Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Der Anfang vom Ende

Schon im Januar 1913 sah Ernst deutlich, welchen Lauf die Dinge nehmen würden, aber es gelang ihm nicht, auch die andern das Bild, das er von der Eisernen Ferse sah, sehen zu lassen. Sie waren zu vertrauensselig. Die Ereignisse näherten sich mit großer Hast der Entscheidung. Eine Weltkrise war eingetreten. Die amerikanische Oligarchie beherrschte tatsächlich den Weltmarkt und verdrängte zahllose Länder mit unverbrauchten und unverkäuflichen Überschüssen. Diesen Ländern blieb nichts übrig als eine vollkommene Umstellung. Sie konnten nicht fortfahren, Überschüsse, das heißt Exportwaren, zu erzeugen. In diesen Ländern brach das kapitalistische System rettungslos zusammen.

Die Umstellung nahm hier revolutionäre Formen an. Es war eine Zeit der Verwirrung und Gewalt. Überall brachen Staatsordnung und Regierung zusammen. In allen Ländern bis auf zwei oder drei kämpften die bisherigen Kapitalisten erbittert um ihren Besitz. Aber die Herrschaft wurde ihnen vom kämpfenden Proletariat entrissen. Endlich bewahrheitete sich der klassische Ausspruch von Karl Marx: »Die Totenglocke des Privateigentums hat geschlagen. Die Enteigner werden selbst enteignet.« Und ebenso schnell, wie die kapitalistischen Regierungen zusammenbrachen, entstanden an ihrer Stelle genossenschaftliche Gemeinwesen.

»Wo bleiben die Vereinigten Staaten!« »Wacht auf, ihr amerikanischen Revolutionäre!« »Was ist mit Amerika?« – so lauteten die Botschaften, die wir von unseren siegreichen Genossen in anderen Ländern erhielten. Aber wir konnten nicht emporgelangen, die Oligarchie versperrte uns den Weg. Wie ein riesiges Ungeheuer stand sie da.

»Wartet bis zum Frühjahr«, antworteten wir. »Dann sollt ihr sehen.«

Hinter diesen Worten lag unser Geheimnis. Wir hatten die Bauernpartei aufgesogen und mußten dadurch im Frühjahr die Regierungsgewalt in etwa einem Dutzend Staaten erlangen, in denen wir bei den letzten Herbstwahlen gesiegt hatten. Dann wollten wir sofort ein Dutzend genossenschaftlicher Staaten gründen, und das übrige war leicht.

»Wenn aber die Bauern nicht ans Ruder kommen?« fragte Ernst, und seine Genossen schalten ihn einen Schwarzseher.

Aber die Möglichkeit eines Fehlschlages für die Bauern war nicht die größte Gefahr, an die Ernst dachte. Er sah den Abfall der großen Gewerkschaften und das Entstehen von Kasten voraus.

»Ghent hat die Oligarchien gelehrt, wie sie es machen sollen,« sagte Ernst, »ich wette, daß sie sich nach seinem »Wohltätigen Feudalismus« Ein unter dem Titel »Wohltätiger Feudalismus« im Jahre 1902 von W. J. Ghent veröffentlichtes Buch. Man hat stets behauptet, daß Ghent den Großkapitalisten die Idee von der Oligarchie eingab. Dieser Glaube beherrschte die Literatur der drei Jahrhunderte der Eisernen Ferse und selbst noch die des ersten Jahrhunderts der Menschenverbrüderung. Heute wissen wir es besser, aber dieses, unser Wissen, schafft die Tatsache nicht aus der Welt, daß kein Mensch in der Geschichte je so unschuldig geschmäht wurde wie Ghent. richten.

Nie werde ich den Abend vergessen, an dem Ernst sich nach einer heftigen Auseinandersetzung mit einem halben Dutzend Arbeiterführer zu mir wandte und sagte:

»Das setzt den Schlußpunkt darunter. Die Eiserne Ferse hat gesiegt. Das Ende ist in Sicht.«

Diese kleine Besprechung in unserm Heim war nicht offiziell, aber Ernst und seine Freunde wollten Gewißheit haben, daß die Arbeiterführer beim nächsten Generalstreik ihre Leute auch wirklich aufriefen. Von den anwesenden Führern weigerte sich O'Connor, der Vorsitzende des Maschinenarbeiterverbandes, am hartnäckigsten, diese Zusicherung zu geben.

»Ihr habt gesehen, wie ihr bei eurer alten Streik- und Boykott-Taktik gründlich geschlagen wurdet«, drängte Ernst.

O'Connor und die übrigen nickten.

»Und ihr habt gesehen, was für eine Wirkung ein Generalstreik hat«, fuhr Ernst fort. »Wir haben den Krieg mit Deutschland verhindert. Noch nie hat die Solidarität und Macht der Arbeiter sich so glänzend bewährt. Der Arbeiter kann und wird die Welt beherrschen. Wenn ihr mit uns geht, werden wir der Herrschaft des Kapitals ein Ende machen. Das ist unsere einzige Hoffnung. Und was weiter geschieht, wißt ihr. Es gibt keinen anderen Ausweg. Was ihr auch nach eurer alten Taktik unternehmen mögt, ihr seid zur Niederlage verurteilt, und wenn aus keinem andern Grunde, so deshalb, weil die Kapitalisten die Gerichtshöfe beherrschen Im folgenden ein paar Beispiele für die Art der Entscheidungen der Gerichtshöfe gegen die Arbeiter: Die Beschäftigung der Kinder in den Kohlengruben war allgemein bekannt. Im Jahre 1905 gelang es der Arbeiterschaft in Pennsylvanien ein Gesetz durchzudrücken, welches bestimmte, daß das Alter des Kindes und eine gewisse Schulbildung von den Eltern eidlich bezeugt werden müßte. Diese Bestimmung wurde vom Luzerner Kreisgericht prompt als verfassungswidrig bezeichnet, weil es einen Unterschied zwischen Individuen derselben Klasse, nämlich Kindern über und unter vierzehn Jahren, mache. Das Landgericht bestätigte diese Entscheidung. Das New-Yorker Kammergericht erklärte im Jahre 1905 das Gesetz, das Frauen und Minderjährigen Fabrikarbeit nach neun Uhr abends untersagte, als verfassungswidrig, und zwar unter dem Vorwand, daß es ein Klassengesetz sei. In der damaligen Zeit waren die Bäcker furchtbar überarbeitet. Die gesetzgebende Körperschaft des Staates New York bestimmte, daß die Arbeit in den Bäckereien auf zehn Stunden täglich zu beschränken wäre. Im Jahre 1906 erklärte das Höchstgericht der Vereinigten Staaten dieses Gesetz als verfassungswidrig. In der Entscheidung hieß es: Es liegt kein vernünftiger Grund vor, die Freiheit von Personen und das Recht eines freien Vertrages zu unterbinden, indem man die Arbeitsstunden der Bäcker festsetzt..

»Sie übereilen sich«, antwortete O'Connor. »Sie kennen nicht alle Auswege. Es gibt noch andere. Wir wissen, woran wir sind. Wir sind streikmüde. Die Streiks sind schuld daran, daß man unsere Organisation in Fetzen gerissen hat. Aber ich glaube auch nicht, daß es je nötig sein wird, unsere Leute zum Generalstreik aufzurufen.«

»Und was ist Ihr Ausweg?« fragte Ernst barsch.

O'Connor lachte und schüttelte den Kopf.

»Ich sage Ihnen nur soviel: Wir haben nicht geschlafen. Und auch jetzt träumen wir nicht.«

»Es ist hoffentlich nichts, das man fürchten, oder dessen man sich schämen müßte,« forschte Ernst.

»Ich glaube, wir wissen am besten, was uns frommt«, lautete die Antwort.

»Nach der Art, wie Sie damit hinter dem Berge halten, scheint es nicht ganz sauber zu sein«, sagte Ernst in wachsendem Ärger,

»Wir haben unsere Erfahrungen mit Schweiß und Blut bezahlt. Und wir nehmen, was wir kriegen können«, lautete die Antwort. »Jeder ist sich selbst der Nächste.«

»Wenn ihr Angst habt, mir euren Ausweg zu nennen, so will ich ihn euch sagen.« Ernst wurde zornig. »Ihr tretet für eine Interessengemeinschaft mit dem Kapital ein. Ihr habt mit dem Gegner Verträge geschlossen. Das habt ihr getan. Ihr habt die Sache der Arbeiter, aller Arbeiter, verraten. Ihr verlaßt wie Feiglinge das Schlachtfeld.«

»Ich sage nichts«, antwortete O'Connor mürrisch. »Aber ich meine doch, daß wir ein wenig besser als Sie wissen müßten, was für uns das Vorteilhafteste ist.«

»Und Sie kümmern sich nicht einen Deut darum, was für die anderen Arbeiter am besten ist. Die lassen Sie zum Teufel gehen.«

»Ich sage nichts,« erwiderte O'Connor, »als daß ich der Vorsitzende des Maschinenarbeiterverbandes bin, und daß es meine Pflicht ist, die Interessen derer wahrzunehmen, die ich vertrete. Das ist alles.«

Und dann, als die Arbeiterführer uns verlassen hatten, erklärte Ernst mir ganz ruhig, welchen Gang die Ereignisse nehmen würden.

»Die Sozialisten«, sagte er, »pflegen freudig den Tag vorauszusagen, an dem die organisierten Arbeiter das wirtschaftliche Gebiet, auf dem sie noch jedesmal besiegt wurden, verlassen und endlich auf das politische übergehen werden. Nun hat die Eiserne Ferse die Gewerkschaften auf wirtschaftlichem Gebiete geschlagen und sie dadurch auf das politische getrieben; aber statt Freude wird es uns nur Sorgen bringen. Die Eiserne Ferse hat gelernt. Während des Generalstreiks haben wir ihr unsere Macht gezeigt, und deshalb hat die Eiserne Ferse Schritte unternommen, um einen zweiten Generalstreik zu verhindern.«

»Wieso?« fragte ich.

»Einfach, indem sie die großen Gewerkschaften subventioniert. Die werden den nächsten Generalstreik nicht mitmachen, und deshalb wird es gar keinen Generalstreik mehr geben.«

»Aber die Eiserne Ferse kann doch nicht ewig ein so kostspieliges Programm durchführen«, warf ich ein.

»Ach, sie subventionieren nicht alle Gewerkschaften. Das ist auch gar nicht nötig. Ich will dir sagen, wie es kommen wird: man wird die Löhne erhöhen und die Arbeitsstunden kürzen, und zwar für Eisenbahner, Eisen- und Stahlarbeiter, Techniker und Maschinisten.

Diese bevorzugten Verbände werden stets günstigere Bedingungen erhalten, und deshalb wird die Mitgliedschaft in ihnen wie ein Platz im Paradiese sein.«

»Das verstehe ich noch nicht ganz«, warf ich ein. »Was wird dann aus den anderen Verbänden? Die Zahl der auf diese Weise bevorzugten Gewerkschaften ist doch nur klein.«

»Die nicht unterstützten Verbände werden verschwinden – alle. Denn, siehst du, Eisenbahner, Maschinisten und Techniker, Eisen- und Stahlarbeiter verrichten alle für unsere maschinelle Kultur lebenswichtige Arbeit. Wenn die Eiserne Ferse sie hat, kann sie auf die übrigen Arbeiter pfeifen. Eisen, Stahl, Kohle, Maschinen und Transportmittel bilden das Rückgrat der ganzen Industrie.«

»Aber die Kohlen?« fragte ich. »Es gibt doch fast eine Million Arbeiter in den Kohlengruben.«

»Das sind meistens ungelernte Arbeiter. Die zählen nicht. Ihre Löhne werden fallen und ihre Arbeitsstunden zunehmen. Sie werden Sklaven sein wie wir andern, und sie werden wohl von uns allen zuerst zu reinen Arbeitstieren herabsinken. Sie werden ebenso zur Arbeit gezwungen werden wie die Bauern, die sich jetzt für die Herren abrackern müssen, die ihnen ihr Land abgegaunert haben. Und ebenso wird es allen andern Verbänden ergehen, die nicht zu den bevorzugten gehören. Du wirst sehen, wie diese Verbände wanken und abbröckeln, wie ihre Mitglieder zu Sklaven werden, die man durch die Hungerpeitsche und die drakonischen Gesetze zur Arbeit treibt.

»Weißt du, was aus Farley James Farley war ein berüchtigter Streikbrecher jener Zeit, ein Mann von mehr Mut als Moral und von unleugbarer Geschicklichkeit. Er stieg unter der Regierung der Eisernen Ferse zu hohen Würden auf und wurde schließlich in die Oligarchie aufgenommen. Im Jahre 1932 wurde er von Sarah Jenkins ermordet, deren Mann dreißig Jahre zuvor von den Streikbrechern Farleys umgebracht worden war. und seinen Streikbrechern wird? Ich will es dir sagen. Das Streikbrechen als Beruf wird aufhören. Es wird keine Streiks mehr geben. An die Stelle der Streiks werden Sklavenrevolten treten. Farley und seine Bande werden zu Sklaventreibern aufrücken. O nein, man wird das Ding nicht beim rechten Namen nennen; es wird heißen, daß sie dem Gesetz, das die Arbeiter zur Arbeit zwingt, Geltung verschaffen. Durch den Verrat der Gewerkschaften wird der Kampf verlängert werden. Der Himmel weiß, wo und wann die Revolution triumphieren wird.«

»Aber kann man, wenn die Oligarchie und die großen Gewerkschaften einen so mächtigen Bund geschlossen haben, überhaupt noch glauben, daß die Revolution je triumphieren wird?« fragte ich. »Wird dieses Bündnis nicht ewig dauern?«

Er schüttelte den Kopf. »Einer unserer Lehrsätze besagt, daß jedes auf Klassen und Kasten begründete System den Keim seines Zerfalls schon von Anfang an in sich trägt. Kann in einem auf Klassen begründeten System die Bildung von Kasten verhindert werden? Die Eiserne Ferse kann es nicht verhindern, und am Ende werden die Kasten die Eiserne Ferse vernichten. Die Oligarchen haben bereits Kasten unter sich gebildet; aber warte nur, bis die begünstigten Gewerkschaften dasselbe tun. Die Eiserne Ferse wird ihre ganze Macht aufbieten, um es zu verhindern, aber vergebens.

»Die begünstigten Gewerkschaften umfassen die Blüte der amerikanischen Arbeiter. Es sind starke, tatkräftige Männer Jeder tüchtige Arbeiter in den Vereinigten Staaten wird den Ehrgeiz haben, Mitglied dieser Verbände zu werden. Die Oligarchie wird diesen Ehrgeiz und den sich daraus ergebenden Wettbewerb anstacheln. Und die tüchtigen Arbeiter, die sonst vielleicht Revolutionäre geworden wären, werden uns so genommen, und ihre Kraft wird die Oligarchie stützen. Andererseits werden die Arbeiterkasten, die Mitglieder der bevorzugten Gewerkschaften, danach streben, ihre Organisationen zu geschlossenen Körperschaften zu machen. Und das wird ihnen gelingen. Die Mitgliedschaft in den Arbeiterkasten wird erblich werden. Die Söhne werden den Vätern folgen, und es wird keinen Zufluß neuer Kräfte aus dem ewigen Kräftereservoir, dem gemeinen Volk, mehr geben. Das bedeutet, daß die Arbeiterkasten entarten und immer schwächer werden. Gleichzeitig werden sie aber als Gesamtheit für eine Weile übermächtig sein. Sie werden der Palastgarde im alten Rom gleichen. Und es wird Palastrevolutionen geben, in denen die Arbeiterkasten sich der Herrschaft bemächtigen. Und die Oligarchen werden Gegenrevolutionen machen, und bald wird die eine, bald die andere Partei die Oberhand und damit die Herrschaft haben. Und unterdessen wird die unvermeidliche Kastenschwächung weiter fortschreiten, so daß schließlich das gemeine Volk durch den Niedergang der anderen zu seinem Rechte kommen wird.«

Diese Prophezeiung einer langsamen sozialen Entwicklung machte Ernst, als er durch den Abfall der großen Gewerkschaften bedrückt war. Ich habe ihm nie beigestimmt und tue es jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, weniger als je, denn gerade jetzt stehen wir, obgleich Ernst tot ist, vor einer Revolution, die alle Oligarchen hinwegfegen wird. Aber ich habe die Prophezeiung Ernsts niedergeschrieben, weil es seine Prophezeiung war. Trotz seinem Glauben an seine Theorie, bekämpfte er sie wie ein Riese und hat mehr als irgendein anderer dazu beigetragen, die Revolution, die jetzt gerade auf das Signal zum Ausbruch harrt, zu ermöglichen Diese Prophezeiung Everhards war bemerkenswert. In dem Licht vergangener Ereignisse sah er klar den Abfall der begünstigten Arbeiterverbände, die Erhebung und den langsamen Verfall der Arbeiterkasten, sowie den Kampf um die Herrschaft zwischen ihnen und der in Verfall geratenen Oligarchie..

»Wenn aber die Oligarchie bestehen bleibt?« fragte ich ihn an diesem Abend. »Was wird dann aus den großen Überschüssen werden, die alljährlich auf ihren Anteil entfallen?«

»Irgendwie müssen sie untergebracht werden,« erwiderte er, »und verlaß dich darauf, die Oligarchie wird schon einen Weg finden. Man wird herrliche Straßen bauen. Große wissenschaftliche und künstlerische Werke werden entstehen. Wenn die Oligarchen das Volk vollständig unterjocht haben, werden sie Zeit haben, für andere Dinge zu sparen. Sie werden Verehrer der Schönheit werden. Sie werden Kunstfreunde sein. Und die Künstler werden unter ihrer Herrschaft arbeiten und großmütig belohnt werden. Dann wird eine große Zeit für die Kunst kommen, und die Künstler werden sich nicht mehr vor dem Mittelstand beugen. Es wird eine große Zeit für die Kunst sein, sage ich dir. Und es werden Wunderstädte entstehen, neben denen die Städte der alten Zeit billig und gewöhnlich erscheinen. Und in diesen Städten werden die Oligarchen wohnen und die Schönheit anbeten Wir können die Voraussicht Everhards nur bewundern. Ehe der Gedanke an Wunderstädte wie Ardis und Asgard in den Köpfen der Oligarchen entstand, sah Everhard diese Städte und die unvermeidliche Notwendigkeit ihrer Gründung.. So wird der Überschuß beständig ausgegeben werden, während die Arbeiter ihre Arbeit verrichten. Die Schöpfung dieser großen Werke und Städte wird Millionen von Arbeitern einen Hungerlohn gewähren, denn die ungeheure Größe des Überschusses wird zu ebenso ungeheuren Ausgaben zwingen, und die Oligarchen werden für tausend, nein, für zehntausend Jahre bauen. Sie werden Bauten aufführen, wie Ägypter und Babylonier sie sich nicht träumen ließen. Und wenn die Oligarchen einst nicht mehr sind, dann werden ihre großen Straßen und Wunderstädte für die Brüderschaft der Arbeiter bleiben, daß diese in ihnen wohnen können Seit dem Tage dieser Prophezeiung sind drei Jahrhunderte der Herrschaft der Eisernen Ferse und vier Jahrhunderte der Verbrüderung der Menschheit verstrichen, und heute schreiten wir durch die Straßen und wohnen in den Städten, die die Oligarchen schufen. Es ist wahr, gerade jetzt bauen wir noch wunderbarere Wunderstädte, aber die, welche die Oligarchie gebaut hat, stehen noch, und ich schreibe diese Zeilen in Ardis, einer der wunderbarsten von allen.

Die Oligarchen werden diese Dinge tun, weil sie nicht anders können. Die großen Werke werden die Form sein, die die Verausgabung des Überschusses annehmen wird, und zwar ebenso, wie vor Jahrtausenden die herrschende Klasse in Ägypten den dem Volke erpreßten Überschuß für den Bau von Tempeln und Pyramiden verwendete. Unter den Oligarchen wird kein Priesterstand, wohl aber ein Künstlerstand blühen. Und an die Stelle der bürgerlichen, handeltreibenden Klasse werden die Arbeiterkasten treten. Tief unter ihnen aber wird der Abgrund sein, in dem das gemeine Volk, die große Masse der Bevölkerung, faulen, hungern, verwesen und sich doch immer wieder in sich erneuern wird. Und am Ende, wer weiß wann, wird das gemeine Volk sich aus diesem Abgrund erheben, Arbeiterkasten und Oligarchie werden abbröckeln, und endlich wird nach jahrhundertelanger Arbeit der Tag für den einfachen Mann anbrechen. Ich hatte geglaubt, diesen Tag erleben zu dürfen. Jetzt aber weiß ich, daß ich ihn nie sehen werde.«

Er hielt inne und sah mich an. Dann fügte er hinzu:

»Die soziale Entwicklung geht entsetzlich langsam, nicht wahr, Liebling?«

Ich umarmte ihn; er legte seinen Kopf an meine Brust. »Sing' mich in Schlaf«, murmelte er in seltsamem Ton. »Ich habe eine Vision gehabt und möchte sie vergessen.«


 << zurück weiter >>