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Fünftes Kapitel

Es dunkelte bereits, als Christel aus ihrem tiefen Schlaf erwachte. Ein dumpfes Rollen und Poltern hatte sie geweckt. Schlaftrunken richtete sie sich auf und starrte in die Dämmerung des Raumes. Es dauerte ein Weilchen, ehe es ihr wieder in's Bewußtsein kam, wo sie sich eigentlich befand. Gleichzeitig erinnerte sie sich wieder an die merkwürdigen Geräusche, die sie geweckt hatten. Sie schloß die Augen und lauschte. Lange, klagende Töne erfüllten den Raum; mal leise stöhnend und winselnd, dann langsam anschwellend, laut heulend und sausend, dazwischen ein Rauschen und Plätschern, als wenn Wasser über das Dach der Kajüte strömte, und nun ein schwerer, donnernder Schlag gegen die Schiffswand, daß die Glasfenster in den Bullaugen klirrten. Sie öffnete die Augen und verfolgte den dunklen schwingenden Schatten an der Decke mit den Augen. Es war die Lampe, die in regelmäßigem Rhythmus auf und ab pendelte; gleichzeitig fühlte sie, wie das Bett und der Fußboden in merkwürdigen, langsamen Bewegungen auf und nieder schwankten.

Ruhig lehnte sie sich wieder zurück und wickelte sich fest in die weiche Daunendecke ein. Sturm! … Wie oft hatte sie das schon erlebt und hatte mit angenehmem Gruseln dem Wüten und Toben des Sturmes gelauscht, wie er die Kämme der Wogen zu schaumigem Gischt zerpeitschte und über das Schiff warf, daß das Wasser in kleinen rieselnden Bächen die Stiegen der Kajüte hinunterlief und die schweren Brecher mit lautem Donner auf das Deck niederprasselten, daß das Schiff in allen Fugen ächzte und stöhnte. Dann hatte sie sich tief in die Kissen gekuschelt und sich ganz dem gewaltigen Eindruck hingegeben, den das Naturereignis auf ihr kindliches, empfängliches Gemüt ausübte.

Eine ganze Weile lag sie noch wach und horchte und träumte, bis die Müdigkeit sie übermannte und sie trotz Sturm und Wogen wieder fest einschlief.

Eine Stunde mochte seitdem vergangen sein, als sie plötzlich durch ein furchtbares Krachen und Donnern aus dem Schlafe geschreckt wurde. Ein heftiger Stoß schleudert sie aus dem Bett auf den Fußboden. Schwer holte das Schiff über. Christel fühlte, wie der Boden unter ihr wegrutschte. Verzweifelt klammerte sie sich an dem schweren, festgeschraubten Tisch fest. Endlich, nach langen, qualvollen Sekunden, richtete sich das Schiff wieder auf und lag dann ruhig, nur noch ein wenig schlingernd, da. Sofort war sie sich darüber im klaren, was geschehen war: Das Schiff war aufgelaufen.

Hastig suchte sie sich ihre Sachen zusammen und begann, mit vor Aufregung zitternden Händen sich anzukleiden. Über ihr dröhnten und polterten die eiligen Schritte der Schiffsmannschaft; dazwischen ertönten laute Kommandorufe. Die Schiffsmaschinen begannen wieder zu arbeiten. Mit äußerster Kraft drehten die Schrauben rückwärts. Das Schiff zitterte und bebte in allen Fugen; ein schwerer Ruck, ein unheimliches Knirschen und Mahlen unter dem Kiel, langsam glitt die »Minnesota« rückwärts.

In größter Eile beendete Christel ihre Toilette, riß die Kajütentür auf und eilte an Deck. Oben war es fast ganz dunkel. Das Deck war naß und glitschig. Der Sturm hatte stark nachgelassen, aber immer noch ging die See sehr hoch. Mühsam gegen den Sturm ankämpfend, bahnte sie sich den Weg zur Brücke. Eine große, stämmige Gestalt trat ihr entgegen:

»Gott sei Dank, Mädel, daß du da bist!« rief Kapitän Peters erleichtert, »gerade wollte ich dich holen … es steht faul um uns!« fügte er leiser hinzu.

»Was ist los, Vati? Sind wir gestrandet?!«

»Ja, Kind, wir sind auf ein unterseeisches Riff aufgelaufen; sind zwar wieder frei gekommen, aber ich fürchte, wir haben ein mächtiges Leck im Schiffsboden … da! jetzt bleiben die Maschinen stehen.«

In der Tat war das dumpfe Zittern und Stampfen der Maschine verstummt. Von unten her tönte jetzt dumpfes Poltern und Trampeln. Die Mannschaft kam aus dem Maschinenraum heraufgestürzt. Rufend und schimpfend drängte alles nach oben. Die Heizer, nur mit Hemd und Hose bekleidet, wie sie von den Kesseln fortgelaufen waren, die Maschinisten, die Matrosen: Jeder suchte so schnell wie möglich nach oben zu kommen.

Ein unbeschreiblicher Tumult begann. Umsonst versuchten der Kapitän und die Offiziere, sich Gehör zu verschaffen. Von Disziplin war unter der aus allen Nationen zusammengewürfelten Mannschaft keine Rede mehr; planlos rannte alles durcheinander.

»Zu den Booten … zu den Booten!« ertönte ein Ruf, und fluchend und schlagend stürzten alle zum Achterdeck, wo die Boote in den Davits hingen.

Mit starren Augen blickte Christel in das Chaos. Eine kalte, böse Verachtung kroch in ihr hoch, als sie die sinnlose Angst der Männer gewahrte.

»Was soll ich tun, Vati?« fragte sie ruhig.

Kapitän Peters schien unterdessen seinen Plan bereits gefaßt zu haben. Zärtlich strich er ihr über den Lockenkopf:

»Lauf zum Vorschiff, mein Mädel, dort steht unser Motorboot! Glücklicherweise haben die Kerls in ihrer Angst an unser Boot nicht gedacht. Warte dort auf mich, ich hole den Kranken und unsere Leute!«

Gehorsam lief Christel zum Vorschiff. Nach einigem Suchen in der Dunkelheit fand sie das Boot. Doch plötzlich blieb sie stehen; ein Gedanke tauchte in ihr auf: das Bild der Mutter! … Ihr einziges Andenken … nein, das durfte nicht zurückbleiben! Eiligst lief sie zurück, kämpfte sich mühsam einen Weg durch die Menschenmenge und langte atemlos und erschöpft in ihrer Kajüte an.

Hier unten war alles stockdunkel. Sie tastete sich zum Schalter und schaltete ihn ein; aber nur das Klicken des Schalters war vernehmbar, es blieb dunkel. Die große Dynamomaschine, die den Strom lieferte, war längst von dem einströmenden Wasser zum Stillstand gebracht worden. Unheimlich rauschte und gurgelte es unten im Schiffsraum. Vorsichtig tastete sich Christel an der Wand entlang zum Bett, an dessen Fußende ihr Köfferchen stehen mußte; aber es war nicht mehr dort, es war wohl beim Auflaufen des Schiffes weggerutscht. Qualvolle Minuten vergingen, während sie tastend und suchend den Raum durchforschte.

Plötzlich erschreckte sie ein dumpfes Poltern und Krachen. Entsetzt schrie sie auf. Der Fußboden schwankte und glitt unter ihren Füßen hinweg. Sie stürzte und rutschte, schlug mit dem Kopf hart gegen die Wand. Einige Sekunden war sie wie betäubt. Mühsam richtete sie sich auf und griff nach dem Gegenstand, über den sie gestürzt war. Gott sei Dank! es war der Koffer. Nun aber schnell raus! Das Schiff neigte sich immer mehr über; die Treppe stand schon fast senkrecht. In eiligen Sätzen rannte sie über die Treppenstufen zum Deck empor. Sie mußte sich festklammern, um nicht auf dem nassen, geneigten Deck ins Rutschen zu kommen. Die Davits, in denen sonst die großen Boote hingen, waren leer, die Mannschaft hatte bereits das sinkende Schiff verlassen. Eine große, klobige Gestalt tauchte vor ihr auf.

»Fräulein Peters«, sagte Steuermann Smith, »es ist die höchste Zeit, daß wir abstoßen! Wo steckten Sie eigentlich? Ihr Vater hat Sie schon überall gesucht!«

»Ich habe nur meinen Koffer geholt und ihn nicht gleich gefunden«, erwiderte Christel.

Smith half ihr in das Boot, wo die Mannschaft der »Arkansas« bereits Platz genommen hatte. Das Boot wurde heruntergelassen und fiel mit lautem Klatschen in die See. Wie eine Nußschale tanzte es auf dem Wasser. Mit aller Anstrengung hielten die Matrosen das Boot von dem sinkenden Schiff frei. Der Motor sprang an, und schnell entfernte sich das schwerbeladene Boot von der dem Untergang geweihten »Minnesota«.

Die See ging sehr hoch. Bald wurde das kleine Boot hoch emporgehoben, um im nächsten Augenblick mit rasender Geschwindigkeit in ein Wellental hinabzuschießen. Glücklicherweise waren die Wellen trotz ihrer Höhe glatt und ohne Brecher, sonst wäre das offene Boot bald mit Wasser gefüllt worden. Still und ruhig saß Christel auf ihrem Platz. Ihr Kopf schmerzte. Sie faßte sich an die Stirn und fühlte etwas Nasses, Klebriges. Sie hatte sich wohl bei dem Sturz in der Kajüte die Stirn aufgeschlagen. Sie versuchte, bei der herrschenden Dunkelheit die im Boot sitzenden Männer zu erkennen; aber es war unmöglich. Neben ihr saß der Steuermann. Fragend wandte sie sich an ihn:

»Smith, wo sitzt Vater?«

Der Angeredete zuckte zusammen. »Tja«, sagte er gedehnt, »der Käpt'n, der ist …« er stockte.

»Was ist mit Vater«, rief Christel, von einer bangen Ahnung erfaßt, »ist er etwa nicht in unserm Boot?«

Der Steuermann gab sich einen Ruck: »Ihr Vater ist im Großboot mit Käpt'n Allan … es ist ihm aber nichts passiert«, setzte er rasch hinzu.

»Aber warum ist Vater nicht mit uns gefahren?« rief Christel angstvoll. »Er sagte mir doch, ich solle im Motorboot auf ihn warten!«

»Schon richtig«, sagte Smith langsam, »aber das kam so: Das Großboot war eben zu Wasser gelassen, da gab es im Schiff einen mächtigen Ruck, und der Frachter legte sich auf die Seite; dabei rutschte der Käpt'n aus und fiel in die See.« Er fühlte, wie sich Christels Hände um seinen Arm klammerten; schnell fuhr er fort: »Im Großboot hatte man glücklicherweise den Vorgang bemerkt, und es gelang, Ihren Vater aufzufischen und an Bord zu ziehen. Er machte einen vergeblichen Versuch, zurück an Bord der ›Minnesota‹ zu gelangen, aber das war unmöglich, beinahe wäre das Boot an der Bordwand zerschellt. Wir verabredeten einen bestimmten Kurs, damit wir zusammenblieben, dann verschwand das Boot in der Dunkelheit. – Sie brauchen gar keine Angst zu haben, daß etwas passieren kann. Das Boot ist viel größer und stärker als unseres, und es hat auch verschiedene wasserdichte Abteilungen, die es schwimmend erhalten, wenn es voll Wasser schlagen sollte.« Er schwieg, denn es fiel ihm nichts mehr ein, was er ihr hätte sagen können, um sie zu beruhigen.

Christel war wie betäubt. Ihr war plötzlich unsagbar elend zumute. Viele Gedanken gingen ihr durch den Kopf: Was würde nun geschehen? Nun saß Vater im fremden Boot irgendwo in der weiten Wasserwüste und sorgte sich um sie. Würden sie sich jemals wiedersehen, oder trieben sie wochenlang auf dem Meer, ohne ein Schiff anzutreffen, das sie aufnehmen könnte, um schließlich zu verhungern? Wenn sie doch bei ihm wäre! … Dann wäre alles nicht so schlimm. Dann würden sie zusammen hungern und dürsten, zusammen sorgen und bangen und wenn es sein müßte – zusammen sterben. Aber diese grauenvolle Ungewißheit über das Schicksal des andern war unerträglich. In ihrer Hilflosigkeit fing sie bitterlich an zu weinen.

Dem Steuermann wurde es etwas unbehaglich zumute. Er fühlte, daß er weich wurde. Bei solchen Gelegenheiten pflegte er kräftig zu fluchen, um sein seelisches Gleichgewicht wiederherzustellen; aber in diesem Falle war es wohl doch nicht das Richtige. Wenn ein junges Mädchen so bitterlich weinte, dann konnte er doch unmöglich fluchen, um es zu trösten. In seiner Verlegenheit tat der alte Mann dann das einzig vernünftige: Er legte seinen Arm um sie und streichelte mit seinen groben, ungeschlachten Händen ihre tränenfeuchten Wangen. Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter und weinte still in sich hinein, während ein klein wenig Hoffnung das Gefühl der grenzenlosen Verlassenheit ein wenig milderte. –

Einige Stunden vergingen. Der Sturm hatte fast ganz nachgelassen, und die See hatte sich etwas beruhigt. Langsam wurde es im Osten heller. In dem ungewissen Zwielicht des werdenden Tages schimmerte weit voraus ein heller, weißer Streifen mit dunklem Saum. Der Steuermann hatte sein Nachtglas an die Augen genommen und betrachtete aufmerksam die rätselhafte Erscheinung. Alle blickten voraus; aber niemand wagte, etwas zu sagen, aus Angst, falsche Hoffnungen zu erwecken, um sich dann grausam enttäuscht zu sehen.

Endlich setzte der Steuermann sein Glas ab. »Land voraus!« sagte er ruhig. Neue Hoffnung zog in die Herzen der armen Schiffbrüchigen ein.

»Was ist das für Land, Steuermann?« fragte einer der Matrosen.

»Das kann nur die Johnston-Insel sein«, erwiderte der Alte. »Hilfe haben wir von dort nicht zu erwarten. Die Insel ist nur mit niedrigem Strauchwerk bestanden, ist sehr felsig und im übrigen unbewohnt.«

»Warum steuern wir denn die Insel an?« fragte der Erste Maschinist. »Wenn wir dort keine Lebensmittel vorfinden, geraten wir vom Regen in die Traufe. Wäre es nicht besser, wir fahren weiter und versuchen, ein Schiff zu treffen, das uns aufnimmt? Wir können doch nicht weit von einer Dampferroute liegen. Wir haben noch für vierzehn Tage Lebensmittel und Wasser.«

Steuermann Smith schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er, »die Insel ist unsere einzige Zuflucht. Wir haben nur noch für fünf Stunden Betriebsstoff, dann bleibt die Maschine stehen, und unser Boot ist hilflos. Das bedeutet, daß wir alle verloren sind, wenn schlechtes Wetter kommt. Wir haben nur einen Ausweg: Wir laufen die Insel an und warten dort, bis man uns abholt. Das kann nicht lange dauern, denn das Großboot ist mit einer drahtlosen Notstation ausgerüstet und wird damit Hilfe anfordern. Man wird uns suchen und bestimmt dabei auch die Insel anlaufen, da sie auf dem Kurs liegt, den wir verabredet haben. Unsere Robinsonade kann nur einige Tage dauern.«

Die Worte des alten Steuermanns beruhigten allgemein. Mit einer lebhaften Gebärde wandte sich Christel an ihn; ein plötzlicher Gedanke war in ihr aufgetaucht:

»Sagen Sie, Smith, wäre es nicht möglich, daß das Großboot bereits die Insel erreicht hat, es ist doch vor uns abgefahren?« Ungeduldig wartete sie auf seine Antwort.

Einen Augenblick überlegte er, dann schüttelte er den Kopf: »Das ist leider ganz ausgeschlossen. Das Boot ist zwar viel größer, aber langsamer als unseres. Wenn sie nicht drahtlose Verbindung mit einem Schiffe bekommen, daß man sie noch heute bergen kann, werden sie bestimmt die Insel anlaufen. Sie haben Kompaß und Karten an Bord und können den Weg nicht verfehlen; aber vor Mittag werden sie die Insel kaum erreichen können.«

Bedrückt setzte sich Christel wieder auf ihren Platz; sie war wieder um eine Hoffnung ärmer geworden.

Inzwischen war es hell geworden. Die Wolken waren verschwunden, und die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne glitzerten und funkelten in den Millionen Tropfen des weißen Gischtes, den eine haushohe Brandung an den schroff emporragenden Uferwänden der felsigen Insel, die nun in greifbarer Nähe vor ihnen lag, hervorrief. Aber niemand von den Schiffbrüchigen hatte jetzt Sinn für diese Naturschönheiten. Alle blickten gespannt auf das nahe Ufer, um eine Stelle ausfindig zu machen, die so flach und von der Brandung geschützt lag, daß man dort landen konnte. Langsam umfuhr das Boot in einigen hundert Metern Abstand die Insel, bis sich endlich vor ihren Augen eine kleine Bucht öffnete, die allen Ansprüchen eines Landeplatzes gerecht wurde. Eine Reihe von hohen, felsigen Riffen, an denen sich eine starke Brandung brach, ragte wie eine künstliche Mole weit in's Meer hinaus. Hinter diesen Riffen lag eine kleine Bucht mit sanft ansteigendem sandigen Ufer, gegen Wind und Wogen vollkommen geschützt.

Mit langsamer Fahrt glitt das Motorboot durch die schmale Einfahrt in das stille Wasser der Bucht. Eine flache, felsige Platte, die vom Ufer aus in das Wasser ragte, gab einen idealen Bootssteg ab. Leise knirschte der Sand unter dem Kiel des Bootes. Die Schraube drehte einige Augenblicke rückwärts, dann verstummte das gleichmäßige Surren der Maschine, das Boot lag still.

Der Steuermann sprang als erster auf den Felsen und befestigte die Halteleine an einem zackigen Felsbrocken, dann kletterten auch die übrigen an Land. Es war ein seltsam beruhigendes Gefühl, nach dem stundenlangen Stampfen und Schlingern wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Alles scharte sich um den Steuermann zusammen, um die nächsten nötigen Maßnahmen zu besprechen.

Christel stand teilnahmslos daneben. Ihr Blick fiel auf die hohen, schroffen Wände des Felsens, der die kleine Bucht gegen das Innere der Insel abschloß. Von dort oben mußte sie einen guten Ausblick auf das Meer haben. Eifrig bemühte sie sich, eine Aufstiegsmöglichkeit zu finden. Dort, an der rechten Seite der Bucht, dort müßte man hinaufklettern können. Der Gang schien dort nicht steil zu sein. Außerdem waren dort viele Risse und Felsbrocken, vereinzelt wuchs etwas Gestrüpp, an dem man einen Halt finden konnte.

Mit einem plötzlichen Entschluß lief sie zurück und holte sich das große Fernglas des Steuermanns. Die Männer waren immer noch in ihre Beratung vertieft, niemand achtete auf sie. Langsam und vorsichtig begann sie den Aufstieg. Ab und zu bröckelte das Geröll unter ihren Füßen los, aber mit zäher Kraft umklammerte sie die felsigen Zacken und Spitzen, die aus dem Boden hervorlugten, und zog sich langsam, Schritt für Schritt, hinauf.

Der Steuermann hatte ihre Abwesenheit bemerkt. Suchend blickte er um sich. Nur mit Mühe unterdrückte er einen Ausruf des Schreckens, als er das waghalsige Mädel den schroffen Abhang hinaufklettern sah.

»Nicht anrufen! Sonst erschrickt sie und stürzt ab«, sagte er mit heiserer Stimme; die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Wortlos, in banger Erwartung, blickten alle nach oben.

Christel hatte erschöpft innegehalten. Die Knie zitterten ihr von der ungewohnten Anstrengung, das Herz klopfte ihr bis zum Halse empor. Sie schloß die Augen und drückte ihr heißes Gesicht gegen den kühlen Felsen; nur ein wenig ausruhen, das Herz ein wenig ruhiger werden lassen. Das hätte sie denn doch nicht gedacht, daß der Aufstieg so schwierig werden würde; aber zurück konnte sie nicht mehr. Den langen Weg zurück würden ihre Kräfte nicht mehr schaffen. Also, weiter hinauf! Wie weit ist der Gipfel entfernt? Sie öffnete die Augen und blickte nach oben. Vielleicht noch zehn bis zwölf Meter, schätzte sie; aber der letzte Teil war steil, fast senkrecht, und kein Gestrüpp, an dem ihre Hände und Füße einen Halt finden könnten. Und wenn solch ein Zacken abbrach …? Sie dachte nicht weiter. Trotzig biß sie die Zähne zusammen: Vorwärts um jeden Preis!

Denen da unten schien das Herz stehen zu bleiben, als sie die schlanke Mädchengestalt an der senkrechten Wand hängen sahen. Vorsichtig, Zoll um Zoll, zog sie sich aufwärts. Sie klammerte sich mit den Fingern in den zahllosen Felsrissen fest, tastete mit den Füßen, bis sie einen Halt fand; oft war es nur ein winziges Steinchen, auf dem gerade ihre Fußspitze einen Widerhalt fand. Langsam und vorsichtig schob sie den Körper nach, suchte mit der Hand den nächsten Halt. Das scharfe Gestein zerschnitt ihre Hände, das Blut rieselte ihr über die Finger, aber sie achtete nicht darauf. Die Arme begannen ihr zu erlahmen. Immer öfter mußte sie sich ausruhen. Verzweifelt blickte sie nach oben … Gottlob! Noch ein knappes Meter. Noch einige, fast übermenschliche Anstrengungen, dann erfaßten ihre Hände den Rand des Plateaus, und mit letzter Kraft zog sie sich hinauf. Schwer atmend blieb sie hart am Rande des Abgrundes liegen.

Die Männer unten am Strande atmeten erlöst auf. Der Steuermann war der erste, der seine Sprache wiederfand:

»So ein Teufelsweib! Himmeldonner …« und nun folgte ein ellenlanger Fluch, mit dem sich der Alte für die ausgestandenen Ängste der letzten Minuten reichlich entschädigte.

Allmählich kam Christel wieder zu sich. Sie öffnete die Augen und blickte den Abgrund hinab. Ein Schwindel ergriff sie. Auf allen Vieren rutschte sie von der gefährlichen Stelle fort. Erst dann wagte sie es, sich zu erheben, und blickte um sich.

Das Plateau des Berges war klein, aber vollkommen flach und eben wie eine Tischplatte. Es war mit Gras und Sträuchern bestanden und bot einen trostlosen Anblick. Von hier aus konnte sie die ganze Insel übersehen. Wohin sie auch schaute, nichts als Sand, Felsen und niedriges Gesträuch, und aus der Ferne grüßte die weite Unendlichkeit des Meeres. Sie nahm das mitgebrachte Fernrohr aus dem Futteral und begann systematisch den Horizont abzusuchen. Aber so sehr sie auch suchte, es war kein dunkles Pünktchen am Horizont zu entdecken, das sie als Boot oder Schiff hätte ausmachen können. Enttäuscht setzte sie das Glas ab, ließ sich auf einen großen Stein nieder und gab sich ganz ihren traurigen Gedanken hin.


Eine Stunde mochte seitdem vergangen sein, als ein lauter Zuruf sie aufschreckte. Über das Plateau kamen ihre Gefährten, allen voran der Steuermann, schwer mit Lebensmitteln, Gerätschaften und Wasser beladen. Sie hatten den Berg umgangen und bald einen bequemen, gefahrlosen Zugang zum Plateau entdeckt. Der alte Smith drückte ihr die Hand, aber kein Wort des Vorwurfs kam über seine Lippen; wußte er doch, daß nur die Angst und Sorge um ihren Vater sie zu der tollkühnen Tat getrieben hatte. Mit kurzen Worten setzte er ihr auseinander, was sie beschlossen hatten, und Christel nickte ganz mechanisch dazu; sie war viel zu sehr mit ihren eigenen Gedanken um das Schicksal ihres Vaters beschäftigt, als daß sie großen Anteil an sich und ihrer Umgebung genommen hätte. Sie blieb auf ihrem Stein sitzen und beobachtete weiter das Meer nach allen Seiten.

Unterdessen begann ein reges Leben und Treiben auf dem Plateau. Die Männer schleppten große Felssteine herbei, die sie zu Mauern aufschichteten, bis schließlich zwei kleine Steinhütten entstanden waren, die mit Segeltuch überspannt wurden und so einen behelfsmäßigen Schutz gegen Wind und Regen versprachen. In das eine Steinhaus brachte man die Lebensmittel und Gerätschaften, das andere wurde mit Gras und Moos ausgepolstert und sollte zum Übernachten dienen. Dann wurde das Gesträuch in weitem Umkreis niedergeschlagen und zu großen Haufen aufgeschichtet. Diese sollten am Abend angezündet werden, um ein weithin leuchtendes Signal zu geben, daß hier Menschen auf Hilfe werteten, und um dem Großboot den rechten Weg zu weisen.

Inzwischen war die Mittagszeit vorbei. Die Männer hatten ein einfaches Mahl aus Zwieback und Konserven verzehrt, aber Christel hatte vergeblich versucht, etwas zu essen; sie fühlte sich zu nervös und unruhig, als daß sie einen Bissen hätte herunterbringen können. In banger Erwartung sehnte sie den Nachmittag herbei, aber Stunde auf Stunde verrann, ohne daß das Großboot gesichtet wurde.

Als der Abend hereinbrach, ergriff sie tiefe Mutlosigkeit. Emsig bemühte sich der Steuermann. Er sprach die Vermutung aus, daß das Großboot wahrscheinlich drahtlose Verbindung mit einem Schiffe bekommen habe und dieses nun ansteuere. Das könne schon eine Weile dauern, bis sie den Dampfer erreicht hätten; aber dann würde das Schiff bestimmt den Kurs verfolgen, den er mit Kapitän Allan verabredet hatte, und die Rettung könne nicht lange auf sich warten lassen. Man müsse sich eben mit Geduld wappnen und warten. Daß dem Großboot etwas zugestoßen sei, halte er bei dem herrschenden schönen Wetter für unmöglich.

Christel schöpfte bei dem freundlichen Zuspruch des Alten wieder etwas Mut und ließ sich willig in das Zelt führen, das man für sie aufgerichtet hatte. In warme Decken gehüllt, lag sie auf dem weichen Moos und betrachtete durch den offenen Eingang des Zeltes die zwanglose Gruppe der Seeleute, die den großen Reisighaufen in Brand gesteckt hatten und nun, von den roten, züngelnden Flammen malerisch beleuchtet, im Kreise um das Feuer herumsaßen und ihre Pfeifen schmauchten. Der Koch, der kleine, dicke William, holte seine Ziehharmonika herbei, und bald klangen, von rauhen Männerkehlen gesungen, die schweren, wehmütigen Seemannslieder zum klaren Nachthimmel empor.

Mit großen, träumerischen Augen blickte Christel in die Glut. Gedanken kamen und gingen. Wie glücklich wäre sie in dem Kreis der Anständigkeit und Kameradschaft, wenn nicht die ewige, nagende Sorge um ihren Vater ihr jede glückliche Minute mit bitteren Tropfen vergällte! Sie fühlte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen, und verbarg ihr Gesicht in ihre Hände.

Der Steuermann, der ab und zu verstohlen nach dem Eingang des Zeltes hinübergelauscht hatte, erhob sich leise und blickte hinein. Die tiefen, ruhigen Atemzüge verkündeten ihm, daß Christel, durch die körperlichen und seelischen Anstrengungen der letzten Tage ungewöhnlich ermüdet, tief und fest eingeschlafen sei. Erleichtert knüpfte er den Eingang des Zeltes zu und gab seinen Leuten ein Zeichen. Die Lieder verstummten. Einer nach dem andern erhob sich und ging in die Steinhütte, um sich zur Ruhe zu legen.

Der sanfte, kühle Abendwind strich mit leisem Flüstern durch das Gras; in den rötlich flackernden Flammen knisterte und prasselte es. Dazwischen ertönte der gedämpfte Schritt der Wache, die vor dem Feuer auf- und abmarschierte.


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