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Dreiundsechzigstes Kapitel.
Das Ende


Die Liebe und Sorgfalt, mit welcher Doktor Flecker einen schwer verwundeten Freund behandelt, hatte wohl vermocht, dessen Schmerzen zu lindern und ihm erträgliche Stunden zu machen; doch war die Kunst des Arztes nicht im Stande, das Leben des edlen Spaniers zu erhalten, und er mußte den Bekannten desselben eingestehen, daß seine Tage nicht nur gezählt, sondern daß ihrer auch nicht mehr viele sein würden.

Der Kranke hatte übrigens zuerst diese Vermuthung ausgesprochen, und die Aussicht, eine Welt voll Trug und Heuchelei verlassen zu müssen, schien ihm nicht im Geringsten schmerzlich zu sein, besonders wenn er sich in der Verfassung befand, ruhig überlegen zu können. Zwischen diesen leichteren und für ihn und seine Umgebung angenehmeren Stunden kamen aber auch jene traurigen Episoden, wo er nach Schwert und Schild rief und wo man ihn kaum mit Gewalt abhalten konnte, sein Lager zu verlassen, um das Schlachtroß zu besteigen und die Dame seines Herzens aus den Klauen blutdürstiger Wüthriche und entsetzlicher Phantome zu befreien. Eigenthümlich war es dabei, daß er sich in den anderen ruhigen Stunden jener Raserei ziemlich bewußt war, nicht nur darüber sprach, sondern auch in der Erinnerung an seine vergeblichen Mühen und Kämpfe lächeln konnte. Aber nicht bloß seine eingebildeten Thaten beschäftigten ihn in solchen Augenblicken, auch seine Abenteuer, die er in gutem Glauben bestanden, gingen alsdann an seinem Geiste vorüber, und er sprach häufig mit dem Armenarzt über diesen Gegenstand.

»Glauben Sie nicht, lieber Doktor,« pflegte er zu sagen, indem er diesem die Hand drückte, »daß es mir den geringsten Kummer macht, was ich in den traurigen Mienen, mit denen Sie mich oft betrachten, über meinen Zustand lese. Meine Zeit, die schon lange vorbei war, ist nun wirklich dahin geschwunden, und ich bin vergnügt darüber, denn ich sehe es wohl ein, daß ich auf eine Art zu wirken versuchte, die nicht mehr für unser Jahrhundert paßt, und die, statt Nutzen zu bringen, nur Verwirrung für meine Freunde und mich erzeugte. Es ist schlimmer mit uns geworden,« setzte er mit einem Seufzer hinzu, »denn unsere Verhältnisse sind so gestaltet, daß es nicht mehr möglich ist, dem Unrecht, das um uns her geschieht, mit offenem Visir entgegen zu treten. Kampf und Waffen haben sich geändert, und wo wir sonst dem wuthschnaubenden Drachen gerade auf den Leib gingen und ihm im glücklichen Falle das Schwert ins Herz stießen, müssen wir uns jetzt, um ihn zu bekämpfen, einen anderen Drachen abrichten, äußerlich jenem vollkommen ähnlich, oder uns selbst in einen solchen verwandeln, der ihn in seinem Schlupfwinkel aufsucht, da er sich nicht mehr ans Tageslicht wagt, und ihn dort, wo er im Finstern schleicht, bekämpfen. Dazu bin ich aber nicht der Mann und mußte deßhalb unter allen Umständen zu Grunde gehen. Wer wagt heut zu Tage noch einen Angriff Mann gegen Mann, Faust gegen Faust? – Wenige mehr. Man greift uns an mit den vergifteten tödtlichen Waffen der Heuchelei, der Lüge, der Verleumdung, und wer sich auf diesem Terrain nicht zu wehren versteht, ist bei aller Ehrlichkeit ein verlorener Mann. Schwert und Lanze waren zu gebrauchen gegen Schild und Rüstung; gegen die Waffen der Schlechtdenkenden aber, die heute mit uns kämpfen, müssen wir uns in den Schafpelz der Scheinheiligkeit, der Heuchelei hüllen und statt der ehrlichen Lanze zur Ab- und Gegenwehr unserem Gegner ein glattes, falsches Wort entgegen schleudern. Es ist das traurig, aber wahr.«

Was den Unfall anbelangt, der den tapferen Spanier betroffen, so schien es ihm unmöglich, sich desselben genau zu erinnern, und dieses war der Moment, wo sich, wenn er darüber sprechen wollte, seine Gedanken zu verwirren anfingen. Daß er einen Feind niedergeworfen, wußte er alsdann ganz genau, wer aber dieser Feind gewesen, das wollte ihm nicht mehr klar werden. Für ihn war dies alsdann in seinen Phantasieen keine bestimmte Gestalt mehr, sondern es war das verkörperte Unrecht, der Inbegriff alles Bösen, dem er eine tödtliche Wunde beigebracht, und wenn er mit halb geschlossenen Augen davon sprach, so konnte er lächelnd sagen: »Das war keine schlechte That, die ich begangen.«

Die still lauernde Gerechtigkeit sah dies aber anders an, und wenn Don Larioz nicht so hoffnunglos darnieder gelegen, so würde man sich um ihn ebenso angelegentlich bekümmert haben, wie um den Gärtner Andreas, der hinter Schloß und Riegel im Vorgeschmack einer sehr ernstlichen Untersuchung sich oftmals seufzend darüber befragte, warum er nicht bei seinen Blumen geblieben.

Das Zimmer, in welchem Don Larioz lag, war ein freundliches und sonniges Gemach, und er liebte es außerordentliche sich in ruhigen Stunden in seinem Bette aufrichten zu lassen, um über die Dächer der Nachbarhäuser hinweg nach den fernen Bergen zu schauen, die anfingen, sich mit dem frischen Grün des jungen Frühlings zu bekleiden. Dem Kranken that Gesellschaft außerordentlich wohl, und es war ihm lieb, wenn es an seinem Lager nie leer wurde. Die Brenner'sche Familie mußte sich förmlich bei ihm installiren, und wenn die Mütter und Margarethe sich ausschließlich seiner Pflege widmeten und diese mit der liebevollsten Sorgfalt versahen, so verbrachte auch der jüngste Sprößling des Jägers alle seine Zeit, die nicht gerade für das Essen und Schlafen bestimmt war, in dem Zimmer des Spaniers. Dabei war es bemerkenswerth, wie namentlich zu gewissen Stunden die Phantasie des Mannes und des Kindes zusammentraf und wie es den Ersteren beruhigte, wenn der Kleine in seine Erzählungen von Riesen und Drachen so bereitwillig einging und dieselben noch furchtbarer darstellte, als sie Larioz sich ausmalte.

Aber nicht nur seine näheren Bekannten und Freunde kamen häufig, um nach ihm zu sehen, sondern auch Andere, die ihm in den letzten Tagen ferner gestanden oder die vielleicht Ursache hatten, sich ihm zögernd zu nahen. So sein ehemaliger Chef, der Rechtsconsulent, der mit den sichtbarsten Zeichen von Rührung an sein Lager trat, einen freundlichen Händedruck mit ihm wechselte, und, indem er erschrecklich tief in seine Halsbinde niedertauchte, mit einer verzweifelten Anstrengung, freundlich auszuschauen, die Hoffnung aussprach, den Kranken bald hergestellt und dann wieder auf seinem Bureau zu sehen.

Don Larioz antwortete darauf durch ein mattes Lächeln und ein leichtes Schütteln mit dem Kopfe. »Wenn ich Ihnen auch für diesen Beweis des Wohlwollens erkenntlich bin,« sagte er, »so werde ich doch dafür danken müssen. – Ich habe mein letztes Wort geschrieben, möchte aber Ihre Freundlichkeit für jene arme alte Person in Anspruch nehmen.« Bei diesen Worten wandte er seine Augen gegen den Tiger, der hinter der Thür stand und mit seiner Schürze das Gesicht bedeckt hielt.

Doktor Plager schluckte heftig, nickte ein stummes Ja und verließ das Zimmer.

Auch Graf Helfenberg kam ein paar Mal bald mit dem Arzte, bald allein, und sein Besuch gewährte dem immer stiller werdenden Kranken eine der glücklichsten Stunden. Der Graf sprach die Hoffnung aus, Larioz bald wieder hergestellt zu sehen, stellte ihm aber alsdann nicht wie Doktor Plager die traurigen Mauern einer Schreibstube als angenehme Zukunft in Aussicht, sondern bot ihm aufs freundlichste einen Aufenthalt auf einem seiner Schlösser an, wo er in der Eigenschaft eines Rechtskundigen seinen Neigungen und Wünschen leben könne, nämlich die Guten beschützen und die Schlechten mit der Schärfe des Gesetzes verfolgen.

In dem Blicke des Spaniers leuchtete auf Momente jenes Feuer wieder, das man in anderen, besseren Tagen an ihm bemerkt hatte, wenn er sich lebhaft für etwas interessirte; er ergriff die Hand des Grafen und drückte sie in stummer Rührung.

»Ich habe mir das genau überlegt,« sagte Helfenberg, der alle Kraft aufwenden mußte, um heiter zu scheinen, besonders da er die sonderbar glänzenden Augen des Armenarztes sah; »und damit Sie im Kreise Ihrer Freunde bleiben, die ich so liebreich um Sie beschäftigt sehe, so habe ich mit dem Baron von Breda die Uebereinkunft getroffen, daß der Jäger Brenner, in dessen Hause Sie sich befinden und der Ihnen mit seiner Familie lieb und Werth ist, die Försterstelle auf meinem Gute Stromberg übernimmt. Sie werden sehen, wie angenehm sich Ihre Zukunft gestalten wird im Kreise von Leuten, die Sie achten und lieben.«

»Ja, ja,« gab der Spanier nach einer Pause mit seltsamem Lächeln zur Antwort, »ich werde in ihrem Kreise leben, das heißt im Kreise ihrer guten und lieben Erinnerungen. Dessen bin ich gewiß.« Er schloß eine Sekunde lang seine Augen, dann öffnete er sie plötzlich wieder und fragte mit lauterer Stimme: »Und Gottschalk, was wird mit ihm?«

»Doktor Flecker hat mich von seinem Wunsche in Kenntniß gesetzt,« erwiderte Graf Helfenberg, »und ich verspreche Ihnen, daß ich mich seiner aufs treulichste annehmen werde.«

»Ihn zu einem ordentlichen und braven Menschen zu erziehen,« sagte der Spanier, wobei er die Hand auf den Kopf des Knaben legte, der still weinend sein Gesicht in die Kissen des Bettes vergrub. »Ich wollte das auch thun,« fuhr er fort, »fing es aber verkehrt an, indem ich ihn in die Mauern der Schreibstube einschloß, die seine ohnehin lebhafte Phantasie durch den äußern Druck, den sie auf dieselbe ausübte, noch mehr entflammte und ihm dadurch schädlich geworden wäre. – Ich habe ihn sehr, sehr geliebt, meinen kleinen Freund, und ich bin glücklich über das Versprechen Eurer Erlaucht. Lassen Sie ihn hinaus aus der dumpfigen Stube, aus der engen Stadt in die weite, herrliche Natur, dort seinen Sinn und sein Herz erstarken, damit er kräftig allen Stürmen des Lebens, die auch ihm nicht fehlen werden, widerstreben kann.« – –

Schon oft hatte sich eine unbekannte Persönlichkeit draußen in der Küche aufs angelegentlichste nach dem Befinden des Herrn Larioz erkundigt. Es war das ein untersetzter Mann mit starkem Haar, krausem, wirrem Barte, lebhaftem Blicke und einer tiefen Baßstimme. Bei den Nachrichten, die täglich schlechter lauteten, war er häufig mit seinen Fingern an die Augen gefahren, hatte sich auch heftig in seinem Barte gekratzt und seltsame Ausrufe gethan, als: »Oh! – den Teufel auch! – kann's nicht begreifen! wehe! wehe!«

Gewöhnlich wurde dieser Mann von einem anderen, kleineren und schmächtigeren begleitet, der ein kurzes Radmäntelchen trug, einen grauen Hut zwischen seinen Fingern zerknitterte und unter blonden struppigen Haaren ein blasses und eingefallenes Gesicht zeigte. Dieser kleine Mann war immer mit den Zeichen bedeutender Angst und Aufregung an der Treppe stehen geblieben, hatte auf die Thür hingestarrt, hinter welcher Larioz lag, und wenn der mit dem krausen Barte in der Küche sein Oh! und Weh! ertönen ließ, so flossen diesem die hellen Thränen über das blasse Gesicht, was dann, wenn der Andere wieder heraus trat, diesen gewöhnlich zu der Bemerkung veranlaßte:

»Ich sage dir, Windspiel, es ist, hol' mich der Teufel, das letzte Mal, daß ich dich mitnehme. Wenn du, der sein Freund war, wie ein Schooßhund flennt, was soll dann ich machen, der mit an dem ganzen abscheulichen Handel die Schuld trägt? Ich sage dir, ich bin in der letzten Zeit wie gerädert, und wenn ich meinen Grabstichel in die Hand nehme, so habe ich, statt auf dem Kupfer herum zu kratzen, die entsetzlichsten Selbstmordgedanken.«

Diesen Beiden begegnete Doktor Flecker eines Tages auf der Treppe, und ihr Benehmen erschien ihm so auffallend, daß er mit ihnen sprach und sie, als er erfahren, was sie hieher treibe, mit sich hinauf nahm.

Dem Kupferstecher Wurzel schlug das Herz bedeutend, als der Arzt in das Zimmer ging und ihm zu folgen winkte. Er trat mit zögernden Schritten ein, und sein sicheres Auftreten, wodurch er als Vorsitzender des berühmten Bundes so außerordentlich geglänzt, ließ ihn hier gänzlich im Stiche. Mit niedergeschlagenen Augen näherte er sich dem Bette, in welchem der Kranke lag, und als ihm dieser seine Rechte entgegen streckte, ergriff er sie mit beiden Händen, beugte sein Haupt nieder und brach in ein lauteres Weinen aus, als das war, welches er dem armen kleinen Kellner schon so häufig vorgeworfen.

»Grüßen Sie mir die Mitglieder des Bundes zum Dolche Rubens,« sagte der Spanier mit einem matten Lächeln, »und wenn Sie nächstens eine Versammlung halten, so gedenken Sie meiner dabei in herzlicher Zuneigung und verfügen irgend etwas zum Besten eines Armen oder Bedrückten; dann will ich hier oder dort mit Freuden der Stunden gedenken, die ich in Ihrem Kreise verbrachte.«

»O traurige Stunden!« sprach der Kupferstecher mit einer Stimme, die ihm häufig vor Rührung überschlug; »sehr traurige Stunden! Aber seien Sie versichert, Don Larioz, die edelmüthige Andeutung, welche Sie mir so eben gegeben, ist auf keinen unfruchtbaren Boden gefallen. Wir wollen den Bund zum Dolche Rubens, der bis jetzt nur in der Einbildung bestand, in eine feste Verbrüderung umwandeln zum Nutzen und Frommen und zu einem Asyl junger und alter Künstler durch heiteres, nutzbringendes Zusammenleben im Austausche guter Ideen.«

Der kleine Kellner hatte sich bis jetzt hinter der Thür gehalten und den Rand seines Hutes in den Mund gestopft, um das ihn krampfhaft überfallende Schluchzen zu unterdrücken. Bei einem neuen gewaltigen Ausbruche aber wandte Don Larioz sein Gesicht nach ihm hin, erkannte ihn augenblicklich, und ein seltsames Lächeln flog über seine Züge. Er richtete sich, von dem Armenärzte unterstützt, mühsam in dem Bette auf, und in seinen Augen zeigten sich auch jetzt wieder Spuren des früheren Feuers.

»Ah!« sagte er mit einem eigenthümlichen Zucken der Finger auf der Bettdecke hin und her, »mein Knappe und Schildträger! Willkommen am Lager des sterbenden Ritters!«

Doktor Flecker beugte sich hinab und blickte besorgt in die Augen des Kranken, doch war der Glanz in denselben schon wieder verschwunden und hatte einem Ausdruck der Heiterkeit und des herzlichsten Wohlwollens Platz gemacht.

Der Spanier fuhr mit seinen zitternden Händen über den Arm des jungen Menschen herab, faßte seine Hand und sagte nach einem längeren Stillschweigen: »Ich wußte wohl, daß ich meinen treuen Gefährten wiedersehen würde, ehe Alles vorbei ist. Es war das von jeher der Brauch, daß der Knappe mit Wehr und Waffen zum Bette seines Ritters trat, ehe dieser die Augen für immer schloß. – So auch – jetzt. – Ohne zu wanken, hast du – an mir gehangen – und hast mir beigestanden – in den gefährlichen – Lagen meines vergangenen Lebens. – Auf dich – vererbe ich meinen Degen, nicht zum Gebrauch – denn die Zeit – ist vorüber – sondern um ihn aufzubewahren – als Erinnerung an – einen treuen Freund. – Als Symbol der Kraft – im Dulden, denn das – ist die beste Waffe in unserer – armen Zeit. – Wenige Auserwählte – – – –«

– – Sein Haupt sank zurück, und Doktor Flecker machte, nach einem neuen prüfenden Blick in das Gesicht des edlen Spaniers, mit thränenden Augen den Freunden ein Zeichen, sich zu entfernen. Er selbst blieb mit Gottschalk und der übrigen Familie des Jägers bei dem Sterbenden.

Einige Stunden darauf, als Larioz ruhig und sanft entschlafen war, verließ der Armenarzt das Gemach, und er war in so tiefen und traurigen Gedanken, daß er nicht einmal daran dachte, seinem kleinen Hunde, der seine Freude über das endliche Erscheinen des Gebieters in höchst unmanierlicher Lebhaftigkeit kund gab, die durchaus nothwendige Zurechtweisung angedeihen zu lassen. Er stieg vielmehr, ohne um sich zu schauen, die knarrenden Treppen hinab und sah erst empor, da drunten an der Hausthür plötzlich die Stimme des Grafen Helfenberg fragte: »Wie steht es dort oben, Doktor?«

Der Armenarzt schüttelte leise den Kopf. »Euer Erlaucht werden mir zugeben,« versetzte er, »daß ich in diesem Fall ein Recht habe, zu sagen: aufs beste! wenn ich mich als Arzt und Mensch auch anders ausdrücken und sprechen muß: es ist vorbei – item er ist todt.«

»Sie haben recht, lieber Freund,« bemerkte der Graf und drückte die Hand des Andern, die er ergriffen, herzlich in der seinen; »wie der Spanier einmal war, – so allem, wie er seinen wunderlichen Weg ging, mußte der Tod für ihn das beste sein, so schmerzlich wir den Mann auch vermissen werden.«

Das Auge des Doktors war inzwischen auf seinen vierbeinigen Begleiter gefallen, der eben nicht abgeneigt schien, mit einem vorübertrabenden Pudel eine flüchtige Bekanntschaft anzuknüpfen, nun aber, da er bei einem Seitenblick die Stirn des Gebieters gerunzelt und den Arm mit dem Stock drohend erhoben sah, klüglich zurückeilte. »Das wollte ich dir auch gerathen haben, du Kreatur!« murmelte der kleine Mann, und indem er jetzt erst das Gesicht wieder zum Grafen Helfenberg erhob und dessen Worte aufnahm, sagte er: »Euer Erlaucht wollen mir verzeihen, daß ich ausspreche, was ich im Sinn habe, – es klingt nicht fein, – aber Sie werden mir zugeben, daß es richtig ist. Ich dressiere nun an der Kreatur da seit einigen Jahren schon herum und kann ihr noch immer nicht die alte Natur, den Eigensinn und Eigenwillen abgewöhnen – item, die Kreatur bleibt eine Bestie. Unser todter Freund dort oben,« fuhr er, die Achseln zuckend, fort, »war freilich ein Mensch, aber die alte Natur, die verwünschten Gewohnheiten, die abenteuerlichen Einfälle steckten so tief in ihm, wie in der kleinen Bestie hier die ihren, und spotteten seiner eigenen bessern Einsicht und des Raths und der Ermahnungen seiner Freunde. Ich habe ihn lange gekannt, Euer Erlaucht, ich verkehrte viel mit ihm, denn er interessirte mich, ich nahm Theil an ihm, item, ich hatte ihn lieb, den thörichten Gesellen. Sie glauben nicht, welche Mühe ich mir mit ihm gegeben, wie ich auf ihn eingeredet, wie ich versuchte, ihn Vernunft und Mores zu lehren, ihm all den vertrakten Unsinn aus dem Kopf zu schaffen, den er sich hineingesetzt. Wie oft hab' ich ihm gesagt: »Verehrter Don, Ihr seid, salva venia, obstinat, item, wie eins von Euren andalusischen Maulthieren! Item, Ihr werdet nichts als Unannehmlichkeiten und Noth von all diesen Dingen haben!« – und Euer Erlaucht werden mir zugeben, daß ein Mensch mit Fug und Recht aus der Haut fahren könnte, wenn nach all seinen vernünftigen Reden und Vorstellungen der Andere dann seine große Nase stolz erhebt, die ächte Don-Miene aufsetzt und ernst zur Antwort gibt: »Die alten Ritter haben auch nicht an ihr Glück und ihre Ruhe gedacht, Doktor, sondern nur an Ehre, Ruhm und Recht. Das hat man vielfältig erlebt.«

Sie waren von der Thür fort getreten und gingen langsam die schmale Straße entlang, wo sich in der jetzigen Stunde kein anderer Mensch sehen ließ; der Graf mochte noch nicht den ihm so lieb gewordenen Arzt verlassen, hinter dessen aufgeregten und barschen Worten er ohne Mühe die tiefe Erschütterung erkannte, welche derselbe vom Sterbelager seines langen Freundes mit sich davon trug.

»Und das Verwünschteste ist,« sprach jetzt plötzlich Doktor Flecker heftig, und blieb stehen und stieß hart mit seinem Stock aufs Pflaster, so daß der Hund erschreckt von einem Kehrichthaufen hinter seinen Herrn zurückflog, »das Verwünschteste ist, daß in all dem Unsinn dennoch eine Art von Sinn steckt, daß der obstinate, todte Gesell dort oben für all seine Hartnäckigkeit doch einen Grund hatte, bei all seinen vertrakten Ansichten und Extravaganzen in einem gewissen Recht war. Man möchte des Teufels werden!« setzte der cholerische Mann mit einem neuen Ausstoßen des Stocks hinzu, und fuhr dann ebenso lebhaft fort: »Euer Erlaucht müssen mir schon zugeben, daß ich in meiner Stellung allerlei zu sehen kriege, wovon ihr andern Menschenkinder euch nichts träumen laßt, gräßliche Noth, gräßliches Elend, Laster und Schlechtigkeit, so daß man die Menschen verachten und hassen möchte. Denn sie toben gegen sich selbst und gegen einander wie die Thiere und ärger als dieselben. Man möchte krank werden vor Ekel – selbst unser Einer – und vor Verdruß und Verzweiflung aus der Haut fahren, wenn man steht, wie sie leben, wie sie ringen, wie sie zu Grunde gehen oder zu Grunde gehetzt werden. Aber der Teufel soll mich holen, wenn ich es treiben möchte wie Don Larioz, unser edler Ritter – und anstatt gegen die leibliche Noth, gegen die geistigen Schäden, gegen das innere Elend der Menschen ankämpfen müßte. Das ist der Krebsschaden, Euer Erlaucht, der reine Krebsschaden, item unheilbar! – Und wenn ich an all die Formen denke, unter denen er austritt, von denen die eine immer gräßlicher als die andere! Die Unredlichkeit und Falschheit, die Treulosigkeit und Unbarmherzigkeit, die Frechheit und Selbstüberhebung, Mißgunst, Verleumdung, Heuchelei, Neid, Eigennutz – Schmutz, nichts als Schmutz, was ich nenne, wohin ich sehe, greife! Es kann Einem die Haut schauern! Da thäte uns freilich ein Ritter noch, der mit Schwert und Lanze unerbittlich daraus einstürmte, oder ein Arzt, dessen Messer schonungslos Hineinschnitte in das wilde Fleisch. Das wär' ein ander Amt, da wär' ein anderer Lohn zu verdienen, als für unser Einen! – Aber der Arzt schreibt nicht auf einem Bureau, der sitzt nicht im Grafenschloß, noch auf dem Königsthron, noch in der Welt. Item, der haust dort oben im Himmelreich und heißt unser Herrgott und steuert den Erdenbäumen, daß sie nicht zu ihm emporwachsen. Und nun wirst du das auch schon wissen, tapferer Don!« setzte er abbrechend mit einem seltsamen Lächeln hinzu.

Sie waren jetzt auf dem Blumenmarkt angelangt und der Arzt blieb stehen, fuhr sich, nachdem er den Hut abgenommen, über die Stirn und sagte: »Euer Erlaucht wollen mir all das Geschwätz verzeihen. Aber diese Narrheiten haben das Ueble, daß in ihnen stets etwas Ansteckendes ist. Wie käme ich sonst dazu, mir wie Don Larioz Gedanken über das zu machen, was mich Gott sei Dank nichts angeht?«

Der Graf drückte ihm die Hand. »Sehe ich Sie heute noch, Doktor?« fragte er herzlich.

»Ja – ich werde wie immer kommen,« erwiderte der Armenarzt, und nach einem freundlichen Gruß gingen sie auseinander.


Wenige Tage später schritt Jemand langsam, stumm und in sich gekehrt durch die enge Gasse, in welcher das Haus lag, das wir verlassen. Dieser blieb vor dem kleinen Laden stehen, an dessen Fenster die gleichen Spielwaaren aufgestellt waren, deren wir schon vor einiger Zeit gedacht, und betrachtete einen Moment die bunten hölzernen Figuren, die Bären und die Affen, die mit ihren stieren Augen in ewiger Verwunderung auf die Straße blickten, die gestern und heute so hinaus schauten, wie sie es nach Jahren noch eben so machen werden, wenn sie unterdessen nicht verkauft und zerbrochen worden sind. »Das bleibt sich alles gleich!« seufzte der Mann vor dem Laden; »nur in unserem Leben der ewige, traurige Wechsel! Es wäre wahrhaftig ein Glück, wenn man auch so einige Jahre, alles vergessend, in die Welt hinaus starren könnte und dann wieder erwachen ohne alle Erinnerung.«

Er wandte sich um, warf einen Blick an die Häuser hinauf und trat in einen weiten Thorbogen, der unseren Lesern bekannt ist; er ging die alte knarrende Stiege hinauf, bei den staubigen, halb erblindeten Fenstern vorüber in den zweiten und dritten Stock; dort blieb er stehen, blickte fragend umher und trat endlich in ein kleines Zimmer, dessen Thür halb geöffnet war. Hier, in dem ärmlichen Gemache, fand er eine alte Frau; sie hatte ein paar hölzerne Stühle und einen alten Tisch an die Wand gerückt; auf letzterem lagen Kleidungsstücke: ein großer Mantel, ein Hut, neben diesem ein langes spanisches Rohr. Obgleich das Zimmer, wie schon gesagt, klein und ärmlich war, so machte es doch keinen unfreundlichen Eindruck, denn das einzige große Fenster war weit geöffnet und liest einen ganzen Strom von Sonne und Licht hereinstrahlen.

Der Fremde trat ein, als sich die alte Frau gerade damit beschäftigte, ein Portrait, welches umgekehrt an der Wand gestanden, abzuwischen und alsdann zu betrachten. Um ihre Aufmerksamkeit zu erregen, hustete er leicht, worauf sie sich rasch umwandte und dann ausrief: »Das hat mich erschreckt! ich hätte beinahe das Portrait fallen lassen.«

»Hier wohnt die Familie Brenner?« fragte der Fremde; worauf die alte Frau erwiderte: »Ja wohl, aber eigentlich da drüben, hier wohnt Niemand mehr. Daß dich! – du lieber Gott! – der, welcher vor ein paar Tagen hier war, ist dahin gegangen, von wo man nicht wieder kehrt.«

»So bin ich im Zimmer eines kürzlich Verstorbenen?« fragte düster der Fremde. »Wohnte hier vielleicht jener Mann, dessen Portrait Sie in der Hand halten?«

»Ob es sein Portrait ist, weiß ich nicht, aber geglichen hat es ihm sehr.«

Der Mann, der eben eingetreten, näherte sich dem Tische und betrachtete das Bild.

»O ja,« sagte er nach einer Pause, »ich habe ihn gesehen, vor kurzer Zeit noch. – Er ist todt? – Ihm ist wohl!«

»O ja, es wird ihm wohl sein, denn er war ein braver Mann,« entgegnete die Frau, wobei sie sich keine Mühe gab, ihre Thränen zurück zu halten, die ihr über die eingefallenen Wangen flossen. »Eigentlich ist er umgebracht worden,« fuhr sie nach einem kurzen Stillschweigen fort, »von dem Gärtner eines vornehmen Herrn. Der wird aber auch seinen Lohn noch bekommen.«

»Wer? der Gärtner oder der Herr?«

»Meinetwegen Beide; doch wäre es mir lieber, sie hätten ihren Lohn früher, erhalten, dann lebte vielleicht der arme Mann noch.«

»Der Ansicht bin ich auch,« sprach der Fremde, worauf er mit dem Kopfe nickte und hinzufügte: »Also da drüben wohnt die Familie Brenner?«

Er ging auf die bezeichnete Thür zu, klopfte an, und als man Herein! rief, trat er in das Zimmer.

Frau Brenner saß in der Fensternische unter dem Kanarienvogel, der lustig schlug. Sie hatte ein schwarzes Kleid an, und vor ihr stand das kleine Bübchen, welches sich vergeblich bemühte, das uns wohlbekannte alte hölzerne Pferd, dem nun aber alle vier Füße fehlten, zum Stehen zu bringen. Die blasse Frau fuhr fast erschrocken von ihrem Sitze empor, als sie den Eintretenden erblickte, der sich ihr aber freundlich näherte und die Hand reichte, indem er sprach: »Ich muß Sie doch zum Abschied begrüßen, um Ihnen zu sagen, daß ich mich recht sehr über die Veränderung freue, das heißt: freue für Sie, denn mir thut es aufrichtig leid, einen treuen Diener, wie mir Brenner seit langen Jahren war, zu verlieren.«

»Ach, auch ihn hat es recht geschmerzt, gnädiger Herr,« sagte die Frau, »und uns alle. Wir konnten uns nur darein finden, als mein Mann sagte, Sie wollten vielleicht ein paar Jahre abwesend sein und deßhalb Ihre Dienerschaft anderweitig versorgen.«

»So ist es,« gab George von Breda zur Antwort. »Wie ich schon vorhin bemerkte, so ist dieser Wechsel für Brenner ein angenehmer. Sollte es ihm je einmal nicht gefallen, was ich aber nicht glaube, oder sollten Sie sich nach der Stadt zurücksehnen, so steht ihm mein Haus später immer wieder offen. Das verspreche ich Ihnen.«

»O, wie gut Sie sind, gnädiger Herr!« rief die Frau aus, und darauf wandte sie sich rasch nach dem Fenster, wobei sie mit der Hand ihre Augen verdeckte, – ihre Augen, mit denen sie in das so sehr ernst gewordene bleiche Gesicht des Barons forschend geblickt.

»Ich möchte auch gern Ihrer Mutter einen guten Tag sagen,« sprach dieser. »Kann ich zu ihr eintreten?«

Frau Brenner nickte stumm mit dem Kopfe und ging alsdann voran nach der Thür des Nebenzimmers, die sie öffnete, und dabei sagte: »Der Herr Baron von Breda kommt, nach dir zu sehen, Mutter.«

Die ehemalige Kammerfrau der Gräfin Eller saß wie immer in ihrem Stuhle, machte aber beim Eintreten des Barons eine Bewegung, als ob sie es versuchen wollte, sich zu erheben; doch legte ihr Herr von Breda sanft seine Hand auf die Schulter, indem er sie bat, mit ihm, dem langjährigen Bekannten, keine Umstände zu machen. – Eigentlich sollte ich sagen,« fuhr er fort, während er einen Stuhl nahm und sich der Frau gegenüber niederließ, »Ihren Bekannten vor langen Jahren, denn es ist eine tüchtige Zeit her, daß wir uns nicht mehr gesprochen.«

Wenn auch der Baron bei diesen Worten lächelte, so war dieses Lächeln doch ein sehr erzwungenes. Er blickte in der kleinen Stube umher und dachte dabei an sie, die vor Kurzem erst hier gewesen, und dann erinnerte er sich aufs lebhafteste jenes Tages, wo er drunten auf- und abgegangen, während es sich hier oben begeben, so ganz anders, als er gefürchtet, und doch in seinem Resultate wieder trauriger für ihn, als es sich die regste Phantasie nur hätte ausmalen können. – Da hatte sie gesessen, vielleicht auf derselben Stelle, wo er sich befand; hier hatte sie in die schönen klaren Augen der alten Frau geblickt und des Grafen Worten gelauscht. – Aber nicht mit der Liebe, sprach er zu sich selber, wobei sich seine Brust unter tiefen Athemzügen hob, mit welcher sie an mich gedacht. Ich hätte nicht geglaubt, daß mir das einen solchen Trost gewähren würde.

Die Fenster standen der angenehmen Witterung wegen offen, und als George von Breda nach einer langen Pause aus seinem tiefen Nachdenken erwachte, zeigte er auf einen Kastanienbaum vor dem Fenster, der in geschützter Lage schon anfing, seine frischen grünen Blätter zu entrollen, und sagte: »Ihnen wird die Veränderung angenehm sein, die der Familie bevorsteht; Sie werden auf dem schönen Stromberg wohnen zwischen freundlichem Grün, umgeben von Blumen, in angenehmer Erinnerung der glücklichen Tage einer früheren Zeit. – Denken Sie auch zuweilen daran?«

»Ob ich daran denke!« entgegnete die alte Frau. »Was bliebe mir in der Einsamkeit so vieler Stunden, wenn ich sie nicht mit freundlichen Gestalten bevölkerte! – Neulich war ich glücklich,« setzte sie lebhaft hinzu. »Da trat die Vergangenheit aufs lieblichste verkörpert hier in mein kleines Stübchen.«

»Ja, ja, Eugenie war hier,« sprach der Baron, wobei er vor sich niederblickte.

»Und sie ist so glücklich geworden, wie ich mit großer Freude gehört.«

George von Breda biß die Lippen zusammen, dann sagte er mit einer Stimme, die sehr ruhig klang: »Ich glaube und hoffe so. Sie hat erreicht, was für ein junges Mädchen das Wünschenswertheste scheint; sie hat, wie man so sagt, eine vortreffliche Partie gemacht; sie ist seit gestern Gräfin Helfenberg.«

Der Baron sprach das anscheinend sehr gleichgültig, ja, vergnügt, doch schien er den Blick der alten Frau nicht ertragen zu können, denn er hob die Augen zum blauen Himmel empor und seine Stimme zitterte ein wenig, als er den Namen seines Freundes aussprach. – Ein furchtbares Geschick! klang es in seinem tiefsten Innern; aber da ich es über mich vermocht, das ruhig zu sagen, was ich eben gesagt, so wird es mir auch wohl gelingen, nach und nach das Gleichgewicht wieder zu finden.

»Sie werden den Grafen und die – Gräfin auf Stromberg sehen,« sagte er nach einer Pause; »sie wollen nach einer längeren Reise dort leben.«

»Und Sie, gnädiger Herr, Sie werden auch häufig hinaus kommen?« fragte die alte Frau. »O, wenn es mir erlaubt wäre, zu sagen, daß es mich glücklich machen würde, dort alle wieder vereinigt zu sehen, deren ich mich aus den Zeiten der hochverehrten Gräfin Eller mit so vieler Liebe erinnere!«

»Vorderhand muß ich darauf verzichten,« gab der Baron zur Antwort. »Ich bin im Begriff, eine größere Reise zu machen, die mich vielleicht ein volles Jahr von hier entfernt halten wird. Schon lange trug sich meine Frau mit dem Wunsche, fremde Länder zu sehen, weßhalb wir heute auf länger die Stadt verlassen.«

Bei diesen Worten erhob sich der Baron rasch und reichte der alten Frau die Hand.

»Auf Wiedersehen also nach einiger Zeit!« sagte er, »Gedenken Sie meiner freundlich, wenn Sie auf Stromberg die Orte sehen, wo ich als Kind gespielt. Wenn ich zurückkomme, werden Sie mir hoffentlich viel Schönes und Angenehmes zu erzählen wissen.«

Er drückte hastig ihre Hand und verließ das Zimmer, worauf er nach einem freundlichen Gruße gegen Frau Brenner die Treppe gewann und das Haus verließ.

Es war einer jener duftreichen Frühlingsvormittage, wo man die Spitzen der hohen Häuser und die Kirchthürme Morgens leicht verschleiert gesehen, bis der schon kräftige Strahl der Sonne alle Nebel hinabdrückte und diese als Thau das Straßenpflaster benetzten. Die Luft war so würzig und wohlthuend, daß man sie gern in vollen Zügen einathmete; der Himmel glänzte so klar, wie man ihn selten sah: Schatten und Licht waren aufs schärfste abgegrenzt.

George von Breda ging die enge Gasse hinab und trat auf den Blumenmarkt, der heute, namentlich rings um den alten Springbrunnen, seinen Namen rechtfertigte. Da sah man die ersten Kinder des Frühlings: Veilchen, Maiblumen, ja, selbst schon Rosen, glänzend im Morgenthau, süße Wohlgerüche ausströmend. Da herrschte auf dem Platze, den der Baron noch vor kurzer Zeit so öde und leer gesehen, ein reges Leben. Er blieb einen Augenblick bei der Fontaine stehen, und als er an das dachte, was er vor Kurzem hier erlebt, so freute er sich der heutigen Veränderung; es war ihm, als habe er seine Liebe begraben und sehe nun ihren Grabhügel mit lieblichen Blumen bedeckt; er freute sich innig, den Platz, wo sich sein Leben gewendet, so wieder gesehen zu haben; in diesem milden Gewande sollte ihm derselbe in Erinnerung bleiben – –

Der Baron wollte gerade den Blumenmarkt verlassen, als er eines Bekannten ansichtig wurde, der ihm entgegen kam und schon auf einige Schritte Entfernung an den Hut langte, um ihn zu begrüßen. Es war der Armenarzt Doktor Flecker, der ganz in seiner alten Weise daher kam.

»Verehrter Herr Baron, ich wünsche Ihnen einen guten Morgen!« rief ihm dieser entgegen. »Wie ich vernommen, sind Sie im Begriffe, abzureisen, und Sie werden, mir erlauben, Ihnen zu bemerken, daß ich es für ein glückliches Ungefähr halte, Sie hier zu finden, um Ihnen meine besten Wünsche zu sagen.«

Beide reichten sich die Hände, worauf Herr von Breda sprach: »Sie sind ein Wundermann, Herr Doktor, und Ihnen in dem Augenblicke zu begegnen, wo man im Begriffe ist, eine längere Tour anzutreten, muß als gute Vorbedeutung betrachtet werden. Wenn es Sie nicht zu sehr aus Ihrem Wege entfernt, so würde ich Sie bitten, mich ein paar Schritte zu begleiten. Ich muß nach Hause, denn ich habe schon mit allerlei Gängen meine Zeit versäumt.«

»Gewiß nicht,« entgegnete der Doktor; »meine Wege führen mich überall hin, denn in allen Theilen der Stadt warten meine armen Freunde auf mich. – Item, gehen wir.«

Sie verließen den Blumenmarkt, und im Weiterschreiten sagte Baron von Breda: »Ich war eben in einem Hause, – wo ich zufällig vom Tode eines Mannes hörte, der Ihnen näher befreundet war, und mit dem ich neulich auf eigenthümliche Art zusammentraf.«

»Ah ja! ich erinnere mich,« versetzte lächelnd der Armenarzt. Doch verschwand dieses Lächeln wieder, als er hinzusetzte: »Da ist uns ein edler Freund gestorben, sonst eine sonderbare Persönlichkeit, die viel Gutes hätte wirken können, wenn sie nicht in dem Wahne befangen gewesen wäre, es sei ihre Schuldigkeit, allen Menschen zu helfen.«

»Und das können wir doch nicht, bester Herr Doktor,« sagte George von Breda mit Betonung. »Was dem Einen zum Glücke ausschlägt, führt oft das Unglück eines Anderen herbei.«

»So ist es, Herr Baron. Hängen wir doch mit unseren Nebenmenschen in Art einer Wage zusammen: was Diesen erhebt, drückt Jenen hinab.«

»Ja, das ist richtig,« meinte Herr von Breda mit leiser Stimme.

»Bah!« rief der Armenarzt achselzuckend, »man muß darüber nicht nachgrübeln. Das hab' ich neulich an mir selbst gespürt – item, es ist Unsinn! Heute sinkt die Wagschale unseres Lebens, morgen steigt sie wieder.«

»Und zu dem Steigen kann man das Seinige beitragen.«

Der Doktor blickte den Baron fragend an.

»Man entledige sich so viel thunlich des Ballastes, der unsere Seele niederdrückt; man werfe alle thörichten Hoffnungen und Wünsche über Bord.«

»Wer das kann.«

»Ja, wer das kann!« sprach seufzend George von Breda. »Apropos,« fuhr er nach einer Pause fort, während welcher Beide stillschweigend fortgeschritten waren, »man sagte mir, auch Sie würden die Stadt verlassen, um ganz bei Helfenberg zu bleiben. Ist dem so?«

Der Doktor schüttelte mit dem Kopfe. »Ich kann meine »Armen nicht verlassen,« sagte er. »Den Teufel auch! Sie werden mir zugeben, daß das nicht so leicht geht. Wenn meine Kranken reiche Leute wären, so würde ich mir nichts daraus machen, ihnen ein zierliches Circular zuzufertigen: Ihr bisheriger Hausarzt, Doktor Necker, sieht sich veranlaßt u. s. w. u. s. w. Aber meinen Patienten darf ich nicht so kommen) item, wir sind lauter gute Freunde mit einander, wir bilden, so zu sagen, eine einzige, wenn auch mitunter etwas traurige, Familie, deren Oberhaupt ich zu sein die Ehre habe; und diese Ehre ist mir viel zu groß, als daß ich sie so leichtsinnig wegwerfen sollte. Ich versichere Sie, Baron Breda, meine armen Kranken, namentlich die Kinder, sind meistens ein dankbares Volk; sie schauen zu mir wie zu etwas recht Hohem – empor, und das schmeichelt.«

»Ich beneide Sie um Ihre Beschäftigung und um Ihren Humor, Doktor,« versetzte Herr von Breda. »Und Sie haben vollkommen Recht; Helfenberg bedarf ja, Gott sei Dank, Ihrer Hülfe jetzt nicht mehr.«

»Nein, er bedarf ihrer jetzt nicht mehr,« antwortete der Armenarzt in eigenthümlichem Tone. »Gott hat mir gnädigst gestattet, ihn herzustellen; aber –«

»Leben Sie wohl, Doktor!« rief hastig der Baron; »meine Zeit drängt. – Auf fröhliches Wiedersehen!«

Damit verließ er den einigermaßen erstaunten Arzt und hatte in Kurzem seine Wohnung erreicht, wo ein bepackter Reisewagen stand, an den so eben die Pferde gespannt wurden.

George von Breda hatte nur noch wenig in seinen Zimmern zu thun. Mit einem unaussprechlich traurigen Gefühle nahm er seine Brieftasche hervor, in der sich jene Rose und das Geldstück befanden, legte das alles in ein Kästchen, und als er dieses zuschloß, sprach er leise zu sich selbst: Welche Gedanken werden mich bewegen, wenn ich es wieder öffne?


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