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Der Strudel

Unmittelbar nach diesem Abend erfolgte ein erschreckendes Ereignis nach dem andern; und ich, die ich all meine Tage so friedlich in der stillen Universitätsstadt verlebt hatte, wurde mit meinen persönlichen Angelegenheiten in den Strudel der großen Weltereignisse hineingezogen. Was es war, das mich zur Revolutionärin machte – ob meine Liebe zu Ernst oder das klare Bild, das er mir von der Gesellschaft, in der ich lebte, gezeigt hatte – weiß ich nicht; aber Revolutionärin wurde ich, und ich geriet in einen Wirbel von Ereignissen, die mir noch vor drei Monaten unfaßbar gewesen wären.

Die Krisis in meinem eigenen Schicksal kam gleichzeitig mit großen Krisen in der Gesellschaft. Zunächst verlor Vater seinen Lehrstuhl an der Universität. Oh, er wurde nicht formell entlassen! Er wurde gebeten, zu verzichten, das war alles. Das wollte an sich nicht viel heißen. Vater freute sich im Grunde, namentlich, weil seiner Entlassung die Veröffentlichung seines Buches »Wirtschaft und Erziehung« zugrunde lag. Das erhärtete seine Beweisführung, und er war zufrieden. Denn welch besseren Beweis konnte es für die Behauptung geben, daß das Erziehungswesen von der kapitalistischen Klasse beherrscht wurde?

Aber dieser Beweis gelang nirgends. Niemand erfuhr, daß Vater zum Rücktritt gezwungen worden war. Seine Bedeutung als Wissenschaftler war so groß, daß die Bekanntgabe seines Rücktritts und ihrer wahren Ursache die ganze Welt in Aufruhr gebracht hätte. Die Zeitungen überschütteten ihn mit Lobreden und gaben ihm Recht, daß er die Plackerei des Lehrstuhls aufgegeben hatte, um sich ganz seinen wissenschaftlichen Forschungen widmen zu können.

Zuerst lachte Vater. Dann wurde er ärgerlich – tonisch-ärgerlich. Dann erfolgte die Unterdrückung seines Buches. Das geschah so geheim, daß wir es zuerst gar nicht gewahr wurden. Das Erscheinen des Buches hatte gleich einige Aufregung im Lande verursacht. Vater war von der kapitalistischen Presse beschimpft worden; der Grundton der Schmähungen war, daß es bedauerlich sei, wenn ein so großer Gelehrter sein eigentliches Gebiet verlasse und sich in das Reich der Soziologie begebe, wovon er nichts verstehe, und wohin er sich übereilt verirrt habe. Das dauerte eine Woche, und Vater lachte sich ins Fäustchen und sagte, sein Buch habe den Kapitalismus an seiner wunden Stelle getroffen. Dann hörten plötzlich die Zeitungen und kritischen Zeitschriften auf, das Buch zu besprechen. Und ebenso plötzlich verschwand das Buch aus dem Buchhandel. Nicht ein einziges Exemplar war mehr bei den Buchhändlern aufzutreiben. Vater schrieb an den Verlag und erhielt die Mitteilung, daß die Matern durch einen unglücklichen Zufall beschädigt seien. Eine unerquickliche Korrespondenz folgte. Als der Verlag sich schließlich zu einer unzweideutigen Erklärung gezwungen sah, schrieb er, daß er nicht in der Lage sei, das Buch neu zu setzen; er sei jedoch gern bereit, seine Rechte abzutreten.

»Sie werden im ganzen Lande keinen Verleger mehr für das Buch finden«, sagte Ernst. »An Ihrer Stelle würde ich mich jetzt zurückziehen. Sie haben nur einen Vorgeschmack von der Eisernen Ferse bekommen.«

Aber Vater war Gelehrter und nichts als das. Er zog nie voreilige Schlüsse. Ein Experiment war keins, wenn es nicht in allen Einzelheiten durchgeführt wurde. So machte er denn geduldig die Runde bei allen Verlegern. Sie machten unzählige Ausflüchte, aber kein einziger wollte die Neuausgabe des Buches übernehmen.

Als Vater die Überzeugung gewonnen hatte, daß das Buch tatsächlich unterdrückt worden war, machte er den Versuch, diese Tatsache in den Zeitungen zu veröffentlichen; aber es gelang ihm nicht. Bei einer politischen Sozialistenversammlung, bei der viele Berichterstatter zugegen waren, glaubte er, eine Möglichkeit zu sehen. Er erzählte die Geschichte von der Unterdrückung seines Buches. Als er jedoch am nächsten Morgen die Zeitungen las, lachte er, dann aber wurde er von einem Zorn ergriffen, der allen tonischen Zorn, den er je gefühlt, in den Schatten stellte. Das Buch erwähnten die Zeitungen nicht, wohl aber verleumdeten sie den Autor. Sie rissen seine Worte und Sätze aus dem Zusammenhang heraus und verdrehten die wohlüberlegten Äußerungen zu einer wilden, anarchistischen Sprache. Das alles geschah sehr geschickt. Ein Umstand ist mir besonders gut im Gedächtnis haften geblieben. Er hatte den Ausdruck »soziale Revolution« gebraucht. Die Referenten ließen einfach das Wort »soziale« aus. Ein Telegramm der Associated Press meldete das, und im ganzen Lande erhob sich überall großes Geschrei. Vater wurde als Nihilist und Anarchist gebrandmarkt, und eine viel verbreitete Karikatur zeigte ihn mit einer roten Fahne an der Spitze einer Bande von langhaarigen, wildblickenden Kerlen, die Pechfackeln, Messer und Dynamitbomben in den Händen trugen.

Die Presse überfiel ihn mit langen Schmähartikeln, und es wurden Anspielungen auf einen geistigen Zusammenbruch gemacht. Ernst sagte uns, eine derartige Handlungsweise seitens der kapitalistischen Presse sei nichts Neues. Es herrsche dort die Gepflogenheit, in alle sozialistischen Versammlungen Berichterstatter zu schicken mit dem ausdrücklichen Befehl, über alles Geredete falsch und verdreht zu berichten, um dadurch den Mittelstand von einer Annäherung an das Proletariat abzuschrecken. Und wieder ermahnte Ernst meinen Vater, den Kampf einzustellen und sich zurückzuziehen.

Die sozialistische Presse des Landes nahm jedoch den Kampf auf, und im Leserkreise der Arbeiterschaft erfuhr man, daß das Buch unterdrückt war. Aber auch nur hier. Kurz darauf traf der »Appell an die Vernunft«, ein großer sozialistischer Verlag, mit Vater eine Vereinbarung über eine Neuausgabe des Buches. Vater war glücklich, Ernst aber beunruhigt.

»Ich sage euch, wir stehen vor unbekannten Ereignissen«, beharrte er. »Große Dinge bereiten sich rings um uns vor. Wir können sie fühlen. Was es ist, wissen wir nicht, aber es ist da. Der ganze Bau der Gesellschaft erbebt darunter. Fragt mich nicht. Ich weiß selber nichts. Aber aus diesem Wirbel der Gesellschaft kristallisiert sich etwas. Und zwar gerade jetzt. Die Unterdrückung Ihres Buches ist ein Niederschlag. Wieviel Bücher sind unterdrückt worden? Wir ahnen es nicht. Wir tappen im Dunkeln. Wir haben keine Möglichkeit, es zu erfahren. Aber paßt auf, jetzt kommt die Unterdrückung der sozialistischen Presse und der sozialistischen Verlagsanstalten. Ich fürchte, sie kommt. Man erdrosselt uns.«

Ernst hatte seine Hand näher am Pulsschlag der Ereignisse als die übrigen Sozialisten. Zwei Tage später erfolgte der erste Schlag. Der »Appell an die Vernunft« war eine Wochenschrift, deren Abonnentenzahl unter dem Proletariat siebenhundertfünfzigtausend betrug. Außerdem wurden häufig Sondernummern in einer Auflage von zwei bis fünf Millionen gedruckt. Diese großen Ausgaben wurden von dem kleinen Stab freiwilliger Mitarbeiter, die sich um den »Appell« gesammelt hatten, ausgeteilt. Der erste Schlag richtete sich gegen diese Sonderausgaben und war vernichtend. Durch eine eigenmächtige Verfügung der Post wurde entschieden, daß sie keine regelmäßig erscheinende Zeitung darstellten, und daß deshalb ihre Beförderung von der Post abgelehnt werden müsse.

Eine Woche später entschied die Post, daß das Blatt selbst ein revolutionäres Organ sei und sperrte die Beförderung ganz. Das war ein furchtbarer Schlag für die sozialistische Propaganda. Der »Appell« war verzweifelt. Man beschloß, das Blatt den Abonnenten durch die Expreßgesellschaften zuzustellen, aber die lehnten ab. Das war das Ende des »Appell«. Aber doch nicht ganz. Er ging mit verdoppeltem Eifer an seine Buchausgaben. Von Vaters Buch lagen zwanzigtausend Exemplare in der Binderei, weitere befanden sich im Druck. Da erschien plötzlich, ohne jede Ankündigung, nachts eine Bande, steckte unter dem Schwenken der amerikanischen Flagge und dem Absingen patriotischer Lieder das reichhaltige Inventar des »Appell« in Brand und vernichtete es völlig. Dabei war Girard in Kansas eine ruhige, friedliebende Stadt. Nie hatte es dort Arbeiterunruhen gegeben. Der »Appell« zahlte Einheitslöhne, und er war tatsächlich das Rückgrat der Stadt, da er Hunderten von Männern und Frauen Beschäftigung gab. Die Bande bestand nicht aus Bürgern von Girard, sie war wie aus dem Erdboden gestiegen, und, nachdem sie ihre Aufgabe in jeder Beziehung erfüllt hatte, wieder in ihm verschwunden. Ernst sah in diesem Ereignis das finsterste Anzeichen.

»›Die Schwarzen Hundertschaften‹ »Die Schwarzen Hundertschaften« waren reaktionäre, von der untergehenden Autokratie in der russischen Revolution organisierte Pöbelbanden. Sie attaktierten die revolutionären Gruppen und plünderten und zerstörten gegebenenfalls Eigentum, um der Autokratie einen Vorwand zu verschaffen, die Kosaken herbeizurufen. sind in den Vereinigten Staaten organisiert«, sagte er. »Das ist der Anfang. Aber es kommt noch schlimmer. Die Eiserne Ferse hat Blut geleckt.«

Und das war das Ende von Vaters Buch. Im Laufe der Zeit sollten wir noch viele Taten der Schwarzen Hundertschaften sehen. Von Woche zu Woche wurden immer mehr sozialistische Zeitungen von der Post gesperrt, und die Schwarzen Hundertschaften zerstörten eine ganze Anzahl sozialistischer Druckereien. Die Zeitungen lobten natürlich, der reaktionären Politik folgend, die herrschende Klasse, zerrten die vernichtete sozialistische Presse in den Schmutz und priesen die Schwarzen Hundertschaften als wahre Patrioten und Retter der Gesellschaft. So überzeugend waren all diese Fälschungen, daß selbst Geistliche von der Kanzel herab in gutem Glauben die Schwarzen Hundertschaften rühmten, wenn sie auch die Anwendung von Gewalt bedauerten.

Die Geschichte ging ihren Gang. Die Herbstwahlen standen vor der Tür, und Ernst wurde von der sozialistischen Partei als Kandidat für den Kongreß aufgestellt. Seine Aussichten waren sehr günstig. Der Straßenbahnerstreik in San Franzisko war zusammengebrochen, und ebenfalls der darauffolgende Streik der Fuhrleute. Beide Niederlagen waren verhängnisvoll für die organisierten Arbeiter. Der ganze Hafenarbeiterverband hatte, gemeinsam mit seinen Verbündeten aus dem Baugewerbe, die Fuhrleute unterstützt, und alle waren unrühmlich unterlegen. Der Streik hatte Blut gekostet. Die Polizei hatte ihre Knüppel auf zahllose Köpfe niedersausen lassen, und die Totenliste war durch das Feuer eines Maschinengewehrs erhöht worden, das von den Schuppen der großen Speditionsfirmen auf die Streikenden gerichtet wurde.

Infolgedessen waren die Leute erregt und rachgierig. Sie verlangten Blut und Vergeltung. Auf ihrem eigenen Felde geschlagen, drängte es sie, durch eine politische Aktion Rache zu nehmen. Ihre Organisation bestand noch; das verlieh ihnen in dem politischen Kampfe, der entbrannt war, Macht. Ernsts Wahlaussichten stiegen von Tag zu Tag. Täglich erklärten neue Verbände, ihre Stimmen den Sozialisten geben zu wollen, und selbst Ernst mußte lachen, als sich schließlich sogar die Leichenträger und Geflügelrupfer einstellten. Die Arbeiter wurden störrisch. Zu den sozialistischen Versammlungen drängten sie sich mit ungeheurer Begeisterung, aber den Lockungen der alten Parteipolitiker blieben sie unzugänglich. Die Redner der alten Partei standen meistens vor leeren Sälen, und wenn sie sich einmal füllten, dann wurden die Redner so roh behandelt, daß mehr als einmal die Polizei einschreiten mußte.

Die Geschichte ging ihren Gang. Die Luft vibrierte von Ereignissen, die eintrafen oder bevorstanden. Schwere Zeiten Unter dem kapitalistischen Regime waren derartige Perioden ebenso unvermeidlich wie sinnwidrig. Wohlergehen brachte immer Elend mit sich. Das war natürlich dem Übermaß an unverbrauchtem Verdienst zuzuschreiben, der sich aufgespeichert hatte. waren für das Land gekommen. Und die Ursache war eine Reihe glücklicher Jahre, in denen es immer schwerer geworden war, den unverbrauchten Überschuß an das Ausland abzusetzen. Die Industrie arbeitete nur noch in beschränktem Maße. Viele große Fabriken standen still, und die Löhne wurden an allen Enden gekürzt.

Auch der große Maschinenarbeiterstreik war zusammengebrochen. In dem blutigsten Streik, der die Vereinigten Staaten je erschüttert hatte, waren zweihunderttausend Maschinenarbeiter mit fünfhunderttausend Verbündeten aus der Metallindustrie besiegt worden. Regelrechte Schlachten hatten zwischen ihnen und dem Heere der Streikbrecher Streikbrecher – das waren in jeder Beziehung, nur nicht dem Namen nach, die Privatsoldaten der Kapitalisten. Sie waren durch und durch organisiert und gut bewaffnet und wurden in steter Bereitschaft gehalten, um jederzeit in Sonderzügen sofort nach irgendeinem Teil des Landes geschickt zu werden, wo die Arbeiterschaft einen Streik oder die Unternehmer eine Aussperrung ins Werk setzten. Nur jene sonderbaren Zeiten konnten ein Schauspiel bieten wie Farley, ein bekannter Streikbrecherführer, der im Jahre 1906 mit einer schwer bewaffneten und vollkommen ausgerüsteten Armee von zweitausendfünfhundert Mann in Sonderzügen quer durch die Vereinigten Staaten von New York nach San Franzisko fuhr, um den Streik der Straßenbahner zu brechen. Eine solche Handlungsweise war eine direkte Verletzung der Gesetze des Landes. Die Tatsache, daß sie, wie tausend ähnliche, ungestraft hinging, zeigt uns, wie vollständig die Gerichtsbarkeit von der Plutokratie beherrscht wurde., die von den Arbeitgeberverbänden ins Feld geschickt wurden, stattgefunden; die Schwarzen Hundertschaften erschienen in den entlegensten Ortschaften und zerstörten das Eigentum. Dann waren hunderttausend Mann von der regulären Armee aufgeboten worden, um der Sache ein Ende mit Schrecken zu machen. Eine Anzahl Arbeiterführer wurde hingerichtet, viele andere zu Gefängnisstrafen verurteilt und Tausende von den Streikenden in Rinderpferchen In einem Bergarbeiterstreik in Idaho in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts wurden viele Streikende durch die Truppen in einen Rinderpferch getrieben. Diese Methode wurde noch im zwanzigsten Jahrhundert befolgt. zusammengetrieben und von den Soldaten aufs unbarmherzigste behandelt.

Jetzt mußte man für die guten Jahre bezahlen. Alle Märkte waren überfüllt, alle Preise fielen, und bei dem allgemeinen Preissturz der der Arbeit am allerschnellsten. Das Land wurde durch industrielle Kämpfe erschüttert. Überall wurde gestreikt, und wo nicht gestreikt wurde, sperrten die Unternehmer die Arbeiter aus. Die Zeitungen waren voll von Berichten über Gewalttaten und Blutvergießen. Und überall hatten die Schwarzen Hundertschaften ihre Hand im Spiel. Aufruhr, Brandstiftung und wahllose Zerstörung war ihre Aufgabe, und die erfüllten sie wahrlich gut. Die ganze reguläre Armee stand im Felde, eine Folge der Tätigkeit der Schwarzen Hundertschaften Nur der Name, nicht die Idee war aus Rußland importiert. Die Schwarzen Hundertschaften waren von kapitalistischen Geheimagenten ins Leben gerufen und fanden bei den Arbeiterkämpfen im neunzehnten Jahrhundert Verwendung. Darüber kann man nicht streiten. Kein Geringerer als Caroll D. Wright, Arbeitsminister der Vereinigten Staaten, ist für diese Angaben verantwortlich. Aus seinem Buche: »Die Kämpfe der Arbeit« entnehmen wir die Klage, daß »in einigen der großen historischen Streiks die Unternehmer selbst Gewalttätigkeiten veranlaßten«, daß Fabrikanten vorsätzlich Streiks ins Leben riefen, um sich von überflüssigem Inventar zu befreien, und daß während des Eisenbahnerstreiks im Auftrage der Unternehmer Frachtwaren verbrannt wurden, um den Tumult zu steigern. Diese Geheimagenten der Unternehmer bildeten dann die Schwarzen Hundertschaften, und sie waren es, die später zu der schrecklichen Waffe der Oligarchie, den Agents provocateurs, wurden.. Alle Städte und Dörfer glichen bewaffneten Lagern, und die Arbeiter wurden wie die Hunde niedergeschossen. Aus dem Riesenheer der Arbeitslosen rekrutierten sich die Streikbrecher, und wenn die Streikbrecher von den Arbeitern überwältigt wurden, erschienen stets die Truppen und schlugen die Arbeiter. Dazu kam noch die Miliz. Bis jetzt hatte man seine Zuflucht noch nicht zu dem geheimen Milizgesetz zu nehmen brauchen, nur die reguläre Armee war aufgeboten, und sie war überall im Felde. In dieser Schreckenszeit aber wurde die reguläre Armee durch Regierungsbefehl um hunderttausend Mann vermehrt. Nie hatten die Arbeiter eine solche Niederlage erlitten. Die großen Industriefürsten, die Oligarchen, hatten anfangs ihr volles Gewicht in die von den kämpfenden Arbeitgeberverbänden gelegten Breschen geworfen. Diese Verbände gehörten tatsächlich dem Mittelstand an, jetzt aber bereiteten sie unter dem Zwang der schweren Zeiten, der krachenden Märkte und mit Unterstützung der großen Industriefürsten den organisierten Arbeitern eine schreckliche und entscheidende Niederlage. Das Bündnis war übermächtig, aber es war ein Bündnis zwischen Löwe und Lamm, und das sollte der Mittelstand nur zu bald erfahren.

Die Arbeiterschaft war blutdürstig und rachsüchtig, aber zermalmt. Durch ihre Niederlage wurden die Zeiten indessen nicht besser. Die Banken, selbst eine der wichtigsten Hilfskräfte der Oligarchie, kündigten fortwährend die Kredite. Die Wall Street-Gruppe Wall Street – nach einer Straße im ältesten New York benannt, wo sich die Fondsbörse befand, an der die unsinnige Organisation der Gesellschaft heimliche Manipulationen aller Industrien des Landes erlaubte. stürzte den Geldmarkt in einen Strudel, in dem die Werte des ganzen Landes fast ertranken. Und aus diesem Zusammenbruch und Untergang stieg die wachsende Oligarchie unbekümmert, unerschütterlich und sicher wieder hervor. Ihre Ruhe und Sicherheit waren erschreckend. Zur Ausführung ihrer Pläne benutzte sie nicht nur ihre eigene riesige Macht, sondern auch die ganze Finanzkraft der Vereinigten Staaten.

Die Industriefürsten hatten sich jetzt gegen den Mittelstand gewandt. Die Arbeitgeberverbände, die den Industriefürsten behilflich gewesen waren, die Arbeiter zu zerschmettern, wurden jetzt selbst von ihren früheren Verbündeten zerschmettert. Und inmitten des Unterganges der kleinen Geschäftsleute und Fabrikanten standen die Trusts fest. Ja, mehr noch, sie waren tätig. Sie säten Wind, Wind, und immer mehr Wind. Denn sie allein verstanden es, den Sturm zu ernten und Gewinne aus ihm zu ziehen. Und was für Gewinne! Riesige! Stark genug, dem Sturm, den sie selbst zum größten Teil entfesselt hatten, zu trotzen, ließen sie ihn tosen und raubten die treibenden Trümmer. Alle Werte schrumpften unbarmherzig und unbegreiflich ein, und die Trusts häuften zu ihrem bisherigen Besitz ungeheure Reichtümer, indem sie ihre Unternehmungen auf immer neue Gebiete ausdehnten – und immer auf Kosten des Mittelstandes. Der Sommer 1912 gab dem Mittelstand den Todesstoß. Selbst Ernst war über die Schnelligkeit erstaunt, mit der es geschehen war. Er schüttelte bedenklich den Kopf und sah den Herbstwahlen hoffnungslos entgegen. »Es hat keinen Zweck,« sagte er, »wir sind geschlagen. Die Eiserne Ferse schreitet. Ich hatte auf einen friedlichen Sieg an der Wahlurne gehofft. Ich habe mich geirrt. Wickson hatte recht. Die wenigen Freiheiten, die uns noch geblieben sind, werden uns auch geraubt werden; die Eiserne Ferse wird über uns hinwegschreiten. Der Arbeiterschaft bleibt nichts übrig als eine blutige Revolution. Dann werden wir freilich siegen, aber mich schaudert, wenn ich daran denke.« Und von diesem Augenblick an setzte Ernst sein ganzes Vertrauen auf die Revolution. Hierin eilte er seiner Partei voraus. Seine Genossen stimmten ihm nicht zu und blieben dabei, daß der Sieg durch die Wahlen errungen werden müsse. Nicht, daß sie eingeschüchtert gewesen wären. Dazu waren sie zu berechnend und zu waghalsig. Sie waren nur skeptisch. Das war alles. Ernst konnte sie nicht dazu bringen, den Aufmarsch der Oligarchen ernst zu nehmen. Sie waren zwar beunruhigt, aber doch ihrer eigenen Macht zu sicher. In ihrem sozialen Gebäude gab es keinen Raum für die Oligarchie, und deshalb existierte sie nicht.

»Wir schicken Sie in den Kongreß, und alles ist in Ordnung«, sagten sie ihm in einer vertraulichen Sitzung.

»Und wenn man mich aus dem Kongreß herausholt,« erwiderte Ernst kaltblütig, »an die Wand stellt und mir eine Kugel durch den Kopf jagt – was dann?«

»Dann gehen wir mit Gewalt vor«, antwortete ein Dutzend gleichzeitig.

»Dann werdet ihr euch in euerem Blute wälzen«, lautete seine Entgegnung. »Das Lied habe ich schon den Mittelstand singen hören, und wo ist er jetzt mit seiner Gewalt?«


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