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»Erapfi, dir leb' ich…«

Was täten unsere Wäldler – und nicht nur unsere Wäldler –, wenn es keine Erdäpfel gäbe! Wenn auch bei uns erst etwa hundertfünfzig Jahre allgemein Kartoffeln gebaut werden, so sind sie doch heute die Hauptnahrung bei arm und reich. »Allawal« werden sie scherzhaft von den Waldlern geheißen, weil sie »allawal«, wie man im Wald statt immer sagt, auf den Tisch kommen.

Da wo ich daheim bin, in Fürstenhut, dreht sich fast das ganze Jahr, ja das ganze Leben um die Erdäpfel, weil in dieser hintersten Gegend des Böhmerwaldes bloß die Erdäpfel gedeihen, und gut gedeihen, während Korn und Kraut nicht immer reif werden. Der Kartoffel gilt die meiste Sorge und die größte Arbeit des Jahres, und so wird auch manches Ereignis im Leben mit der Arbeit auf dem Kartoffelacker verquickt, etwa: »Der ist im Erdäpfelgraben gestorben.« Wie ich als Student einmal aus der Großstadt heimkam, fragte mich ein steinaltes Weiblein aus: »Ös in der Pragerstadt seids g'wiss voraus, ös werd'ts d' Erapfi schon g'setzt hab'n?«

Als Kinder haben wir vor der dampfenden Erdäpfelschüssel oft übermütig gebetet: »Erapfi, dir leb' ih, Erapfi, dir sterb' ih, Erapfi dein bin ih, tout und lewenti, Amen!« Unsere Nachbarn aus den reicheren Dörfern (die eben so viel Kartoffeln essen wie wir) haben uns spöttisch »Erdäpfelbüawein« (etwa Erdäpfelleute) gehänselt, worüber wir uns arg geärgert haben; damals ist es für einen fremden Burschen nicht ratsam gewesen, mit einer Kartoffelblüte im Hut durch unser Dorf zu gehen; wenn es ein Bauernheißsporn doch wagte, so wurde er von uns gehörig verprügelt; manche Rauferei hat mit dem Erdäpfelspott angefangen und im Bezirks- oder Kreisgericht geendet.

Als wir vor etlichen Jahren das große Fest der Heimat als Abschluss der hundertjährigen Zinsgründlerkämpfe feierten, da gingen unsere Holzhauer, jung und alt, mit einer Kartoffelblüte im Hut herum, galt es doch den Tausenden Fremden die Heimat zu zeigen, wie sie wirklich leibt und lebt. Ja, im Festzuge wurde von einem alten Holzhauer an einer Stange ein eigens aus Holz verfertigter Riesenerdapfel getragen als Sinnbild unseres Dorfes; und wenn wir nicht schon drei Fichten in unserem Gemeindesiegel gehabt hätten, damals hätten wir am liebsten eine Kartoffelblüte hineingesetzt, so stolz waren wir jetzt auf unsere Eigenart.

Mir ist die Kartoffel von meiner Jugendzeit in Not und Arbeit treu geblieben und ich ihr. Ich bin als armer Student Jahre lang auf und ab im Wald auf böhmischer und bayerischer Seite herumgewandert, bei armen Arbeitern und reichen Bauern um die Erdäpfelschüssel gesessen und habe mit den braven Leuten die saure Milch zu den Erdäpfeln gelöffelt; habe die Wäldler unterhalten fürs Essen und ausgehorcht und gern bei den Erdäpfeln von den Erdäpfeln selber angefangen.

Das Sprichwort »Der dümmste Bauer hat die größten Erdäpfel«, durfte ich nur bei den kleinen Leuten sagen; ebenso gab ich nur hier das Rätsel auf: »Warum hat unser Herrgott die Erdäpfel erschaffen?« worauf die Antwort lautete: »Damit die armen Leute auch jemandem die Haut abziehen können.« Bei den protzigen Bauern erzählte ich wiederum: »Vor wem bücken sich die Bauern am meisten?« und gab gleich die Antwort: »Vor den Erdäpfeln.«

Der Bäuerin erzählte ich, dass in Fürstenhut einmal eine Hochzeit aus lauter Erdäpfeln ausgerichtet worden sei. Die Mägde ließ ich auf die Kartoffel raten: »Hat viele Augen und kann doch nicht sehen?« und die Knechte fragte ich: »Was ist das Höchste im Glauben?«, ließ sie lange hin und her raten und sagte es ihnen dann: »Das Höchste beim Erdäpfelklauben ist der Weiberbuckel.« In bäuerischer Gesellschaft freilich habe ich etwas anderes als das Höchste bezeichnet.

Im Städtlein Wallern erzählte ich von den Leuten von Kuschwarda: »Die sind notige und verhungerte (sonst aber kreuzbrave) Leute; wenn sie sich mit Erdäpfeln recht angefressen haben, gehen sie alle Mal vor die Haustüren auf die Straße heraus und stochern in ihren Zähnen herum, damit die fremden Leute meinen sollten, sie hätten zu Mittag Fleisch gegessen.« In Kuschwarda wiederum habe ich dieselbe Geschichte haargenau von den Wallerern erzählt.

Unterm Erzählen hat mancher dreingeredet und auch was von den Erdäpfeln zum Besten gegeben, wenn uns nichts anderes eingefallen ist: In Hohenfurth im untersten Wald werden die Menschen nach dem Braten und den Erdäpfeln in bessere und gewöhnliche eingeteilt, da gibt es auf dem langen Marktplatz eine »Bratlseiten« und eine »Erdäpfelseiten«.

Wenn die Kartoffeln in einem Jahr gut geraten, so werden darauf viele Kinder, geht im Wald die Rede. Einmal ist der böhmische Statthalter durch das Dorf Humwald gekommen, und wo er hinsah, überall waren Kinder und wiederum Kinder. Er sagte zum Vorsteher: »Da gibt es aber Kinder!« Darauf hat der Vorsteher von der Leber weg geantwortet: »Weil wir halt viel Erdäpfel haben!« Die Erdäpfel sollen auch sonst »fest treiben« und verschleiernd weiß die Volksweisheit von einer, die in gesegneten Umständen ist, zu sagen, sie habe zu viele Erdäpfel gegessen.

So hat sich unser kleiner amerikanischer Einwanderer schnell Magen und Herz des Wäldlervolkes erobert; wir, die bei den Kartoffeln aufgewachsen sind, sind stark und gesund geworden und auch heiter und lustig, heiterer und lustiger als andere Menschen: was bei Schmeller im Bayerischen Wörterbuch aus einem Briefe des Jahres 1785 über die Pfalz im oberen Wald, die »Stoanpfalz« oder »Erdäpfelpfalz«, mitgeteilt wird, könnte für den ganzen Böhmerwald geschrieben worden sein: »Freund, die obere Pfalz nimmt sich besonders aus in der Laune und Kurzweil. Die Erdäpfel sind ihr, was der Haber den Pferden ist. Sie gumpt (hüpft lustig), wiehert, spitzt die Ohren, da das träge Bayern seinen Pass geht.«

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