Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Siebentes Kapitel

»… und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute«, brummte Mister Kelbin und klappte mit hörbarem Knall das Buch zu. Bedächtig legte er es auf das Tischchen, öffnete die daneben stehende Zigarrenkiste und entnahm ihr eine duftende Virginia. Umständlich suchte er in seinen Westentaschen nach dem Zigarrenabschneider, doch er suchte ihn vergebens; wo hatte er doch gleich das vertrackte Ding gelassen? »Damned … na denn nicht!« Gleichmütig biß er die Spitze ab und spuckte sie in eine Ecke der Kajüte. Nachdem er die Zigarre in Brand gesetzt hatte, lehnte er sich behaglich in seinen Lehnstuhl zurück, legte seine Beine auf die Tischkante und sog genießerisch an seinem Krautstengel.

Wie er so dalag, der kleine, dicke Mister Kelbin, mit den gefalteten Händen über dem kugelrunden Bäuchlein, dem fettigen, runden Gesicht mit dem kleinen rötlichblonden Spitzbart, einer dicken Knollennase unter den kleinen, wasserblauen Augen und der hohen Stirn, die sich bereits bis zum Nacken ausdehnte, hätte man ihn wohl für einen kleinbürgerlichen Familienpapa halten können, aber … weit gefehlt! Denn Mister Kelbin war Junggeselle, und zwar einer von der Sorte, denen das Gebot der ›Heiligen Schrift‹, »Du sollst den Feiertag heiligen!« das sympathischste von allen war. Er sorgte schon dafür, daß möglichst viele Tage im Jahre für ihn Feiertage wurden. Dabei war er bestimmt nicht dumm. War sein Interesse für irgend etwas erst erwacht, dann entwickelte er eine erstaunliche Lebendigkeit und, zäh wie Schweinsleder, ruhte er nicht eher, bis er es gelöst hatte, um dann ebenso schnell wieder in seinen phlegmatischen Zustand der Ruhe zu verfallen. Dann durfte man ihn nicht ärgern, sonst wurde er gehässig und nörgelte bei jeder rechten und unrechten Gelegenheit.

Augenblicklich fühlte er sich so wohl, und er hätte wohl noch stundenlang in seiner angenehmen Lage verharrt, wenn nicht plötzlich ein Umstand eingetreten wäre, der ihn aufhorchen ließ. Das dumpfe Pochen der Maschine, das nun schon tagelang in raschem Rhythmus die Fahrt des Schiffes begleitete, verstummte plötzlich. Unwillig brummend, zog er die Beine vom Tisch, erhob sich und schlürfte zum geöffneten Bullauge, wo er lauschend stehen blieb. Der laue Nachtwind strich über seine Stirn. Er horchte auf das Rauschen der Bugwelle, das schnell schwächer und schwächer wurde. Kein Zweifel! Die Maschinen hatten gestoppt, das Schiff lief seine Fahrt aus.

Was hatte das nun wieder zu bedeuten? Er fühlte sich in seiner Ruhe gestört, und das war ihm ärgerlich. Er zündete sich seine Zigarre, die ihm ausgegangen war, auf's neue an und schlenderte an Deck.

Es mochte um Mitternacht sein. Der Vollmond stand hoch am Himmel und ließ die hellen Aufbauten des Schiffes in seinem fahlen, silbrigen Licht aufleuchten. Die See war spiegelglatt. Die »Stella« lag ruhig und still, als läge sie vor Anker. Auf der Brücke entdeckte Mister Kelbin zwei dunkle Gestalten, die, auf die Reeling gestützt, schweigend in die Nacht starrten. Er steuerte auf sie zu:

»Guten Abend, meine Herren!«

Die beiden wandten sich um: »Guten Abend, Mister Kelbin. Was verschafft uns die Ehre Ihres Besuches zu mitternächtlicher Stunde?« Eine gewisse Ironie in den Worten des Sprechers war unverkennbar. Doch an Mister Kelbin prallte alles ab; er war eben, wie man so sagt, ein Klotz.

»Die Maschinen stehen, Herr Kapitän?« sagte er in fragendem Ton.

»Allerdings!«

»Und warum?«

»Nun, weil ich den Befehl dazu gegeben habe«, sagte Kapitän Ehlers ruhig.

Mister Kelbin schwieg. Er lehnte sich ebenfalls auf die Reeling und starrte mit wachsender Aufmerksamkeit in die Nacht hinaus. Eine lange Pause verging in tiefem Schweigen; dann sagte er mit ruhiger Stimme, ohne seinen Blick von dem Punkte, der ihn interessierte, abzuwenden:

»Kapitän Ehlers, auf diesem Schiff habe ich zu befehlen! Wenn Sie eine Anordnung von größerer Bedeutung treffen wollen, dann haben Sie mich davon in Kenntnis zu setzen, gegebenenfalls meine Genehmigung einzuholen. Warum haben Sie die Maschine stoppen lassen?«

Ehlers bekämpfte nur mühsam seinen wachsenden Zorn. Diese Art befehlen war ihm zuwider, dazu noch von einer Landratte, der er als eingefleischter Seemann prinzipiell die größte Verachtung entgegenbrachte. Aber er wußte auch, daß er diesem großmäuligen Tagedieb, wie er ihn insgeheim nannte, nur durch größte Ruhe und Gelassenheit imponieren konnte. »Wenn ich mich recht erinnere«, sagte er mit erkünstelter Ruhe, »lautete Ihre Order, in die Nähe der Midway-Inseln zu fahren und dort auf weitere Order zu warten. Diese Stelle haben wir nun erreicht; bleibt nur noch das Warten übrig. Wir können aber nur eins machen: entweder, wir fahren, oder wir warten. Es ist doch Unsinn, das teure Öl zum Schornstein hinauszujagen, nur um Ehrenrunden um die Inselgruppe zu fahren. Wenn wir die ›Stella‹ treiben lassen, kommen wir dem Befehl zu warten ebenso gut nach. Außerdem«, setzte er trocken hinzu, »kommen wir dadurch in die angenehme Lage, Körper und Geist durch wohlverdiente Ruhe zu kräftigen, wie Sie, Mister Kelbin, in vorbildlichster Art und Weise zu tun pflegen!«

»Sie haben recht«, griente der Dicke, »Sie haben wirklich recht. Mir ist es sehr angenehm, daß ich nicht durch den ewigen Maschinenlärm in meiner Ruhe gestört werde. Dennoch glaube ich, daß ich sehr bald das Stampfen der Maschine hören werde; es sei denn, daß Ihre übermüdeten Augen jenen treibenden Gegenstand dort hinten, den meine ›wohlausgeruhten‹ Augen dort bereits seit einigen Minuten als ein treibendes Boot erkannt haben, nicht sehen sollten … Guten Abend, meine Herren!« Leise vor sich hinpfeifend, begab er sich, ohne sich nochmals umzusehen, in seine Kajüte zurück.

Verblüfft drehte sich der Kapitän um und starrte in die angedeutete Richtung. Seine scharfen Augen erblickten nach einigem Suchen in einigen hundert Metern Entfernung einen langen, dunklen Gegenstand auf dem Wasser, der unbeweglich auf der Stelle lag.

»Donnerwetter!« entfuhr es ihm, »das ist wirklich ein Boot, und die verdammte Landratte hat es zuerst gesehen. Siehst du es, Kenny, dort … zwo Strich Steuerbord voraus?«

Der Angeredete nickte: »Tatsächlich! Der Kahn scheint still zu liegen. Ob da Menschen an Bord sind? … die müßten eigentlich unsere Lichter schon längst bemerkt haben.«

Kapitän Ehlers ließ ein zweifelndes Knurren hören. Angestrengt beobachtete er durch sein Nachtglas den mysteriösen Schatten. Nach einer Weile setzte er achselzuckend das Glas ab. »An Bord ist niemand zu entdecken. Ich werde mal rüberrufen; vielleicht ist doch jemand drüben.« Er holte tief Luft, legte die Hände trichterförmig an den Mund und trompetete los:

»Boot ahoi!«

Alles blieb still; eine Weile lauschten beide atemlos, dann versuchte es der Kapitän ein zweitesmal:

»Boot ahoiii!« Langgezogen tönte der Ruf über das Wasser. Wiederum vergeblich! Still und ruhig lag die dunkle Silhouette des Bootes auf dem Wasser.

»Da stimmt etwas nicht«, meinte Kenny nachdenklich. »Ich schlage vor, wir sehen uns den Kahn von nah an: was meinst du, Hannes?«

Der Kapitän beugte sich über das Sprachrohr: »Maschine anwerfen!« Ein dumpfes Poltern und Stampfen, dann erzitterte der schlanke Schiffsleib unter dem rhythmischen Pochen der schweren Schiffsmaschine. »Wenig Fahrt voraus!« tönte es durch das Sprachrohr. Langsam kam die »Stella« in Fahrt. »Ruder zwo Strich Steuerbord!« Wirbelnd ließ Kenny das Ruder durch seine Hände laufen. Langsam schwenkte der Horizont herum. Vorsichtig schob sich das Motorschiff auf das Boot zu. Ein lautes Zischen und Spritzen. Der Kapitän stand am Scheinwerfer und stellte an den Handrädern. Die Bogenlampe flammte auf. Ein blendender Strahlenkegel tanzte über das Wasser, tauchte das Boot in plötzliche Helligkeit. Mit geringer Fahrt strebte die »Stella« darauf zu. Vorn am Bug drängten sich die Matrosen zusammen und harrten gespannt der Dinge, die da kommen sollten. In wenigen Minuten war die kurze Entfernung zurückgelegt. Bald war die »Stella« so nahe, daß man von dem hohen Vorschiff aus auf den Boden des Bootes hinabsehen konnte. Lang auf dem Boden ausgestreckt, lag eine menschliche Gestalt, die bei jeder Bewegung des Bootes von dem reichlich übergekommenen Spritzwasser überflutet wurde.

»Bei Gott«, rief der Kapitän überrascht, »eine Frau … wahrhaftig! Sie muß tot sein, sie liegt ja halb im Wasser«, setzte er voll Mitgefühl hinzu.

»Maschine stop! … Ruder hart Backbord!« Die »Stella« verlangsamte rasch ihre Fahrt, drehte ein wenig nach Backbord. Das Boot glitt an der Steuerbordseite entlang und stieß hart an dem inzwischen heruntergelassenen Fallreep an. In wenigen Sätzen eilte der Kapitän die Stiegen hinab und sprang in das Boot. Schnell machte er es am Fallreep fest und hob den leblosen Frauenkörper aus dem Wasser. Wie leicht die zierliche Gestalt war und gar nicht steif, wie er erwartet hatte. Ob doch noch Leben in ihr war? Er legte sie auf die Ducht des Bootes und faßte ihren leblos herunterhängenden Arm, um den Puls zu fühlen. Aber er war zu erregt; er fühlte nur das eigene Hämmern und Pochen des Blutes in seinen Fingerspitzen. Da beugte er sich über sie, legte seine wetterharte, braungebrannte Wange an ihren Mund und hielt den Atem an. Ein leichter, warmer Hauch strich über sein Gesicht; ein freudiger Schreck durchzuckte ihn:

»Sie lebt!«

Behutsam nahm er sie auf seinen Arm und kletterte das Fallreep empor. Hilfreich streckten sich ihm die Arme entgegen. Er wehrte ab: »Laßt nur, ich trage sie schon allein in die Kajüte … komm, Kenny, mach mir die Tür zum Damensalon auf!« Er wartete, bis Kenny die Tür geöffnet und das Licht eingeschaltet hatte, dann trat er ein und legte seine leichte Bürde auf das Bett nieder.

Kenny machte ein erstauntes Gesicht, als sein Freund, ohne zu zögern, die nasse, triefende Gestalt auf die seidene Daunendecke legte. Der schien es nicht zu bemerken. Mitleidig betrachtete er das blasse, abgehärmte Gesichtchen, den kleinen, blassen Mund, die langen, dunklen Wimpern der geschlossenen Augen. In langen Wellen ringelte sich das nasse, kastanienbraune Haar über seine Hand, als er ihren Kopf sanft in die Kissen zurückgleiten ließ. Wie schön sie war, und beinahe noch ein Kind! Er wandte sich um:

»Kenny, hol' Wasser und Kognak … und dann wecke Fräulein Marion!« rief er ihm nach, als jener davonsauste, um das Verlangte zu holen. Bald war er wieder zurück. Der Kapitän füllte etwas Wasser in das Glas, richtete den Kopf der Bewußtlosen empor und flößte ihr einen kleinen Schluck ein. Gespannt warteten die beiden Männer auf das Ergebnis. Die Flüssigkeit rieselte die Mundwinkel hinab, es sah aus, als ob sie weinte. Die Lippen zitterten, dann machte der Mund die Bewegung des Schluckens. Vorsichtig goß Ehlers noch einen kleinen Schluck nach … auch dieser wurde willig aufgenommen; aber die Augen blieben geschlossen. Kraftlos ruhte ihr Kopf an seiner Brust. Kenny vermischte den übriggebliebenen Rest des Wassers mit Kognak und reichte das Glas dem Freunde. Schluck auf Schluck trank die zum Leben Erwachende, die Hände zuckten, griffen in die Luft, als suchten sie einen Halt; die Augenlider zitterten, dann öffneten sie sich zögernd. Ein paar große, blaue Kinderaugen blickten erstaunt um sich, blieben auf dem sonnenverbrannten Gesicht des Kapitäns haften. Mit einem verwirrten, geistesabwesenden Ausdruck betrachtete sie das ihr völlig fremde Gesicht. Der Mund öffnete sich, als wollte er etwas sagen, aber die Schwäche war noch zu groß. Die Augen schlössen sich wieder, mit einem tiefen Seufzer sank sie wieder in die Kissen zurück.


Es war ein langer, schwerer Traum, den die kleine Christel träumte, als ihr Sein Tag und Nacht auf der scharfen Kante zwischen Tod und Leben schwebte. Je nachdem, ob das Leben siegreich vordrang oder der Tod seine kalten, dunklen Arme um sein Opfer schlang, kreisten die abenteuerlichsten Phantasiegebilde in ihrem Gehirn durcheinander. Aber die Gedanken, von keiner skeptischen Überlegung gehemmt, konnten sich zügellos entfalten und übermittelten ihre Eindrücke mit übertriebener Deutlichkeit. Die schönen, heiteren Bilder wurden inniger, seelenvoller durchkostet, die dunklen, schweren Schatten der Träume wurden angstvoller, grauenhafter. Und diese Bilder gingen pausenlos ineinander über. Die schönsten, lieblichsten Szenen wechselten ab mit den Bildern wahnwitzigen Grauens.

Manchmal kamen auch lichtere Momente dazwischen; dann hatte sie die Empfindung, daß sie noch lebte, daß sie noch da war. Sie glaubte Stimmen zu hören: eine helle, klingende Männerstimme, dazwischen die weiche, dunkle, etwas fremdartig klingende Stimme einer Frau. Aber sie war zu schwach, die Augen zu öffnen. Die Stimmen klangen immer entfernter, und sie versank wieder in den alten Zustand zwischen Schlafen und Träumen.

Allmählich wurden ihre Träume seltener; das Fieber ging zurück, ihre Kräfte und damit auch das Bewußtsein kehrten wieder. Eines Nachts wachte sie auf. Der Kopf schmerzte, und die Glieder waren schwer wie Blei. Zögernd öffnete sie die Augen. Ein ungewisses Dämmerlicht umgab sie. Von der Seite her kam ein grünliches, gedämpftes Licht. Mühsam versuchte sie, ihre Gedanken zu ordnen. Wo war sie, und wie kam sie hierher? … Ihre Hände griffen und tasteten umher; sie fühlte, wie sie in feine, weiche Kissen versanken. Eine weiche, seidene Daunendecke hüllte sie ein. Kein Zweifel, sie lag in einem Bett. Mit größter Anstrengung richtete sie sich auf und drehte ihren Kopf zur Seite. Ein seltsamer Anblick bot sich ihr dar: Sie lag in einem großen zweischläfrigen Bett. Dicht neben ihr lag, von einer leichten Decke eingehüllt, eine Frau und schlief. Sie mochte etwas älter sein als sie selbst. Schwarzes, lockiges Haar umrahmte ein schmales, dunkelhäutiges Gesicht; die geschlossenen Augen waren von langen, schwarzen Wimpern umrandet. Der volle, rote Mund war halb geöffnet, schneeweiß wie Perlen schimmerten die Zähne hervor. Ruhig atmend lag die exotische Schöne in tiefem Schlummer da.

Erstaunt und verwirrt betrachtete sie Christel. Doch war die ungewohnte Anstrengung des Aufrichtens zu viel für sie gewesen; ein Schwindel ergriff sie, und bewußtlos sank sie in die Kissen zurück. –

Es war ein heller Tag, als sie wieder erwachte. Durch die geöffneten Fenster der Kabine drang helles Sonnenlicht und überflutete das Bett und die grünseidene Daunendecke mit hellem, goldigem Lichte. Sie legte ihre Hände auf die Stellen der Decke, die von der Sonne beschienen waren, und fühlte, wie die warmen, belebenden Strahlen in ihren Körper strömten.

Ein leichtes Geräusch von der Seite her ließ sie aufblicken. Sie hörte leichte Schritte, dann beugte sich eine zierliche, dunkelhäutige Frau über ihr Bett. Auf dem ersten Blick erkannte Christel in ihr die schöne Schläferin von heute nacht. Ein paar goldbraune Augen sahen sie prüfend an; dann verklärte ein freudiges Lächeln ihre Züge.

»Sie sind wach?« fragte sie mit tiefer, melodischer Stimme, »wie fühlen Sie sich?«

»Danke«, sagte Christel mit schwacher Stimme, »ich fühle mich einigermaßen wohl; aber …« ratlos irrten ihre Augen umher, »wo … wo bin ich?«

Die kleine, braune Frau legte lächelnd den Zeigefinger an den Mund: »Pst!« scherzte sie, »kranke Kinder dürfen nicht so viel fragen; die müssen erst hübsch gesund werden, … aber ich sehe schon«, fuhr sie fort, als sie den verängstigten Ausdruck im Gesicht der Kranken bemerkte, »ein bißchen muß ich Ihnen wohl doch erzählen. Also hören Sie hübsch zu, und wenn ich Ihnen alles erzählt habe, müssen Sie auch wieder recht brav sein und schlafen.«

Sie sprach zu ihr wie zu einem Kinde, und Christel nickte ganz ernsthaft mit dem Kopf.

»Zunächst muß ich mich Ihnen wohl vorstellen«, lächelte die Brünette, »ich heiße Marion. Heute sind es zehn Tage her, daß wir Sie bewußtlos in einem treibenden Boot aufgefunden haben. Es war nicht mehr viel Leben in Ihnen. Armes Kind, Sie haben wohl viel durchgemacht!« Zärtlich streichelte sie die Hände der Kranken, als sie bemerkte, wie zwei große, blinkende Perlen unter ihren geschlossenen Augen hervortraten.

»Wir haben Sie also gefunden und an Bord der ›Stella‹, so heißt unser Schiff, gebracht. Es sah recht bös' mit Ihnen aus, und so manches Mal haben wir gedacht, daß der Herrgott Sie uns wieder wegnehmen wollte. Wenn ich ›wir‹ sage, so meine ich auch noch den Käpt'n Ehlers; ein ganz famoser Junge, aber ein schlechter Kapitän.« Marion lachte vergnügt auf. »Er hat es selten länger als fünf Minuten auf der Brücke ausgehalten. Fast die ganze Zeit über war er hier und hat Krankenschwester gespielt. Ein Wunder, daß er nicht schon wieder hier ist … Da ist er schon! ›Lupus in fabula‹!«

Leise hatte sich die Tür geöffnet; der Kapitän stand auf der Schwelle. Er machte einen langen Hals und reckte sich, um nach der Kranken zu sehen. Lachend winkte ihn Marion heran:

»Kommen Sie, Herr Ehlers, und sagen Sie unserer kleinen Patientin ›Guten Tag‹! Sie guckt, schon recht munter mit ihren blauen Äuglein in der Weltgeschichte herum. Darf ich vorstellen?« scherzte sie zeremoniell, »Herr Ehlers, Kapitän und ›Lieber Gott‹ auf diesem Kahn, – Fräulein …« sie zögerte und sah Christel an.

»Peters«, sagte diese, »Christel Peters.« Ungeniert streckte sie ihm die Hand entgegen, die dieser behutsam ergriff. Der große, blonde Mensch mit dem sonnenverbrannten Gesicht und den lachenden, graublauen Augen kam ihr merkwürdig bekannt vor. Gewiß hatte sie ihn zwischen ihren Fieberträumen öfter gesehen.

»Ich freue mich, daß es Ihnen schon besser geht«, sagte der Kapitän. »Hoffentlich werden Sie nun bald ganz gesund sein.«

»Ich werde mir Mühe geben«, versprach Christel ernsthaft … »O Gott!« unterbrach sie sich plötzlich und richtete sich erregt auf, »Smith und die andern, ich hab' sie ganz vergessen, ich …«

Mit sanfter Gewalt drückte Marion sie in die Kissen zurück. »Ruhig sein! Nicht so aufregen, Kindchen!« sagte sie beschwichtigend, »Sagen Sie uns mal ganz ruhig, was ist mit Smith und den andern?«

»Es sind meine Gefährten«, schluchzte Christel, »wir haben uns auf die Johnston-Insel gerettet. Sie müssen noch drüben sein, sie haben nur noch für 14 Tage Wasser und Lebensmittel bei sich … und ich hab' sie ganz vergessen!« Bittere Tränen rannen ihr über die Wangen.

Eine weiche, warme Frauenhand strich ihr über das Haar. »Nicht weinen, Kindchen«, sagte Marion tröstend, »Sie waren doch so krank, haben keinen klaren Gedanken gehabt, und dann bin ich vollkommen überzeugt, daß Kapitän Ehlers alles Weitere veranlassen wird, um Ihre Freunde zu bergen. Nicht wahr, Käpt'n?«

»Aber selbstverständlich!« sagte der Kapitän schnell. »Ich nehme sofort Kurs auf die Johnston-Insel. Unsere ›Stella‹ ist sehr schnell; in zwei Tagen können wir dort sein. Das verspreche ich Ihnen, und nun sind Sie wieder ganz ruhig, ja?«

Christel schluckte die Tränen herunter, und ein freudiges Lächeln spiegelte sich auf ihrem Gesicht wieder. »Ihr seid ja alle so gut zu mir«, sagte sie leise und schloß müde die Augen.

Es war, als ob das traute »Ihr« eine eigentümliche Wirkung auf die beiden Menschen ausübte. Einen Augenblick herrschte tiefes Schweigen im Raum; dann beugte sich Marion impulsiv über die Schlafende und küßte sie zärtlich auf ihre blassen Lippen. Ein sanfter Stoß in die Rippen brachte den blonden Riesen wieder zu sich:

»Raus!«

Auf Zehenspitzen schlich er hinaus und schloß leise die Tür hinter sich zu. –


 << zurück weiter >>