Karl Kraus
Glossen bis 1914
Karl Kraus

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Philippe Derblay ... Hr. Reimers

(Ein Zwischenfall im Burgtheater.) Im Burgtheater hat sich heute während der Vorstellung ein eigenartiger Zwischenfall abgespielt. Es wurde der »Hüttenbesitzer« gegeben, und der zweite Akt war dem Schlusse nahe, als einer der anwesenden Detektivs beobachtete, daß sich ein Herr in der Parterreloge Nr. 7 fast vollständig entkleidet hatte. Der Detektiv rief andere Beamte, den Gebäudeinspektor und schließlich den diensthabenden Theaterarzt herbei, die nun den seltsamen Logengast in unauffälliger und rücksichtsvollster Weise aus der Loge in das Inspektionszimmer brachten. Der entkleidete Herr leistete keinerlei Widerstand. Er machte den Eindruck eines Geistesgestörten ... Er war in Touristenkostüm, mit Wadenstrümpfen und Bergschuhen, gekleidet und hatte zuerst einen Parterresitz gehabt. Knapp vor Beginn der Vorstellung tauschte er den Sitz gegen eine ganze Parterreloge um. ... Als er nun im zweiten Akt sich langsam zu entkleiden begann, bemerkten dies in dem übrigens ziemlich schlecht besuchten Hause nur sehr wenig Personen. Erst seine Wegführung erregte einiges Aufsehen. ...

Der Mann muß gar nicht geistesgestört sein. Nach einem Bericht gab er, um den Grund seines Vorgehens befragt, die Antwort: »Es war ja so leer.« Die Abwesenheit von Menschen ist sonst nicht gerade ein zwingender Grund, sich auszukleiden. Der Anblick des Burgtheaterzuschauerraumes wirkt aber offenbar als unwiderstehlicher Zwang. Es geht einem ähnlich wie in einer der Grotten von Sorrent oder Capri: es wird ja doch niemand kommen, und man badet. Als eine Ovation für die Schauspieler kann eine Entkleidung nicht gut gedeutet werden, nur als die Benützung einer sich darbietenden Gelegenheit. Ob der Mann eine Freikarte gehabt hat, war nicht zu ermitteln. Die Wegführung dieses Zuschauers erregte natürlich einiges Aufsehen außerhalb des Theaters, weil ja doch die Straße beim Burgtheater von ein paar Leuten besucht wird. Man stelle sich nur den Rummel vor: die Türen werden aufgerissen, draußen ertönt das Gebrüll: Aus iiis ... ! und es strömt ein Zuschauer heraus, und der ist nackt.

Ganz recht haben sie, daß sie ein bißl ausspannen

Sehr dankenswert ist die Neuerung, die Schriftsteller zu fragen, wohin sie im Sommer gehen. Das ist mindestens so interessant, wie zu wissen, wo die Herren Reimers und Zeska sein werden.

Alexander Engel: Nach neunjähriger Anhänglichkeit für Strobl am Wolfgangsee wähle ich diesmal eine ganz andere Gegend: Marienlyst.
Dr. Egon Friedell: Ich mache zuerst eine kleine Vortragstournee und gehe sodann nach Talkirchen bei München zur Erholung.
Dr. Hans Müller: Einstweilen stecke ich noch so sehr in allerlei Arbeit, daß ich kein festes Programm für den Sommer mache. Ich möchte eine kleine Seereise ins Mittelmeer unternehmen, vielleicht auch nach Norden. Was dann – das wird sich später finden.
Siegfried Trebitsch: Vom 10. Juli bis zum 1. August werde ich zur Kur in Vulpera Tarasp sein, mehr weiß ich heute noch selber nicht, denn was sind Pläne, was sind Entwürfe, es kommt doch immer alles anders.
Fritz Telmann: Starnbergersee.
Karl Ettlinger (Karlchen): Meinen Urlaub verbringe ich dieses Jahr wieder in Wörishofen bei den »Wasseraposteln«, spaziere barfuß im Gras, strampele Wasser, lasse mich in der Hängematte von der Sonne bescheinen und schlage jeden tot, der das Wort »Literatur« ausspricht.
Felix Salten: Ich verbringe den heurigen Sommer in Unterach am Attersee.
Dr. Franz Servacs: Wo ich meinen Sommerurlaub verbringe? Das werde ich nicht verraten, denn ich lege den höchsten Wert darauf, »unauffindbar« zu sein.

Bei mir ist es natürlich wieder interessant, wohin ich nicht gehe. Ich gehe also nicht nach: Marienlyst, Talkirchen, ins Mittelmeer, nach Vulpera Tarasp, an den Starnberger See, nach Wörishofen und bestimmt nicht nach Unterach. Von der Sonne, die den Humoristen Ettlinger (Karlchen) bescheint, lasse ich mich keineswegs bescheinen. Und ob ich überhaupt irgendwohin gehe, hängt noch davon ab, daß ich erfahre, wohin der Servaes geht.

Der Schutzmann

Der Wiener Hofoperndirektor Gregor aus Berlin hat einem Berliner Interviewer aus Wien gesagt, daß er bis 1921 bleiben werde. Aber nicht genug daran:

Ich bin sogar fest überzeugt davon, daß ich noch länger bleibe. Unter meinen Vorgängern hat sich Jahn am längsten gehalten – so etwa fünfzehn oder sechzehn Jahre. I c h gedenke diesen Rekord zu schlagen.

Rekordsucht pflegt Titanic-Katastrophen herbeizuführen. Aber wenn sich die Wiener Hofbehörde solche Zuversicht gefallen läßt, dann ist diese gewiß berechtigt. Herr Gregor findet, daß die Wiener Oper das erste Institut der Welt sei. Und warum?

Ein Orchestermitglied kann zwei Jahre, ein Solosänger sechs Monate krank sein, ohne sich der Gefahr einer Kündigung auszusetzen.

Außerdem versichert Herr Gregor, daß er »nicht rechts und nicht links sehe«. Das ist gewiß vorsichtig von einem Theaterdirektor, weil er sonst leicht bemerken könnte, daß rechts und links kein Publikum sitzt. Herr Gregor versichert auch, daß er – nicht ohne last not least – in kein Kaffeehaus gehe. Das ist sein gutes Recht und es ist sehr anständig, daß er hinzusetzt »ohne den Wienern den Besuch des Kaffeehauses zu verleiden oder ihn den Wienern abgewöhnen zu wollen«. Von verleiden kann keine Rede sein, da Herr Gregor eben in kein Kaffeehaus kommt, und abgewöhnen könnte er es den Wienern doch auch nur vielleicht dann, wenn er ins Kaffeehaus ginge. So aber könnte es ihm keineswegs gelingen. Es ist eine eingewurzelte Wiener Sitte, die Leute, die in den Wiener Kaffeehäusern sitzen, sind wohl zumeist recht unangenehm, aber die Kellner verstehen immerhin etwas vom Theater und es ist gerade kein Gewinn, daß Herr Gregor ihren Verkehr meidet. Herr Gregor betont nachdrücklich, daß er »auf Ordnung halten« wolle. Das ist bekannt. Mit den Wienern, soweit sie sich das Kaffeehausleben nicht abgewöhnen lassen oder die Passion haben, auf der Straße herumzutorkeln, wird er keine besonderen Resultate erzielen. Aber er hat es sich ja auch nicht zur Aufgabe gemacht, das Chaos vor der Oper zu regeln, sondern er will, daß gerade jene Leute in Wien, von denen man eher Stimme als Ordnung verlangt, links, bitte links gehen. Er erklärt, daß Kopfweh kein Grund zur Absage sei. Es ist ja gewiß richtig, daß ein Sänger nur den Kehlkopf für seine Arbeit braucht, aber immerhin ist der Vergleich, zu dem sich Herr Gregor gereizt fühlt, hart genug:

Sie sind Journalist. Haben Sie noch nie Ihren schweren, verantwortungsvollen Beruf mit Kopfschmerzen, mit körperlichem Unbehagen erfüllt?

Gewiß geht es bei der Zeitung auch mit Kopfschmerzen, aber wenn der Journalist auch keine hat, das körperliche Unbehagen hat doch der Leser, besonders wenn er ein Interview mit Herrn Gregor liest. Der Hörer ist anspruchsvoller. Sonst findet Gregor noch die geographische Lage von Wien ungünstig, will aber dafür nicht verantwortlich sein. Hier Ordnung zu schaffen ist er nicht imstande. Es ist aber zu befürchten, daß er bis 1921 und darüber hinaus auch nicht imstande sein wird, Tenoristen und Balleteusen an Mannszucht zu gewöhnen. Es ist eben ein verzweifelter Ehrgeiz, die Ordnung in jenem einzigen Winkel des Wiener Lebens herstellen zu wollen, wo man sie nicht vermißt. Die Sänger und Tänzer hierzulande sind nicht laxer als die von Berlin. Herr Gregor vergeudet seine Kraft. Man braucht ihn vor der Oper. Er wird, selbst wenn ihm der angesagte Rekord gelingt, nichts erreichen. Dagegen erfordert es das Prinzip der Nibelungentreue, daß man endlich einen Wiener Schutzmann nach Berlin sendet. Auf die dortigen Opernverhältnisse würde er nicht Einfluß nehmen, aber binnen einer Woche muß es ihm gelingen, die Unordnung unter den Linden herzustellen.

Ein Vorurteil

Das Neue Wiener Tagblatt meldet:

Bei der vorgestrigen Wohltätigkeitsvorstellung auf der Residenzbühne bot Fräulein Käte Pasque, die als Lotte in Massenets »Werther« auftrat, durch treffliche Darstellung eine sehr gute Leistung. Die junge Künstlerin fiel durch ihre angenehmen Stimmittel auf.

Die Meldung ist richtig, nur daß es statt »vorgestrigen« »übermorgigen« heißen soll. Denn damals glaubte man noch, die Wohltätigkeitsvorstellung werde stattfinden. Aber sie wurde inhibiert, sie fand nicht statt, es wurde kein »Werter« gegeben, niemand bot eine Leistung und niemand fiel durch Stimmittel auf. Das macht aber nichts, wenn nur die Hauptsache richtig ist.

Erstens und zweitens

Amtlich wurde mitgeteilt:

»In der Nacht vom Samstag den 24. auf Sonntag den 25. d. hat der gewesene Oberst Redl durch Selbstmord geendet. Redl hat diese Tat vollführt, als man im Begriff war, ihn folgender schweren und außer Zweifel gestellten Verfehlungen zu überweisen:

  1. Homosexueller Verkehr, der ihn in finanzielle Schwierigkeiten brachte.
  2. Verkauf reservater dienstlicher Behelfe an Agenten einer fremden Macht.«

Wenn 1. schwerer wiegt als 2., dann ist nichts zu retten. Wenn aber 1. nur vorangeht, weil 2. folgen muß, dann verhindere man 2., indem man 1. straflos macht. Daß die von 1. Erpressung ist, rührt den Staat nicht. Wenn aber die Folge von Erpressung 2. ist und wenn man den Anschein erweckt, als wolle man Landesverrat mit unwiderstehlichem Zwang entschuldigen, dann bleibt zur Verhinderung des Landesverrats nichts übrig als die Homosexualität freizugeben. Falls man nicht etwa glaubt, daß ein homosexueller Offizier, der in Erpresserhänden ist, Selbstmord vor dem Landesverrat begehen müßte – was aber schon gar normwidrig wäre.

Heiteres aus ernster Zeit

»Er hat mit seinen Kameraden gegessen und getrunken, Salz und Brot mit ihnen geteilt ...«

Das wäre das Geringste!


»Das unselige Geschlecht der Ephialtes stirbt nicht aus, Herostratische und gewinnsüchtige Motive fördern immer wieder das Kainsdenkmal der Verräterrasse zutage.«

Ein schönes Krätzel ist da beisammen. Aber der Theaterplauderer, dem der Fall Redl zugewiesen wurde, hat jedenfalls das Kainsmal mit dem Kainzdenkmal, das ja auch bös genug ist, verwechselt.


»Oberst Redl lebte als junger Offizier behufs Erlernung der russischen Sprache längere Zeit im Kaukasus, wo er naturgemäß mit russischen Offizieren verkehrte.«


»Bestätigt sich dies, dann zeige es wohl die ganze Skrupellosigkeit dieses gefährlichen Spions, der neben seinen positiven Verbrechen auch ein Reihe schwerer Verfehlungen durch Passivität, durch laxes Verhalten auf dem Gewissen hat.«

Dieser Auffassung widerspricht am nächsten Tag Herr Salten:

»Der Arzt, der den tödlichen Keim empfängt, ist ein willenloses, ein ahnungsloses Opfer und ein wehrloses dazu. Der Oberst Redl jedoch war nicht willenlos, nicht ahnungslos, und er war kein Opfer. Ihm ist nichts geschehen, was er in unschuldiger Passivität hätte erleiden müssen. Er hat Handlungen begangen, zu denen sehr viel aktive Entschlossenheit gehört. Gegen Ansteckung hätte er sich wehren können. ... Er ist auch gar nicht von außen her infiziert worden.«


Sexualdemokratisches:

« ... Man sieht daran, die Homosexualität, die Erpressungen und die dadurch entstandene Zwangslage zum Staatsverrat sind dumme Ausflüchte, die kein Mensch glauben kann, selbst wenn sie Redl vor seinem Tode gebraucht hat, um seine Missetat zu beschönigen. Es ist gewiß, daß Redl auch gleichgeschlechtlichen Verkehr suchte; aber das war seine kostspielige Leidenschaft. – Die Blätter, die sich so stellten, als glaubten sie an die Homosexualität und daran, daß auch dieser unglücklichen Veranlagung das ganze Unglück entsprungen sei, strafen sich aber selbst Lügen, indem sie erzählen, daß Redl Beziehungen zu Frauen gehabt habe ... »


Vorher wurde nicht einmal die Spionage bemerkt, aber nachher:

»Wenn man die Wohnung betritt, bietet sich dem Beschauer sofort ein Moment, das
auf die Charaktereigentümlichkeiten Redls ein grelles Licht wirft. Die ganze Wohnung ist Rot in Rot gehalten, wohin man kommt, grelles Rot. ... Aber die Wohnungseinrichtung Redls gibt auch sonst Gelegenheit, seinen Charakter kennen zu lernen. Die vielen Kästen, die in der Wohnung standen, waren direkt vollgestopft mit Uniformen und der reichsten Zivilgarderobe, alles in feinster Qualität hergestellt, gestickte Servietten und Tischtücher wurden in großen Quantitäten vorgefunden. Daß Redl für diese seine Vorliebe große Summen auslegte oder schuldig blieb, beweist auch der Umstand, daß beim Bezirksgericht auf der Kleinseite die Klage einer Wäschefirma auf Zahlung eines Restbetrages von 278 K überreicht worden ist. ... Noch in der letzten Zeit hat sich Redl, wie bekannt geworden ist, bei einem in einem Prager Vorort wohnenden Regimentsarzt, der sich auch mit der Zahnpflege beschäftigt, acht goldene Brücken machen lassen ...«

An anderer Stelle soll gar gemeldet worden sein, daß er nicht weniger als zwei Dutzend Taschentücher besessen habe. Und alles entdeckt man erst jetzt!

»Was Redl verraten hat, bleibt ein Geheimnis

In Ehrerbietung

hat Frank Wedekind der Wiener Presse gedankt. Das macht nichts, ihm schadt's nicht und ihr nutzt's nicht. Sollte aber doch etwas Ehre haften geblieben sein, weil semper aliquid haeret – so bin ich ja doch auch da, und ich werd's schon wieder wegbringen.

Allgemeine Erwartung

... mit dieser ironischen Perspektive schließt die Komödie, in der sich trotz mancher Geschmacksentgleisung eine feine Lustspielbegabung verheißungsvoll offenbart. Sternheim geht auf die Wurzeln des Lustspiels zurück, die in früheren Jahrhunderten ruhen... . Die Komödie enthält in allen ihren Windungen sehr viel Geist; hätte sie außerdem Herz, was sie leider nicht hat, so wäre sie ein reizendes Lustspiel. Aber auch so wie sie ist, liegt sie auf dem Wege zum guten Lustspiel, das Sternheim vielleicht noch eines Tages schreiben wird.

Und Schnitzler, der uns bekanntlich vielleicht noch einmal das Lustspiel schenkt und von dem man es erwartet, ist gar nichts? Und Auernheimer, der es von ihm erwartet, und von dem man es auch erwartet, erwartet es von Sternheim? Von wem erwartet es Sternheim? Nun, es ist jedenfalls viel enttäuschungsloser und sicherer, wenn die Herren, anstatt uns das Lustspiel zu schenken, es erwarten.


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