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Die Vision des Bischofs

»Der Bischof hat den Kopf verloren«, schrieb Ernst mir. »Er schwebt gänzlich in der Luft. Heute abend will er beginnen, in unserer elenden kleinen Welt wieder Ordnung zu schaffen. Er will seine Botschaft verkünden. Das hat er mir gesagt, und ich kann ihn nicht davon abbringen. Heute abend führt er den Vorsitz in der I. H. P. Der mit diesen Buchstaben bezeichnete Name der Organisation ist nicht festzustellen. und will gleich in seinen einleitenden Worten seine Verkündigung bringen.

»Soll ich dich mitnehmen? Sein Versuch ist natürlich schon im voraus zum Scheitern verurteilt. Es wird dir und ihm das Herz brechen, aber für dich und mich wird es eine ausgezeichnete Lehre sein. Du weißt, liebes Herz, wie stolz ich auf deine Liebe bin. Und deshalb möchte ich, daß du meinen vollen Wert erkennst, daß ich in deinen Augen wieder gut mache, was dir an mir unwürdig erschienen sein mag. Mein Stolz will, daß du meine Meinung als korrekt und richtig erkennen sollst. Meine Ansichten sind hart, aber der Mißerfolg eines so edlen Menschen wie des Bischofs wird dir sagen, warum ich zu solcher Härte gezwungen bin. Komm also heute abend; so Trauriges sich auch ereignen mag, fühle ich doch, daß es dich mir näher bringen wird.«

Die I. H. P. hielt an diesem Abend eine Versammlung in San Franzisko a Mit dem Fährboot brauchte man nur wenige Minuten von Berkeley nach San Franzisko. Diese sowie die andern Städte an der Bucht bilden in Wirklichkeit einen einzigen Komplex.. Die Versammlung war einberufen worden, um über geeignete Mittel zur Bekämpfung der öffentlichen Unmoral zu beraten. Bischof Morehouse führte den Vorsitz. Als er auf dem Katheder stand, konnte ich deutlich sehen, wie nervös und aufgeregt er war. Neben ihm saßen Bischof Dickinson, H. H. Jones, Professor der Ethik an der kalifornischen Universität, Frau W. W. Burd, die große Organisatorin wohltätiger Veranstaltungen, Philipp Ward, der ebenso große Philantrop, und noch einige kleinere Leuchten auf dem Gebiet der Moral und der Nächstenliebe. Bischof Morehouse erhob sich und begann ohne Einleitung:

»Ich fuhr gestern in meinem Wagen durch die Straßen. Es war Abend. Hin und wieder sah ich durch die Wagenfenster, und plötzlich war mir, als würden mir die Augen geöffnet, und ich sah die Dinge, wie sie wirklich sind. Zuerst bedeckte ich meine Augen mit den Händen, um sie dem schrecklichen Anblick zu verschließen, dann aber, in der Dunkelheit klang die Stimme: Was tun? Kurz darauf erhob sich die Frage in anderer Weise: Was würde der Herr tun? Und bei dieser Frage schien helles Licht den Raum zu erfüllen, und ich erkannte sonnenklar meine Pflicht wie Saul die seine auf dem Wege nach Damaskus.

Ich ließ halten, stieg aus und überredete mit einigen Worten zwei öffentliche Dirnen, sich zu mir in den Wagen zu setzen. Wenn Jesus recht hatte, dann waren diese Unglücklichen meine Schwestern, und die einzige Hoffnung auf ihre Läuterung lag in meiner Liebe und Fürsorge.

Ich wohne in einer der anmutigsten Gegenden San Franziskos. Das Haus, in dem ich wohne, hat hunderttausend Dollar gekostet, die Möbel, die Bibliothek und die Kunstwerke noch viel mehr. Es ist ein herrschaftliches Haus, nein, ein Palast mit vielen Bedienten. Ich habe nie gewußt, wozu Paläste gut sind. Ich hatte gedacht, um darin zu leben. Jetzt aber weiß ich es. Ich nahm die beiden Frauen von der Straße in meinen Palast, und sie werden bei mir bleiben. Ich hoffe, jedes Zimmer meines Palastes mit Schwestern wie diesen füllen zu können.«

Die Zuhörer waren immer unruhiger und verwirrter geworden, und die Gesichter derer, die auf dem Podium saßen, verrieten immer mehr Schrecken und Niedergeschlagenheit. Und an dieser Stelle erhob Bischof Dickinson sich und verließ mit einem Ausdruck des Widerwillens eilig das Podium und die Halle. Bischof Morehouse aber hatte alles um sich her vergessen, seine Augen strahlten seherisch, und er fuhr fort:

»O, meine Schwestern und Brüder, diese meine Handlungsweise zeigte mir einen Weg zur Überwindung aller Schwierigkeiten. Ich hatte bisher nicht gewußt, wozu man Wagen hat. Jetzt weiß ich es. Es gibt sie, damit Schwache, Kranke und Alte fahren können; es gibt sie, damit denen Ehre erwiesen werde, die selbst das Schamgefühl verloren haben.

»Ich wußte nicht, wozu Paläste erbaut wurden, jetzt aber habe ich erkannt, wozu sie nützlich sind. Die Paläste der Kirche sollten Hospitäler und Heime für die sein, die auf Abwege geraten und gefährdet sind.« Er machte eine lange Pause, völlig von seinen Gedanken überwältigt und in nervöser Aufregung, wie er sie am besten zum Ausdruck bringen sollte.

»Ich bin nicht der Rechte, meine lieben Brüder, von Moral zu Ihnen zu sprechen. Ich habe zu lange in Schmutz und Heuchelei gelebt, als daß ich imstande wäre, anderen zu helfen; aber das, was ich mit den Frauen, meinen Schwestern, getan habe, zeigt mir, daß der bessere Weg leicht zu finden ist. Für die, welche an Jesus und sein Evangelium glauben, kann es nichts anderes zwischen Mensch und Mensch geben als die Liebe. Liebe allein ist stärker als Sünde – stärker als Tod. Deshalb sage ich zu den Reichen unter Ihnen, daß es Ihre Pflicht ist, zu tun, wie ich getan habe und tue. Möge jeder von euch, dem es gut geht, einen Dieb oder eine Unglückliche in sein Haus nehmen und als Bruder oder Schwester behandeln, und San Franzisko wird keine Polizei und keine Obrigkeit mehr brauchen, die Gefängnisse werden in Hospitäler verwandelt werden, und das Verbrechen wird mit den Verbrechern verschwinden.

»Wir müssen uns selbst geben, nicht nur unser Geld. Wir müssen tun, was Christus tat. Das ist die Botschaft der Kirche heute. Wir sind weit von der Lehre des Herrn abgewichen. Wir haben Geld an die Stelle Christi gesetzt. Ich möchte euch ein Gedicht vorlesen, in dem alles gesagt wird. Es wurde von einer irrenden Seele geschrieben, die dennoch klar sah Oscar Wilde, einer der Meister der Sprache im 19. Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung.. Es darf nicht mißverständlich als Angriff auf die katholische Kirche aufgefasst werden. Es ist ein Angriff auf alle Kirchen, auf den Pomp und Glanz aller Kirchen, die vom Wege des Herrn abgewichen sind und sich von seinen Lämmern abgesondert haben. Hört:

Silberfanfaren hallten durch den Dom,
Und betend lag das Volk auf seinen Knien;
Und einem hohen Gotte gleich erschien
Hoch über Tausenden, der heil'ge Herr von Rom.

Nach Art der Priester schneeweiß war sein Kleid,
Und Purpur wallte an ihm königgleich;
Drei goldene Kronen trug sein Haupt zugleich.
So schritt der Papst in Glanz und Herrlichkeit.

Da dacht' ich, wie der eine einst allein
Verlassen wanderte an ödem Strand,
Vergeblich suchend eine Ruhestatt:
›Der Fuchs hat seinen Bau, der Vogel hat
Sein Nest; ich aber keine Stätte fand,
Und Tränen salzen meinen kargen Wein.‹«

Die Zuhörer waren erschüttert, aber sie blieben stumm. Bischof Morehouse bemerkte es jedoch nicht. Er fuhr unbeirrt fort:

»Und so sage ich denn zu den Reichen unter euch, und zu allen Reichen überhaupt, daß ihr die Lämmer des Herrn arg bedrängt. Ihr habt eure Herzen verhärtet. Ihr habt eure Ohren den Stimmen verschlossen, die im Lande rufen, Stimmen von Sorge und Qual, die ihr nicht hören wollt, die aber doch eines Tages gehört werden. Und so sage ich euch –«

An dieser Stelle führten H. H. Jones und Philipp Ward, die sich bereits von ihren Sitzen erhoben hatten, den Bischof vom Katheder, während die Zuhörer atemlos und erschüttert dasaßen.

Als wir wieder auf der Straße standen, lachte Ernst hart und wild. Sein Lachen berührte mich unangenehm. Mir schien das Herz von unterdrückten Tränen zerspringen zu wollen.

»Er hat seine Botschaft ausgerichtet«, rief Ernst. »Die Menschlichkeit und das tief verborgene, zarte Wesen ihres Bischofs brachen hervor, und da schlossen seine christlichen Zuhörer, die ihn liebten, daß er verrückt sei! Hast du gesehen, wie behutsam sie ihn fortführten? Die Hölle muß bei diesem Schauspiel gelacht haben.«

»Und doch muß, was der Bischof heute tat und sagte, großen Eindruck gemacht haben«, sagte ich.

»Meinst du?« fragte Ernst spöttisch.

»Es wird Aufsehen erregen«, erklärte ich. »Hast du nicht gesehen, wie die Referenten während seiner Rede sich die Finger wund schrieben?«

»Nicht eine Zeile davon wird morgen in den Zeitungen stehen.«

»Das kann ich nicht glauben!« rief ich.

»Warte nur ab«, lautete die Antwort. »Nicht eine Zeile, nicht ein Gedanke, den er geäußert hat. Die Tagespresse? Lügenpresse!«

»Aber die Referenten?« warf ich ein. »Ich habe sie doch gesehen.«

»Nicht ein Wort von dem, was er gesprochen hat, wirst du gedruckt sehen. Du vergißt die Redakteure. Sie beziehen ihre Gehälter für die Politik, die sie treiben. Und ihre Politik besteht darin, nichts zu drucken, was eine vitale Bedrohung der bestehenden Ordnung bedeutet. Die Rede des Bischofs war ein heftiger Angriff auf die herrschende Moral. Sie war Ketzerei. Man führte ihn vom Podium, um weitere Ketzereien zu verhüten. Die Zeitungen werden seine Ketzereien mit Stillschweigen übergehen. Die Presse der Vereinigten Staaten? Sie ist eine Schmarotzerpflanze, die sich an der kapitalistischen Klasse mästet. Ihre Aufgabe ist, die öffentliche Meinung zugunsten der herrschenden Klasse zu beeinflussen, und das tut sie gründlich.

»Laß mich prophezeien. Die Zeitungen werden morgen nur melden, daß die Gesundheit des Bischofs angegriffen, daß er überarbeitet und gestern abend zusammengebrochen sei. Einige Tage später wird man eine Notiz bringen, daß seine Nerven vollkommen zerrüttet seien, und daß seine dankbare Gemeinde ihm einen längeren Urlaub bewilligt habe. Dann wird folgendes geschehen: Entweder wird der Bischof seinen Irrtum einsehen und von seinem Urlaub als ein gesunder Mensch zurückkehren, der keine Visionen mehr hat, oder er beharrt in seinem Wahn, und dann wirst du sicher in den Zeitungen, mit rührendem Zartgefühl versteckt, die Meldung lesen, daß er geisteskrank geworden sei. Und dann wird er seine Visionen gepolsterten Wänden erzählen können.«

»Jetzt gehst du zu weit!« rief ich.

»In den Augen der Gesellschaft ist es wirklich Wahnsinn«, erwiderte er. »Welcher ehrenhafte und nicht wahnsinnige Mann würde Dirnen und Diebe in sein Haus aufnehmen und als Schwestern und Brüder behandeln? Christus starb allerdings zwischen zwei Dieben, aber das ist etwas anderes. Wahnsinn? Die Geistesprozesse eines Menschen, mit dem man nicht übereinstimmt, sind immer irrig, und der Geist dieses Menschen ist daher irre. Wo ist die Grenze zwischen Irren und Irresein? Es ist unfaßbar, daß ein gesunder Mensch in völligem Widerspruch mit den Schlüssen eines andern gesunden Menschen stehen kann.

»Ein gutes Beispiel dafür steht in der heutigen Abendzeitung. Am Südende der Market Street wohnt Mary McKenna, eine arme, aber ehrliche Frau. Patriotin ist sie auch. Aber sie hat irrige Gedanken bezüglich der amerikanischen Flagge und des Schutzes, den diese Flagge vermutlich symbolisieren soll. Ihr Mann hatte einen Unfall und mußte drei Monate im Krankenhaus liegen. Trotzdem sie für andere wusch, blieb sie mit der Miete im Rückstand. Gestern wollte man sie aus ihrer Wohnung treiben. Da hüllte sie sich in eine amerikanische Flagge und erklärte, daß sie nun geschützt sei und nicht auf die kalte Straße gesetzt werden könnte. Und was geschah? Sie wurde als wahnsinnig festgenommen. Heute ist sie von Irrenärzten untersucht und für verrückt erklärt worden. Man hat sie in das Napa-Asyl gebracht.«

»Aber das ist doch etwas ganz anderes«, warf ich ein. »Angenommen, ich hätte über den literarischen Wert eines Buches andere Ansichten als alle anderen, so würde man mich doch deshalb nicht in eine Heilanstalt bringen.«

»Sehr richtig«, erwiderte er. »Aber diese Meinungsverschiedenheit ist keine Drohung für die Gesellschaft. Darin eben liegt der Unterschied. Die Meinungsverschiedenheit Mary McKennans und die des Bischofs aber bedrohen die Gesellschaft. Wie, wenn alle Armen die Mietezahlung verweigerten und hinter der amerikanischen Flagge Schutz suchen wollten? Die Grundbesitzer würden ja ruiniert werden. Und die Anschauungen des Bischofs sind ebenso gefährlich für die Gesellschaft. Also in die Anstalt mit ihnen!«

Aber ich wollte es noch nicht glauben.

»Warte es ab«, sagte Ernst, und ich wartete.

Am nächsten Morgen ließ ich alle Zeitungen holen. Insofern hatte Ernst recht: nicht ein Wort aus der Rede des Bischofs war gedruckt. Ein oder zwei Zeitungen schrieben lediglich, daß der Bischof von seinen Gefühlen übermannt worden sei. Dagegen waren die Plattheiten der Redner, die nach ihm gesprochen hatten, vollständig wiedergegeben.

Einige Tage später erschien eine kurze Notiz, daß der Bischof in Urlaub gegangen sei, um sich von den Folgen einer Überarbeitung zu erholen. Soweit war alles gut; von Wahnsinn, ja auch nur von einem Nervenzusammenbruch wurde keine Andeutung gemacht. Ich ließ mir nicht träumen, welchen Leidensweg der Bischof noch gehen sollte, den Weg nach Golgatha und zum Kreuz, wie Ernst es vorausgesehen hatte.


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