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Siebtes Bild

In der Schlafstube des Arthur Aronymus und einiger seiner Brüder: Bertholds und Ferdinands Betten stehen rechts an der Wand; Arthur Aronymus' Bett und das Bett seines Bruders Max an der linken Wand. Zwei größere Waschtische, zwei Schränke, einige Stühle, ein kleines Pult mit Schulheften, Tinten usw. und ein Tisch, ebenfalls mit Schulsachen darauf. Früh am Weihnachtsmorgen.

Berthold; Ferdinand; Arthur Aronymus; Max; Katharina; Fanny; Elischen; Dora; Lenchen.

Arthur Aronymus liegt unruhig schlummernd noch in seinem Bett. Ab und zu stöhnt er und spricht weinerlich im Traum. Von draußen hört man die Weihnachtsglocken hell durch Hexengaesecke läuten. Die Geschwister sind schon alle aufgestanden und unterhalten sich im Garten. Man hört ganz nah die Magd Clara schimpfen vom hinteren Garteneingang herauf.

Clara: Ich hol gleich den Inspektor, den Monsieur Filigran, wenn ihr euch nicht fortschert noch am Christmorgen –.

Dorfleute im Garten (äffen Clara nach): Monsieur (näselnd) Filigran – Solche Redensarten, wie Sie am Leibe haben, nimmt sich ja noch nicht mal die Madame heraus! Hol' ihn ens, den Monsieur (näselnd) Filigran.

Clara: Nicht eine Birne oder 'n Appel blieb für uns Angestellte in der Küche übrig. Abgegrast habt ihr täglich die Obstwiesen, darauf die fettesten Bäume stehen. (Lügt) Dat sagt auch die Madame.

Dorfleute: Das soll die Madame Schüler gesagt haben?? –! Gefegt haben wir das faule Fallobst von die Wiesenplätze! Unsere Kinder haben Hunger nach heilem Obst, schäbiges Weibsbild!

Clara: Faulet Obst? Dat macht einer Dümmeren weiß, wie eck et bin. Grad der Appel, der vom Zweig fällt, ist der schmackhafteste! Und gelegen hat er auch nicht allzulange im Gras, davor habt ihr gesorgt, ihr Aasgeier. – Dat sagt auch (sie lügt) die Madame.

Dorfleute: Der werden wirs besorgen.

Verlassen drohend und murrend den Garten. – Oben in der Schlafstube spiegelt sich der Traum Arthur Aronymus' an der Wand wider.

Der Traum

(Tonfilm)

Sein Großväterlein, der Rabbuni, und er wandeln durch die Straßen von Paderborn, passieren die altmodischen Bibel-Giebelhäuser. Manches von den Häusern trägt eine Arabeske in Form einer spitzen, langen Nase mitten im Gesicht. Bei manchen Häusern öffnen sich zwischen den Fenstern große Mäuler – eins schluckt nach Großväterlein und ihm. Großväterlein stolpert immer über seinen langen Bart; er ist schon steinalt, viel älter, als er geworden ist in Wahrheit. Auch er, Arthur Aronymus, hat weiße Haare, und er trägt den kleinen Wachsengel in der Hand vom Christbaum. Auf einmal begegnet ihnen Lämmle Zilinsky; der grüßt sie beide artig. Großväterlein winkt ihm stehenzubleiben, fragt ihn; »Sind jetzt die Kinder auch alle artig zu dir?« Lämmle nickt, und Arthur Aronymus sagt zu ihm: »Ich will dich nie mehr beschimpfen.« Dem Großväterlein wachsen zwei schwarze Flügel an den Schultern; die werden immer größer, und Arthur Aronymus bittet Großväterlein: »Liebes Großväterlein, bleib doch auf der Erden.« Auf einmal kommt ein ganz groß gewachsener Mann auf seinem Schaukelpferd geritten – und da gucken Fanny, Elischen, Arthur Aronymus und Katharina aus dem Fenster eines ganz alten Hauses. Und Fanny sagt: »Das ist der Kurfürst von Hohenstaufen.« Katharina sagt: »Wo?« Elischen sagt: »Wie ungebildet, Fanny, schäme dich, der heißt nicht Kurfürst, sondern Conradin, der Ritter Kreuz.« Da lacht der Kaplan Bernard ganz übermütig, und an seinen Ohren bammelt die rote Schaumkugel vom Christbaum, die Arthur Aronymus der Ursula stibitzen sollte. Da kommt plötzlich ein Blitz vom Himmel und trifft Arthur Aronymus mitten ins Herz. Und danach ein Donner. Zu gleicher Zeit mit dem Donnerschlag fällt die Stubentür – der Traum ist aus – ins Schloß.

Fanny tritt ein, nach ihr Elischen, mit überlegenem Lächeln auf Fanny, dann Katharina mit der sehr unruhigen, an Veitstanz leidenden Dora an der Hand. Arthur Aronymus schlaftrunken im Bettchen. Dora plumpst auf den Boden. Katharina und Elischen heben sie auf und legen sie auf eines der Betten.

Fanny (ungeduldig): Nun wach mal richtig auf, dummer Junge! (Schüttelt ihn etwas.)

Katharina: Nicht so wüst, Fanny.

Fanny: Du und Elischen geht doch sonst morgens mit Dora spazieren.

Elischen: Bitte, wir drei wollten uns abwechseln.

Fanny: Ich kann sie nicht halten. Mir fehlen die Muskeln.

Elischen: Muskeln hat überhaupt von uns Schwestern nur die Käthe.

Katharina: Es gehört mehr Liebe als Muskeln dazu, unser Dorchen zu pflegen.

Dora will was fragen, aber man versteht sie ihrer geschwollenen Zunge wegen nicht.

Elischen: Sie meint, wir zanken uns immer um ihretwegen. Unser armes Dorchen!

Sie küßt sie sehr gutmütig und warm.

Katharina: Wir sollten uns schämen!

Dora nickt dazu. Arthur Aronymus öffnet ganz die Augen; die sind noch wehmütig, feucht und weit aufgetan.

Fanny: Was fehlt dir denn, du dummer Junge?

Sie setzen ihn aufrecht in die Kissen.

Alle (hastig, neugierig): Wie wars gestern beim Herrn Kaplan? Erzähl!!

Fanny und Elischen (gleichzeitig): Sieh mal an, unsere Braut!

Fanny: Was hat er gesagt?

Elischen: Sprich doch, Arthürchen!

Arthur Aronymus: Nix!

Fanny (ahmt ihn nach): Nix! Er muß doch was gesagt haben!

Elischen: Na?

Katharina (klug): Der arme Junge muß sich doch erst besinnen.

Arthur Aronymus: Ein Schaukelpferd hab ich bekommen, vom Christkind.

Elischen: Vom Christkind?? –

Fanny: Warum denn nicht?

Arthur Aronymus: Und einen Teller mit Leckers – (Trübe) Und allerlei sonst noch –

Elischen: Junge, was hast du denn nur?

Arthur Aronymus: Nix!

Fanny (hebt den Zuckerfrosch aus einer Falte des Kissens): Der ist dir wohl über die Zunge gelaufen.

Sie betrachtet heimlich lächelnd das grüne Tier.

Arthur Aronymus: Laß meinen Frosch.

Er will sie klapsen.

Fanny: Nun ist er wenigstens wach!

Alle (ihn ermunternd): Erzähle.

Arthur Aronymus: Was soll ich erzählen?

Dora will etwas sagen und kann nicht.

Arthur Aronymus: Ein Weihnachtsbaum stand, Ursula und Narzissa beteten vor Jesus, der blutete.

Fanny: Wer sind die?

Arthur Aronymus: Wer meinste?

Fanny: Ursula und Narzissa.

Alle: Sinds noch Kinder?

Arthur Aronymus: Onkel Bernards Nichten. – Er hatte die größte Tasse mit Bernard darauf, aber Zwiebäcke mit Anis aßen wir und Mandelkuchen und nachher Pudding mit Safrantunke. Und dann galoppierte ich auf dem Schaukelpferd nach Hause.

Er blickt im Zimmer umher nach dem Schaukelpferd.

Fanny: Weißt du, was du bist?

Arthur Aronymus den Mund öffnend.

Fanny: Ein kleines Kamel.

Arthur Aronymus: Er ließ euch grüßen.

Fanny: Wirklich?

Alle: Wirklich?

Arthur Aronymus: Er wollte euch jeder einen Überwurf mit Mäuseschwänzen schenken. (Er bemerkt das Entsetzen in den Augen der Schwestern. Dora lacht dick auf) – mit goldenen Fransen, sagte er, und Rosetten für die Haare und ein Testament von Goethe – von Jesus seiner Mutter gereimt.

Alle: Was?

Arthur Aronymus: Verdeck wahr.

Alle: Nää –?

Arthur Aronymus sinkt trübselig wieder zurück in die Kissen.

Elischen: Dem Jungen ist doch was?

Katharina: Er hat sich den Magen verdorben.

Von draußen hören die Schwestern das Hexenliedchen dreistimmig bösartig singen:

Maria, Joseph, es läutet so heiß
Bimmel la Bammel,
Wasch in Jesu Blut deck weiß,
Bimmel la Bammel!
Widerstrebt deck der Christenwein,
Bimmel la Bammel!

Dora (schwerfällig, aber vernehmbar): Ich hab so Angst –

Lied:

Zieh ding Hexenschwänzlein ein
Und erleide Höllenpein, Höllenpein
h, h, Höllenpein.
Wir aber danken Herrn Jesu Christ,
Da durch ihn unsere Seele errettet ist.

Elischen macht sich um Dora zu tun, erwärmt ihre Hände:

Dora: Ich geh auch nicht mehr in den Garten.

Elischen: Aber Dorachen, deine Angst mußt du überwinden.

Katharina legt Dora ihren Nerzkragen um. Katharina und Elischen tragen das Kind aus dem Zimmer. Die Wintersonne scheint warm und hell.

Fanny: Arthürchen Aronymuschen, ich schenk dir einen neuen Baukasten.

Arthur Aronymus setzt sich blitzschnell in die Kissen.

Fanny: Sag mir genau, hat Bernard von mir gesprochen? Von Fanny? Hat er alle oder nur mich, die Jungfer Fanny, grüßen lassen? (Sie betont noch einmal) Fanny, Fanny – mich?!

Arthur Aronymus (anmutig und naiv): Vielleicht fällt es mir ein, wenn ich den neuen Baukasten habe.

Fanny (nimmt ihre Börse, zählt in Arthur Aronymus' Händchen): Eine, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn Münzen.

Die Brüder Berthold und Ferdinand kommen und bringen das Schaukelpferd und die anderen Weihnachtsgeschenke und eine große gelbe Tüte mit den Leckers. Lenchen trippelt mit ihnen in die Stube.

Berthold und Ferdinand (gleichzeitig, auf Fanny blickend): Vom Herzbischof auf dem katholischen Kirchplatz.

Fanny: Alberne Bengels, macht, daß ihr rauskommt. (Sie zwinkert Arthur Aronymus zu.) Arthur Aronymus soll noch schlafen.

Sie zieht die Gardinen zu. Lenchen ist im Begriff, ihr Köpfchen neben das des Arthur Aronymus zu legen.

Arthur Aronymus (zu Lenchen): In meiner Jacke steckt wat für dich, Lenchen. Ich mag nichts haben.

Er wendet sein Gesicht der Wand zu. Fanny entfernt sich unmutig. Lenchen kramt in seiner Tasche, holt den Wachsengel heraus. Legt sich neben Arthur Aronymus in die Kissen. Draußen läuten immerfort die Weihnachtsglocken.


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