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Johannes von Nepomuk im Volksmund

Johannes von Nepomuk ist einer der beliebtesten Volksheiligen: sein Tag wird bei uns festlich begangen und überall in katholischen Gegenden, auch in den fernsten Ländern, verehrt man ihn als den Brückenheiligen.

Lebt nun unser heiliger Landsmann, der einer der weltbekannten Namen der böhmischen Heimat ist, auch außerhalb der Kirche im deutschen Volksmund?

Ja und nein!

Der naheliegende Reim Nepomuk auf Bruck brachte allerhand geistliche und weltliche Reime hervor, unter denen wohl die des »Prager Musikanten« von Wilhelm Müller jedem Deutschen geläufig sind:

»Unser Schutzpatron im Himmel
heißt der heilige Nepomuk,
steht mit seinem Sternenkränzel
mitten auf der Prager Bruck.«

Ein einziges Mal taucht der Heilige auch im deutschen Sprichwörterschatz – ein alter Spruch in neuem Gewande – auf:

»Glücklich über die Bruck,
Verlacht man Nepomuk.«

Geläufiger ist in und außerhalb unserer Heimat sein Name: die Kurz- und Koseform »Muckerl« zu Nepomuk bezeugte schon vor einem Jahrhundert im Volk ein bayerischer Sprachforscher; bei den Süddeutschen, vielleicht auch anderswo, macht dieses Wort eine Bedeutungserweiterung mit und wird für jemanden aus Böhmen schlechthin – ähnlich wie der Name Wenzel – verwendet: »böhmischer Muckel!« rief mich gern ein bekannter Münchener Gelehrter.

Überall knüpft an die Brückenbilder im Volksmund eine große Anzahl von Geschichten der verschiedensten Art an, von denen drei bezeichnende aus unseren Gegenden mitgeteilt seien.

Ein armer Schuster, heiß es bei den Waldlern, versteckt sich Tag für Tag hinter dem heiligen Nepomuk auf der Prager Brücke seine Sparkreuzerlein; einmal kommt er darauf, dass auch hier das Geld beim Teufel ist; so erhebt er denn die Hand und lässt seinen Zorn an dem Heiligen mit einem landesüblichen Fluche aus.

Unsere Finanzer geben gern die Geschichte von einem durstigen Grenzwächter zum Besten, der nach dem nächtlichen Dienstantritt dem Brückenheiligen Mantel und Gewehr umhängt und sich ins Wirtshaus stiehlt; der Vorgesetzte des Grenzers gibt dem Heiligen, weil er ihm nicht Rede und Antwort steht, einen derben Stoß, und es geht jetzt dem vermeintlichen Grenzwächter haargenau wie dem Heiligen in der Legende, bis sich der Irrtum herausstellt.

In den egerländischen Dörfern wird gern die Ulkgeschichte vom heiligen Nepomuk erzählt, der am Morgen seines Festes Kolatschen mit Powidl als sinnige Weihegabe in der Hand hält.

Die außerkirchliche Volkstümlichkeit des heiligen Johannes von Nepomuk ist also etwas anderer Art als die der meisten Volksheiligen: wenn man von den halbkirchlichen Liedern, Bräuchen und Volksschauspielen bei uns absieht, so ist er als Heiliger mit seinen Wahrzeichen und Legenden nicht volkstümlich, wohl weil er erst 1729 heiliggesprochen wurde; recht bekannt und von allerhand Überlieferungen und Dichtungen, umrankt aber sind im Munde des deutschen Volkes die Standbilder des Heiligen.

Die Häufigkeit und Vielfältigkeit bezeugen die folgenden Goethischen Knittelverse – in dem Gedicht »Celebrität« – am schönsten:

»Auf großen und auf kleinen Brucken
stehn vielgestaltete Nepomuken
von Erz, von Holz, gemalt, von Stein,
colossisch hoch und puppisch klein.
Jeder hat seine Andacht davor,
weil Nepomuk auf der Brucken sein Leben verlor.«

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