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Siebzehntes Kapitel.
Das Stadion im Grunewald.

Professor Langstein teilt unsere Ansicht. – Ein Spielplatz in Groß-Berlin. – Das einstige Tempelhofer Feld. – Kränzlein. – Der Baumeister des Stadions. – Die Turnerinnen bei der Eröffnung. – Aufruf an unsere Mädchen.


Am 10. März, dem Geburtstage der Königin Luise, sprach im Jahre 1914 Professor Leo Langstein, der ärztliche Leiter des Berliner Kaiserin-Augusta-Viktoria-Krankenhauses, das der Bekämpfung der Säuglingsterblichkeit im Deutschen Reiche dienen will, über »Fehler in der Ernährung und Pflege des Kindes«. Seine Ausführungen bewiesen erfreulich, daß die Richtung, die in diesem Buch genommen wird, an Boden gewinnt und eines, wenn vielleicht auch noch nicht nahen, Tages trotz allen Widerständen den Sieg über Aberglauben und böse Gewöhnung davontragen muß. Langstein nennt die künstliche Ernährung an sich »einen schwerwiegenden Eingriff in das Leben des Kindes«, so daß der Hauptteil der Säuglingsterblichkeit auf künstlich ernährte Kinder trifft, während Brustkinder von Krankheit so gut wie verschont bleiben. Künstliche Ernährung führt allzu leicht zur Überfütterung, hiermit zu Verdauungstörungen und Darmleiden, weil die Flasche nicht gleich der Mutterbrust auf den Säugling abgestimmt ist, sondern ihre Zahl unvernünftig vermehrt werden kann und vermehrt wird, weil zu viele Mütter dem Wahn huldigen, daß fette Kinder gesunde und starke Kinder seien. Der Brustsäugling ist meistens zierlich, doch fest in der Faser und setzt kein schwammiges Fettpolster an. Den zweiten großen Fehler in der Säuglingshaltung sieht Langstein darin, daß man die Kinder auch ohne Not fortwährend in dicke Hüllen packt und ihnen so die Gefahr der Wärmestauung zuzieht, ein Anlaß mehr für die große Säuglingsterblichkeit im heißen Sommer von 1911.

Leider setzen sich nach Langstein diese Fehler in das Spielalter der Kinder fort. Die Zwei- bis Sechsjährigen bekommen viel zu viel Eier und Fleisch; und während manche Eltern, die von Abhärtung gehört hatten, ihre Kleinen der unzweckmäßigsten Kaltwasserbehandlung mit Güssen, Duschen und Abreibungen unterwerfen, gönnen sie ihnen so selten wie möglich den Genuß frischer Luft und sperren die Kinderhaut von ihr ab. Aus welchen Gründen noch nicht ein Zehntel aller Schulanfänger als wirklich gesund zu bezeichnen sei.

Das Erfreuliche an dieser Aussage ist, daß endlich einmal, entgegen der landesüblichen Überschätzung der Sterblichkeitsziffer, die Gesundheit positiv genommen und nicht als bloßes Fernbleiben gewisser Krankheiten auf itis oder ia, sondern als biologische Tüchtigkeit verstanden wird. Die Voraussetzung für sie erblickt Langstein ganz wie Verfasser in der Gewöhnung an reizlose Kost, in größerer Hautfreiheit und in einer frühen Stärkung der gesamten Muskulatur durch richtig betriebene Spiele und schon im Spielalter einsetzende Gymnastik.

Hier muß man sich über jeden kleinen Fortschritt freuen, weil etwas Geringes immerhin unendlich viel mehr ist als gar nichts. Wären die großen Kommunen, die ja mit Volksbädern, alkoholfreien Erfrischungstätten und Lesehallen bisweilen für die Erwachsenen sorgen, nur erst so weit, sich auch der Jugend zu erbarmen! Um ein Beispiel von vielen zu nennen: die steuerkräftigste Gemeinde in der Umgebung Berlins hat für ihre Schüler und Schülerinnen einen geradezu kläglich zu nennenden »Spielplatz« dicht neben dem Stadtbahnkörper, auf einem noch nicht bebauten Viereck. Der Platz ist ganz ungepflegt, holprig, nach Regenwetter mit zähen Lachen, mit Staub an schönen Tagen bedeckt, ohne Schlauch zum Sprengen, ohne Walze, ohne jede Bequemlichkeit irgendwelcher Art. Die Kinder müssen ihre Tornister und Röcke auf den schmutzigen Boden legen, haben keinen Schutz vor plötzlichem Unwetter, können nicht austreten oder sich ordentlich waschen. Gleichwohl waren sie froh, außer dem kahlen Schulhaus wenigstens dieses Fleckchen als Tummelplatz ihr eigen nennen zu können. Aber es genügte, daß die Gemeinde einen Küchenmarkt brauchte, um für zwei Tage der Woche den Kindern diesen Platz zu mißgönnen, mit der Begründung, sie könnten ja auf die Schmargendorfer Wiese gehen, deren Bebauung doch ebenfalls nur eine Frage der Zeit ist. Ein beinahe gelungenes Seitenstück zu der Behandlung des berühmten »Tempelhofer Feldes«, von dem die Berliner Knaben und Mädchen, und diesmal zu Zehntausenden, fortgescheucht wurden, ohne daß die allermindeste Verpflichtung empfunden wurde, für einen auskömmlichen Ersatz zu sorgen. Vielmehr prunkte man damit, daß durch diese »Erschließung« zum Bauland das deutsche Nationalvermögen um 100 Millionen Mark zugenommen habe. Treffend wandte der Statistiker und Nationalökonom Kuczynski dagegen ein, es dürfte »Menschen geben, die der Ansicht sind, daß das Tempelhofer Feld früher, als es noch der Kräftigung der Jugend und der Ausbildung unserer Soldaten diente, keinen geringeren Wert hatte als heute, wo es in eine Steinwüste verwandelt wird, deren Bewohner zwar keine Tummelplätze haben werden, aber sicherlich ein Krankenhaus«.

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Indessen – eine Tat ist geschehen, dazu geeignet, eine Wendung einzuleiten; die Wendung zum Besseren. Innerhalb der Grunewaldrennbahn an der Döberitzer Heerstraße unweit vom Westende Berlins ist aus Reichsmitteln mit großen Kosten ein Stadion errichtet und im Juni 1913 eingeweiht worden, wo künftig die gymnastischen und sportlichen Wettkämpfe größerer Verbände stattfinden sollen. Die ganze gebildete Welt war hierauf gespannt, und alle führenden Nationen trafen schon fleißig Vorsorge, um nicht im Hintertreffen zu bleiben, als der Ausbruch des Krieges störend eingriff.

Zwar sagte der schon mehrfach erwähnte amerikanische Sportlehrer Kränzlein: »Ich glaube nicht, daß eine deutsche Hochschule so stark gebaute junge Leute aussuchen kann, wie sie uns für unsere Fußballmannschaften zur Verfügung stehen.« Aber er fügte hinzu: »Das Grunewaldstadion ist eine herrliche Anlage, der sich keine amerikanische an die Seite stellen kann. Weder Harvard, noch Syracuse, noch die Stadien der Westküste, soweit ich sie kenne, kommen da mit. Es wird eine Freude sein, an dieser Stätte zu arbeiten.« Eine großartige Schöpfung des unlängst verstorbenen Baumeisters March, ist es geräumiger noch als der berühmte Circus Maximus in Rom. Samt den mächtigen Sitzreihen, die es umringen und auf denen siebzehntausend Menschen Platz haben, während weitere dreizehntausend stehen können, hat es March in den Boden eingelassen, so daß die Zuschauer der Renntribünen darüber hinweg dem Pferderennen unbehindert mit den Blicken folgen können.

Und warum ist die bloße Tatsache seines Vorhandenseins allein schon hoffnungsvoll für die deutsche Frauenschönheit? Weil es gar nicht anders kann, als den Gedanken leiblicher Tüchtigkeit und der Verpflichtung zu ihr auch tief in die Reihen unserer jungen Mädchen hineinzutragen, die Schläfrigen aufzurütteln, die schon Tätigen anzufeuern, bis auch die Schulen und Gemeinden, die noch widerwillig sind, sich endlich bequemen, der Leibeszucht jene Beachtung zu schenken, die sie beanspruchen muß und die ihr bisher zum Schaden der Frauenschönheit versagt wurde. Als am 8. Juni 1913, zur Vorfeier des Kaiserjubiläums, das Stadion eröffnet wurde, als eine Gruppe von Turnern und Sportsleuten nach der andern bei der kaiserlichen Loge vorbeizog und die Banner sich senkten, da gab es in dieser Feierlichkeit ein heiteres Intermezzo. Das war, als unter jenen dreißigtausend Sportsleuten und Turnern auch ein paar hundert Turnerinnen in ihren schmucken kurzröckigen Kostümen einherkamen und zum Kaiserpaar grüßend ihre Arme hoben. Erst ging ein Schmunzeln wie ein Sonnenblitz über die gesamten dichtgefüllten Tribünen hin, dann brach ein donnernder Beifall los und wollte nicht enden.

Alle Männer fühlten, daß hier ein vielverheißender Anfang, der zu etwas führen mußte, gemacht war; alle freuten sich und sympathisierten mit ihm. Es gab keinen unter ihnen, der nicht von Herzen gewünscht hätte, daß hier durch heilsamen Wettbewerb der Beweis bald schon erbracht würde, wie bei Mann und Weib »Kräfte und Fähigkeiten gleich« seien.

Werden unsere Mädchen das in jenem Turnerinnenaufzug abgelegte Versprechen sich zu eigen machen und einlösen? Tafel XIX zeigt sie bei einem Erinnerungssportfest des Jahres 1916 im Grunewald-Stadion. Sie sind uns zumal für den Stafettenlauf über kurze Strecken, für Weit- und Stabhochsprung erwünscht. Denn wenn sie dergleichen überhaupt können, machen sie es geschickter, dem Auge gefälliger als die Männer. Werden ihre Freundinnen und Schwestern künftig zu den Vereinen strömen und auf Turnhallen, auf Übungsplätze dringen? Oder wird es sie gleichgültig lassen, von der Schwedin, die 1912 in Stockholm einen prächtigen, unter uns fast schon zur Fabel gewordenen Wuchs gezeigt haben soll, auch weiterhin in den Schatten gestellt zu werden?

Mögen sie an das Dichterwort gemahnt sein:

»Zu groß hat's angefangen, um so klein zu enden!«

Deutsche Frauenschönheit ist wie ein Strahl der Güte und des Segens vor zwei Jahrtausenden leuchtend in der Welt aufgetaucht; sie darf nicht erlöschen wie ein Nachtlicht; nicht kümmerlich zehren von dem, was ein vorzeitiges, angekränkeltes Träumen übrig läßt; nicht, wo sie noch aufblühen könnte, aus Mangel an Verständnis und Pflege zugrunde gehen. Darum auf! Hinaus ins Freie zum fröhlichen Wettkampf! Die Herzen empor, die Glieder gerührt! Es gilt zu zeigen, ob deutsche Mütter tatsächlich den Willen haben, ihre Töchter schön zu sehen.

 


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