ihre Fehler. Ueberzeugt von der Rechtschaffenheit ihrer Freundin hielt sie alles für Verleumdung, was man gegen dieselbe sprach. Vom Feuer der Jugend hingerissen, von den Thorheiten der Mode getäuscht, war ihr ganzer Endzweck – sich zu vergnügen; und da sie in ihrem Gewissen selbst keinen Stof zu Vorwürfen fand, sah sie nur auf die Gegenwart, ohne sich ängstlich um die Zukunft zu bekümmern.

Eines Morgens, als ich – wirklich ganz von ohngefähr! auf die Gedanken kam, in meiner Unsichtbarkeit einen Besuch bei Korisken abzustatten, fand ich den iungen Lord Seymour und seinen Freund – er mag Warwill heißen! – bei ihrem Nachttisch. Seymour, vor kurzem erst von Paris zurückgekehrt, und auf französischem Boden, mit aller der Unverschämtheit, Schwelgerei und Eitelkeit angesteckt, die unsern Damen die untrüglichsten Kennzeichen eines Herzeneroberers dünken, galt schon seit vierzehn oder funfzehn Tagen für Koriskens erklärten Liebhaber. Warwill, so ziemlich von gleicher Lebhaftigkeit, gleich freien Grundsätzen, auch ein Mann von Ton, (wie man zu sagen pflegt,) doch ein wenig gesetzter, als Seymour, war mehr zur Gesellschaft seines Freundes da, als um Korisken selbst aufzuwarten. Ihr Gespräch, wiewohl es munter, scherzhaft, und im Ton der feinern Welt eingerichtet war, schien mir doch nicht werth zu seyn, einen Platz in meiner Schreibtafel einzunehmen, und ich dachte bereits darauf mich wieder zu entfernen, als unvermuthet Emilie ins Zimmer trat.

Er war fast nicht möglich reizender zu seyn, als sie es diesen Morgen war. Koriska, die ihr entgegeneilte, und sie zärtlich umarmte, ermangelte auch nicht, ihr desfalls ein Kompliment zu machen, und zugleich ihr zu danken, daß sie so früh schon komme, da man sie erst zur Tischzeit vermuthet habe. Doch Emilia erwiederte: »daß sie diesen Dank nicht eigentlich verdiene; daß sie nur deshalb so zeitig komme, weil sie kaum zwei Minuten zu bleiben, und auch nachher wieder zu kommen nicht vermöge. Eine alte Tante habe gerade heute den herrlichen Einfall gehabt, ihre ländlichen Tauben- und Hünerhäuser auf ein paar Stunden mit der Stadt zu verwechseln, und sich diesen Morgen bei ihr ansagen zu lassen. Der Anstand erfodre es daher, ihr einen Besuch zu machen; denn sie sei ihre nächste Tante, ohne Kinder und – gewaltig reich.« – Koriska ergoß sich nun in Klagen über diese fatale Störung, in Vorschlägen, ienen Besuch bald zu endigen, und in Bitten, wenigstens des Nachmittags wiederzukommen. Doch Emilia entschuldigte sich mit den gültigsten aller Entschuldigungen, mit den Geboten der Mode und den Plänen des Eigennutzes; klagte selbst über den Tag, der ihr langsam genug, unter lästigen Liebkosungen und Moralen aus iener, unter Zwang und Komplimenten auf dieser Seite, hinschleichen würde, und versprach endlich den ganzen morgenden Tag mit und bei Korisken zur Schadloshaltung zuzubringen.

Indem sie dies letztere versprach, eilte sie rasch zur Thüre heraus; doch Warwill fand es, entweder seiner Heftigkeit, oder sonst seiner Empfindung gemäß, nicht minder rasch zu seyn, ihr nachzueilen, und sie wenigstens die Treppe hinab bis zum Wagen zu begleiten. Koriska, die sich iezt mit Lord Seymour ganz allein befand, schien eine Sekunde lang ihrer Freundin nachzusehen, warf dann einen zärtlichen Blick auf ihren Gesellschafter und sprach:

»Die arme Emilie! Ich bedaure sie! Die zudringliche Zärtlichkeit einer alten Tante ist fast so kränkend, wie die Gleichgültigkeit eines iungen Mannes, den man liebt.«

Seymour. Wenigstens hat – dessen bin ich sicher! – die reizende Koriska noch nie eine Erfahrung dieser letztern Art gemacht!

Um ihr die Aufrichtigkeit dieser Behauptung zu beweisen, umarmte er sie bei diesen Worten zärtlich, und seine Umarmung ward so erwidert, daß man deutlich sah, – es geschähe nicht zum erstenmal. Mehr zu thun war keine Zeit; Warwill kam bereits wieder, und Seymour rief ihm scherzend entgegen:

»Das Feuer, das in ihren Augen funkelt, lieber Warwill, verräth, daß Emilia ihre Höflichkeitsbezeugung mit mehr, als gewöhnlicher Güte aufnahm.«

Warw. Ich wünschte, Sie hätten Recht. Doch ich hatte noch nie Gelegenheit, die Aufmerksamkeit dieser Lady durch irgend etwas auf mich zu ziehn.

Seym. Auch ein günstiger Blick muß Himmelswonne für einen zärtlichen Liebhaber seyn. – (zu Korisken) Sie müssen wissen, Madam, daß Freund Warwill bis zum Sterben in Miß Emilien verliebt ist.

Kor. Wirklich? – Gestehn Sie ein, Sir Warwill, was man Ihnen schuld giebt?

Warw. Nicht ganz! Von sterblich verliebt seyn weiß ich nichts. Doch daß ich Miß Emilien für ein sehr reizendes Frauenzimmer halte, daß ich zuweilen des Tags an sie gedacht, und des Nachts sogar von ihr geträumt habe – läugn' ich nicht.

Kor. Und was hindert Sie denn, ihr selbst ein Geständnis davon zu machen?

Warw. Was mich hindert? – Die Wahrheit zu gestehn, weil ich besorge mit einem blossen Liebesgeständniß mich abgewiesen zu sehn; an einer förmlichen Werbung aber meine Vermögensumstände mich hindern. – Sie sind nicht ganz schlecht. Doch mit dem Anstand zu leben, den ich mir wünschte, müßte meine künftige Gemahlin allerdings reicher seyn, als es Emilie wenigstens iezt ist.

Seym. Wohlgesprochen, Warwill. Ein Mann von unserm Ton, ein Mann von Welt bedarf nothwendig einer reichen Gemahlin, um den Schönen, die ihm noch besser, als seine eheliche Hälfte gefallen, ansehnliche Geschenke machen zu können.

Kor. Sie fürchten sich also von Emiliens Tugend eine abschlägliche Antwort zu erhalten, wenn sie einen andern Vorschlag, als den zur Ehe, ihr thäten?

Warw. Allerdings!

Kor. Welch eine Neulingssprache! Nicht, als ob ich nur einen Augenblick an Emiliens Unschuld zweifelte. Aber Unschuld, Tugend und Ehre! Wie schwach sind ihre Waffen, wenn sie mit Lieb' und Neigung kämpfen sollen.

Warw. Eingestanden, Madam! doch um hierauf zu fußen, müßt' ich erst Hofnung haben, daß Emilie mich liebte.

Kor. Ich behaupte nicht, daß sie iezt schon iemals aus Liebe zu Ihnen, Speise, Trank oder Schlaf sich abgebrochen habe. Doch hört ich wenigstens oft schon aus ihrem Munde: Sie wären einer unsrer artigsten iungen Herrn; wüßten sich unverbesserlich zu kleiden, und hätten viel gefälliges in Ihrem ganzen Betragen. Aus diesen und andern Gründen schließ ich wenigstens, daß Sie ihr nicht ganz gleichgültig sind, und daß es nur an Ihnen liegt, wenn Sie in Emiliens Gunst keine weitern Fortschritte machen.

Warw. O Madam, wenn Sie wüßten, wie sehr diese Aussicht mich entzückt! Aber wie wär' es möglich, ihr noch näher zu rücken? Irgend ein Plan, ein genauerer Entwurf wäre doch unumgänglich.

Kor. Auch der wäre nicht schwer! Auch den hätt' ich schon in Gedanken! Sie ist in meiner Gesellschaft, so oft ich will; sie wird es, wie Sie selbst mit anhörten, schon morgen wieder seyn. Kommen Sie beide, wie von ohngefähr, zu mir! Schlagen Sie eine Spazierfahrt ienseit dem Wasser vor. Dort ist ein Haus, vortreflich gelegen, – ein herrlicher Garten, köstlicher Wein, alles übrige ohne Tadel; – Seymour kennt es.

Seym. Sie meinen bei Mistreß S– wenn ich nicht irre?

Kor. Getroffen! Dorthin geh' also unsre Wallfahrt. Wenn wir einige Zeit allda zugebracht, und nun die zum Heimfahren schickliche Stunde sich naht, so senden Sie den Kutscher heimlich weg, und versichern, daß er es ohne ihr Wissen, vermuthlich in der Betrunkenheit gethan habe. Ein andres Fuhrwerk hier, zumal des Nachts zu bekommen, sei unmöglich; dazubleiben der einzige Rath. Ich will Ihnen beistimmen; Emilie muß wohl. Freilich thut mirs um Lord Seymour leid; der einzige Zeitvertreib, der ihm bis früh Morgens übrig bleibt, wäre ein Spaziergang mit mir im Garten. Doch vielleicht entschließt er sich zu dieser Buße eines Freundes halber, der indeß bei Emilien seine Beredsamkeit anbringt.

Warw. Vortreflich, vortreflich, mein schöner weiblicher Machiavell! Aber wird auch Miß Emilie von ihrer geliebten Koriska sich trennen?

Kor. Sei das meine Sorge! Sie soll sich mit Ihnen allein befinden, bevor sie ein Wörtgen davon muthmaßt. Um das übrige kümmern Sie sich dann selbst.

Warw. Ueberschwengliche Güte! Wo soll ich Worte genug zum Danke finden?

Kor. (lächelnd) Ersparen Sie sich das Suchen! Eine gute Handlung, sagt das Sprichwort, belohnt sich von selbst.

Seym. Ich meiner Seits will den Dank für dieses Uebermaas von Güte gegen mich und meinen Freund bis Morgen Abends verschieben. Doch dann soll er einen Theil iener neidenswerthen Buße ausmachen, die Sie so eben mir ankündigten.

Jezt schlug das Gespräch einen Weg ein, wie solches für die sprechenden Personen und für den obigen Anfang sich schickte. Aber ich hoffe, meine Leser werden unmodisch genug denken, und dessen Wiedererneuerung mit willigem Herzen mir schenken. Auch ich selbst schloß iezt mein Taschenbuch zu, um dessen noch leeren Raum nicht wissentlich zu entweihen, und sobald ich konte, entfernte ich mich aus dem Gemach dieser reizenden LibertineEs ist doch sonderbar, das wir in unsrer Sprache für den Begrif: Frauenzimmer von ausschweifender Lebensart kein einfaches, und doch gewissermaßen anständiges Wort haben. Mit der Sache selbst sind unsre Zeiten doch bekannt genug.. – Längst bekannt mit ihrer ausschweifenden Denkungsart, fühlte ich mich doch mit neuem stärkern Unwillen entflammt. Denn daß sie sich soweit erniedrigen sollte, freiwillig einer fremden Wollust hülfreiche Hand zu bieten; daß sie ein Vergnügen daran finde, eine iunge Lady, eine Freundin sogar – wenn anders das Laster Freunde haben kann, – um ihre Unschuld zu bringen; das war mehr, als ich vermuthet hatte; und ganz vergaß ich, was schon der gute, alte Philipp Maßinger sagt: »Tugend und Laster gleichen sich wenigstens darin, daß sie alle übrige sich gleich zu sehen wünschen.«


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