Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Jacksons Arm

Ich ließ mir nicht träumen, welch verhängnisvolle Rolle Jacksons Arm in meinem Leben spielen sollte. Jackson selbst machte, als ich ihn aufsuchte, keinen besonders starken Eindruck auf mich. Ich fand ihn in einem wackligen, baufälligen Dieses Wort bezeichnet den Zustand halb zerstörter und verfallener Häuser, in denen große Massen der arbeitenden Bevölkerung in jenen Tagen Unterkunft fanden. Sie zahlten den Grundbesitzern feste und im Verhältnis zum Werte solcher Häuser ungeheure Abgaben. Hause, dicht an der Bucht, am Rande des Sumpfes. Rings um das Haus waren Tümpel stagnierenden Wassers, dessen Oberfläche von grünem fauligen Schlamm bedeckt war, und aus denen ein unerträglicher Gestank aufstieg.

Ich fand Jackson so demütig und bescheiden, wie Ernst ihn geschildert hatte. Er war mit der Herstellung eines Rohrgeflechts beschäftigt und arbeitete stumpf weiter, während ich mit ihm sprach. Aber trotz seiner Demut und Bescheidenheit glaubte ich in ihm das erste Anzeichen einer keimenden Erbitterung zu entdecken, als er sagte:

»Man hätte mich aber doch wenigstens als Wächter In jenen Tagen war Diebstahl ungeheuer verbreitet. Jeder stahl vom andern. Die Herren der Gesellschaft stahlen legal, die ärmere Klasse illegal. Nichts war sicher, wenn es nicht bewacht wurde. Riesige Menschenmassen waren als Wächter zum Schutze des Eigentums angestellt. Die Häuser der Wohlhabenden waren eine Kombination von Banksafe und Festung. Die Aneignung der persönlichen Besitzgegenstände anderer durch unsere Kinder in heutiger Zeit ist als ein rudimentäres Überbleibsel des Stehldranges anzusehen, der in jenen frühen Zeiten allgemein war. einstellen sollen.«

Ich bekam nur wenig aus ihm heraus. Er machte den Eindruck eines Stumpfsinnigen, und doch schien die Gewandtheit, mit der er mit seiner einen Hand arbeitete, seinen Stumpfsinn Lügen zu strafen. Das brachte mich auf einen Gedanken.

»Wie kam es, daß Ihr Arm in die Maschine geriet?«

Er warf mir einen langen, forschenden Blick zu und schüttelte dann den Kopf.

»Ich weiß nicht. Es ist eben passiert.«

»Fahrlässigkeit?« fragte ich.

»Nein«, antwortete er. »So kann man es nicht nennen. Ich machte Überstunden und war, glaube ich, etwas übermüdet. In den siebzehn Jahren, die ich in der Spinnerei arbeite, habe ich bemerkt, daß die meisten Unglücksfälle gerade vor Arbeitsschluß Den Arbeitern wurden Beginn und Schluß der Arbeit durch das wilde, nervenzerreißende Kreischen von Dampfpfeifen angezeigt. vorkommen. Ich möchte wetten, daß in der letzten Arbeitsstunde mehr Unfälle vorkommen als während der ganzen übrigen des Tages. Wenn der Mensch stundenlang anstrengend gearbeitet hat, ist er nicht mehr so gewandt. Ich habe zuviele zerlöchert und zerrissen und bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt gesehen.«

»Viele?« forschte ich.

»Hunderte und Aberhunderte, auch Kinder.«

Bis auf die schrecklichen Einzelheiten stimmte seine Beschreibung des Unfalls mit der überein, die ich bereits vernommen hatte. Als ich ihn fragte, ob er vielleicht eine der Bedienungsvorschriften der Maschine außer Acht gelassen hätte, schüttelte er den Kopf.

»Ich riß mit der rechten Hand den Treibriemen ab«, sagte er, »und griff mit der Linken nach dem Steinchen. Ich hielt nicht an, um nachzusehen, ob der Treibriemen wirklich ab wäre. Ich dachte, meine rechte Hand hätte es getan – aber das war nicht der Fall. Ich griff schnell hin, aber der Riemen war nicht ganz herunter, und da wurde mir der Arm abgerissen.«

»Es muß sehr geschmerzt haben«, sagte ich mitleidig.

»Das Krachen der Knochen war nicht schön«, lautete seine Antwort.

Über seinen Prozeß war er sich noch nicht ganz klar. Nur soviel wußte er, daß er keinen Schadenersatz erhalten hatte. Er hatte das Gefühl, daß die Aussagen des Direktors und des Werkmeisters die ungünstige Entscheidung des Gerichts herbeigeführt hatten. Ihre Aussagen, wie er sie hinstellte, »waren nicht, wie sie hätten sein sollen«. Und ich beschloß, diese Zeugen aufzusuchen.

Eines war klar, die Lage Jacksons war erbärmlich. Seine Frau war leidend, und er selbst konnte durch das Rohrflechten und Hausieren den Lebensunterhalt für seine Familie nicht verdienen. Er war mit der Miete im Rückstand, und sein ältestes Kind, ein Junge von elf Jahren, hatte jetzt angefangen, in der Spinnerei zu arbeiten.

»Sie hätten mich als Wächter einstellen sollen«, waren seine letzten Worte, als ich ging.

Als ich dann den Anwalt, der Jackson vertreten, sowie die beiden Werkführer und den Generaldirektor der Spinnerei, die in dem Prozeß ausgesagt, gesprochen hatte, begann ich zu fühlen, daß in dem, was Ernst behauptete, etwas Wahres steckte.

Der Anwalt machte den Eindruck eines energielosen, unfähigen Menschen, und bei seinem Anblick wunderte ich mich nicht, daß Jackson seinen Prozeß verloren hatte. Mein erster Gedanke war, daß Jackson Recht geschehen war, weil er sich einen solchen Anwalt genommen hatte. Im nächsten Augenblick aber kamen mir plötzlich zwei Behauptungen von Ernst zum Bewußtsein: »Die Gesellschaft beschäftigt sehr tüchtige Rechtsanwälte« und »Ingram ist ein scharfsinniger Jurist.« Ich überlegte schnell. Es wurde mir klar, daß die Gesellschaft sich natürlich bessere Juristen leisten konnte als ein Arbeiter wie Jackson. Aber das war das wenigste. Es mußte unbedingt einen Grund haben, daß der Prozeß ungünstig für Jackson ausgefallen war. »Warum haben Sie den Prozeß verloren?« fragte ich. Der Anwalt war bestürzt und sah mich einen Augenblick zerquält an, und ich empfand Mitleid mit dem armseligen Menschen. Dann begann er zu jammern. Ich glaube, das Jammern war ihm angeboren. Er jammerte über die Zeugenaussagen. Sie wären alle zugunsten der Gegenpartei ausgefallen. Nicht ein einziges Wort zugunsten Jacksons hätte man aus ihnen herausbringen können. Sie hätten gewußt, wo die Butter für ihr Brot zu holen war. Jackson sei ein Dummkopf. Er wäre durch Ingram eingeschüchtert und verwirrt worden. Ingram sei glänzend im Kreuzverhör. Er hätte Jackson veranlaßt, nachteilige Antworten zu geben.

»Wie konnten seine Antworten nachteilig sein, wenn er das Recht auf seiner Seite hatte?« fragte ich.

»Was hat das mit Recht zu tun?« fragte er zurück. »Sehen Sie alle diese Bücher.« Er wies mit der Hand auf eine Reihe von Bänden an den Wänden seines winzigen Bureaus. »Alles, was ich in ihnen gelesen und studiert habe, hat mich gelehrt, daß Gesetz und Recht zweierlei sind. Fragen Sie jeden Anwalt, den Sie wollen. In der Sonntagsschule lernt man, was Recht ist. Aus diesen Büchern aber lernt man eines: Gesetz.«

»Wollen Sie damit sagen, daß Jackson im Recht war und doch verurteilt wurde?« forschte ich. »Wollen Sie sagen, daß es keine Gerechtigkeit in Caldwells Gericht gibt?«

Der kleine Anwalt starrte mich einen Augenblick an, dann aber schwand die Energie aus seinen Zügen.

»Ich hatte keine Möglichkeit«, begann er wieder jammernd. »Sie haben Jackson zum Narren gemacht und mich auch. Welche Möglichkeiten hatte ich auch. Ingram ist ein großer Jurist. Wäre er das nicht, würden ihm dann die Sierra-Spinnereien, das Erston Land-Syndicate, die Berkeley Consolidated, die Oakland, San Leandro und Pleasenton Elektrizitätswerke die Führung ihrer Rechtsgeschäfte übertragen haben? Er ist Trustanwalt, und ein Trustanwalt wird nicht umsonst bezahlt Aufgabe der Trustanwälte war es, durch korrupte Methoden den geldrafferischen Neigungen der Trusts zu dienen. Hierauf bezieht sich, was Theodore Roosevelt, damals Präsident der Vereinigten Staaten, im Jahre 1905 sagte: »Wir alle wissen, daß, wie die Dinge zur Zeit liegen, viele der einflußreichsten und bestbezahlten Mitglieder der Gerichtsbarkeit in jedem Zentrum des Reichtums es sich zur besonderen Aufgabe machen, kühne und feindurchdachte Pläne auszuarbeiten, die ihre wohlhabenden Klienten, seien es einzelne Persönlichkeiten oder Korporationen, instandsetzen, die Gesetze zu umgehen, die den Nutzen der großen Reichtümer zum Besten der Gesamtheit regulieren sollten.«. Wofür meinen Sie wohl, zahlt die Sierra-Spinnerei allein ihm zwanzigtausend Dollar jährlich? Natürlich, weil er ihnen zwanzigtausend Dollar jährlich wert ist. Ich bin nicht soviel wert. Wäre ich es, so stünde ich nicht abseits, darbte und übernähme Prozesse wie den Jacksons. Was, glauben Sie, hätte ich bekommen, wenn ich den Prozeß gewonnen hätte?«

»Aller Wahrscheinlichkeit nach hätten Sie Jackson ausgeplündert«, antwortete ich.

»Selbstverständlich!« rief er ärgerlich. »Ich muß doch auch leben, nicht wahr Eine typische Illustration des mörderischen Ringens, das die ganze Gesellschaft umfaßte. Die Menschen plünderten sich gegenseitig wie raubgierige Wölfe. Die großen Wölfe fraßen die kleinen, und in diesem Rudel war Jackson einer der allerkleinsten.

»Er hat Frau und Kinder«, tadelte ich ihn.

»Ich auch«, erwiderte er. »Und außer mir kümmert sich kein Mensch in der Welt darum, ob sie darben oder nicht.«

Seine Züge wurden plötzlich weich, er öffnete seine Uhr und zeigte mir die auf die Innenseite des Deckels geklebte Photographie von einer Frau und zwei kleinen Mädchen.

»Das sind sie, sehen Sie sie an. Wir haben schwere Zeiten durchgemacht, schwere Zeiten. Ich hatte gehofft, sie aufs Land schicken zu können, wenn ich Jacksons Prozeß gewann. Sie brauchen Landluft, aber ich kann es mir nicht leisten, sie fortzuschicken.«

Als ich mich zum Gehen anschickte, verfiel er wieder in sein Jammern.

»Ich habe nicht die geringsten Aussichten. Ingram und der Richter Caldwell sind befreundet. Ich will nicht sagen, daß diese Freundschaft den Prozeß entschieden haben würde, wenn ich im Kreuzverhör die Zeugen zu den richtigen Aussagen bekommen hätte. Aber Caldwell tat doch sein Möglichstes, um zu verhindern, daß ich das richtige Beweismaterial zusammen bekam. Caldwell und Ingram gehören derselben Loge und demselben Klub an. Sie sind Nachbarn in einer Gegend, wo ich es mir nicht leisten kann zu wohnen. Und ihre Frauen besuchen sich immer. Sie haben ihre gemeinsame Whistpartie und lauter ähnliche Dinge.«

»Und glauben Sie noch, daß Jackson im Recht war?« fragte ich, indem ich einen Augenblick auf der Schwelle stehenblieb.

»Ich glaube nicht, ich weiß nicht«, lautete die Antwort. »Zuerst glaubte ich auch, daß er Aussichten hätte. Aber ich sagte meiner Frau nichts davon. Ich wollte ihr keine Enttäuschung bereiten. Ihr Herz hing an einem Aufenthalt auf dem Lande, so schwer das auch zu machen war.«

»Warum lenkten Sie nicht die Aufmerksamkeit auf die Tatsache, daß Jackson die Maschine vor Schaden zu bewahren versuchte?« fragte ich Peter Donnelly, einen der Werkführer, die vor Gericht ausgesagt hatten. Er überlegte lange, ehe er antwortete. Dann warf er einen scheuen Blick um sich und sagte: »Weil ich eine brave Frau und drei der süßesten Kinder habe, die Ihre Augen je erblickt haben. Deshalb.«

»Ich verstehe Sie nicht«, sagte ich.

»Mit andern Worten, weil es nicht ratsam gewesen wäre«, antwortete er.

»Sie meinen –« begann ich.

Er unterbrach mich heftig.

»Ich meine, was ich sage. Ich arbeite seit vielen Jahren in der Spinnerei. Als Kind fing ich an den Spindeln an und habe mich seitdem langsam heraufgearbeitet. Nur durch schwere Arbeit habe ich meine jetzige Stellung erlangt. Ich bin Werkführer, mit Verlaub. Und ich zweifle, daß in der ganzen Spinnerei sich eine Hand ausstrecken würde, um mich vor dem Ertrinken zu retten. Ich war immer Mitglied der Gewerkschaft. Aber bei zwei Streiks habe ich der Gesellschaft geholfen. Sie nannten mich einen Streikbrecher. Nicht einer von ihnen würde ein Glas mit mir trinken, wenn ich ihn dazu einlüde. Sehen Sie die Narben an meinem Kopfe? Sie stammen von Ziegelsteinen, die nach mir geworfen wurden. Kein Kind an den Spindeln, das meinen Namen nicht verfluchte. Mein einziger Freund ist die Gesellschaft. Und nicht aus Pflichtgefühl stehe ich zu ihr, Brot und Butter und das Leben meiner Kinder binden mich an sie. Das ist es.«

»War Jackson zu verurteilen?« fragte ich.

»Er hätte Schadenersatz haben sollen. Er war ein guter Arbeiter, der nie krakeelte.«

»War es Ihnen denn nicht möglich, die ganze Wahrheit zu sagen, wie Sie geschworen hatten?«

Er schüttelte den Kopf.

»Die Wahrheit, die reine Wahrheit, und nichts als die Wahrheit?« sagte ich feierlich.

Wieder wurde sein Gesicht leidenschaftlich erregt, und er hob es nicht zu mir, sondern zum Himmel.

»Für meine Kinder würde ich Seele und Leib in ewiger Hölle brennen lassen«, lautete seine Antwort.

Henry Dallas, der Generaldirektor, war ein Mensch mit einem Fuchsgesicht, der mich frech ansah und sich weigerte, über die Sache mit mir zu sprechen. Nicht ein Wort über die Gerichtsverhandlung und seine Aussage konnte ich aus ihm herausbekommen. Aber bei dem andern Werkführer hatte ich mehr Glück. James Smith war ein Mann mit harten Zügen, und das Herz sank mir in die Schuhe, als ich vor ihm stand. Auch er machte den Eindruck, daß er keinen freien Willen hätte, und als ich mit ihm sprach, bemerkte ich, daß er geistig höher stand als der Durchschnitt seiner Klasse. Er stimmte mit Peter Donnelly darin überein, daß Jackson hätte entschädigt werden müssen, ja, er ging sogar noch weiter und nannte die Handlungsweise, die den durch einen Unfall zum Krüppel gewordenen Arbeiter brotlos gemacht hatte, herzlos und gemein. Er erklärte auch, daß Unfälle in der Spinnerei häufig seien, und daß die Gesellschaft die Politik verfolge, alle sich daraus ergebenden Schadenersatzansprüche bis zum bitteren Ende zu bekämpfen.

»Das bedeutet jährlich Hunderte und Tausende für die Aktionäre«, und ich mußte an die letzte Dividende, die mein Vater erhalten, und an den herrlichen Mantel für mich und die Bücher für meinen Vater denken, die von eben dieser Dividende gekauft worden waren. Ich dachte an den Ausspruch Ernsts, daß an meinem Mantel Blut klebe, und ich begann unter meinen Kleidern zu zittern.

»Haben Sie bei Ihrer Aussage nicht betont, daß Jackson verunglückte, als er versuchte, die Maschine vor Schaden zu bewahren?« sagte ich.

»Nein«, lautete seine Antwort, und sein Mund preßte sich bitter zusammen. »Ich sagte aus, daß Jackson seinen Unfall selbst verschuldet hätte, und zwar durch Nachlässigkeit und Fahrlässigkeit, und daß die Gesellschaft in keiner Weise verantwortlich oder ersatzpflichtig sei.«

»War es denn Fahrlässigkeit?« fragte ich.

»Nennen Sie es, wie Sie wollen. Tatsache ist, daß ein Mann müde wird, wenn er stundenlang gearbeitet hat.«

Der Mann begann mich zu interessieren. Er stammte zweifellos aus einer höheren Klasse.

»Sie sind gebildeter als die Arbeiter im allgemeinen,« sagte ich.

»Ich habe das Gymnasium besucht«, erwiderte er. »Das ermöglichte ich, indem ich mich als Pförtner anstellen ließ. Ich wollte auf die Universität gehen. Aber mein Vater starb, und ich mußte in die Spinnerei. Ich wollte Naturwissenschaft studieren«, erklärte er schüchtern, als gestände er eine Schwäche ein. »Ich liebe Tiere, aber ich mußte in die Spinnerei. Als ich zum Werkführer aufrückte, verheiratete ich mich, und dann kam die Familie und – nun ja, da war ich eben nicht mehr mein eigener Herr.«

»Was meinen Sie damit?« fragte ich.

»Ich wollte Ihnen gerade erklären, warum ich vor Gericht aussagte, wie ich es tat – ich folgte Instruktionen.«

»Wessen Instruktionen?«

»Ingrams. Er schrieb mir die Aussage, die ich zu machen hatte, vor.«

»Und darum verlor Jackson seinen Prozeß?«

Er nickte, und das Blut stieg ihm dunkel ins Gesicht.

»Und Jackson hat eine Frau und zwei Kinder zu ernähren.«

»Ich weiß«, sagte er ruhig, aber sein Gesicht färbte sich noch dunkler.

»Sagen Sie mir,« fuhr ich fort, »wurde es Ihnen leicht, aus dem gebildeten Menschen, der Sie waren, zu dem Manne zu werden, der Sie geworden sein müssen, um das fertig zu bringen?«

Ich prallte erschrocken zurück, so unerwartet kam sein Gefühlsausbruch. Er stieß einen wilden Fluch aus und ballte die Fäuste, als wollte er mich schlagen.

»Verzeihen Sie«, sagte er im nächsten Augenblick. »Nein, es war nicht leicht. Und jetzt wird es am besten sein, wenn Sie gehen. Sie haben alles, was Sie wollten, aus mir herausgebracht. Aber ehe Sie gehen, möchte ich Ihnen noch eines sagen. Es würde Ihnen nichts helfen, wenn Sie etwas von dem, was Sie von mir gehört haben, weiter sagten. Ich würde es leugnen, und Sie haben keinen Zeugen. Ich würde jedes Wort leugnen – wenn es sein müßte, unter Eid auf der Zeugenbank.«

Nach der Unterredung mit Smith ging ich in das Bureau meines Vaters im chemischen Laboratorium, und dort traf ich Ernst. Die Begegnung war ganz unerwartet, aber er begrüßte mich mit seinem kühnen Blick und seinem festen Händedruck und mit dieser eigentümlichen Mischung von Verlegenheit und Ungezwungenheit. Es schien, als hätte er unsere letzte stürmische Begegnung vergessen; aber ich war nicht in der Stimmung, sie zu vergessen.

»Ich habe den Fall Jackson verfolgt«, sagte ich unvermittelt.

Er wartete gespannt, daß ich weiter sprechen sollte, aber ich konnte in seinen Augen die Gewißheit lesen, daß meine Ansichten erschüttert worden seien.

»Man scheint ihm übel mitgespielt zu haben«, gestand ich. »Ich – ich – glaube, daß etwas von seinem Blute von unsern Dachbalken tropft.«

»Natürlich«, antwortete er. »Wenn man gegen Jackson und alle seine Genossen barmherzig gewesen wäre, würde die Dividende nicht so fett sein.«

»Ich werde nie mehr Gefallen an schönen Kleidern finden können«, fügte ich hinzu.

Ich fühlte mich gedemütigt und zerknirscht, und mich durchrieselte es süß, daß Ernst eine Art Beichtvater für mich war. Dann, wie später immer, stützte mich seine Kraft. Sie schien eine Verheißung von Schutz und Frieden auszustrahlen.

»Und ebensowenig werden Sie Gefallen an Sackleinen finden können«, sagte er mit Nachdruck. »Sie kennen die Jutespinnerei, dort herrschen dieselben Zustände. Dort wie überall. Unsere viel gepriesene Zivilisation ist auf Blut begründet, mit Blut gesättigt, und weder Sie, noch ich, noch sonst irgend jemand kann es vermeiden, von diesem roten Blut befleckt zu werden. Wer waren die Leute, mit denen Sie sprachen?«

Ich erzählte ihm alles, was vorgefallen war.

»Und nicht einer von ihnen hatte Handlungsfreiheit«, sagte er. »Sie alle sind an die erbarmungslose Industriemaschine gefesselt. Und das Tragische dabei ist, daß sie alle mit ihrem Herzblut daran gefesselt sind. Ihre Kinder – es ist immer das junge Leben, das sie instinktiv schützen. Dieser Instinkt ist stärker als alle Ethik in ihnen. Mein Vater! Er log, er stahl, er tat alles mögliche Ehrenrührige, um Brot für mich und meine Geschwister zu schaffen. Er war ein Sklave der Industriemaschine, die ihn zerstampfte, ihn zu Tode hetzte.«

»Aber Sie«, warf ich ein. »Sie sind doch sicher frei in ihrem Handeln.«

»Nicht ganz«, erwiderte er. »Ich bin nicht durch mein Herzblut gefesselt. Ich bin oft dankbar, daß ich keine Kinder habe, und dabei liebe ich Kinder. Und doch würde ich mir keine wünschen, wenn ich verheiratet wäre.«

»Das ist ein schlechter Grundsatz«, rief ich.

»Ich weiß«, sagte er traurig, »aber für mich ist er angebracht. Ich bin Revolutionär, und das ist ein gefährlicher Beruf.«

Ich lachte ungläubig.

»Was würde Ihr Vater tun, wenn ich nachts bei ihm einzubrechen versuchte, um seine Dividenden von den Sierra-Spinnereien zu stehlen?«

»Er schläft mit einem Revolver auf dem Nachttisch neben sich«, antwortete ich. »Aller Wahrscheinlichkeit nach würde er Sie erschießen.«

»Und wenn ich und ein paar andere anderthalb Millionen Mann Diese Bemerkung bezieht sich auf den im Jahre 1910 in den Vereinigten Staaten von den Sozialisten gestellten Antrag. Die Geschichte dieses Antrages zeigt deutlich das rasche Wachsen der Revolutionspartei. Es stimmten für sie im Jahre 1888: 2068; 1902: 127 713; 1904: 435 040; 1908: 1 108 427 und 1910: 1 688 211. in die Häuser aller Wohlhabenden führen würden – es gäbe eine mächtige Schießerei, nicht wahr?«

»Ja, aber das würden Sie nicht tun«, bemerkte ich.

»Eben das will ich tun. Und wir haben die Absicht, nicht nur allen Reichtum in den Häusern zu nehmen, sondern auch sämtliche Quellen dieses Reichtums, alle Bergwerke, Eisenbahnen, Fabriken, Banken und Geschäfte. Das ist die Revolution. Sie ist wirklich gefährlich. Ich fürchte, die Schießerei wird schlimmer werden, als ich mir je träumen ließ. Aber, wie gesagt, heute ist niemand frei in seinem Handeln. Wir sind alle von den Rädern und Zähnen der Industriemaschine gepackt. Sie haben das dort, wo Sie waren, gesehen, Sie sehen, daß die Männer, mit denen Sie sprachen, es auch waren. Sprechen Sie noch mit einigen andern. Gehen Sie zu Ingram. Suchen Sie die Reporter und Redakteure auf, die dafür sorgten, daß der Fall Jackson nicht in die Zeitungen kam. Sie werden sehen, daß sie alle Sklaven der Maschine sind.«

Im Verlauf unserer Unterhaltung stellte ich eine einfache Frage nach der Haftpflicht gegenüber den Arbeitern bei Unfällen und erhielt von ihm eine statistische Belehrung.

»Es steht alles in den Büchern«, sagte er. »Alle Fälle sind gesammelt, und es ist unumstößlich, daß die wenigsten Unfälle sich in den Morgenstunden ereignen, daß ihre Zahl aber mit jeder Stunde, mit der der Arbeiter körperlich und geistig ermüdet und langsamer wird, rasch anschwillt.

»Weshalb, meinen Sie, hat Ihr Vater dreimal soviel Chancen für die Sicherheit von Leib und Leben wie ein Arbeiter? Er hat sie. Die Versicherungsgesellschaften In dem schrecklichen Kampf jener Jahrhunderte befand sich niemand dauernd in Sicherheit, soviele Reichtümer er auch aufgehäuft haben mochte. Aus Sorge um das Wohlergehen der Angehörigen ersann man das System der Versicherungen. Uns erscheint heute in unserm vernunftbegabten Zeitalter eine derartige Versicherung lächerlich und primitiv. Damals aber waren Versicherungen eine sehr ernste Angelegenheit. Das Lustigste daran ist, daß das Kapital der Versicherungsgesellschaften oft geplündert wurde, und zwar gerade von den Beamten, denen seine Verwaltung anvertraut war. wissen es. Ihn kostet eine Unfallversicherung auf tausend Dollar vier Dollar zwanzig jährlich, einen Arbeiter hingegen fünfzehn Dollar.«

»Und Sie?« fragte ich, und in diesem Augenblick spürte ich eine mehr als oberflächliche Unruhe in mir.

»Ach, als Revolutionär habe ich etwa achtmal soviel Aussicht wie ein Arbeiter, verletzt oder getötet zu werden«, antwortete er sorglos. »Von einem sehr geübten Chemiker, der mit Explosivstoffen umgeht, verlangt die Unfallversicherung die achtfache Prämie wie von einem Arbeiter. Ich glaube, mich würden sie überhaupt nicht aufnehmen. Warum fragen Sie?«

Ich konnte die Augen nicht aufschlagen und fühlte, wie mir das Blut heiß in die Wangen stieg. Nicht, weil er meine Unruhe bemerkt haben konnte, sondern weil ich sie selbst, und dazu in seiner Gegenwart, entdeckt hatte.

In diesem Augenblick trat mein Vater ein und machte Anstalten, mit mir fortzugehen. Ernst gab ihm einige Bücher zurück, die er von ihm geliehen hatte, und verabschiedete sich. Aber im Hinausgehen drehte er sich noch einmal um und sagte:

»Wissen Sie, statt daß Sie sich Ihre Seelenruhe stören lassen und ich die des Bischofs störe, sollten Sie lieber Frau Wickson und Frau Pertonwaithe aufsuchen. Ihre Männer sind, wie Sie wissen, die beiden Hauptaktionäre der Spinnerei. Wie alle andern Menschen, sind auch diese beiden Frauen an die Maschine gefesselt, wenn sie auch obendrauf sitzen.«


 << zurück weiter >>