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Das Gedächtnis des Volkes

Was weiß das Volk von der Vergangenheit: von Dingen, die sich in unseren Dörfern und Kleinstädten abgespielt haben, und von Ereignissen, deren Kunde aus der Welt bis zu uns gedrungen ist, von der Vergangenheit, die von Mund zu Mund überliefert wird und also bewusst oder unbewusst im Gedächtnis des Volkes lebt?

Unsere Leute – wir meinen die Deutschen des südwestlichen Böhmen – sind nicht ungeschichtliche Menschen, sie reden oft und gern von früheren Zeiten; sie wissen aber nicht gerade viel, haben sich doch keine großen Ereignisse bei uns und in unserer Nähe abgespielt und die Vorfahren sind fast ohne Zusammenhang mit der Welt im Göpel des Alltags ihrer Arbeit in Feld und Wald nachgegangen. Die geschichtlichen Erinnerungen in einem Dorfe und in der näheren Umgebung sind zahlreich und lebendig, reichen aber nicht gar weit zurück; kennen doch viele Leute kaum noch ihre Großeltern. Unsere Ortsgeschichtsschreibung sollte nicht nur Akten und Bücher einsehen, sondern auch die Überlieferung des Volkes hören; fast jedes Dorf hat sogenannte »Gedenkmänner«, die über Vorkommnisse der letzten Menschenalter Bescheid wissen. Manches örtliche Ereignis hat im Wandel der Überlieferung freilich eine Umbildung zur Sage erfahren, besonders alles, was von Herren, Burgen und Ruinen erzählt worden ist. Viel weiter zurück reicht natürlich die Kenntnis von Gestalten und Ereignissen der allgemeinen Geschichte, die ihre Schatten auch in unsere Wälder geworfen hat, denn mit Brettern verschlagen war die Welt auch in früheren Zeiten nicht.

Wenn in einer Gesellschaft einfacher Dorfmenschen von den alten Zeiten gesprochen wird, da sitzen wohl noch Leute beim Tisch, die von der Zeit vor zwei Menschenaltern erzählen können; da weiß mancher alte Mann etwas vom Bosnischen Feldzug zum Besten zu geben; hie und da läuft noch bei uns einer um, dem der Name irgendeines Bandenführers als Spottname anhaftet, und mancher verrufenen Winkel trägt heute noch einen serbischen oder türkischen Namen. Nur wenige Dorfleute kennen bei uns den Namen Bismarck. Vom Sechsundsechziger Krieg wird dagegen noch oft erzählt. Da sagt wohl mancher, dass sein Vetter oder Ähnl mitgetan habe. »So schnell schießen die Preußen nicht«, hört man noch oft sagen. Auch von den Kämpfen mit den Wälschen in Italien wird noch viel gesprochen und »der Radetzky« ist den Leuten noch wohl vertraut. Von der Achtundvierziger Revolution sind recht viele Ereignisse, meist heiterer Natur, lebendig geblieben: Nationalgarde, harmlose Schießereien, Aufzüge.

In Rede und Lied ist Napoleon dem Volke gut bekannt. »Der hat Herr sein wollen über die ganze Welt«, geht die Meinung über ihn; auch sonst weiß das Volk noch mancherlei von den Franzosen, besonders von Durchmärschen, zu erzählen. Maria Theresia und Josef sind Gestalten, von denen man oft und gerne im Volke spricht; in vielen Anekdoten, Schwänken und Geschichten bleiben beide dem Volke immer wieder gegenwärtig. Besonders Josef ist immer noch ein Volksliebling; nicht selten findet man auf unseren Dörfern noch alte Anekdotenbüchlein über ihn. Alte Leute reden oft: »Der hat den Robot abgebracht« oder »Das war ein Mann, der hat ein Herz für die kleinen Leute gehabt.« Nach dem Zeugnisse des Geschichtsforschers Pangerl wird in einem Dorfe des Böhmerwaldes bei Prozessionen und ähnlichen Gelegenheiten nie unterlassen, für Kaiser Josef ein Vaterunser aufzuopfern.

Die Robotzeit ist vielfach noch nicht dem Gedächtnis des Volkes entschwunden und die Dorfleute wissen viele und schöne Einzelheiten zu berichten, die nicht vergessen werden sollten. Auch von den alten Säumerwegen wird noch einiges erzählt. Viel weiß das Volk auch von den alten Glashütten und Bergwerken, die im 18. Jahrhundert in Blüte waren. Auch wie unsere Dominikaldörfer »eingebaut« wurden, ist nicht ganz unbekannt. Etliche berüchtigte Mordgesellen und Wildschützen aus nah und fern sind immer noch Volkslieblinge. Die Erinnerung an die Pestzeit um die Wende des 17. und 18. Jahrhunderts endlich wird durch viele Pestsäulen, Marterln, Sagen und Flurnamen im Volke lebendig gehalten. »Der stinkt wie die Pest«, ist bei uns noch eine häufige Redensart.

Je weiter wir nun in die Vergangenheit zurückblicken, umso mehr verblassen die Gestalten und Ereignisse. Bei Napoleon und Josef weiß das Volk noch, dass sie vor vielleicht hundert, hundertfünfzig Jahren gelebt haben, von den folgenden Ereignissen fehlt jede Zeitvorstellung und die Ereignisse geraten kunterbunt durcheinander. Nur wenig weiß man bei uns noch von der Zeit, wo die Leute »lutherisch gewesen sind«; hie und da geht die Rede in unseren Märkten und Kleinstädten, dass in dieser Kirche die Katholischen, in jener Kapelle die Evangelischen ihre Andachten abgehalten haben; vielleicht erinnert noch der Haus- und Spottname Luther an diese Zeit. Kaum denkt das Volk an den Sinn der Worte aus der Gegenreformation, wenn es noch oft sagt (sogar zum Vieh): »Wart', ich will dich katholisch machen!«

Tief in das Gedächtnis des Volkes eingegraben hat sich der Dreißigjährige Krieg, die sogenannte »Schwedenzeit«; war das Ereignis so gewaltig, oder sollten nicht alle späteren Kriegen mit dem Namen der Schweden verknüpft worden sein? Da gibt es Schwedensprüchlein, die weit und breit (auch in anderen Landschaften), meist als Kinderschreck, bekannt sind:

»Bet' Kindei, bet'
hiazt kimmt da Schwed',
hiazt kimmt da Oxensterna,
wird's Kindei bet'n lerna«,

dann Schwedenkreuze, Schanzen und Gräber; Äcker, die oft kurz »d' Schwedin« benannt sind. Alles, was die Leute im Wald und Feld an Gewaffen finden, stammt aus der »Schwedenzeit«. Ja, sogar von der Anwesenheit der Schweden da und dort wissen die Leute Bescheid und mancher Bauer redet oft also: »Über unsern Acker ist auch der Schwed' gezogen.« Dass unsere Ahnen mit den Schweden auch auf gutem Fuße gestanden haben, bezeugen die Redensarten: »Grüß dich, alter Schwed'!« und »Der sauft wie ein Schwed'«. Vielleicht reicht auch der Familienname Schwed in diese Zeit zurück. Über den Dreißigjährigen Krieg hinaus kennt unser Volk nur noch die Gestalt Luthers: aus Schmähliedern, närrischen Wirtshauszeremonien und zotigen Sprüchen; hie und da weiß einer auch, »dass der Martin Luther einen neuen Glauben aufgebracht hat.«

Aus Zeiten vor Luther hat unser Volk gewöhnlich keine Kenntnis mehr. Vier Jahrhundert also umfasst das Gedächtnis des Volkes bei uns; ebenso weit in die Vergangenheit zurück reichen auch die volkskundlichen Überlieferungen: bis zu Faust, Eulenspiegel und den Schildbürgern.

Scheinbar weiß mancher im Volk, besonders bei den jüngeren Geschlechtern, mehr und auch aus älteren Zeiten, aber das ist dann sicher Schul-, Zeitungs- oder Bücherweisheit und nicht Überlieferung von Mund zu Mund. Ähnlich steht es mit geschichtlichen Überlieferungen von der Art: die Polletitzer Kirche heißt als die älteste weit und breit »Ahnlkirche« oder: der heilige Adalbert hat die Friedhofskirche von Prachatitz eingeweiht, endlich: der Steig, der von Bayern durch die Senke von Eisenstein nach Böhmen führt, ist von Günther angelegt worden. Solche Geschichten sind von der Kanzel herab, besonders von den Jesuiten zur Zeit der Gegenreformation, immer und immer wieder dem Volke gepredigt worden, sodass das Volk sie schließlich übernommen und von Geschlecht zu Geschlecht weiter erzählt hat. Auch die alten Schulmeister haben manche ähnliche Geschichten dem Volke übermittelt. In so ferne Zeiten reicht die Überlieferung von Mund zu Mund im Volke nicht zurück; wir bezeichnen solche Erzählungen im Volksmunde, die deutlich von einzelnen Männern ausgehen, nicht als Überlieferung, auch wenn ein geschichtlicher Kern zugrunde liegt, sonder eher als geschichtliche Sagen. In unseren Kleinstädten allerdings dürften die geschichtlichen Erinnerungen etwas weiter zurückreichen, da die Bevölkerung beim ständigen Anblick der historischen Denkmäler und im gelegentlichen Gespräche mit Kundigen zu allen Zeiten manches in die Überlieferung übernimmt; so wissen auch die unteren Schichten unserer Kleinstädter etwas von Hus, den Hussitenkriegen und den Rosenbergern und vielleicht noch mancherlei anderes.

Wie steht es in anderen Landschaften? Abgesehen davon, dass der Inhalt oft ein anderer ist, dürfte eine Untersuchung des geschichtlichen Erbes in anderen Landschaften wohl zu ähnlichen Ergebnissen führen wie bei den Deutschen des südwestlichen Böhmen, wenn auch das Gedächtnis des Volkes in Altdeutschland etwas weiter zurückreichen mag als in einem Kolonisationslande.

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