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I. Schön und häßlich.


Erstes Kapitel.
Was heißt Frauenschönheit? – Ihr Wert für die Frauen. – Ihr Ansporn für den Mann.

Schönheit als Ausdruck biologischer Hochwertigkeit. – Polarität der Geschlechter. – Schönheit als Frauenvorrecht. – Ansprüche des Hygienikers. – Weibliche Gesundheitsfurcht und männliches Verkümmerungsideal. – Schönheit als Episode. – Urgermanische Schönheit. – Literarische Zeugnisse. – Das schönste Weib als höchster Preis.


Da die Meinungen über das, was schön ist oder für schön gehalten werden sollte, stark auseinandergehen, sei von vornherein betont, daß dieses Buch zwar der Ästhetik nicht entbehren will, doch in erster Linie hygienische Zwecke verfolgt.

Es wird sich also um diejenige Frauenschönheit handeln, die ohne Gesundheit nicht gedacht werden kann. Es beweist nichts, wenn Frauen einem bestimmten Kreise von Männern oder einem bestimmten Kreise anderer Frauen gefallen, sondern sie müssen dem Urteil eines geschulten Hygienikers genügen, der unterscheidet, ob an einer Vertreterin des »schönen Geschlechts« jene Merkmale kenntlich sind, die wir von Musterexemplaren biologischer Tüchtigkeit fordern, oder ob ihr das Urteil »schön« nur durch eine Geschmacksverirrung, durch grobe hygienische Unkenntnis und tiefgesunkene Ansprüche an körperlichen Vollwert erteilt wird.

Diese biologische Auffassung muß auch jedem Ästhetiker zusagen, der sich noch ein Gefühl für Natürlichkeit bewahrt hat. Denn sicherlich sind die Menschen über nichts früher im klaren gewesen, als über das, was ihnen gefiel oder mißfiel, was Lust- oder Unlustgefühle in ihnen weckte, was ihr Begehrungsvermögen anspornte oder kalt ließ.

Auf den frühesten Stufen der Gesittung, wo der Nahkampf um den Besitz der Erkorenen sich noch mit voller Wut austobte, begannen also Frauen deshalb für schön zu gelten, weil sie viel und heftig begehrt wurden. Da jedoch der Mensch ein nachdenkliches Geschöpf ist, merkte er sich die Eigenschaften, um derentwillen jene Kämpfe zumeist entbrannten, fing er an, zu vergleichen, und endete damit, nur die zu begehren, die er durch Überlieferung und Erziehung für schön hielt.

Obwohl dieses Urverhältnis zwischen Mann und Weib im Lauf der Jahrtausende durch zunehmende Gemütsbildung, durch gesellschaftliche Konvenienz und wirtschaftliche Rücksichten zum kleinen Teil veredelt, zum großen Teil verfälscht wurde, ist die geheime Anziehungskraft des Einandergefallens doch längst noch nicht erloschen. Der normale Mann strebt in erster Linie nach Sättigung der Wünsche, die ihn plagen, nach dem behaglichen Gefühl von Sicherung auf der sexuellen Seite, nach der Genugtuung, den Gegenstand seiner Wahl wirklich errungen zu haben. Und weil er durch den natürlichen Instinkt der Arterhaltung zum Werben und Erobern erzogen wurde, bleibt Schönheit die beste Triebfeder, um seinen Bemühungen Ausdauer zu verleihen. Wer auf die breiten Niederungen hinblickt, von denen die biologische Zukunft unserer Nation tatsächlich abhängt, muß zugeben, daß eine durchaus animalische gegenseitige Ergänzung hier die Hauptrolle spielt, weshalb in den Kreisen deutscher Fabrikarbeiter wie deutscher Bauern gewohnheitsmäßig der Umgang zur Ehe führt, nicht umgekehrt. Die immer stärker hervortretende Abneigung unserer gebildeten Männer, eine Ehe einzugehen, beruht wesentlich darauf, daß keine ausreichende Substanz mehr da ist, um den Sinnenrausch, der ehedem zu sozialen Bündnissen führte, zu erzeugen und wachzuhalten, während die jenen Rausch hauptsächlich ablösenden Geldinteressen doch eine gleich starke Anziehung nicht ausüben.

Nun werden vielleicht gewisse Praktiker einwenden: »Schönheit hin oder her; für das, was der neuzeitliche Mensch von seiner Frau verlangt, ist sie wertlos, überflüssig, ein Ballast, ein Schmarotzer. Eine häßliche Frau kann ebensogut kochen und reinmachen wie eine hübsche; der Gemütliche verlangt sinnvollen Zuspruch, nicht ein klassisch geschwungenes Plappermäulchen; der Bauer kann ohne Schönheit an seiner Seite nur desto besser Heu machen, dreschen und misten; der Fabrikarbeiter vollends wird mit ihr weniger zur Sparkasse bringen als vorher, weil eine schöne Frau sich auch putzen will.«

Zugegeben, daß bei einer viel stärkeren Wirtschaftlichkeit als früher die Gedanken des Verdienens, der Kapitalrücklage den Arbeitsmenschen weit mehr beherrschen, so sind es doch drei Gruppen, die sich gegen jede grundsätzliche Herabsetzung des Schönheitswertes wenden sollten: die Hygieniker, die verantwortlichen Staatsmänner und vor allem die Frauen selbst.

Schönheit war bisher das große Frauenvorrecht, auf dem weit mehr, als manche Wortführerin es heute wahrhaben will, die Nachsicht, das wohlwollende Entgegenkommen der Männer für die neuen Forderungen der Frauen beruhten. Schönheit blieb der Inbegriff aller jener Freuden, die der Mann am höchsten schätzte. Es ist ausgeschlossen, daß Männer auf die Dauer die gewünschte Achtung und jenes Entgegenkommen auch Frauen beweisen, die nicht nur außerstande sind, solche Freuden zu gewähren, sondern sie grundsätzlich verwerfen und es ablehnen, die Fähigkeit dazu einem nachwachsenden Geschlecht wieder anzüchten zu wollen.

Als unsere gebildeten Frauen bemerkten, daß die gebildeten Männer sich bei der Gattenwahl mehr und mehr von materiellen, unästhetischen, unbiologischen Beweggründen leiten ließen, war es zwar begreiflich, daß sie sich ohne Ansehung des Mannes noch andere Waffen zu schmieden und mit ihnen im Daseinskampf zu behaupten suchten. Es scheint jedoch, daß Frauen auf diese Weise nur in solchen Ländern etwas Erkleckliches ausrichten, wo sie auf ihr Schönheitsprivileg nicht verzichtet haben, vielmehr gewissenhaft bemüht sind, sich neue Titel für dieses Ehrenrecht zu erwerben.

Aus allen diesen Gründen verdiente der Hygieniker gehört zu werden, wenn er die Schönheit als arterhaltend und staatengründend feiert; wenn er das eingeschlafene biologische Pflichtgefühl aufruft und einen verkommenen Geschmack zu natürlichen Idealen zurückzuführen sucht. –

Was bedeutet nun Schönheit in eines Hygienikers Augen?

Er wird stets durch die Kleider hindurch den Leib selber sehen und sich durch keine Zurichtungen täuschen lassen. Ganz fremd bleibt ihm die krankhafte Auffassung, der ein paar große, sprechende Augen, ein feines Profil, eine moderne Haartracht und ein Pariser Kleid bereits zur Verleihung der schmückenden Beiwörter »schön und interessant« genügen. Er wird aus der federnden Straffheit des Ganges, der Energie aller Betätigungen auf die Tüchtigkeit der Muskelfaser schließen, aus der Rundung des Gesichtes auf Ausgeglichenheit der Umrisse im allgemeinen, aus der Frische der Farben auf Unverbrauchtheit. Niemals werden ihn andrerseits Leichtigkeit und Harmonie der Bewegung für eine offensichtliche Dürftigkeit der Formen entschädigen, stets ihm bei Abschätzung der Schönheit Rumpf und Gliedmaßen in erster Linie, das Antlitz in zweiter Linie kommen. Denn wo geistvoll belebte Züge ein reiches Innenleben verkündigen und dem Manne nach den Mühen des Berufslebens eine willkommene Erholung versprechen, pflegt die Arterhaltung keine Rolle mehr zu spielen. Der Hygieniker geht aber mit dem Staatsmann Hand in Hand, wenn er diejenige Frauenschönheit feiert, die nicht mit ihren Trägerinnen abstirbt, sondern seinem Volk die Zukunft verbürgt.

*

Da stock' ich schon, weil es ja längst klar zutage trat, wie ungünstig die heutige Zeit der Schönheit an sich ist. Strenge Sittenprediger zwar hat es immer gegeben, die den schönen Mädchen nachsagten, daß sie durch zu frühe Beachtung, zuviel Schmeichelei so selbstsüchtig und eitel würden, bis ihre Charakterfehler uns alle Freude über den Glanz der Erscheinung verdürben. Doch diese Verallgemeinerung ist ungerecht, weil viele Beispiele das Gegenteil bezeugen. Als die durch den Maler Gainsborough unsterblich gemachte Herzogin von Devonshire ihre schönen Augen schloß, rühmte wohl der Prinz von Wales (später Georg IV.) rein äußerlich: »Da starb die besterzogene Frau von Großbritannien;« allein der viel tiefere Charles Fox ergänzte dieses Lob also: »Da brach das gütigste Herz von England.« Und vollends die Schönheit, die der Hygieniker anstrebt, ist der Gediegenheit viel zu nahe verwandt, als daß sie tatsächlich nur der Oberflächlichkeit Vorschub leisten könnte. Dennoch liegt unser Hindernis hier leider gerade in der Zunahme an Gesundheit, die zur Schönheit unerläßlich ist.

Gewiß gibt es viele Tausende von Frauen, die sich selber Gesundheit wünschen, vorausgesetzt, daß diese Gesundheit sie zu keinen Leistungen verpflichtet; es gibt andere Frauen, die ganz in althergebrachter Weise gesund sind und Gefallen daran haben; ja es gibt sogar vereinzelte Führerinnen, die, weil sie hygienisch denken lernten, sich in anerkennenswerter Weise dafür einsetzen. Indessen dürfen wir nicht übersehen, daß auch eine breit angelegte Opposition sich bemerkbar macht, über deren zahlenmäßige Stärke die Vorsicht Angaben zurückhält und von der nur das eine feststeht, daß sie dauernd wächst. Sie umfaßt einen großen Teil auch der Bürgerinnen, die gar nicht parteimäßig eingeschworen sind, bis in die Reihen der handarbeitenden Klassen hinein. Es ist eine Art passiven Widerstandes, der nicht will, daß Kraft und Gesundheit als leitender Grundsatz ausgerufen würden. Diese Abneigung ist so scharf, daß schon Backfische unverhohlen die Näschen rümpfen, sobald die Zumutung, kräftig zu werden, an sie herantritt, selbst wenn sie ihr genügen könnten, und wir dürfen versichert sein, daß falls diese Kreise mit ihrem stillen Trotz davon zu überzeugen wären, daß echte Schönheit nur um den Preis hygienischer Anstrengung zu haben sei, weit eher die Losung: »Dann schon lieber zart und weniger gesund!« unter ihnen Anklang fände.

Wie ist das möglich? Ohne irgendwie mit der stattgehabten Entwicklung hadern zu wollen, ohne jede Absicht eines Vorwurfs, nur eben mit Berücksichtigung des Vorhandenen, muß es doch ausgesprochen werden: Es zittert in unserem Frauenlager, und zwar gerade auch soweit es nicht organisiert ist, die geheime Furcht, als ob durch den Besitz kräftiger Gesundheit das neue Mädchengeschlecht ganz von selbst wiederum zu bloßen »Geschlechtswesen« herabgewürdigt und genötigt werden könnte, das ganze eheliche Dasein für Zwecke aufzuwenden, die dem Gefühl vorgeschrittener Frauen von heute zuwider sind.

Wir durchschauen es hier, welch eine furchtbare Feindin wir uns in der Hochzivilisation großgezogen haben, da sie früher oder später Frauen hinstellt, die die Pflichten der Arterhaltung, sofern sie in der selbstverständlichen, sorglosen Weise betrieben würde, die früher einmal in Deutschland üblich war, als ihrer unwürdig ablehnen. Vergebens wendet man ein, daß, wenn es möglich wäre, den heutigen höheren Töchtern die gleiche Tüchtigkeit körperlicher Ausstattung zu verleihen, über die unsere Großmütter noch verfügten, dann die Mutterschaft ja keine Schrecken mehr haben, sondern zum tiefsten Bedürfnis werden, die Schwangerschaft keine Last mehr sein, das Stillen als ein Lohn freudig empfunden werden würde. Der Argwohn bleibt, daß Schönheit nur ein Köder sei, um auf dem Umwege über die Gesundheit das Frauenheer wieder zur unablässigen Volksvermehrung einzufangen. Die bloße Erinnerung schon an diese Tage des Kinderreichtums wirkt peinlich, weil er, zu schweigen von seinen wirtschaftlichen Sorgen, lediglich unter dem Gesichtswinkel des Angeschmiedetseins, der versäumten Gelegenheiten, der Behinderung, in neuzeitlichem Sinne sich weiterzubilden und geltend zu machen, betrachtet wird.

Unter solchen Umständen ist nun ein zwiefaches Verhalten möglich. Entweder man gibt das Spiel der Gesundheit verloren, beschönigt alles, duldet es ruhig, daß kraftfeindliche Gesinnung in immer weitere Kreise nach abwärts, bis zur nationalen Austrocknung, hineingetragen wird, verzichtet auf das Aussprechen jeder nicht ganz angenehmen Wahrheit und schließt seinen Frieden mit der herrschenden Mehrheit. Diesen Weg ist ja ein großer Teil unserer Männerwelt schon gegangen, indem er sich ästhetisch anpaßte. Denn wenn bei den meisten Weltdamen die Frage: »Wie bleibe ich schön?« immer noch gleichbedeutend ist mit der anderen: »Wie bleibe ich mager?«, so ist ein männliches Verkümmerungsideal dieser Richtung liebevoll und unhygienisch entgegengekommen.

Oder man vertraut, unbeirrt von flüchtigen Verstimmungen, auf den endlichen Sieg der Vernunft und läßt nicht davon ab, der Hygiene zu ihrem Recht verhelfen zu wollen, auch wenn ihre Wurzeln bitter schmecken; denn ihre Früchte sind ja süß. Und welchen Druck will man auch ausüben, wenn eine wirklich schöne Person ihr kostbarstes Gut nicht zerstören lassen mag um einer Männerschaft willen, die ihr nicht imponiert, zugunsten eines Gemeinwesens, das ihr Herz nicht gewonnen hat? Der in Sachen der Fortpflanzung aufkommende »Rationalismus« hat ja längst gegen einen aufs neue sich vorwagenden Frauenmißbrauch nur allzu wirksame Waffen geschmiedet. Darum ist es unmöglich, zu glauben, daß von den Müttern, die ihre Kinder lieben, in Deutschland auch nur eine so grausam sein könnte, ihrem kleinen Töchterchen keine Kraft zu wünschen, aus Furcht vor einem bloßen Trugbild und aus Befangenheit in einer bloßen Mode. Denn ob diese Heranblühenden in fünfzehn oder zwanzig Jahren von ihren Freiern für sehr schön oder für minder schön gehalten werden – es gibt Freuden, die einzig sind und gleichwohl selbst unter den Häßlichen nur den Starken und Gesunden zuteil werden, als frohes Aufwachen nach erquickendem Schlaf, Widerstandsfähigkeit gegen Strapazen und Witterungseinflüsse, Drang nach muskulöser Betätigung und jauchzende Lust bei Sport und Spiel, Daseinsfreude mit einem Wort.

Macht sich also die Neigung bemerkbar, Frauenschönheit sozusagen als eine ganz interessante Episode zu behandeln, die jedoch überwunden und für immer abgeschlossen sei, so wird der Hygieniker nur um so kräftiger sein »Mit nichten!« dagegen rufen. Weil das unstillbare Verlangen nach dem Ewig-Weiblichen von Anbeginn männliche Tatkraft, männliche Erfindungsgabe beflügelt hatte, sind Hunderttausende der großartigsten Leistungen in Staat und Kunst auf solchen Urtrieb zurückzuführen. Diesen Trieb in Verruf zu tun, um den Frauen die lästige Verpflichtung zur Schönheit für immer abzunehmen, müßte zu einem langsamen Verdorren der Gesittung selber führen.

Zum Glück liegen für unseren Kampf die Dinge immer noch nicht verzweifelt. Selbst innerhalb unserer besitzenden Klassen gibt es Oasen, wo die alte Überlieferung nicht erloschen ist, die alte leibliche Tüchtigkeit in aller Stille weiterblüht. Auf manchen Gutshöfen, in manchen Kaufmannschaften der Hansestädte wie des Binnenlandes, in vielen Bürgerhäusern der Kleinstädte, soweit sie noch Gärten haben und dem Fabrikteufel nicht verfallen sind, stößt man auch heute noch zuweilen auf Mädchengestalten, die durch Wuchs und Gang, Form und Farbe dem Auge des Kenners wohltun. Nur daß man den Abstand nicht aus dem Auge verlieren und Einzelheiten nicht verallgemeinern darf. Aber wie die Rittergutsbesitzer für Bauern und Dörfler, so geben in den Städten die Gebildeten für die Fabrikarbeiter den Ton an, sie machen die Mode, ihr viel und scharf beachtetes Vorbild wirkt veredelnd oder verschlechternd auf die niederen Schichten.

Darum wenden sich auch diese Zeilen an diejenigen, von denen trotz dem augenblicklichen Mißtrauen gegen die Hygiene dennoch vor andern in Sachen der Schönheit Urteil und Selbstbesinnung zu erwarten sind. Gleich den Einjährig-Freiwilligen, die als die sorgfältigst Auferzogenen sich durch Wuchs und Haltung vor der ganzen übrigen Mannschaft auszeichnen sollten und es tatsächlich auch meistens tun, sollten die Töchter unserer Besitzenden und Gebildeten in Kraft und Anmut allen übrigen Kinderscharen voranschreiten.

Denn germanische Schönheit hat niemals mit Schwächlichkeit etwas zu tun gehabt. Die Mädchennamen Speerlieb, Kampfwalterin, Wolfstraut oder geradezu Hilde (Krieg) waren aus der Wirklichkeit hergenommen. Nicht umsonst erhielten die jungen Frauen Roß und Speer als Morgengabe; sie hatten den kämpfenden Gatten anzufeuern, den getöteten womöglich zu rächen. Denkmäler zwar sind uns leider keine aufbewahrt, um sagen zu können, wie die kimbrischen Matronen aussahen, die, nachdem die Männer gefallen waren, die Wagenburg noch mit ihren urwüchsigen Waffen gegen das römische Schwert verteidigten. Eines genialen Malers Ahnungsvermögen hat uns Thusnelda wiederauferstehen lassen, wie sie gleich einem Götterbild aus anderen Welten, gefangen und doch bewundert, gedemütigt und doch mit abweisendem Stolz, im Triumphzuge des Germanicus einherwandelt. Die aus jenen Tagen stammende, römisch hergerichtete Figur einer Germanin, die jetzt in der Loggia dei Lanzi zu Florenz steht, beweist so viel, daß unsere Urmütter bei aller wilden Kraft von echt weiblichen Formen waren (Tafel II). Dann ist uns erhalten die Gemma Augustea, die den Triumph des Tiberius nach Einverleibung der heutigen deutsch-österreichischen Lande (Noricum), etwa dreißig Jahre vor jenem Triumphzuge des Germanicus, verherrlicht und in Wien aufbewahrt wird (Tafel III). Hier sind unsere Vorfahren, vielleicht mit absichtlicher Übertreibung, in der Haltung der Besiegten dargestellt, und besonders rührend ist eine schöne weibliche Figur, die sich gesenkten Hauptes in ihr welliges Haar greifen und sich wegschleppen läßt.

Damit ist das Bildnerische, das wir für unseren Zweck heranziehen könnten, so ziemlich erschöpft. Aber es bleiben uns, abgesehen von den Kommentaren Cäsars, von dem die hauptsächlichsten Aussagen über germanische Sittenstrenge herstammen, und von der allbekannten Germania des Tacitus hundertfünfzig Jahre später, noch einige sehr wertvolle literarische Belege aus dem vierten und sechsten Jahrhundert. Nach ihrer Niederlage bei Straßburg (357, durch den Kaiser Julianus) wurden viele aus der Heimat fortgeführte Alemannen in Gallien angesiedelt, und als Beutestück erwarb und besang der Dichter Ausonius das Alemannenmädchen Bissula, die ihm wegen ihrer blendendweißen Haut und ihres rosigen Gesichtes ein Wunder zu sein schien. Wie Bürger seine Molly feierte und für »der Liebsten Wange rot und weiß« den Schöpfer pries, ruft im Stolz des Besitzes Ausonius:

»Müßtest schon, Maler, dir mengen die purpurne Rose, die Lilie
Und mit den Farben daraus versuchen dies duftige Antlitz!«

Bissula stammte von den Quellen der Donau, aus der später so genannten Grafschaft Bar, die durch das ganze Mittelalter hin bis in die Neuzeit wegen der lieblichen Schönheit ihres Frauenschlages gerühmt wurde und aus der sich eines Tages auch Karl der Große seine Herzensgattin Hildegard freite.

Noch kennzeichnender ist das aus dem gleichen Jahrhundert und aus der gleichen Gelegenheit stammende Zeugnis des Ammianus Marcellinus, der ohne tiefere Völkerkunde, doch mit gesundem Wirklichkeitsinn die auch vor jener Alemannenschlacht im längst verweichlichten Gallien angepflanzten Siedler belauschen durfte, die nur germanischer Herkunft sein konnten, und folgende anheimelnde Schilderung von ihnen gibt: »Sie sind fast alle hochgewachsen und von weißer Haut, rothaarig und schrecklich durch ihren wilden Blick, streitsüchtig und von hochmütigem Stolze. Denn falls einer, unterstützt von seiner Frau, die blauäugig und mächtig stark ist, eine Balgerei anfängt, so kann ein ganzer Haufe von Ausländern nicht dagegen standhalten, namentlich wenn das Weib knirschend ihren Kopf in den Nacken wirft, ihre schneeigen Arme wiegt und, mit Fußtritten untermischt, weitausholende Fausthiebe verteilt, so gewaltig, als ob es Katapultenschüsse wären. Sind mehrere zusammen, so tönen ihre Stimmen furchtbar und drohend, ob sie nun bei böser oder bei guter Laune seien; doch alle sind mit gleicher Sorgfalt geputzt und gewaschen, und man wird in jenen Gegenden, besonders bei den Aquitanern, keine noch so arme Frau wie anderwärts in Lumpen sehen.«

Dann wirbelten die Stürme der Völkerwanderung einen germanischen Stamm nach dem andern in die Gefilde der entartenden antiken Zivilisation, und byzantinische Gesandte am Hofe Theoderichs des Großen hatten oft Gelegenheit, den hohen Wuchs, die köstlichen Farben von Haar und Antlitz bei den Ostgotinnen zu bestaunen. Vollends als vor der Mitte des sechsten Jahrhunderts auch das Reich der Wandalen in Afrika, nach kurzer Blüte, durch den byzantinischen Feldherrn Belisar in Trümmer ging, rühmte der zeitgenössische Historiker Prokop, daß Frauen und Töchter der Wandalen von überirdischer Schönheit seien, wie kein Sterblicher sie jemals wahrgenommen habe.

siehe Bildunterschrift

Tafel II. Germanin (Loggia dei Lanzi). Alinari, Florenz.

siehe Bildunterschrift

Tafel III. Gemma Augustea. Aus: Furtwängler, Die antiken Gemmen Giesecke & Devrient, Leipzig.

Der deutsche Mann mag inzwischen oft genug nicht viel besser als ein Bär gewesen sein. Doch treu blieb ihm, von den Tagen des Königs Gunter und des Helden Siegfried bis in die Neuzeit hinein, der Wunsch nach dem Besitz des schönsten Weibes. Der Volksanschauung muß dieser Wunsch so naturgemäß, so zweckvoll, so selbstverständlich erschienen sein, daß wir ihn auch in der deutschen Nationalsage vom Doktor Faust wiederfinden. Diesem Titanen, der sich vermaß, daß die Hölle wohl nicht so heiß, der Teufel nicht so schwarz sei, wie man ihn male, würde alle Erdenlust, die er für seine verpfändete Seele einhandelte, wenig wert gewesen sein ohne die schöne Helena.

So hat auch Goethe seinem geläuterten Faust diesen Herzenswunsch jedes echten Mannes belassen und erfüllt, weil ihm die Vermählung mit Helena, dem Idealbilde von Schönheit und Gesundheit, ein Symbol der Arterhaltung war, eine Verpflichtung zur Kraft. Darum spricht sein Chor:

»Wer die Schönste für sich begehrt,
Tüchtig vor allen Dingen
Seh' er nach Waffen weise sich um;
Schmeichelnd wohl gewann er sich,
Was auf Erden das Höchste;
Aber ruhig besitzt er's nicht:
Schleicher listig entschmeicheln sie ihm,
Räuber kühnlich entreißen sie ihm;
Dieses zu hinderen, sei er bedacht.«


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