Hermann Heiberg
Aus allen Winkeln
Hermann Heiberg

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Küsse.

I.

Sie hatten sich gegenüber gestanden mit keuchender Brust und sich in dem besinnungslosen Aufruhr ihrer Gefühle Dinge gesagt, die um so stärker verletzten, als sie verrieten, was sich in dem tiefsten Winkel ihres Innern verbarg.

»Das von Dir. Das wagst Du zu sagen!?« Wie zerschmettert war sie in einen Sessel zurückgefallen, und ihre weinende Seele hatte die Fluten hinaufgedrängt in die Augen.

Und er war wortlos auf- und abgegangen, und es gab keine lauten Worte mehr, sondern nur Gedanken, und in jedem saßen Tropfen Reue, und zuletzt waren die Wasser des Mitleids und der Liebe zusammengeströmt, und nur ein Drang saß in seinem Innern, sie wieder zu versöhnen. Aber der Zunge ist das versöhnende Wort häufig gelähmt: Stunden, Wochen, Monde – oft Jahre –.

Der Tag kam und ging, der Mann ein Beamter im Ministerium, verließ morgens die Wohnung und kehrte am Spätmittag zurück. Sie saßen wortlos bei Tisch, jeder zog sich in sein Gemach zurück bis zum Abend, und wenn der junge Rat daheim, war's wie um die Mittagsstunde. Guten Morgen. Gute Nacht, waren Laute, die sie nicht mehr kannten.

Einmal nach Verlauf von acht Tagen, schritt er in den Garten, den man vom Balkonzimmer erreichte. Die Natur lag in dem holden Zaudern des Scheidens.

Noch webte die Sonne sanft zwischen den vielgefärbten Gebüschen. Abendsonnenschein verklärte die Gegend. Als er den Blick dem verlassenen Hause zuwandte, sah er seine Frau gebeugten Hauptes sich einem kleinen Rondel nähern, in dem noch einige Rosen mit matten Farben auf den Stielen schwankten.

Da nahm er den Weg zurück, und seine Arme streckten sich aus, sie an sich zu ziehen.

Thöricht, unnatürlich, qualvoll sondergleichen, aber er konnte nicht sprechen und sie – in dem Glauben er wolle nicht – wagte nicht, wie sonst seinen Hals zu umschlingen.

Am folgenden Tage suchte er sie mittags beim Nachhausekommen im Wohnzimmer. Eine lange, schmale Stickerei für eine Stuhlrückenlehne lag als ob die Frau unerwartet aufgestört und alles lassend, emporgesprungen sei, auf Sessel und Fußboden. Er hob die Arbeit empor und ward erinnert, daß sein Geburtstag sich nahte.

Also war alles in ihr wie sonst! – Ihre Hände mühten sich für ihn, er wußte, wenn ihre Finger sich fleißig rührten, wenn das Auge so schwermütig dreinblickte, daß ihre Gedanken bei ihm waren. Aus Zartsinn verließ er, leise auftretend, das Zimmer. Sie sollte nicht wissen, daß er gesehen hatte, was sie verbergen wollte.

So hatte ein äußerer Umstand eindringlicher zu ihm gesprochen, als tausend Worte es vermochten, und doch, als er ihr gegenübersaß, erstarb ihm wieder jeder Laut.

Stumm und ausdruckslos waren ihre Mienen. Nichts rührte sich darin, was ihn ermunterte.

Am Abend saß sie an ihrem Schreibtisch und schrieb über eine Stunde. Er wußte, der Brief ging zu ihren Eltern, die in einer holsteinischen Provinzialstadt lebten. Ihr Vater war dort ein angesehener, wohlsituierter Justizrat – die Familie war groß, aber sie hielten eng zusammen. Jedes Weh des einen traf den andern, als sei's ihm selbst geschehen.

Er kannte jedes Wort, das sie schrieb, ohne daß er es sah: »Ich liebe ihn, wie immer – deshalb leide ich namenlos!«

Einmal stand er auf. Nun – nun! Er wollte sie umfassen. Da regte sich der Kanarienvogel, dem die Decke über das Bauer auszubreiten, man vergessen, und da sie nun aufstand, unterblieb abermals, wozu seine heiße Seele ihn drängte.

Aber etwas anderes brach einige Tage später die Rinde seines Innern. Ihm träumte, er sei gestorben, und er sah ihren Schmerz. Er war grenzenlos; sie warf sich mit solchen Gebärden der Verzweiflung über ihn, sie schluchzte so herzzerreißend, ihr Auge war so krank, und ihre Seele so wund, so fassungslos war die sonst so vornehm gemessene Frau, daß ihm vor Weh das Herz schmelzen wollte.

Ja, als sie den Sargdeckel zu schließen sich anschickten, schrie sie in solchen Tönen auf, daß er nach abgeschütteltem Traum sich entsetzt emporrichtete, und lange brauchte, ehe er Vorstellung von Wirklichkeit zu trennen vermochte.

Und als sein Blick im Zwielicht des eben sich nahenden, die letzten Dunkel abstreifenden Morgens unwillkürlich zur Seite ging, dahin, wo sie schlummerte, als er das stille, blasse Gesicht, die Hände wie bei einer Toten gefaltet, auf der Bettdecke ruhen sah, als er ihren Atem nicht vernahm, als nun, in der Nachwirkung des Geschehenen ihm der Gedanke kam, sie sei vielleicht nicht mehr unter den Lebenden, da löste sich der Bann, ungestüm drängende Quellen sprangen in ihm auf, und sich zu ihr neigend, umfaßte er ihren Kopf mit seinen Händen und preßte seine Lippen zärtlich auf ihre Lippen.

»Mathilde – Mathilde« – flüsterte der Mann.

Und halb noch im Schlaf, halb aber in bewußter Wonne, ihn endlich wieder zu haben, streckte sie die Arme aus und zog ihn, aufstöhnend vor Seligkeit an ihre Brust und gab den Kuß zurück –

* * *

II.

»Du reisest also wirklich Mittwoch?«

»Ja. und Frau von Bernutz will schon mit dem Mittagszug fort. Ihr Mann wünscht's –«

»Hm –«

»Und wie wird's nun mit Dir?«

»Ich denke am fünfzehnten abzureisen. Wenn die Geschäfte in der Gesandtschaft es erlauben, schon etwas früher.«

»Und es bleibt bei Mentone?«

»Ja!«

»Schreib mir einmal, René!«

»Natürlich – und Du – auch!«

»Ich schreibe zweimal die Woche. Du wolltest mir noch das Reisegeld geben, René.«

»Hier habe ich es schon eingesiegelt. Es sind tausend Mark. Ich denke, damit reichst Du. Im Übrigen, wir sind ja nicht aus der Welt –«

»Nein – Wirst Du bisweilen an mich denken, René?«

»Was ist passiert? Meine Frau wird sentimental?«

Heute nach acht Jahren haben sie jegliches überlästige abgestreift, er geht seinen Weg ohne sie. Aber weil dem so ist, sagt sie:

»Einmal gab's eine Zeit, wo die Frage dir nicht absurd vorgekommen wäre, René. Freilich jetzt, wo Du besseres hast –«

»Sprich doch keine Thorheiten.«

Und da ohnehin die Tafel beendet, steht er langsam, bequem auf, schneidet umständlich pedantisch die Spitze einer Cigarre ab und zündet sie, ein wenig vornübergebeugt, an.

Weshalb sich Erklärungen geben? Weshalb über Dinge sprechen, über die man stillschweigend einen Kompromis geschlossen!?

Und nun wird die achtjährige kleine Natalia, die während der Eltern Abwesenheit zu der Schwiegermutter gegeben werden soll, von der Bonne ins Zimmer geschoben.

Das kalte Gesicht des Mannes nimmt einen völlig anderen Ausdruck an. Er hebt sein Kind empor und umarmt es mit einer Art leidenschaftlicher Bewunderung; er kann sich an dem dunklen Kopf nicht satt sehen, und die Laute, die aus dem Munde des Kindes dringen, erquicken sein Inneres. Auch bleibt er wohl ein Stündchen in den Gemächern seiner Frau, liebkost sein Kind, schwatzt mit ihm und küßt es.

Am nächsten Mittag – eben hat er einen Brief an Fräulein Diana in den Kasten geschoben, in dem er mitteilt, daß »sie« abgereist, und daß er jene abends um sechseinhalb Uhr zum Theater in ihrer Wohnung abholen wird, steht er vor dem Koupee erster Klasse und schwatzt, den hochaufgerichteten Stock in der Paletottasche, mit seiner Frau und deren Freundin. Jetzt aber pfeift der Zug, der Schaffner erscheint eilig und bittet, zurückzutreten. Rasch küßt der Mann die Wange seiner Frau, kühl, gewohnheitsmäßig, wie man mit dem Kopf nickt oder die Schulter zieht.

»Adieu – Adieu. Gute Reise.« –

* * *

»Komm, Munk, Munk!« ruft gerade in diesem Augenblick die kleine Natalia und bückt sich zu dem anhänglichen braunen Teckel mit den auswärts gekehrten kurzen Beinen herab.

Er hat so treue, gute Augen, der Munk. Und heftig greift sie nach dem Kopf des Tieres und drückt ihr süßes Mündchen zärtlich an Deinen Kopf.

Auch das Kind teilt seine ersten Küsse aus. Küsse, Küsse  – –

* * *

III.

Gerade am Tage vorher hat sie ihren siebenzigsten Geburtstag gefeiert. Ihr ist's, als ob noch von dem lauten Gewühl, dem Flurklingeln, dem Beglückwünschen, Knixen, Schwatzen und Verabschieden des unruhigen Tages, von der heißen Enge, dem Gläserklingen, Stühlerücken und bis in die Nacht hinein dauernden Wirrwarr, etwas in der Wohnung zurückgeblieben – trotz der wiedergekehrten Ruhe noch etwas fremdes in den Winkeln sitze, noch immer der Weindunst und der sterbenden Blumen zudringlich dumpfer Duft nicht gewichen sei. Es ruht auf ihrer Seele etwas unstätes, es durchdringt sie ein Unbehagen und eine Unbefriedigung, wie sie sie nur empfunden früher, als sie noch jung war. Leise tastet die Dämmerung an die Scheiben. In den beiden, mit vielen Möbeln, Bildern und netten Kleinigkeiten dicht besetzten Gemächern, die sie bewohnt, wird's allmählich ganz dunkel.

Tiefer lehnt sich die alte Dame in den Sessel zurück, und während ein langer, stiller Seufzer aus ihrer Brust geht, ein Seufzer der Wehmut, daß alles dahin, daß ihr die Tage gezählt sind wie dem Gefangenen, der das Todesurteil der Richter erwartet, kommen die Erinnerungen herangeschlichen und vermehren die Unruhe in ihrer Brust.

Sie war so reizvoll, schlank und morgenschön, daß sie nie anders als »die Rose von Emden« genannt wurde. In Emden ist sie geboren.

Der Mann, der um sie warb Jahr und Tag, Wochen und Monate, war ein junger Baumeister gewesen und sie war dann auch seine Frau geworden. Einst stiegen sie hoch hinauf in einen Kirchenturm, ihre Eltern, er, sie und andere. Er reichte ihr auf den schmalen Treppen die Hand, immer hörte sie hinter sich die Stimmen der übrigen. Aber zuletzt, bei einer Biegung, wo wieder ein freier Absatz, verklang das Geräusch der Schritte unten, und während sie tief aufatmend von des Emporsteigens Anstrengung innehielt, ward ihr bewußt, daß sie nun allein mit ihm in dem fast dunklen Raume stand. Nur von oben drang aus einem der schmalen Mauerfenster gleichsam furchtsam ein Lichtstrahl herab, der etwas Helle gewährte.

Und da sagte er weich und zärtlich: »Rose von Emden ich habe Dich lieb, sehr lieb« und küßte sie auf ihre roten, weichen Mädchenlippen.

Und sie ihn – –

Seitdem sind über fünfzig Jahre vergangen und schon vor zwanzig Jahren ist er ins Grab gesenkt. Sorgenfrei, begütert, blieb sie ohne Leibeserben zurück. Der Mann war gewesen, wie oft die Männer sind, rauh und heftig, aber er besaß doch ein Herz, das verdiente, in einem goldenen Schrein aufbewahrt zu werden. Er hatte ihr durch seine Liebe und die bewundernde Schätzung ihres Wesens so viel Glück bereitet, wie es einem Menschen, der weiß, daß nicht immer die Sonne scheinen kann, nur immer zu werden vermag. –

Auch wird sie nun, während sie gerade das denkt, ruhiger, die gewohnte Sanftmut und stille Freudigkeit zieht wieder in ihr Inneres ein, ja, etwas von Lebenswonne und Lebensdrang erfüllt ihre Brust. –

Das Fräulein, welche die alte Dame bei sich hat, ist fort, sie besucht Verwandte, sie kehrt vorläufig nicht zurück, die Magd rüstet in der Küche das Abendbrot. So, vor Störung sicher, erhebt sie sich, entzündet eine Lampe, setzt eine Brille auf und öffnet einen hohen alten, kunstvoll ausgelegten Schrank, dem beim Öffnen der Duft verblichener Rosen und Lawendel entströmt.

In ihm befinden sich die Erinnerungen ihrer Jugend, und unter diesen sucht sie ein Gedicht hervor, das er ihr schrieb vor fünfzig Jahren:

»Rose von Emden! Jetzt bist Du mein!
Du kannst eines Andern nun nicht mehr sein!
Besiegelt ist durch den heimlichen Kuß,
Daß fürder wir schreiten Fuß bei Fuß,
Daß fürder Dein Herz an dem meinen schlägt,
Daß fürder nur eine Flamme sich regt;
Die lodernde Flamme, mein süßes Kind,
Die aus Funken entfachte der Liebeswind!
Sie brennet vereint, bis der Tod uns trennt,
Bis Gott die letzte Stunde uns nennt!
Doch Rose von Emden bis dahin zur Stund' –
Da küß' ich die süßen Lippen Dir wund!«

Die Augen der alten Frau feuchten sich; sie drückt mit ihren dünnen Lippen einen zitternden, langen Kuß auf das vergilbte Blatt.

Als aber nun eben unerwartet die Thür vom Flur rasch geöffnet und die Gestalt des Fräuleins, eines hübschen blonden Mädchens sichtbar wird, errötet die Greisin, als sei sie bei etwas Verbotenem, Verstecktem, Unrechtem ertappt. Sie schiebt hastig das Gedicht in die Schrankschublade und schließt sie rasch ab. Dann aber lächelt sie über sich selbst und sagt in dem gewohnten, ruhig-milden Ton:

»Schon zurück, Marie? Nun wie wars? – Erzähle!«

Und langsam nimmt sie den Weg zum Sessel, lehnt sich zurück und läßt sich, ihr sanftes Auge erhebend, berichten, was draußen ist. – –

* * *

IV.

Sie suchen nun schon seit dem Mittag. Ihr süßer Junge ist verschwunden. In der ganzen Nachbarschaft ist jedermann befragt. Alle kennen den blondhaarigen Knaben mit dem freien Wesen und den dunklen Augen, aus denen Lebenslust und Herzensgüte strahlen. Alle kennen ihn, obschon in der großen Stadt häufig die Mieter desselben Hauses nicht mehr von einander wissen, als den Namen.

So lange es heller Tag gewesen, haben Mann und Frau noch immer Hoffnung genährt. Als sich dieser aber, unbekümmert um menschliche Vorgänge, um Freude und Leid, und so auch um die schier wahnsinnige Angst dieser Bedrückten, zur Ruhe rüstet, als beim abermaligen Durchsuchen der angrenzenden Straßen das Auge nur noch auf zehn Schritt Entfernung Personen und Gegenstände zu erkennen vermag, da ergreift die Frau ein Gefühl von hoffnungsloser Verzweiflung.

Was kann nicht alles einem Kinde, einem hübschen Kinde in der großen Stadt geschehen?

Und nur einen Anhalt hat man. Der Barbier, der gegenüber wohnt, hat den Knaben mit anderen Jungen gleich nach Tisch spielen und dann sich nach dem nahegelegenen Zoologischen Garten entfernen sehen. Er sei auch, so meinen die Kontrolleure, dort gewesen! Sie glauben es, Sie wissen es indessen nicht bestimmt. Bei den Hunderten, die stündlich kommen und gehen, bei den vielen bekannten Gesichtern verwischen sich die Eindrücke. Jedenfalls ist er dort nicht; wiederholt haben die Geschwister von Max den Garten durchsucht.

Der Mann eilt noch spät auf die Polizei. Er teilt mit, was zu sagen ist. Aber die Leute in dem Bureau besitzen auch keine Augensalbe, die befähigt, dem Blick verborgenes zu eröffnen. Sie können nur versprechen, den übrigen Polizeibureaus telegraphisch zu melden, daß ein Kind verloren gegangen; sie zu ersuchen, daß sie Umschau halten, die sie selbst zusagen.

Inzwischen gestalten sich in der Phantasie der Frau immer schreckhaftere Vorstellungen. Sie sieht ihr Kind in der Gewalt von ruchlosen Menschen, oder es ist von einem Wagen überfahren. Man weiß nicht wohin er gehört, weil er nicht zu sprechen vermag. Fremde sind um das Kind, Fremde, ihm wird nicht die rechte Sorgfalt und Pflege. Er stirbt. – Oder er ist vielleicht schon tot.

Und wenn wieder aufsteigende Hoffnung allmählich so fürchterliche Bilder verwischt, wenn die Gedanken sich zu dem minder schreckhaften, wahrscheinlicheren wenden, bleibt doch immer die Thatsache, daß er nicht da ist, daß er, obschon jetzt die Uhr die siebente Stunde erreicht hat, noch immer auf sich warten läßt!

Und nichts thun können! Was giebt' s in der großen dunklen Stadt mit ihren zahllosen, vom Verkehr durchwogten Straßen, großen Häusern, tiefen Höfen, Kellern und Spelunken für Aussicht auf Erfolg, ein verlorenes Kind zu finden! – –

Einmal, als immer tiefer der Abend sich neigt, als das angstvoll pochende Herz schier zu zerspringen droht, sinkt die Frau auf die Knie nieder und betet: »Barmherziger Gott, gieb mir meinen Knaben zurück! Leg' mir für mein künftiges Leben die schwerste Bürde auf die Schultern, aber mache mich nicht so elend, mir mein Kind zu rauben. Lenke die Herzen der Menschen, daß sie von bösen Vorhaben abstehen, wecke ihr Gewissen! – O guter, gnädiger Gott, hab doch Erbarmen! Du bist ja der Urquell der Liebe und der Barmherzigkeit.«

Sie schnellt empor; sie malt sich aus, welche Wonneschauer sie durchströmen, wenn er wieder vor ihr steht mit dem alten, zärtlichen Ausdruck, mit seinen treuherzigen Mienen, in seiner gesunden Schönheit, mit den weichen, zarten Wangen, die zu streicheln man förmlich fortgerissen wird.

Aber nein! Der Himmel will sie verderben! Ihr Knabe ist fort, sie sieht ihn nie wieder. Noch eine halbe Stunde vergeht, fürchterlichste Qual tobt durch ihre Brust. Ist es möglich? Kann ein Gott so grausam sein! Was that er ihm – was hat sie selbst versehen –?

Plötzlich rafft sie sich auf. Vielleicht, vielleicht kommt er jetzt die Straße herab. – Sie greift nach Hut und Mantel. Sie hält's nicht mehr aus im Hause. Alle sind auch fort, nochmals auf die Suche. Sie steigt die Treppe hinab, öffnet die Thür, wendet sich unschlüssig zur Rechten und Linken.

Aber was ist das? Sie stockt, ihr Atem steigt. – Ein bekannter Ton dringt an ihr Ohr – Ihr Mann steht vor ihr und neben ihm – ein wenig bedrückt, aber mit dem alten, hinreißenden Ausdruck – ihr Knabe –!

O namenlose Seligkeit! Sie kniet nieder auf der Gasse, sie reißt ihn an sich, faßt seinen Kopf in stürmender Leidenschaft, und küßt die weichen Lippen, als ob ein tagelanger Durst sie dem Tod des Verschmachtens nahe gebracht.

»Mein geliebter, mein einziger Junge!«

Und wie ist's gewesen? Ihr Mann erklärts.

»Ein Bekannter hat ihn gesehen und ihn mit sich genommen, damit er bei ihm mit den Kindern spiele!« – Sie hört's, und sie hört's nicht, aber während sie im Hause die Treppenstufen emporsteigen, ergreift beide ein gleiches Gefühl. Sie zeigen sich ohne Worte zu einander und tauschen Küsse, jene Küsse, die nur eine Mutter mit gleicher Innigkeit zu geben, und nur ein Kind zu erwidern vermag.

* * *

V.

»Kommen Sie. Ich bitte. Draußen im Garten ist's herrlich. Der Mond schont so hell und verlockend. Wir kühlen uns im Freien ab; bald führe ich Sie wieder zurück. Wollen Sie?«

Noch einen Augenblick zögert sie, wirft von dem Wintergarten, in dem sie sich befinden, einen Blick in den lichtstrahlenden, von Tanzgästen durchwogten Saal, und folgt dann ihrem Begleiter mit fast ungestümer Lebhaftigkeit in den Garten.

Maria Duoo, die einige Tochter eines früher in Prag ansässigen, in Berlin lebenden reichen Mannes, hat eines jener heiß blassen Gesichter, von denen man das Auge nicht zu wenden vermag. Der Schnitt ist slavisch, das Haar hängt breitgeflochten in einem vollen, blondfarbigen, fast rötlichen Knoten auf den marmorweißen Hals herab, und die tiefliegenden Augen in dem nervös vibrierenden Antlitz haben etwas unruhig leidenschaftliches.

Rittmeister von Zambosi hat eine weichgebräunte Gesichtsfarbe, von der der schwarze Schnurrbart um so dunkler absticht. Er gilt als ein zielbewußter Mann, sein Blick hat etwas kühnes, seine Erscheinung ist aristokratisch.

Schon seit einem halben Jahr erzählt sich die Gesellschaft, daß sich die beiden jungen Leute verloben werden. Der Mann überlegt solches auch wirklich schon seit geraumer Zeit, und sie erwartet, daß er sprechen wird. Und heute reißt es ihn fort. Der Wein, die durch das Tanzen geweckten Sinne beherrschen ihn. Er will mit ihr reden, will in anderer, als in der bisherigen Weise sich ihr nähern. In der flüsternden Sommernacht, im Dunkeln läßt sich alles sagen, es giebt hohe Boskets, in die das Mondlicht nicht hinein dringt.

Maria hat sehr viel erlebt, sie war mit den Ihrigen überall in der Welt, ihr ist nichts fremd, Sie ist bestrickend in ihrer Art, aber frei in ihren Anschauungen, sie findet Geschmack an Abweichungen. Und deshalb beherrscht den Mann, obschon man ihr nichts nachsagen kann, ein Gefühl von Unsicherheit, dasselbe, das ihn bisher abhielt, um ihre Hand anzuhalten. Aber heute erscheint ihm alles an ihr vollendet; der Mensch ist in ihm in Aufruhr. Es muß sich endlich entscheiden.

Als sie tiefer in den Garten hinabschreiten, als sie hinter die dichten Boskets gelangen, dort, wo es jetzt nur einmal leise wispert, sich regt, weil ein linder Abendwind aufgekommen ist, und ein kleines Tier aufgestört ward, aber sonst ein sanfter Schlaffriede die Bäume und Gesträuche umfängt und zauberisch bannt in Einsamkeit, da verringert er plötzlich den Abstand zwischen sich und ihr, streift alle Scheu ab, legt seinen Arm rasch, fest und zärtlich um ihren schönen Leib und flüstert:

»Ich bin Ihnen gut – so gut. Maria –«

Ehrlich, voll und warm, in edler Leidenschaft dringts aus seinem Munde.

Aber als er sich zu ihr neigen will, da hat sie schon mit einem seltsam ihn berührenden Blick sich ihm genähert, drängt den Mund an seine Lippen und küßt ihn erst sanft und mädchenhaft, aber dann – stürmisch, wild – leidenschaftlich – begehrlich. – –

Und er küßt sie wieder, ebenso heiß, verzehrend, voll flammender Glut.

Aber doch nur für Sekunden, dann löst er den Arm, löst sie selbst von seinen Lippen und sagt mit tiefem Ernst:

»Kommen Sie, ich bitte. Lassen sie uns zurückkehren.«

Sie weiß nicht wie ihr geschieht. Sie will aufschreien, ihn umfassen, ihn halten, aber sie wagt es nicht.

Sie fühlt, es ist vergeblich, sie hat ihn – kaum gewonnen, schon wieder verloren!

An diesem Abend hat er sie nicht wieder angesehen und nicht mit ihr gesprochen; er hat sehr bald den Saal, die Gesellschaft verlassen.

Aber fast die ganze Nacht ist er ruhelos in seinem Zimmer auf- und abgegangen und gegen Morgen hat er ihr geschrieben:

»Ich glaube, Fräulein Maria, an der Art, wie sie meine Zärtlichkeit erwiederten, zu fühlen, daß schon andere vordem Ihre Lippen berühren durften. So muß ich wieder von Ihnen scheiden. Ich maße mir nicht an, als Richter über Ihnen zu stehen, ich werfe keinen Stein auf Sie, aber ich fühle, daß ich Sie nicht mehr liebe.

So vermag ich keinen Bund mit Ihnen zu schließen. Verzeihen Sie – mir. – Stets werde ich Ihrer im besten Sinn gedenken. Versuchen Sie, ich bitte, gleiche Empfindungen zu bewahren.

Ihrem Carlos von Zambosi.«

 


 


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