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Elftes Kapitel

Mister Kelbin hatte einen schlechten Schlaf. Kein Wunder; das Beefsteak, das der Smutje gestern gebraten, hatte ganz vorzüglich geschmeckt, und Mister Kelbin hatte sich herabgelassen, noch eine zweite Portion zu verspeisen. Aber das war wohl doch ein bißchen zu viel gewesen. Er verspürte ein wenig Magenkneifen, und mit der Magensäure stimmte es wohl auch nicht ganz. Also her mit dem berühmten doppeltkohlensauren Natron!

Mißmutig kletterte er aus seinem Bett und schlurfte zum Schrank, wo er neben verschiedenen Weinen und Schnäpsen auch eine Tüte ›Kohlensaures‹ vorsorglich aufbewahrte. Als er an dem geöffneten Bullauge vorbeikam, stutzte er und horchte. Deutlich hörte er das leise, dumpfe Stampfen eines Motors. Neugierig steckte er seinen Kopf hinaus und sah im selben Moment, wie ein langer, dunkler Schatten an ihm vorbeizog und in der Dunkelheit verschwand. Immer mehr entfernte sich das Motorengeräusch, und dann war alles wieder still.

Was, zum Teufel, hatte das zu bedeuten? Wer verließ mitten in der Nacht in aller Heimlichkeit das Schiff? Sollten etwa die beiden Frauen …? Er pfiff leise durch die Zähne und begann, sich schnell anzukleiden. Der Sache sollte man doch gleich auf die Spur gehen. – Leise öffnete er die Tür und trat in den Gang. Auf Zehenspitzen schlich er zu Marions Kajüte und öffnete behutsam die Tür. Ein zufriedenes Lächeln huschte über sein Gesicht, als er im Scheine seiner Blendlaterne feststellte, daß das Zimmer leer und das Bett überhaupt nicht benutzt worden war.

»Also doch!« murmelte er vor sich hin. »Der Ehlers wird Augen machen, wenn er merkt, daß seine Engelchen ausgeflogen sind … nanu, was ist denn da los?« Polternd kam eine Gestalt die Treppe hinuntergestürzt, wollte an ihm vorbei.

»Hallo, Mann! Was ist denn los, wo wollen Sie denn hin?«

»Ich muß zum Kapitän!« rief der Mann erregt, »der Posten, den ich eben ablösen wollte, ist nicht da … er ist weg!«

»So, so!« lachte der Dicke, »dann gehen Sie man ruhig auf Wache! Das mit dem Posten werde ich schon selbst dem Kapitän mitteilen.«

»Jawohl, Mister Kelbin«, sagte der Mann und verschwand.

Ein lautes Pochen an der Tür riß den Kapitän aus seinem Schlaf. »Was gibt's, … wer ist da?« rief er schlaftrunken.

»Ich bin's, Kelbin; ich habe Ihnen etwas mitzuteilen.«

Mit einem Satz war Kapitän Ehlers aus dem Bett, streifte seine Sachen über und öffnete die Tür.

»Sie entschuldigen doch die Störung«, sagte Mister Kelbin höflich und trat ein.

»Aber bitte!« sagte Ehlers, »um was handelt es sich denn?«

»Es scheint etwas nicht zu stimmen, der Posten ist verschwunden.«

»Wohin?« fragte der Kapitän lakonisch.

»Das weiß ich nicht«, sagte der Dicke ärgerlich, da seine Mitteilung keinen Eindruck zu machen schien, »außerdem sind noch zwei Personen verschwunden.«

»Wer?«

»Ihre Engelchen!«

»Meine, was?« fragte der Kapitän verwirrt.

»Ihre Engelchen … na ja, die beiden Mädchen!«

Erregt sprang der Kapitän auf, aber er bezwang sich. »Unsinn!« sagte er. »Die beiden Damen sind da.«

»Meinen Sie?« grinste der Dicke. »Nun, wir können ja mal nachschauen.« Er ging voran und öffnete die Tür zu Marions Kajüte: »Bitte!«

Verblüfft starrte der Kapitän in das leere Zimmer. Einen Moment war er ratlos; dann eilte er mit langen Schritten zu Christels Kajüte und trat behutsam ein. Der Schein der Blendlaterne glitt über das Bett und beleuchtete zwei dunkle Mädchenköpfe, die in friedlichem Schlummer dalagen. Ehlers atmete auf. Nun war die Reihe an Mister Kelbin, ein dummes Gesicht zu machen.

»Siehste«, grinste ihn Ehlers an, »meine Engelchen sind da.« Doch der dicke Kelbin antwortete nicht. Er hatte eine scharfe Falte auf der Stirn und schien angestrengt nachzudenken. Leise schloß der Kapitän die Tür wieder hinter sich zu.

»Donnerwetter«, murmelte der Dicke vor sich hin »jetzt wird's ernst! Ich wünschte, die Mädels wären fort, denn dafür hätte ich eine einfache Erklärung.«

»Wieso?« forschte Kapitän Ehlers neugierig.

Der Dicke winkte ab: »Nachher! … Wir müssen erst den Posten suchen.«

Eiligst stiegen beide zum Deck empor. »Aber da ist er doch!« rief Ehlers und zeigte auf das Vorschiff, auf dem der Posten auf und ab ging.

»Nicht der, – der andere, den er ablösen sollte.«

»Damned! …« Der Dicke stolperte und schlug der Länge nach hin.

»Was haben Sie gefunden?« fragte der Kapitän boshaft.

»Den Posten!« sagte Mister Kelbin seelenruhig. »Ich habe eben einen Salto über ihn geschlagen. Haben Sie mal ein Streichholz da? Meine Taschenlampe ist mir bei dem Sturz aus der Hand gefallen.«

Das Streichholz flammte auf und beleuchtete eine regungslose Gestalt, die gefesselt vor ihnen lag.

»Beim Himmel!« rief der Kapitän überrascht. »Wie ist das möglich?!« Er warf das erlöschende Streichholz fort und rief nach vorn: »Hallo, Wache! Decksbeleuchtung einschalten!«

Die Lampen flammten auf. Der Kapitän zog ein Messer aus der Tasche, beugte sich über den Mann und zerschnitt die Fesseln. Mister Kelbin befreite ihn von dem Taschentuch, das man ihm als Knebel in den Mund gesteckt hatte. Der Mann richtete sich auf, aber stöhnend sank er wieder zurück. Seine Glieder waren noch steif und geschwollen von der strammen Fesselung. Gemeinsam trugen sie ihn in das Kartenhaus und legten ihn dort auf das Sofa nieder.

»Mann, Frank!« forschte der Kapitän erregt. »Wie ist das passiert, wie sind Sie in diese Lage gekommen?«

Der Matrose richtete sich mühsam auf und griff nach dem Glas Wasser, das ihm Mister Kelbin reichte. »Ich weiß auch nicht, wie das kam«, sagte er, nachdem er getrunken hatte. »Ich hatte gerade Wache und ging an der Steuerbordseite entlang, da wurde ich plötzlich von rückwärts überfallen. Ehe ich um Hilfe rufen konnte, hatten sie mir ein Tuch in den Mund gesteckt und mich gefesselt. Dann legten sie mich auf das Deck nieder. Es waren vier Mann auf Deck; aber es müssen noch einige im Boot gewesen sein, denn sie reichten die Sachen über die Reling nach unten.«

»Welche Sachen?« unterbrach ihn Mister Kelbin.

»Sie haben das Schiff durchsucht. Sie müssen auch im Proviantraum gewesen sein. Sie schleppten Körbe mit Brot, Konserven und allen möglichen Lebensmitteln nach oben. Auch in der Waffenkammer waren sie. Sie holten Gewehre, Kisten mit Munition, und auch das Maschinengewehr hatten sie bei sich. Ja, und dann in der Funkbude waren sie auch. Unseren Kurzwellensender haben sie mitgenommen. Fast eine Stunde waren sie hier. Sie wußten genau, wann meine Wache zu Ende war. Mit unserem Motorkutter fuhren sie dann davon; ich habe deutlich das Motorengeräusch erkannt.«

»Ich auch!« sagte Mister Kelbin grimmig, »und ich habe nicht hinterhergeschossen. Ich dachte, die Mädchen wären im Boot. Jetzt haben wir den Salat. Am besten ist es, wir rufen die Mannschaft zusammen und sehen erst mal nach, was die Halunken alles angestellt haben. – Hallo, Wache! Alle Mann an Deck! … die Damen werden nicht gestört.«

Der Mann eilte davon. »So, Kapitän, jetzt wollen wir erst mal zur Funkbude gehen; ich bin neugierig, was sie mit dem Funker gemacht haben.«

»Herrgott … Kenny!« rief der Kapitän entsetzt. »Er hatte die Funkwache.«

Rasch eilten sie zur Funkbude und rissen die Tür auf. Ein seltsamer Anblick bot sich ihnen dar. Stocksteif gefesselt, saß Kenny aufrecht in seinem Sessel und blickte die Eintretenden mit seinen melancholischen Augen an. Rasch war er von seinen Fesseln befreit und ihm der Knebel aus dem Mund genommen.

»Pfui Teufel!« sagte er und spuckte in die Ecke. »Mir so ein Schnupftuch in die Visage zu stemmen! Den Priemgeschmack werde ich vor vier Wochen nicht wieder los. Brrrr …« und wieder sauste eine Ladung in die Ecke. »Also, Hannes, ich seh' schon, du bist neugierig. Die Sache war ganz einfach: Mache gerade einen kleinen Ätherbummel, da tippt mir jemand auf die Schulter. Vor mir stehen zwei fremde Kerls. Ehe ich ›pip‹ sagen kann, knallt mir eine Faust zwischen die Augen.« Seufzend befühlte er die dicke Beule an der Stirn, die schon in allen Farben schillerte. »Ja, und dann wurde mir ein wenig blümerant zumute. Wie ich wieder zu mir komme, sitze ich gefesselt auf dem Sessel, und ein Kerl ist gerade dabei, mir die Taschen auszukramen. Das Geld hat er mir komischerweise gelassen, aber mein schöner, neuer Colt mit allen Reservemagazinen ist bei ihm kleben geblieben. Dann haben sie den Kurzwellensender entdeckt und sich riesig darüber gefreut. Und wie ich ein glubsches Gesicht machte, da hat mir der eine die Wangen gestreichelt und hat gesagt: ›Nun weine man nicht gleich, Kleiner, du kriegst ja zu Weihnachten einen neuen!‹ Nette Leute, das muß man sagen. Nach einer Weile kamen sie wieder und holten sich unsere Senderöhren und auch die Ersatzröhren dazu und packten alles in einen großen Karton mit allerhand Eisenklamotten. Wahrscheinlich haben sie den Karton über Bord geworfen. – So, das wäre alles, mehr weiß ich nicht.«

»Schöne Bescherung!« knurrte der Kapitän; »bin neugierig, was sich noch alles herausstellen wird.«

»Die Besatzung ist auf dem Vorderdeck angetreten«, meldete die Wache.

»Danke, komme sofort. – Und du, mein Junge«, wandte sich Ehlers an seinen Freund, »trink erst mal einen anständigen Kognak auf den Schrecken, und dem Frank gib auch einen, dem ist es nicht besser ergangen als dir!«

»Hast recht, Hannes, wird gemacht. Aber erst werde ich mir mal anständig die Zähne putzen und fünf Minuten lang gurgeln, damit ich den verdammten Priemgeschmack loswerde.« Er warf einen scheelen Blick auf das bewußte Schnupftuch, rieb sich seufzend die geschwollenen Fuß- und Handgelenke und humpelte mühsam zur Tür hinaus.

Nachdenklich trottete Mister Kelbin hinterdrein. Die ganze Angelegenheit erschien ihm sehr mysteriös. Seine Kombinationen waren glatt über den Haufen geworfen. Felsenfest war er der Überzeugung gewesen, daß die beiden Frauen sich mit ihrem Motorboot zur Insel geflüchtet hätten, und nun lagen sie beide, friedlich schlafend, im Bett. Ihr Motorboot war auch noch da. Dafür fehlte aber der Motorkutter der »Stella«, Waffen, Lebensmittel und Radiogerät waren gestohlen und der Sender unbrauchbar gemacht. Es war eigentlich kaum anzunehmen, daß die beiden Mädchen hierbei ihre Hand im Spiele hatten. Er fühlte, daß er völlig im Dunkeln tappte. Jedenfalls war es eine große Blamage, daß die unsichtbaren Feinde ungehindert die Jacht plündern konnten.

Langsam schlenderte er nach vorn, wo der Kapitän die Meldungen der Matrosen, die das Schiff durchsuchten, entgegennahm und eifrig in seinem Notizbuch notierte.

»Nun, Herr Kapitän, wie stehen die Aktien? Haben sie uns noch was zum Frühstück übriggelassen?«

»Keine Angst um Ihren Bauch!« knurrte der Kapitän. »Die Burschen haben ganz schön geräubert, aber alles haben sie doch nicht mitnehmen können. Also hören Sie zu: Es fehlen, soweit wir feststellen konnten, unsere Motorbarkasse, ein leichtes MG. mit 500 Schuß Munition, 12 Winchesterbüchsen und 9 Browningpistolen mit insgesamt 2000 Schuß Munition. Ferner: 2 Handscheinwerfer mit 30 kg Karbid, unsere Kurzwellenstation mit Antennenkabel ist durch das Fehlen der Röhren völlig unbrauchbar gemacht. An Lebensmitteln fehlen an 200 kg Brot und Konserven. Das wäre wohl alles.«

»Danke«, sagte Mister Kelbin, »mir reicht es. Die Kerls müssen das Boot bis zur Halskrause vollgeladen haben. Das können höchstens 5 bis 6 Mann gewesen sein, mehr haben mit der Ladung in dem kleinen Boot nicht Platz.«

»Das kann schon stimmen«, meinte der Kapitän nachdenklich. »Nun sagen Sie mir eins: Wer sind diese Leute, und was wollen sie?«

Mister Kelbin zuckte mit den Achseln. Gekommen sind die Kerls wahrscheinlich von der Insel, und zwar müssen sie rübergeschwommen sein. Der Posten erzählte mir, die beiden, die ihn überfallen hätten, seien ganz durchnäßt gewesen, und es hatte doch gerade erst angefangen zu regnen. Unbedingt sind uns diese Leute feindlich gesinnt, sonst hätten sie uns nicht heimtückisch bei Nacht und Nebel überfallen. Ich habe das dunkle Gefühl, als wenn wir noch mehr Überraschungen erleben werden. Aber wie dem auch sei, wir sind stark genug, um auch eine größere Übermacht erfolgreich abzuwehren. Freilich wird es einen schweren Kampf kosten. Wir müssen einen richtigen Schlachtplan entwerfen. Vor allen Dingen wollen wir erst mal die Decksbeleuchtung ausschalten. Es ist nicht nötig, daß wir uns als Zielscheiben für unsere gestohlenen Winchesterbüchsen hinstellen.«

Der Kapitän nickte zustimmend und schaltete die Decksbeleuchtung aus. Mit einem Schlage war die Jacht in tiefes Dunkel gehüllt; kaum konnten sich die beiden Männer gegenseitig erkennen.

Daran habe ich eben gar nicht gedacht. Meinen Sie, daß die Halunken sich drüben auf der Insel eingenistet haben?«

»Natürlich«, lachte der Dicke, »wo sollten sie sonst sein? Da … sehen Sie!«

Ein Licht blinkte drüben auf. Ein dünner, weißer Strahl tanzte suchend über das Wasser, übergoß die Jacht mit fahlem, silbrigem Lichte.

»Da haben Sie's. Sie haben unsere Handscheinwerfer in Betrieb genommen und lassen uns nicht aus den Augen … Mann! Sind Sie verrückt geworden!«

Der Kapitän hatte seinen Browning gezogen und zielte auf den Scheinwerfer. Mit einem Ruck drückte ihm Kelbin den Arm herunter. »Sie wissen ja gar nicht, ob nicht neben dem Scheinwerfer das Maschinengewehr postiert ist. Wenn die uns eine Lage um die Ohren knallen, werden wir durchlöchert wie ein Sieb. Die Entfernung beträgt höchstens 150 Meter, da schießen sie bestimmt nicht vorbei. Stecken Sie Ihre Kanone schleunigst wieder ein! Ich mache Ihnen folgenden Vorschlag: Zünden Sie Ihre Positionslampen wieder an, damit die Kerls drüben ihren Scheinwerfer wieder ausmachen. Sie wollen anscheinend bloß wissen, ob wir unsern Ankerplatz verlassen.«

Wenige Augenblicke später, nachdem die rote und die grüne Lampe wieder aufgeflammt waren, erlosch drüben der Scheinwerfer. »Sehen Sie, dacht' ich's doch!« meinte der Dicke befriedigt. Nun stellen Sie die gesamte Mannschaft als Wache auf Deck auf! Und dann kommen Sie, bitte, in die Kajüte, wir wollen dort gemeinsam unsere Maßnahmen festlegen.« –


Kurze Zeit später saßen sich die Männer in der Kapitänskajüte gegenüber. Nervös spielte der dicke Mister Kelbin an seiner Uhrkette, während der Kapitän mit übereinandergeschlagenen Beinen in seinem Sessel saß und gelassen an seiner Zigarette sog.

»Nun, Mister Kelbin, nun schießen Sie mal los! Da Sie ja hier das Oberkommando führen, erwarte ich Ihre Befehle.«

»Nicht doch, nicht doch«, wehrte der Dicke ab, »nur nicht so förmlich, Käpt'n! Wir müssen gemeinsam sehen, wie wir aus dieser Klemme rauskommen. Fassen wir in Kürze zusammen, was wir wissen und was wir vermuten: Die Leute, die uns heute nacht überfallen und beraubt haben, stehen uns feindlich gegenüber. Sie sind nun mit Waffen, Munition, Funkgerät und Lebensmitteln reichlich versehen. Wie groß die Bande drüben ist, wissen wir nicht. Jedenfalls sind es sehr gefährliche Gegner, was ihre zweifellos mit großem Schneid durchgeführte Überrumpelung zur Genüge bewiesen hat. Den Geschehnissen nach zu urteilen, müssen wir vermuten, daß die Bande mit dem, was sie erreicht hat, noch nicht zufrieden ist. Wahrscheinlich wollen sie sich der ›Stella‹ bemächtigen. Das läßt sich auch daraus ersehen, daß der Besitz des Kurzwellensenders ihnen sehr wertvoll zu sein scheint. Zweifelsohne werden sie damit versuchen, Verstärkung herbeizuholen. Dann wird unsere Lage brenzlig. Wenn wir etwas unternehmen, müssen wir es bald tun, ehe diese Verstärkung eingreifen kann. Ich vermute, daß sie versuchen werden, unsere ›Stella‹ am Auslaufen aus der Bucht zu hindern. Gelingt ihnen das, so haben sie halb gewonnen. Welche Mittel der Verteidigung oder eines eventuellen Angriffes sind uns gegeben, und welche strategischen Maßnahmen werden wir treffen?«

Sinnend blickte Kapitän Ehlers dem Rauch seiner Zigarette nach. Eine lange Zeit verging, ehe er, jedes Wort überlegend, antwortete.

Unsere Lage ist zweifellos ernst«, sagte er. »Wir sind auf uns selbst angewiesen, Hilfe haben wir nicht zu erwarten. Unsere Sendestation ist außer Betrieb gesetzt, wir sind von jeder Verbindung nach außen abgeschlossen. Die Frage, ob wir uns für einen Angriff oder für die Verteidigung entscheiden, ist leicht zu beantworten. Die Anzahl unserer Feinde ist uns vollkommen unbekannt. Wir selbst sind an Bord neun Männer, zwei Frauen. Wollten wir durch einen Angriff Aussicht auf Erfolg haben, so müßten wir geschlossen den Feind angreifen, und damit würde die ›Stella‹ mit den beiden Frauen im Falle eines Gegenangriffs der Feinde diesen schutzlos preisgegeben sein. Es bleibt uns also nur noch die Verteidigung übrig. Lebensmittel, Waffen und Munition haben wir genug. Unsere Aufgabe ist es zunächst, aus dieser Mausefalle von Bucht herauszukommen. In der Nacht ist dieses ein Ding der Unmöglichkeit. Der Zugang zu der Bucht ist so schmal, daß wir nur bei langsamster Fahrt und bei hellstem Tageslicht die Stelle passieren können. Dabei müssen wir auf eine Beschießung von Seiten der Banditen rechnen. Der Stahlrumpf unseres Schiffes ist stark genug, um die Gewehr- und Maschinengewehrkugeln abprallen zu lassen. Die Reling und die Brücke können wir mit den Sandsäcken, die wir als Ballast geladen haben, kugelsicher verbarrikadieren. Ist uns die Ausfahrt gelungen, so bleiben uns zwei Möglichkeiten: Entweder holen wir Hilfe herbei, oder wir versuchen auf eigene Faust, den Gegner am Verlassen der Insel zu hindern und ihn zu überwältigen. Ich entscheide mich für das letztere. Wir umfahren die Insel, suchen jede Bucht ab und zerstören jedes Boot oder Schiff, das den Halunken zur Verfügung steht. Mit Hilfe unseres Schnellfeuergeschützes ist uns dies ohne weiteres möglich. Ebenso müssen wir möglichst schnell versuchen, den Kurzwellensender zu zerstören. Irgendwo werden wir ja die Antenne zu Gesicht bekommen. Und dann …« eine heiße Kampflust blitzte in seinen Augen auf, »dann sind sie in der Mausefalle. Wir können uns in aller Ruhe Verstärkung holen und das Nest ausnehmen. Und ich möchte wetten, daß sich dann noch vieles aufklären wird, was uns sehr am Herzen liegt und heute noch ein Rätsel ist.«

Mister Kelbin nickte zufrieden mit dem Kopf. »Nicht schlecht«, sagte er anerkennend, »Sie haben bestimmt etwas los.«

»Ja«, lachte Kapitän Ehlers, »gelernt ist gelernt. Ich habe schon so manchen Plan ausgeheckt und zur Durchführung gebracht. Das Pfeifen und Zwitschern der Kugeln ist mir nichts Neues. Ich freue mich, daß es für mich wieder etwas zu tun gibt. Das faule Leben hängt mir schon zum Halse heraus.«

»Na na«, beschwichtigte ihn der Dicke, »Sie werden bestimmt mehr Kugeln pfeifen hören, als Ihnen lieb ist! Die Burschen da drüben sind nicht dumm. So glatt, wie Sie es sich denken, wird die Sache nicht gehen. Da bleibt uns noch manche Nuß zu knacken übrig. Halten wir also fest: Morgen vormittag versuchen wir den Durchbruch; bis dahin verbarrikadieren wir uns so gut, wie wir können.«

Der Kapitän ging wieder an Deck, um die nötigen Anweisungen zu geben. Mister Kelbin kehrte in seine Kabine zurück und stellte mit Genugtuung fest, daß er des ›Doppeltkohlensauren‹ nicht mehr bedurfte. Der Schreck hatte das Beefsteak gut verdauen helfen. Der Rest der Nacht verlief ohne weitere Störung.


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