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Elftes Bild

In der großen Wohnstube bei Schülers. Es konferieren: Herr und Frau Schüler; die drei ältesten Söhne: Menachem, Simeon und Julius; Katharina; Herr und Frau Paderstein. Später kommen noch die drei anderen Töchter: Fanny, Elischen, Dora, der Sohn Hugo Paderstein; Arthur Aronymus; sein Schwesterchen Lenchen; der Kaplan und der Arzt.

Arzt (im Begriff, sich zu verabschieden, zu Frau Schüler): Kopf hoch, chère Madame Schüler, Ihr Dorachen wird sehr bald hergestellt sein! Baldrian, Baldrian, (zu Katharina) fleißig Baldrian!

Frau Schüler: Und bleibt auch nichts zurück?

Arzt: Das vergnügte, anmutige Jüngferchen von damals.

Simeon: Der Aberglaube der Leute im Dorf dünkt mich bedrohender in seiner Folge.

Arzt (tritt noch einmal in die Mitte der Wohnstube zurück): Dja, für diese Epidemie ist uns Medizinern kein Kraut gewachsen. Aber Junker Simon und Junker Julius kommen doch gerade von der hohen Schule aus der westfälischen Residenz. Wie denkt man dort über den mittelalterlichen Spuk?

Julius: Von dort infizierte man ja gerade alle anderen Städte und Dörfer Westfalens.

Arzt: Ein böser Same allerdings –

Mutter: – – – schießt über unser friedliches Dorf.

Arzt geht ab.

Vater: Meines Erachtens streute ihn, sich speziell an uns zu rächen, ein hiesiger Mitbürger.

Mutter: Solche infamen Streiche führen doch nur Leute aus triftiger Veranlassung aus.

Frau Paderstein (schmeichlerisch): Du hast ihnen doch sicher keine gegeben, Henriettchen.

Simeon (zu den Eltern): Ich habe euch gewarnt, Hinz und Kunz in den Garten kommen zu lassen.

Menachem (zu Simeon): Natürlich, der Bruder hätte lieber gesehen, das Fallobst wäre verfault auf den Wiesen.

Simeon (hart): Reserviertheit hält vom Leibe.

Mutter: Wie wenig gleichst du meinem holdseligen Vater, Simeon.

Herr Paderstein (kräht): Dem gottesfürchtigen Manne.

Arthur Aronymus und Lenchen (sitzen gebeugt hinter der Seite des Kamins, die zur Türe führt, er zeigt auf Herrn Paderstein): Die Krähe!

Simeon: Er war ein Geistlicher und kein Gutsbesitzer, basta.

Vater: Wir sind hier nicht mit unseren Freunden (auf Padersteins zeigend) beisammen, zu streiten, aber ein Kind, das meine, zu retten, aus den Händen der Antisemiten.

Frau Paderstein: Herr Schüler hat recht.

Herr Paderstein (krähend): Das will ich meinen. (Paderstein trinkt wie ein Vogel, mit dem Kopf zum Himmel dankend, den sich in die Untertasse gegossenen Kaffee, erhebt sich dann, um sich neben seiner Frau aufs Kanapee zu setzen.) Rück was, Weibchen.

Arthur Aronymus (zu Lenchen): Krah, krah, krah.

Herr Schüler: Was war das?

Frau Schüler (Arthur Aronymus ahnend, gleichgültig): Holzscheite knistern.

Simeon: Was ungefähr gedenkt der Herr Vater dem Herrn Kaplan vorzutragen?

Menachem (zu Padersteins): Meine Elfriede wagt sich schon gar nicht mehr mit dem Oskar vor die Türe in Erwitte.

Julius: Um sieben Uhr, also in einer Viertelstunde, muß Michalski kommen (es schlägt auf der großen Wanduhr des Eßraums nebenan) eins, zwei (also zweimal).

Simeon (zum Vater): Wenn der Herr Vater ihm vielleicht eine Geldsumme anböte – für wohltätige Zwecke?

Frau Schüler (atmet erleichtert auf): Das ist großzügig gedacht, Simeon, gerade von dir, Simeon. Mir lag es auf der Zunge.

Er küßt der Mutter, die neben ihm sitzt, wohlerzogen die Hand.

Simeon: Natürlich, man veranstaltet eine Sammlung

Mutter irgend enttäuscht.

Simeon: – unter den westfälischen Juden, denn die gesamte westfälische Judenschaft ist ja in Mitleidenschaft gezogen. (Kleine Pause.)

Julius: Attention, die Wände haben Ohren –

Mutter (erhebt sich, schreitet zum Kamin, zu den Kindern hinter dem Kamin): Macht, daß ihr sofort durch diese Tür kommt!

Beide ab – die Mutter deckt sie.

Simeon: Unsere sind bei der gesegneten Familie immun geworden.

Alle plötzlich erheitert.

Herr Paderstein (kräht): Trocknen Witz hat er bei all seiner Genauigkeit.

Herr Schüler (zu seinem Sohn Simeon): Dein Vorschlag nicht übel, geht mir durch den Kopf.

Simeon (notiert fleißig in seinem Notizbuch): In Münster beteiligen sich mindestens zwanzig Judenfamilien, ebenso die jüdischen wohlhabenden Kaufleute in Paderborn, Dortmund, Bochum, Lippstadt – übrigens beherbergt die Sanitätsrat Grünebaum augenblicklich ihre zwei Brüder aus Kalifornien.

Frau Paderstein winkt ihrem Jungen, der, ohne anzuklopfen, die Türe öffnete, im Rahmen wartet.

Hugo: Dort hat man sogar weißes Gold gefunden – stand im Blättchen (drängt sich unerzogen breit zwischen seine Eltern aufs Kanapee). Und die Indianer sind sie nun am Verdrängen.

Frau Paderstein (ungemein stolz auf ihren Hugo): Erzähl weiter –

Hugo: Unterm portugiesischen Feldherrn, wie hieß doch nochmal der Monsieur –? Die Indianer glaubten, er sei der weiße Heiland. (Fanatisch) Ein Teufel ist er, ein fieser Teufel!

Frau Paderstein: Er studiert die Inkasier und ihren Häuptling. (Heimlich zu Hugo) Wie heißt er doch noch? Schief?

Hugo (ihr brüllend ins Ohr): Chief Big White Horse Eagle!! Wie oft soll ich 's dir sagen?

Herr Schüler: Ja, sind wir hier einer Privatangelegenheit wegen zusammengekommen?

Er zieht die Brauen finster.

Frau Paderstein (mit großer Affenliebe): Er möcht immer mit die Inkasier gegen unsrige kämpfen.

Hugo (mit einer komischen Gebärde eines Feldherrn): Anführen möcht ich sie gegen die Weißgesichter, verdeck.

Frau Paderstein (stolz auf ihn): Ha, ha, ha, ha, ha.

Simeon: Zur Sache!

Julius: In ein paar Minuten kommt er.

Herr Schüler: Wer für die Sammlung ist, erhebe die Hand.

Hugo (glaubt, man sammelt für Aufrüstungen gegen die Indianer): Ich heb nicht die Hand –

Simeon: Halt den Schnabel.

Frau Paderstein gekränkt.

Frau Schüler (ermahnend): Simeon!

Alle heben die Hände. Man hört den Kaplan draußen sprechen mit Fanny und Elischen. Katharina, die neben Simeon in der Stube sitzt, errötet. Man versteht die Worte, die der Kaplan zu Dora spricht.

Kaplan: Jüngferchen Dora scheints ja wieder gut zu gehen.

Elischen (öffnet dem Kaplan die Wohnstubentür und meldet): Der Herr Kaplan Michalski.

Die in der Stube Sitzenden sehen, wie der Kaplan, der Arthur Aronymus in die Höhe gehoben hat, ihn auf den Boden des Flurs stellt. Er tritt ein. Die Anwesenden erheben sich beklommen. Der Vater Schüler, beherrscht, von der sonnigen, ernsten Schönheit des Kaplans sympathisch berührt.

Herr Schüler (sagt mit weltmännischer Geste): Gestatten Sie, Herr Kaplan Michalski, meine Gattin, Frau Henriette, meine älteste Tochter Katharina, Menachem, Simeon und Julius, meine drei ältesten Söhne, und unsere Freunde Herr und Frau Paderstein. Meine Gattin und mich schmerzt es tief, Sie, Herr Kaplan, nicht eines freudigeren Anlasses wegen in unserem Hause begrüßen zu dürfen.

Frau Schüler reicht dem Kaplan die Hand und will die seine danach küssen, aber er küßt die ihre. – Fanny, Elischen und Dora treten schüchtern ein und setzen sich auf die Stühle, die an den Wänden stehen.

Kaplan: Wir Geistlichen, Madame Schüler, vertauschten mit dem heiligen Rock keineswegs die Ritterlichkeit.

Selbst Simeon kann sich nicht ausschließen, die Schönheit und die edle Zucht des Kaplans zu bewundern.

Frau Schüler: Davon hab ich mich eben wohl überzeugt, Herr Kaplan.

Zwischen Herrn und Frau Schüler nimmt auf dem ihm dargebotenen Sessel der Kaplan Platz.

Julius: Ich hatte schon die Ehre, Ihnen in Paderborn zu begegnen, und zwar in Ihrem eigenen großen Hause, im Dom, Herr Kaplan.

Kaplan (interessiert): Besuchten Sie unsere Gottesdienste, Herr Schüler?

Julius: Ohne mich einer Phrase zu bedienen, wir reden ja ehrlich unter Männern, mich interessieren die Reliquien der katholischen Gotteshäuser.

Simeon: Und wenn auf meinen Bruder des leibhaftigen Teufels Mumie in einem Schrein wartete.

Kaplan: Wäre der Teufel nicht das ewigjungbleibende böse Element!

Frau Schüler: Das sagen Sie, Herr Kaplan?

Kaplan (artig): Als der Menschheit abschreckendes Beispiel, Madame.

Herr Paderstein (kräht): Ganz meine Meinung, richtig!

Frau Paderstein nickt beständig.

Kaplan: Die Sprünge, die sich wieder einmal – tableau – Beelzebub zu leisten erlaubt, bieten gewissermaßen unseren katholischen Christen Gelegenheit zur reuigen Buße.

Herr Schüler: Ich bitte den Herrn Kaplan, sich ohne Gêne weiter mitzuteilen (gespannt).

Kaplan: Die Kirche in ihrer Eigenschaft als Hirte legt Gewicht darauf, sich gerade der verirrten schwarzen Schafe in Liebe anzunehmen. Saß nicht der Herr mit den Zöllnern und Sündern an einem Tisch beisammen und speiste? Indem die Kirche, dem Herrn nachwandelnd, Geduld mit ihren im finsteren Labyrinthe verirrten Seelen übt, erübrigt man ihnen Zeit zur Einsicht und zur Umkehr. Nur dieses Prinzip führt zur vollständigen Errettung verirrter Gefühle in der Brust des Menschen.

Simeon: Gestatten Sie, Ehrwürden –

Kaplan (ihn verbessernd): Kaplan!

Simeon: Diesen Einwand, Herr Kaplan! Und werden die Prinzipien der verehrten katholischen Kirche nicht ein Fiasko erleiden, im Fall die Drohungen (ein ganz klein wenig sarkastisch) der verirrten Seelen sich in Tat umsetzen?

Frau Schüler mahnt Simeon im Blick.

Kaplan (bemerkt es, höflich): Ich liebe jede klare Frage, mundet sie auch noch so herb.

Herr Paderstein (hört gespannt zu und äußerst zuvorkommend): Krah! krah!

Kaplan: In den tausenden Fächern des Vatikans wartet für jede Frage eine Antwort, aber der Vatikan besitzt ebenfalls einen Messer, darin er die Verirrungen seiner gläubigen Katholiken auf einen Grad zu ermessen vermag.

Julius: Und er vereitelte nicht die blutigen Pogrome vor einem Jahrhundert in Spanien und hierzulande, Herr Kaplan? Lasen Sie Lessing an Goethe?

Elischen (schüchtern, aber geistreichelnd): Kann ich Ihnen empfehlen, Herr Kaplan.

Kaplan (verbeugt sich, artig lächelnd): Lessing wie Goethe sind mir zwei hochgeschätzte Dichter. Der Heilige Vater in Rom in seiner Unfehlbarkeit nicht abzuschätzen.

Frau Schüler seufzt ganz tief.

Kaplan (mit unendlich liebreichem, tröstendem Blick zu Frau Schüler): Wie Unsere Liebe Frau; ich weiß es zu würdigen.

Simeon (schaut auf den Kaplan, leise für sich): Hier gehts nicht weiter –

Arthur Aronymus (springt jäh in die Stube): Ich war eben so ungezogen wieder, ich muß in die Ecke.

Alle lachen. Die Mutter weist ihn sofort wieder aus der Stube.

Herr Schüler (gießt dem Kaplan vom Wein ein): Ja, wie erklären Sie sich, Herr Kaplan, die plötzliche Gehässigkeit Ihrer Gemeinde speziell gegen mein Haus gerichtet?

Kaplan (klug): Saß nicht einmal auch ein Kaiphas auf dem Priesterstuhl in Juda, der den edelsten Juden, den Heiland, kreuzigen ließ –

Große Ruhe.

Simeon: Daraus könnte man schließen: ein einzelner Mensch ist imstande, das göttliche Prinzip umzustoßen.

Kaplan (klug und fromm): Nur zu verschleiern – durch der Sünde Finsternis.

Simeon fühlt sich überlegen, schweigt.

Herr Schüler: Wir schwenkten vom Wege, dünkt mich.

Frau Schüler: Darf ich mir erlauben, das interessante Gespräch mit einer Privatfrage zu unterbrechen? Sind Sie, Herr Kaplan, wirklich davon überzeugt, daß der dunkle Aberglaube über Gaesecke sich bald in Wohlgefallen auflösen wird?

Herr Schüler nimmt den Brief, den er damals im Garten entfaltete, das anonyme Schreiben, aus seinem Portefeuille und reicht es dem Kaplan.

Kaplan (zu Frau Schüler): Ganz recht, wie eine Wolke.

Frau Schüler (zum Vater, verwundert auf den Brief zeigend): Davon weiß ich doch nichts.

Kaplan (ist dabei, den Brief zu lesen, lächelt): Mir hinterbrachte man sogar, (liebevoll ironisch) Ihre kleine Hexe habe in unserem Dorfe Kinder verhext. (Die andern blicken sich gegenseitig an, wie leicht im Grund und spöttelnd der Kaplan den Brief aufnimmt.) Da kam die Marktfrau, dann kam ein Tagelöhner, ein Nichtstuer und wer weiß alles, die mir die Kunde von der kleinen Hexe im Dorf überbrachten.

Fanny läßt den schwärmerischen Blick nicht vom Gesicht des Kaplans.

Elischen: Mit Fürlaub, Herr Kaplan, war 's die Marktfrau vom Mittwochmarkt gewesen (verschämt), die sich von unserem Rasen im Herbst das Fallobst sammelte?

Frau Paderstein (schnalzend): Undank ist der Welt Lohn.

Kaplan: Wahrscheinlich. (Nach einer Pause, er hebt nur seinen Oberkörper feierlich empor – eine kleine Pause.) Ich erlaube mir, – Ihnen einen Vorschlag zu machen, Herr und Frau Gutsbesitzer Schüler, um zunächst einmal hier in unserem Dorfe die üble Angelegenheit und (betont) jede Gefahr, die Ihrer kleinen Tochter Dora dräut, aus dem Wege zu schaffen. (Sich räuspernd) Nämlich eines Ihrer Kinder im katholischen Glauben erziehen zu lassen.

Frau Schüler (sie denkt an Fanny): Um Gotteswillen.

Kaplan (blickt auf, er ahnt den Gedanken der Frau Schüler): Aber nein, Madame Schüler, ich dachte an meinen kleinen Freund Arthur Aronymus, Ihren Sohn, der mir lieb ist wie ein Brüderchen, (fast mit Ekstase) ja, ich hab ihn lieb mit meinem ganzen Herzen. (Eine Träne steht ihm im Auge.) Er ist mir der liebste kleine Mensch auf dieser weiten Welt. Er ist das köstlichste Bübchen, das mir auf Erden je begegnet ist.

Frau Schüler weint leise vor Rührung.

Kaplan: Mit diesem demütigen Entgegenkommen unserer allein seligmachenden Kirche brechen Sie ein für allemal jeder Gefahr, die Ihrer jungen Tochter Dora dräut, die Spitze ab.

Große Pause. – Rührung, Verlegenheit, Schauer.

Herr Schüler (erhebt sich mit einer Hoheit, zum ersten Male wirklich echt menschlich): Herr Kaplan, gestatten Sie mir, Ihnen in unser aller Namen für Ihren ebenso sinnigen wie gutgemeinten Vorschlag unseren Dank auszusprechen. Leider zwingen mich folgende Umstände, denselben mit respektvollem Kompliment von der Hand weisen zu müssen. Ich, wie mein Vater, noch meines hochseligen Vaters hochseliger Vater und dessen Väter Väterväter, noch die Väter Frau Henriettens, meiner Gattin, in Gott ruhenden Vaters, pflegten auf direktem Wege zu Gott zu gelangen, und ich sollte Seinem Sohn meinen noch unmündigen Sohn auf Umwegen zuführen lassen? Der Herr behüte uns vor allem Bösen! ADONAI JISCHMERENU MIKOL RAR – – – – – –

Beide Padersteins heulen. Ihr Sohn Hugo betrachtet zum erstenmal mit Respekt ein Weißgesicht. Herr Schüler streichelt die weinende Mutter. Die Söhne und Töchter staunen den Vater an, nur Fanny sitzt gebeugt wie eine Trauernde auf ihrem Stuhl.

Kaplan erhebt sich, ein Geschlagener, – dann gefaßt. Er verbeugt sich, tief innerlich erregt. Kein Mensch sieht, daß er die Stube verläßt.

Arthur Aronymus (springt plötzlich vom Flur aus in die Stube): Ich hab Bernard meinen Pipser geschenkt am grünen Band.

Katharina (zu den Eltern): Seine Flöte.

Alle (zu Arthur Aronymus, begierig): Was sagte er?

Arthur Aronymus: Nix!

Frau Schüler: Nix, Arthürchen?

Arthur Aronymus: Er küßte mich nur (er zeigt auf die rechte Backe), hier (er zeigt auf die linke Backe), und hier. Aber Fannys Sträußchen hat er nicht genommen.

Nur Elischen und Frau Paderstein hören diese letzten Worte.

Elischen (leise zu Katharina): Das tut ihr gut.

Frau Paderstein (heuchlerisch, aber auch gutmütig zu Frau Schüler): Sie ist so romantisch, unser schönes Fannychen.

Julius: (in Gedanken): Schon ein Papst an Würde, er.

Simeon (nüchtern, aber pathetisch): Der Vater sende Kundschafter ins feindliche Lager, auszuspüren, was der Feind im Zelte unternimmt.

Herr Schüler: Geht mir und Frau Mutter contre coeur.

Fanny: Ich weigere mich zu spionieren.

Frau Paderstein (geschwätzig): Soll sich eure Mutter, meine Freundin Henriette, etwa zu Tode bangen?

Herr Paderstein (kräht): Gesprochen hast du, Moritz, na! Reich mir die Hand, mein Freund!

Söhne: Und wir müssen Herrn Paderstein beistimmen, Herr Vater.

Frau Paderstein (in höchsten Tönen): Wie ein Gott!

Frau Schüler (liebreich): Du erinnertest mich dieses Mal wirklich an meinen gottseligen Vater.

Arthur Aronymus (eilt zu Fanny, flüstert ihr ins Ohr): Ich geh auch nicht mit, aber ich sag's Bernard wieder!

Fanny verläßt die Stube.

Herr Schüler (testamentarisch): Rüstet euch, meine Söhne und Töchter!

Frau Paderstein: Unser Hugochen macht mit, als Längster! Er kiekt in jedes Fenster rein, ists noch so hoch.

Hugo: Soll ich wacker mein Kriegsbeil holen?

Herr Schüler: So ziehet denn hin, mit Gott, mir Kunde bringen: Heinrich Menachem! Simeon Morderchei! Julius Ahasferos! (Berthold und Ferdinand treten ins Zimmer. Der Vater zu ihnen): Und ihr, meine beiden Söhne, Berthold und Ferdinand Simson! Und ihr, meine Töchter Katharina Deborah! Elise Naemi! (Sucht Fanny vergebens mit dem Blick, sie ist aus der Stube verschwunden. Unecht, dem Rabbi nachahmend): Mein Segen begleitet euch!

Arthur Aronymus (zur Mutter, leise. Etwas eifersüchtig für seinen Großvater): Das sagte doch Großväterlein immer zu dir und Herrn Vater.

Die Kinder gehen alle ab, Hugo schleichend, wie ein Indianer hinterher. Herr und Frau Paderstein begeben sich nach Hause, der Vater geleitet sie bis an die Pforte.

Arthur Aronymus: Mutter, ich will dich was fragen. Gibt es zwei Schutzengel der Kinder?

Frau Schüler: Wieso, Arthurchen Aronymus?

Arthur Aronymus: Bei Großväterlein stand einer mit schwarzen Flügeln und lachte ganz leise mit Großväterlein, als Lenchen und ich Purzelbäume über den Teppich schlugen und ihm dann Gute Nacht sagten. (Frau Schüler ganz erstaunt.) Und der Bernard eben hatte ganz weiße Flügel. Erzähl mir von dem Schutzengel mit den lustigen Flügeln!

Frau Schüler: Wie mir's leicht ums Herz wird! (Bebend) Geliebter Junge – komm, ich erzähle dir vom Schutzengel der Kinder!


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