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Fünftes Kapitel.
Gefährdungen der Frauenschönheit.

a) Falsche Aufzucht.

Die »Segnungen der Kultur«. – Nutzen der Barfüßigkeit. – Fleischkitzel. – Schulschäden ohne Gegenwirkung. – »Gute Kinderstube« ohne Kinderzimmer. – Entstehung des Juckreizes. – Gefährdung der Phantasiebegabten. – Unhygienische Eltern. – Die Fünfjährigen unsere Hoffnung. – Ein Schulfest. – Strandkinder.

b) Berufsleben, Mutterschaft und soziale Not.

Beruf oder Ehe. – Justus Mösers Hauswirtschaft. – Verderb im Beruf. – Höhere Töchter und Volksschülerinnen. – Statistik der Ledigen. – Mutterschönheit. – »Verkinderte« Frauen. – Vom Stillen. – Bauernfrauen. – Uneheliche Kinder und Mütter. – Verderb durch Topf und Schüssel. – Unterernährte Kinder. – Berliner Blindschleichen. – Kinderarbeit und Pikkolo.


a) Falsche Aufzucht.

In diesem Kapitel kann es sich in der Hauptsache nur um zwei Möglichkeiten handeln. Entweder war die Schönheit im Keim angelegt gewesen, wurde aber daran verhindert, sich überhaupt zu entwickeln. Oder sie trat in Erscheinung, wurde aber durch die Ungunst der Umstände wie durch den verkehrt gerichteten Eigenwillen ihrer Trägerin verdorben und entstellt.

Ist schon der Zusammenbruch unter dem Druck übertriebener Anforderungen an die Frauenkraft oder dem Zwang eingesogener Vorurteile geeignet, bald unser Mitleid, bald unsern Zorn zu erregen, wieviel mehr die falsche Aufzucht, deren Opfer unschuldige, für ein besseres Los bestimmte, wehrlose Kinder bilden. Dieser hygienisch leider noch weit wichtigere Fall ist nachgerade erschreckend häufig geworden.

Worin eine richtige Aufzucht besteht, wird im zweiten Teil dieses Buches ausführlich erläutert werden. Hier sei in dürren Worten nur gesagt, daß gerade die »Segnungen der Kultur«, die wir fortwährend im Munde führen, und der Reichtum, zu dem wir hinstreben, eine richtige Aufzucht nur zum geringen Teil erleichtern, zum größeren Teil erschweren oder ganz vereiteln. Die Polenkinder zum Beispiel, die wir in bezug auf Leibeshaltung in einem gewissen Rückstand vermuten, genießen schon in Ermanglung der Verweichlichungen, die wir unserer eigenen Kinderwelt aufzwingen, ein hygienisch weit besseres Heranwachsen. Sie laufen in ihren Dörfern entweder nackt herum – so wie die Germanenkinder einst um ihre Hütten im Urwald gelaufen sind – oder mit einem kurzen Hemdchen bekleidet, das von allen Seiten die Luft frei an die Haut treten läßt. Sie sind häufig auch im Winter nicht viel ausgiebiger bedeckt. Wer in dieser Jahreszeit durch eine polnische Siedlung fährt, kann es beobachten, wie plötzlich irgendeine Haustür sich öffnet und ein Rudel nackter oder halbnackter Kinder jauchzend herausstürzt, sich im Schnee wälzt, jagt, stößt und bewirft, um dann wieder unter Hallo im Hause zu verschwinden. Aber diese »armen Kinder«, bei deren Anblick manche deutsche Mutter nicht weiß, ob sie ihre Dürftigkeit beklagen oder sich dem Stolz auf den eigenen, unter allen Umständen wollegepanzerten Nachwuchs hingeben soll, haben und behalten gesunde Knochen; sie lernen früh stehen und gehen; sie kauen mit ausgezeichneten Zähnen; sie »erkälten« sich nicht fortwährend, sondern vermögen den Unbilden jeder Witterung zu trotzen.

Noch laufen in manchen Gegenden auch unsere deutschen Kinder barfuß, sommers sogar barfuß zur Schule, und retten sich dadurch eine derbe, warme Fußhaut. Aber diese Oasen, auf denen noch Kraft gedeiht, verengern sich von Tag zu Tage, und in den Großstädten erliegen die Kleinen schon in den Wiegen der Kleiderwut unserer guten Gesellschaft. Fast nirgends mehr, selbst nicht in den Vororten, sieht man sommers in Berlin und andern großen Städten barfüßige Schulkinder. Dazu haben harte Vernachlässigungen, die wir der allgebietenden Bauspekulation verdanken, den Ärmsten ein förderliches Sichtummeln ohnehin fast zur Unmöglichkeit gemacht. Allenfalls in der Peripherie, wo Bauplätze noch freiliegen, atmen die Schulkinder auf bei Ballspiel und Stafettenlauf. Sonst kommen sie von Pflaster und Asphalt kaum noch herunter, schlucken Staub und Ruß; »ins Freie« gelangen sie höchstens einmal unter Aufsicht von Lehrern und Lehrerinnen.

Dagegen ist allen Großstadtkindern eine bestimmte Möglichkeit biologischen Verderbs in die gefährlichste Nähe gerückt: der Wurstladen.

Mir sind Arbeiterkinder bekannt, und zwar hübsche, begabte Knaben, die manchen Tag an kein Gemüse, an keine Kartoffel, an kein Brot, an keine Milch heranzubekommen sind, sondern gepfefferte Würstchen verlangen und sie von schwachen Müttern auch erhalten. Dafür fließt ihr kleiner Mund zum Erschrecken von sexuellen Anspielungen über. Zuweilen macht der Schulbeginn hier einen Einschnitt, weil das junge Gehirn jetzt Aufgaben zu bewältigen hat und weil eine gewisse Freude am Fortschreiten die alten Gedankengänge in den Hintergrund schiebt. Gleichwohl bleiben solche Kinder die sichersten Anwärter der Masturbation, sobald die erste Überraschung durch den Unterricht vorüber ist; und je früher dieses Jugendlaster die Kleinen anfällt, je ausgiebiger ihm gehuldigt wird, desto verheerender sind seine Wirkungen für die Nervenkraft wie für die körperliche Blüte überhaupt.

So viel steht freilich fest, daß gegen die »Schulschäden«, die nun schon seit dem Jahre 1836, seit Lorinsers Anklageschrift »Zum Schutz der Gesundheit in den Schulen«, öffentlich zur Erörterung stehen, die Knaben im allgemeinen eine weit stärkere Widerstandskraft besitzen als die Mädchen. Aber die Knaben, die in zwanzig Jahren zur Schule gehen, werden, zufolge dem Ausspruche Hufelands am Schluß des letzten Kapitels, ihr Maß an Kraft nicht sowohl von den Vätern, als von den Müttern haben, die heute noch Mädchen sind, weshalb es verkehrt ist, gerade diese in den Schulen so scharf heranzuziehen und in ihrem biologischen Wert herabzumindern, bis die Schönheit mit der Kraft zugleich untergeht.

Das Übel, das ich meine, hat sich in gleichem Schritt mit einer immer gewaltigeren Ausdehnung des Schulwesens im Lauf der letzten zwei Jahrzehnte so befestigt, daß die Frauen, die aus eigener Erfahrung darum wissen könnten, selber keine Töchter mehr zu haben pflegen. Es zeigt sich jedoch klar, daß die Mädchen solche Einschließung in großen Massen schlechterdings nicht vertragen. Die Kinder, plapprig, unreif, neugierig, sind leicht zu verführen, und überall finden sich schwarze Schafe, die das besorgen.

Seit sich ein ehrlicherer Ton in der Behandlung hygienischer Gemeinschäden gegen die Prüderie durchgesetzt hat und es erlaubt, von diesen Dingen zu reden, wäre es gewissenlos, sie vertuschen zu wollen. Denn die Zeit, als es noch anging, über besagten Debetposten der deutschen Volksgesundheit mit ein paar leichten Wendungen wie »jugendliche Unart« oder »Verfehlungen einzelner« hinwegzugleiten, ist vorüber. Aber man soll die Kinder nicht etwa »verworfen« oder »unmoralischer als früher« schelten; man hat sie nur einem äußerst gefährlichen Zustand, ohne daß für hinreichende Gegenwirkungen gesorgt gewesen wäre, unbedacht ausgeliefert, so daß die schlimmen Folgen mit einer gewissen Notwendigkeit eingetreten sind und Unschuldige für die Nachlässigkeit Erwachsener leiden müssen.

Die »gute Kinderstube« zwar wird von unseren Gesellschaftskritikern viel genannt; indes wo gibt es heute noch, außer vielleicht bei Millionären, wirkliche Kinder zimmer, und weshalb sollten sich in den Zeiten des Geburtenrückgangs Familien, deren Nachwuchs die Riesenziffer zwei nur selten erreicht, ein solches Zimmer zulegen? Früher war in den Kreisen von Bildung und Besitz die Kinderwelt eine Welt für sich, in Mahlzeiten wie in allen sonstigen Gewohnheiten von der Welt der Erwachsenen ferngehalten, und solche Scheidung war gesund, war durchaus geboten, weil diesen Kreisen die Einfachheit fehlte, die das Zusammensein mit der Familie bei Bauern und Handwerkern auch kleinen Kindern bekömmlich machte. Eine ganz falsch verstandene Humanität hat außer den Rücksichten der Bequemlichkeit die Kinder nach und nach immer dichter an den Tisch der Erwachsenen herangeschoben und ihnen dadurch auch die Unbefangenheit von ehedem geraubt.

Das Übel ist aus naheliegenden Gründen in Zahlen schwer abzuschätzen und das Dunkel, in dem es sich vollzieht, schützend genug, so daß es von denen, die dafür verantwortlich sind, jederzeit mit dreister Stirn abgestritten werden kann. Aber es zieht andere Übel nach sich, aus denen Rückschlüsse statthaft sind, und zuweilen wirft auch ein solcher Notrufartikel wie der über den »Kälber- und Gänsemarkt« in der Tauenzienstraße von Berlin grauenvolle Schlaglichter auf den eingerissenen Verderb, der nur leider infolge allgemeinen hygienischen Schlendrians eher humoristisch genommen wird.

Weit besser steht es in den Volkschulen der Provinzen und in solchen Gegenden, zumal Süddeutschlands, wo die Nähe einer schönen Natur ins Freie lockt, so daß Bewegung ihren veredelnden Einfluß ausüben kann; ebenso in den wenigen Großstädten, wo tatsächlich bereits etwas für die Körperpflege der Schülerinnen zu tun begonnen wurde. Doch mag es hier auch nur ein Viertel oder ein Zehntel sein, das gefährdet ist, so wäre doch selbst schon eine Dezimierung der Volkskraft, als Minderung der Art, als Abschreibung vom nationalen Kraftkapital, ein unerwünschtes, beschämendes und beunruhigendes Ergebnis.

Die meisten Kinder werden durch eine im Vergleich mit früheren Zeiten viel zu hitzige Kost geradezu in die Fallgrube hineingezerrt, weil eine derartige Kost gewisse physiologische Ausscheidungen und Hautausdünstungen verschärft, so daß ein Juckreiz entsteht, der ganz von selbst zu Reibungen führt. Sonst wäre es unverständlich, wie oft schon ganz kleine Mädchen diesen Weg zur Sünde entdecken, auch ohne von Kameradinnen verführt worden zu sein.

Am gefährdetsten aber bleiben leider die Aufgeweckten, Phantasiebegabten, künstlerischen Empfindens Fähigen, sobald sie durch die Ungunst der Umstände genötigt werden, zum Leben und Gedankenaustausch der Älteren in eine viel zu nahe Berührung zu treten.

Hier ist eine Zehnjährige wohlgewachsen, »schön wie ein Herz, frisch wie eine Rose.« Beim Lachen und Sprechen zeigt sie eine so hohe Anmut des Mienenspiels, daß sie eine würdige Tochter von Konstanze Dahn (Tafel VI) sein könnte; ihr federnder Gang verrät Kraft und Temperament. Aber was geht mit diesem lieblichen Mädchen vor? Schon trifft man sie zuweilen, wenn sie es besonders arg getrieben hat, mit spitzem Kinn, Rändern unter den Augen, matt, mißmutig. Nur der elterlichen Blindheit entgeht es, wie das harmlos-kindliche Lachen verschwindet, das ihr einst eigen war; es ist eine Grimasse daraus geworden mit den bekannten Längsfalten zu seiten der beiden Mundwinkel. Die Ärmste wird sich irgendwie entwickeln, nur nicht zu dem, wozu sie veranlagt war. Der Vater wundert sich dann wohl, daß seine Tochter so dünne Arme hat, findet sie aber nach wie vor auserlesen schön. Erreicht sie, ohne sich zu bessern, die Siebzehn, so ist höchst wahrscheinlich durch Mißbrauch ihre Sexualkraft erschöpft, ihr Empfinden pervers. Ganz offen bekennt sie, daß sie »Kinder haßt«. Sie wird trotzdem heiraten wollen, weil sie die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vorteile davon durchschaut, und bekommt vielleicht wirklich irgendeinen unhygienischen Jüngling, der sich in ihre »sprechenden Augen« verliebt. Er kann sich beglückwünschen zu seiner »kalten« Gattin.

Des Rätsels Lösung? Der Herr Papa hatte die Angewohnheit gehabt, dieses hübsche Geschöpf zum Dämmerschoppen mitzunehmen, doch bei seiner Kartenpartie sich nicht weiter um sie zu kümmern. Da konnte man sie sitzen sehen, das Köpfchen vornübergesunken, die Backen glühend, über einem der bunten Hefte, die mit ihren Bildern voller Entblößung wie mit ihrem Text nur für Männeraugen bestimmt waren. Ein anderer Vater von kleinen Töchtern bezieht eine neue Wohnung, die zu ihrer Ausrüstung im Garten auch eine dieser abscheulichen, kinderverderbenden Schaukeln zählt, die keinen flachen bretternen Boden haben, sondern nur einen runden Knüppel als Querholz. Der Wissende, den sommers der Weg am Gartenzaun vorbeiführt, muß es nun bekümmert erleben, wie eines oder das andere der sieben- bis achtjährigen Mädchen sich irgendwie rittlings auf diesem Querholz verträumt hin und her schaukelt und scheuert. Sie lernen es leider bald, die gewünschte Wirkung auch auf andere Weise hervorzurufen, aber die vor sich gehende Veränderung ist schon im kommenden Winter zum Gotterbarmen. Verschwunden sind die frischen, pausbackigen Gesichter; die Kleinen, hager wie nach schwerer Krankheit, zeigen statt des Lächelns jene schon beschriebene Grimasse. »Ja,« sagen die Eltern, »das ist die Schule. Die Kinder müssen doch was lernen.«

Wieder ein andermal hält vor der Haustür ein junger Bursch mit dem Fahrrad und ermuntert seine zwölfjährige Freundin aus dem Nachbarhause, versuchsweise sein Rad zu besteigen. Sie springt lachend hinauf, fährt auf und ab, hält, steigt hochroten Gesichtes herunter und zieht sich verlegen zurück, um allein zu sein. Der Sattel hatte vorn einen langen dicken Schnabel gleich dem geschilderten Querholz an der Schaukel.

So verführen die Kinder einander, manchmal harmlos unwissend, weit öfter boshaft, mit dem kranken Trieb aller Perversen, eine möglichst große Zahl von Opfern in die gleiche Verdammnis hereinzuziehen.

Der einzelne Akt des Mißbrauchs ist bei Mädchen, weil kein wesentlicher Säfteverlust erfolgt, nicht so angreifend wie bei Knaben; dafür sind manche, sobald sie von dem Gift nur gekostet haben, auch schon unersättlich.

Wenn Eltern dies alles wüßten, würden nicht so viele sich dazu beglückwünschen, daß nun auch das Jüngste schon am gemeinsamen Tisch von den heute üblichen übersalzenen und überwürzten Gerichten mitesse und der Betrieb sich vereinfacht habe. Der Betrieb »vereinfacht« sich leider auch dadurch, daß man ohne Auswahl den Kindern an Bildern und Lektüre dieselben Eindrücke wie den Erwachsenen ermöglicht, worin die Lässigkeit in Deutschland oft geradezu haarsträubend ist. Es kommt eine auf »Sittsamkeit« gerichtete Auffassung hinzu, die hinter jedem Ansatz zu schneller, straffer Bewegung mit einem zornigen »Muß denn gerannt werden? kannst du nicht artig gehen?« dreinfährt und so das Einzige verhindert, das der zweckwidrigen Kost als Gegenwirkung dienen könnte: einen regen Umsatz in den Geweben mit dem bekömmlichen Ergebnis der Reinigung.

Und doch, wie sehr wären sie jeder Aufmerksamkeit, jedes liebevollen Eingehens auf ihre Besonderheiten wert, diese unschuldigen Kleinen, die unsere junge Garde bilden, in denen wir unser Schönheitskapital angelegt sehen sollten! Verderben diese jungen Generationen, wo soll dann unsere Zukunft bleiben? Durchschreitet man, selbst in Berlin, gesündere Stadtteile, nicht gerade die schlimmsten Fabrikviertel, so fällt unser Blick immer noch auf eine verhältnismäßig hohe Zahl hübscher, draller Puttchen von drei bis fünf Jahren. Der Kern ist also noch gut, es könnte das Allerbeste aus ihm sich entwickeln, wenn nur die Aufzucht nicht so falsch wäre. Das Herz blutet einem bei dem Gedanken, was wohl aus diesem oder jenem lieben, treuherzigen, bildhübschen kleinen Mädel, das in voller Jugendlust vor uns umhertollt, binnen kurzer Zeit gemacht sein wird. Noch ein Jahr, und sie sitzt in der Schule. Dann fallen ihre Backen ein, die runden Ärmchen werden dünn, auch »rennt« sie nicht mehr, sie geht jetzt »artig«. Die Eßlust ist fort, sie schläft schlecht und klagt über Kopfweh. Noch zwei, drei weitere Jahre, und sie ist, mindestens in Berlin, mit einer Wahrscheinlichkeit von 2:1 in das große Heer der Verdorbenen eingereiht, die entweder schon früh vom »Sichausleben« zu schwatzen anfangen oder mit schwarzen Rändern unter den Augen, dünnen Armen und verzerrtem Lachen sich ihre Hysterie anlegen.

Die Natur hat freilich den Menschen ein sehr zweideutiges Geschenk damit gemacht, daß sie die fakultative Geschlechtsreife, das heißt die frühe Möglichkeit sexuellen Genusses, so lange vor der wirklichen körperlichen Vollreife eintreten läßt. Der deutsche Mann pflegt diese Reife erst mit vierundzwanzig, das deutsche Weib erst mit zwanzig zu erreichen. Was aber soll aus einer Rasse werden, deren Mädchen womöglich mit acht Jahren bereits Mißbrauch zu treiben beginnen? Natürlich leugnen sie, wenn man sie fragt; keine Schelte, keine Beschämung, keine Prügel nützen hier. Nützen kann allein die Hinwegräumung der breit wirkenden Ursachen, das hygienische Abgraben andringender Schädigungen, die Weckung leiblichen Ehrgeizes. Solange nicht ganz Deutschland zu einer wirklichen Kinderkost, wie wir sie früher einmal hatten, umkehrt; solange unsere Kinder auf jede Weise zu den Genüssen der Erwachsenen angehalten werden; solange die stärkste und einflußreichste Organisation, die wir haben, die Schule, nicht planvoll zur Förderung des Freiluftsportes übergeht, ist wenig zu hoffen. Was Amerikanern, die über eine lebige, frische Jugend verfügen, in Deutschland immer wieder auffällt, ist die gänzliche Vernachlässigung wirklicher Leibespflege in unsern Mädchenvolkschulen, während in Amerika eine Schule ohne genügende Grasflächen für Spiel und Sport fast undenkbar ist.

Auf dem Lande, wo noch derbe, bei leichter, bekömmlicher Kost aufgezogene, viel an freier Luft sich tummelnde Kinder ohne krankhaftes Phantasieleben zur Schule liefen, stand es früher einmal am besten. Dort gediehen einst die kernigsten Gewebe, die rundesten Schultern und Arme, die frischesten Farben, dort wuchsen unsere Lilien und Rosen, unsere Tausendschönchen, unsere Vergißmeinnicht. Leider ist auch das Land in dieser Hinsicht nicht mehr, was es war. In den Städten aber kennen die Lehrerinnen sehr wohl diese ganzen Klassen, wo verträumte Scharen ohne Trieb und Teilnahme herumsitzen. Ich selbst bin bei einem größeren Schulfest in einer Vorstadt Berlins durch die Reihen der Kinder nur mit peinlichen Gefühlen geschritten. Gewiß, es fehlte nicht ganz an den ruhigen, stillen Mädchengesichtern, aus denen der Biologe auf ein ungetrübtes Wachstum schließt. Dafür gerieten Dutzende von Zehn- und Zwölfjährigen in Aufregung, sobald ein Mann sich näherte, und glotzten ihn mit häßlichem Grinsen an. Wenn aus dieser Anstalt auch nur die Hälfte der Schülerinnen unbeschmutzt, ungebrochen ins reife Alter eintritt, will ich sie glücklich preisen.

Als ich dann im Sommer darauf in meine östliche Heimat kam, in ein Stranddörfchen, wo rassige, stämmige kleine Fischermädel flachshaarig und gebräunt herumliefen und wohin aus den umliegenden Städten Hunderte von Familien ihre Töchter mitgebracht hatten, war es mir, als ob ich ein anderes Volk besuchte. Hier lag noch ein Schmelz auf den jungen Gesichtern wie der Flaum auf dem Pfirsich, hier verschönte noch das Lächeln, hier hatte man den wohltuenden Eindruck unschuldigen Reifens, wie es allen Töchtern unseres Volkes so sehr zu gönnen wäre.

b) Berufsleben, Mutterschaft und soziale Not.

Die für unsere Mädchen so schwierige Frage »Beruf oder Ehe?« hat erst im Herbst 1913 die Hauptversammlung des Verbandes fortschrittlicher Frauenvereine wiederum beschäftigt. Im ersten Anlauf der Frauenbefreiung war diese Frage zu schnell und leider fälschlich als gelöst betrachtet worden. Es hatte ja so bequem geklungen, jenes »Los vom Manne, hinein in den Beruf!«, daß eigens noch das häßliche Wort »Muttertier« erfunden wurde, um die deutsche Familie, wie sie früher war, vor dem heranwachsenden Geschlecht verächtlich zu machen.

Nachdem Hunderttausende, ja Millionen von Mädchen dem Berufsleben zugeströmt sind, ist es um so dankenswerter, wenn die Besonnenen unter den Führerinnen wie unter den Opfern ehrlich zugeben, daß auch das Berufsleben samt allen Ersatzmitteln keinen unbestrittenen Vorrang vor dem bespöttelten patriarchalischen Familienleben beanspruchen kann, weil die Sehnsucht nach Mann und Kind sich nicht unterdrücken läßt und einstige Berufsmädchen, die auch nach der Hochzeit ihrem Beruf treu zu bleiben wünschen, in den schwersten Widerstreit zwischen Berufsarbeit und Mutterpflichten, zwischen Gelderwerb und Hauswirtschaft geraten.

Uns interessiert hier allein die Rückwirkung des Problems auf die Frauenschönheit. Obwohl dieses Buch im allgemeinen die Wege zur Frauenschönheit weisen, also die werdende Schönheit liebevoll begleiten will, müssen wir jetzt ausnahmsweise die schon gewordene und fertige betrachten, um ihre Schicksale im Beruf und in der Ehe miteinander zu vergleichen.

Es ist selbstverständlich, daß der erwachsene Mensch nicht erwarten darf, ewig im Vollbesitz aller seiner Kräfte zu verbleiben, sondern daß er sie großenteils für die Anforderungen des Lebens allmählich an- und verbrauchen muß. Wie Glasbläser und Steingutarbeiter ihre Lungen drangeben, Phosphorarbeiter ihre Knochen, Bäcker und Eisenbahnschaffner ihre Nachtruhe, so dürfen wir auch von Mädchen, die sich dem Berufsleben widmen, nicht auf die Dauer die prallen Wangen eines Borsdorfer Apfels erwarten. Bestenfalls kann man sagen, daß auch die ernster gewordenen Gesichter mancher jungen Damen, die mit heiligem Eifer ihre neuen Pflichten wahrnehmen, ihren Reiz haben. Für andere ist die neue Zeit augenscheinlich zu schnell hereingebrochen, so daß ein erquicklicher Stil in ihrem ganzen Betragen sich noch nicht wie bei der Amerikanerin oder Norwegerin herausgebildet hat. Aber mögen viele von ihnen gleich entsprungenen Sklavinnen die Ketten des alten Käfigs nachschleppen, während sie die neue Ungebundenheit ganz gewissenlos genießen, wer wollte diesen Kindern, die sich ihr Los ja nicht gewählt haben, sondern von einer unsichtbaren Hand vorgeschoben wurden, pharisäische Vorhaltungen machen und mit Steinen nach ihnen werfen? Gleichen sie nicht jungen Studenten, die, nach Entlassung von der Schule in eine ganz ungewohnte Zügellosigkeit, sich auch erst austollen müssen, ohne daß wir an ihr Treiben sogleich einen strengen Maßstab anlegen?

Indessen, wenn auch vor ein oder zwei Menschenaltern hier und da tatsächlich ein Gänschen mit sechzehn Jahren noch »an der Mutter Schürze« festhing und Fragen, die gestellt wurden, nur mit einem verlegenen Erröten oder einem nicht gerade geistreichen Kichern zu beantworten verstand, so war das immer noch weit besser als vorlaute, dünkelhafte Lüderlichkeit. Der Biologe kann wenigstens nur mit Bedauern von dem einstigen Zustand Abschied nehmen, als die Mädchen im Hause gehalten wurden und sich, mit wenigen Ausnahmen, allein für die kommende Ehe vorbereiteten. Einzelne Entgleisungen sind natürlich immer untergelaufen; im allgemeinen aber konnte vor fünfzig Jahren der deutsche Mann, der sich eine Haustochter von der Mutter Seite hinweg freien wollte, sicher sein, ein unberührtes, frisches Geschöpf mit unverausgabten Kräften, dagegen mit einem ausgesprochenen Hange, sich nützlich zu machen, als Gattin heimzuführen.

Das war nicht weiter verwunderlich. Man lese nur einmal in des alten Justus Möser »Patriotischen Phantasien« das Kapitel von der »lieben Seligen«, und man wird innewerden, mit wie vielen interessanten, förderlichen Tätigkeiten die patriarchalische Familie ihre weiblichen Mitglieder zu beschäftigen wußte. Das Beispiel Mösers ist zwar aus den Kreisen der Wohlhabenheit hergenommen, doch war zu seiner Zeit die Hauswirtschaft in unsern höheren und niederen Ständen nur dem Grade nach verschieden, im Wesen selbst gleichartig. Da blieb für den Müßiggang als aller Laster Anfang, blieb für stundenlanges Träumen mit einem Roman in der Hand keine Zeit. Diese Zeit hat unsere moderne, bis aufs Äußerste getriebene »Zeitersparnis« erst geschaffen. Dutzende jener Tätigkeiten und Beschäftigungen sind, als lediglich zeit raubend, aus dem Hause, wo sie sich früher vollzogen, in die Fabriken übergesiedelt, aber sowohl für diejenigen Mädchen, die ihnen in die Fabriken nachzufolgen vermochten, wie für die gebildeten, die zunächst einmal beschäftigungslos und leer draußen zurückblieben, war dieser Übergang ein Unheil. In keiner Weise war der deutsche Frauenkörper für dieses Neue vorbereitet, wir haben ihn seit mindestens drei Jahrzehnten einfach verwahrlosen und vom alten, auf dem Boden der patriarchalischen Familie angesammelten Gesundheitskapital, als ob es unerschöpflich sei, zehren lassen, ohne neue Aktiva gewissenhaft hinzuzufügen.

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Tafel VI. Konstanze Dahn. Nach dem Gemälde von F. A. v. Kaulbach.

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Tafel VI. Wilhelmine Schroeder-Devrient. Nach dem im Verlag von Baumgärtners Buchhandlung erschienenen Stahlstich.

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Tafel VII. Fanny Elßler.

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Tafel VII. Else Wiesenthal.

Dies anzuerkennen, bedeutet noch nicht, die bittere Verlegenheit zu unterschätzen, in die nach Auflockerung der einstigen produktiven Häuslichkeit unsere nun entwurzelten und beschäftigungslosen Mädchen gerieten; bedeutet noch weniger, den heutigen Mädchen und Frauen ihre größere Bewegungsfreiheit zu mißgönnen. Aber auch wer sich neidlos an ihr freut, sollte darum nicht gleich lauter Fortschritte selbst dort sehen wollen, wo ganz im Gegenteil in der Geleitschaft einer breit sich heranwälzenden wirtschaftlichen Entwicklung die schwersten Schäden über uns gekommen sind. Auch an hundert anderen Stellen waren ja die stattgehabten Weiterentwicklungen durchaus keine Höherentwicklungen, sondern die Freuden unserer verfeinerten Gesittung nur um schwere biologische Einbußen zu haben gewesen.

Gewiß, manche Mädchen zeigen Charakter und auch heute noch Robustheit. Die übergroße Mehrheit aber verträgt die vielstündige, abspannende Berufsarbeit nur schlecht und ist in ihrer Körperpflege weit mehr auf Täuschung eingestellt als auf Leistung. Sie bringt keinerlei athletische Bedürfnisse, keine frischen Widerstandskräfte mit, und Gretchen oder Else brauchen nicht einmal als Stenotypistinnen gerade in das Kontor eines Rechtsanwalts einzuziehen, wo bei Ehescheidungs- und Beleidigungsklagen der ganze Unrat moderner städtischer Gesittung ausgebreitet wird, um durch Beschmutzung der Phantasie und Lockerung alter Grundsätze gefährdet zu sein.

Mir kommen zuweilen die jungen Mädchen, die wir ungesichert ins Berufsleben hineinstoßen, wie Gartenerdbeeren vor, denen man die schützenden Blätter weggeschnitten hat. Die Früchte mögen gut angelegt gewesen sein, aber sie sind nun den Strahlen der Sonne wie dem klatschenden Regen und dem Angriff lockerer Vögel ganz anders preisgegeben und verderben schnell. Ich habe Gelegenheit gehabt, in mehr als einen großen Betrieb hineinzusehen, wo weibliche Angestellte aus der Mittelklasse tätig waren, und besonders einer ist mir in peinlicher Erinnerung, wo die jungen Damen, sämtlich unverheiratet, von einer wirklich höchst überflüssigen Fruchtbarkeit zu sein schienen. War eine von ihnen aufgeblüht wie eine junge Frau, dann blieb sie fort und kam nach acht Tagen zwar bleich, mit spitzem Kinn, dünnem Hals, eingefallenen Backen und mehr oder minder verschwundenem Busen, doch seelenvergnügt wieder. Die Frischeste und Hübscheste von ihnen, die ich durch Zufall noch ein paar Schritte weit ins Leben hinein mit meinen Blicken verfolgen konnte, war binnen dreier Jahre durch dieses Treiben so verbraucht, daß man sie welk nennen konnte. Wer dies beobachtet hat, wundert sich nicht mehr darüber, daß man in gewissen großen Warenhäusern eine Viertelstunde lang unter Hunderten von jungen weiblichen Angestellten auf und nieder schreiten kann, ohne auch nur einer einzigen wirklich hübschen Figur, einem einzigen wirklich frischen Gesicht zu begegnen. Wenn auch diese früh schon erschöpften Zierden der Großstadt noch Begleiter und Bewerber finden, so liegt das allein daran, daß die Verkommenheit des männlichen Geschmacks mit dieser unliebsamen Entwicklung gleichen Schritt gehalten hat.

Die wirtschaftlichen Notwendigkeiten, so schwer sie ins Gewicht fallen mögen, dürfen uns darum nicht hindern, biologisch zu denken. Und der Biologe, der keine Parteibrille trägt, wird sein Urteil dahin zusammenfassen: Das Berufsleben der Mädchen beeinträchtigt oder verhindert die zum Ausreifen nötige Unberührtheit, verleitet zum Herumflattern nach Schluß der Arbeit, spannt ab und greift an. Nur ländliche Berufsarbeit hat in sich selbst viel Gesundes. Hingegen befinden sich Fabrikmädchen und Ladnerinnen, erfahrungsmäßig nicht alle, wohl aber die Mehrzahl, binnen weniger Jahre durch loses Leben in einem Zustande, daß der Freier schon beide Augen zudrücken muß. Schöne, vollreife, unschuldige, ausgeruhte Mädchen trifft man jedenfalls im Berufsleben selten, weit öfter gerade da, wo die verhöhnte alte Hauswirtschaft noch nicht völlig verkommen ist, sondern den daheimbleibenden Mädchen ein hinreichendes Feld zur Betätigung bietet.

Sehr getrübt wird leider die Erkenntnis dadurch, daß ein allerkleinster Kreis fortwährend im Namen des Volkes redet und seine persönlichen Stimmungen oder Verstimmungen der Gesamtheit andichtet. Ich kenne die einschlägigen Gedankengänge genau, und es klingt ja ganz herrlich, wenn in tiefgründigen Untersuchungen über die funkelnagelneue »Gesellschaftsform« uns das neue deutsche Mädchen angepriesen wird. Wie rückständig die Nationen, deren Männer immer noch heiraten, um Nachwuchs zu haben, während es doch weit nötiger wäre, die Frauen als Geschlechtswesen endlich in Ruhe zu lassen und ihnen vielmehr eine »ihren individuellen Neigungen entsprechende Lebensführung« zu ermöglichen! Aber abgesehen von der Überheblichkeit, mit der unsere Mütter, unsere Großmütter als »Kameradinnen« abgelehnt werden – sie konnten keine sein, denn sie hatten ja noch keine Schreibmaschine, somit keinen »Beruf«, nicht wahr? – abgesehen auch davon, daß gewiß nur in äußerst seltenen Fällen ein Akademiker sich den Zuspruch seiner Frau gerade im Berufsleben herbeiwünscht oder, wenn er ihn durchaus schon genießen muß, ersprießlich findet, genügen ein paar trockene Zahlen, um die Ansprüche einer zwar lauten, doch nichtsdestoweniger verschwindenden Minderheit auf ihr wirkliches Maß zurückzuführen. Es wurden im Jahre 1911 in Deutschland gezählt: ganze 212 324 höhere Töchter, dazu noch 22 137 Schülerinnen von Mädchengymnasien und ähnlichen Anstalten, gegen 5,1 Millionen Volksschülerinnen. Diese Zahlen sind für die niederen Schichten insofern noch zu ungünstig, als die Volksschülerinnen ihre Schulzeit meistens mit vierzehn Jahren beendigen, während sie sich bei den höheren Töchtern durchschnittlich bis zum sechzehnten Jahr hinauszieht. Jenes Verhältnis wiederholt sich nun in den weiteren Jahrgängen, so daß man sagen kann: Die niederen Volksschichten überwiegen an biologischer Wichtigkeit die sogenannten höheren Stände um das Zwanzig- bis Dreißigfache. Die Gebildeten dürfen also die Empfindungen, die in ihren Mädchenkreisen herrschen, nicht als maßgebend ansehen. Unter den etwa sieben Millionen reifer und heiratsfähiger, doch noch lediger Mädchen (über sechzehn), die wir in Deutschland haben, verlieren sich die paar höheren Töchter vollständig. Von jenen sieben aber bleibt über eine Million auf den Höfen ihrer Eltern mithelfend als Landarbeiterinnen tätig, eine knappe weitere Million (nach der Berufszählung von 1907) verdingt sich in der Form ländlicher Lohnhilfskräfte, 1,25 Millionen gehen dienen, beschäftigen sich also wieder nur mit Hauswirtschaft; 1,4 Millionen sind in Industrie und Bergbau, eine halbe Million in Handel und Verkehr tätig, nur eine knappe Viertelmillion in den freien Berufen und im öffentlichen Dienst. Im ganzen gibt es unter unseren Ledigen an erwerbenden Selbständigen, Angestellten, Verkäuferinnen, Mithelfenden und Lohnhilfskräften 5,7 Millionen. Zieht man vom Rest die älteren Fräulein ab, die in eigenem Haushalt von ihren Renten leben, so bleibt rund eine Million berufsloser, lediger Haustöchter übrig, zumeist wohl zur Stütze kränkelnder Mütter oder zur Pflege verwitweter Väter, oder in Vorbereitung für einen Beruf, oder auch selber schwächlich und kränklich.

Allein auch von den Berufs tätigen würde die große Mehrzahl herzlich gern zu Hause bei der Mutter bleiben, falls der väterliche Verdienst es zuließe. Denn im Kleinstand, zumal wenn die Mütter vom Lande stammen, ist die Hauswirtschaft immer noch kein leerer Begriff, ist sie noch produktiv; insofern sie Kleider und andere wichtige Bedarfsgegenstände selber herstellt, vermag sie auch einen regeren Geist noch zu beschäftigen. Was diese Mädchen aus dem Hause in die Fabriken treibt, ist kein inneres Ungenügen, sondern der winkende Lohn. Darum erblicken sie in der Fabrik auch kein Dorado, sondern ein lästiges Muß, werden dort auch nicht schöner, kräftiger, begehrenswerter, sondern blasser und müder. Am allerwenigsten teilen sie das Gefühl der höheren Töchter von heute, daß nur außerhalb des Hauses »das lebenspendende Geschehen« sich vollziehe. Ihr sehnlichster Wunsch ist es vielmehr, einen Mann zu heiraten, der es ihnen durch hinlänglichen Verdienst ermöglicht, daheim zu bleiben und sich der Häuslichkeit, dem Aufziehen von Kindern zu widmen.

Hier sind es die verdiensthungrigen, die spargierigen Männer, die antibiologisch wirken. Denn der ärgste Hohn, der bitterste Vorwurf, den ein Berliner Arbeiter gegen seine Frau zu erheben weiß, lautet: sie sitze zu Hause und spiele mit dem Kinde. Das Kind soll vernachlässigt und außer dem Hause Geld verdient werden. Aber die Frauen, die diesem Drängen des Mannes nachgeben, reden sich nicht ein, ihr neuer Beruf sei etwas Hohes und Herrliches, wogegen Hauswirtschaft und Kinderaufzucht vollständig verblaßten.

Die Erkenntnis, daß auch der sehnlichst erstrebte, freudigst errungene Beruf seine Schattenseiten hat und eine entsetzliche Last ermüdenden Alltagskrames zur Bewältigung mit sich schleppt, steht unseren gebildeten Frauen noch bevor. Daß die Fähigsten von ihnen, weil sie nicht gut anders können, gerade solche Berufe auswählen, die von den Männern ohnehin schon überfüllt sind, macht ihr heißes Ringen nur um so tragischer.

*

Innerhalb eines Frauengeschlechtes von sinkender Kraft wird freilich die Mutterschaft ganz von selbst in Verruf geraten; denn hier pflegt sie die letzten Reserven aufzuzehren. An sich braucht sie das nicht, und die Franzosen hatten früher einmal, in gesünderen Tagen, das Sprichwort, daß »das zweite Kind verschönt«. In der Tat kann es keinen erquicklicheren Anblick geben, als ein hübsches junges Weib, das sich für die Zwecke der Arterhaltung noch geeignet hat und nun in der lieblichen Fülle, die die Mutterschaft allen Gesunden verleiht, mit einem blühenden Kindchen auf dem Arme vor uns steht. Viele große Künstler, von Raffael und Murillo bis zu Wilhelm v. Kaulbach, hat dieser Vorwurf gelockt. Besonders die Rundung des Armes und der Schultern, wie auch die mütterliche Hand haben einen Reiz vor jeder Mädchenschönheit voraus.

Allerdings hat es wohl auch früher schon Mütter gegeben, die, als Mädchen frisch und vollsäftig, dennoch auf die Dauer, nach dem zehnten oder zwölften Wochenbett, »verändert«, abgehärmt oder gar krank waren und sich neben dem kräftigen Mann schlecht ausnahmen. Aber notwendig ist das durchaus nicht, wo die biologische Rasse gut war. Die Gräfin Oxford hatte bereits zehn Kinder, als sie einen Byron noch bezauberte, und Maria Theresia ist sechzehnmal niedergekommen, ohne an Üppigkeit einzubüßen oder ihren Ruhm als wunderschöne Frau zu schmälern (Tafel VIII).

Selbstverständlich darf man eine größere Zahl von Kindern doch nur solchen Frauen abverlangen, die gern welche hätten, weil ihnen Tragen und Entbinden leicht fallen. Wo dies zutrifft, braucht auch die Mutterschaft keineswegs als eine Minderung der Schönheit gefürchtet zu werden; ebensowenig das unter allen Umständen empfehlenswerte Stillen. Es führt dem Säugling mit der zweckdienlichsten Nahrung zugleich die kostbaren Schutzstoffe zu, die keine Flasche, keine Ammenmilch liefert; und es fördert durch einen bekömmlichen Abzug zugleich die Rückbildung der wichtigen Organe, die durch die Schwangerschaft eine starke Vergrößerung erfahren hatten, während bei Frauen, die nicht stillen, sich leicht Blutstockungen und Wochenbettkrankheiten einstellen.

In den gebildeten Ständen wurde vor dreißig Jahren vielfach vom Stillen abgeraten, weil es die Schönheit der Brust gefährde. Das ist ein Aberglaube. Wo die Rasse gut ist, verändert das Stillen nichts. Ich habe in meiner eigenen Praxis Frauen gekannt, die, weil sie vom echten deutschen Schlage waren, ihr sechstes oder siebentes Kind noch an die Brust nahmen und dabei die Form junger Mädchen zeigten. Umgekehrt, wo die Rasse verdorben und keine kernige Gewebsfaser mehr vorhanden ist, genügt oft eine einzige Schwangerschaft, um die Reize für immer zum Schwinden zu bringen, als wären sie nie vorhanden gewesen, auch da, wo jede Möglichkeit des Stillens wegen Mangels an Milch wegfiel.

Mörderisch für die Schönheit wirkt es dagegen, wenn man den Frauen das Wochenbett nicht gönnt. In dieser Hinsicht wird gerade auf Bauernhöfen viel gesündigt. Im Urzustande natürlich hat auch eine Frau, die just niedergekommen war, auf ein Zeichen des Häuptlings, daß Gefahr im Anzuge sei, mit der Horde mitrennen müssen, oft meilenweit über Stock und Stein, und hat es durchgehalten. Auch gibt es heute noch an unseren östlichen Grenzen Dienstmädchen, die ihre kleine rassige Frucht unbemerkt austragen, heimlich auf ihrer Kammer, zwischen Tellerspülen und Kaffeemachen, niederkommen, das Kind in den Kasten werfen und an ihre Arbeit gehen, als ob nichts gewesen wäre. Aber diese Fähigkeit verliert sich mit zunehmender Gesittung. Wo die Rasse schon verschlechtert und außerdem die Kost verkehrt ist, sind die Früchte meist viel zu schwer und groß, die Entbindung wird zu einer furchtbaren Quälerei, das verlängerte Wochenbett zur bitteren Notwendigkeit.

Der Bauer auf dem Lande nun will Kinder haben. Zumal die Mädchen bleiben nicht ungern am väterlichen Hof und sind für den Vater billige Arbeitskräfte. Die Bäuerin muß darum gebären und wieder gebären. Aber sie soll auch mitarbeiten, dazu hat der Bauer sie ja genommen; so reißt sie sich oft schon am dritten, vierten Tag vom Lager, um Vorwürfen und Schlägen zu entgehen.

Es gibt nichts, was der Frauenschönheit auf die Dauer so abträglich wäre. Gerade in unseren ländlichen Kreisen, wo wirklich noch kraftvolle, wohlgeratene Mädchen heranwachsen, verblühen sie in der Ehe oft schnell, weil sie zu früh und zu hart nach jedem Wochenbett arbeiten müssen. Wie sehr leider die deutschen Anschauungen, die im Schwange gehen, der biologischen Klärung und Richtung, des Verständnisses für nationale Arterhaltung noch entbehren, kam 1911 deutlich zutage, als im Reichstag die Dauer der Wöchnerinnenunterstützung von acht Wochen auf vier heruntergesetzt wurde.

Aber es gibt in Deutschland nicht nur eheliche Mütter; etwa der zehnte Teil der Kinder (177 056 waren es 1911) kommt unehelich zur Welt. Diese sollten ein ganz besonders wohlgeratenes und schönes Geschlecht abgeben, weil sie fast regelmäßig ihre Entstehung dem echten Rausch gegenseitiger Anziehung verdanken, der Mann feurig, das Mädchen begehrenswert war und beide, in der Vollblust der Jugend, ihr Bestes zur Fortpflanzung herzugeben vermochten. Man weiß, was die Megäre Prüderie alles aufbietet, um diese unschuldigen Kleinen auszurotten, von denen – es ist eine Schande – mehr als ein Viertel schon im ersten Lebensjahr hinwegstirbt. Unter dem gleichen sozialen Druck stehen die unehelichen Mütter zum Schaden ihrer Schönheit, Gesundheit und späteren Zeugungskraft. Der Deutsche bezahlt hier die Versittlichung, auf die er so ungeheuer stolz ist, daß die Ehrfurcht vor dem Heiligtum der Mutterschaft dahinter zurücktrat, mit einer Einbuße an Zukunftsmöglichkeiten.

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Von den sonstigen Beziehungen sozialer Not zur Schönheit kommen in Frage: Hunger, schlechte Luft, zu harte Arbeit, Entziehung von Schlaf und frühe Verführung.

Von diesen Übeln ist der Hunger sowohl der Häufigkeit wie der Strenge nach weitaus das geringste. Nicht nur sind im heutigen Deutschland in gewöhnlichen Zeiten die Menschen, die im Notstande leben, tatsächlich zu zählen, weil an Lebensmitteln Überfluß herrscht, ein hochentwickelter Verkehr für die rechtzeitige Verteilung dieser Fülle sorgt und eine ausgedehnte öffentliche Fürsorge das ganze Land mit ihrem Netz umspannt; sondern achtzehn Milli arden Mark Sparkasseneinlagen, die reichlich zur Hälfte von kleinen Leuten stammen, beweisen mittelbar, daß von Mangel im Deutschen Reich ernstlich nicht gesprochen werden kann. Durch die vielfach laut werdende Klage über angebliche Fleischnot soll man sich nicht täuschen lassen; sie entspringt, abgesehen von politischen Beweggründen, ganz wesentlich einer bedauerlichen Entgleisung der Nahrungsmittelchemie, auf die wir noch zu sprechen kommen. Für die Deutschen früherer Jahrhunderte war Fleisch ein Sonntagsbissen, kein Alltagsgericht, und schon Luther wußte zu sagen, daß die Leute nicht so sehr von Arbeit und Entbehrung, wie »von Topf und Schüssel« krank würden.

Als noch bei jedem Mißwachs infolge dauernd unzulänglicher Zufuhr wirklich viel gehungert wurde, war Brot die allgemeine Sehnsucht, darum klagte auch der junge Bauer, der nach dem Bauernkrieg auf dem Würzburger Markt hingerichtet wurde: »O weh, nun soll ich schon sterben und hab' mich mein Lebtag kaum zweimal an Brot sattgegessen.« Er dürfte ein starker und vollsäftiger Mensch gewesen sein. So stehen mir aus meiner Jugendzeit vier Schwestern als die Hübschesten, Drallsten, Kräftigsten des ganzen Gesindes in Erinnerung, deren Eltern als Instleute so arm waren, daß die Kinder nur wenig zu essen bekamen.

Berliner Bettler pflegen ein tückisches Gesicht zu machen, wenn man ihnen Brot statt Geld spendet. Proletarierkinder hungern gewiß zuweilen, aber nach Wurst, weil sie Brot, Milch und Kartoffeln verschmähen, und es steht außer Frage, daß ihre kommende Schönheit weit gefährdeter wäre, wenn sie jeden Tag mit Fleisch sattgefüttert würden.

Freilich lagen auf dem Lande die Verhältnisse früher einmal insofern günstiger, als auch der ärmste Instmann seine Kuh auf die Weide treiben durfte, deren Milch nicht verkauft, sondern verzehrt wurde, so daß den Kleinen gerade in den entscheidenden ersten Jahren, wo die Konstitution festgelegt wird, ein bekömmliches Aufwachsen zuteil wurde. Hier wird neuerdings manches gesündigt, so daß in Gegenden, die an sich für wohlhabend gelten und es durchaus nicht nötig hätten, jener Begriff Platz greift, der den alten Hunger abgelöst hat und von der neuzeitlichen Wissenschaft »Unterernährung« getauft worden ist. Wo riesige Dampfmolkereien eingerichtet sind und wie mit Zaubergewalt rundumher von allen Milchtöpfen den Rahm ansaugen, wird von unhygienischen Eltern für ein paar Nickel täglich die Gesundheit des kommenden Geschlechts freudig hingeopfert. Die Kleinen müssen sich mit Magermilch begnügen, setzen kein schützendes Fettpolster an und wachsen oft so schwächlich empor, daß im Allgäu zum Beispiel die sinkende Militärtauglichkeitsziffer den biologischen Rückgang zutage gebracht hat.

Städtische Proletarierinnen unterscheiden sich darin vorteilhaft von solchen geldgierigen Bauern, daß sie gern ihr Letztes drangeben, um ihren Kleinen in Ermanglung von Muttermilch wenigstens die bestmögliche »Flasche« zu verschaffen. Doch hier tritt als ein arger Schönheitsfeind wieder die schlechte Luft in Geltung, dieser entsetzliche Brodem überfüllter, enger Wohnräume, wo es für die lufthungrigen Kleinen kein rechtes Ausatmen, keine Blutreinigung gibt. Der heiße Sommer von 1911 hat mit seiner hoch emporgeschnellten Kindersterblichkeit wieder einmal den Beweis erbracht, welch eine grimmige Feindin dumpfe Stickluft ohne Wechsel und Erneuerung für die Kinderwelt bedeutet. Nun stelle man sich vor, daß die ganze Jugend und mehr noch sich in solchen Stuben, auf schmierigen, stinkenden Fluren, auf röhrenförmigen, asphaltierten Hinterhöfen ohne Grasfleck, oder im Großstadtlärm staubiger Straßen, in kohlenrußgeschwängerter Luft abrollt, und es wird klar, welche Stärke der ursprünglichen Veranlagung dazu gehört, um gegen so viel Ungunst einem vorhandenen Schönheitskeim ans Licht zu helfen. Wer etwa eine Berliner Mädchenschulklasse jüngeren Jahrgangs ihren Weg ausflugshalber zum Bahnhof nehmen sieht und sich angesichts dieser kleinen Blindschleichen, die womöglich noch mit dünnen, unlustigen Stimmen ein Lied piepsen, um Fröhlichkeit zu heucheln, die Frage vorlegt: »Sind dies die Träger unserer nationalen Zukunft?«, dem wird gar trübe zu Sinn. Unlängst schritt in der hintersten Reihe einer solchen Schar eine Mitschülerin, die augenscheinlich von außerhalb zugezogen war. Sie überragte die anderen um Haupteslänge, war breit in den Schultern, rosig von Farbe, setzte die Füße auswärts und drückte die Knie durch, ein wohlgewachsenes, frisches Geschöpf, aber verdrossenen Gesichtes. Augenscheinlich galt sie in diesem Kreise für eine Mißbildung und wurde als »Elefantenküken« verhöhnt. –

Gegen Kinderarbeit wird ja im allgemeinen von der Gesetzgebung vorgegangen, aber nicht jeder Haushalt läßt sich polizeilich überwachen. So kann es kommen, daß die Kinder aus der Schule in die Heimarbeit geraten wie aus dem Regen in die Traufe. Statt sich draußen zu tummeln, müssen sie noch stundenlang dem Vater helfen, Spielzeug zu bemalen oder Schachteln zu bekleben. Das gibt dann jene bleichsüchtigen, saftlosen, frühreifen Kinder, an denen unsere städtischen Mädchenschulen leiden und die auch früh schon der Verführung ein williges Ohr leihen.

Sehr selten ist es, daß die Großstadt, die der Jugend so vieles nimmt und zerstört, auch einmal etwas Hygienisches, Emporzüchtendes hergibt. Diesen Fall haben wir zurzeit in Berlin, wo die Asphaltierung zusammenhängender Straßen ein weites Gebiet für unsere Rollschuhläufer geschaffen hat. Vielen von ihnen sind ja auch die Rollschuhe nur ein willkommenes Verkehrsmittel, für den Schulbesuch zum Beispiel. Doch man belausche nur einmal in stilleren Straßen an guten Tagen das Gewimmel jugendlicher Künstler und Künstlerinnen, die sich beim Bogenschneiden in den Hüften wiegen, dieses gegenseitige Haschen und Übertreffen, diese jauchzende, rotbäckige Fröhlichkeit! Aber der Zufall allein hat dieses Aufatmen geschaffen; von irgendwelchen Absichten in ähnlicher Richtung bei gewissen Stadtverwaltungen kann man nur feststellen, daß sie fehlen. Und neben diesem ganz vereinzelten Guten, das absichtlos geschah – wieviel hundert andere Gelegenheiten gibt es, wo die Großstadt mit vollem Bewußtsein den Kinderverderb verschuldet! Die »Pikkolos« in den Gastwirtschaften zum Beispiel sind keine Zwerge von Geburt, es sind zu früh eingespannte Kinder, deren Wachstum durch berufsmäßige Entziehung ausreichenden Schlafes stehen geblieben ist.

Man sieht, es kommt viel auf einmal gegen die Schönheit zusammen. Das Ergebnis heißt zunehmende Häßlichkeit. Von ihr im nächsten Kapitel mehr.


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