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Dreizehntes Kapitel

»Horch, Marion! die Maschinen stehen wieder still.« Christel schob die Gardine von dem kleinen Fenster zurück und blickte zur Insel hinüber. »Wir sind nicht durchgekommen«, sagte sie mit einem leisen Triumph in der Stimme, »wir haben wieder an der alten Stelle geankert.«

»Wenn ich nur wüßte, wie das alles noch mal endet!« seufzte Marion. »Diese Ungewißheit macht mich schrecklich nervös. Je mehr ich darüber nachdenke, desto kribbliger werde ich, wenn ich doch bloß etwas zu tun hätte, um mich abzulenken! Wir sind nun verurteilt, in der Kajüte zu bleiben. An Land können wir nicht, und auf Deck wollen sie uns auch nicht haben. Die wenigen Bücher hier habe ich schon alle ausgelesen Weißt du denn gar nichts, was ich tun könnte?«

Christel nickte: »Aber Marion«, lächelte sie »hast du denn ganz unsern Umzug vergessen Du hast doch noch alle deine Sachen in deine Kajüte … komm, ich helfe dir!«

Froh, eine Beschäftigung gefunden zu haben liefen die beiden Mädchen in Marions Kajüte und begannen, die Sachen zusammenzupacken. Gemeinsam schleppten sie die schweren Koffer hinüber und fingen an, die Sachen kunstgerecht zu verstauen.

»Deine Tanzkleider nehmen wir aber aus dem Koffer heraus und hängen sie in den Schrank, damit sie nicht so sehr verdrücken«, meinte Christel. Sie öffnete die Tür des Kleiderschrankes, der in die Wand eingelassen war. »Sieh nur, wieviel Platz hier noch ist! Hier hängen auch noch genug Kleiderbügel; reich mir die Sachen zu, ich hänge sie auf die Bügel und dann in den Schrank!«

Nun, so schnell ging es denn doch nicht. Die beiden Mädchen hätten ja nicht Töchter Evas sein müssen, wenn sie nicht unter Scherzen und Lachen bald dieses, bald jenes Kleid angezogen hätten. Besonders ein tiefblaues Seidenkleid mit kostbaren Spitzen und Stickereien hatte es Christel angetan.

»Das ist mein schönstes Kleid«, sagte Marion stolz. »Es ist das Tanzkleid, in dem ich immer die spanischen Nationaltänze tanze. Das hänge, bitte, ganz rechts in den Schrank, damit es nicht von den andern Kleidern gedrückt wird. Aber da ist ja so ein häßlicher Haken in der Rückwand, der könnte mir das Kleid beschädigen; versuche doch mal, ob du ihn herausziehen kannst!«

Christel zog und zerrte mit aller Kraft, doch der Haken rückte und rührte sich nicht. »Geht nicht!« sagte sie unwillig, »aber vielleicht ist es ein Schraubhaken, dann müßte man ihn herausdrehen können.« – Knarrend gab der Haken nach. »Siehst du, mein Sohn«, triumphierte sie, »jetzt hab‹ ich dich!« … doch im nächsten Moment sprang sie erschrocken zurück. Es gab einen leisen, metallischen Klang, dann wich die Rückseite des Schrankes zurück; lautlos öffnete sich vor ihnen die Wand.

Starr vor Staunen, blickten die beiden in die gähnende, dunkle Öffnung. Christel war die erste, die ihre Sprache wiederfand.

»Nun schlägt's aber dreizehn!« rief sie rigoros; »das ist ja das reinste verwunschene Schloß. Nun fehlt nur noch, daß wir einen verborgenen Schatz finden; die Sache müssen wir mal genauer untersuchen.«

Zögernd trat sie näher und blickte durch die dunkle Öffnung. Der schwache Lichtschein, der durch die offene Schranktür drang, vermochte nicht, den Raum zu erhellen, tiefe Finsternis gähnte ihr entgegen.

»Gib mir bitte meine Taschenlampe, die auf dem Nachttisch liegt!« bat sie.

Marion brachte ihr das Verlangte. Ein fahler, weißer Lichtschein tanzte an den Wänden entlang, tastete die Decke, den Fußboden ab. Neugierig drückte nun auch Marion ihren Kopf durch die Öffnung. Der Raum war ein schmaler Gang von etwa zwei Meter Breite und fünf bis sechs Meter Länge. Bis auf einige umfangreiche Pakete, die in einer Ecke des Ganges lagen, war er leer.

Marion schüttelte den Kopf. »Ist das alles?« fragte sie enttäuscht. »Ich glaube, mit dem Schatz ist es nichts.«

»Das glaube ich auch«, lachte Christel, »die Sachen dort sehen gar nicht nach einer Schatztruhe aus. Das Paket dort ist wohl ein großer Rucksack, das andere scheint mir eine Rolle Segeltuch zu sein. Aber wenn wir etwas Genaueres sehen wollen, müssen wir schon, hineingehen. Sieh dich vor, daß du dich nicht schmutzig machst, der Fußboden liegt ja fingerdick voll Staub … das ist ein Zeichen«, sagte sie sinnend, »daß diesen Raum seit Jahren wohl niemand betreten hat.

Langsam, zögernd gingen sie in den Raum hinein. Plötzlich blieb Marion stehen, faßte die Freundin erregt am Arm: »Sieh dort! … Fußspuren! … Ganz deutlich sind sie dort in dem Staub zu sehen, dort muß jemand erst kürzlich gegangen sein.«

»Tatsächlich!« stimmte Christel bei. »Hier muß, den großen Fußspuren nach zu urteilen, ein Mann gegangen sein.« Der Lichtkegel der Lampe glitt am Boden entlang, verfolgte die Spuren, die plötzlich an der Stelle, wo die Pakete standen endeten. »Bis dorthin ist der Mann gegangen, aber von wo kam er?«

Marion deutete auf die linke Wand: »Da fangen die Spuren an … aber wie ist das möglich, da ist doch gar keine Tür!«

»Dann muß dort eine Tür sein!« entschied Christel mit Bestimmtheit. Sorgfältig leuchtete sie die Wand ab. »Doch!« rief sie triumphierend, »Hier das kleine Handrad an der Wand, das muß der Verschluß sein.« Eifrig drückte sie Marion die Laterne in die Hand und fing an, an dem Handrade zu drehen; quietschend und kreischend schraubte sich der Verschluß zurück. Es gab einen scharfen Knacks, und helles Sonnenlicht strömte durch die geöffnete Tür in den Raum. Vorsichtig steckten die beiden ihre Köpfe durch den Türspalt. Die Tür führte ins Freie. Dicht unter ihnen gluckerten und klatschten die Wellen an der Bordwand.

»Wir sind dicht an dem Fallreep«, stellte Christel mit Genugtuung fest. »Wir haben eine wichtige Entdeckung gemacht, Marion. Von hier aus können wir jederzeit, ohne gesehen zu werden, das Schiff verlassen.«

Leise schlossen sie wieder die Tür und schraubten den Verschluß zu. »So, jetzt interessiert mich nur noch, was der Mann hier wollte und was in den Paketen ist.« Sie faßte den Rucksack und begann ihn zu öffnen: »Himmel, ist hier ein Staub drauf! … Nein, die Sachen stehen schon sehr lange hier, die kann der Mann nicht jetzt erst hereingebracht haben; … aber was ist denn das?« Sie zerrte aus dem Rucksack eine schwere gummiartige, mehrfach zusammengefaltete Decke hervor.

Jetzt war es Marion, die einen freudigen Ruf kaum unterdrücken konnte. »Das ist wahrhaftig ein Schlauchboot!« staunte sie. »Das braucht nur aufgeblasen zu werden und ist dann zum Gebrauch fertig. Ich wette, daß in dem anderen Paket die dazugehörigen Teile stecken.«

Sie hatte sich nicht getäuscht. Als sie das Paket öffneten, kamen ein zusammengerolltes Bodengerüst, eine Luftpumpe und ein Stechpaddel zum Vorschein.

»Uff!« seufzte Christel und faßte sich an die Stirn, »mir schwindelt vor soviel Glück. Jetzt kommen wir nicht nur unbemerkt vom Schiff, wir kommen auch trocken ans Ufer und können noch unsere Sachen mitnehmen. Das ist wirklich mehr Glück als Verstand. Jetzt möchte ich nur noch herausfinden, was der geheimnisvolle Besucher hier wollte. Die Pakete hat er nicht angerührt, das ist sicher … aber was ist denn hier in dem schwarzen Kasten, gehört er auch zum Boot?« Neugierig nahm sie das kleine metallene Kästchen in die Hand und prüfte es sorgfältig. Sinnend betrachtete sie es von allen Seiten: »Marion, diesen Kasten hat der Mann hergebracht. Er ist nur wenig bestaubt, kann nur einige Wochen hier gelegen haben. Was mag wohl darin sein?« Vergebens bemühte sie sich, den Kasten zu öffnen.

»Christel!« Ein leiser Ruf von Marion ließ sie von ihrer Beschäftigung aufblicken. Sie nahm den Kasten unter den Arm und trat zu Marion, die sie mit lebhaften Gebärden zu sich heranwinkte. »Ssssst!« flüsterte sie, indem sie auf einen Riegel an der Wand zeigte, »hier ist noch eine Tür, die muß ins Innere des Schiffes führen.«

Sie legten ihr Ohr an die Wand und lauschten, aber drinnen blieb alles still.

»Was mag das für ein Raum sein?« grübelte Christel. »Von der Rückwand meiner Kabine aus sind es ungefähr fünf Meter, … du, Marion, das könnte der Salon sein, in dem wir unsere Mahlzeiten einnehmen. Am besten ist es, wir sehen gleich mal nach, … hoffentlich ist niemand drin!«

Zögernd schob Marion den Riegel zurück und öffnete lautlos die Tür. Sie hatten sich nicht geirrt, sie befanden sich im Salon. Schon wollten sie sich wieder in den Geheimgang zurückziehen, da schnappte mit leise klingendem Geräusch die Tür hinter ihnen zu. Betroffen sahen sie sich an; dann machte Christel ein Zeichen, sich durch die Salontür, die weit offen stand, still zurückzuziehen. Leise schlichen sie sich durch den Salon, der weiche Teppich dämpfte ihre Schritte. Doch plötzlich blieben sie wie angewurzelt stehen. Vor ihnen, in einem bequemen Sessel zurückgelehnt, saß eine lange, hagere Gestalt. Es war Kenny. Er drehte ihnen den Rücken zu und konnte die beiden kaum bemerkt haben. In der linken Hand hielt er ein Likörglas und eine Kognakflasche in der rechten und goß sich langsam und bedächtig das Glas voll.

Was tun? Vorbei konnten sie nicht, ohne gesehen zu werden. Ratlos sahen sie sich an, dann warf Christel trotzig den Kopf zurück: »Durch!« dachte sie, »nur keine Verlegenheit zeigen, sonst schöpft er am Ende noch Verdacht.

»Prost!« sagte sie laut.

Kenny, der eben das Glas ansetzte, zuckte erschrocken zusammen und goß sich einen tüchtigen Schluck in die unrechte Kehle. Prustend und schnaubend fuhr er von seinem Sitz empor. Es dauerte eine Weile, bis er sich soweit wieder erholt hatte, daß er antworten konnte.

»Wie kommen Sie so plötzlich hierher«, fragte er hustend. »Ich habe Sie ja gar nicht kommen sehen.«

»Durch die Tür«, erwiderte Christel kaltblütig und zeigte auf die offene Salontür. »Sie waren ja so in Ihren Schnaps vertieft, daß Sie die ganze Welt um sich vergaßen. Seit wann sind Sie denn unter die Säufer gegangen? Sie trinken doch sonst keinen Alkohol.«

»Tja« … seufzte Kenny tiefsinnig, »ich muß doch den verdammten Priemgeschmack loswerden.«

»Nanu«, wunderte sich Marion, »seit wann priemen Sie denn?«

»Ich nicht, aber er«, war die lakonische Antwort.

»Wer, er?«

»Nun, der Kerl, der mir heut' Nacht sein vollgepriemtes Taschentuch in den Mund gesteckt hat. Da! … Sehen Sie selbst!« und damit holte er mit zwei Fingerspitzen ein buntes, rot-blau gewürfeltes Taschentuch aus seiner Hosentasche hervor und hielt es den beiden Damen unter die Nase. »Und dreckig ist der Lappen, das Zeichen J. S. kann man kaum noch erkennen! … Autsch!« brüllte er plötzlich und ließ das Taschentuch fallen. Der schwarze Kasten, den Christel noch immer unter dem Arm getragen hatte, war ihr plötzlich entfallen und mit seiner ganzen Schwere auf Kennys Fußspitzen gelandet. Fluchend und schimpfend hopste die lange Gestalt wie eine Krähe auf einem Bein herum. Der Anblick war so komisch, daß Marion nicht anders konnte, sie lachte Tränen. Niemand achtete auf Christel, die bleich und zitternd dastand und das Taschentuch zu ihren Füßen wie eine Vision anstarrte.

»Himmel und Hölle!« knurrte Kenny und befühlte seine Zehen. »Haben Sie wirklich keinen anderen Platz für Ihre Kiste finden können als gerade meine Zehen? Was haben Sie bloß in dem verwünschten Kasten drin, der hat ja ein anständiges Gewicht für seine Größe!« Er hatte ihn aufgehoben und wog ihn prüfend in der Hand: »Wo haben Sie denn das Ding her?«

Christel warf Marion einen warnenden Blick zu. Sie hatte sich schon wieder völlig in der Gewalt, als sie antwortete:

»Es tut mir wirklich leid, daß Ihnen der Kasten gerade auf den Fuß fiel. Ich fand ihn in meinem Kleiderschrank, als wir beide Marions Sachen hineinhängen wollten … ja, und deswegen sind wir eigentlich hierhergekommen«, setzte sie schnell hinzu. »Wir wollten wissen, ob der Kasten nicht woanders untergebracht werden kann, er stört uns im Schrank.«

Marion preßte die Lippen zusammen und schielte zu Kenny hinüber. Die Ausrede war nicht schlecht; würde er Verdacht schöpfen? Nein, er merkte nichts. Er war ganz damit beschäftigt, den Verschluß des Kastens zu öffnen. Endlich hatte er Erfolg. Er klappte den Deckel zurück. Neugierig blickten die Mädchen hinein. Sie sahen eine glänzende schwarze Platte mit einer großen, runden Uhr, mehreren Schaltern und Skalen und einigen Leitungsdrähten. Es sah aus wie ein Koffer-Radioapparat.

Mit Befremden sahen die Mädchen, daß die Hände, die den Kasten hielten, zitterten. Als sie dem Manne ins Gesicht sahen, erschraken sie. Sein Gesicht war totenblaß. Mit einigen raschen Schritten war er am Tisch und stellte den Apparat ganz vorsichtig hin.

»Rühren Sie um Gottes willen den Teufelskasten nicht an, ich bin gleich wieder da!« schrie er die erschrockenen Mädchen an. In größter Eile stürzte er aus dem Salon.

Verblüfft schauten sich die beiden Mädchen an. »Nun wird's geheimnisvoll«, meinte Marion achselzuckend. »Was ist dem so plötzlich in die Krone gefahren? Der läuft ja wie die Feuerwehr! Sollte ihm der Kasten solch einen Schrecken eingejagt haben?« Mißtrauisch besah sie den Kasten von allen Seiten und zuckte mit den Achseln: »Ich kann nichts daran finden; na, wir werden ja sehen.«

Eilige Schritte wurden hörbar. Hastig wurde die Tür aufgerissen, und drei Männer stürzten in den Raum. Allen voran Mister Kelbin. Hinter ihm drängten sich der Kapitän und der lange Kenny. Mit ruhigem Griff packte Mister Kelbin den Kasten und unterzog ihn einer genauen Prüfung. Gespannt sahen die anderen zu. Er kramte aus seiner Westentasche eine kleine Schere hervor, mit der er gewöhnlich die Spitzen seiner Zigarren abschnitt. Mit aller Gelassenheit zerschnitt er die elektrischen Leitungen und bog die Enden auseinander, daß sie sich nicht mehr berühren konnten. »So«, sagte er aufatmend, »jetzt ist keine Gefahr mehr.«

»Was!« rief der Kapitän entsetzt, »ist das wirklich eine Höllenmaschine?«

Christel hatte plötzlich das Gefühl, als griffe ihr eine eiskalte Faust nach dem Herzen. Verstört starrte sie auf das unscheinbare Kästchen. Und diesen furchtbaren Apparat hatte sie unter dem Arm getragen und noch dazu herunterfallen lassen?!

Kenny schien ihre Gedanken zu erraten. »Ja«, sagte er düster, »das war ein Glück, daß Sie die Bombe gerade auf meine Zehen fallen ließen. Wäre das Teufelsding auf dem harten Fußboden aufgeschlagen, so ständen wir jetzt nicht mehr hier.«

»Mister Kelbin«, sagte der Kapitän erregt, »wie erklären Sie sich das? Wer hat diese Bombe gelegt, und warum ausgerechnet in Fräulein Peters' Kajüte?«

Mister Kelbin hatte sein Taschenmesser aus der Tasche gezogen und begann, sorgfältig die Schrauben, mit denen die Schalttafel im Kasten befestigt war, herauszuschrauben. »Einen Moment«, knurrte er, »erst will ich mal die Batterie entfernen; mit solch einem Ding ist nicht zu spaßen.« Er hob die Platte heraus und schaltete die Batterie ab, die er in die Tasche steckte. Der übrige Teil des Kastens war mit einer Anzahl Rollen, die wie Erbswürste aussahen, gefüllt.

Der Dicke nahm eine Rolle heraus und las die Aufschrift. »Ekrasit!« sagte er. »Zehn Patronen Ekrasit! Das hätte gereicht, um die ganze Backbordseite bis zum Boden zu zerreißen. Ob freilich der Kahn dabei gesunken wäre, ist fraglich.« Er legte seine Stirn in Falten und dachte angestrengt nach: »Welcher Raum liegt eigentlich unter Fräulein Peters' Kajüte?«

»Der Ölbunker und der Vorratsraum für die Benzinfässer«, antwortete Kapitän Ehlers nach kurzer Überlegung. »Er zieht sich von Fräulein Peters' Kajüte bis zum Salon hin.«

»Aha«, sagte Mister Kelbin befriedigt. »Jetzt haben wir auch die Erklärung dafür, warum der Apparat ausgerechnet in Fräulein Peters' Kajüte versteckt sein mußte. Der Täter rechnete damit, daß die Kajüte, da sie doch als ausgesprochener Damensalon eingerichtet ist, von der Besatzung nicht benutzt werden würde. Der Apparat war also vor der Entdeckung ziemlich sicher. Die Bombe hätte nicht ausgereicht, um das Schiff unter allen Umständen zum Sinken zu bringen. Nun befinden sich aber unter der Kajüte unsere Benzin- und Ölvorräte. Die wären bei der Explosion unweigerlich mit in die Luft gegangen, und das hätte ein Feuerwerk gegeben, daß die ›Stella‹ in Atome zerschmettert worden wäre. Da wäre keine Maus mit dem Leben davongekommen. Und darauf scheint es dem Täter anzukommen: Nicht nur das Schiff, nein, die ganze Mannschaft sollte vernichtet werden!«

»Entsetzlich!« stöhnte Kenny. »Auf welche Zeit war denn das Ding überhaupt eingestellt? Können Sie das feststellen?«

Mister Kelbin nahm die Schalttafel und betrachtete sie sorgfältig. »Sehen Sie her!« sagte er zu den andern, die ihm neugierig über die Schulter blickten. »Dieser Apparat ist eine ganz moderne Konstruktion. Man kann das Uhrwerk auf einen Zeitraum von 0 bis 30 Tagen einstellen. Hier diese Skala zeigt die Monatstage an, diese die Stunden, die letzte die Minuten. Die Zeiger stehen auf 24, 7, 0. Die Bombe müßte also am 7. dieses Monats um 24 Uhr explodieren.«

»Aber der siebente ist doch schon längst vorbei!« rief der Kapitän erstaunt.

»Das ist schon richtig«, sagte Mister Kelbin grübelnd, »die Maschine ist nicht explodiert, sie hat versagt, und das ist unser Glück, sonst würden wohl jetzt die Fische an uns herumknabbern.« Er seufzte und strich sich über den Bauch. Der Kapitän griente verstohlen. Der Dicke schien es nicht zu bemerken. Er dachte angestrengt nach.

»Waren Sie eigentlich schon am siebenten bei uns?« wandte er sich unvermittelt an Christel.

»Nein«, antwortete der Kapitän, ehe Christel etwas sagen konnte. »Wir haben Fräulein Peters in der Nacht vom 10. zum 11. aufgenommen.« Seine Stimme klang verärgert, und unwillig runzelte er die Stirn. Jetzt war es Mister Kelbin, der verstohlen grienen mußte, er wurde aber gleich wieder ernst.

»So, so«, sagte er, »es steht also folgendes fest: Der Täter hat in diesem Schiffe ausgezeichnet Bescheid gewußt, was wir aus dem Versteck der Höllenmaschine ersehen können. Dann hatte er die Absicht, nicht nur die ›Stella‹, sondern auch die ganze Mannschaft zu vernichten. Nun, Herr Kapitän, wer ist der Unbekannte? Wer konnte ein Interesse daran haben, die ›Stella‹ mitsamt der Mannschaft verschwinden zu lassen?«

Der Kapitän zuckte verständnislos mit den Achseln: »Da fragen Sie mich zu viel; das wollte ich ja von Ihnen wissen.«

»Ehlers, Sie sind ein kriminalistischer Säugling!« sagte der Dicke würdevoll und klopfte ihm vertraulich auf die Schulter. »Nun passen Sie mal schön auf: Erinnern Sie sich an das chiffrierte, drahtlose Telegramm?

 

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Christel hielt den Atem an. Was würde sie jetzt zu hören bekommen?!

»Einen Tag später, also am 5.,« fuhr Mister Kelbin fort, »verschwindet die ›Arkansas‹ für immer unter der Meeresoberfläche.«

Christel zuckte zusammen, als hätte ein Schmiedehammer sie getroffen. Wenn überhaupt noch Zweifel an der Identität der Piraten bestanden hatte, jetzt hörte sie aus ihrem eigenen Munde das Geständnis ihrer Schuld. Mühsam beherrschte sie sich. Mister Kelbin achtete nicht auf sie. Er schien die Anwesenheit der beiden Mädchen vollkommen vergessen zu haben.

»Am siebenten«, erklärte er weiter, »folgt die ›Stella‹ mit Mann und Maus nach. Der Mann aber, der das geistige Oberhaupt der Organisation darstellt, befindet sich jetzt: vollkommen in Sicherheit, denn kein lebender Zeuge, der ihm gefährlich werden könnte, ist mehr vorhanden. Um diese Sicherheit zu erreichen, ist der Schurke bedenkenlos bereit, seine sämtlichen Kumpane auf den Grund des Meeres zu schicken. Haben Sie jetzt verstanden, Käpt'n?«

Ehlers lachte grimmig auf: »Wenn ich den Schuft erwische, dann …« er beendete den Satz nicht, sondern machte mit den Händen eine bezeichnende Bewegung.

»Darauf warten wohl schon mehr als nur Sie«, lächelte der Dicke, »aber ›die Nürnberger hängen keinen, sie hätten ihn denn‹. Wir haben weniger Aussicht als je, unsern geheimnisvollen Auftraggeber kennen zu lernen. Auf eine telegrafische Order brauchen wir jetzt wohl nicht mehr zu warten.«

»Es ist ein Glück, daß Fräulein Peters die Bombe gefunden hat«, warf Kenny, der seiner Gewohnheit gemäß schweigsam dabei gestanden hatte, ein.

»Warum?« fragte Mister Kelbin zerstreut, er schien schon wieder mit anderen Gedanken beschäftigt zu sein. »Die Bombe hätte uns doch sowieso nicht mehr gefährlich sein können.«

»Nun, ich meine wegen der Ekrasitladung.«

»Wieso?« Verständnislos sah der Dicke zu der langen Gestalt empor.

»Sie sind ein kriminalistischer Säugling«, sagte der Kapitän, der die Gedanken seines Freundes erraten hatte, und klopfte ihm würdevoll auf die Schulter. »Mit dem Sprengstoff können wir die gesunkene Barkasse beseitigen, und dann raus aus der Mausefalle!«

Mister Kelbin biß sich auf die Lippen. Der offene Hohn des Kapitäns ärgerte ihn gewaltig; doch ehe er antworten konnte, trat ein Ereignis ein, daß die Männer von ihrem Thema ablenkte. Polternde Schritte wurden auf der Treppe hörbar. Ein Mann stürzte herein.

»Herr Kapitän«, rief er aufgeregt, »sie haben drüben den Sender in Betrieb genommen!«

»Teufel!« Mit einem Satz war der Dicke am Fenster und blickte hinaus. Hinter ihm drängten sich die andern. Wahrhaftig! Wie ein dünner, feiner Seidenfaden spannte sich, kaum zu erkennen, der Antennendraht von der Anhöhe bis zu den Klippen hinunter.

»Eine schöne Bescherung!« brummte der Kapitän. »Die Kerls haben noch nicht einmal Masten aufrichten müssen. Da können wir hundert Granaten verfeuern, ehe mal zufällig ein Granatsplitter den Draht zerreißt. Wirklich sehr geschickt gemacht. Wird Zeit, daß wir hier rauskommen.«

»Na, na«, sagte Mister Kelbin besänftigend, »so viel hat das ja nun nicht mehr auf sich. Wir haben jetzt die Möglichkeit, aus diesem Loch herauszukommen.« Er trat zum Tisch und nahm den Kasten in die Hand. »Ich werde gleich … nanu?!« Erstaunt blickte er in den Kasten hinein. Er war leer … der Sprengstoff war fort.

Betroffen sahen sich die Männer an. Dann warf der Dicke den Kasten mit einem Fluch zu Boden.

»Damned! Jetzt wird es ernst. Wir haben einen Verräter unter uns. Der Sprengstoff kann nur in der kurzen Zeit, da wir aus dem Fenster sahen, gestohlen worden sein.«

»Aber es war doch niemand weiter hier als Sie, Kenny, ich und …« der Kapitän stockte und blickte, von einer dunklen Ahnung ergriffen, um sich.

»… und die beiden Damen!« vollendete Mister Kelbin scharf. »Wo sind sie? Warum sind sie so plötzlich verschwunden?! Nein, nein, mein Lieber, da stimmt was nicht.« Mit eiligen Schritten verließ er den Salon. Die anderen folgten mm nach. Geradenwegs ging er auf Christels Kajüte los und klopfte an. Niemand antwortete. Kurzentschlossen öffnete er die Tür und trat ein. Die Kabine war leer. Auch in Marions Zimmer war niemand.

»Sie werden an Deck gegangen sein, um frische Luft zu schöpfen«, sagte der Kapitän unsicher. Obgleich er keinen Moment an die Schuld der beiden Mädchen glaubte, konnte er sich einer seltsamen Unruhe doch nicht erwehren. Ihr plötzliches Verschwinden unter diesen Umständen war doch recht sonderbar.

Aber auch an Deck waren die beiden Damen nicht gesehen worden. Die Unruhe des Kapitäns wuchs. Systematisch durchsuchten sie jetzt das ganze Schiff. Kein Raum, der nicht auf das genaueste durchforscht wurde. Aber vergeblich! Nach Verlauf einer Stunde mußte auch Mister Kelbin einsehen, daß weiteres Suchen zwecklos war. Ratlos sahen sie sich an.

»Das grenzt ja beinahe an Hexerei!« Der Kapitän wischte sich den Angstschweiß von der Stirn. »Wenn den Damen nur nichts passiert ist! Es können doch nicht zwei Menschen spurlos verschwinden. Das Schiff können sie unmöglich verlassen haben. Die ganze Mannschaft ist doch an Deck, sie würden unbedingt gesehen worden sein. Die Kajütfenster sind zu klein, als daß sich dort ein Mensch hindurchzwängen könnte. Sie müssen sich an Bord versteckt halten. Aber was können denn die beiden nur für einen Grund haben, uns den Sprengstoff zu entwenden? Sie haben doch allen Grund, sich zu freuen, daß wir endlich aus dieser Mausefalle herauskönnen. Das verstehe ich nicht.«

»Ich verstehe es sehr gut«, sagte Mister Kelbin verdrießlich. »Ich hätte es Ihnen eigentlich schon vor zwei Tagen sagen sollen. Die Geschichte, die uns Fräulein Peters erzählt hat, kam mir etwas unglaubwürdig vor. Ich habe deshalb drahtlos Erkundigungen über ihre Person eingezogen. Die Antwort war für mich etwas überraschend. Kapitän Peters war nicht Kapitän auf der ›Minnesota‹, sondern auf der ›Arkansas‹.«

Der Kapitän starrte ihn entgeistert an: »Was sagen Sie da, Fräulein Peters war auf der ›Arkansas‹?«

»Das ist wohl anzunehmen. Wo der Vater ist, wird sich auch die Tochter befinden.«

»Nun kann ich mir auch ihr seltsames Wesen, das sie mir seit gestern zeigt, erklären«, murmelte der Kapitän. »Sie hat bei dem Ausflug von der Höhe aus die ›Stella‹ wiedererkannt, weiß also, wo sie sich jetzt befindet. Jetzt ist mir alles klar. Wenn wir sie doch bloß fänden! Hoffentlich macht sie mit dem Sprengstoff keine Dummheiten.«

»Da brauchen Sie keine Angst zu haben«, meinte der Dicke lächelnd. »So ein junges Menschenkind hat sein Leben viel zu lieb, als daß es es kurzerhand wegwerfen würde. Wenn sie erst tüchtigen Hunger haben, werden sie schon wieder zum Vorschein kommen.«

»Ich suche noch einmal«, sagte der Kapitän entschlossen.

»Schön«, sagte Mister Kelbin, »ich mache nicht mit, die beiden kommen auch so wieder zum Vorschein.«


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