Karl Kraus
Glossen bis 1914
Karl Kraus

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Angesichts

des folgenden Memorandums, das die Delegierten der außerordentlichen öffentlichen Professoren aller österreichischen Hochschulen dem Parlamente überreicht haben und das von den Worten:

Angesichts des Umstandes, daß die außerordentlichen öffentlichen Professoren an allen Hochschulen bisher – in Widerspruch zu den Besoldungsgrundsätzen, wie sie allgemein für den Staatsbeamtenorganismus gesetzlich festgelegt sind – insofern zurückgesetzt erscheinen, als sie nicht den Gehalt ihrer Rangsklasse (gegenwärtig der siebenten) beziehen, ein Zustand, der gleichermaßen dem Rechte wie der Billigkeit widerspricht; angesichts der weiteren Tatsache, daß auch für die außerordentlichen öffentlichen Professoren beim geltenden Rechtszustande der Kollegiengelderbezug wegfällt, der früher bis zu einem gewissen Grade eine Ausgleichung zwischen dem ihnen gesetzlich zuerkannten und dem ihnen nach ihrer Rangsklasse gebührenden Gehalt bewirkte; angesichts ferner der Entwicklung, die es dazu gebracht hat, daß das Extraordinariat aufgehört hat, durchweg ein Provisorium auszumachen, und sich für allzuviele auch dann zu einem Definitiv gewandelt hat, als für das von ihnen vertretene Fach Ordinariate systemisiert sind, um so mehr aber, wo dies nicht der Fall ist; angesichts des unleugbaren Umstandes, daß eine materiell mehr als bisher gesicherte Stellung die unerläßliche Voraussetzung für wissenschaftliche Arbeit, für die Lehre gleichermaßen wie für die Forschung bildet; angesichts schließlich der herrschenden Teuerungsverhältnisse, die in allen Staatsbeamtenkategorien das Streben nach Besserung ihrer materiellen Lage ausgelöst haben und natürlich um so mehr das Streben der außerordentlichen öffentlichen Professoren nach Zuerkennung der Bezüge gerechtfertigt erscheinen lassen, die ihnen nach ihrer Rangsklasse gebühren, fordern die Delegierten der außerordentlichen öffentlichen Professoren aller österreichischen Hochschulen eine Änderung des gegenwärtigen Rechtszustandes im folgenden Sinne: Die außerordentlichen öffentlichen Professoren aller Hochschulen stehen in der der Rangsklasse der Ordinarien nächstfolgenden Rangsklasse und beziehen nebst der systemmäßigen Aktivitätszulage den Stammgehalt ihrer Rangsklasse (beim gegenwärtigen Rechtszustande also 4800 K) und drei annähernd gleiche Quinquennalzulagen, die für sämtliche außerordentlichen öffentlichen Professoren, mag nun ihre Besoldung gleich von ihrer Ernennung an oder erst in einem späteren Zeitpunkt eingetreten sein, vom Ernennungstage an –

bis zum Ende dieses Satzes zu lesen bis jetzt nicht möglich war, so daß die weiter unten stehende Bitte um Einleitung der nötigen Schritte zur Verwirklichung obenstehender Wünsche möglicherweise unerfüllt geblieben ist, sowie angesichts des Umstandes, der ein Zustand ist, der gleichermaßen der Grammatik wie der Lebensfreude widerspricht; angesichts des Umstandes, daß beim geltenden Zustande alles wegfällt, was früher bis zu einem gewissen Grade eine Ausgleichung zwischen dem ihnen offiziell zuerkannten und dem ihnen nach ihrer Rangsklasse gebührenden Bildungsgrade bewirkte; angesichts ferner der Entwicklung, die es dazu gebracht hat, daß das schlechte Deutsch längst aufgehört hat, ein Provisorium auszumachen, und sich für allzuviele auch dann zu einem Definitivum gewandelt hat, als sie Hochschulprofessoren geworden sind, umso mehr aber, wo dies nicht der Fall ist; angesichts des unleugbaren Umstandes, daß eine grammatikalisch mehr als bisher gesicherte Stellung die unerläßliche Voraussetzung für wissenschaftliche Arbeit, für die Lehre gleichermaßen wie für die Forschung bildet; angesichts schließlich der herrschenden Teuerungsverhältnisse, die in allen Staatsbeamtenkategorien die Anschaffung einer deutschen Grammatik vor der Abfassung eines deutschen Memorandums unerschwinglich gemacht und natürlich umso mehr das Streben der außerordentlichen öffentlichen Professoren nach Zuerkennung eines Bildungsgrades, der ihnen nach ihrer Rangsklasse gebührt, erschwert haben, fordere ich für die Delegierten der außerordentlichen öffentlichen Professoren aller österreichischen Hochschulen eine Änderung des gegenwärtigen Zustandes im folgenden Sinne: Die außerordentlichen öffentlichen Professoren aller Hochschulen stehen auf der der außerordentlichen Bildungsstufe der öffentlichen Volksschulen aller Volksschulen nächstfolgenden Bildungsstufe und beziehen, mag nun ihre stilistische Unfähigkeit gleich von ihrer Ernennung an oder erst in einem späteren Zeitpunkt eingetreten sein, eine Quinquennalzulage zum Bezuge eines ordentlichen geheimen Unterrichts. Damit nämlich nicht angesichts dieser Umstände Zustände einreißen, die angehörs eines solchen Memorandums möglicherweise nicht zu der Einleitung der nötigen Schritte zur Verwirklichung obenstehender, aber sonst berechtigter Wünsche führen könnten, umso mehr aber, wo dies nicht der Fall ist!

Ein weitverbreitetes Mißverständnis

ist der Glaube an meine Feindseligkeit. »Sie zu überzeugen, versuche ich nicht. Aber ich darf trotzdem sagen, daß Sie mir in meinen Motiven und Absichten Unrecht tun.« Oder: »Ich gestehe, daß es mich kränkt, daß Sie mir mit solchem Übelwollen, ja mit solcher Feindseligkeit gegenüberstehen.« Welches Vorurteil! Ich stehe niemand in der Welt gegenüber und bin das Wohlwollen selbst. Ohne Ansehen der Person reagiere ich auf Geräusche, und interessiere mich nicht für die Richtung, aus der sie kommen. Wäre der Inhalt meiner Glossen Polemik, so müßte mich der Glaube, die Menge der Kleinen dezimieren zu können, ins Irrenhaus bringen. »Sie haben mich kürzlich zum Objekt Ihrer Satire genommen«, schreibt einer, streicht »genommen« und setzt dafür »gewählt«. Ich aber kann mit ruhigem Gewissen sagen, daß ich mir noch nie einen zum Objekt meiner Satire genommen oder gar gewählt habe. Hätte ich da etwas dreinzureden, so wäre ich nicht Satiriker und würde eine bessere Wahl treffen. Denn die Satire wählt, nimmt und kennt keine Objekte. Sie entsteht so, daß sie vor ihnen flieht und sie sich ihr aufdrängen. Die Würdigkeit der Objekte mag den Wert der Polemik bestimmen; aber Name oder Andeutung eines Kleinen, oder was irgend von ihm in einer Satire steht, ist Kunstelement. Wie ein Schneuzen, wie die Trompete eines Beiwagenkondukteurs oder wie sonst etwas, das ich mir nicht wähle; wie sonst ein Stoffliches, von dem ich den Stoff nicht wähle, sondern abziehe. Kann ich dafür, daß die Halluzinationen und Visionen leben und Namen haben und zuständig sind? Kann ich dafür, daß es den Münz wirklich gibt? Habe ich ihn nicht trotzdem erfunden? Wäre er Objekt, ich wählte anders. Erhebt er Anspruch, von der Satire beleidigt zu sein, beleidigt er die Satire. Außerhalb dieser mag er ein Dasein haben, aber keine Berechtigung . Der Leumund mag in Ordnung sein, kommt aber für die Satire nicht in Betracht. Motive und Absichten prüfe ich nicht. Die sind unbesehen gut oder schlecht. Nichts ist der Satire egaler. Die Polemik kann es als Einmischung in ihr Amt empfinden, wenn das Objekt sie zu überzeugen versucht, oder sie mag mit sich reden lassen wie ein Amt. Der Satire Vorstellungen machen, heißt die Verdienste des Holzes gegen die Rücksichtslosigkeit des Feuers ins Treffen führen. Nun muß ja freilich der Brennstoff kein Verständnis für die Wärme haben und der Anlaß mag sich so weit überschätzen, daß er sich durch die Kunst beleidigt fühle. Aber das Verhältnis der Satire zur Gerechtigkeit ist so: Von wem man sagen kann, daß er einem Einfall eine Einsicht geopfert habe, dessen Gesinnung war so schlecht wie der Witz. Der Publizist Ist ein Lump, wenn er über den Sachverhalt hinaus witzig ist. Er steht einem Objekt gegenüber, und wenn dieses der polemischen Behandlung noch so unwürdig war, er ist des Objektes unwürdiger. Der Satiriker kann nie etwas Höheres einem Witz opfern; denn sein Witz ist immer höher als das was er opfert. Auf die Meinung reduziert, kann sein Witz Unrecht tun; der Gedanke hat immer Recht. Er stellt schon die Dinge und Menschen so ein, daß keinem ein Unrecht geschieht. Er richtet die Welt ein, wie der Bittere den verdorbenen Magen: er hat nichts gegen das Organ. So ist die Satire fern aller Feindseligkeit und bedeutet ein Wohlwollen für eine ideale Gesamtheit, zu der sie nicht gegen, aber durch die realen Einzelnen durchdringt. Das Lamentieren ist unnütz und ungerecht. Die sich beleidigt fühlen, unterschätzen mich; sie halten sich für meine Objekte, und da fühle ich mich beleidigt.

Wahrung berechtigter Interessen

Aus Leitmeritz, 27. d., wird uns berichtet: Heute stand vor dem hiesigen Geschworenengerichte der Fabriksarbeiter Wenzel Proksch in Tetschen unter der Anklage, am 29. Oktober in Tetschen im öffentlichen Haus des Markus Bloch die Prostituierte Marie Ungermann in mörderischer Absicht gerötet zu haben. Am 29. Oktober abends kam in das Haus des Markus Bloch in Tetschen ein junger Mann, der mit der Prostituierten Ungermann auf deren Zimmer ging. Kurz darauf ertönte aus dem Zimmer die elektrische Klingel. Die Wirtschafterin Wendel eilte zur Zimmertür und hörte ein Stöhnen. Gleich darauf stürzte ein junger Mann aus dem Zimmer, dessen Tür offen stand. Sie drehte das elektrische Licht auf und sah nun vor dem Sofa die Ungermann in einer Blutlache liegen. Die herbeigerufenen Ärzte konnten nur den bereits eingetretenen Tod des Mädchens konstatieren. Trotz eifriger Recherchen gelang es in den ersten Tagen nach der Tat nicht, des Täters habhaft zu werden. Am 1. November stellte er sich jedoch selbst dein Gerichte. Der Täter Wenzel Proksch gab vor dem Untersuchungsrichter an, er sei am 28. Oktober abends bei der Ungermann gewesen und habe ihr zwei Kronen gegeben. Am nächsten Morgen hätten ihm seine Eltern das leere Portemonnaie gezeigt, wodurch er zur Überzeugung gelangt sei, daß ihm die Ungermann vier Kronen genommen habe. Im Arger über den Verlust des Geldes faßte er den Entschluß, sich an der Prostituierten zu rächen. Er nahm ein Küchenmesser, steckte es in die Rocktasche und ging in das Haus und wartete auf das Mädchen. Als sie herauskam, habe sie ihn aufgefordert, mit in ihr Zimmer zu gehen. Er sei sofort mit ihr gegangen, um sie zu töten. Die Prostituierte habe die Tür des Zimmers verriegelt, Licht gemacht und wollte sich entkleiden, wobei sie ihm mit dem Rücken zugekehrt war. In diesem Augenblick habe er ihr einen Stich in den Rücken versetzt und dann noch mehrere Stiche gegen sie geführt, bis sie zusammengestürzt sei. Während er sie mit dem Messer bearbeitete, sei jemand zur Tür gekommen, weshalb er auf Flucht und Rettung bedacht gewesen sei. Er habe das Messer weggeworfen, das Licht verlöscht, die Tür aufgerissen und sei geflohen. Er sei nach Hause gelaufen, habe sich in der Waschküche die blutigen Hände gewaschen, den blutigen Rock habe er in den Schrank gehängt und Tags darauf, als er allein daheim war, gewaschen und gebügelt. Da ihm sein Gewissen keine Ruhe gelassen, habe er am 30. Oktober mittags seinen Eltern alles mitgeteilt, einen Revolver gekauft, sei auf den Friedhof gegangen, habe aber nicht den Mut gefunden, sich zu erschießen. Über Anraten seiner Eltern habe er sich dem Gerichte gestellt. – Die Sachverständigen erklärten in einer zweistündigen Darlegung Proksch für geistig gesund. Den Geschworenen wurden zwei Hauptfragen vorgelegt. Die erste auf gemeinen Mord wurde mit neun Stimmen verneint, die zweite wegen Übertretung des unbefugten Waffentragens wurde mit zehn Stimmen verneint. Auf Grund dieses Verdiktes wurde Proksch freigesprochen.

Urteilsbegründung: A Hur war's

Und nie, solange diese Welt lebt, wird die Urteilsbegründung anders lauten ... Mit Messern in den Rücken – no ja, bei dem Lebenswandel Herr Obmann, sagen S' is des a Wunder? San mer froh, daß mer keine Menscher nicht sein, wos? Hehe! Aber was unsereiner riskiert! Wenn im Börsel nacher vier Kranln fehlen, wann man von so einer kommt Herr Nachbar, das spürt man am eignen Leib, das kann jedem von uns passieren. Wär net schlecht. Daß das überhaupt geduldet wird, wo es doch im Gesetzbuchö oosdrücklich steht, wer Schanddirnen beherberget. Neen, da verneene ich die Schuldfragee ... Und wegen Betrugs war die Ungermann nicht mehr zu fassen. Das Urteil ist ein ethisches Bekenntnis. Der Mord wird nicht bestraft, sondern belobt, denn ausdrücklich wird anerkannt, daß auch die Übertretung des Waffenpatents gegen eine Prostituierte erlaubt ist. Ein Fall der Notwehr. Hätte der Bursch einen Stein gegen einen Wachmann geworfen, unter einem Jahr wär's nicht abgegangen. Unter sieben nicht, wenn er einen Justizminister verfehlt hätte. Der hungrige Altersgenosse, der einer Frau die Handtasche zu entreißen versucht hat, bekam lebenslänglichen Kerker. Die höhere Instanz machte zwölf Jahre draus; die Tuberkulose vier. Der Delinquent ist tot und sein Richter hat einen schlechten Schlaf. Das Tier, das eine Frau, nicht zur Lust, aber so oft in den Rücken stach, als ihm Kronen in der Tasche fehlten, wird frei herum gehen. A Hur war's, Leitmeritz ist eine deutsche Stadt, die Sprachenfrage ist wichtig, die Justiz ist eine Institution, das Schwurgericht ist ein Korrektiv, und die Lage der Deutschen in Österreich ist kein Messer in den Rücken wert.

Endlich

»... jene Fußgeher, die von der Wache zeitunglesend auf der Fahrbahn betreten werden, sind von der neuen Verkehrsordnung mit Strafen bedroht.«

Ich habe nie ein Hehl daraus gemacht

daß Präservativ-Annoncen der einzige anständige, vernünftige und geschmackvolle Beitrag sind, den die Tagespresse jahraus jahrein aufzuweisen hat. Aber da sie selbst nicht dieser Ansicht ist und vorn gratis verleugnet, was sie hinten für Geld vertritt, so ist die, wie die Moral sagt, »gewisse« Annonce ein Bild der Widerwärtigkeit, verschärft in dem Falle, wo es als Schutzmarke einen Offizier aufweist, der sich, um die Sache schmackhafter zu machen, den Schnurrbart streicht. Dieses ist »Olla«. Ein Problem der sozialen Nützlichkeit vertieft sich in die maßlos häßliche Vorstellung, daß die Abonnenten der Neuen Freien Presse von der Empfehlung Gebrauch machen. Und tatsächlich steht in fetten Lettern zu lesen:

10 000 Stück »Olla«! Gratis! Um »Olla« allen intelligenten Schichten des P. T. Publikums zugänglich zu machen und die Konsumenten zu überzeugen ... von keiner einzigen anderen Marke auch nur annähernd erreicht ... haben wir uns entschlossen, an jeden Interessenten, der seine volle Adresse (Name und Beruf) angibt, ein Stück gratis und franko abzugeben ...

Die Plastik dieser Vorstellung ist atemberaubend. Alle sehen sie jetzt so aus, als ob sie bezogen hätten, die Herren auf dem Korso, im Parkett und überall wo Lebensfreude ist. Dazu tritt die Gewißheit, daß die Firma, wenn sie noch etwas mehr Geld springen läßt, die namentliche Anführung jedes der zehntausend entzückten Empfänger an jener Stelle, wo sie sonst kondolieren durften, durchsetzen kann. Denn vorne macht sich ja nur darum die Sittlichkeit breit, weil die Pachtung dieser Rubriken den Gummifirmen zu teuer käme. Aber es mag ihnen genügen, sich auch hinten den intelligenten Schichten des Publikums verständlich machen zu können und sie für den Verlust der Mona Lisa auf die passendste Art zu entschädigen ... Wenn sie so ihre Andacht verrichten – die einzige, deren sie noch fähig sind – in diesem einzigen Augenblick, wo ihre Intelligenz ausgeschaltet ist – in ihres Betts blutschänderischen Freuden, da, wo der Gummikönig sich zum Gebete kniet – ich wäre der Hamlet, kurzen Prozeß zu machen!

Der kleine Brockhaus

Wo wird die Mutter sein, die uns Erwachsenen die Stirn hält, wenn wir einmal die ganze Bildung von uns geben! Was mir dort im Leben widersteht, nehme ich in meinen Traum herüber, und da hatte ich kürzlich etwas Fieber und dachte, jetzt, ach, jetzt müßte ich den kleinen Brockhaus brechen. Ich befreie mich in diesen Übergängen vom Wissen zum Vergessen, wo Gottes Finger mir im Halse steckt, und sein Auge ist in jedem dieser Gesichter, die nachsehen kommen, ob wir schon schlafen: sie erstrahlen, wenn wir zu wissen aufhören, und erlöschen, wenn wir zu träumen beginnen. Eine Drucksorte war meiner Hand entsunken, auf der stand, daß der kleine Brockhaus 1911, Preis jedes Bandes 12 M., soeben erschienen sei. Wie nun noch aufhören, zu wissen? Die Bildung besteht aus 2100 Textseiten, 80 000 Stichwörtern, 168 Beilagen, 4500 Abbildungen, 128 Tafeln, 431 Land- und Situationskarten, der Preis ist niedrig für das unermeßliche Kapital an Aufklärung, das der Erwerben gewinnt, elegant in Halbleder, Unterzeichneter bestellt hiermit, in monatlichen Raten, das Nichtgewünschte bitte zu durchstreichen. Wie groß ist doch die Welt, wenn sie nur bietet, was auf dieser Musterkarte Platz hat. Siehe, da war die Behrsche Einschienenbahn zwischen Listowel und Ballybunnion und die Statue des Augustus, die Reibungs-Elektrisiermaschine und Raphaels Papst Julius II., der Lastenzug für die deutschen Kolonien mit 40-50pferd. Spiritusmotor und das Kapitol in Washington, und alles andere. Mit einem Wort: der kleine Brockhaus ist »der Phönix unter allen Nachschlagewerken«. Und wer ihn auswendig gelernt hat, dem könnte kein besserer Satz gelingen, um ihn zu bezeichnen. Und alle brauchen ihn. »Der Beamte in seinem Büro oder am Schalter, der Gelehrte zwischen seinen Büchern, der Kaufmann an seinem Pult und im Verkehr mit der Kundschaft, der strebsame Angestellte hinter dem Ladentisch und das Fräulein an der Schreibmaschine, der Lehrer unter den fragenden Schülern, der Landwirt, der die Zeitung liest, und der Reisende, der sich nicht verblüffen lassen will, jedermann braucht den kleinen Brockhaus ...« Wie durch die hohle Gasse ziehen sie alle ihres Weges fort an ihr Geschäft und meines ist der Mord. Aber sind sie nicht alle ein- und derselbe? Verschmelzen sie nicht zwischen Büro und Zeitung zu dem einzigen Typus, der nachschlägt, weil er sich nicht verblüffen lassen will, und der verblüfft, weil er nachschlagen kann? Oh, wie schlecht ist mir von all dem. Ein Phönix! Ich lasse mich nicht verblüffen, ich schlage nach, das ist der Sonnenvogel, ein fabelhafter ägyptischer Wundervogel, der 500 Jahre leben, dann auf einem von ihm selbst bereiteten Lager sich verbrennen und aus seiner Asche verjüngt wieder ... »Daher ist sein Platz an der Seite jedes arbeitsamen Menschen, der den Anforderungen seines Berufes gerecht werden will und kein beschämenderes Wort kennt als das Eingeständnis: Das weiß ich nicht.« – Ich schäme mich zu schlafen, seitdem ich diesen Satz gelesen habe. Denn sie fangen jetzt an, schon zu wissen, wie man zu träumen hat. Und es gibt nicht Nacht mehr und Nebel, nicht Schleier noch Schatten. Und ich schäme mich zu sterben, seitdem ich diesen Satz gelesen habe. Denn ein Reisender, der sich nicht verblüffen lassen will, wird sich über mich neigen und mir die Augen schließen

Jene elegant gekleidete Dame

die in der Sylvesternacht »an der Ecke der Kärntnerpassage ein lebendes Glücksschweinchen, das seinen Neujahrsgruß durch Quieken ausdrückte, aus dem Fenster gehalten und grüßend geschwenkt hat«, die möchte ich, so abgeschlossen ich lebe, doch noch kennen lernen!

Kokoschka und der andere

Der deutsche Kunstverstand wird jetzt, wie sichs gebührt, von einem hineingelegt, der das Talent hat, sich mit dem Blute eines Genies die Finger zu bemalen. Das ist immer so. Hier hockt eine Persönlichkeit, und draußen bildet sich sofort die Konjunktur, die der andere ausnützt, der laufen kann: die Cassirer der Kunst können es nicht erwarten, dem unrechten Mann die Quittung auszustellen. Das Talent weiß, daß es durch eben das anzieht, wodurch das Genie abstößt. Dieses ist der Schwindler, jenem glaubt man's. Und es versteht sich fast von selbst, daß über einen, der nicht Hand und Fuß hat, aber gestikulieren und laufen kann, eine Monographie geschrieben wird, in der der Satz steht: »Die farbige Ausdeutung der Erscheinung ist von erlauchter Nachdenklichkeit.« Das war immer so. Den Künstler beirrt es nicht und darf es nicht kränken, daß von eben dem Haß und dem Unverstand, der seines Wertes Spur verrät, der Nachmacher sich bezahlt macht. Aber freuen darf es ihn, daß Else Lasker-Schüler – der man auch noch lange die vielen vorziehen wird, die's von ihr haben werden – den folgenden Brief, an den andern, veröffentlicht hat:

»Ihre ostentative Kleidung hat mir Freude gemacht dem eingefleischten Publikum gegenüber. Es lag nicht nur Mut, auch Geschmack darin. Ich ging doppelt gerne mit Ihnen nach München in Ihre Bilderausstellung, aber es hingen nicht Ihre Bilder an den Wänden, sondern lauter Oskar Kokoschkas. Und da mußten Sie gerade mich mitnehmen, die Ihr Original kennt. Hielten Sie mich für so kritiklos – oder gehören Sie zu den Menschen, die Worte, Gebärden des Zweiten anzunehmen pflegen, darin sie verliebt sind? Sie sind, nehme ich an, in Kokoschka verliebt und Ihre Bilder sind abgepflückte Werke, darum fehlt ihnen die Wurzel. Das Bild Heinrich Manns hat mir ausnehmend gefallen wie eine glänzende Kopie und ich sah in seinen Farben und Rhythmen außer dem Schriftsteller auch den Maler Oskar Kokoschka, nicht Sie ... Man kopiert doch ehrlich in den Museen die alten Meister und setzt nicht seinen Namen darunter. Kokoschka ist ein alter Meister, später geboren, ein furchtbares Wunder. Und ich kenne keine Rücksicht in Ewigkeitsdingen. Sie sollten auch pietätvoller der Zeit gegenüber sein ...«

Das sehe ich nicht ein. Die Zeit, die die Originale verschmäht, hat es nicht besser verdient, als von den Kopisten beschlafen zu werden. Ich verstehe wahrscheinlich von Malerei weniger als jeder einzelne von jenen, die das Zeug haben, sich von berufswegen täuschen zu lassen; aber von der Kunst sicher mehr als sie alle zusammen. Hier fühle ich, sehe, was geboren ist, und kenne meine Oppenheimer.


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