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XXVI.
Wer sich von dem goldnen Ringe
Goldne Tage nur verspricht, –
O! der kennt den Lauf der Dinge
Und das Herz der Männer nicht!

Die Verfolgung einiger andern Abentheuer, (die auch gehörigen Orts meinen Lesern mitgetheilt werden sollen,) hatte mich lange Zeit hindurch von allen Besuchen bei Miß Jenny abgezogen. Nach vier oder fünf Monaten, als ich doch wieder einmal hinschauen wolte, fand ich zu meinem grösten Erstaunen ganz andre Einwohner in diesem Quartier, und als ich eben deswegen der Wirthin einen Besuch abstattete, und gesprächsweise fragte: Wie es denn mit dieser Veränderung so hurtig zugegangen sei? antwortete sie mir mit iener Lebhaftigkeit, die ältlichen Weibern immer bei Gegenständen, welche das sechste Gebot betreffen, vorzüglich anhängt:

»Ei, wie wirds zugegangen seyn? Die Sache verhielt sich, wie ichs gleich anfangs dachte. – Es thut mir leid ums Frauenzimmer; sie sah gar nicht aus, wie eine Person, die sich darauf einläßt. Wahrscheinlich mögen schöne, glatte Worte sie überredet und betrogen haben. Gott verzeih's ihr! Nur von Sir Hesley ärgert es mich, daß er, der doch wuste, in welchem untadelhaften Rufe – dem Himmel sei Dank! – mein Haus von ieher steht, mir da seine Maitresse unter mein Dach bringen konte. Aber ich hab' ihm auch meine Meinung frank und frei herausgesagt. Ich hoffe, er soll dran denken.«

»Wie, (rief ich) es ihm gradezu gesagt, daß es seine Maitresse sei? Und er litt es? Oder was antwortete er drauf?« – »Als wenn sich viel darauf hätte antworten lassen! Er sagte freilich: es sei eine Frau von Stande und seine Anverwandte; er verlangte freilich, daß ich ihr ferner noch mit aller Höflichkeit begegnen möchte. Aber ich antwortete ihm: Höflich sei ich, auch ohne sein Verlangen, schon gegen iedermann; doch möcht' ich einem solchen Lebenswandel keinen Vorschub thun, und bäte ihn daher, sich nach einem andern Quartier umzusehen. Drauf ward er zornig; schalt mich eigensinnig, abergläubisch, – Gott weiß, was noch mehr; worauf ich nicht hörte, sondern nur froh war, als er ein paar Tage drauf mit seiner Madam auszog.«

Ich kann nicht beschreiben, mit welcher Bedaurung gegen die arme Jenny und welchem Unwillen gegen ihren, einer solchen Gattin unwürdigen Gemahl, mich die Rede dieser ältlichen Betschwester erfüllte. Daß ein Mann, der in aller Augen – und auch wohl gar in seinen eignen! – für einen Mann von Ehre galt, einem bloßen thörichten Eigensinn, einer schimpflichen Eitelkeit halber, den guten Namen einer Person schmähen lassen konte, die seine gesezliche Frau war, die er aus eigner Wahl und blos aus Liebe dazu erkohren hatte. – Dies alles schien mir so unzusammenhängend auf der einen, ia so empörend auf der andern Seite, daß ich es für unmöglich gehalten haben würde, hätte ich mich nicht erinnert: daß ein eitler Mensch oft noch thörichter als ein unmündiger Knabe handle. – Gern hätt' ich viel, sehr viel (nur das Geheimnis meines Gürtels nicht!) dafür hingegeben, um die schuldlose Jenny zu rechtfertigen; da ich aber dies nicht vermochte, so erkundigte ich mich blos, wo sie iezt hingezogen, und beschloß, noch diesen Nachmittag mich zu überzeugen: Ob Sir George das ihr in den Augen der Publikums zugefügte Unrecht wenigstens durch sein Privatbetragen zu vergüten wisse.

Gewünschter Weise fand ich sie würklich beide zusammen. Doch gleich der erste Anblick versprach mir nicht die Aussicht auf eine glückliche Ehe. Jenny saß ohnfern vom Kamin in einer schwermüthigen Stellung, Er in der andern Ecke des Zimmers mit einer Miene voll übler Laune. Der Bediente, der mir (wiewohl sehr unwissend) ins Gemach hineingeholfen, hatte im Gespräch zwischen beiden zwar eine kleine Pause bewürkt. Doch wovon dieses Gespräch gehandelt, konte ich leicht als iener wieder weggegangen, aus Sir Georgens erster Rede abnehmen. Jenny mochte nämlich mit einer sehr bescheidnen, doch ernsten Art auf die endliche Bekantmachung ihrer Ehe gedrungen haben, und die Antwort, die ihr Gemahl einige Minuten lang ihr schuldig geblieben, war:

»Es schmerzt mich in der That, so wenig Achtung für mich, und so wenig Klugheit überhaupt bei Ihnen zu finden, daß Sie stets ein Gespräch auf die Bahn bringen, was mir, wie Sie wissen, so unangenehm ist.«

Jenny. Es würde dies Ihnen nicht seyn, wenn Sie mich nur halb so viel liebten, als Sie oft versichern. Wenigstens würden Sie mir Gründe von ihrem Verfahren anzugeben vermögen.

Sir George. That ich dies nicht schon? Mein Onkel –

Jenny. O George! Lassen Sie hierinnen mich nicht weiter nachspüren. Ihr neuliches Geständnis –

Sir George. War falsch! Auch hab' ich noch andre Ursachen.

Jenny. Die nicht gültiger seyn werden. – O George, ich weiß nicht länger, was ich von meiner Lage und Ihrem Herzen denken soll! Warum heiratheten Sie mich?

Sir George Weil ich Sie damals mehr, als eine Ihres Geschlechts liebte; und nur Ihre eigne Schuld wär' es, wenn ich nicht mehr so dächte. Ich hasse dieses Quälen und Drängen. Und war es nicht eine von den Bedingungen unsrer Ehe: daß sie verschwiegen bleibe?

Jenny. Ja! aber auf eine Zeit nur.

Sir George. Die Ihre Ungedult nicht abkürzen wird!

Jenny. Doch vielleicht! – Denn nicht lange hält es mein Herz noch, ohne zu brechen aus.

Sir George. Psch! Die Herzen der Weiber sind nicht von so sprödem Stof; um den Kopf derselben, wenn Stolz und Eitelkeit ihn erfüllen, sieht es bedenklicher aus.

Jenny. Sir, mich dünkt, es ziemte Ihnen, ernster bei einer solchen Gelegenheit zu sprechen.

Sir George. Von Herzen gern, Madam, so ernst, als es Ihnen nur beliebt. Auch ich habe keine Lust drollicht zu seyn. – Ernsthaft also, ich halte Sie für eine der undankbarsten und unbescheidensten Frauen unter der Sonne. Hab' ich Sie nicht aus der Abhängigkeit von Ihren Schwestern gezogen? Haben Sie nicht prächtige Wohnung, Bediente genug zu Ihrer Aufwartung? Nicht in iedem Betracht mehr Bequemlichkeit, mehr Ueberflus noch, als Sie ie erwarten konten? Und doch ist dies alles nichts in Ihren Augen!

Jenny. Nicht, verglichen mit einem Leben in Schande! Eben diese Bedienten, die mir aufwarten, verachten mich; nur mit einer erzwungnen Höflichkeit behandeln mich die Leute im Hause. Als wär' ich ein Fremdling in der Welt, ohne Geschäfte, ohne gesellige Freuden verleb' ich meine Tage; komme zu niemand, und niemand kömt wieder zu mir. Selbst in die freie Luft getrau ich mich kaum, damit keiner meiner Bekanten, und vorzüglich meine Schwestern nicht mich erblicken möchten; denn diese, so gering sie in Ihren Augen sind, würden doch alle Reichthümer der Welt, mit Verlust des guten Namens verbunden, nicht für Gewinn, für Schmach nur achten.

Sir George. Eine herrliche Liste von Klagen! Haben Sie deren nicht noch mehrere vorräthig?

Jenny. O ia, ich hätte noch eine, die – so gleichgültig ich selbst Ihnen geworden seyn mag, doch noch etwas in Ihren Augen gelten solte. – Sie wissen, ich bin schwanger – schwanger vielleicht mit einem Sohne! Kann ich den Gedanken ertragen, daß er – er, der rechtmäßige Erbe Ihrer Namens und Ihrer Güter, beim ersten Anblick des Lichts mit der verhaßten Benennung eines Bastarts beschimpft werden soll?

Sir George. (bitter) Ein großes Unglück – versteht sich, wenn Sie ein so kluges Knäblein gebähren, daß es gleich beim Eintritt in die Welt begreift, was man spricht.

Jenny O George! George! Dieser Scherz ist grausam!

Bittre Thränen erstickten hier ihre Stimme. Sir Hesley – denn ein weiches Herz muste selbst der Neid ihm zugestehen! – schien beim Anblick dieser Zähren wahrhaft gerührt zu seyn. Er blickte eine Minute lang stumm, und mit vieler Zärtlichkeit auf sie, und bat sie, mit gleichem Tone, zu ihm hinzukommen. Sie that es; aber so traurig, so gebeugt! – Er zog sie näher, ließ sie auf seine Knie niedersetzen; küßte die Thränen ihr vom Auge, und sagte:

»Nicht doch, meine theuerste Jenny! Sei doch nicht kindisch. Du hast ia keine Ursach zu weinen. Du selbst kenst deine Unschuld, und auch ich kenne sie. Warum betrübst du dich über die falsche Meinung andrer Menschen? Zumal, da auch diese ia nicht immer dauern wird!«

Jenny. Wenn ich nur wenigstens diesen Zeitpunkt mit Gewissheit kennte. Wäre er auch entfernter, als ich iezt hoffe, doch würd' ich ihm mit Gelassenheit entgegen sehn.

Sir George. Ueberlaß dich hierinnen meiner Liebe und meiner Rechtschaffenheit. Es steht nicht in meiner Macht, den Tag und die Stunde zu bestimmen. – Aufrichtig gesprochen, ich habe über ieden meiner Bekanten, wenn er sich verheirathen wolte, so bitter gespottet; habe so vielfache Anträge, mit Stolz und Verachtung gleichsam, ausgeschlagen: daß mir's unmöglich ist, mich iezt selbst als einen Ehemann anzugeben, und die Lacher gegen mich zu reizen. – Ich weiß es, diese Schaam ist Thorheit; aber noch kann ich sie eben so wenig wie Menschen zuweilen ihren natürlichen Abscheu gegen gewisse Thiere bemeistern. Daß ich aber darnach streben, daß ich mich selbst bekämpfen will, darauf geb' ich dir hiemit Hand und Wort. Auch will ich iede Stunde, die ich nur von meinen Geschäften mir abmüßigen kann, dir – dir allein widmen. Gleich heute – ich kam in der Absicht her, den ganzen Tag bei dir zuzubringen. Treibe mich daher nicht durch dein Klagen fort. Gieb mir einen Kuß, und versprich mir, recht vergnügt zu seyn.

Sie that das Erstere, und versprach das Leztere nach möglichsten Kräften; mit welchem innern widerstrebenden Gefühl, ließ sich leicht errathen. Dieses reizende Geschöpf kam mir iezt wie die Göttin der Schwermuth vor, wenn sie einen Augenblick über ihren eignen Kummer lächelt. Es war mir unbegreiflich, wie ein Mann von Sir Georgens Karakter dies ansehn konte, ohne ihr, die er würklich liebte, iene so gerechte Bitte noch an eben demselben Tage zu gewähren. Da er es aber iezt vermochte, so sorgt' ich im Voraus, er werde es noch lange vermögen; entfernte mich, sobald ich konte, und hatte des andern Abends schon würklich wieder das Mißvergnügen ihn im Schauspiel in der Loge einer unsrer reizendsten Lädis so gepuzt, und so sorgenlos zu erblicken, als gäbe es keine Person in der Welt, die iemals über ihn geweint habe, oder vielleicht grade in diesem Augenblick weine.

Wahre Theilnahme an der armen unglücklichen Jenny Schicksal zog mich während zweier Monate noch mehrmals zu ihr hin. Immer blieb ihre Lage im ganzen die vorige. Meistens fand ich sie allein, nicht selten in Thränen; freudig niemals. Einst, als ich wieder, und würklich in ganz andrer Absicht, bei ihrer Wohnung vorüber ging, war es, als ob mich eine Ahndung – denn daß ich, ich selbst ein halber Wunderthäter, auch an die Wunder der Ahndung glaube, versteht sich! – zu ihr hinanzöge. Ich fand sie auf ihrem Sofa liegen, und in einem schwermüthigen Buche (mich dünkt, es waren die Klagen des Königs aller Uhus) lesend. Da mir dies wenig Unterhaltung versprach, so wolte ich schon wieder mich gelegentlich wegschleichen: als plötzlich die Zimmerthüre mehr aufsprang, als aufging; Jenny beim ersten Blick mit einem Schrei empor fuhr; und sich mir ein Schauspiel darstellte – doch um verständlich zu seyn, muß ich nothwendig hier erst ein Paar Worte einschalten.

Miß Jenny, als sie wieder vom Lande nach der Stadt reiste, hatte von Mistreß Beechly für ihre zwei Londner Schwestern Briefe und einige kleine Geschenke erhalten. Da ihre Verbindung mit Sir Georgen sie an eigenhändiger Uebergabe derselben verhinderte, so schickte sie solche durch die Post, von einem kleinen Billet folgenden Inhalts begleitet: »Eine Sache von äußerster Wichtigkeit halte sie iezt ab, sich persönlich einzustellen. Bald würde sich dies, und wie sie gewiß hoffe, zu aller Zufriedenheit ändern. Inmittelst bäte sie, von ihrer Abwesenheit keine ungünstige Meinung zu hegen.« – Jenny konte in ihrer damaligen Lage unmöglich anders handeln; doch ihre Schwestern konte ein solches Schreiben eben so wenig beruhigen. Ein iunges, reizenden Mädchen, das ihre Anverwandten verläßt, ohne zu sagen, warum? das sich verbirgt, man weiß nicht, wohin? pflegt selten einen löblichen Grund zu dergleichen Maßregeln zu haben. Sie glaubten daher an der Verführung und an dem Unglück ihrer Schwester nicht mehr zweifeln zu dürfen; sondern gaben sich nur alle mögliche Mühe, ihren Aufenthalt auszukundschaften, um sie, wo möglich noch, nicht alzuspät ihrem Verderben zu entreißen. Lange genug war alles Nachforschen vergebens. Endlich vernahmen sie doch, daß sie sich als Maitresse irgend eines vornehmen Mannes unterhalten lasse. Höchlich erzürnt darüber, begaben sie sich in das Haus, das man ihnen auch angezeigt hatte; fanden zum Unglück die Thür offen; eilten, ohne viel Umstände zu machen, die Treppe hinauf, und stürmten so, schon gedachter maaßen, ins Zimmer hinein.

Hier brauchten sie nur ihre Augen auf Jenny, – deren Ansehn so verändert, und deren Schwangerschaft schon so weit gediehen war – zu werfen, um ihren bereits brennenden Zorn noch stärker anzuflammen. Sie überhäuften solche mit den bittersten Vorwürfen, indem dieses unglückliche Schlachtopfer eines unedlen Eigensinns durch ienen Schwur und seine eigne Gewissenhaftigkeit gebunden, nichts zu seiner Vertheidigung anführen konte, ia, durch einige einzelne Worte seine Straffälligkeit noch zu bestätigen schien. Nachdem sie solche, durch ihre anscheinende Verstockung noch erbitterter, mit den schimpflichsten Namen aller Art gleichsam überschüttet hatten, verließen sie das Zimmer mit eben derienigen Hastigkeit, mit welcher sie gekommen waren; und schwuren noch im Herausgehn hoch und theuer: daß sie Jenny nie wieder für ihre Schwester erkennen, – nie auch nur wieder an sie denken wolten.

Keine Zunge vermag auszusprechen, was die unglückliche Miß während dieser Herzerschütternden Szene ausstand. Ihrer Unschuld bewußt, und doch unter dem Anschein der Strafbarkeit erliegend, – von Personen, die sie sonst so geliebt hatten, die ihr iezt noch so theuer waren, beschimpft, gemißhandelt, und doch unvermögend, ihre Tugend vor ihnen zu rechtfertigen, oder die Strenge zu tadeln, mit welcher man gegen sie verfuhr; – überzeugt, daß sie vielleicht eben so richten würde, und doch dem Laster, dessen man sie beschuldigte, so herzlich feind; – voll Schrecken über einen Anblick, dessen sie sich nicht versah; voll Schaam über die Lage, in welcher man sie fand; voll Zorn und doch voll Liebe über den Urheber von allen diesem! O wer kann die Leidenschaften zälen, die dieses schon längst beklemte Herz nun auf einmal bestürmten? Die Erschütterung davon war so heftig, daß auch alsdann, als der Auftritt schon vorüber war, die Folgen erst nur alzu traurig sich einstelten. Schmerzen einer frühen Geburt ergriffen die arme Unschuldige. Ehe noch der Abend anbrach, gebahr sie einen todten Sohn. Die Konvulsionen hierbei waren so heftig, daß alle, die ihr beistanden, daß selbst Hebamme und Arzt binnen wenig Stunden an ihrem Leben verzweifelten.

In den Zwischenräumen, wo ihre Besinnungskraft wieder kehrte, nante sie unaufhörlich Sir Georgens Namen, fragte, wo er sei; betheuerte daß sie nicht sterben könne, ohne ihn noch vorher gesehen zu haben; und bat ihn aufzusuchen: er möge auch seyn, wo er wolle. Boten über Boten wurden sogleich nach ihm ausgeschickt. Man fand ihn endlich ganz heiter und guter Dinge beim Whisttisch der Lädi S * *. Aber er erschrak allerdings sehr, als er hörte, wer ihn suchen lasse; er erschrak noch heftiger, als er mit wenigen Worten alles erfuhr, was während seiner Abwesenheit vorgegangen sei. Er flog halb außer sich herbei, um wo möglich noch alles wieder gut zu machen; gleich der Eintritt in ihr Zimmer vollendete seine Verzweiflung. Sie lag eben bewußtlos da, als er an ihr Bette hinstürzte. Doch sie erholte sich, vielleicht durch den Ton seiner Stimme, wieder, sah, erkante ihn; faßte ihn bei der Hand und stamlete, unter beinah unaussprechlichen Schmerzen: »Nun, George, nun wird dir und mir bald geholfen – bald ein Band zerrissen seyn, das du dich so sehr anzuerkennen schämtest.« – Vielleicht wuste sie selbst nicht, wie viel Bittres in diesen wenigen Worten liege; aber er fühlte es, und rief aus: »Das wolle Gott nicht! Nein theuerste Jenny, lebe! lebe! Und ich will laut vor aller Welt bekennen, daß du mein Weib, mein mir rechtmäßig angetrautes Weib seist.«

Vielleicht hatte die schon erschöpfte Natur nur bis auf diesen Augenblick ihre lezten Kräfte aufgespart; vielleicht war aber auch die Würkung der Freude bei Anhörung dieser Worte alzu stark für eine so abgemattete Kranke; – kurz! kaum hatte Sir George noch diesen Ausruf geendigt, so verschied die unglückliche Jenny; verschied in den Armen ihres nun zu spät reumüthigen Gemals. – Jezt erst bemächtigten sich vollends Liebe, Mitleid und Gewissensbisse seiner Seele. Jezt erst beschwor er die Aerzte und den Himmel, ihm wiederzugeben, was er besessen hatte! Jezt erst hielt er treulich und von ganzen Herzen, was einen Tag früher seine Gattin, seinen Erben, und seinen innern Frieden erhalten haben würde. Er erklärte sie feierlichst für seine rechtmäßige Gemalin; ließ sie mit allem möglichen Pompe in sein Familien-Begräbnis beerdigen, und schonte keine Pracht, keine Kosten, um ihr Andenken so daurend als möglich zu machen. Eitler Prunk! alles dies konte nun der Lädi Hesley nicht wiedergeben, was Miß Jenny entrissen worden war. Der erste Augenblick ihres Glücks blieb doch der lezte ihres Lebens!

Daß es indeß Sir Georgen mit seiner Reue ein Ernst war, bewies sein späteres Betragen. Mehrere Jahre sind nun seit iener für ihn so furchtbaren Nacht vorüber, und er ist seitdem nie wieder in ienen Zirkel eitler Thorheiten zurückgekehrt. Er, der sonst so heiter, und so unersätlich alle Freuden der großen – oder was Sinonima sind! – der thörichten Welt genoß, ist noch iezt, indem ich dies schreibe, ein in sich selbst zurückgezogner, nur noch an einer gewissen stillen Thätigkeit Behagen findender Mann geworden. Mit der grösten Gleichgültigkeit betrachtet er seitdem das schöne Geschlecht. So manche iunge Lädi hat noch späterhin – zumal da man nun würklich wußte, daß dieser reizende Mann schon einmal vor dem Altar gestanden habe! – ihren besten Angel nach ihm ausgeworfen; er hat es nicht bemerkt, oder nicht zu bemerken geschienen. Selten erscheint er noch an öffentlichen Orten; aber bei sich zu Hause sieht er zuweilen einige wenige Freunde. Kurz, fast in allen ist er das Gegenbild von ehmals geworden. Ueber seinem Schreibtische hängt noch iezt Jennys Bildniß; und wenn er es anblickt, – was sehr oft geschieht – dann treten noch iezt nicht selten Thränen in sein Auge; dann hat er schon mehrmals einen seiner Freunde bei der Hand gefaßt, hinauf gedeutet und geseufzt: Ach, daß ich diesen Engel morden muste!

Auch die Schwestern der unglücklichen iungen Lädi, als sie erfuhren, was sie mit ihrem raschen Unwillen verursacht, und wie ungerecht sie dabei gehandelt hatten, trauerten lange und höchlich darüber. Doch was nüzte dies nun! Es wäre denn, daß ihr Beispiel andre abhalten könte, auch beim grösten Anschein nicht ohne genaue Prüfung der Dinge, und nicht ohne iene Gelassenheit zu verfahren, mit welcher man eigentlich stets das Betragen seiner Nebenmenschen richten solte, und – leider so selten richtet.


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