Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Neuntes Kapitel.
Leichtfüßigkeit und Grazie. Der Tanz.

Schwerfälligkeit und Leichtfüßigkeit. – Lange Kleider. – Mädchenwettlauf. – Verschiedene Auffassungen des Tanzes. – Bismarck als Tänzer. – Unhygienisches Tanzen. – Gewisse Tanzschulen. – Leibliche Harmonie.


In der Frauenhochschule, die vor mehr als zweihundert Jahren Daniel de Foe, der spätere Dichter der Robinsonade, zu fordern wagte, sollten Singen und Tanzen obenanstehen. Weshalb? Weil es die Frauen so gerne tun oder, wie de Foe sich in seiner liebenswürdigen Weise ausdrückt: weil das ihre Herzblättchen sind.

In der Tat wird man auf der ganzen Welt finden, daß Menschen das am liebsten treiben, was sie gut können und was ihnen »gut läßt«. Freilich hat auch der Bär einen zwar schwerfälligen, doch außerordentlich fördernden Galopp. Allein es hat sich im Lauf der Zeiten wie von selber gemacht, daß wenigstens in Deutschland großer Leibeskraft die Merkmale der Unbeholfenheit und Langsamkeit beigelegt wurden, während die Natur den Frauen weislich die Gabe der Flinkheit als eine Waffe im Kampf ums Dasein verliehen hatte, damit sie einem täppischen Verfolger entschlüpfen könnten.

Im alten Hellas schmückte nicht nur die Sage das Königskind Atalante mit wunderbarer Schnelligkeit, sondern beteiligten sich auch in geschichtlich beglaubigten Zeiten die Mädchen regelmäßig an den Wettläufen der olympischen Spiele. Zweifellos war im Urzustande der Germanin gleichfalls jene sehr gebotene Leichtfüßigkeit eigen. Aber wo ist sie geblieben? Wer unsere Bürgerfrauen dabei beobachtet, eine wie ungewohnte, erschöpfende Anstrengung es für sie bedeutet, nur dreißig Meter in etwas beschleunigtem Schritt zurückzulegen, um rechtzeitig eine Straßenbahn zu erreichen, wie sie außer Atem kommen und verlegen werden, der muß merken, daß hier etwas von hoher biologischer Wichtigkeit im argen liegt.

Beklagt wurde schon der Jahrhunderte hindurch herrschende Spießbürgergrundsatz: »Die Frau gehört ins Haus«; beklagt auch die merkwürdig unhygienische Anschauung, daß Mädchen, die sich lebhaft rühren, die Sittsamkeit verletzen, weshalb Mütter, die sich wohlerzogene, »artige« Töchter wünschen, eigentlich unausgesetzt den Büttel machen müssen zur Verhütung kindlicher Lust und kindlicher Kraft. Es ist aber noch etwas ausnehmend Schädliches hinzugetreten: die herkömmliche Überschätzung des langen Kleides.

Sie stammt aus den Zeiten der römischen Republik, als alle leichten Personen von Staats wegen gezwungen wurden, sich kurzröckig zu tragen, damit die ehrbaren Matronen mit ihren Töchtern sich auf den ersten Blick schon durch ihre langen Röcke von jenen abhöben. Daher durch die gesamte Christenheit dieser Ehrgeiz, möglichst lang beschleppt zu sein; unsere vierzehnjährigen Konfirmandinnen hungern ja förmlich danach, endlich, endlich gleich ihren erwachsenen Freundinnen durch lange Kleider beim Gehen behindert zu werden. Es ist nicht auszurechnen, welch eine Unmenge Kraft von deutschen Frauen dadurch vergeudet worden ist, daß sie ihr Leben lang schwere Wollröcke mit den Knien vor sich her stoßen mußten. Es möchte, in Eisen ausgedrückt, bei jeder Einzigen in die Tausende unnütz verpuffter Meterzentner gehen. Was natürlich auf die Dauer die Leichtfüßigkeit zugrunde gerichtet hat. Die künstlich verkrüppelten Füße, die berüchtigte »goldene Lilie« der Chinesin, bildeten kein wirksameres Hindernis beim Gehen als die langen Kleider der noch dazu geschnürten Europäerin.

siehe Bildunterschrift

Tafel XI. Mediceische Venus.

siehe Bildunterschrift

Tafel XI. Botticellische Venus.

siehe Bildunterschrift

Tafel XI. Kapitolinische Venus.

siehe Bildunterschrift

Tafel XII. Venus von Milo.

Nun fragte wohl Daniel de Foe (1697): »Warum wenden wir so viel planvolle Sorgfalt an die Aufzucht von Füllen? Sind unsere Mädchen weniger wert als sie? Ist es nicht barbarisch, ihnen irgend etwas vorenthalten zu wollen, was der männlichen Bildung zugute kommt?« In Deutschland machte das, bevor die Sportbewegung einsetzte, niemandem Kummer. Wozu in aller Welt sollten Mädchen schnellfüßig sein? Für den Raschwalzer würden die Kräfte schon reichen. Und außerhalb des Ballsaales war es viel anständiger, wenn sie langsam herumschlichen. »Nicht so wild!« scholl es darum nach wie vor, wo Mädchenbeine sich noch regen wollten. »Junge Mädchen haben keine Beine.«

Da ließ die neue Zeit in Treptow bei Berlin einen Sportpark erstehen, und findige Männer überlegten, ob ein Mädchenwettlauf nicht etwas Besonderes werden und günstige Anziehungskraft auf Zuschauer ausüben könnte. Dagewesen war er jedenfalls noch nie. So wurde denn im Jahre 1903 ein Preisausschreiben erlassen, und etwa hundertfünfzig Bewerberinnen meldeten sich.

Schon die Ausscheidungsrunden ergaben, daß nur ganz wenige aus jener Schar sich überhaupt laufend blicken lassen konnten. Dazu entstanden gewisse Schwierigkeiten, die niemand vorhergesehen hatte. Keine der jungen Damen wollte ihre falschen Haarauflagen missen; so flogen denn bei schnellerer Gangart Zöpfe und Nadeln in der Luft herum, es gab Ohnmachten und Weinkrämpfe. Außerdem erwies sich der Schnürleib, obwohl er Herzschlag und Atmung belästigt und zumal beim Wettlauf durchaus gesundheitswidrig ist, insofern als eine bittere Notwendigkeit, als die bei den meisten viel zu lose aufsitzenden Formen ohne Schnürung in einer Weise baumelten, daß nicht nur der Anblick unschön, sondern auch die Läuferin ernsthaft belästigt wurde. Wer die Figur der vatikanischen Rennerin (Tafel XIV) in Vergleich zieht, wird sofort verstehen, um was es sich handelt. Jene Kleine durfte ohne Schnürleib antreten, weil ihre Formen die Festigkeit der Bronze hatten, die sie heute noch verherrlicht.

Der Erfolg in Treptow war, daß eine dralle Sechzehnjährige, die einzige, die tatsächlich Schnelligkeit entwickeln konnte, den andern einfach davonlief und siegte, wie sie wollte. Die Aufnahme beim Publikum und bei der Kritik blieb tief bedauerlich. Man behandelte das Ganze als einen bloßen Ulk. Keinem fiel es bei, daß hier ein nützlicher Anfang gemacht war, um jungen Mädchen die Erwerbung gediegener Leibesfertigkeit nahe zu legen, sie für Leistungen zu belohnen und so einen Ansporn zur Nachfolge zu geben, damit der Gedanke körperlicher Tüchtigkeit sich unter den Frauen wieder ausbreite. Von all den vielen mit irdischen Glücksgütern reich gesegneten Sportsleuten, die für die Schnelligkeit bei Pferden kein Opfer scheuen, gab nicht einer auch nur die dreitausend Mark her, um nach gehörigen Vorbereitungen das Wettrennen wiederholen zu können und einzubürgern, damit es womöglich zu einer dauernden Einrichtung werde. Die Mädel wurden mehr ausgelacht als belobt, ja man riet ihnen gar, lieber beim Tanzen zu bleiben statt wettzulaufen, also genau das zu treiben, was sich als ganz unfähig erwiesen, den leiblichen Verfall der Berlinerinnen aufzuhalten, ja wohl gar ihn beschleunigt hatte.

Damit sind wir gleich bei dem entscheidenden Punkt: der Tanz an sich ist mehr ein Ausnutzer als ein Hersteller von Kraft; er zehrt von dem, was die Gymnastik erzogen hat, und seht es in helleres Licht. Im alten Griechenland wurde nicht getanzt, um dadurch schön zu werden, sondern weil die Hellenen eine schöne, durch Wohlgeratenheit und Gymnastik in fester Faser prangende Frauenrasse ihr eigen nannten, wurden die Mädchen zum Tanz angeleitet, damit sie nun durch den Formenschmelz ihrer Glieder, durch die Anmut ihrer Bewegung das Auge des Kenners erfreuten. Heute spricht man geradezu von einer höheren rhythmischen Begabung der Frauen auf Grund ihres feiner entwickelten sechsten Sinnes, der den Namen »Sinn des Gleichgewichts« führt und in unserm Gehörorgan wohnen soll.

Als der Tanz bei unsern Urvätern aufkam, war er zweifellos in erster Linie eine Kraftübung, so wie der russische »Kossak«, der nur von Männern getanzt wird, auch heute noch eine gern angestellte Probe auf die Federkraft der Oberschenkel bildet. Bei den alten Sachsen oder Alemannen mußte der Tänzer es verstehen, seine Partnerin hoch im Bogen zu schwenken und über lodernde Feuer mit ihr zu springen. Der Schuhplattler in Bayern ist wohl der einzige Rest dieser ehrwürdigen Weise, wenigstens ist er das in den Bergen. Aber wer von einem hübschen jungen Paar die Auerhahnbalz hat tanzen sehen, mit diesem Suchen und Haschen der Verliebtheit, über Fensterln und Küssen hinweg bis zum glücklichen Besitz, der wird nicht länger bestreiten, daß die starke erotische Beimischung, die das Tanzen im Orient und bei den Hellenen stets gehabt hat, auch in Deutschland volkstümlich geworden ist.

Im Widerspruch zu dieser Auffassung blieb freilich von je das nüchterne Urteil solcher deutscher Kavaliere, die selbst schöne Tänzerinnen mehr als eine Art von Turngerät betrachteten, das Abarbeiten einer Abendgesellschaft mit Raschwalzer und Galopp somit als bloßen Muskelumsatz oder gar geradezu als gesundheitliche Wohltat empfanden. Lustig erzählt unser Reichsgründer in seinen »Gedanken und Erinnerungen«, wie er im Winter 1849/50 als Kammermitglied, weil bei Kommissions- und Plenarsitzungen der tägliche Spazierritt ausfiel, zu nächtlichen Promenaden seine Zuflucht genommen habe, bis er durch einen Zufall auf den »gesundheitlichen Nutzen des Tanzens«, dessen er sich längst entwöhnt hatte, aufmerksam wurde. Er sollte einer befreundeten Dame ihren abhanden gekommenen Kotillontänzer auftreiben und stellte sich selber als Ersatzmann. Er fand nachher einen so gesunden Schlaf, daß er den Tanz auch später noch als leitender Staatsmann nicht ablehnte, obwohl der König ihn schalt: »Man macht es mir zum Vorwurf, einen leichtsinnigen Minister gewählt zu haben. Sie sollten den Eindruck nicht dadurch verstärken, daß Sie tanzen« und es den Prinzessinnen schließlich untersagt wurde, ihn als Tänzer zu wählen.

Der Walzer, wie er nun seit anderthalb Jahrhunderten in der europäischen Gesellschaft üblich war, ist fast jedem von uns durch so viele harmlos-liebenswürdige, familiäre Erinnerungen teuer, daß die Hygiene einen schweren Stand hat, wenn sie ihn neugestalten will. Indessen hat vielleicht jetzt die Stunde geschlagen, daran zu erinnern, daß das Aneinanderpressen von Partner und Partnerin, das Betasten der Mädchenweiche durch die Männerhand von jeher auch manches recht Unbekömmliche mit sich brachte. Die jungen Tänzerinnen, die verträumten Blickes baten: »Sprechen Sie nicht beim Walzer, das stört mich« und andern Tages mit schwarzen Rändern unter den Augen »vertanzt« herumsaßen, mochten ehemals Ausnahmen gewesen sein. Doch die Phantasie heutiger Mädchen ist aus hundert Gründen viel angeregter und begehrlicher, als daß man mit jenen Umarmungen schon die Halbwüchsigen beginnen lassen dürfte. Zwar kam aus der Heimat eines höheren weiblichen Selbstgefühls, aus Nordamerika, vor etwa zwanzig Jahren eine würdigere Walzweise, mit loserem Anfassen, langsamerem Schritt und einer ausgesprochenen Richtung auf Unterhaltung während des Tanzes zu uns herüber, wodurch ganz von selbst das Erotisch-Verträumte zurückgehalten wurde. Schließlich warf aber, des lauen Treibens müde, der gesellschaftsübliche Tanz die Larve fort. In den »Schiebetänzen« drängte sich das Erotische wüst und frech vor. Sie wurden bei der Jugend leider so schnell beliebt, daß die öffentliche Meinung selbst in Berlin diesmal an die Seite der Polizei trat, um den eingerissenen Unfug womöglich wieder abzuschaffen.

Da der Wunsch, das andere Geschlecht näher kennen zu lernen, auf beiden Seiten tief in der Natur begründet und zu Zwecken der Arterhaltung auch durchaus vernünftig ist; da beide Teile, falls sie nicht tanzen dürften, in arge Verlegenheit geraten würden, was sie auf die Dauer miteinander treiben sollten; da schließlich das Durchlaufen all der reizvollen Stufen von der flüchtigen Bekanntschaft zur Aussprache, von da zur Gewogenheit, von da zur Neigung und Werbung mit ihren Schlichen und Klippen der Weltklugheit ungemein ersprießlich ist, wird sich der Tanz, als die Schnur zu diesen Perlen, auch in Zukunft willkommen einfinden. Aber dann sollte man doch zum altdeutschen Reigen zurückkehren, sollte das Menuett, den Viertanz, vorzüglich pflegen und vor allem das Anpressen der weiblichen Reize an die Männerbrust endlich in Wegfall bringen.

Was der Tanz für unsere Jungfrauen in edlerem Sinn sein könnte, ist in jüngster Zeit von verschiedenen Seiten her zu betätigen versucht worden. Aber sofort springt ein großer Unterschied vom Griechentum in die Augen: der Tanz soll heute etwas Verlorengegangenes allmählich wieder hochbringen, und es wird ganz offensichtlich mehr von ihm erwartet, als er leisten kann. Denn gymnastisch hat er keinen höheren Wert als das Radfahren, das auch nur die Beine übt, dafür aber wenigstens im Freien stattfindet; von einer gleichmäßigen Durchbildung aller Glieder durch ihn kann gar keine Rede sein, und auch ein feineres rhythmisches Gefühl vermag dafür nicht zu entschädigen.

Darum wurde manchem Zuschauer bei solchen Veranstaltungen der Genuß durch gewisse schnell zutage tretende Mängel gestört. Die jungen Mädchen trugen sich wohl griechisch, doch es fehlte ihnen zu solchem Unterfangen die körperliche Berechtigung. Es waren frische, muntere Geschöpfe, gewiß weit über dem heutigen Durchschnitt. Nur vermißte man bei fast allen diesen Figuren die Stütze, deren die festeren griechischen Gestalten einst entraten konnten. So entstand an einer der allerwichtigsten Körperstellen bei jeder lebhafteren Bewegung wie beim Wettlauf in Treptow etwas unruhig Zappelndes, das für ein empfindlicheres Auge die Plastik zunichte machte und auf den Hygieniker vollends unangenehm wirken mußte. Man hätte mehreren dieser jungen Tänzerinnen zurufen mögen: »Hantelt, macht Klimmzüge, damit ihr endlich eine festsitzende Büste bekommt!« Sehr möglich, daß sie das wirklich tun. Dann ist es aber zu spät begonnen, sind jene Mädchen in der Kindheit, wo das festsitzende Brustpolster am sichersten durch gediegene Gymnastik anzulegen ist, vernachlässigt worden, und das Versäumte läßt sich nicht mehr einholen. Die Freunde einer Neubelebung des Tanzes sollten nicht vergessen, daß dieser sich erst einstellen dürfte, nachdem durch frühe, zielbewußte Kräftigung die dazu nötige Form erworben war; daß er die Gymnastik allenfalls begleiten mag, aber niemals ersetzen kann.

*

Viel ist gelegentlich daraus gemacht worden, daß in gewissen südeuropäischen Ländern wie im ganzen Orient Frauen ihre Last auf dem Kopf tragen. Diese Sitte nötigt zu einem aufrechten Gang mit durchgebogenem Kreuz, so wie die Menschen, seit sie aufrecht gehen, überhaupt gehen sollten. Und wer sich noch der hübschen Schlesierinnen erinnert, die vor fünfzig Jahren mit den Erzeugnissen ihrer heimischen Leinweberei hausierend auf allen ostelbischen Landstraßen herumzogen, wer sich allein schon die Mißhandlung vergegenwärtigt, mit der diese vornübergebeugt unter schweren Lasten dahinschreitenden Kinder der Armut ihre zusammengepreßten Unterleibsorgane viele Stunden jedes Tages peinigen mußten, der wird das Kopftragen auch aus rein gesundheitlichen Gründen vorziehen. Allein wenn man uns glauben machen will, daß die Hindumädchen ihre unvergleichliche Anmut vom Wassertragen her hätten, so wird hier wieder einmal Ursache und Wirkung verwechselt. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: das Wassertragen auf dem Kopf läßt ihnen so gut, weil ihnen Anmut angeboren wurde. Gibt es doch verschiedene deutsche Stämme, wo die Frauen ihre Körbe gleichfalls auf dem Kopfe zu Markt bringen, ohne die Hindumädchen als Wunder des Ebenmaßes zu erreichen. Hingegen gibt es viele recht anmutige deutsche Damen, die überhaupt noch niemals etwas Schweres getragen haben, weder auf dem Kopf noch auf dem Rücken. Ebenso tanzen die Hindumädchen nicht, um dadurch anmutig zu werden, sondern weil sie sich ganz wie die einstigen Griechinnen so vorzüglich dazu eignen.

Die Natur aber ist keineswegs launisch oder auch nur parteiisch gewesen, als sie mit der Gabe eines feineren Gefühls für Gleichgewicht gewisse leichter gewachsene, dürftiger ausgestattete Volksstämme beglückte. Denn kann es unter uns tatsächlich einen geben, der den herrlichen Leib der hohen Frau von Milo (Tafel XII), dieses Muster einer echten Spartanerin, in einem flinken Tänzchen zu sehen wünschte, oder wie sie gleich der Bajadere gaukelnd neckische Künste zeigt? Das Vorbild zu jenem Torso war dafür geschmückt mit der hehren Anmut vornehmer Ruhe. Als Vierzehn-, Fünfzehnjährige mag sie bei den olympischen Wettläufen den Siegeskranz getragen haben. Ihr herrlicher Brustkorb jedoch konnte nur durch ernsthafte Pflege der Gymnastik erstehen. Alles, was eine Hausfrau ziert, sorgende Güte und behagliche Würde, muß ihr eigen gewesen sein, und gern denkt man sie sich als Muster eines in Verehrung zu ihr aufschauenden Volkes.

So weit gewisse südliche Rassen an Harmonie bei der geringsten Alltagsbewegung unsere nordischen Rassen übertreffen, so weit übertreffen die deutschen Mädchen durch ihre Anmut schlechthin die deutschen Männer. Die Natur hat ihnen mit der heutigen leichteren Bauart hinlängliche Geschmeidigkeit der Glieder verliehen, um uns beim Tanz erfreuen zu können. Dabei auch noch die indischen Bajaderen übertreffen zu wollen, sollte sie der Ehrgeiz lieber nicht verführen. Im Gegenteil wäre dem großen Durchschnitt die Einsicht weit nötiger, daß nur tüchtige gymnastische Vorarbeit vor Unbeholfenheit auch bei Alltagsbewegungen schützen kann. Wenn Harmonie dadurch entsteht, daß zu jeder Bewegung das richtige Maß von Kraft aufgewendet wird, so Unbeholfenheit dadurch, daß für manche Bewegungen die Kraft nicht hinreicht, wodurch sie stümperhaft ausfallen, für andre Bewegungen ein viel zu großes Maß von Kraft aufgeboten wird, so daß sie tolpatschig erscheinen. Vor beiden Fehlern vermag nur ein sicherer, bei fleißiger Leibeszucht erworbener Takt zu bewahren. Der Leichtfüßigkeit muß die Kraft vorhergehen, dem Tanz die Leichtfüßigkeit. Der Tanz ist nichts in sich selbst; er ist ein Putz, im günstigsten Fall ein Schmuck.


 << zurück weiter >>