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Zwölftes Kapitel

»Hallo! Kleine Schlafratte, wie lange willst du noch träumen?«

Erstaunt öffnete Christel die Augen und blickte in Marions lachendes Gesicht.

»Noch nicht ausgeschlafen, Kindchen?«

»Doch«, sagte diese und richtete sich im Bett auf. »Was, du bist schon angezogen? Oh, da muß ich mich aber schämen!« Mit einem Satz war sie aus dem Bett und begann sich eiligst anzukleiden. »Ich bin in der Nacht einige Male aufgewacht und bin erst am Morgen wieder eingeschlafen. Du hast geschlafen wie eine Tote. Hast du denn gar nichts gehört?«

»Nein«, antwortete Marion erstaunt. »Was war denn heute nacht?«

»Ich weiß nicht«, sagte Christel. Sie stand vor dem Spiegel, emsig bemüht, ihre widerspenstigen braunen Locken mit Kamm und Bürste zu meistern. »Das war ein ewiges Laufen und Trampeln an Deck; dazwischen ein Rufen und Kommandieren. Mister Kelbin war auch an Peck, ganz deutlich habe ich seine Stimme erkannt. Und dann hörte ich Geräusche, als ob schwere Lasten getragen oder geschoben wurden. Was hat das wohl zu bedeuten?«

Marion zuckte mit den Achseln. »Ich habe nichts gehört«, sagte sie, »wir können ja den Kapitän fragen.« Sie drehte sich um und faßte Christel bei den Schultern: »Vor allen Dingen recht schön zusammennehmen. Keiner darf merken, daß wir das wahre Wesen der ›Stella‹ und ihrer Besatzung erkannt haben. Versprichst du mir das, ja?«

»Ja, Marion«, sagte Christel leise, »das verspreche ich dir. Du wirst mit mir zufrieden sein. Bist du fertig?«

»Ja, Christel, … du auch? – Also komm, jetzt gehen wir frühstücken!«

Sie schritten den langen Gang entlang, der zum Salon führte, wo sie mit dem Kapitän und Mister Kelbin ihre Mahlzeiten einzunehmen pflegten. Am unteren Ende des Ganges begegnete ihnen ein Matrose. Der Mann grüßte kurz und eilte hastig weiter. Erstaunt blieben die beiden Mädchen stehen und sahen ihm nach.

»Nanu«, wunderte sich Marion, »hast du den gesehen? Der war ja bis an die Zähne bewaffnet.«

»Ja«, sagte Christel, »und einen Stahlhelm hat er auch aufgehabt. Was hat das wohl zu bedeuten?«

Es wurde ihnen ein wenig bange ums Herz. Erwartungsvoll betraten sie den Salon. Außer dem Steward, der den Tisch deckte, war niemand anwesend. An seinem Gürtel, der mit Patronen gespickt war, hingen rechts und links Revolvertaschen, aus denen die reich verzierten Kolben zweier großkalibriger Colts herausragten. Auf einem Stuhl in der Nähe der Tür lag ein Stahlhelm, daneben lehnte ein Karabiner an der Wand.

»Guten Morgen, Ellis«, grüßte Marion mit erzwungener Ruhe.

Der Steward drehte sich um und verbeugte sich. »Guten Morgen, meine Damen«, sagte er höflich, »die Herren lassen sich entschuldigen, sie sind dienstlich verhindert am Frühstück teilzunehmen.« Der sonst so freundliche Steward war auffallend ernst und förmlich.

»Was ist denn heute mit Ihnen los?« konnte sich Christel nicht enthalten zu fragen. »Sie sind ja wie ein Panzerkreuzer bewaffnet!« scherzte sie in der Hoffnung, den Mann zum Sprechen zu bringen.

Der Steward machte ein verschlossenes Gesicht. »Der Herr Kapitän läßt die Damen bitten, ihn nach dem Frühstück auf der Kommandobrücke aufzusuchen«, sagte er ausweichend. Er hängte sich den Karabiner um, setzte den Stahlhelm auf, grüßte kurz militärisch und verschwand.

Verdutzt sahen sich die beiden Freundinnen an. »Komm, der Kaffee wird kalt!« sagte Christel trocken und schenkte die Tassen ein. »Wir werden schon sehen, was los ist. Unseretwegen ist wohl der militärische Aufwand nicht gemacht worden. Das wäre auch etwas viel Ehre für uns.« In etwas gedrückter Stimmung nahmen sie ihr Frühstück ein. Sie sprachen nicht viel miteinander. Jeder machte sich Gedanken darüber, welche Ereignisse plötzlich eingetreten sein mochten. –

Mit klopfenden Herzen kletterten sie ein wenig später zur Kommandobrücke empor. Mit Erstaunen bemerkten sie die Veränderungen, die über Nacht mit dem Schiffe vor sich gegangen waren. Große Sandsackbarrikaden waren an der Reling aufgebaut. In gewissen Abständen waren Schießscharten freigelassen, an denen sich die Matrosen aufgestellt hatten. Das Gewehr im Arm, beobachteten sie die nahen Klippen der Insel. Alle waren sie schwer bewaffnet und mit Stahlhelmen versehen. Niemand achtete auf die beiden Mädchen, die zur Kommandobrücke schritten. Auch diese war vollkommen verbarrikadiert, der Zugang von außen war versperrt. Durch die Funkbude und das Kartenhaus gelangten sie auf die Brücke.

Hier fanden sie den Kapitän, den Steuermann und Mister Kelbin vor. Auch sie waren wie die Mannschaft bewaffnet und wirkten mit ihren flachen Stahlhelmen etwas ungewohnt. Marion hatte Mühe, nicht laut aufzulachen. Sie wirkten aber auch beide zu komisch, der lange, hagere Kenny und der kleine, dicke Mister Kelbin. ›Wie Pat und Patachon!‹ stellte sie belustigt fest und biß sich auf die Lippen.

Die Herren begrüßten die beiden Damen sehr freundlich. Der Kapitän war zu sehr mit seiner Aufgabe und seinen Pflichten beschäftigt, als daß er das deutlich zurückhaltende und förmliche Wesen Christels bemerkt hätte. Mit kurzen Worten erklärte er ihnen die Vorgänge der Nacht. Aufs höchste erstaunt, hörten sie seinen Bericht mit an. Mister Kelbin, der sie scharf beobachtete, stellte mit Befriedigung fest, daß das Erstaunen echt war. Nein, die beiden Frauen hatten nichts damit zu tun.

»Leider muß ich Ihnen, meine Damen, Stubenarrest geben«, mischte er sich in das Gespräch. »Der Aufenthalt auf Deck ist zu gefährlich. Zunächst werden wir den Durchbruch zur freien See versuchen, aber auch, wenn dieser nicht gelingt, ist kein Grund zur Beunruhigung vorhanden. Wir sind gut bewaffnet und haben genug Lebensmittel, um die Belagerung durchzuhalten. Nun kehren Sie bitte wieder in Ihre Kabinen zurück und bleiben Sie dort, bis ich Ihnen andere Instruktionen erteile!«

Mit gemischten Gefühlen begaben sich die beiden Freundinnen wieder in ihre Kajüte. Während Marion aufgeregt über die neue Situation debattierte, war Christel sehr schweigsam und schien ihren eigenen Gedanken nachzuhängen.

»Marion, ich glaube, jetzt ist auch unsere Stunde bald gekommen. Ich fühle, es ist mir wie eine Bestimmung, daß ich jetzt eingreifen muß.«

»Christel«, rief Marion erschrocken, »übereile nichts! Du bringst uns sonst beide ins Verderben. Ich bin überzeugt, wenn sie wüßten, daß wir ihre Feinde sind, sie würden ihre Maske fallen lassen, und wir würden uns entsetzen über die Brutalität dieser Menschen.«

Mit großen, traurigen Augen starrte Christel vor sich hin. »Ich habe es versucht«, sagte sie leise, »mir dieses Gesicht so vorzustellen, so brutal, so gemein … aber die Bilder waren verzerrt und verschwommen, und wenn ich ihn dann endlich klar und deutlich vor mir sah, dann war es sein offenes, ehrliches Jungensgesicht, seine lieben, treuherzigen Augen, aus denen ich nichts anderes lesen kann als das eine: ›Ich liebe dich!‹ O Marion«, aufschluchzend schlug sie die Hände vor ihr Gesicht, »was bin ich doch für ein elender, schwacher Mensch!«

»Du liebst ihn noch immer?« fragte Marion erschüttert.

»Nein! …« wild und leidenschaftlich schrie sie es hinaus. »Nein! … Ich liebe ihn nicht, ich … darf ihn nicht lieben: Ich muß an meinen Vater denken. Ich kann dem Mörder meines Vaters niemals verzeihen!« … Ihre Stimme sank zu einem hohlen Flüstern herab: »Ich werde nicht eher ruhen, bis ich ihn der strafenden Gerechtigkeit zugeführt habe; ihn und die andern alle … und wenn ich dabei selbst zugrunde gehe!« Sie barg ihren Kopf an Marions Schulter. »O Marion«, stöhnte sie verzweifelt, »ach wenn ich doch erst tot wäre!«

Tief bewegt drückte die kleine, braune Frau die Schluchzende an sich; sie fand keine Worte des Trostes, ihr war selbst so weh ums Herz. Still saßen sie beide zusammen. Mit dumpfem, zitterndem Pochen begann der Fußboden unter ihren Füßen zu vibrieren. »Horch«, sagte sie leise, »die Maschinen laufen!«


Achselzuckend setzte Kapitän Ehlers den Feldstecher ab, mit dem er aufmerksam das nahe Ufer der Insel durchforscht hatte, und wandte sich zu seinen Gefährten um:

»Außer dem Posten, der sich dort oben hinter der großen Klippe verbirgt, kann ich keinen Menschen erblicken«, sagte er. Er blickte auf die Uhr. »Es ist gleich acht. Ich denke, die Sonne steht hoch genug, daß wir die Riffe unter der Wasseroberfläche klar erkennen können … Also los!«

»Anker auf!«

Klick, klick, klick tönte das Gangspill. Die Kette straffte sich, langsam kam der Anker frei. Aufmerksam musterten aller Augen das nahe Gestade. Drüben tauchte ein zweiter Kopf auf … dann noch einer. Die Klippen schienen plötzlich lebendig geworden zu sein.

»Hölle und Teufel!« fluchte der Kapitän, »das sind ja mindestens 25 Mann … Achtung, Jungs! Nicht eher schießen, bis von drüben der erste Schuß fällt.«

Die Matrosen legten die Karabiner auf die Sandsäcke und zielten auf die Gestalten, die sich hier und da zwischen den Klippen zeigten. Gespannt harrte alles der Dinge, die da kommen sollten. Der Kapitän beugte sich über das Sprachrohr:

»Motoren anwerfen! … Maschine wenig Fahrt voraus!«

Dumpf grollte es im Innern des Schiffsleibes, dann ertönte das regelmäßige Pochen der schweren Dieselmaschine. Langsam, ganz langsam kam die »Stella« in Fahrt. Alle Augen waren auf die Klippen gerichtet; jeden Augenblick erwartete man das Aufblitzen der Schüsse. Nur Kenny, der das Steuer bediente, blickte scharf geradeaus auf die Einfahrt. In langsamster Fahrt schob sich die »Stella« darauf zu. Drüben am Ufer blieb alles still. Mister Kelbin wurde unruhig.

»Passen Sie scharf auf, Kenny!« warnte er. »Da ist bestimmt eine Teufelei im Gange, sonst hätten sie schon längst geschossen.«

Kenny hatte Mühe, bei der langsamen Fahrt der Jacht den Kurs zu halten, andauernd korrigierte er mit dem Handruder den Lauf. Jetzt zeigten sich die ersten dunklen Riffe unter dem Wasser. Wie dunkle Schatten schoben sie sich dicht am Schiffsleib vorbei. Gespannt starrten die drei auf der Brücke in das klare Wasser.

»Achtung!« … Blitzschnell ließ Kenny das Ruder fahren; mit einem Sprung war er am Sprachrohr:

»Maschine äußerste Kraft zurück!« brüllte er hinein.

Ein dumpfes Kollern und Stampfen, die Planken zitterten unter den Füßen. Rasend drehte sich die Schraube rückwärts. Wenige Meter vor dem Bug der Jacht zeigte sich ein langer, schwarzer Gegenstand, der dicht unter der Wasseroberfläche die schmale Einfahrt versperrte. Mit rasch abnehmender Fahrt glitt die »Stella« darauf zu. Die Männer auf der Brücke hielten den Atem an. Würde die »Stella« noch vor dem Wrack, das die Einfahrt versperrte, zum Stillstand kommen? Zu spät! Ein schwerer Stoß erschütterte das Schiff, wie die Kegel purzelten die Männer durcheinander. Der Bug hob sich etwas in die Höhe. Ein Knirschen und Krachen … dann lag das Schiff still. Die Maschine stoppte.

»So eine Schweinerei!« tobte der Kapitän, »Haben die Kerls doch unsere Barkasse mit Steinen gefüllt und quer über die Einfahrt versenkt. Jetzt sitzen wir drin in der Mausefalle!«

»Uff!« stöhnte der Dicke und schob den Stahlhelm in sein feistes Genick, »ich dachte mir schon so etwas, weil die Bande nicht geschossen hat. Sie wußten, daß wir nicht durchkommen. Verteufelt schlaue Burschen! Nun ist Ihr schöner Plan ins Wasser gefallen, und aufgelaufen sind wir auch noch. Kommen wir wenigstens auch wieder los?«

Der Kapitän knurrte etwas Unverständliches und beugte sich über das Sprachrohr: »Hallo! Warum hat die Maschine gestoppt?«

»Ölrohrbruch!« klang es von unten herauf. »Ich bin bei dem Stoß gegen die Maschine geflogen und habe dabei das Ölrohr abgerissen. Bin gerade dabei, das Ölrohr auszuwechseln; in fünf Minuten ist der Schaden behoben.«

Na, Gott sei Dank!« sagte der Kapitän aufatmend. Er beugte sich über die Reling und betrachtete aufmerksam die versenkte Barkasse. »Hm«, sagte er, »das Auflaufen ist nicht so schlimm, da kommen wir schon runter, unsere Maschine schafft es; aber wie kriegen wir das Wrack weg?«

»Ich weiß es«, sagte Kenny, »wir müssen den Kahn sprengen.«

»Donnerwetter«, meinte der Dicke, »das ist ein gescheiter Gedanke! Haben wir genügend Sprengstoff?«

»Leider nein«, entgegnete der Kapitän zur allgemeinen Enttäuschung, »wir haben keinen.«

Mister Kelbin stieß einen leisen Pfiff aus: »Wir haben aber ein Geschütz und eine Menge Granaten. Wir schießen das Ding auseinander.«

Der Kapitän dachte einen Moment nach, dann schüttelte er den Kopf: »Geht auch nicht. Wir haben nur Granaten mit Aufschlagzünder, die explodieren in dem Moment, da sie die Wasseroberfläche berühren. Das Wrack liegt in zwei Meter Tiefe, das bekommt nicht viel ab davon … nun, darüber lassen wir uns keine grauen Haare wachsen. Kommt Zeit, kommt Rat! Zunächst müssen wir erst mal loskommen. – Hallo!« rief er in das Sprachrohr. »Ist die Maschine wieder in Ordnung?«

»Jawohl, Herr Kapitän!«

»Gut! Maschine anwerfen, und dann äußerste Kraft rückwärts!«

In rasender Tourenzahl peitschte die Schraube das Wasser. Ein breiter, schäumender Wasserschwall rauschte am Schiffskörper entlang. Die Jacht stöhnte und ächzte in allen Fugen. Dann gab es einen leichten Ruck, knirschend schob sich das Schiff von dem Wrack herunter. Die »Stella« trieb rückwärts wieder in die Bucht hinein.

»Maschine stopp!« Langsam lief die Jacht ihre Fahrt aus. »Laß fallen Anker!« Der Anker rauschte in die Tiefe; die Kette straffte sich, das Schiff lag still.

»So«, lachte der Kapitän ingrimmig, »jetzt liegen wir wieder auf genau derselben Stelle wie vorher. Was nun, Mister Kelbin?«

Der blickte auf seine Armbanduhr: »Neun Uhr, Zeit zum zweiten Frühstück!« und damit verließ er die Brücke.


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