Autorenseite

 << zurück 

Achtzehntes Kapitel

Mit einem tiefen Seufzer erwachte Christel aus ihrer Ohnmacht. Sie fühlte etwas Nasses, Kaltes über ihre Stirn rieseln und öffnete verwirrt die Augen. Ein dunkles, wohlbekanntes Gesicht beugte sich über sie, ein paar strahlende Augen lachten sie an.

»Christel! Kindchen! Gott sei Dank, daß du wieder wach bist! Ich hab' schon schreckliche Angst um dich gehabt. Wie fühlst du dich denn?« Behutsam zog sie das nasse Tuch von ihrer Stirn weg. »Hast du Schmerzen?«

»Nein, gar nicht …« Mühsam versuchte Christel, ihre Gedanken zu ordnen. Wie kam sie hierher? … Was war geschehen? Langsam nur vermochte sie die vorangegangenen Ereignisse sich in ihr Gedächtnis zurückzurufen … ach ja, der Überfall! Mit einem Ruck richtete sie sich kerzengerade in die Höhe und faßte erregt die Freundin bei den Händen:

»Marion, wie kommst du hierher? Sind unsere Leute an Bord … haben sie gesiegt?«

Mit strahlenden Augen nickte Marion ihr zu: »Ja, Christel, deine Freunde sind an Bord. Die Piraten sind ohne Blutvergießen überwältigt worden. Und ich hab' dir etwas Wunderschönes mitgebracht! Komm, Christel, schau mich mal an! Fühlst du dich auch wirklich wohl und kräftig?«

Erstaunt sah Christel sie an: »Was hast du nur, Marion? Ich fühle mich wirklich wohl.«

»Ich hab' dir etwas schrecklich Schönes zu sagen; aber du mußt ganz ruhig sein, hörst du? Ich habe dir etwas mitgebracht, einen Menschen, den du sehr lieb hast.«

Christel schauerte zusammen. Im Geiste sah sie wieder den großen, blonden Menschen am Boden kauern, die gefesselten Hände an die Brust gepreßt; rotes, warmes Blut rieselt herab … Ihr Kopf sinkt auf die Brust herab. Zwei große schimmernde Perlen rollen über ihre Wangen.

»Marion«, sagte sie leise, »außer dir habe ich keinen Menschen mehr, den ich liebhabe!«

Da fühlt sie, wie zwei schwere, harte Hände ihre zarten Finger mit krampfhaftem Druck umschließen. »Christel, mein liebes, kleines Mädelchen!« tönt es an ihr Ohr.

Die Stimme … mein Gott, die Stimme …! Heiß und jäh schießt ihr das Blut zum Herzen. Verstört blickt sie auf. Träumt oder wacht sie? Ihr schwimmt alles vor den Augen. Sie sieht nur einen weißen, zerzausten Bart und ein paar helle, blanke Augen, die sie so lieb und innig anblicken … nein, das ist kein Traum, das ist Wirklichkeit!

»Vati!« mit einem seligen Aufschrei wirft sie sich in seine Arme, krampfhaft preßt sie ihren Kopf an seine Brust: »Vati, mein lieber, guter Vati, ich hab' dich wieder!«

Fest hält Kapitän Peters sein Töchterchen umschlungen. Tränen der Freude glänzen in seinen Augen. »Mädelchen, mein lieber, kleiner Junge«, flüstert er zärtlich, »ich habe schon geglaubt, daß ich mein Kind nie wiedersehen werde, und nun habe ich dich wieder bei mir!«

Unter Tränen lächelnd blickt Christel zu ihm auf: »Mir ist's, als wäre alles ein wunderschöner Traum. Wie habe ich mich um dich gegrämt, und nun ist alles ganz anders! Du lebst, ich bin wieder bei dir, und nun will ich nie wieder fort von dir!« Zärtlich schlingt sie ihre Arme um seinen Nacken und küßt ihn auf die stopplige Wange.

»Christel! … Christel!« Erschrocken fahren die beiden auseinander. Atemlos stürmt Marion herein. Sie erschrickt, als sie die beiden gewahrt … Donnerwetter! Da hat sie in der Aufregung ganz vergessen, daß die beiden bei ihrer Wiedersehensfreude keinen dritten gebrauchen können. Verlegen will sie sich wieder zurückziehen. Da tritt Kapitän Peters auf sie zu. Herzlich streckt er ihr beide Hände entgegen:

»Ich möchte Ihnen danken, Fräulein Marion, daß Sie meiner Tochter in Freud und Leid ein so guter Kamerad gewesen sind. Ich werde es Ihnen nie vergessen.«

Verlegen wehrte Marion ab: »Aber, Herr Peters, da ist wirklich nichts zu danken. Jeder andere Mensch hätte in diesem Falle genau so gehandelt, und Ihre Christel ist wirklich ein so feiner, lieber Kerl, daß ich durch ihr Vertrauen und ihre Freundschaft reichlich für die kleinen Mühen entschädigt wurde.« Plötzlich fiel ihr wieder ihr Auftrag ein. Jubelnd fiel sie Christel um den Hals.

»Ich habe eine riesengroße Neuigkeit für dich: Denk‹ nur, die Piraten sind gar keine Piraten!«

»Was sagst du da, die Piraten sind gar keine Piraten?« fragte Christel verwirrt. Auch Kapitän Peters zuckte verständnislos mit den Achseln:

»Das müssen Sie uns schon etwas näher erklären, Fräulein Marion.«

»Ja, das ist so«, die kleine Frau übersprudelte sich beinahe vor freudigem Eifer: »Der Mister Kelbin ist Kriminalkommissar beim Marineamt in San Franzisko. Kapitän Ehlers ist Kapitänleutnant auf dem Zerstörer ›Oregon‹, und die andern stammen auch von dort. Die richtigen Piraten sind alle tot. Mister Kelbin und die andern haben nur die Rolle der Piraten weitergespielt, um den Auftraggeber der Banditen irrezuführen und in ihre Gewalt zu bekommen … Na, was sagst du nun dazu?«

Christel sagte gar nichts. In ihrem Kopf drehte sich alles. Sie hatte nur eins verstanden: Kapitän Ehlers war kein Verbrecher!

Ihr Herz pochte in kurzen, heftigen Stößen. Mit einem Male erwachte all das, was sie nur künstlich unterdrückt, mit Gewalt in ihrem Herzen totgeschwiegen hatte. Sie preßte ihre Hände auf ihr Herz, als wolle sie es beruhigen. Wie eine Todsünde erschien es ihr jetzt, daß sie jemals an ihm gezweifelt, an seine Schuld geglaubt hatte. Konnte er ihr jemals verzeihen, oder war es schon zu spät? Rang er vielleicht schon mit dem Engel des Todes, getroffen von der Kugel, die ihr zugedacht war? Eine plötzliche jähe Angst überfiel sie. Nein … es konnte noch nicht zu spät sein!

Wie ein gehetztes Reh eilte sie aus der Kajüte, den Gang entlang. Mit zitternden Händen öffnete sie die Tür.

Der kleine, dicke Kommissar erhob sich von dem Stuhl, der neben dem Bett stand, und trat ihr entgegen. Er sah das bleiche Gesicht des jungen Mädchens, ahnte den Kampf in ihrem Innern. Beruhigend legte er ihr die Hand auf ihre Schulter.

»In sechs Wochen ist der lange Bengel wieder wohlauf«, scherzte er, »und«, flüsterte er ihr leise ins Ohr, »böse ist er Ihnen auch nicht … nein, bestimmt nicht!« Auf Zehenspitzen schlich er leise hinaus und zog sachte die Tür hinter sich zu.

Zögernd näherte sich das junge Mädchen dem Kranken. Sein bleiches Gesicht war fast ebenso weiß wie die Kissen, in denen er ruhte. Ihr Herz krampfte sich zusammen, als sie ihn so still mit geschlossenen Augen daliegen sah. War das noch derselbe lange, blonde Hüne mit dem sonnverbrannten Gesicht und den fröhlichen, lachenden Augen?

Die Tränen schossen ihr in die Augen. Leise ließ sie sich neben dem Bett nieder, betrachtete wehmütig das stille, friedliche Gesicht des Schlafenden. Heiße, bittere Tränen rannen über ihr Gesicht, tropften schwer auf das kühle, weiße Linnen. Zum zweiten Male in ihrem Leben empfand sie die ungewisse, qualvolle Angst um das Leben eines geliebten Menschen. Wenn er doch wenigstens nicht so still und stumm daliegen würde, wenn er doch etwas sagen würde … nur ein paar Worte!

Einem plötzlichen zärtlichen Verlangen folgend, beugte sie sich über ihn, hauchte einen Kuß auf seine Stirn. Es war, als hätte diese zarte, scheue Liebkosung plötzlich den Bann zwischen ihnen gebrochen. Sanft drückte sie ihr fieberheißes, von Tränen feuchtes Gesichtchen an seine blasse, kühle Wange. Ganz nahe war sie ihm jetzt, so nahe, daß sie seinen Atem über ihr Gesicht streichen fühlte. Glücklich schloß sie die Augen.

»Christel, liebe kleine Christel!« Ganz nahe und zärtlich tönte seine Stimme an ihr Ohr. Sie zuckte zusammen und öffnete die Augen. Groß und fragend war sein Blick auf sie gerichtet.

Sie senkte den Kopf nicht. Fest hielt sie dem Blick stand; aber in ihren Augen lag das Geheimnis ihrer Seele.

Ein glückliches Lächeln huschte über seinen Mund: »Ich wußte ja, daß du mich lieb hast, Christel!«

Unter Tränen lächelnd, sah sie ihn an: »Ja, Hannes«, sagte sie leise, »ich hab' dich sehr lieb!«

Da nahm er ihren Kopf in beide Hände und küßte sie innig auf ihren roten Mund. »Jetzt laß ich dich nicht mehr fort, Liebste, jetzt mußt du immer bei mir bleiben … ja, willst du?«

Glücklich schmiegte sie sich in seine Arme: »Da fragst du noch, du böser Pirat du, wo du mir doch mein Herz schon lange gekapert hast?!«

»… ja, Himmelkreuzdonnerwetter nicht noch mal, Bomben und Granaten …!!!«

Erschrocken fuhren sie auseinander. Mit vor Zorn gerötetem Gesicht stand Kapitän Peters breitbeinig in der Tür, die klotzigen Hände in die Seiten gestemmt.

»Herrrrr!« brüllte er erbost, »was fällt Ihnen ein? … das ist meine Tochter!!!«

Erstaunt richtete sich Hannes im Bett auf, aber mit sanfter Gewalt drückte ihn Christel in die Kissen zurück:

»Nicht doch, Hannes, bleib liegen! Du wirst dir weh tun. Es ist wirklich mein Vater … er lebt … wir haben uns heute wiedergefunden.«

»… aber Vater!« sagte sie mit leisem Vorwurf in der Stimme. »Wie kannst du hier so schreien … Hannes ist doch so krank!«

»Krank? … Ha, ha, ha!« Peters lachte dröhnend auf. »Ich werde dir mal was sagen, mein Kind: Solange ein Mann noch ans Küssen denkt, ist er nicht krank, das merke dir mal! … Wer sind Sie denn überhaupt?« fauchte er Ehlers an.

Der hatte sein Erstaunen allmählich überwunden. »Ich bin Kapitänleutnant Hans Ehlers vom Zerstörer ›Oregon‹ der USA. Christel und ich, wir beide lieben uns und wollen heiraten. Ich bitte Sie um die Hand Ihrer Tochter!«

Dem Alten verschlug's schier die Sprache: »Was, heiraten? … Sie wollen meine Tochter heiraten? … Mann, sind Sie denn des Teufels?! Bilden Sie sich vielleicht ein, ich habe meine Tochter wiedergefunden, um sie gleich wieder zu verlieren? … Nein, mein Junge, das schlagen Sie sich wieder aus dem Kopf!«

»Aber Vati!« schmeichelnd schlang Christel ihre Arme um seinen Hals. »Du alter dummer Poseidon! Du verlierst ja gar nicht deine Tochter … im Gegenteil, du bekommst noch einen Sohn dazu!«

Einen Sohn?! … Ja, daran hatte er noch gar nicht gedacht. Verstohlen schielte er zum Bett hinüber. Gut sah er ja aus, der Junge. Hatte ein offenes, ehrliches Gesicht und gute, treue Augen … Einen Sohn? … Er fühlte, daß er weich wurde. Mit hartem Griff machte er sich von ihrer Umarmung frei.

»Quatsch!« sagte er schroff. »Der Junge soll erst mal sehen, daß er gesund wird; dann können wir weiter reden!« Knurrend und brubbelnd stapfte er zur Tür hinaus.

Lachend schlang Christel ihre Arme um ihren Hannes: »Was sagst du zu meinem Vater, Hannes? Ist er nicht goldig? … Sag' mal, wenn du älter bist, wirst du dann auch so ein alter, brummiger Seebär?«

»Gewiß!« sagte Hannes im Brustton der Überzeugung. »Das muß ich schon, damit unsere Kinder einmal Respekt vor mir haben werden!«

»Unsere Kinder?« fragte Christel errötend.

»Nun ja«, Hannes lachte verlegen, »ich meine unsere zukünftigen Kinder.«

Mit einem Ruck zog ihm Christel das Deckbett bis an die Nasenspitze.

»Herr Kapitänleutnant, jetzt wird geschlafen!«

 

Ende

 


 << zurück