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Sankt Siemandl

Die Menschen früherer Zeiten pflegten einander viel mehr als heutzutage mit Lachen die Wahrheit sagen. Der Spott war gang und gäbe und machte nirgends halt. Am ausgelassensten trieben es die Menschen an der Scheide von Mittelalter und Neuzeit.

Wenn da ein Weiblein mit den Pantoffeln das Regiment im Hause führte, so ward sie von aller Welt »Siemann« genannt. Mit demselben Worte konnte man aber auch den armen Mann bezeichnen, wie wir etwa heute einen Pantoffelhelden auch »Siemandl« titulieren. Der Volksspott hat zwei Heilige als Patrone einer Ehe aufgestellt, in der ununterbrochen »Sankt Haderleins Fest« gefeiert wird, wie sich der alte Schwankschreiber Hans Wilhelm Kirchhoff einmal ausdrückt: Sankt Siemann, im Volksmunde Sankt Siemandl genannt, und Sankt Erwei, das heißt: »Sie« ist der Mann und »Er« ist das Weib. Ihrer gedenken gar oft die alten Dichter. Auch heute noch lebt der heilige Siemandl und das heilige Erweibl fröhlich im Volk. Des ähnlichen Klanges halber ist der heilige Siemann in der Volksüberlieferung mit dem heiligen Simon zusammen gewachsen und Sankt Simon also in einen etwas üblen Ruf gekommen. Nach der Volksmeinung soll an Sankt Simons Tag kein Mann seinem Weiblein widersprechen!

Sankt Siemann ist auch der Schutzheilige einer zum Scherz erdichteten Bruderschaft der Pantoffelhelden: in Philipp Hafners Komödie »Megära« wird ein alter Herr vom Hans Wurst »jubilierter Vorsteher der Simonilad« angeredet. Auch Abraham a Santa Clara berichtet im »Judas« von den »Siemandlbruderschaften«, die scherzhafte Diplome versandten und am Tage ihres Patrons Simon ihren Frauen Fesseln anlegten. Noch in unserer Zeit soll es nach dem Biographen Wolfgang Schmeltzls in Österreich solche Brüderschaften geben, in denen arme Ehemänner ihr Herz ausschütten und sich gegenseitig aufrichten.

Hans Sachs kennt einen eigenen wunderlichen Heiligen, der den Pantoffelhelden zu Hilfe kommt und die Prügelkur an herrschsüchtigen Weiberleuten vollzieht: Sankt Kolbmann (Kolbe bedeutet so viel wie Stock). Offenbar als Gegenstück zu Sankt Siemandl und Sankt Erweibl hat Abraham a Santa Clara in seinem »Merks Wien!« auch zwei Schutzpatrone einer einträchtigen Ehe erfunden: er vergleicht das Haus zweier liebender Eheleute einmal am Ende einer langen Reihe von Vergleichen auch einem Kalender, »in dem die größten Heiligen Sankt Pacificus (Friede) und Sankt Concordia (Eintracht) sind.«

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