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Zwölftes Kapitel.
Schönheitsmittel.

Wahre und falsche Schönheitskunst. – Vollbäder. – Verhalten nach dem Bade. – Antike Badehygiene. – Kräftige und verdorbene Haut. – Sieben Beispiele für Hautmißhandlung. – Von den Seifen. – Fußpflege. – Zweck der Strümpfe. – Kalte Füße. – Wechselfußbäder. – Alkohol für die Haut. – Haarpflege. – Gesichtspflege. – Gereizte Mundhöhle. – Süßigkeiten. – Zahnpflege. – Luftbäder. – Abhärtung. – Gesichtsknetung. – Duschen. – Hand- und Fußpflege.


Die Wege zur Hervorrufung weiblicher Schönheit sind in den vorstehenden Kapiteln beschrieben worden. Der wichtigste von ihnen heißt: gute Abkunft und Wohlgeratenheit. Die drei nächstwichtigen gehen von einem bereits vorgefundenen Schönheitskeim aus und haben seine zweckmäßigste Entwicklung zum Ziel. Sie heißen: frühe Gymnastik zur Befestigung des Muskelsystems; reizlose Kost zur Niederhaltung vorzeitigen Erwachens der Sinnlichkeit; Bewegung an frischer Luft zur Gewebsreinigung und Erzielung gesunden Schlafes.

Dies ist die echte, die erfolgreiche Schönheitskunst. Sie setzt sich, von dem gleichen Geist getragen, durchs ganze Leben fort und bewährt sich, wenn richtig aufgefaßt, bis ins höchste Alter. Die Gesittung hat gewisse Hilfen für sie ausgebildet, an denen keiner, dem es mit der Frauenschönheit Ernst ist, achtlos vorübergehen wird. Bevor wir sie erläutern, muß aber jene falsche, wenn auch im Publikum leider weit verbreitete Künstelei wenigstens gestreift werden, die sich auf die Schwächen der Menschennatur stützt, von Faulheit und Leichtgläubigkeit ihren Zins einzieht und, während sie den Frauen viele Millionen aus der Tasche lockt, zugleich die Ausbreitung der echten, gediegenen Schönheitspflege hindert, die sich mit der Hygiene deckt. »Von allen teuer angebotenen Mitteln zur Erzielung einer ›vollen Büste‹ ist nicht ein einziges imstande, dies zu bewirken, weil auf diesem Wege überhaupt nichts zu erreichen ist,« sagt E. Singer in seinem Buch über »Körperpflege und Körperschönheit«. An ein paar Beispielen sei der Widerstreit zwischen jenen beiden Richtungen schnell erwiesen.

Bekommt ein heranwachsendes Mädchen unreine Haut, so sagt die hygienische Pflege: Man muß dieser Ärmsten die Kost regeln, damit sie nicht mehr so scharfe Säfte hat; und man muß sie lebhafter bewegen, damit jene Schärfen bereits im Stoffwechsel selbst verbrannt werden, so daß die Ausdünstung reiner als bisher und die Haut unbelästigt bleibt. Hingegen sagt die falsche, trügerische Nachhilfe: Das Mädchen soll die Hände in den Schoß legen und auch sonst ihre Lebensweise nicht ändern. Wir wollen ihr eine Salbe auf die Haut streichen, oder sie mit einem Schönheitswasser einreiben; das kostet so und so viel in dem und dem Laden.

Hängt bei heranblühenden Mädchen plötzlich eine Schulter und will sich die Wirbelsäule verbiegen, so sagt die hygienische Pflege: Das kommt vom ungleichmäßigen Muskelzug, weil eine Seite überwiegt. Stärken wir die andere, und die Schultern stellen sich wiederum gleich. Also Klimmzüge oder doch Hängen am Reck; täglich so und so viele Laufschritte mit einem Stab quer durch die nach hinten genommenen Ellbogen, mit vorgewölbter Brust; Zimmerturnen nach Schreber oder Müller! Nein, sagt die falsche Nachhilfe, das Mädchen braucht ein Pariser Korsett mit eisernen Stäben; das kostet so und so viel.

Wird ein Mädchen bleichsüchtig, so sagt die hygienische Pflege: Hinaus mit ihr an die frische Luft! Sport und Gymnastik mögen sie retten, falls es noch Zeit ist! – Nein, sagt die falsche Helferin, das zarte Geschöpf soll nicht auch noch »angestrengt« werden. Sie muß etwas Rot auflegen, das merkt kein Mensch. Hier dies Schminktöpfchen kostet so und so viel.

Solche Gleichnisse lassen sich durch das ganze Gebiet führen, wo nur immer weibliche Schönheit, ob in der Entwicklung gefährdet oder gar schon im Verfall, schleuniger Fürsorge bedarf. Würde mit hygienischer Pflege da begonnen, wo sie am sichersten wirkt, am hoffnungsreichsten ist: in der Kindheit, dann würden nicht so viele Frauen sich später abergläubisch an einen Strohhalm klammern und mit ihrem nutzlos weggeworfenen Geld eine Industrie unterstützen, deren Anzeigenunwesen von jedem Biologen als eine nationale Beschämung empfunden wird.

*

Unter den natürlichen Hilfsmitteln, deren sich die hygienische Schönheitskunst gerne bedient, stehen die Bäder obenan.

Der Mensch badet, sicherlich seit er von den Bäumen des Urwaldes hinabgeklettert war und aufrecht gehen gelernt hatte, mit dem vollen Bewußtsein einer Annehmlichkeit. Gleichwohl steht es mit der kritischen Erkenntnis dieser Annehmlichkeit immer noch sehr schwach; sonst würden die beiden Gegensätze: völlige Vernachlässigung der Bäder auch da, wo sie zu haben wären, und ihre bis zur Sinnlosigkeit übertriebene Anwendung, unter uns nicht so häufig sein.

Um ihren gesundheitlichen Wert für Frauenschönheit richtig zu bemessen, muß man aber schlechterdings durchschaut haben, was überhaupt mit ihnen erzielt werden kann. Da zeigen sich als notwendige Wirkung jedes Vollbades zwei Dinge:

erstens eine Verjüngung der Haut, weil ihre obersten Hornschüppchen unweigerlich zum großen Teil in jedem Vollbade, wenn auch im warmen Bade weit ausgiebiger, verloren gehen;

zweitens eine Allgemeinwirkung, die durch den Hautreiz von seiten des feuchten Elementes ausgelöst wird und sich sofort beim Eintritt ins Bad durch beschleunigten Herzschlag und tiefere Atemzüge, nach dem Bade in dem Gefühl eines kräftig vollzogenen Stoffwechsels und dem Hunger nach Ersatz zu äußern pflegt.

Alle kühlen Bäder haben außerdem für gesunde, blutreiche Menschen, die diesen Reiz nicht etwa durch Übertreibung abstumpfen, eine äußerst bekömmliche Nachwirkung in bezug auf Tatkraft und Arbeitslust. Der Schönheitsfreund, der frisches, energisches Leben vor sich sehen will, wird also für eine dauernde, »tonisierende« Schönheitspflege, die den ganzen Menschen hebt, vorzüglich an freie, womöglich mit Schwimmübungen verbundene Fluß- oder Seebäder denken. Kühle Waschungen müssen sie im Winter ersetzen, doch soll man zarte, reizbare Mädchen von sehr dünner Haut mit Wasser unter 18 Grad Réaumur, mit rauhen, kratzigen Handtüchern und allem scharfen Reiben grundsätzlich verschonen.

Viel hört man vom Reinlichkeitszweck der Bäder, und sicherlich haben sie einen solchen für schmutzige Menschen. Aber ist der Kulturmensch in der Tat so schmutzig? Wälzt er sich täglich irgendwo nackt am Boden, um nachher gerade wegen der wiederzugewinnenden Reinlichkeit ein Vollbad als Rettung zu empfinden? Ich bezweifle das. Einbildungen und Reinlichkeitshypochondrie spielen hier eine große Rolle. Der gebildete Europäer trägt Hemden und sonstiges Unterzeug, das an der Oberhaut seines Rumpfes, seiner Oberschenkel und Oberarme scheuert, so daß die oberste Hornschicht mit allem, was ihr anhaftet, sich in regelmäßigen Zwischenräumen abstößt, und das er, sobald es »schmutzig« wurde, statt seiner selbst in die Wäsche schickt. Gesicht und Hals dagegen, Hände und Füße, die teilweise frei getragen werden, sind zwar dem Alltagsstaub stärker ausgesetzt, dafür aber auch für Waschwasser viel bequemer zu erreichen, als daß sie unbedingt jedesmal eines Vollbades bedürften.

Inwiefern soll nun jene Verjüngung der Oberhaut für die Schönheit Vorteile bieten? Und werden solche Vorteile nicht unter Umständen durch gesundheitliche Nachteile wettgemacht werden?

Den offenbarsten unmittelbaren Schönheitsvorteil bietet das warme Vollbad wohl für solche Ehefrauen, die sich ihrem Gatten angenehm zu machen wünschen. Denn ist ein Weibchen überhaupt, wie man so sagt, appetitlich, dann ist sie es gewiß, nachdem sie ihrer Haut den höchstmöglichen Grad von Zartheit verliehen hat. Indessen kommt man von der Zartheit auch zur Verzärtlung, so daß die Haut zuletzt schwach und anfällig wird, weshalb warme Vollbäder nur mit Vorsicht in gewissen Zwischenräumen angewendet werden sollten, zumal da sie sonst mit der Haut zugleich die Nerven verweichlichen.

Allerdings gibt es auch gewisse Versicherungen, die den Menschen nach einem Warmbade vor Schaden behüten sollen. Am gebräuchlichsten ist eine unmittelbar nachfolgende kalte Dusche, unter deren Tropfen in der Tat die im heißen Wasser überzart gewordene Haut sich wiederum praller zusammenzieht. Jedoch läßt diese Wirkung sehr schnell nach, und gerade die Hautversicherung, die Jahrtausende hindurch üblich gewesen ist, haben wir leider unter dem Einfluß einer überfein gewordenen Zivilisation vollständig verlernt.

Hiermit sind wir an einem entscheidenden Punkt der gesamten Hautpflege, gerade soweit sie durch Hygiene zur Schönheit führen will, angelangt. Um es kurz zu fassen: die Menschen des Altertums waren gewohnt, ihre Haut mit feinen Ölen zu behandeln; der moderne Mensch ist gewohnt, sich zu seifen.

Zweifellos waren die Alten hygienisch im Recht, und wir sind falsch beraten. Denn die Natur würden wir nur dann auf unserer Seite haben, wenn sie die Menschenhaut mit Seifendrüsen besetzt hätte, was nicht der Fall ist. Die Alten ahmten ihr nach; wir, die wir klüger zu sein glauben als sie, haben uns damit ein Heer von Erkältungskrankheiten zugezogen.

Unsere Oberhaut ist ausgestattet mit zwei Arten von Drüsen: Talgdrüsen und Schweißdrüsen. Mit Schweißdrüsen, um uns vor zudringlicher Sonnenbestrahlung zu schützen; die Hitze, die des Naturmenschen Haut gern versengen möchte, muß sich begnügen, den austretenden Schweiß zu verdunsten. Die Absonderung der Talgdrüsen wiederum stärkt und versichert unsere oberste Hülle gegen den störenden Einfluß plötzlicher Temperaturwechsel, heimlich angreifenden Luftzug und gegen Frost. Der Hauttalg ist über die ganze Haut verbreitet, und selbst die allerschönste Frau, die sich bei dem Gedanken schüttelt, sie könnte fettig sein, braucht nur mit einem Stück Seidenpapier über ihre strahlende Stirn zu fahren, um den Beweis vor Augen zu haben.

Vergleicht man gewisse nacktgehende Völker mit uns bekleideten Europäern, so wird man finden, daß die Haut der Wilden derb und spannkräftig ist, weil sich Hauttalg tatsächlich auf ihr befindet und nicht unaufhörlich durch die Kleider abgescheuert wird. Obwohl Rheumatismen zumal in den Tropen, wo die Nächte kalt sind und die Regenzeit manche Überraschungen mit sich bringt, auch unter nacktgehenden Völkern vorkommen, sind diese doch in beneidenswerter Weise frei von sonstigen Erkältungsleiden und werden mit Schwindsucht oder Influenza immer erst durch die Europäer beschenkt, die ihnen Hemd und Hosen bringen. Hingegen ist das Hauptmerkmal eines sich entkleidenden Europäers, wie das Lahmann und Schweninger längst behauptet hatten und der Däne J. P. Müller erst neuerdings bestätigte: eine blasse, blutleere, glanzlose, schlaffe, trockene, das heißt funktionsmüde Haut, die unter der Unvernunft langjähriger Mißhandlung zusammenbrach, so daß unsere äußere Hülle, statt uns wirksam zu schützen, vielmehr zu einem Einfalltor für hundert Schäden geworden ist. Freilich dürfte eine schöne Europäerin einen gesundheitstrotzenden Schwarzen wohl nicht eher mit Fingern anrühren mögen, als bis er hinreichend mit Seife und Bimsstein behandelt worden wäre, so wie sie selbst sich bei dem schaudervollen Argwohn behandeln würde, ihre Haut könnte auch nur im allermindesten durch Hauttalg »verunreinigt« sein. Wir Europäer sind jedoch allesamt geneigt, uns durch ästhetische Vorurteile leiten zu lassen, sind in diesem Punkt infolge böser Gewöhnung dem gesundheitlichen Unsinn verfallen und setzen ihn tagtäglich gegen die Winke der Natur durch.

Unter solchen Umständen ist es mißlich, die einzig richtige Schönheitspflege nach dem Bade zu fordern. Zwar nimmt die Haut in ihre zu stark verdünnte Oberschicht ein wenig Öl mit höchster Dankbarkeit auf. Vierzig Tropfen genügen für den ganzen Rumpf und sämtliche Gliedmaßen; das wäre ein halber Teelöffel voll. Dieses Öl – denn einfaches Baumöl genügt – verschwindet auf der Haut wie Wasser auf heißem Stein, es wird von der Haut geradezu gierig aufgesogen. Die Haut, wenn man nur ein wenig Sorgfalt und ein paar Minuten Geduld anwendet, wird auch nicht fettig, sie wird lediglich prall. Ein zweifelhafter Überschuß irgendwo läßt sich durch Nachreiben mit einem Badetuch leicht beseitigen. In jedem Fall wird man, wenn man das heiße Bad außerhalb der eigenen Wohnung hatte nehmen müssen, das Gefühl der Hautwärme jetzt beim Hinaustreten an die frische Luft nicht sofort verlieren, vielmehr mit dem behaglichen Bewußtsein völliger Sicherung den Heimweg zurücklegen. Umgekehrt haben sich schon viele Menschen, die wegen irgend eines heftigen Katarrhs oder eines Reißens das Schwitzbad einer Anstalt aufgesucht, aber jene Versicherung nach dem Bade unterlassen hatten, auf dem Heimweg erst recht erkältet, weil ihre Haut unter der ersten Anforderung wechselnden Luftdrucks und niedrigerer Außenwärme versagte.

Da nun von den verschiedensten Seiten – unter andern durch Professor Jäger, den bekannten »Woll-Jäger«, schon vor Jahrzehnten – die Behandlung der Haut mit Fett statt der Seifung als vorteilhaft empfohlen worden ist, jedoch alle bisherigen Versuche, ein Badeöl in den Handel zu bringen und unsere Badegewohnheiten gesundheitlich umzustimmen, am Widerstande der feinen Welt gescheitert sind, so wäre dies eine Gelegenheit zu dem schon einmal in den vorstehenden Blättern angebotenen Vergleich: »Macht ihr Erwachsenen, was ihr wollt; aber gönnt uns die Jugend!« Backfischchen haben sich doch noch keinem Gatten angenehm zu machen; sie steigen auch nicht immer aus dem heißen Bad ins Bett, wo nun die Haut, von einer gleichmäßigen Wärmeschicht umgeben, keine besonderen Aufgaben zu bewältigen, vielmehr Gelegenheit hat, ihren verloren gegangenen Hauttalg in aller Stille ein wenig zu ersetzen. Kleine Mädchen legen sich die Leistungskraft ihrer Haut erst an; sie werden im Lauf ihres späteren Lebens ja reichlich Zeit haben, sämtliche feinen Seifen durchzuproben und sich auch am Rumpf mit Seifenschaum die Poren zu verkleben. Jetzt aber ist die Haut noch jung und spannkräftig. Sie hat von der Natur eine sehr reiche Ausstattung mitbekommen; wenn man diese nur verstehen, nur ein wenig üben, sie nicht stetig untergraben, verschwenden, verderben wollte. Mollig dehnt sie sich aus in der Wärme; wie Gummi zieht sie sich vor kühlem Anhauch zusammen, um die Blutwärme vor zu schneller Abgabe zu bewahren. Denn warm unter allen Umständen muß sie selber sein und bleiben, wenn sie arbeiten, wenn sie ununterbrochen jene gasförmigen Zerfallprodukte des Stoffwechsels (Ptomaine, Selbstgifte) weiterleiten soll, die keineswegs nur durch die Poren, das heißt an den Haarbälgen entlang neben Schweiß und Talg, sondern quer durch alle drei Hautschichten und zwischen den letzten Hornplättchen hindurch ihren Weg ins Freie suchen. Eine schnell sich einkältende, blaß werdende Haut vermag diese Unluststoffe nicht mehr zu verdunsten, aus Mangel an zuführendem Blut. Sie bleiben im Kreislauf zurück, erzeugen Fieber und entzünden alle möglichen Schleimhäute, an denen sie jenen Ausweg suchten, den ihnen die kalte Haut versperrt hatte. Der uralte Zusammenhang zwischen »nassen Füßen« und Schnupfen ist, außerhalb der Schulmedizin, heute noch überall bekannt.

Da auch das hübscheste Mädchen durch einen fliehenden Katarrh entstellt wird und vollends alle chronischen Hustenübel der Schönheit abträglich sind, mögen wohlwollende Mütter von Töchtern daran gemahnt sein, daß die sicherste Gewähr gegen solche Belästigung der Schönheit in einer prallen, arbeitsfähigen Haut besteht. Für die dauernde Wärme der Haut aber ist erforderlich ein straffer Blut umlauf, daher eine Art der Bekleidung, die weder Atmung und Bewegung hemmt noch unausgesetzt an der Haut schabt, um ihr den Talg zu nehmen, noch auch so eng aufliegt, daß sie ihre Ausdünstung abriegelt; endlich ein vernunftgemäßer Ersatz des Notwendigen nach eingetretener Verzärtlung in warmen Bädern.

Das Menschengeschlecht hat die Eiszeit überdauert, obwohl es auch damals bereits nackt an die freie Luft hinaus geboren wurde, und deutsche Soldaten haben sich an der Beresinabrücke ihrer Kleider entledigt, sind in den Fluß getaucht, haben die Sachen schwimmend mit einem Arm hochgehalten und sie am anderen Ufer wieder angelegt, ohne sich zu schaden. Hierin liegt die typische Bedeutung des Nackten, dessen Wert für kraftvolle Schönheit vergebens von der Prüderie mit ihren Schleiern zugedeckt wird. Als Probe aufs Exempel seien jetzt noch sieben Beispiele dafür aufgezählt, was entsteht, sobald man die Haut ihrem Zweck entfremdet und sie mit Gewalt untauglich macht.

Die wilden Patagonier gehen nackt und sind gleich andern nacktgehenden Völkern von Lungentuberkulose frei. Die von den Missionaren Bekehrten und Bekleideten verfallen der Schwindsucht. Die nach London oder sonstwohin Mitgenommenen und Zivilisierten, die heimkehren, aber ihren Frack zerschneiden, ihren Zylinderhut als Suppentopf benutzen und wiederum nackt gehen, bleiben gesund Näheres hierüber in dem Buch des einstigen Chefarztes der Hamburg-Amerika-Paketfahrt Daniel Diehl: »An Bord und im Sattel«..

Die grönländischen Eskimos waren gewohnt, sich abends im Zelt ihrer Pelzbepanzerung zu entledigen und nur mit einem Hüftband (nâtit) bekleidet gemeinsam in völliger Harmlosigkeit Luftbäder zu nehmen. Die Ostgrönländer, die das heute noch tun, bleiben gesund; die Westgrönländer, die unter dem Einfluß europäischer Missionare jene Luftbäder, weil sie der Sittlichkeit widersprächen, aufgegeben haben, sterben an Schwindsucht aus. (Vgl. Frithjof Nansens »In Nacht und Eis«, Bd. 1,S. 330ff.)

Rußland mit seiner riesigen Landbevölkerung verliert an Schwindsucht im Jahr 3500 Menschen auf eine Million Einwohner, weil seine Bauern ganze Winter lang in schwülen Stuben auf dem Ofen liegen oder in Pelzen herumhocken; England trotz seiner überwiegend industriellen Bevölkerung verliert nur 1500 Schwindsüchtige jährlich auf die Million, weil dort körperliche Betätigung im Freien allgemein verbreitet ist. – Aus der russischen Armee stammt eine Statistik, laut welcher solche Truppen, die sich, wie Infanterie, Kavallerie, Artillerie und Pioniere, viel in freier Luft bewegen, nur selten tuberkulös werden, indessen Militärhandwerker, -bäcker und -musiker, die sich meistens in geschlossenen Räumen aufhalten, der Schwindsucht zahlreiche Opfer stellen.

In einem deutschen Bundesstaat, dessen Bevölkerung sonst für kraftvoll und vom Industrialismus nur wenig angekränkelt gilt, sterben im Jahr fast 1000 Menschen auf die Million an Schwindsucht (gegen 500 in Ostpreußen), weil in bigotten Kreisen die kleinen Kinder nur noch im Hemd gebadet werden, so daß die wichtigsten Vorteile für die Haut wegfallen, da nackte Menschenhaut als »unsittlich« im Verruf ist.

In der Berliner Konfektion pflegen die »Probiermamsellen« der Pelzhandlungen wahre Prachtmädel zu sein. Aber sie haben das Eigentümliche, daß sie gegen Ende der Zwanziger schwindsüchtig werden, weil sie den ganzen Tag in Pelzen dastehen und von kompensierenden Luftbädern nichts zu wissen pflegen.

In London waren die Tierkomiker eine Zeitlang sehr beliebt, hatten großen Zulauf und fanden viele Nachahmer, bis es ruchbar wurde, daß diese Rollen lebensgefährlich sind, weil ihre Träger binnen weniger Jahre der Schwindsucht verfallen. Wer die Kuh spielte, mußte eine siebzig Pfund schwere Vermummung drei Stunden lang schleppen, durfte sie in den Pausen nicht ablegen, geriet infolge der großen Anstrengung sofort in Schweiß, konnte ihn aber nicht verdunsten.

Ebenso sind die Ritter, von denen Götz von Berlichingen in seinen Lebenserinnerungen berichtet, daß sie mitten in der Schlacht, ohne verwundet worden zu sein, tot vom Pferde fielen, sämtlich an Selbstvergiftung eingegangen, weil an heißen Tagen bei heftiger Kampfarbeit ihre leder- und eisenumhüllte Haut Unluststoffe schlechterdings nicht nach außen abzugeben vermochte. Die älteren Ringpanzer, die eine Ausdünstung durchließen, waren zufällig hygienisch gewesen, die festen Schienenpanzer waren es nicht mehr.

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Jetzt noch ein Wort von den Seifen. Ihre guten Dienste beim Scheuern der Wohnung wie zur Kleiderwäsche haben uns dazu verführt, sie ohne Vorbehalt auf unsern Körper zu übertragen. Mit wirklichem Vorteil wird sie jedoch nur bei den Händen angewendet, die schneller als andre Teile schmutzig werden und an ihrer Innenfläche überhaupt keine Talgdrüsen führen. Die Seife kann hier also nichts Notwendiges wegnehmen wie an der Rumpfhaut, wo nach gründlicher Seifung immer einige Zeit vergeht, bis die obersten, mit eingeriebener Seife durchtränkten Hornplättchen abgescheuert sind und der natürliche Zustand sich wiederherstellen kann.

Gesicht und Kopfhaut vertragen Abseifungen aus dem entgegengesetzten Grunde wie die Hand, weil sie nämlich mit Talgdrüsen übersät sind. Die Nasenhaut, als zum exponiertesten Glied gehörig, führt sie am reichlichsten; nächst ihr sind Stirn und Haarboden gegen Seifungen am widerstandsfähigsten.

Bekanntlich zerfallen die Seifen in flüssige oder Schmierseifen, die gleich der grünen Scheuerseife aus Kali und Fett, und in harte Seifen, die aus Natron und Fett hergestellt sind. Berufsmäßige Wäscherinnen sind sehr zu bedauern, weil sie täglich mit Schmierseifen, die leicht noch Ätzkali führen, herumarbeiten müssen, was manche Hände außerordentlich angreift. Allein auch die harten, gefärbten Seifen, die auf allen Waschtischen des deutschen Volkes liegen, tun dies, wenn das verwendete Fett nicht hingereicht hatte, um alles Natron zu sättigen. Der Name » Fettseifen« ist wohl im Gebrauch, indessen hat er leider nur dazu gedient, das Publikum in den Wahn zu wiegen, daß tatsächlich Fett an die geseifte Haut gebracht werde. Ja, selbst wenn sich in einer harten Seife ein gewisser Überschuß an Fett vorfinden sollte, ist in keiner Weise schon gesagt, daß gerade nun er statt der Seife in die Haut eindringt; und eine Gewähr für die Güte von »Fettseifen« gibt es überhaupt nicht. Drogisten und Apotheker antworten ausweichend mit Achselzucken: das Schäumen der Seife sei durchaus nicht beweisend; einen gewissen Anhalt gewähre nur der hohe Preis, denn je teurer die Seife, desto bessere Fettstoffe seien verwendet worden; außerdem die Marke der Firma. Man kann sich nach dieser Auskunft vorstellen, was für Fette bisweilen zu den billigen Hartseifen verwendet werden mögen, die dann, wohlriechend gemacht, ins Volk gelangen, zu Reinigungszwecken an der Innenfläche der Hände wohl ihren Dienst tun, alle übrige Haut jedoch, auch die des Gesichtes, bei dauerndem Gebrauch schädigen.

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Dringend widerraten muß man die tägliche Seifung der Füße, die nach einer durchaus andern Behandlung förmlich schreien, doch leider umsonst.

Es ist höchst sonderbar, daß der moderne Mensch gegen fühllose Maschinen Barmherzigkeit übt, indem er jedes Rädchen, das sich an andern Rädern dreht, jeden Stempel, der sich (wie bei der Lokomotive) in einer Matrize hin und her schiebt, durch fleißiges Ölen vor Abnutzung sichert, jedoch den von allen Körperteilen meistgescheuerten und geschundenen Füßen diese Behandlung versagt. Gesundheitliche Vernunft in dieser Hinsicht findet man am häufigsten noch bei den Soldaten, die vom Lande stammen, ihre Füße nach altväterischer Weise versichert in die Stiefel stecken und sie auch vom anstrengenden Marsch gesund wieder heimbringen. Wenn ein moderner Stutzer jedoch im Johannesevangelium liest, wie Maria die Füße Jesu mit köstlicher Nardensalbe einrieb, so ist zehn gegen eins zu wetten, daß er sich dabei der Empfindung des Unästhetischen nicht erwehren kann und hartnäckig die Vorstellung ablehnt, daß hier das gesundheitlich allein Richtige geschehen sei, das man so bald wie möglich nachahmen sollte. Allein der Schaden sitzt noch tiefer.

Warum überhaupt tragen wir Stiefel und Strümpfe? Die meisten antworten: sie müßten doch bekleidet sein. Aber wozu? Gewiß nicht, um die Fußhaut leistungsunfähig zu machen und ihre Ausdünstungen abzuklemmen; das wäre ein sehr schlechter Zweck.

In Wirklichkeit tragen wir, zumal in der guten Jahreszeit, jene Kleidungstücke als Staub- und Schmutzfänger, zur Zeitersparnis, weil wir uns nicht fortwährend waschen wollen. Das erste, was im Altertum den Hausherrn bei der Heimkehr begrüßte, war ein Fußbad. So wurde der Gastfreund begrüßt, sobald er die Schwelle betreten hatte, und regelmäßig folgte der Waschung die Ölung, wie man im Homer nachlesen mag. Die Alten schützten, soweit sie nicht barfuß gingen, die Sohle durch Sandalen, ließen aber die Haut des Fußrückens frei, der nun zwar dem Staub der Straße ausgesetzt war, doch unter allen Umständen der sehr wichtigen Ausdünstung der tiefstgelegenen Hautpartie unbehinderten Abzug gewährte. Wir haben keine Zeit zu solchen wiederkehrenden, umständlichen Waschungen und bepanzern uns, was zwar die Reinlichkeit der Füße keineswegs dauernd sichert, sonst aber die schwersten Nachteile mit sich bringt.

Kann doch der Fuß nur so lange hübsch und gefällig bleiben, als die Haut warm ist und ihre Ausdünstung abzugeben vermag. Kalte Füße sowohl wie Schweißfüße widersprechen der Schönheit und sind fast immer als eine Quittung der Natur aufzufassen über Mißbrauch, den entweder die Trägerin selbst oder bereits ihre Vorfahren getrieben haben. Daß chronisch kalte Füße ein so weit verbreitetes Frauen- und Mädchenleiden sind, liefert uns den Beweis, daß die Schönheitspflege der Füße falsch angefaßt war und man endlich umkehren sollte.

Die gesundheitliche Vorsorge bei kleinen Mädchen, die schön werden sollen, besteht hier in folgendem. Die Fußhaut werde, zumal in der guten Jahreszeit, so anhaltend und so ausgiebig wie möglich der freien Luft ausgesetzt. Sandalen sind besser als Schuhe und Stiefel, Strümpfe zu Hause überflüssig und unter allen Umständen schädlich. Erwachsene mögen sie des Schmuckes wie der Zeitersparnis halber anziehen, doch ist auch hier zu bedenken, daß eines nicht für alle paßt. Nur Phlegmatiker von derber Oberhaut pflegen Wolle gut zu vertragen.

Fragt nun der Arzt Patientinnen, die über kalte Füße jammern, welch eine Art von Strümpfen sie denn trügen, so antworten die meisten, und einige nicht ohne Stolz: »Selbstverständlich wollene.« Denn Wolle ist ja »warm«. Der Wollstrumpf gleicht hier leider jenem berüchtigten Spitzbuben, der mit seinem eigenen Steckbrief in der Tasche und auf einem Gaul, den ihm die Behörden gestellt hatten, auszog, um sich selber zu fangen. Die kindliche Haut hat er totgekratzt und kaltgemacht oder in eine solche Aufregung hineingescheuert, daß sie in fortwährenden Schweiß ausbrach; nun wird er als einzige Rettung verordnet und angelegt. »Den Teufel spürt das Völkchen nie,« sagt Mephisto. Trotzdem sollte der Schluß naheliegen, daß, wenn Frauen seit einem Jahrzehnt kalte Füße haben und Wollstrümpfe dazu tragen, der Wollstrumpf jedenfalls nichts hilft.

Aber in welcher Stadt findet sich irgendeine Bahn, wo Damen, deren Hände und Füße sich nicht mehr genügend erwärmen, unauffällig Dauerlauf machen könnten, um ihr Blut besser in Umlauf zu bringen? Hätte auch nur eine einzige Lust hierzu? Daß Männer nur höchst selten über chronisch kalte Füße zu klagen haben, liegt jedenfalls allein daran, daß sie sich, wenn auch längst noch nicht genug, doch immerhin zehnmal mehr Bewegung als unser Frauengeschlecht machen.

Müssen junge Mädchen eines Tages unbedingt Strümpfe tragen, so seien es leichte, glatte Baumwollstrümpfe. Eher mag man Stiefel und Schuhe füttern oder glatte Filzsohlen einlegen oder Zeugschuhe statt lederner tragen lassen, als Wollstrümpfe unmittelbar an die Haut heranbringen. Reizbare Kinder von zarter, feiner Oberhaut eignen sich nie und nimmer dafür.

Ist es notwendig, Kinderfüße der Reinlichkeit wegen zu seifen, so spüle man doch sorgfältig jeden Seifenrest ab. Sehr wohltuend und reinigend auch ohne Seife sind bei Neigung zur Fußkälte sogenannte Wechselfußbäder, bei denen die Füße in Zwischenräumen von etwa einer halben Minute aus recht warmem in kühles Wasser umgestellt werden. Das kühle Wasser muß den Schluß machen, worauf nach Abtrocknung drei bis fünf Tropfen Öl, sorgfältig bis zum völligen Verschwinden eingerieben, der Fußhaut die gewünschte Prallheit und Funktionstüchtigkeit verleihen. Eine solche, wöchentlich vielleicht einmal vorzunehmende Ölung sichert sie am ehesten auch vor dem Ansetzen übermäßiger Hauthornlagen, womit bekanntlich jede Fußhaut auf den tagsüber in den Stiefeln ausgestandenen Druck antwortet. Ebenso wird jede junge Dame, der mit Gehen oder Steigen irgendwelche Anstrengung zugemutet werden soll, guttun, ihre Füße auf diese hilfreiche und wirksame Weise vorzubereiten.

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Manche feine Damen waschen sich ihre Füße mit Kölnischwasser oder sonst einem Spiritus, doch wird ein in kaltes Wasser getauchter Handtuchlappen zur Abreibung selbst für die Achselhöhlen wie für die Schenkelbeugen oder wo sich sonst Schweißreste angesammelt haben und zersetzen könnten, genügen. Für die Füße ist, behufs täglicher, gewohnheitsmäßiger Pflege, Kaltwasser unter allen Umständen dem warmen vorzuziehen, weil warmes nach der augenblicklichen Annehmlichkeit die Haut sofort erschlafft und anfällig macht, kaltes dagegen sie kräftig anregt und in der zweiten Reaktion Blut nach ihr hinzieht, also sie zur Erfüllung ihrer Aufgaben geschickter macht. Alkohol, der ebenfalls Blut nach der Haut lockt, doch eine spröde Haut noch spröder macht und durch seine Schärfe leicht schaden kann, ist zum wiederkehrenden Gebrauch eigentlich nur für den Haarboden empfehlenswert, weil sich hier in der Tat leicht ein Überschutz von Talg ansammelt. Da die Talgdrüsen immer gleichzeitig mit den Schweißdrüsen in Erregung versetzt werden, erhält so der dünnblütige, schnell in Schweiß geratende junge Mensch von der Natur eine Pomade geliefert, die ganz von selber die Haare kräuselt, sie verdickt und glänzend macht. Blonde Studenten von schlichtem Haar haben eine Stunde nach dem Fechtboden oft einen Lockenkopf. Das gleiche findet natürlich bei Mädchen statt, nur daß bei diesen derartige Gelegenheiten durch die ganze, mehr auf Stillstand gerichtete Art der leiblichen Erziehung ungemein selten sind. Schlimm ist nun, daß junge Menschlein bisweilen so stolz auf diese wellige Lockenpracht werden, daß sie es unterlassen, ihre Haare gründlich auszukämmen, aus Furcht, sie könnten zu schnell wieder schlicht werden. In solchen Fällen bleiben die durch den lebhaft abgesonderten Talg verdickten obersten Hornplättchen liegen, oft in ganzen Schichten, und bilden nach der Eintrocknung das, was man »Schinn« zu nennen pflegt. Da gerade die Mädchen mit üppigem Haarwuchs dieser Gefahr ausgesetzt sind, seien für sie die Grundsätze der gesundheitlichen Haarpflege hier angegeben: tägliches Durchkämmen der Haare, zuerst mit einem weitzahnigen, dann mit einem dichteren Haarkamm aus Holz, Horn oder Schildpatt (beileibe nicht Metall); Absuchen des Haarbodens auf Schinn und mechanisches Entfernen der Auflagerungen durch Abkämmen; bei Wiederkehr Waschung des Haarbodens entweder mit reinem absoluten Alkohol (Franzbranntwein) bei sehr fetthaltigen Haaren, oder, falls die Mittel dazu reichen, mit Chininwasser. Bei spröden Haaren aber und ebenso bei Haarausfall, wenn er zum Haarneuwuchs in einem besorgniserregenden Mißverhältnis steht, empfiehlt sich die Anwendung einer alten, volkstümlichen Mischung aus absolutem Alkohol (200 Gramm) und Rizinusöl (8 Gramm), die nützt, ohne zu schaden.

Für die regelmäßige Pflege des Gesichtes ist eine Abbadung mit kühlem Wasser morgens gleich nach dem Aufstehen das wirksamste und gesündeste. Man schließt die Augen, ohne sie zuzukneifen, und bewegt in der Waschschüssel das eingetauchte Gesicht hin und her, bis das Gefühl der Erfrischung nachläßt, worauf man sich abtrocknet. Diese milde Prozedur versagt nie ihre Wirkung und ist absolut ungefährlich, was man von vielen spirituösen Gesichtswässern nicht behaupten kann. Das beste Verfahren, um den Wangen Farbe, den Augen Glanz, der Haut Durchsichtigkeit zu verleihen, bleibt natürlich straffe Bewegung an freier Luft mit der unweigerlichen Belohnung gereinigten Stoffwechsels.

Noch gibt es am Kopf ein wichtiges Gebiet der Schönheitspflege, das sind Zähne und Zunge. Nur darf man sie nicht einzeln fassen wollen, als ob Zähne durch bestimmte, von außen herantretende »Zahnkrankheiten« leidend würden, sondern stets im Zusammenhang mit dem übrigen Verdauungsapparat. Wie die Zähne durch Bearbeitung des Bissens den Verdauungsvorgang einleiten, so werden sie rückwärts auf sympathischen Nervenbahnen oder auch durch aufsteigende Säuren und Gase von allem betroffen, was Magen und Darm in Unordnung versetzt; die ganze Mundhöhle ist in ihrem Gesundheitszustand ohne Ansehung der Leber überhaupt gar nicht zu begreifen. Leute, die durch zu viel Fleisch, zu viel warmes Fett, zu viel scharfes Gewürz, zu starke Getränke, zu schwere Zigarren und sonstige Reizmittel ihre Leber anhitzen, haben stets auch eine fast entzündet zu nennende Mundhöhle mit blauroter Schleimhaut und womöglich gar schon die bekannten, bei Schnaps und beizendem Tabak gedeihenden, weißen Flecken an den Zungenrändern.

Dies ist nun einer der wenigen Fälle, wo man von den therapeutischen Maßregeln her einen sicheren Rückschluß auf die Natur des Leidens ziehen kann. Das gleiche nämlich, was die Leber entlastet, entlastet in solchen Fällen auch die Mundhöhle. Man nehme zum Beispiel irgendeinen Fabrikanten, der aus Geschäftsrücksichten, um Beziehungen zu pflegen, gezwungen ist, öfter als ihm lieb abends üppig zu leben und beim Weine zu sitzen; der zwar einschläft, aber gegen vier Uhr sich fast regelmäßig im Gefühl quälenden Unbehagens ein paar Stunden herumwälzt und morgens mit der schon oben geschilderten Mundhöhle erwacht. Man lege ihn beim Zubettgehen in einen feuchten Leibwickel (nach Lahmann), der durch Verdunstung die Gluten der Leber entläßt, die ganze Verdauung erleichtert, indem er Stockungen entgegenwirkt und zugleich alle möglichen sauren Gase durch die kräftig erregte Haut nach außen führt. Der Mann wird nicht nur zum erstenmal seit Jahren ruhig durchschlafen, sondern morgens mit der Wohltat einer reizlosen Mundhöhle, die er gar nicht mehr für möglich gehalten hatte, an seine Arbeit gehen, ohne umständliche Gurgelungen, die das Übel ganz vergebens von außen anfassen wollen.

siehe Bildunterschrift

Tafel XV. Anna Luise Föse, Gemahlin des Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau,
Nach dem Gemälde von Lisiewsky im Herzogl. Schlosse zu Dessau.

siehe Bildunterschrift

Tafel XV. Philippine Welser. Nach dem Gemälde der Deutschen Schule um 1560 auf Schloß Ambras (Tirol)

Die Zähne junger Mädchen sind zwar weit öfter, direkter und schmerzlicher durch den Genuß zu vieler Süßigkeiten gefährdet, von denen der Zahnschmelz (die harte schützende Hülle) viel auszustehen hat, bis zum Stockigwerden. Doch auch sonstige falsche Kost kann ihre gesamte Mundhöhle in einen Dauerzustand überführen, der mit Fäulnis viel zu viel Verwandtes hat, als daß er Zähne wie Zunge nicht zuletzt in Mitleidenschaft ziehen sollte. In solchen Fällen nützt es nichts, Fischbein zu nehmen und die »belegte Zunge« abzukratzen; denn der Nährboden für die Spaltpilze, die sich dort angesiedelt hatten, wird schon durch die nächsten Mahlzeiten aufs neue bereitet, und unablässig steigen die Gase, die für jene Gärungen die recht eigentliche Atmosphäre bilden, aus dem Unterleib die Speiseröhre herauf, um die Mundhöhle zu belästigen.

Was das Spülen des Mundes betrifft, so ist es kurz vor dem Schlafengehen fast noch wichtiger als morgens, weil tagüber der lösende und neutralisierende Speichel viel reichlicher fließt, nachts dagegen etwaige Speiserestchen, die zwischen den Zähnen stecken bleiben, Zeit haben, in Fäulnis oder, wie Süßigkeiten und Milchgerinnsel, in saure Gärung überzugehen, die Zahnfleisch und Zähne angreift. So seien auch alle Stoffe, die man zu Reinigungszwecken benutzt, neutral wie die viel benutzte feinpulverisierte Holzkohle, oder leicht alkalisch wie die Schlemmkreide (kohlensaurer Kalk). Als Zusätze zu Zahnpasten – von denen vor dem flüssigen Odol besonders Puttendörfers Odontine gebräuchlich und bekömmlich war – sind gewisse Bitterstoffe, wie Myrrhentinktur oder Pfefferminz, dem Zahnfleisch angenehm. Die Zahnbürste sei hartborstig, nicht weich, und bestreiche nicht nur die Vorderseite, sondern auch die oberen Nischen (der Beißflächen) und, soweit sie erreichbar ist, die Rückseite der Zähne. Nie darf so scharf und grob gerieben werden, daß das Zahnfleisch blutet. Denn von ihm aus erfolgt die Versorgung der Zähne mit Ersatzmaterial, weshalb man das Zahnfleisch nicht abstoßen und auch nicht dulden soll, daß angesetzter Zahnstein es langsam loslöst und zurückschiebt. Der Zahnstein (fälschlich Weinstein) gehört wieder zu jenen Schrecken des gesamten Stoffwechsels, die wir als regelwidrige Säurebildungen schon kennen. Wenn bei einem Schlemmer, auf einer Vorstufe zur Gicht, Harnsäureüberschuß im Blute zirkuliert, wenn Achselhöhle und Schenkelbeuge unter der Einwirkung eines diesmal seinen Namen buchstäblich führenden »sauren Schweißes« Neigung zum Wundwerden zeigen, wird auch der Mund, besonders nachts, kohlensauren und phosphorsauren Kalk reichlicher an den Zähnen absetzen. Auch dieser unliebe Vorgang ist durch den schon geschilderten nächtlichen Leibwickel einzuschränken; oder vor dem Zubettgehen durch ein Glas Ofener Bitterwasser, das unerwünschte Säurebildungen des Stoffwechsels gleichfalls kräftig zurückhält, doch leider bei längerem Gebrauch versagt; am sichersten und nachdrücklichsten durch eine vernünftige Ernährung mit reizloser Kost, die zur Bildung solcher Unholde kein Material mehr liefert.

Kann es aber einen lieberen Schmuck für die jungen Mädchen geben als eine lückenlose Perlenreihe von Mausezähnen in einem Munde, der an Reinheit und Frische der Apfelblüte gleicht? Wer seinen Töchtern diesen Schmuck gönnen und verschaffen will, nähre sie mit Milch, Früchten und Brotstoffen, halte aber gewürzte Fleischkost und Süßigkeiten von ihnen fern.

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Es hat bei der seit etwa fünfundzwanzig Jahren durch die Bemühungen der Naturheilvereinler vollzogenen Popularisierung der Hautpflege nicht fehlen können, daß auch sehr bald gewisse Allheilmittel mit Leidenschaft verkündet und überdies noch falsch angewendet wurden.

Obenan steht hier das Luftbad, das im breiten Publikum hartnäckig »Sonnenbad« genannt und gerade durch dieses Mißverständnis um seine großen Vorzüge gebracht wird. Es wird so bezeichnet auch an Tagen, wo gar keine Sonne sich blicken läßt, und scheint sie, so wird es nicht als Luftbad, sondern als Schwitzkur angewendet.

Wäre das Sonnenbad ein Medikament, so würden es die Apotheker unter Sonderverschluß halten und nur auf ärztliche Verordnung abgeben, da es dem Schwitzkasten gleichwertig ist und nur bei gewissen Leiden gute Dienste tut. Sich, so oft es nur geht, nackt in den Sonnenschein zu legen, bis die Bestrahlung Schweiß aus der Haut gezogen hat, ist ein Unsinn. Der wirkliche Zweck der Luftbäder besteht vielmehr darin, sich in Bewegung wechselnden Temperaturen, auch niedrigen bis zu 0 Grad und darunter, und wechselnden Luftdruckverhältnissen auszusetzen, damit die Haut nachher in Kleidern tüchtiger arbeitet und gegen solche Wechsel sich pünktlich ohne störende Neben- oder Nachwirkungen, zum Ausgleich einstellen kann. Denn das Herz ist der alleinige Quell für alle Hautwärme; an Wintertagen im Freien erwärmt das Herz auch die Luft, die die Haut umgibt, und sämtliche Kleider, die ihr anliegen. Die Kleider sind nicht an sich warm, sondern sie »halten warm«, indem sie als schlechte Wärmeleiter, je nach ihrer Beschaffenheit, die Blutwärme nur langsam von der Haut hinweg ins Freie leiten. Das gesundheitliche Bestreben jedes Menschen aber sollte dahin gehen, seiner Haut ganz unabhängig von der Kleidung eine Widerstandskraft zu verleihen, die auch einer kalten Außenluft selbständig zu trotzen vermag. Die Haut kann das, wenn man sie nicht mutwillig schwächt und bricht.

So wurde vor ein paar Jahrzehnten die stolze Antwort eines kanadischen Indianers bekannt, der in seiner Weise das Muster eines Hauthygienikers genannt werden darf. Der damalige Gouverneur von Kanada, Marquis of Lorne, begegnete dem Mann, der mitten im Winter barfuß einherzog und eine leichte Decke mehr zum Schmuck und wegen des Anstandes als zum Schutz um die Schultern gelegt hatte.

Der Marquis, dem es in seinem dicken Pelz kaum noch behaglich war, fragte den braunen Gesellen, ob ihn nicht friere. Der antwortete nach der Weise seines Stammes mit einer Gegenfrage: »Warum nicht Kleid im Gesicht?«

»Ja,« sagte der Marquis, »im Gesicht ist man abgehärtet.«

»Siehst du,« gab der Indianer zurück, »ich überall Gesicht.«

In der Tat sind keine noch so anhaltenden Befeuchtungen der Haut imstande, ein ähnliches Resultat zu erzielen, weil man sich mit Wasser bestenfalls gegen Wasser abhärtet. Aber da nicht jeder von uns täglich in einen Fluß fällt, bleibt es dienlicher, sich gegen etwaige schädliche Einflüsse der Luft an der Luft selbst abzuhärten. Die Vorteile dieser wichtigen Hautübung vermag fast jede Mutter ihrem heranwachsenden Töchterchen, wenn auch in bescheidenen Grenzen, während der Morgenstunde zu verschaffen, tagüber durch Freilassung der Waden und Arme. Die Verbindung des Luftbades mit irgendwelchen gymnastischen Übungen ist ganz besonders ersprießlich. Jedes unverbildete Kind jauchzt und lächelt ja, während es sich mit Eifer die Strümpfe abstrampelt und sein Hemdchen vom Leibe zieht, wenn es dazu schon Kraft genug hat. Leider pflegt die Prüderie, taub für den Wink der Natur, entsetzt herzuzustürzen und schleunigst die landesübliche Verpuppung wiederherzustellen, in der die Haut allmählich verweichlicht. –

Von der neuerdings unter uns aufgekommenen Gesichtsknetung zur Beseitigung von Falten und Runzeln wird wohl stets nur ein sehr enger, begüterter Frauenkreis für seine Schönheit Vorteil ernten. Wo unreine Gedanken und eine lasterhafte Gewohnheit auch dem hübschen jungen Gesicht jene bekannte Längsfalte zu beiden Seiten der Mundwinkel ziehen, sind Säuberung der Phantasie durch Übergang zu reizloser Kost, Leibesübung und milde, kühle Wasserprozeduren jedenfalls dienlicher als Gesichtsknetung, die das Übel nicht an der Wurzel angreift. Die regelmäßige Erneuerung der Frische nach den Anstrengungen des Tages, vollends bei Übermüdung der Augen durch Nachtarbeit, geschieht am besten durch die vorhin geschilderte Morgenschwemme des Gesichts in der Waschschüssel.

Sich den rohen Strahlen irgendeiner beliebigen Dusche auszusetzen, wird nach flüchtiger Aufpeitschung der Nerven sicherlich bald zu Erschlaffungszuständen führen, die mit ihren unzeitigen Schweißausbrüchen beim geringsten Luftdruck auf die Haut sehr lästig werden können. Überhaupt wird im Publikum durch wahllose Anwendung zu scharfer, zu kalter, zu dünnstrahliger Duschen so viel gesündigt, daß in Frankreich, wo man hierin weiter ist, Duschen in Badeanstalten nur nach genauer Dosierung durch einen Arzt in bezug auf Schärfe und Dicke des Strahles sowie Temperatur des Wassers erhältlich sind. Ganz milde, schwache (das heißt mit schwachem Druck an die Haut kommende), langsam tröpfelnde, kühle (nicht kalte) sogenannte »Regenduschen« sind unter allen Umständen auch für die werdende Mädchenschönheit am förderlichsten. Doch muß man genau wissen, ob man derb- oder zarthäutige, widerstandsfähige oder leicht reizbare Kinder vor sich hat. Für diese letztgenannten sind milde, kühle Vollbäder (von etwa 22-24 Grad Réaumur) oder milde, kühle Ganzwaschungen ohne starkes Reiben weit bekömmlicher und Duschen vom Übel.

Was endlich die Wunder der modernen »Manikur« und »Pedikur« anlangt, so sollte eine hygienisch erzogene Jugend ihrer gar nicht erst bedürfen. Jedes saubere Mädchen lernt unter vernünftiger Anleitung schnell, seine Nägel zu pflegen, und ist auch bald im Besitz der erforderlichen Messer, Scheren oder Feilen. Wenn prahlerische Handkneter sich anheischig machen, binnen weniger Wochen die rohe Faust eines Kohlenschippers oder Steinträgers in die gepflegte Hand eines feinen Herrn umzuwandeln, so wird der Kenner sich starke Zweifel vorbehalten.


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