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Das Volk des Abgrunds

Plötzlich schien sich alles zu verändern. Ein Zittern der Erregung ging durch die Luft. Automobile flogen vorbei, zwei, drei, ein Dutzend, und ihre Insassen riefen uns Warnungen zu. Einer der Wagen machte wenige Häuser weiter in wilder Hast einen Bogen, und im nächsten Augenblick wurde hinter ihm die Straße durch eine platzende Bombe zu einem tiefen Loch aufgerissen. Wir sahen die Polizisten im Laufschritt die Seitenstraße hinab verschwinden und fühlten, daß etwas Schreckliches im Anzuge war. Wir konnten ein wachsendes Geräusch hören.

»Unsere braven Genossen kommen«, sagte Hartmann. Wir sahen die Spitze ihrer Kolonne, die die Straße von einem Rinnstein bis zum andern ausfüllte, als das letzte Kriegsauto zurückfloh. Dicht neben uns hielt der Wagen. Ein Soldat sprang heraus, trug behutsam einen Gegenstand in den Händen und setzte ihn mit der gleichen Vorsicht in den Rinnstein. Dann lief er auf seinen Platz zurück, der Wagen fuhr an, bog um die nächste Ecke und verschwand aus unserem Gesichtskreis. Hartmann lief zum Rinnstein und beugte sich über den Gegenstand.

»Bleiben Sie fort«, warnte er mich.

Ich sah ihn in wahnsinniger Hast mit den Händen arbeiten. Als er zu mir zurückkam, stand ihm schwerer Schweiß auf der Stirn.

»Ich habe sie unwirksam gemacht,« sagte er, »und gerade noch rechtzeitig. Der Soldat war ungeschickt. Sie war für unsere Genossen bestimmt, aber er ließ ihr nicht Zeit genug. Sie wäre zu früh explodiert. Jetzt geht sie überhaupt nicht mehr los!«

Alles ging mit rasender Eile. Auf der anderen Seite der Straße, einige Häuser weiter, sah ich hoch oben aus einem Hause Köpfe herausblicken. Ich hatte Hartmann kaum darauf aufmerksam gemacht, als ein breites Band von Rauch und Flammen an der Front des Hauses, in dem die Köpfe erschienen waren, entlanglief und die Luft durch eine Explosion erschüttert wurde. An mehreren Stellen wurde die steinerne Fassade weggerissen und die Eisenkonstruktion bloßgelegt. Im nächsten Augenblick schlugen ähnliche Flammen und Rauch an der Front des gegenüberliegenden Hauses empor. Zwischen den Explosionen hörten wir das Rattern der automatischen Pistolen und Gewehre. Einige Minuten hielt der Feuerkampf an, dann legte er sich. Offenbar waren unsere Genossen in dem einen, die Söldner in dem andern Hause und bekämpften sich über die Straße hinüber. Aber wir wußten nicht, in welchem Hause unsere Genossen und in welchem die Söldner sich befanden.

Jetzt war die Kolonne auf der Straße nahe herangekommen. Als ihre Spitze unter den kämpfenden Häusern, die beide wieder in Aktion getreten waren, vorbeikam, wurden aus dem einen Bomben auf die Straße geworfen. Jetzt wußten wir, welches Haus unsere Kameraden besetzt hielten, und sie taten gute Arbeit, indem sie die Leute auf der Straße vor den Bomben des Feindes retteten.

Hartmann faßte mich am Arm und zog mich in einen weiten Hauseingang.

»Das sind nicht unsere Genossen«, schrie er mir ins Ohr.

Die Türen waren verschlossen und fest verriegelt. Wir konnten nicht entkommen. Im nächsten Augenblick kam die Spitze der Kolonne vorbei. Es war keine Kolonne, sondern ein lärmender Pöbelhaufen, ein abscheulicher Strom, der die Straße füllte, das Volk des Abgrunds, toll vor Trunkenheit und nach dem Blut seiner Unterdrücker brüllend. Ich hatte früher das Volk des Abgrunds gesehen, als ich durch seine Quartiere gegangen war, und ich glaubte es zu kennen, jetzt aber schien mir, als sähe ich es zum erstenmal. Die dumpfe Apathie war verschwunden. Jetzt war es Urkraft – ein faszinierendes Schauspiel des Todes. Es erhob sich über jede Einbildungskraft hinaus zu körperlichen Wogen des Zornes, knurrend und murrend, fleischfressend, trunken von dem Schnaps aus geplünderten Läden, trunken von Haß und trunken von Blutgier – Männer, Frauen und Kinder, zerfetzt und zerlumpt, blöde, wilde Tiere, von deren Zügen alles Göttliche gewichen und Teuflischem Platz gemacht, Affen und Tiger, blutarme, schwindsüchtige, langhaarige Lasttiere, bleiche Gesichter, denen der Vampir Gesellschaft alle Lebenskraft ausgesogen hatte. Aufgedunsene, von Roheit und Verkommenheit strotzende Gestalten, verwirrte Hexen und Totenköpfe mit Patriarchenbärten, schwärmende Jugend und schwärmendes Alter, Teufelsfratzen, krumme, verzerrte, mißgestaltete Ungeheuer, von Krankheiten verzehrt und von dem Schrecken dauernder Unterernährung gebrochen – der Auswurf und Abschaum der Menschheit, eine zerlumpte, johlende, vom Teufel besessene Horde.

Und weshalb nicht? Dieses Volk hatte nichts zu verlieren als das Elend und die Qualen des Lebens. Und zu gewinnen? Nichts, nur die endliche schreckliche Sättigung seiner Rachgier. Und als ich hinsah, kam mir der Gedanke, daß in dem rauschenden Strom dieser menschlichen Lava Männer, Genossen und Helden sein mußten, deren Aufgabe es gewesen war, die Bestie des Abgrunds aufzurütteln und den Kampf zwischen ihr und dem Gegner zu schüren.

Und jetzt geschah etwas Seltsames mit mir. Eine Verwandlung ging mit mir vor. Die Todesfurcht, für mich und andere, verließ mich. Ich fühlte mich seltsam gehoben, als ein anderes Wesen in einem anderen Leben. Es war einerlei. Für diesmal war die Sache verloren. Morgen aber stand sie wieder auf, dieselbe Sache, immer frisch und immer brennend. Und in der Schreckensorgie, die in den nächsten Stunden raste, war ich imstande, warme Teilnahme zu fühlen. Leben und Tod bedeuteten nichts. Ich war ein wißbegieriger Beobachter der Ereignisse und bisweilen, vom Strom vorwärtsgetrieben, selbst ein neugieriger Teilnehmer. Denn mein Geist war zu einer sternenkühlen Höhe emporgestiegen und nahm eine kaltblütige Umwertung aller Werte vor. Wäre das nicht geschehen, ich weiß, ich hätte sterben müssen.

Als der Pöbelhaufen eine Meile lang vorbeigezogen war, wurden wir entdeckt. Ein in phantastische Lumpen gehülltes Weib mit ausgehöhlten Wangen und kleinen Augen, die wie glühende Bohrer aussahen, hatte uns im Vorbeigehen erblickt. Sie stieß einen schrillen Schrei aus und drang zu uns herein. Eine Rotte löste sich von dem Pöbelhaufen und drängte hinter ihr her. Beim Schreiben dieser Zeilen sehe ich sie noch, wie sie einen Schritt vor mir stand; ihr graues Haar flatterte in dünnen wirren Strähnen, und von ihrer Stirn tropfte Blut. In der Rechten hielt sie eine Brandfackel, und die Linke, die mager und runzlig, eine gelbe Klaue war, krampfte sich in der Luft. Hartmann sprang vor mich. Für Erklärungen war keine Zeit. Wir waren gut gekleidet, und das genügte. Mit der Faust schlug er dem Weibe zwischen die brennenden Augen. Durch die Wucht des Schlages flog sie zurück, stieß aber gegen die Mauer ihrer vordrängenden Genossen und stürzte, betäubt und hilflos, wieder nach vorn, wobei die Fackel matt auf Hartmanns Schulter fiel.

Was im nächsten Augenblick geschah, weiß ich nicht. Ich wurde von der Menge überwältigt. Der enge Raum war von Geschrei, Geheul und Flüchen erfüllt. Schläge fielen auf mich nieder, Hände griffen und rissen an meinem Fleisch und meiner Kleidung. Mir war, als würde ich in Stücke gerissen. Ich wurde niedergeworfen und war am Ersticken. Eine starke Hand packte meine Schultern und zerrte furchtbar an mir. Unter dem Schmerz wurde ich fast ohnmächtig. Hartmann kam nicht mehr aus dem Eingang heraus. Er hatte mich geschützt und den ersten Anprall aufgehalten. Das war meine Rettung, denn in dem dichten Gedränge konnten die Hände nur schwach greifen und zerren.

Ich befand mich mitten in einem wilden Strudel. Alles um mich her war eine einzige Bewegung. Ich wurde von einer ungeheuren Flut gepackt und ich weiß nicht wohin getrieben. Frische Luft spielte um meine Wangen und drang mir angenehm in die Lungen. Matt und schwindlig, hatte ich das unbekannte Gefühl, von einem starken Arm umfaßt, in die Höhe gehoben und fortgezogen zu werden. Meine eigenen Glieder halfen mir nur schwach. Vor mir sah ich den Rücken eines Männerrocks sich bewegen. Seine Mittelnaht war von oben bis unten aufgerissen und bewegte sich rhythmisch, weil der Schlitz sich bei jedem Schritt des Mannes regelmäßig öffnete und schloß. Dieser Anblick fesselte mich einen Augenblick, während mir die Sinne wiederkehrten. Dann fühlte ich, daß meine Wangen und meine Nase schmerzten, und ich merkte, wie Blut auf mein Gesicht tropfte. Mein Hut war fort, mein Haar hatte sich gelöst und flatterte, und der stechende Schmerz in meiner Kopfhaut brachte mir eine Hand in Erinnerung, die mich im Gedränge am Haar gezerrt hatte. Meine Brust und meine Arme waren gequetscht und schmerzten an vielen Stellen.

Meine Sinne wurden klarer, und ich wandte im Laufen den Kopf, um den Mann, der mich aufrecht hielt, zu sehen. Er war es, der mich am Haar gezogen und auf diese Weise gerettet hatte. Er bemerkte meine Bewegung.

»Alles in Ordnung«, rief er heiser. »Ich erkannte Sie sofort.«

Ich konnte mich seiner nicht erinnern; ehe ich aber sprechen konnte, stieß ich gegen etwas, das lebendig war und sich unter meinen Füßen krümmte. Ich wurde von den Nachfolgenden vorwärts getrieben und konnte nicht zu Boden sehen, hörte aber, daß es eine Frau war, die gestürzt war und von Tausenden über sie hinwegschreitender Füße zerstampft wurde.

»Alles in Ordnung«, wiederholte er. »Ich bin Garthwaite.«

Er trug einen Bart und war mager und schmutzig, aber ich erkannte jetzt in ihm den starken jungen Mann, der vor drei Jahren einige Monate an unserem Zufluchtsort in Glen Ellen verbracht hatte. Er machte mir einige Zeichen des Geheimdienstes der Eisernen Ferse zum Beweis, daß er auch in ihrem Dienste stand. »Sobald sich eine Möglichkeit bietet, bringe ich Sie hier heraus«, versicherte er. »Aber passen Sie beim Gehen auf. Straucheln und fallen Sie nur nicht.«

Alles geschah in diesen Tagen plötzlich, und jetzt hielt der Pöbel so plötzlich an, daß mir schwarz vor Augen wurde. Ich stieß heftig mit einer großen Frau vor mir zusammen. Der Mann mit dem aufgeschlitzten Rock war verschwunden, während die Leute hinter mir gegen mich stießen. Ein Höllenlärm entstand, Kreischen, Fluchen, Todesschreie, und dabei wurde das erschütternde Rattern der Maschinengewehre und das Ticken der Gewehre immer stärker. Zuerst wußte ich nicht, was es gab. Rechts und links vor mir fielen die Menschen. Die Frau vor mir knickte zusammen und sank mit einem wahnsinnigen Griff nach ihrem Leib zu Boden. Ein Mann zuckte im Todeskampf vor meinen Füßen.

Ich bemerkte, daß wir uns an der Spitze der Kolonne befanden. Eine halbe Meile von der Kolonne war verschwunden – wie oder wohin habe ich nie erfahren. Bis auf den heutigen Tag weiß ich nicht, was aus dieser menschlichen halben Meile geworden ist – ob sie durch einen furchtbaren Kriegsblitz ausgelöscht, ob sie zerstreut oder stückweise vernichtet wurde, oder ob sie entkam. Aber jetzt waren wir an der Spitze statt in der Mitte der Kolonne und wurden von dem schreienden Strom fortgetrieben.

Sobald der Tod das Gedränge gelichtet hatte, führte Garthwaite, der immer noch meinen Arm festhielt, einen Trupp Überlebender in den breiten Eingang eines Amtsgebäudes. Hier wurden wir von einer keuchenden Masse von Geschöpfen gegen die Tür gepreßt. Eine Weile blieben wir in dieser Lage, ohne daß eine Änderung eingetreten wäre.

»Da habe ich etwas Schönes angerichtet«, klagte Garthwaite. »Ich habe Sie richtig in eine Falle gebracht. Auf der Straße hatten wir noch die Chance eines Spielers, hier aber haben wir gar keine. Uns bleibt nur noch übrig, zu rufen: »Vive la révolution!« Dann geschah, was er erwartete. Die Söldner töteten ohne Erbarmen. Zuerst war es ein zermalmendes Gedränge, das aber nachließ, je mehr der Mord wirkte. Tote und Sterbende fielen und machten Platz. Garthwaite legte den Mund an mein Ohr und rief etwas, aber in dem furchtbaren Lärm konnte ich ihn nicht verstehen. Er wartete nicht, sondern ergriff mich und warf mich nieder. Dann zog er eine sterbende Frau über mich und kroch nach vielem Drücken und Schieben selbst halb über mich. Ein Berg von Toten und Sterbenden türmte sich über uns auf. Und über diesen Berg kletterte jammernd und stampfend, wer noch am Leben war. Aber auch mit ihnen war es bald aus, und es trat eine scheinbare Stille ein, die nur durch Ächzen, Stöhnen und Erstickungslaute unterbrochen wurde.

Ich würde zermalmt worden sein, wäre Garthwaite nicht gewesen. Es erscheint unbegreiflich, daß ich ein solches Gewicht tragen und dabei am Leben bleiben konnte. Und doch hatte ich außer dem Schmerz noch ein Gefühl: das der Neugier. Wie würde das Ende werden, was würde der Tod bringen? So erhielt ich meine Bluttaufe in dem Schlachthaus von Chikago. Früher war der Tod für mich Theorie, seit er aber eine einfache Tatsache wurde, ist er so leicht.

Aber die Söldner gaben sich nicht mit dem Erreichten zufrieden. Sie drängten sich in den Hauseingang, töteten die Verwundeten und suchten nach Unverwundeten, die sich gleich uns tot stellten. Ich erinnere mich an einen Mann, den sie aus dem Haufen herauszogen, und der verächtlich flehte, bis eine Revolverkugel ihn niederstreckte. Hinter einem Haufen verteidigte sich eine Frau, höhnend und schießend. Sie gab sechs Schüsse ab, ehe sie getötet wurde; welchen Schaden sie anrichtete, erfuhren wir nicht. Wir konnten diese Tragödien nur dem Gehör nach verfolgen. Eine derartige Szene folgte der andern, und jede gipfelte in dem Revolverschuß, der ihr ein Ende machte. Unterdessen hörten wir die Soldaten sprechen und fluchen, während sie, von ihrem Offizier zur Eile angetrieben, unter den Leichen wühlten.

Schließlich kamen sie in unsere Nähe, und wir fühlten, wie der Druck, der auf uns ruhte, nachließ, als sie die Toten und Verwundeten wegzogen. Garthwaite sagte die Parole. Zuerst hörte man ihn nicht. Da rief er laut. »Horch, da!« sagte ein Soldat. Und dann erklang die scharfe Stimme eines Offiziers. »Halt! Vorsicht!«

Oh, der erste frische Lufthauch, als wir herausgezogen wurden! Garthwaite begann zuerst zu sprechen, mußte sich aber einer kurzen Prüfung unterziehen, um zu beweisen, daß er im Dienste der Eisernen Ferse stand.

»Agents provocateurs, in Ordnung«, entschied der Offizier. Er war ein bartloser junger Mann, offenbar einer der großen Oligarchenfamilien angehörend.

»Ein verfluchtes Geschäft«, murmelte Garthwaite. »Ich möchte es aufgeben und in die Armee eintreten. Ihr habt Schneid, Jungens.«

»Sie verdienen es«, lautete die Antwort des jungen Offiziers. »Ich habe einigen Einfluß und werde sehen, was sich machen läßt. Ich werde erzählen, wie ich Sie gefunden habe.«

Er notierte Garthwaites Namen und Nummer und wandte sich dann an mich.

»Und Sie?«

»Ach, ich werde mich verheiraten,« antwortete ich heiter, »dann bin ich aus allem heraus.«

Und so sprachen wir, während das Morden der Verwundeten seinen Fortgang nahm. Wenn ich jetzt daran denke, ist mir alles wie ein Traum. Damals aber war es das Natürlichste von der Welt. Garthwaite und der junge Offizier begannen ein angeregtes Gespräch über den Unterschied zwischen der sogenannten modernen Kriegführung und dem augenblicklichen Straßen- und Wolkenkratzerkampf, der überall in der Stadt tobte. Ich hörte ihnen aufmerksam zu, während ich mein Haar und meine zerrissenen Kleider in Ordnung zu bringen versuchte. Und die ganze Zeit dauerte das Abschlachten der Verwundeten fort. Häufig übertönten die Revolverschüsse die Stimmen Garthwaites und des jungen Offiziers, so daß sie ihre Worte wiederholen mußten.

Ich durchlebte drei Tage der Chikagoer Kommune, und man kann sich eine Vorstellung von ihrer Ausdehnung und dem Gemetzel machen, wenn ich sage, daß ich in dieser ganzen Zeit tatsächlich nichts gesehen habe als das Abschlachten des Volkes und den Luftkampf zwischen den Wolkenkratzern. Von der heldenmütigen Arbeit unserer Genossen sah ich nichts. Ich hörte die Explosion ihrer Minen und Bomben und sah den Rauch ihrer Brandstiftungen; das war alles. Immerhin sah ich eine Großtat, nämlich den Ballonangriff unserer Genossen auf die Befestigungen. Es war am zweiten Tage. Die drei meuternden Regimenter waren in den Festungen bis auf den letzten Mann vernichtet worden. Die Festungen wimmelten von Söldnern, der Wind hatte die rechte Richtung, und unsere Ballons stiegen von einem Amtsgebäude in der inneren Stadt auf.

Biedenbach war, nachdem er Glen Ellen verlassen hatte, die Erfindung eines außerordentlich wirksamen Explosivstoffes – Expedit nannte er ihn – geglückt. Das war die Waffe, die die Ballons benutzten. Es waren nur plump und eilig hergestellte Heißluftballons, aber sie taten ihre Schuldigkeit. Ich sah sie alle vom Dach eines Amtsgebäudes aus. Der erste Ballon verfehlte die Festungen gänzlich und verschwand ins Land hinein; aber wir erfuhren später, was mit ihm geschehen war. Burton und O'Sullivan befanden sich in ihm. Beim Niedergehen trieben sie quer über eine Bahnstrecke und gerade über einen Truppentransportzug hinweg, der sich in voller Fahrt nach Chikago befand. Sie warfen ihre ganze Expeditladung auf die Lokomotive, und die Folge war, daß die Strecke auf Tage hinaus gesperrt war. Und das beste dabei war, daß der Ballon, um sein Gewicht an Expedit erleichtert, in die Höhe schoß, erst sechs Meilen weiter landete, und daß die beiden heldenmütigen Insassen mit heiler Haut davonkamen.

Der zweite Ballon versagte. Sein Flug war lahm. Er trieb zu langsam und wurde durchlöchert, ehe er die Festungswerke erreichte. Herford und Guinness, die sich in ihm befanden, wurden mit dem Feld, in das sie niederstürzten, zerrissen. Biedenbach war verzweifelt – wir hörten das alles hinterher –, und er stieg allein mit dem dritten Ballon auf. Auch er flog langsam, hatte aber das Glück, daß es den Söldnern nicht gelang, seinen Ballon zu treffen. Ich sehe es noch, als wäre es gestern geschehen, wie der aufgeblähte Sack durch die Luft trieb und das winzige bißchen Mensch unten daran hing. Die Festung konnte ich nicht sehen, aber die Leute, die auf dem Dache standen, sagten, daß der Ballon gerade darüber schwebe. Auch das Niederfallen des abgeschnittenen Expedits sah ich nicht, aber ich sah den Ballon plötzlich in die Höhe schießen. Im nächsten Augenblick türmte sich die große Säule der Explosion auf, und dann hörte ich ihr Brüllen. Biedenbach hatte die eine Festung zerstört. Dann stiegen zwei Ballons gleichzeitig auf. Der eine wurde in der Luft in Stücke gerissen, das Expedit explodierte, und die Erschütterung zerstörte den zweiten Ballon, der aber gerade in die noch unversehrte Festung fiel. Es hätte nicht besser erdacht werden können, wenn auch die beiden Genossen ihr Leben opferten.

Aber zurück zum Volk des Abgrunds! Ich wußte nicht viel von ihm. Es wütete, mordete und vernichtete in der eigentlichen Stadt und wurde seinerseits wieder vernichtet; aber nicht ein einziges Mal gelang es ihm, die Stadt der Oligarchen im Westen zu erreichen. Die Oligarchen hatten sich gut geschützt. Was für Unheil auch im Herzen der Stadt angerichtet wurde, ihnen und ihren Frauen und Kindern geschah nichts. Ich habe gehört, daß ihre Kinder in diesen entsetzlichen Tagen in den Parks spielten, und daß sie in ihrem Spiel am liebsten nachahmten, wie ihre Eltern das Proletariat zerstampften.

Für die Söldner war es keine Kleinigkeit, es mit dem Volk des Abgrunds aufzunehmen und gleichzeitig mit den Genossen zu kämpfen. Chikago blieb seiner Überlieferung treu, und wenn auch eine Generation von Revolutionären ausgemerzt wurde, so kostete es den Gegner doch fast dieselben Opfer. Die Eiserne Ferse veröffentlichte natürlich keine Zahlen. Aber nach einer sehr vorsichtigen Schätzung wurden mindestens hundertdreißigtausend Söldner erschlagen. Die Genossen hatten jedoch keinen Vorteil davon. Statt Hand in Hand mit dem ganzen Lande zu gehen, blieben die Revolutionäre allein, und so konnte die ganze Macht der Oligarchie, wenn es not tat, gegen sie gerichtet werden. Und so geschah es denn auch: stündlich, täglich wurden in endlosen Truppenzügen Hunderttausende von Söldnern nach Chikago geworfen.

Und das Volk des Abgrunds war so zahlreich. Des Schlachtens müde, begannen die Soldaten ein großes Herdentreiben, in der Absicht, den Straßenpöbel in den Michigan-See zu jagen. Zu Beginn dieses Treibens trafen Garthwaite und ich den jungen Offizier. Das Herdentreiben mißlang tatsächlich dank der glänzenden Arbeit der Genossen. Statt der großen Herde, die sie zusammenzutreiben gedachten, jagten die Söldner nicht mehr als vierzigtausend der Unglücklichen in den See. Wenn sie den Pöbel in der Hand hatten und gegen den See trieben, machten die Genossen hin und wieder einen Entlastungsangriff, und durch das Loch, das in dem einschließenden Netz entstand, entkamen viele.

Ein Beispiel hierfür sahen Garthwaite und ich gleich nach unserer Begegnung mit dem jungen Offizier. Ein Teil des Pöbels – es war derselbe, unter dem wir uns befunden hatten – wurde zurückgedrängt; die Flucht nach Süden und Osten war ihm durch starke Truppenabteilungen abgeschnitten. Im Westen verlegten ihnen die Soldaten, bei denen wir waren, den Weg. Der einzige Weg, der frei blieb, war der nach Norden, und der ging nach dem See, durch das Feuer der Maschinengewehre von Osten, Westen und Süden hindurch. Ob das Volk ahnte, daß es nach dem See getrieben wurde, oder ob es nur blindes Glück war, weiß ich nicht; jedenfalls aber schwenkte es durch eine Querstraße ab, ging dann in der nächsten Straße wieder zurück und gelangte, südwärts gehend, wieder in das große Arbeiterviertel.

Garthwaite und ich versuchten zu dieser Zeit, aus der Zone der Straßenkämpfe herauszugelangen, aber wir kamen erst recht wieder mitten hinein. An der Ecke sahen wir den brüllenden Mob gegen uns anrücken. Wir wollten gerade forteilen, als Garthwaite mich am Arm packte und vor den Rädern eines halben Dutzends mit Maschinengewehren bewaffneter Automobile, die herangesaust kamen, zurückzog. Dahinter kamen Soldaten mit Gewehren. Als sie ihre Stellung einnehmen wollten, stieß der Mob auf sie, und es schien, als sollten sie überwältigt werden, ehe sie in Tätigkeit treten konnten.

Hier und dort schoß ein Soldat sein Gewehr ab, aber dieses vereinzelte Schießen machte keinen Eindruck auf den Mob. In tierischer Raserei brüllend, kam er an; es schien, als könnten die Maschinengewehre nicht eingesetzt werden. Die Automobile, auf denen sie aufmontiert waren, blockierten die Straße, und die Soldaten mußten sich auf den Bürgersteigen postieren. Immer mehr drängten sich von hinten nach, und es war unmöglich, herauszugelangen. Garthwaite hielt mich fest am Arm, und wir drückten uns eng an die Front eines Hauses.

Der Mob war keine zehn Meter mehr entfernt, als die Maschinengewehre ihr Feuer eröffneten; aber vor diesem todbringenden Feuer konnte nichts leben bleiben. Der Mob stürmte an, konnte aber nicht weiter. In einem Haufen, einem Hügel, einer ungeheuren, immer noch wachsenden Woge von Toten und Sterbenden türmte er sich auf. Die Nachkommenden drängten vorwärts, und die Kolonne schob sich von Rinnstein zu Rinnstein ineinander. Verwundete, Männer und Frauen, wurden über den Kamm der furchtbaren Woge hinweggeworfen und fielen, sich windend, nieder, bis sie sich, unter den Rädern der Automobile wälzten. Dann wurden die Unglücklichen von den Soldaten mit den Bajonetten durchstochen; ich sah jedoch, wie einer von ihnen auf die Füße kam und einem Soldaten mit den Zähnen an den Hals fuhr. Beide, Soldat und Sklave, gingen gemeinsam in dem Getümmel unter.

Das Schießen ließ nach. Die Arbeit war getan. Der Mob hatte seinen wilden Durchbruchsversuch aufgeben müssen. Es erging Befehl, die Räder der Kriegsautomobile freizumachen. Sie konnten nicht über die Todeswogen hinweggelangen und sollten doch die Straße hinabfahren. Die Soldaten waren noch dabei, die Leichen vor den Rädern fortzuziehen, als das verhängnisvolle Ereignis eintrat. Wir erfuhren später den Hergang. An der nächsten Ecke hatten unsere Genossen ein Haus besetzt. Über Dächer und andere Häuser drangen sie vor, bis sie an eine Stelle kamen, von der sie auf die dichtgeschlossenen Soldatenmassen hinabsehen konnten. Und dann begann das Gegengemetzel.

Ohne Warnung kam vom Dach des Gebäudes ein Hagel von Bomben herab. Die Automobile und eine Menge Soldaten wurden in Stücke gerissen. Wir selbst flohen mit den Überlebenden wie wahnsinnig zurück. An der nächsten Ecke eröffnete ein anderes Haus das Feuer auf uns. Hatten die Soldaten früher die Straße mit toten Sklaven bedeckt, so bildeten sie jetzt bald selbst eine solche Decke. Garthwaite und ich schienen gegen den Tod gefeit zu sein. Wie zuvor suchten wir jetzt Schutz in einem Toreingang. Diesmal wurde er nicht unversehens überfallen. Als das Krachen der Bomben aufhörte, blickte Garthwaite die Straße hinab.

»Der Mob kommt wieder«, rief er mir zu. »Wir müssen fort.«

Hand in Hand flohen wir den blutigen Bürgersteig hinab und suchten schlüpfend und gleitend die Ecke zu erreichen. In der Nebenstraße sahen wir noch einige laufende Soldaten. Es widerfuhr ihnen nichts. Der Weg war frei. Wir machten daher einen Augenblick halt und blickten uns um. Der Mob rückte langsam vor. Er bewaffnete sich eifrig mit den Gewehren der Gefallenen und tötete die Verwundeten. Wir sahen, wie der junge Offizier, der uns gerettet hatte, starb. Er stützte sich mühsam auf den Ellbogen und schoß seine automatische Pistole ab.

»Da geht meine Aussicht auf Beförderung dahin«, lachte Garthwaite, als ein Weib, ein Schlachtermesser schwingend, auf den verwundeten jungen Mann eindrang. »Kommen Sie. Es ist die falsche Richtung, aber irgendwo kommen wir schon heraus.«

Wir flohen ostwärts durch die stillen Straßen, an jeder Ecke auf neues Unheil vorbereitet. Im Süden loderte ein ungeheurer Brand am Himmel, und wir wußten, daß das große Arbeiterviertel in Flammen stand. Zuletzt sank ich auf den Bürgersteig; ich war erschöpft und konnte nicht weiter. Ich war krank und zerschlagen, und alle Glieder schmerzten. Aber ich konnte mich doch eines Lächelns nicht erwehren, als Garthwaite, der sich eine Zigarette drehte, sagte:

»Ich weiß, ich bringe bei Ihrer Rettung alles durcheinander, aber ich finde weder Anfang noch Ende von der Situation. Es ist alles wie Kraut und Rüben. Jedesmal, wenn wir hinauswollen, geschieht etwas, und wir werden zurückgetrieben. Wir sind hier nur ein paar Ecken von der Stelle entfernt, wo ich Sie aus dem Torweg herausholte. Freund und Feind sind ein einziges Durcheinander, ein Chaos. Man weiß nicht, wer in den verwünschten Häusern steckt. Wenn man es wissen will, kriegt man eine Bombe auf den Kopf. Wenn man friedlich seines Weges geht, rennt man in den Mob hinein und wird durch die Maschinengewehre getötet, oder man rennt in die Söldner hinein und wird von seinen eigenen Genossen oben auf dem Dache totgeworfen. Und obendrein kommt der Mob und schlägt einen tot.«

Er schüttelte traurig den Kopf, zündete sich die Zigarette an und setzte sich neben mich.

»Und einen Hunger habe ich,« fügte er hinzu, »ich könnte Kieselsteine essen.«

Im nächsten Augenblick war er aufgesprungen und suchte auf der Straße einen Kieselstein, mit dem er das Schaufenster hinter uns einschlug.

»Es ist zwar das Erdgeschoß und kein gutes«, erklärte er, indem er mir durch das entstandene Loch half. »Aber es ist das Beste, was wir tun können. Sie schlafen ein bißchen, und ich gehe auf Erkundigung aus. Ich habe es übernommen, Sie zu retten, und das werde ich auch zu Ende bringen, aber ich brauche Zeit dazu, Zeit, eine Menge Zeit – und etwas zu essen.«

Es war ein Sattlerladen, in dem wir uns befanden, und er richtete mir in dem dahinterliegenden Privatbureau aus Pferdedecken ein Lager her. Zu all meinem Elend bekam ich jetzt noch heftige Kopfschmerzen, und ich war froh, daß ich die Augen schließen und versuchen konnte, zu schlafen.

»Ich komme wieder«, lauteten seine Abschiedsworte. »Ich habe zwar gar keine Hoffnung, ein Auto zu bekommen, aber etwas zu essen bringe ich ganz bestimmt.«

Ich sollte Garthwaite erst nach drei Jahren wiedersehen. Statt wiederzukommen, wurde er mit einem Lungenschuß und einem Schuß in die Fleischteile des Halses ins Krankenhaus gebracht.


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