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Die Wißbegierigen

Ernst besuchte uns jetzt oft. Es war nicht nur mein Vater, und es waren auch nicht allein die Streitfragen, die bei Gesellschaften an unserm Tische erörtert wurden, welche ihn anzogen, vielmehr schmeichelte ich mir damals, teilweise selbst die Veranlassung zu seinen Besuchen zu sein, und bald darauf erfuhr ich, daß meine Vermutung richtig gewesen war. Nie hat es einen Liebhaber gegeben wie Ernst Everhard. Sein Blick und sein Händedruck wurden, wenn möglich, noch fester und sicherer, und die Frage, die von Anfang an in seinen Augen gestanden, noch gebieterischer.

Mein erster Eindruck von ihm war ungünstig gewesen. Dann hatte ich mich von ihm angezogen gefühlt. Dann wieder hatte er mich mit seinen brutalen Angriffen auf meine Klasse und mich abgestoßen. Als ich jedoch eingesehen hatte, daß er meine Klasse nicht verleumdet hatte, daß alles Bittere, das er von ihr sagte, berechtigt war, fühlte ich mich wieder zu ihm hingezogen. Er wurde mein Orakel. Um meinetwillen riß er der Gesellschaft die Maske vom Gesicht und gewährte mir Einblicke in die Wirklichkeit, die zwar unerfreulich, aber unbestreitbar richtig waren.

Wie gesagt: Nie hat es einen Liebhaber gegeben wie ihn. Kein Mädchen konnte bis zu ihrem fünfundzwanzigsten Lebensjahr in einer Universitätsstadt leben, ohne Liebeserfahrungen gemacht zu haben. Auch ich hatte meine Verehrer gehabt, und zwar bartlose Studenten, ergraute Professoren und Sportsleute jeder Art. Aber nicht einer von ihnen hatte mir den Hof gemacht, wie Ernst es tat. Ehe ich es wußte, hatte er mich umarmt. Ehe ich Einspruch erheben oder es verhindern konnte, hatten seine Lippen sich auf die meinen gepreßt. Seinem Ernst gegenüber hätte konventionelle Geziertheit lächerlich gewirkt. Sein glänzendes, unwiderstehliches Ungestüm riß den Boden unter mir fort. Er machte mir keinen Antrag. Er umschloß mich, küßte mich und hielt es dann für abgemacht, daß wir uns heiraten sollten. Das war keine Frage. Die einzige Frage – sie entstand erst später – war, wann wir heiraten sollten.

Es war beispiellos. Es war phantastisch. Aber, in Übereinstimmung mit Ernsts Wahrheitsbeweis: es wirkte. Ich vertraute ihm mein Leben an. Und dies Vertrauen war glückverheißend. Dennoch war mir oft in den ersten Tagen unserer Liebe bange vor der Zukunft, wenn ich an die Heftigkeit und das Ungestüm seiner Liebe dachte. Aber diese Furcht war unbegründet. Nie ist eine Frau mit einem edleren, zartfühlenderen Gatten beglückt worden. Sein Zartgefühl und sein Ungestüm waren eine seltsame Mischung, ähnlich der von Verlegenheit und Ungezwungenheit in seinem Benehmen. Diese linkische Verlegenheit! Er überwand sie nie, und sie war köstlich. Sein Benehmen in unsern Salons war das eines ängstlichen Bullen in einem Porzellanladen In jenen Tagen hatte man noch die Gewohnheit, die Wohnräume mit Nippes zu füllen. Man hatte noch nicht die Einfachheit des Lebens entdeckt. Solche Räume waren Museen, die unaufhörliches Reinmachen erforderten. Der Dämon Staub war Herr im Hause. Es gab unzählige Erfindungen zur Bekämpfung des Staubes und nur sehr wenige, die wirklich nutzten.. In dieser Zeit schwanden auch meine letzten Zweifel an meiner Liebe zu ihm (es waren höchstens unbewußte Zweifel). Im »Klub der Wißbegierigen« bot Ernst an einem prachtvollen Kampfabend den Herren in ihrem Lager Trotz. Die »Wißbegierigen« waren der exklusivste Klub an der pazifischen Küste. Er war eine Gründung von Fräulein Brentwood, einer sehr reichen alten Jungfer, und war für sie Gatte, Familie und Spielzeug. Seine Mitglieder waren die reichsten Leute der Stadt, die Dollarfürsten, denen, um dem Klub eine intellektuelle Note zu geben, natürlich einzelne Gelehrte zugesellt waren.

Die »Wißbegierigen« hatten kein Klubhaus. Ein derartiger Klub war es nicht. Die Mitglieder trafen sich einmal monatlich in einem ihrer Privathäuser, um einen Vortrag zu hören. Die Vortragenden erhielten gewöhnlich, wenn auch nicht immer, ein Honorar. Wenn ein Chemiker in New York eine neue Entdeckung, sagen wir Radium, machte, wurden ihm alle Reisekosten quer über den Kontinent sowie eine fürstliche Vergütung für seinen Zeitverlust bezahlt. Dasselbe war der Fall mit einem heimgekehrten Nordpolfahrer und einem erfolgreichen Schriftsteller oder Künstler. Gäste wurden nicht zugelassen, weil die Wißbegierigen die Politik verfolgten, nichts von ihren Diskussionen in die Zeitungen gelangen zu lassen. Daher konnten Staatsmänner – und es hatte solche Gelegenheiten gegeben – ganz offen ihre Meinungen aussprechen.

Vor mir liegt ein zerknitterter Brief, den Ernst mir vor zwanzig Jahren geschrieben hat, und dem ich folgendes entnehme:

»Dein Vater ist Mitglied der Wißbegierigen. Du hast also Zutritt. Komm daher am nächsten Dienstag abend. Ich verspreche dir eine der schönsten Stunden deines Lebens. Als du seinerzeit die Herren sprachst, war es dir nicht möglich, sie aufzurütteln. Wenn du jetzt kommst, werde ich es für dich tun. Ich will sie knurren lassen wie die Wölfe. Du hast sie nur bei ihrer Moral gepackt. Dabei fühlen sie sich nur um so selbstgefälliger und erhabener. Ich werde ihren Geldbeutel bedrohen. Das wird die Wurzeln ihres Wesens erschüttern. Wenn du kommst, wirst du den Höhlenmenschen im Smoking über einem Knochen knurren und zuschnappen sehen. Ich verspreche dir eine prachtvolle Katzenmusik und einen tiefen Einblick in das Wesen der Bestien.

»Sie haben mich eingeladen in der Absicht, mich zu zerreißen. Es ist die Idee von Fräulein Brentwood, die sie nur ungeschickt verbarg, als sie mich einlud. Sie hat ihnen schon den Vorgeschmack von diesem Spaß gegeben. Man schwelgt in dem Gedanken, einen vertrauensvollen, höflichen Weltverbesserer zu sehen zu bekommen. Fräulein Brentwood hält mich für so sanft wie ein Kätzchen und so gutmütig und dumm wie eine Familienkuh. Ich leugne nicht, daß ich ihr geholfen habe, diesen Eindruck zu gewinnen. Zuerst war sie sehr vorsichtig, bis sie meine Harmlosigkeit festgestellt hatte. Ich bekomme ein hübsches Honorar – zweihundertfünfzig Dollar – wie es einem Manne zukommt, der, wenn auch bei den Radikalen, eine leitende Stellung einnimmt. Ich muß auch im Smoking kommen. Das ist Zwang. Ich habe noch nie so etwas angehabt und werde mir wohl irgendwo ein solches Möbel leihen müssen. Aber um eine solche Gelegenheit bei den Wißbegierigen zu erhalten, würde ich noch mehr tun.«

An diesem Abend versammelte sich der ganze Klub im Hause Pertonwaithe. Der große Saal stand voller Stühle, und alles in allem müssen zweihundert Wißbegierige dagewesen sein, um Ernst zu hören. Es waren wirklich die Löwen der Gesellschaft. Ich machte mir das Vergnügen, in Gedanken die Summe des Vermögens, das diese Leute repräsentierten, zu veranschlagen; sie lief in die Hunderte von Millionen. Und dabei waren die Besitzer nicht untätig. Es waren Geschäftsleute, die den regsten Anteil am industriellen und politischen Leben nahmen.

Wir hatten alle Platz genommen, als Fräulein Brentwood Ernst hereinführte. Alles wandte sich gleichzeitig nach der Seite des Raumes, wo er sprechen sollte. Er war im Smoking und sah prachtvoll aus mit seinen breiten Schultern und seinem königlichen Kopfe. Über seinen Bewegungen lag wieder der leichte, unverkennbare Hauch von Verlegenheit. Ich glaube fast, ich hätte ihn schon deswegen allein lieben können. Als ich ihn ansah, empfand ich eine große Freude. Ich fühlte wieder den Pulsschlag seiner Hand in der meinen und die Berührung seiner Lippen; und so groß war mein Stolz, daß ich am liebsten aufgestanden wäre und der Versammlung zugerufen hätte: »Er ist mein! Er hat mich in seinen Armen gehalten, und ich, ich allein, habe seine Seele bis zur Grenze ihrer Möglichkeiten und ihrer königlichen Gedanken erfüllt!« Gleich bei seinem Eintritt stellte Fräulein Brentwood ihn Herrn Van Gilbert vor, der, wie ich erfuhr, den Vorsitz führen sollte. Herr Van Gilbert war ein großer Trustanwalt und dazu ungeheuer reich. Seine geringste Honorarforderung betrug hunderttausend Dollar. Er kannte das Gesetz in und auswendig. Es war eine Puppe, mit der er spielen konnte. Er knetete es wie Lehm, verdrehte und verzerrte es wie ein chinesisches Spielzeug in jeder gewünschten Richtung. Seine Erscheinung sowie seine Redeweise waren altmodisch, an Phantasie, Kenntnissen und Begabung aber nahm er es mit dem Jüngsten auf. Seine erste Berühmtheit hatte er erlangt, als er das Shardwellsche Testament mit Erfolg anfocht Dieses Anfechten von Testamenten war ein besonderer Zug jener Zeit. Die Anhäufung von Riesenvermögen stellte ihre Besitzer vor das schwierige Problem, Verfügungen über die Anwendung des Geldes nach ihrem Tode zu treffen. Das Aufsetzen und Anfechten von Testamenten war etwa so wie die Fabrikation von Panzerplatten und Kanonen. Die gerissensten Anwälte wurden beauftragt, Testamente aufzusetzen, die nicht angefochten werden konnten. Aber immer wurden die Testamente angefochten und sehr oft gerade durch die Anwälte, die sie aufgesetzt hatten. Nichts destoweniger blieb die besitzende Klasse in ihrem Wahn, daß es möglich sei, ein absolut unanfechtbares Testament aufzusetzen, und so kämpften Klienten und Advokaten Generationen hindurch um diese Fiktion.. Allein hierfür erhielt er ein Honorar von einer halben Million Dollar. Dann war er wie eine Rakete aufgestiegen. Man nannte ihn oft den größten Anwalt – Trustanwalt natürlich – des Landes. Und wenn man die Namen der drei größten Anwälte der Vereinigten Staaten nannte, durfte der seine nicht fehlen.

Er erhob sich und stellte Ernst mit einigen wohlgesetzten Worten vor, die einen leicht ironischen Unterton enthielten. Bei der Vorstellung dieses sozialen Reformators und Angehörigen der arbeitenden Klasse war Van Gilbert geistreich und ironisch, und die Zuhörer lächelten. Das ärgerte mich, und ich sah Ernst an. Sein Anblick ärgerte mich noch mehr. Er schien die feinen Anspielungen nicht übel zu nehmen, ja, noch schlimmer, gar nicht zu verstehen. Höflich, dumm und schläfrig saß er da. Er sah direkt stumpfsinnig aus, und einen Augenblick stieg der Gedanke in mir auf: Wie, wenn die imposante Versammlung von Macht und Geist ihn eingeschüchtert hätte? Dann aber lächelte ich. Mich konnte er nicht narren. Die andern aber narrte er, wie er Fräulein Brentwood genarrt hatte. Sie setzte sich auf einen Stuhl in der ersten Reihe, wandte sich mehrmals zu einem oder andern ihrer Gesinnungsgenossen und lächelte beifällig über deren Bemerkungen.

Als Herr Van Gilbert geendet hatte, erhob Ernst sich und begann zu sprechen. Er tat es mit leiser Stimme, bescheiden und zurückhaltend, und seine Miene zeigte deutlich seine Schüchternheit. Er sprach von seiner Herkunft aus der arbeitenden Klasse und von dem Schmutz und Elend seiner Umgebung, wo Körper und Geist gleicherweise Hunger und Qualen erlitten. Er schilderte seine Bestrebungen und Ideale und seine Vorstellung von dem Paradiese, in dem die oberen Klassen lebten. Er sagte:

»Ich wußte, daß dort Selbstlosigkeit, ein reines edles Denken und freier Geist herrschten. Ich wußte, das alles, denn ich las die Romane der »Seebücherei« Eine merkwürdige Sammlung von Romanen, die der arbeitenden Klasse das Wesen der Drohnenklasse in einem ganz falschen Licht zeigen sollten., in denen, mit Ausnahme der Bösewichte und Abenteurer, jeder Mann und jede Frau nur die wundervollsten Gedanken denkt, die herrlichste Sprache redet und die glorreichsten Taten vollbringt. Kurz, es war mir klar wie die Sonne, daß bei ihnen alles fein, edel und schön war, daß sie alles hatten, was dem Leben Anstand und Würde verlieh, alles, was das Leben lebenswert erscheinen ließ und den Menschen für seine Mühe und sein Elend entschädigte.«

Er fuhr fort und schilderte sein Leben in der Fabrik, seine Lehrzeit in der Hufschmiede und seine Begegnung mit den Sozialisten. Unter ihnen, sagte er, hätte er scharfen Verstand und glänzenden Geist gefunden, Verkünder des Evangeliums, die gescheitert wären, weil ihr Christentum zu groß für die Anschauungen der Kapitalisten und Professoren gewesen, und die daher von der herrschenden Klasse unter dem Rade ihres Kastengeistes zermalmt worden wären. Die Sozialisten wären Revolutionäre, sagte er, die darnach strebten, die vernunftwidrige Gesellschaft der Gegenwart umzustoßen, und die fähig wären, die vernunftgemäße Gesellschaft der Zukunft aufzubauen. Und noch vieles andere sagte er, das hier niederzuschreiben zu weit führen würde, aber nie werde ich vergessen, wie er das Leben der Revolutionäre schilderte. Alle Zurückhaltung schwand, seine Stimme wurde stark und sicher und glühte wie er selbst und die Gedanken, die er zum Ausdruck brachte. Er sagte:

»Bei den Revolutionären fand ich warmes Vertrauen zur Menschheit, glühenden Idealismus, edelste Selbstlosigkeit, Erhebung und Märthyrertum – alle glänzenden, scharfen Eigenschaften des Geistes. Hier war das Leben rein, edel und lebendig. Es stand unter dem Einfluß großer Seelen, die Körper und Geist über Dollar und Cent erhoben, und denen das Jammern hungernder Kinder in schmutzigen Gassen mehr bedeutete als aller Pomp und alles Streben nach kommerzieller Expansion und Weltherrschaft. Alles um mich her war edler Wille und heldenmütiges Handeln, meine Tage und Nächte waren Sonnenschein und Sternenglanz, Licht und Tau, und vor meinen Augen stand in ewigem Flammenschein der heilige Gral, der Gral Christi, dieses barmherzigen Menschen, der so schmerzlich litt und mißhandelt wurde, um doch schließlich erlöst zu werden.«

Wie schon einmal zuvor, so stand Ernst auch jetzt verklärt vor mir. Auf seiner Stirn strahlte das Göttliche, das in ihm war, und mehr noch leuchteten seine Augen aus diesem Strahlenkranz, der ihn wie ein Mantel umhüllte. Aber die andern sahen diesen Strahlenkranz nicht, und ich dachte, daß vielleicht die Tränen, die ich vor Liebe und Freude weinte, meine Augen getrübt hätten. Jedenfalls war Herr Wickson, der hinter mir saß, gänzlich unangefochten, denn ich hörte ihn laut und höhnisch sagen: »Utopie« Die Menschen jenes Zeitalters waren Sklaven der Phrase. Ihre Unterwürfigkeit ist uns unverständlich. Worte hatten für sie eine Macht, die größer war als die Kunst von Hexenmeistern. So trunken und chaotisch war ihr Verstand, daß ein einziges Wort alle Ergebnisse ernsthaften Forschens und Denkens zunichte machen konnte. Ein solches Wort war »Utopie«. Dieses Wort allein genügte zur Verurteilung einer Idee, die eine ökonomische Veränderung betraf, so vernünftig sie auch sein mochte. Weite Teile der Bevölkerung verloren den Verstand über Phrasen, wie »ein guter Dollar« und »ein voller Fleischtopf«. Das Pflegen solcher Phrasen hielt man für äußerst gefühlvoll..

Ernst erzählte nun von seinem Aufstieg in der Gesellschaft, bis er schließlich mit Mitgliedern der oberen Klassen in Berührung war und Schulter an Schulter neben den Männern stand, die die höchsten Stellungen einnahmen. Dann war seine Enttäuschung gekommen, und diese Enttäuschung schilderte er in Ausdrücken, die für seine Zuhörer nicht gerade schmeichelhaft waren. Der überall herrschende Schmutz hatte ihn überrascht, das Leben hatte sich nicht als schön und freundlich erwiesen. Er war entsetzt über den Eigennutz, dem er begegnete, und mehr noch überraschte ihn der Mangel an geistigem Leben. Frisch von den Revolutionären gekommen, empörte ihn der geistige Stumpfsinn der herrschenden Klasse. Und dazu hatte er erkannt, daß sie alle, Männer und Frauen, trotz ihren herrlichen Kirchen und gut gelohnten Geistlichen in höchstem Maße materiell waren. Zwar schwatzten sie liebenswürdig über kleine Ideale und ebenso kleine Moralitäten, die ihnen teuer waren, aber trotz diesem Geschwätz war ihr Leben im Grunde rein materialistisch. Und sie kannten keine wirkliche Moral – zum Beispiel das, was Christus gepredigt hatte, was aber jetzt nicht mehr gepredigt wurde. »Ich traf Männer«, sagte Ernst, »die in leidenschaftlichen Schriften den Friedensfürsten gegen den Krieg anriefen, und die gleichzeitig ihren Wächtern Ursprünglich waren es Privatdetektive. Sie wurden jedoch bald Kämpfer für die Kapitalisten und entwickelten sich schließlich zu Soldaten der Oligarchie. Gewehre in die Hand gaben, um Streikende in ihren eigenen Fabriken niederzuschießen. Ich traf Männer, die sich entrüstet von den rohen Boxkämpfen fernhielten, aber gleichzeitig an der Fälschung von Nahrungsmitteln teilhatten, wodurch jährlich mehr Säuglinge getötet wurden, als der blutige Herodes je getötet hat. Dieser feine aristokratisch aussehende Herr war der stumme Direktor und das Werkzeug von Trusts, die heimlich Witwen und Waisen plünderten. Jener Ehrenmann, der kostbare Bücher sammelte, und als Mäzen der Literatur auftrat, zahlte dem Zeitungsverleger mit seinen Hängebacken und seiner finsteren Miene Schmiergelder. Dieser Redakteur, der Anzeigen über Geheimmittel brachte, nannte mich einen schurkischen Demagogen, weil ich ihn aufforderte, in seiner Zeitung die Wahrheit über diese Geheimmittel Diese Geheimmittel waren durch »Patent« gesetzlich geschützte Lügen, mit denen das Volk wie mit den Zaubermitteln und dem Ablaß des Mittelalters betrogen wurde; der einzige Unterschied war, daß die patentierten Mittel schädlicher und kostspieliger waren. zu schreiben. Dieser Mann, der erhaben und ernst über die Schönheit des Idealismus und die Güte Gottes sprach, hatte soeben erst seine Teilhaber um ihren Geschäftsgewinn betrogen. Jener, eine Stütze der Kirche und ein wertvoller Förderer der Negermission, ließ seine Ladenmädchen zehn Stunden täglich für einen Hungerlohn arbeiten und trieb sie geradezu der Prostitution in die Arme. Dieser, der Lehrstühle an Universitäten dotierte und prächtige Kapellen erbaute, leistete um Dollars und Cents einen Meineid.

Jener Eisenmagnat brach sein Wort als Bürger, Ehrenmann Jener Eisenmagnat brach sein Wort als Bürger, Ehrenmann und Christ, indem er einen geheimen Rabatt bewilligte, und das tat er oft. Dieser Senator war das Werkzeug, der Sklave, das Püppchen eines brutalen, ungebildeten Großfabrikanten Noch im Jahre 1912 A. D. glaubte das Volk, daß es vermöge seiner Wahlzettel das Land regierte. Tatsächlich wurde das Land durch das regiert, was man politische Maschinerie nennen könnte. Anfangs legten die Maschinisten den Kapitalisten übermäßige Gebühren für die Gesetzgebung auf. Bald aber fanden die Kapitalisten es billiger, sich selbst zu Herren der politischen Maschinerie zu machen und die bisherigen Maschinisten anzustellen. So wurde denn der eine Direktor und der andere höchster Gerichtsherr. Und sie fuhren auf Freikarten mit der Eisenbahn, der schlaue Kapitalist war Herr der Fabriken, ihres Chefs und der Eisenbahn, die die Freikarten ausgab. Und so befand ich mich denn statt im Paradiese in der trockenen Wüste des Kommerzialismus. Abgesehen vom Geschäft fand ich nichts als Stumpfsinn. Ich fand niemand, der sauber, vornehm und geistig rege war, wenn ich auch viele fand, die rege waren – in ihrer Verderbnis. Was ich fand, war ungeheuerliche Selbstsucht und Herzlosigkeit und ein plumper, gieriger, praktisch zum Ausdruck gebrachter Materialismus.« Noch vieles erzählte Ernst von ihnen und von seiner Enttäuschung. In geistiger Beziehung hätten sie ihn gelangweilt, in moralischer ihn abgestoßen, so daß er glücklich gewesen wäre, als er zu seinen Revolutionären hätte zurückkehren können, die sauber, vornehm, geistig rege, kurz in jeder Beziehung das Gegenteil von den Kapitalisten seien.

»Und jetzt,« sagte er, »lassen Sie mich über die Revolution zu Ihnen sprechen.«

Zuerst muß ich aber doch sagen, daß seine schrecklichen Schmähungen sie nicht im geringsten gerührt hatten. Ich blickte sie an und sah, daß bei allem, was er ihnen vorgeworfen hatte, ihre erhabene Selbstgefälligkeit unverändert geblieben war, und ich dachte an das, was er mir gesagt hatte, daß kein Angriff auf ihre Moral sie aus der Fassung bringen könnte. Immerhin bemerkte ich, daß die Kühnheit seiner Sprache einigen Eindruck auf Fräulein Brentwood gemacht hatte. Sie sah erschrocken und beunruhigt aus.

Ernst begann mit der Beschreibung der revolutionären Armee, und als er ihre ziffernmäßige Stärke (nach den in den verschiedenen Ländern abgegebenen Stimmen) nannte, begann die Versammlung unruhig zu werden. Ihre Gesichter zeigten Besorgnis, und ihre Lippen preßten sich zusammen. Jetzt endlich spürten sie, daß der Kampf ausgebrochen war. Er schilderte die internationale Organisation der Sozialisten, die die anderthalb Millionen in den Vereinigten Staaten mit den mehr als dreiundzwanzig Millionen der übrigen Welt vereinigte.

»Eine solche revolutionäre Armee,« sagte er, »fünfundzwanzig Millionen stark, ist etwas, das die Herrscher und die herrschenden Klassen zum Nachdenken bringen sollte. Die Losung dieser Armee ist: ›Keinen Pardon! Wir wollen alles, was euch gehört. Nicht weniger kann uns befriedigen als euer ganzer Besitz. In unsere Hände wollen wir die Zügel der Macht, das Schicksal der Menschheit nehmen. Hier sind unsere Hände: starke Hände. Wir wollen eure Herrschaft, eure Paläste, eure Herrlichkeit nehmen, und dann sollt ihr für euer Brot arbeiten wie der Bauer auf dem Felde, wie der darbende, kümmerliche Schreiber in euern Städten. Hier sind unsere Hände: starke Hände!‹«

Und während er so sprach, hob er von seinen herrlichen Schultern seine mächtigen Arme, und die Hufschmiedhände krallten sich wie Adlerklauen in die Luft. Er stand da wie der Geist der regierenden Arbeit, der die Hände ausstreckte, um seine Zuhörer zu zerreißen und zu zermalmen.

Ich gewahrte, wie die Zuhörer vor dieser wirklichen, mächtigen und drohenden Revolutionsgestalt kaum merkbar zusammenzuckten. Das heißt, nur die Frauen erschraken, und auf ihren Gesichtern lag Angst. Nicht so die Männer. Sie gehörten zu jenen Reichen, die nicht die Hände in den Schoß legten; sie waren tatkräftig, sie waren Kämpfer. Ihre Stimmen erhoben sich zu einem leisen Summen, das einen Augenblick durch den Raum zog und dann verhallte. Es war der Vorbote des Knurrens, und ich sollte es an diesem Abend noch öfters hören – dieses Zeichen des Tieres im Menschen, die ernsteste seiner ursprünglichsten Leidenschaften. Dabei waren sie sich dessen nicht bewußt. Es war das Knurren des Tieres, das das Tier, ohne es zu wissen, hören ließ. Und als ich in diesem Augenblick die Härte in ihren Gesichtern und die Kampfgier in ihren Augen lodern sah, sagte ich mir, daß es nicht leicht sein würde, ihnen die Weltherrschaft zu entreißen.

Ernst fuhr in seinem Angriff fort. Er erklärte, im Namen der anderthalb Millionen Revolutionäre in den Vereinigten Staaten zu sprechen, wenn er der kapitalistischen Klasse den Vorwurf machte, die Menschheit schlecht geführt zu haben. Er entwarf ein flüchtiges Bild von den ökonomischen Verhältnissen des Höhlenmenschen und der heutigen wilden Völker und betonte, daß sie weder Werkzeuge noch Maschinen, sondern nur ihre natürlichen Kräfte zur Arbeitsleistung besäßen. Dann schilderte er die Entwicklung der Maschine und der sozialen Organisation, derzufolge die Produktionskraft eines zivilisierten Menschen heutzutage tausendmal größer als die eines Wilden sei.

»Fünf Menschen,« sagte er, »können das Brot für Tausende backen. Ein Mensch kann für zweihundertfünfzig Menschen baumwollene, für dreihundert Menschen wollene Kleider und für tausend Menschen Schuhe und Stiefel produzieren. Hieraus sollte man den Schluß ziehen können, daß der zivilisierte Mensch bei richtiger Leitung der Gesellschaft weit besser daran sein müßte als der Höhlenmensch. Aber ist er es? Wir wollen sehen. In den Vereinigten Staaten leben heute fünfzehn Millionen Menschen in Armut Im Jahre 1906 schrieb Robert Hunter in einem »Armut« betitelten Buche, daß damals zehn Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten in Armut lebten.; und unter Armut ist der Zustand gemeint, in dem die normale Arbeitsfähigkeit unter Nahrungsmangel und schlechten Wohnungsverhältnissen leidet. In den Vereinigten Staaten arbeiten heute trotz Ihrer sogenannten Arbeitergesetzgebung drei Millionen Kinder Nach der Volkszählung vom Jahre 1900 belief sich die Zahl der arbeitenden Kinder in den Vereinigten Staaten auf 1 752 187.. In zwölf Jahren hat sich ihre Zahl verdoppelt. Und bei der Gelegenheit möchte ich Sie, die Führer der Gesellschaft fragen, warum Sie nicht die Ziffern der Zählung von 1910 veröffentlicht haben? Und ich will die Antwort für Sie erteilen: Sie fürchteten sich. Die Darstellung dieses Elends würde die Revolution, die sich gerade jetzt vorbereitet, beschleunigt haben.

»Doch zurück zu meiner Anklage: Wenn die Produktionskraft des modernen Menschen tausendmal größer ist als die des Höhlenbewohners, wie kommt es dann, daß es heute in den Vereinigten Staaten fünfzehn Millionen Menschen gibt, die weder genügende Wohnung noch hinreichende Nahrung haben? Wie kommt es dann, daß heute in den Vereinigten Staaten drei Millionen Kinder arbeiten? Meine Anklage ist berechtigt. Die kapitalistische Klasse hat Mißwirtschaft getrieben. Angesichts der Tatsache, daß der moderne Mensch armseliger lebt als der Höhlenbewohner, trotzdem seine Produktionskraft tausendmal größer ist, angesichts dieser Tatsache ist kein anderer Schluß möglich, als daß die kapitalistische Klasse Mißwirtschaft getrieben hat, daß Sie, meine Herren, verbrecherisch und selbstsüchtig gewirtschaftet haben. Und auf diese Anklage können Sie mir heute abend, Angesicht zu Angesicht, ebensowenig antworten, wie Ihre ganze Klasse den anderthalb Millionen in den Vereinigten Staaten. Sie können mir nicht antworten. Bitte, ich fordere Sie dazu auf. Und mehr noch, ich wage es, Ihnen zu sagen, daß Sie mir auch nicht antworten werden, wenn ich geendet habe. In diesem Punkt werden Sie schweigen, wenn Sie auch über andere Dinge genug reden werden.

»Sie haben in Ihrer Verwaltung Fehler über Fehler begangen. Sie haben aus der Zivilisation ein Schlachthaus gemacht, Sie sind blind und habgierig gewesen. Sie sind (wie auch heute) ohne Erröten in den Hallen unserer gesetzgebenden Körperschaften aufgestanden und haben erklärt, daß ohne die Arbeit von Kindern ein Gewinn nicht zu erzielen sei. Wenn Sie mir nicht glauben, bitte, es ist alles urkundlich festgelegt. Sie haben Ihr Gewissen mit Phrasen über schöne Ideale und teure Moralitäten beschwichtigt. Sie sind von Macht und Besitz geschwollen, von Erfolg trunken, aber Ihre Aussichten gegen uns sind nicht größer als die der Drohnen, die sich um die Honigwaben scharen, wenn die Arbeitsbienen auf sie eindringen, um ihr faules Leben zu vernichten. Sie haben in der Verwaltung der Gesellschaft unheilvolle Fehler begangen, und deshalb muß sie Ihnen fortgenommen werden. Anderthalb Millionen Arbeiter sind im Begriff, sich mit den andern zusammenzutun, um Ihnen die Verwaltung zu entreißen. Das ist die Revolution, meine Herren! Verhindern Sie sie, wenn Sie können.«

Eine merkbare Zeit noch hallte Ernsts Stimme durch den großen Raum. Dann erhob sich wieder das Geräusch, das ich schon vorhin gehört hatte, und ein Dutzend Männer sprangen auf und baten Van Gilbert um das Wort. Ich bemerkte, daß die Schultern von Fräulein Brentwood konvulsivisch zuckten, und war einen Augenblick zornig, weil ich glaubte, daß sie über Ernst lachte. Dann aber entdeckte ich, daß es kein Lachen, sondern Hysterie war. Sie war entsetzt über das, was sie angerichtet hatte, als sie diesen Aufwiegler in ihren geheiligten Klub brachte.

Van Gilbert beachtete die Männer, die sich mit leidenschaftlich erregten Gesichtern zum Worte meldeten, nicht. Sein eigenes Gesicht war ebenfalls von Leidenschaft verzerrt. Er sprang auf, schwang die Arme und konnte einen Augenblick nur unzusammenhängende Laute hervorbringen. Dann fand er die Sprache wieder. Aber seine Sprache war ebensowenig die des Trustanwalts, wie sie altmodisch war.

»Irrtum über Irrtum!« rief er. »Nie in meinem Leben habe ich in einer kurzen Stunde so viele Irrtümer gehört. Und zudem, junger Mann, muß ich Ihnen sagen, daß Sie nichts Neues erzählt haben. Das alles lernte ich schon auf der Universität, ehe Sie geboren waren. Jean Jacques Rousseau verkündete Ihre sozialistischen Theorien schon vor zwei Jahrhunderten. Eine Rückkehr in den Sumpf, wahrhaftig! Rückschritt! Unsere Biologie lehrt, daß das eine Unmöglichkeit ist. Ein wahres Wort besagt, daß Halbbildung ein gefährliches Ding sei, und dafür haben Sie heute abend mit ihren verrückten Ansichten ein Beispiel gegeben. Irrtum über Irrtum. Nie in meinem Leben habe ich mich von einem Übermaß von Irrtümern so angewidert gefühlt. Nicht soviel sind Ihre unreifen Verallgemeinerungen und kindischen Schlußfolgerungen wert!«

Er knipste verächtlich mit den Fingern und setzte sich langsam. Die Frauen ließen ein unverständliches Gemurmel hören, während die Männer in rauheren Tönen ihre Zustimmung gaben. Von dem Dutzend Männern, die sich zum Wort gemeldet hatten, begann die Hälfte gleichzeitig zu sprechen. Die babylonische Verwirrung war unbeschreiblich. Nie hatten die weiten Räume Frau Pertonwaithes ein solches Schauspiel erlebt. Und dies waren die kaltsinnigen Führer der Industrie und die Herren der Gesellschaft, diese knurrenden, murrenden Wilden im Smoking. Ja, wirklich, Ernst hatte sie aufgerüttelt, als er seine Hände nach ihren Geldsäcken ausstreckte, diese Hände, die in ihren Augen wie die Hände der anderthalb Millionen Revolutionäre erschienen.

Aber Ernst verlor nie den Kopf. Bevor Van Gilbert sich wieder gesetzt hatte, war Ernst schon aufgesprungen.

»Einer zur Zeit!« brüllte er sie an. Der aus der Tiefe seiner starken Lunge kommende Klang beruhigte den menschlichen Sturm. Nur durch seine bezwingende Persönlichkeit gebot er Schweigen.

»Einer zur Zeit«, wiederholte er ruhig. »Lassen Sie mich Herrn Van Gilbert antworten. Dann können die andern sprechen – aber, wohl zu merken, immer einer zur Zeit. Keine Massenspiele. Hier ist kein Fußballplatz.«

»Sie,« wandte er sich an Van Gilbert, »haben auf nichts, was ich gesagt habe, erwidert. Sie haben nur einige gereizte und abfällige Behauptungen über meine geistigen Fähigkeiten aufgestellt. Das mag in Ihrem Beruf von Nutzen sein, mit mir aber können Sie so nicht reden. Ich bin kein Arbeiter, der Sie mit der Mütze in der Hand um Lohnerhöhung oder um Schutz vor der Maschine, an der er arbeitet, bittet. Wenn Sie mit mir streiten, können Sie nicht ungewisse Behauptungen aufstellen. Die sparen Sie sich auf, bis Sie sich mit Ihren Lohnsklaven streiten. Die werden es nicht wagen, Ihnen zu antworten, denn ihr Brot und ihre Butter, ihr Leben liegt in Ihren Händen. »Was die Rückkehr zur Natur betrifft, eine Lehre, die Sie, wie Sie sagen, schon vor meiner Geburt auf der Universität studiert haben, so gestatten Sie mir die Bemerkung, daß Sie augenscheinlich seitdem nichts hinzugelernt haben. Sozialismus hat damit nicht mehr zu tun als eine Differentialgleichung mit einem Bibelspruch. Ich habe gesagt, daß Ihre Klasse stumpfsinnig sei, sobald sie sich außerhalb des Bereichs ihrer Geschäfte befindet. Sie, mein Herr, haben ein glänzendes Beispiel für meine Behauptung gegeben.«

Diese furchtbare Züchtigung ihres Hunderttausenddollar -Anwalts war zuviel für die Nerven Fräulein Brentwoods. Ihr hysterischer Anfall wurde noch schlimmer, und man führte sie weinend und lachend aus dem Zimmer. Das war gut, denn es sollte noch Schlimmeres kommen.

»Sie brauchen mir gar nichts zu glauben«, fuhr Ernst fort, als die Störung beseitigt war. »Ihre eigenen Autoritäten werden Ihre Unkenntnis einstimmig feststellen. Ihre eigenen, besoldeten Wissenschaftslieferanten werden Ihnen sagen, daß Sie unrecht haben. Gehen Sie zu dem bescheidensten Assistenten eines Professors der Soziologie und fragen Sie ihn nach dem Unterschied zwischen der Lehre Rousseaus von der Rückkehr zur Natur und der Lehre des Sozialismus. Fragen Sie Ihre größten orthodoxen Bourgeois, Volkswirtschaftler und Soziologen; schlagen Sie in jedem Buche nach, das den Gegenstand behandelt, und das auf den Regalen der von Ihnen gestifteten Bibliotheken steht; überall werden Sie die Antwort erhalten, daß die Rückkehr zur Natur und der Sozialismus nichts miteinander zu tun haben, ja, Sie werden sogar die einstimmige Antwort erhalten, daß beides sich diametral gegenübersteht. Wie gesagt, Sie brauchen mir nicht zu glauben. Der Beweis Ihrer Unkenntnis steht in den Büchern, in Ihren Büchern, die Sie nie lesen. Und in bezug auf Ihre Unkenntnis sind Sie nur ein Beispiel Ihrer Klasse.

»Sie kennen Gesetz und Geschäft, Herr Van Gilbert. Sie wissen, wie man den Trusts dienen und die Dividenden durch Gesetzverdrehungen erhöhen kann. Ausgezeichnet! Bleiben Sie dabei. Sie sind, wie Sie sein sollen. Ein glänzender Anwalt, aber ein armseliger Historiker. Sie kennen nichts von Soziologie, und Ihre Biologie stammt von Plinius.«

Van Gilbert wand sich auf seinem Stuhle. Im Saal herrschte völlige Stille. Jeder war wie verhext – gelähmt, möchte ich sagen. Eine so furchtbare Behandlung des großen Van Gilbert war unerhört, undenkbar, unglaublich – des großen Van Gilbert, vor dem die Richter zitterten, wenn er sich im Gerichtssaal erhob. Aber Ernst gab nie einem Feinde Pardon.

»Das richtet sich natürlich nicht gegen Sie persönlich«, sagte Ernst. »Jeder, wie er kann. Nur bleiben Sie bei Ihrem Handwerk, wie ich bei dem meinen. Sie haben Ihre Spezialität. Wenn es darauf ankommt, wie man am besten das Gesetz umgeht oder ein neues Gesetz zugunsten der diebischen Trusts macht, bin ich Ihnen weit unterlegen. In der Soziologie aber – meinem Handwerk – ist es umgekehrt. Vergessen Sie das nicht. Erinnern Sie sich auch, daß Ihr Gesetz nur der Staub eines Tages ist, und daß Sie in Dingen, die mehr umfassen, nicht bewandert sind. Daher sind Ihre unbewiesenen Behauptungen und vorschnellen Verallgemeinerungen geschichtlicher und soziologischer Fragen nicht den Atem wert, den Sie darauf verschwenden.«

Ernst hielt einen Augenblick inne und betrachtete ihn nachdenklich. Er sah, wie Van Gilberts Gesicht sich vor Ärger dunkel färbte und verzerrte, wie seine Brust keuchte, sein Körper sich wand, und seine schlanken weißen Hände sich nervös ballten und öffneten.

»Aber es scheint, daß Sie noch etwas Atem haben, und so will ich Ihnen eine Gelegenheit geben, ihn zu benutzen. Ich habe Ihre Klasse angeklagt, zeigen Sie mir, daß meine Anklage falsch ist. Ich zeigte Ihnen das Elend des modernen Arbeiters. In den Vereinigten Staaten arbeiten drei Millionen Kinder, ohne deren Arbeit ein Gewinn nicht zu erzielen sein soll, und anderthalb Millionen unterernährter, schlechtgekleideter Menschen hausen in ungesunden Wohnungen. Ich sagte Ihnen, daß die Arbeitsleistung des modernen Menschen infolge sozialer Einrichtungen und des Gebrauchs von Maschinen tausendmal größer sei als die der Höhlenbewohner. Und ich behauptete, daß dies keinen andern Schlüssel zuließe, als daß die kapitalistische Klasse falsch gewirtschaftet hätte. Das war meine Anklage, und ich habe Sie aufgefordert, mir nur hierauf zu antworten. Ich tat sogar noch mehr. Ich sagte voraus, daß Sie nicht antworten würden. Es ist Ihnen also anheimgestellt, meine Prophezeiung zu schanden zu machen. Sie haben meine Rede einen Irrtum genannt, beweisen Sie mir diesen Irrtum, Herr Van Gilbert. Widerlegen Sie die Anklage, die ich und meine anderthalb Millionen Genossen gegen Sie und Ihre Klasse vorgebracht haben.«

Herr Van Gilbert vergaß ganz, daß er Vorsitzender war, und daß die Höflichkeit geboten hätte, die andern, die um das Wort gebeten hatten, sprechen zu lassen. Er sprang auf, schleuderte seine Arme, seine Beredsamkeit und seine Selbstbeherrschung in die Luft, wobei er abwechselnd Ernst wegen seiner Jugend und seiner Aufwiegelei beschimpfte und wild die arbeitende Klasse angriff, die er der Faulheit und Nichtswürdigkeit beschuldigte.

»Ich habe noch nie einen Rechtsanwalt gesehen, der sich so hartnäckig wie Sie an einen Punkt geklammert hätte«, begann Ernst auf die Tirade zu antworten. »Meine Jugend hat nichts mit meinen Worten zu tun, und ebensowenig die Nichtswürdigkeit der arbeitenden Klasse. Ich habe die kapitalistische Klasse der Mißwirtschaft bezichtigt. Sie haben nicht geantwortet. Sie haben nicht einmal den Versuch gemacht, zu antworten. Warum nicht? Weil Sie keine Antwort wissen. Sie sind der Herr dieser ganzen Versammlung. Alle außer mir hängen an Ihrem Munde, um die Wahrheit zu hören. Man erwartet die Antwort aus Ihrem Munde, weil man selbst keine Antwort weiß. Und ich, das sagte ich Ihnen bereits, ich weiß, daß Sie nicht nur keine Antwort wissen, sondern daß Sie nicht einmal den Versuch einer Antwort machen werden.«

»Das ist unerträglich«, rief Van Gilbert. »Das ist beleidigend.«

»Unerträglich ist, daß Sie nicht antworten«, erwiderte Ernst mit Nachdruck. »Niemand kann intellektuell beleidigt werden. Besinnen Sie sich. Geben Sie mir eine intellektuelle Antwort auf meine intellektuelle Anklage, daß die kapitalistische Wirtschaft eine Mißwirtschaft ist.«

Van Gilbert schwieg, und seine Miene nahm den unfreundlichen, überlegenen Ausdruck eines Mannes an, der sich nicht mit einem Raufbold streiten will.

»Machen Sie sich nichts daraus«, sagte Ernst. »Trösten Sie sich damit, daß noch kein Mitglied Ihrer Klasse diese Beschuldigung widerlegt hat.« Er wandte sich zu den andern, die sich zum Wort gemeldet hatten. »Jetzt können Sie reden. Bitte, und vergessen Sie nicht, daß ich Sie aufgefordert habe, die Antwort zu geben, die Herr Van Gilbert nicht geben konnte.«

Es würde mir nicht möglich sein, alles niederzuschreiben, was in der Diskussion gesagt wurde. Ich hatte mir nicht träumen lassen, wieviel in drei Stunden geredet werden kann. Aber es war jedenfalls fabelhaft. Je mehr seine Gegner sich aufregten, desto absichtlicher reizte Ernst sie. Er übertraf sie weit an universellem Wissen und durchstach sie mit einem Wort oder einem Satze wie mit feinen Degenstößen. Er wies auf die Punkte hin, an denen ihre Logik scheiterte. Dies war eine falsche Folgerung, jener Schluß bezog sich nicht auf die Voraussetzung, während die nächste Voraussetzung trügerisch war, weil sie, schlau verborgen, die Schlußfolgerung enthielt, deren Beweis versucht werden sollte. Dies war ein Irrtum, jenes eine Anmaßung und das folgende ein Widerspruch zu einer in allen Büchern festgestellten Tatsache.

So ging es weiter. Zuweilen vertauschte er den Degen mit dem Knüppel und schwenkte ihn links und rechts in ihre Gedanken. Und immer forderte er Tatsachen und weigerte sich, Theorien zu erörtern. Und seine Tatsachen bereiteten ihnen eine vernichtende Niederlage. Wenn sie die arbeitende Klasse angriffen, gab er stets zurück: »Ein Esel schimpft den andern Langohr; das ist keine Antwort auf die Behauptung, daß Sie selbst lange Ohren haben.« Und immer wieder sagte er: »Warum haben Sie nicht auf meine Beschuldigung geantwortet, daß Ihre Klasse Mißwirtschaft getrieben hat? Sie haben über alles andere geredet, nur nicht davon; ist das deshalb, weil Sie keine Antwort wissen?«

Zum Schluß der Diskussion sprach Herr Wickson. Er war als einziger ruhig geblieben und Ernst behandelte ihn mit einer Achtung, die er den andern vorenthalten hatte.

»Eine Antwort ist unnötig«, sagte Herr Wickson bedächtig. »Ich habe die ganze Diskussion mit Verwunderung und Ärger verfolgt. Ich ärgere mich über Sie, meine Herren Klassengenossen. Sie haben sich wie alberne Schulknaben benommen, indem Sie Ethik und den Wortschwall des gewöhnlichen Politikers in die Diskussion hineingetragen haben. Sie sind besiegt und abgeführt worden. Sie haben sehr viele Worte gebraucht, aber alles, was Sie gesagt haben, war nur Gesumm. Sie haben gesummt wie die Mücken um einen Bären. Meine Herren, dort steht der Bär (er zeigte auf Ernst), und Ihr Summen hat nur seine Ohren gekitzelt.

»Glauben Sie mir, die Lage ist ernst. Dieser Bär hat heute die Tatzen ausgestreckt, um uns zu zermalmen. Er hat gesagt, daß es anderthalb Millionen Revolutionäre in den Vereinigten Staaten gäbe. Das ist Tatsache. Er hat gesagt, daß es die Absicht dieser Menschen sei, uns unsere Herrscherrechte, unsere Paläste und all unsere purpurne Herrlichkeit zu entreißen. Auch das ist Tatsache. Eine Veränderung, eine große Veränderung der Gesellschaft wird kommen, vielleicht aber nicht die, die der Bär erwartet. Der Bär hat gesagt, er wolle uns zermalmen. Wie, wenn wir den Bären zermalmten?«

Ein Geräusch von Stimmen erhob sich in dem großen Raum, und man nickte sich verständnisvoll und zuversichtlich zu. Ihre Gesichter waren hart geworden. Es waren Kämpfer, das war sicher.

»Aber nicht mit Worten werden wir den Bären zermalmen«, fuhr Wickson gelassen und leidenschaftslos fort. »Wir wollen den Bären jagen. Wir wollen ihm nicht mit Worten antworten. Unsere Antwort soll in Leitsätze gefaßt sein. Wir haben die Macht. Das wird niemand leugnen. Und kraft dieser Macht wollen wir mächtig bleiben.«

Er wandte sich plötzlich an Ernst. Der Augenblick war dramatisch.

»So ist denn dies unsere Antwort: ›Wir haben keine Worte an Sie zu verschwenden. Wenn Sie Ihre gepriesenen starken Hände nach unseren Palästen und unserer purpurnen Herrlichkeit ausstrecken, werden wir Ihnen zeigen, was Kraft ist. Das Gebrüll der Granaten und Schrapnells, das Knattern der Maschinengewehre wird unsere Antwort sein. Wir werden die Revolutionäre unter unserer Ferse zermalmen, und wir werden über sie hinwegschreiten. Die Welt ist unser, wir sind ihre Herren, und unser soll sie bleiben. Seit Anbeginn der Geschichte hat das Heer der Arbeiter im Staube gelegen, und ich lese die Geschichte richtig. Und im Staube soll es bleiben, solange ich und die Meinen und die, die nach uns kommen werden, die Macht haben. Das ist das Wort. Das königliche Wort – Macht. Nicht Gott, nicht Mammon, sondern Macht. Nehmen Sie es auf die Zunge, bis sie Ihnen prickelt: Macht!‹«

»Ich habe die Antwort«, sagte Ernst ruhig. »Es war die einzige Antwort, die möglich war. Macht! Das ist es, was wir der arbeitenden Klasse predigen. Wir wissen, und wir wissen es aus bitterer Erfahrung, daß keine Bitte um Recht, Gerechtigkeit, Menschlichkeit Sie je rühren wird. Ihre Herzen sind so hart wie die Fersen, mit denen Sie die Armen zu Boden treten. Aber auch wir haben Macht gepredigt. Und durch die Macht unserer Stimmzettel werden wir Ihnen am Wahltage die Herrschaft entreißen –.«

»Wie, wenn Sie am Wahltage eine Majorität, eine erdrückende Majorität hätten,« unterbrach Herr Wickson ihn, »und wir weigerten uns, Ihnen die Herrschaft abzutreten, die Sie an der Wahlurne erobert haben?«

»Auch das haben wir erwogen,« erwiderte Ernst, »und wir werden Ihnen die Antwort in Leitsätzen geben. Sie nennen Macht das königliche Wort. Schön. So soll es Macht sein. Und an dem Tage, da wir zum Sieg an die Wahlurne schreiten, und Sie sich weigern, uns die Regierung abzutreten, die wir auf gesetzliche und friedliche Weise gewonnen haben, und von der Sie wissen wollen, was wir damit anzufangen gedenken – an dem Tage, sage ich, werden wir Ihnen antworten, und unsere Antwort wird das Gebrüll der Granaten und Schrapnells, das Geknatter der Maschinengewehre sein. Sie können uns nicht entrinnen. Es ist wahr, daß Sie die Geschichte richtig gelesen haben. Es ist wahr, daß seit Beginn der Geschichte der Arbeiter am Boden gelegen hat. Und ebenso wahr ist es, daß, solange Sie und die Ihrigen und Ihre Nachkommen die Macht haben, der Arbeiter am Boden bleiben wird. Darin gebe ich Ihnen recht. Ich gebe Ihnen in allem recht, was Sie gesagt haben. Die Macht wird herrschen, wie sie es stets getan. Es ist Klassenkampf. Wie Ihre Klasse den Feudal-Adel niedergerungen hat, so soll meine, die arbeitende Klasse, die Ihre niederringen. Wenn Sie Ihre Biologie und Ihre Soziologie ebensogut lesen wie Ihre Geschichte, dann werden Sie erkennen, daß dieser Ausgang, wie ich ihn beschrieben habe, unvermeidlich ist. Einerlei, ob in einem Jahre, in zehn oder in tausend – Ihre Klasse wird niedergerungen werden. Und das wird durch Macht geschehen. Wir Arbeitnehmer haben dieses Wort auswendig gelernt, bis alle unsere Sinne davon widerhallten. Macht! Es ist ein königliches Wort.«

Und so endete der Abend bei den Wißbegierigen.


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