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Zweites Bild

In Paderborn im kleinen Synagogengarten ruht auf einer schlichten Bank der Landespriester Rabbiner Uriel von Rheinland und Westfalen.

Eine kleine Abordnung von Großkaufleuten: erster, zweiter, dritter, vierter Großkaufmann; der Rosenkreuzler und Astrologe August Friedrich Kern; sein sechzehnjähriger Sohn; der Diener des Rabbunis: Ephraim; der Kantor; Arthur Aronymus; Lenchen.

Rabbi Uriel hält still seine feinen Hände übereinandergelegt im Schoß. Seine Lippen bewegen sich noch andächtig wie im Gebet.

Ephraim (deutet auf die Schar der Männer vor dem Gitter des Gärtchens): Sie lassen sich nicht bescheiden, Rabbi.

Rabbi (sanft): Und warum auch?

Der Rabbi ladet mit gastlicher Gebärde die vor dem Tore wartenden Männer ein, einzutreten.

Ephraim: Ich sah des Rabbis Seele noch am Gottesdienste hangen.

Die Männer verharren in pietätvoller Entfernung vor dem Hohen Priester. Einer der Kaufleute beginnt zu sprechen.

Erster Kaufmann: Rabbi, wir sind in aller Herrgottsfrühe aufgebrochen, ein jeglicher aus seiner Stadt und alle doch aus gleichem Anlaß.

Zweiter Kaufmann: Und legten unsern Flug in des Allmächt'gen Hand.

Dritter Kaufmann: Wie große Wandervögel –

Vierter Kaufmann: Gönnten wir uns keine Rast.

Kern: Schloß mich den Juden an, ehrwürdiger Priester (legt den Arm um seinen Sohn), ich und mein Sohn.

Vierter Kaufmann: Er ist August Friedrich Kern, der Rosenkreuzler und weltberühmte Astrologe.

Rabbi klatscht stumm Beifall.

Alle Kaufleute (zusammen): Den Rest der Abende vertieft er sich mit uns im Studium der Kabbala.

Kern (neigt sich vor dem Rabbi): Es steht geschrieben: Simeon Ben Jochai verletzte sich. – Zwei von den Heiligen Gottes verbrannten an der Erkenntnis überirdischem Licht. – Nur Rabbi Ben Akiba kehrte aus dem geistigen Paradies der Kabbala heil zurück.

Alle murmeln einen frommen hebräischen Spruch.

Rabbi wiederholt den Spruch, küßt sodann die Fingerspitzen seiner Hände den Männern zum Gruß. Er winkt Ephraim, die sich an der Mauer befindende zweite Bank für die Gäste herbeizuholen. Der junge Kern ist ihm behilflich. Alle setzen sich nebeneinander gegenüber vom Rabbi.

Rabbi (nach einer Pause): Was begehren die lieben Pilger von mir?

Kern: Nehmt Euren Einfluß wahr im Parlament, Gewaltiger in Israel.

Zweiter Kaufmann (auf Kern deutend): Ihn trieb mit uns zu Euch die nahende Gefahr.

Dritter Kaufmann: Die unserem Volke dräut.

Erster Kaufmann (gläubig): Euer Flehen, Rabbi Uriel, erreicht das Ohr des Ewigen.

Dritter Kaufmann: Bis in seine Himmel.

Alle: Amen!

Aus der Synagoge ertönt die Schlußstrophe der Feier.

Der Rabbi weist auf die Kuppel der Synagoge.

Rabbi: Das Sch'ma Jisroel bewegt noch innig meine Lippe, die tröstete die gottesfürchtigen Juden in Paderborn; noch weht ein frommes Säuseln über mein altes Priesterherz.

Die Männer beugen ihr Angesicht vor dem Rabbi.

Erster Kaufmann (gläubig): Gewaltiger!

Zweiter Kaufmann: Du Falke!

Dritter Kaufmann (zum alten Kern): Um den Sinai streift sein Sinn.

Vierter Kaufmann: Reiße an Gottes Gewandung!

Der junge Kern will etwas bemerken, aber sein Vater deutet ihm zu schweigen. Der Rabbi bemerkt den Vorgang.

Rabbi: Nun, Knabe, mit welcher frommen Näscherei gedachtest du den alten Rabbi zu beglücken?

Der junge Kern (herb): Der Vater fürchtet recht. Mein Wort scheint ihm zu kindisch noch für Euren Tisch.

Rabbi: Und doch sehnt sich Uriels arg geplündert Rabbiherz nicht nach eitelem Tand, doch mit kindischem Spiel behangen zu werden.

Der junge Kern naht dem Rabbi und küßt ihn auf die Wange. Der Rabbi klatscht in seine Hände, und dann zu Ephraim.

Rabbi: Sage du es ihnen, Ephraim, was der Rabbi ist – sag?

Ephraim: Der Rabbi ist –

Rabbi: Sag!

Kern: Das Sch'ma in Israel.

Ephraim (zögernd): Der Rabbi ist ein Kind.

Der Kantor tritt in das Gärtchen; da sein Winken Ephraim nicht bemerkt, tritt er behutsam hinter die Bank des Rabbis und flüstert Ephraim etwas ins Ohr. Ab.

Ephraim: Der Rabbi ist ein Kind, ich muß den Rabbi täglich zwei-, dreimal daran erinnern: »Der Rabbi ist ein Kind.« Morgens, wenn der Rabbi sich erhebt: »Der Rabbi ist ein Kind!« Und abends, wenn der Rabbi sich zur Ruhe legt: »Der Rabbi ist ein Kind!« Und wieder muß ich es dem Rabbi sagen: »Der Rabbi ist ein Kind.«

Kern: Fürwahr, ein heiliges Kind in Israel. So ein rechtes Urkind dünkt der Rabbi mich, ein schlichtes, aus den Sternen – auf unsere eitle Welt gefallenes.

Erster Kaufmann (gläubig): Ein Sternenkind! – Darum leuchtet er auch.

Zweiter Kaufmann: Der Rabbuni!

Dritter Kaufmann: Und sein Angesicht entdunkelt die Wirrnis!

Erster Kaufmann (beugt vor dem Rabbi die Knie): Rabbi Uriel! (Pause.)

Vierter Kaufmann (zu den Männern energisch): Le temps s'enfuit!

Zweiter Kaufmann (zum vierten Kaufmann): Beginne!

Rabbi bewegt den Kopf, die Männer auffordernd, zu beginnen.

Vierter Kaufmann (leidenschaftlich): Unsere Töchter wird man verbrennen auf Scheiterhaufen!

Zweiter Kaufmann: Nach mittelalterlichem Vorbild.

Dritter Kaufmann: Und Greueln.

Erster Kaufmann: Der Hexenglauben ist auferstanden.

Dritter Kaufmann: Aus dem Schutt der Jahrhunderte.

Zweiter Kaufmann: Die Flamme wird unsere unschuldigen jüdischen Schwestern verzehren.

Erster Kaufmann (fragend): Und ihre Seelen verhindern, zu Gott zu steigen? Rabbi?

Der alte Kern: Wohl erheben sich aufgeklärte Mönche, etliche, und predigen von der Kanzel der Kirchen und ermahnen die vom Teufel gebissene westfälische Christenheit.

Zweiter Kaufmann: Was vermag ein Hirte, und wären es etliche Wächter, gegen eine bissige Herde!

Rabbi (erhebt sich, gewaltig): Moses ward ein Volk, und sein Arm schlug die verblendeten Amalekiter. (Pause.)

Vierter Kaufmann: Von Stunde zu Stunde verstärkt sich die Gehässigkeit der Christen gegen uns Juden, namentlich in den Dörfern und Flecken Westfalens.

Dritter Kaufmann: Kein Judenhaus, das nicht gezeichnet ist mit dem Blut der Tochter.

Vierter Kaufmann (ungeduldig): Was gedenkt der Rabbi zu unternehmen? Die Tage sind gehetzt und die Nächte ruhelos.

Kern: Wie der Jude, so respektiert den Landespriester von Rheinland und Westfalen auch der Christ.

Zweiter Kaufmann: Eure Stimme geht ins Blut, Rabbi.

Erster Kaufmann: Euer Wort stärkt den vom Weg Geirrten, Rabbi.

Rabbi nachsinnend.

Der junge Kern: Wir Rosenkreuzler erzählen uns von des Rabbis Wundertaten.

Erster Kaufmann (gläubig): Das will ich meinen. (Er legt die Hand auf sein Herz.) Hoffnung ist eingezogen schon bei des Rabbis Anblick und Friede –

Der junge Kern (lauschend begierig): Rabbi Uriel könne sein Herz nehmen aus der Brust und seinen roten Zeiger nach Gottosten stellen? – –

Rabbi (stark): Ich konferierte im Parlament mit dem Erzbischof Matthias von Paderborn.

Ephraim bejaht des Rabbis Worte mit dem Kopf.

Vierter Kaufmann (ungeduldig und hart): Das Resultat?

Ephraim (glättet liebreich des Rabbis Bart. Plötzlich ringen sich folgende starken Worte aus seinem Munde): Er fastete die ganze Woche, der Rabbi, doch seine heilige Stimme brüllte durch die aufgeworfenen gleichgültigen Gepflogenheiten aufwirbelnd durch die hohe Räumlichkeit des Parlaments.

Rabbi (betrachtet lange seinen Diener und dann stark): Denn mich erfüllte nur der einzige einige Gedanke, wie helfe ich meinem gequälten Volk.

Kern (bescheiden): Man sagt Matthias nach, er sei ein fanatischer Katholik.

Rabbi: Ein heiterer, sympathischer Kirchenfürst ist er, auf lichten Wegen.

Alle (begierig): Und seine Antwort an Israel?

Rabbi: Er legt der Verirrung seiner Christenheit keine weitere Bedeutung bei.

Vierter Kaufmann: Wie? Und die Gefahr, an der die verehrungswürdige alte Seele Israels wieder zu ergrauen droht.

Zweiter Kaufmann: Ihm nur ein Thema?

Rabbi (bejaht): Eine auferstandene Klamotte!

Vierter Kaufmann (sarkastisch): Mit Teufelsöhrlein und Schwänzlein, schwach auf den Beinen, noch eben lebensfähig, verdrängt zu werden von der nahenden Weihnachtszeit.

Der junge Kern: Mit Teufelsöhrlein und Schwänzlein, ha, ha.

Der alte Kern ermahnt ihn, sich ruhig zu verhalten.

Rabbi: Aus des Kirchenfürsten quellendem Wesen schöpfte ich, euer Rabbi, Redlichkeit! Euch, meine lieben Männer, zum Trost.

Dritter Kaufmann: Und wie verhält sich unser großer Rabbi eigens zu dem Trost, den ihm der Kirchenfürst gespendet?

Vierter Kaufmann (überlegen): Dem auferstandenen Souvenir von anno Sechzehnhundert.

Rabbi: Wie er mir gereicht ward, mein lieber Freund.

Vierter Kaufmann (überlegen): Und fühlt sich unser Rabbi von der Hostie so gestärkt?

Rabbi (streng): Auch alte Kinder lieben nicht das an sie gerichtete geklügelte Wort.

Vierter Kaufmann verneigt sich betroffen.

Rabbi: Mich dünkt, der Erzbischof kennt seine Kinder.

Der Kantor winkt Ephraim, an das Gitter des Gärtchens zu kommen, und gestikuliert. Das Gespräch geht weiter.

Kantor: Ich kann die Kinder nicht wach kriegen.

Erster Kaufmann (gläubig): Wie der Rabbi uns, die Kinder Israels.

Er ermahnt mit dem Finger die übrigen Männer. Pause. Der Rabbi reckt mächtig seine Arme zum Himmel empor, gewaltig.

Rabbi: Der Einige, Einzige Gott über uns. Er prüfte seines Knechtes opferwilliges Herz.

Die Männer erheben sich, beugen sich erschüttert vor dem Rabbi und verlassen ihn hintereinander einzeln, sich noch einmal an der Pforte des Gartens verbeugend.

Ephraim (legt dem Rabbi das abgeglittene Synagogentuch wieder um seine Schultern und sagt zu ihm): Zwei Kinder, sagt der Kantor, schlummern auf der hinteren Bank im Gotteshaus.

Rabbi: Kümmere dich um sie, Ephraim. Dein Abba findet schon allein in seinen Bau.

Ephraim aber führt den Rabbi ins Haus, kehrt eilend um, durch den Garten in die Synagoge. Es wird immer finsterer.


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