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Viertes Kapitel

Der Tag neigte sich seinem Ende zu; glührot tauchte die Sonne in das Meer ein. Die Dämmerung brach herein. Fröstelnd wickelte sich Christel in eine Decke ein, lehnte sich gegen die Bordwand und schloß die Augen. Es war eigentlich nicht kalt; aber sie war müde, entsetzlich müde. Die vielen Ereignisse des Tages hatten in ihrem Kopf alles so durcheinander gebracht, daß sie keinen klaren Gedanken zu fassen vermochte.

Mühsam versuchte sie, die Reihenfolge der Geschehnisse sich in's Gedächtnis zurückzurufen: Wer waren die Leute auf der Jacht? Waren das wirklich Piraten? … Aber so etwas gibt es doch heute nicht mehr! Warum hatten sie die Jacht beschossen und die Besatzung gezwungen, das Schiff zu verlassen? Wollten sie sich die Ladung aneignen, wußten sie vielleicht gar etwas von dem wertvollen Helium? – Das war alles so unklar und rätselhaft; wer waren die Piraten?

Vor ihren Augen erschien wieder die kleine schlanke Jacht mit dem niedrigen Schornstein und den hohen Masten. Noch war sie weit entfernt, aber sie kam näher und näher. Vorn am Bug rauschte eine mächtige Bugwelle, aber an Deck war niemand zu sehen. Hoch oben am Mast flatterte die große, blutrote Piratenflagge. Da blitzte es an Deck des Freibeuters auf; heulend kam die erste Granate herangesaust. Ein furchtbarer Krach! Feuer und Qualm schlugen ihr entgegen; unheimlich pfiffen und surrten die Splitter nach allen Seiten. Sie wollte irgendwo Schutz suchen, sich verbergen … aber ihre Füße waren wie gelähmt. Da blitzte es schon wieder auf und nochmals, jedesmal Tod und Verderben verbreitend. Dann war das Piratenschiff heran. Krachend stießen die Bordwände aneinander, und im selben Moment bevölkerte sich das Deck der Jacht mit abenteuerlichen Gestalten. Es waren große, wild aussehende Männer mit schwarzen Knebelbärten, mit großen Schlapphüten und altertümlicher Kleidung. Sie trugen bunte, seidene Schärpen um den Leib, aus denen reichverzierte Dolche und Pistolen hervorragten. In der Hand schwenkten sie breite, krumme Schwerter und alte, klobige Steinschloßflinten. Sie machten ein großes Geschrei und enterten an der Bordwand empor. Allen voran der Anführer, mit einem riesigen Messer in der Hand, ein Mohr mit rollenden Augen und fletschenden Zähnen. Er stürzte sich gerade auf ihren Vater; das breite Messer blitzte im Sonnenlicht. Da warf sie sich dazwischen. Das schreckliche Messer senkte sich … nur noch Sekunden, dann bohrte sich das Messer in ihre Brust. Da … in höchster Todesangst schrie sie auf:

»Vater, hilf!«

Da verschwand der blitzende Stahl vor ihren Augen; die Piraten waren fort. Sie fühlte, wie jemand sie an der Schulter rüttelte, und eine wohlbekannte Stimme klang an ihr Ohr:

»Christel, wach auf!«

Verwirrt öffnete sie die Augen und schaute in das sorgenvolle Gesicht ihres Vaters.

»Was hast du denn, Mädelchen?«

Sie schloß die Augen wieder und lehnte ihren Kopf an seine Brust. »O Vati«, seufzte sie, »ich hab' so schlecht geträumt!«

Er tätschelte ihr zärtlich das heiße Gesichtchen. »Du wirst mir doch nicht krank?« fragte er besorgt.

Da richtete sie sich mit einem Ruck auf und lachte ihm voll ins Gesicht: »Aber Triton, wo denkst du hin! Dazu hab' ich jetzt doch gar keine Zeit.«

Da war er wieder, der heitere, übermütige Ton; aber der Kopf summte ihr, und ein Schauer nach dem andern jagte ihr durch den Körper. – Wenn es bloß der Vater nicht merkte! Müde lehnte sie sich an die Bordwand und blickte hinaus auf das weite Meer.

Die Nacht war vorüber. Es war schon ziemlich hell geworden. Der helle Streifen im Osten wurde immer breiter; bald mußte die Sonne aufgehen.

Doch was war das? … Ihre Augen weiteten sich. Fern am Horizont war eine kleine, schwarze Wolke aufgetaucht, die stetig größer wurde; das konnte nur die Qualmwolke aus dem Schlot eines Dampfers sein.

»Schiff in Sicht!« rief sie mit heller, jubelnder Stimme.

Wie elektrisiert sprangen alle auf. Kapitän Peters nahm erregt das Glas an die Augen. Als er es wieder absetzte, hatte sein Gesicht einen zufriedenen Ausdruck.

»Drei Strich Backbord!« kommandierte er, »der Dampfer kommt gerade auf uns zu, in einer halben Stunde sind wir gerettet.«

In freudiger Erwartung drängten alle nach vorn zusammen und beobachteten den Dampfer, der schnell näher kam. Der Kapitän stand vorn am Bug und schwenkte die Fahne.

Bald war der Dampfer so nahe, daß man die Leute an Deck erkennen konnte. Auch hier hatte man das Boot bereits gesehen; der Dampfer stoppte und blieb liegen. Als das Motorboot seitlich an den Frachter heranfuhr, konnte der Kapitän einen Ausdruck der Überraschung nicht verbergen:

»Die ›Minnesota‹!«

Es war das Schwesterschiff der »Arkansas«. Kapitän Peters kletterte als erster die Treppe empor. Kapitän Allan kam ihm entgegen; aber seine ausgestreckte Rechte sank jäh herab, als er den andern erkannte:

»Was, Peters! … Sie?«

Aber dann faßte er impulsiv die Hand Hein Peters' und drückte sie kräftig. »Mein herzliches Beileid!« sagte er schlicht. Freundlich begrüßte er Christel, die mit den andern ebenfalls an Deck gestiegen war, und reichte ihr die Hand:

»Willkommen, Fräulein Peters! Sie sehen so blaß und elend aus, das Unglück hat Sie wohl stark mitgenommen?«

Christel erwiderte kräftig den Händedruck des Kapitäns und sagte lächelnd:

»Danke, Kapitän Allan. Es war ein bißchen viel auf einmal; aber nun ist alles vorbei. Ich bin sehr müde.« Sie mußte sich Gewalt antun, um ihr Frösteln zu verbergen.

»Corrigan!« wandte sich Kapitän Allan an seinen Ersten Offizier, »bringen Sie Fräulein Peters in eine Passagierskajüte, und sorgen Sie dafür, daß auch die andern gute Unterkunft finden. Lassen Sie auch das Motorboot an Deck bringen und gut festzurren, es sieht nach schlecht Wetter aus! … Und nun«, wandte er sich an Christel, »schlafen Sie sich mal tüchtig aus, das ist die beste Nervennahrung. Gute Nacht!«

»Gute Nacht, Kapitän Allan … Gute Nacht, Vati!« Ungeniert gab sie ihm einen Kuß auf die stopplige Wange und eilte dem Ersten Offizier nach, der sie in ihre Kajüte führte.

»Glücklicherweise haben wir diesmal keine Passagiere mit«, sagte Corrigan, »Sie haben also viel Platz. Was fehlt denn eigentlich Ihrem Ersten?«

»Oh, er hat Malaria«, erwiderte Christel, »aber es geht ihm schon besser.«

»Nun«, lachte Corrigan, »das ist ja das gefundene Fressen für unsern Doktor. Der ist froh, wenn er jemand zum Verarzten hat, und wenn es ihm schon besser geht, dann ist ja auch weiter keine Gefahr dabei.«

Christel mußte lachen, und der ›Erste‹ freute sich, daß es ihm gelungen war, sie ein wenig aufzuheitern.

»Gute Nacht, schlafen Sie wohl!« sagte er herzlich und schloß leise die Tür hinter sich zu.


In der Kapitänskajüte saßen Kapitän Peters und Kapitän Allan in erregtem Gespräch zusammen. Allan glaubte zu träumen, als er die Geschichte der »Arkansas« erfuhr. Seeräuber? das war ja zum Lachen, wenn es nicht so verdammt ernst gewesen wäre. Er ließ den Ersten Offizier kommen und weihte ihn ebenfalls ein.

Corrigan machte ein bedenkliches Gesicht. »Wissen Sie«, sagte er zögernd, »die Sache ist sehr ernst und kann auch für uns unangenehm werden. Ja«, fuhr er fort, als ihn Allan erstaunt ansah, »Sie wissen ja, ich war zehn Jahre bei der Marine auf dem Zollkreuzer ›Washington‹. Da haben wir tolle Sachen erlebt mit den Rumschmugglern und Gangstern. Den Kerls trau' ich alles zu. Jedenfalls ist mir der Gedanke zuwider, daß wir morgen durch dieselbe Gegend fahren, in der die ›Arkansas‹ gekapert wurde und in der sich noch immer die Jacht aufhalten kann. Wir können – unbewaffnet, wie wir sind – in dieselbe Lage kommen. Ich schlage daher vor, daß wir den Kurs ändern. Wir machen einfach einen Bogen um die bewußte Stelle. Die zwei Tage Verspätung müssen wir schon in Kauf nehmen.«

Der Vorschlag wurde hitzig diskutiert; aber schließlich kam man überein, der gefährlichen Stelle auszuweichen und den Kurs zu ändern.

Während Kapitän Peters in seine Kajüte ging, um den versäumten Schlummer nachzuholen, saß der Funker der »Minnesota« in seiner Kammer und sandte ein drahtloses Telegramm an die Marinestation in San Franzisko, in dem mit kurzen Worten das Schicksal der »Arkansas« bekanntgegeben und Hilfe erbeten wurde.


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