Manfred Kyber
Grotesken
Manfred Kyber

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Das Verjüngungsmittel

Die Herren Siegfried Kröpelkopf und Arminius Klapperbein, alleinige Inhaber der Firma Kröpelkopf und Klapperbein, Neuheiten in allen Branchen, saßen zusammen in ihrem Privatbüro. Es war eine geheime Sitzung, eine solche, die alle Neuheiten aller Branchen um die neueste Neuheit der neuesten Branche bereichern und die Namen Kröpelkopf und Klapperbein auf ewige Zeiten in die Geschichte der Menschheit eingraben sollte. Gegen das, was Kröpelkopf und Klapperbein jetzt auf den Markt werfen wollten, war die Erfindung der Buchdruckerkunst eine matte Leistung, die erste Dampfmaschine eine rhachitische Schiebkarre und eigentlich der ganze Mensch als solcher betrachtet ein Witz ohne Pointe. Die Pointe hatten Kröpelkopf und Klapperbein in Händen.

Diese Pointe der Menschheit war eine Essenz von ekliger Farbe, scheußlichem Geruch und abscheulichem Geschmack. Sie befand sich augenblicklich in einer bauchigen Flasche auf dem Tisch zwischen den beiden Herren, die sozusagen die Väter der Essenz waren. Siegfried Kröpelkopf war ihr geistiger Vater, denn er war der Bedeutendere, während Arminius Klapperbein ihr körperlicher Vater war, denn er hatte die größere Kraft und Ausdauer, und hatte die werdende Essenz drei Monate lang während der Bürostunden geschüttelt, bis sie das geworden, als was sie heute anzusprechen war: ein Verjüngungsmittel, das gradweise und geradezu ruckartig auch die morschesten Knochen des verlebtesten Individuums in eine längst vergangene Jugendepoche zusammenzuziehen bestimmt war.

»Klapperbein,« sagte Kröpelkopf und sah seinen Socius mit einem Blick an, gegen den Archimedes einen schülerhaften Eindruck gemacht hätte, »Klapperbein, der große Moment ist gekommen. Wir wollen das Verjüngungsmittel versuchen, das der Menschheit ewige Jugend schenkt.«

»Sie kann es brauchen,« sagte Klapperbein, »und weiß der Himmel, wir können es auch brauchen.«

Arminius Klapperbein war praktisch veranlagt und hatte eine gewisse Selbsterkenntnis für den täglichen Bedarf in sich.

Siegfried Kröpelkopf war romantischer, wenn auch nicht in Geldsachen.

»Klapperbein,« sagte er, »bedenken Sie, nicht nur wir, auch unsere Frauen werden sich verjüngen, ein neuer Liebesfrühling beginnt.«

»Ich denke nicht daran, meine Frau zu verjüngen,« sagte Klapperbein, »und den ganzen Zimt von vorne wieder anzufangen. Ich verjünge mich selbst und in so verjüngtem Zustande verschwinde ich.«

Siegfried Kröpelkopf nahm die Flasche und goß langsam und bedeutungsvoll zwei Gläser mit der scheußlichen Essenz voll. Sein Blick hatte etwas so Sieghaftes, daß gegen ihn Napoleon nach der Schlacht bei Austerlitz wie ein begossener Hund ausgesehen haben muß.

»Auf ewige Jugend!« sagte Kröpelkopf.

»Sagen wir besser, auf eine sozusagen perenierende Jugend,« meinte Klapperbein, der sehr fürs Genaue war.

Beide tranken. Der Geschmack der Pointe der Menschheit schwankte zwischen Lebertran und Tinte, neigte aber im Nachgeschmack zu Eisengallustinte. Da das, auf die Dauer wenigstens, kein angenehmer Geschmack ist, tranken beide einige Gläser Likör hinterdrein, der sich ja in jedem Privatbüro befindet und ihm sozusagen erst die Seele der Firma verleiht. Von der Seele der Firma verleibten sich Kröpelkopf und Klapperbein noch ein beträchtliches Quantum ein und entschliefen dann tief und fest auf dem Lorbeer des Erfolges und dem Leder der Klubsessel, nicht ohne daß sie vorher durch ruckartige Zuckungen in ihren inneren und äußeren Organen den beginnenden Verjüngungsprozeß wahrgenommen hatten.

Nach Verlauf einiger Stunden klopfte der Prokurist der Firma Kröpelkopf und Klapperbein an die Türe des Privatbüros. Er wußte, daß ein Verjüngungsmittel geplant war und hatte die zur Reklame nötigen Photographien eines alten Mannes von besonders ausgeprägtem körperlichen Zerfall und eines schönen Friseurjünglings, die beide eine schwache Aehnlichkeit aufwiesen, mit größter Mühe und Gewissenhaftigkeit beschafft. Ein Tippfräulein hatte daruntergeschrieben: ›so sah ich aus vor Gebrauch und so sah ich aus nach Gebrauch der Essenz ›Ewige Jugend‹, was ich der Firma Kröpelkopf und Klapperbein, aus freiem Antrieb und um meinen Mitmenschen zu helfen, dankend bestätigte.‹ Der Prokurist klopfte noch einmal, es eilte und er wollte das Plakat in Auftrag geben, auch wollte er fragen, ob vielleicht eine notarielle Beglaubigung mit unleserlicher Unterschrift am Platze wäre.

Im Privatbüro regte sich nichts. Nur ein schwaches Wimmern war von Zeit zu Zeit hörbar, das phonetisch an junge Katzen erinnerte.

Dem Prokuristen wurde unheimlich und er rief das Tippfräulein heran, das ihr Aussehen als Greis und Jüngling bestätigt hatte. Das Fräulein hörte die klagenden Katzenlaute und benahm sich weder als Mümmelgreis noch als Friseurjüngling, sondern als Weib. Sie schrie ›Mord‹ und fiel in Ohnmacht. Der Prokurist goß ihr ein Glas Wasser über den Kopf und ließ einen Schlosser holen, um die Türe des Privatbüros zu öffnen.

Der Schlosser kam, sah und öffnete. Der Prokurist und das wiedererwachte Fräulein traten ein. Was sie sahen, erinnerte weder an einen Mord noch an junge Katzen.

In den Klubfauteuils der Herren Kröpelkopf und Klapperbein hockten zwei wimmernde Säuglinge, die bei näherer Betrachtung eine unverkennbare Aehnlichkeit mit den Inhabern der Firma Kröpelkopf und Klapperbein aufwiesen und in den langen, weiten Anzügen der offenbar flüchtigen Chefs der Firma einen geradezu kläglichen, gleichsam verhöhnten Eindruck machten.

Es war leider mehr als einleuchtend, daß sich die Inhaber der geachteten Firma Kröpelkopf und Klapperbein einen scheußlichen Scherz mit ihrer, jedenfalls illegitimen, Nachkommenschaft erlaubt hatten. Ein solches Verbrechen konnte nur in geistiger Umnachtung geschehen sein, denn nie hatte man Kröpelkopf und Klapperbein einer noch so geringen Härte gegen Kinder zeihen können. Hier aber war nicht nur das unwürdige Vergehen unverkennbar, nein, es lag ihm sogar eine sichtlich seit langem in teuflischer Verworfenheit und mit satanischer Ueberlegung ausgeführte Vorbereitung zugrunde. Denn wie hätten sonst Kröpelkopf und Klapperbein mit noch unbekannten Müttern sich in so gräßlicher Gleichzeitigkeit vermehren können, wenn nicht in der Stunde unerlaubter Liebe schon diese unmenschliche Absicht der Verhöhnung des eigenen Blutes bestanden hätte, die vielleicht in der Geschichte der menschlichen Nachtseiten als einzig dastehend gebucht werden würde.

Dies waren die Gedanken des Prokuristen, der abends nach Beendigung der täglichen Geschäfte und nach Kassenschluß im Pitaval zu lesen pflegte. Man schloß sich seiner unabweislichen Logik ohne weiteres an. Der Schlosser holte die Polizei und das Tippfräulein wickelte die armen, verhöhnten und ausgesetzten Nachkommen einer einst so rühmlichen und nun für immer gefährdeten Firma in Geschäftshandtücher und Schreibmaschinenpapier. Dann brachte sie die immer noch wimmernden Geschöpfe in ein Säuglingsheim, wo sie, ausgehungert wie sie waren, begeistert die Flasche nahmen. Denn weder der Prokurist, noch der Schlosser oder das Tippfräulein waren aus physiologisch erklärbaren Gründen in der Lage gewesen, die Säuglinge zu ernähren und zwar erstere überhaupt nicht und in keinem Falle und die letztgenannte noch nicht, weil ihre derzeitige Ausbildung sich lediglich auf Stenographie und Schreibmaschine beschränkt hatte, die beide für die Entwicklung der Muttermilch von sekundärer Bedeutung sind.

Die Polizei beschlagnahmte die, wie es später in den Akten hieß, ›zur Verhöhnung von Säuglingen eigenen Blutes gedient habenden Herrenanzüge‹ und der Prokurist verständigte die Ehefrauen Kröpelkopf und Klapperbein telefonisch und schonend von der legitimen Einbuße und dem illegitimen Zuwachs beider Familien, worauf die also Getäuschten ebenso wortreich als wütend noch am gleichen Tage die Scheidungsklage einreichten.

Siegfried Kröpelkopf und Arminius Klapperbein hatten sich inzwischen, gestärkt durch mehrfachen Genuß der Milchflasche, einem erquickenden Schlummer in den Betten des Säuglingsheims hingegeben und erwachten nun gegen Mitternacht durch das quäkende Geschrei offenbar sehr zahlreicher Kinder. Die Verjüngungsessenz hatte in ihrer Wirkung bereits nachgelassen und Kröpelkopf und Klapperbein bemerkten nicht ohne Erstaunen, daß sie in Betten lagen, deren Umfang etwas deutlich Beengendes an sich hatte und ungefähr den Eindruck erzeugte, den ein Walfisch in einer Sardinendose haben könnte. Befremdet bemerkten sie ferner, daß sie in Windeln gewickelt waren, und daß sie auf diesen seit langem nicht mehr gewohnten Kleidungsstücken den Namen des städtischen Säuglingsheims lasen. Es ließ sich auch nicht leugnen, daß die Windeln wie auch die sie umgebende, einem Steckkissen ähnliche Hülle durchaus als eine mangelhafte Bedeckung ihrer Blöße anzusehen waren.

Wie kamen sie, die Inhaber der geachteten Firma Kröpelkopf und Klapperbein, in Windeln und Steckkissen, in einen Saal trompetender Säuglinge? Zuerst dachten sie an einen Traum, an eine vielleicht nicht gekannte, visionäre, in der Verwandtschaft der Idee liegende Nebenwirkung ihrer Verjüngungsessenz. Bald aber kam ihnen die furchtbare Gewißheit der Wirklichkeitswirkung ihres Mittels zum Bewußtsein. Sie hatten zu viel getrunken, sie waren nicht nur verjüngt, sie waren zu Säuglingen geworden und als solche gefunden und hierhergeschafft worden und noch dazu als Säuglinge mit Aehnlichkeit von sich selbst! Die Folgen waren nicht auszudenken! Sie sahen schon ihre Frauen im Geiste – und wohl ihnen bei allem Unwohlsein, daß sie sie nur im Geiste sahen!

Nur eine schnelle Tat konnte hier helfen. Sie mußten fliehen und die Säuglinge, zu denen sie selbst geworden waren, auch selber wieder dem Säuglingsheim sozusagen rauben. Glücklicherweise lag der Saal der Flaschenkinder im Erdgeschoß und einen Augenblick, als die wachehabende Schwester hinausgegangen war, benutzten die Herren Kröpelkopf und Klapperbein, um diesem für sie nicht angemessenen und bei längerem Aufenthalt kompromittierenden Ort durch ein Fenster zu entweichen.

Durch die nachtstillen Straßen eilten sie, nur mit Windeln und den ohne Sachkenntnis um sich gruppierten Steckkissen bekleidet, atemlos zur Stadt hinaus. Glücklicherweise begegneten sie nur einem Professor der römischen Geschichte, der sie für Lemuren hielt und später ein Buch über die innere Wahrscheinlichkeit der altrömischen Vorstellungswelt schrieb, das viel Aufsehen machte.

Die Erregung in der Stadt war am anderen Tage eine geradezu unbeschreibliche. Die Zeitungen brachten lange und sehr geistreiche Aufsätze über den sensationellen Fall, der wie kaum jemals ein anderer in die tiefsten Nachtseiten menschlichen Empfindens hineingeleuchtet habe. Der Staatsanwalt erhob die Anklage wegen Kindesaussetzung, wegen Verhöhnung des eigenen Blutes in den eigenen Herrenanzügen und wegen Kindesraubes aus einem städtischen Säuglingsheim. Er setzte eine angemessene Belohnung auf die Ergreifung von Kröpelkopf und Klapperbein, auf die Auffindung der geraubten Säuglinge oder deren unbekannter Mütter aus. Allgemein war das Bedauern mit diesen unschuldigen Opfern und den Ehefrauen Kröpelkopf und Klapperbein. Seltsamerweise förderten die eifrigen Recherchen der tüchtigsten Beamten zutage, daß in dem Städtchen seit mehreren Monaten keine Frau ein Kind zu Welt gebracht habe. Die Firma Kröpelkopf und Klapperbein erlosch. Der Prokurist schrieb einen Aufsatz über seine Erlebnisse für den neuesten Pitaval und das Tippfräulein gab ihren Beruf auf und wandte sich einer Beschäftigung zu, die für die Erzeugung von Muttermilch nicht mehr von sekundärer, sondern von primärer Bedeutung war.

Siegfried Kröpelkopf und Arminius Klapperbein lebten einige Zeit in Höhlen, machten sich aus den Steckkissen und Windeln eine Art Badehose und nährten sich von Nüssen und Wurzeln. Dann stahlen sie in einem Bauernhause Kleider, flüchteten über die Grenze und gründeten im Ausland eine neue Firma mit den veränderten Namen Kröpelbein und Klapperkopf, Neuheiten aller Branchen.

Die Verjüngungsessenz ist leider verloren gegangen. Die Flasche zerbrach bei der amtlichen Beschlagnahme ›der zur Verhöhnung von Säuglingen eigenen Blutes gedient habenden Herrenanzüge‹ und ihr Inhalt ergoß sich auf den Boden des Privatbüros, wo die kostbare Flüssigkeit von Mäusen aufgeleckt wurde.

Seltsamerweise entdeckte man einige Tage darauf eine höchst sonderbare Sorte Hausmäuse von nie gesehener Kleinheit in den Geschäftsräumen der Firma Kröpelkopf und Klapperbein. Die Tierchen hatten ungefähr die Größe einer Wanze in gutem Ernährungszustand und wurden einem Zoologen zur Beobachtung übergeben. Dieser setzte sie in ein Glas und fand am anderen Morgen gewöhnliche Mäuse im Behälter seiner Gelehrsamkeit. Er schrieb hierauf ein überaus fesselndes Werk über ›Sinnestäuschungen allgemeiner und spezieller Natur an der Hand der Hausmaus (mus domestica)‹, das heute noch an allen Hochschulen als mustergültig anerkannt ist.


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