Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Sechsundfünfzigstes Kapitel.
Der Bund zum Dolche Rubens


Die Uhr hatte Acht geschlagen auf dem Thurm jener alten Kirche, die nicht entfernt liegt vom Hause, das zum Schild einen Reibstein führt, als Don Larioz das Lokal betrat, wo der Bund zum Dolche Rubens zu tagen, eigentlich zu nachten pflegte und wo die Mitglieder dieser sehr anonymen Gesellschaft schon in feierlichem Schweigen beisammen saßen. Draußen hatte sich ein schwacher Abendwind aufgemacht, einzelne leichte Wolken verschleierten hier und da den Mond, der erwartungsvoll emporstieg, sein mildes Licht über Berg und Thal ausgießend, über weite Haiden, wo das Rietgras sich flüsternd bewegt und wo der furchtsame nächtlich Wandelnde auf der weiß beschienenen Fläche mit Entsetzen einen einzigen schwarzen Punkt bemerkt, der, von einem verdächtigen Hügel herabkommend, direkt auf ihn zuzuschreiten oder ihn zu verfolgen scheint, er mag sich wenden, wohin er will.

Der Wind, der sich aufgemacht hatte, war ein dünstender, Regen verkündender frühlingsartiger Hauch, einer von den willkommenen Gesellen, welche die Erde sehnsuchtsvoll erwartet, damit er ihr helfe, die Fesseln des fliehenden Winters zu brechen. Abends aber, wenn wir im verschlossenen Zimmer sitzen, verfehlt so ein Wind seine unbehagliche Einwirkung auf uns nicht; wir fühlen den Grimm, mit dem er um das Haus saust und, mit Fensterscheiben klappernd, vergeblich Einlaß begehrt.

So wehte es denn auch um das Haus, wo sich die Kneipe zum Reibstein befindet, an jenem denkwürdigen Abends nachdem es voll und deutlich acht Uhr geschlagen.

Don Larioz wurde von dem Vorsitzenden des Bundes, dem Kupferstecher Wurzel, freundlich und feierlich empfangen und zu dem für ihn bestimmten Stuhle geleitet. Es waren außer diesen Beiden noch neun andere Mitglieder anwesend, so daß die Zahl Sämmtlicher, mit Einschluß Windspiels, der ebenfalls erschienen war, ein gutes Dutzend ausmachte. Auf dem Eichenholztische stand eine große Bowle, aus welcher die Gläser zu füllen, der Kellner eifrig beschäftigt war. Der Dolch des großen Meisters Rubens lag, mit einem rothen Tuche verdeckt, vor dem Platze des Präsidenten.

Auf einen Wink des letzteren nahmen sämmtliche Mitglieder, von denen die meisten bisher plaudernd auf und abgegangen waren, ihre Plätze ein, nachdem sie vorher mit dem edlen Spanier einen festen Handschlag ausgetauscht. Darauf erhob der Präsident sein Glas und leerte es, nachdem er vorher bedächtig: »Eins! – Zwei! – Drei!« gesagt, auf Einen Zug, und sämmtliche Mitglieder des Bundes zum Dolche Rubens, Don Larioz nicht ausgenommen, sprachen ebenfalls: »Eins! Zwei! Drei!« und tranken ihren Punsch aus.

Der Vorsitzende nahm nun das rothe Tuch weg, zeigte den Versammelten den alten rostigen Dolch und ließ ihn darauf die Runde machen, damit Jeder nach üblicher Weise die Klinge mit seinen Lippen berühre. Windspiel mußte sich, wie auch früher, mit dem Heft begnügen, welcher Unterschied seiner sichtbaren Rührung übrigens keinen Eintrag that.

Nachdem der kleine Kellner hierauf die Gläser wieder gefüllt, stand der Kupferstecher Wurzel von seinem Stuhle auf, stützte die rechte Hand auf den Tisch, räusperte sich ein paar Mal und sprach:

»Mitglieder des Bundes zum Dolche Rubens! werthe Freunde! Es ist die Zeit gekommen, wo wir unserem sehr ehrenwerthen Verbündeten, dem tapferen Don Larioz von la Mancha, beweisen wollen, wie segensreich eine Verbindung wie die unsrige ist. Ihr alle, die Ihr hier mit ahnungsvollem Herzen um mich geschart seid, werdet mir beistimmen, wenn ich euch ins Gedächtniß zurückrufe, wie schwer es ist, Mitglied dieses höchst anonymen Bundes zu werden. – Aber, werthe Freunde und Mitglieder, welche immense Vortheile bringt er auch jedem Einzelnen! Wie schützend schlingt er seine Bande um Alle! wie ist er auch der Inbegriff von jedem Erhabenen, Schönen und der höchsten Tapferkeit, gleich den edlen Ritterorden des Mittelalters! – Wer nicht vollkommen meiner Ansicht sein sollte,« fügte er mit finsterem Stirnrunzeln hinzu, »den ersuche ich, dies bemerkbar zu machen und dem Ritual des Bundes gemäß unter den Tisch zu kriechen. – Gott sei Dank!« fuhr er nach einer Pause fort, während welcher er mit leuchtenden Blicken sich rings umgeschaut hatte, »wir sind alle vollkommen einig. Und zu Ehren dieses, wenn auch nicht unerwarteten, aber immer erfreulichen Ereignisses erhebe ich mein Glas und leere es bis auf die Nagelprobe. Eins! – Zwei! – Drei!«

Und »Eins! Zwei! Drei!« erscholl es in tiefem Basse, wonach zehn leere Gläser hart auf den Tisch gesetzt wurden.

Windspiel, der im Schatten des Ofens stand, wischte sich nach dieser feierlichen Begrüßung nicht die Augen, sondern den Mund, woraus wir abnehmen, daß er sich bei gewissen Veranlassungen ebenfalls als stimmberechtigtes Mitglied betrachtete.

»Mitglieder und Freunde!« hob der Kupferstecher mit dem großen Barte nach einer Pause wieder an. »Wir haben die höchst traurige, aber sehr lehrreiche Angelegenheit unseres verehrten Mitbruders Don Larioz von la Mancha zu der unsrigen gemacht und sind bereit, ihm zu helfen. Nicht wahr, alle sind wir bereit?« setzte er fragend hinzu.

»Alle!« vernahm man.

»Da wir aber nicht von den Leuten sind, die sprechen, ohne zu handeln, so erfahre unser verehrter Freund, was wir bis jetzt geleistet. Bruder Christian, ich gebe dir das Wort.«

Darauf erhob sich Bruder Christian, strich sein langes, blondes Haar mit einer weißen, mageren Hand von der Stirn, zog den grünen Flausrock in die Taille, und sprach also zur Versammlung:

»Wenngleich – sobald der Bund den Beschluß gefaßt hatte, die Angelegenheit zu der seinigen zu machen, sich Mehrere anboten, das Terrain drüben zu untersuchen, so wurde doch wir dieser höchst ehrenvolle Auftrag zu Theil. Es gelang wir, Eingang zu erhalten in das Atelier der Gebrüder Breiberg; nachdem ich aber mehrere Tage, ohne zu einem Resultate zu gelangen, dorthin gegangen war, hatte ich endlich das Glück, die schöne Spanierin zu sehen.«

Man vernahm rings umher ein Gemurmel der Freude und der Bewunderung.

»Stille!« gebot der Präsident, wobei seine Stimme unverkennbar vor Rührung etwas bewegt war. Dann fuhr er mit der Hand über sein Gesicht herab und vergrub ein paar Sekunden lang die Finger in seinem dichten Barte.

Der tapfere Spanier blickte mit gespannter Aufmerksamkeit auf Bruder Christian, der ihm freundlich zuwinkte und dann fortfuhr: »Ja, ich sah es, das schöne, unglückliche Mädchen, schöner noch als die Schilderungen unseres ehrenwerthen Freundes, unglücklich unter der schonungslosen und gewalttätigen Behandlung dieser verruchten Breibergs.«

Ein auffallendes Scharren mit den Füßen bekundete unzweifelhaft die Theilnahme der Anwesenden.

Windspiel schluchzte.

»Diese Gebrüder Breiberg,« sprach der Redner weiter, »müssen in Erfahrung gebracht haben, daß die edle Dolores ihr Herz dem tapferen Landsmanne zugewandt, und seit jener Zeit ist ihr Loos noch trauriger geworden; sie wird in den Mörderhänden, in welchen sie sich befindet, schauerlich gemißbraucht, sie wird –«

»Erspart Euch,« fiel ihm der Präsident mit bewegter Stimme in die Rede, »uns das zu melden, was wir schaudernd selbst erlebt.«

»Weiter, weiter!« murmelten die Mitglieder.

»Was soll ich weiter sagen!« fuhr Bruder Christian nach einem kleinen Stillschweigen mit einem traurigen Lächeln fort. »Ohne euch Complimente machen zu wollen, wißt ihr alle selbst, was ein armes Mädchen zu erdulden im Stande ist, wenn sie schutz- und wehrlos in die Hände blutdürstiger Mörder fällt.«

»Schutz- und wehrlos?« rief Don Larioz mit funkelnden Augen, indem er sich von seinem Stuhle erheben wollte. Doch drückte ihn der Kupferstecher Wurzel saust auf seinen Stuhl zurück, indem er sagte:

»Ruhig, mein Freund! der Bund hat über dieses theure Mädchen gewacht. – Bruder Christian, wir danken dir für deinen Bericht; du hast dich, wie wir daraus ersehen, über alle Verhältnisse aufs Genaueste unterrichtet. Küsse den Dolch des großen Meisters Rubens und beantworte mir eine Frage frei und ohne Rückhalt.«

Alle blickten gespannt in die Höhe.

»Glaubst du,« fuhr der Präsident in feierlichem Tone fort, »daß die Seele dieses jungen Mädchens noch wohl erhalten und rein ist?«

Bruder Christian führte die rostige Dolchklinge, welche ihm der Meister darreichte, an seine Lippen und sagte mit einem Tone der Ueberzeugung, der in allen Herzen wiederklang: »Ja, ich bin dessen gewiß.«

»Für dieses Wort ein volles Glas!« rief der Kupferstecher freudig erregt.

Und Alle leerten ihre Gläser, wobei sie mit unverkennbarer Freude sich gegen den Spanier wandten.

Dieser erhob sich hierauf, und nachdem er den Präsidenten um die Erlaubniß gebeten, einige Worte zu sagen, sprach er gerührt: »Wie ich Ihnen danken soll für den Antheil, den Sie dieser traurigen Angelegenheit und mir widmen, weiß ich bis jetzt selbst noch nicht. Glauben Sie mir aber, daß des Spaniers Herz tief empfänglich ist für alles Freundliche, was man ihm erzeigt, und daß ich nie vergessen werde den Edelmuth und die Ritterlichkeit, mit dem Sie sich jenes gefangenen Mädchens, das, ich will es nicht läugnen, mein Herz gerührt, so heldenmüthig annahmen. Was dieser Arm vermag, hoffe ich Ihnen bei der Befreiung der theuren Dolores zu beweisen; wie aber dieses Herz für Sie fühlt, das wird sich erst im Laufe der Zeiten zeigen, wo es bis zum letzten Schlage dem Dienste treuer Freunde gewidmet sein soll.«

Er erhob sein Glas, welches ihm Windspiel wieder gefüllt hatte, gegen die Versammlung, worauf Alle tranken, nachdem man von ihren Lippen ein Murmeln der Zufriedenheit vernommen.

»So wären wir denn so weit gekommen,« sprach der Kupferstecher Wurzel, als sich die Versammlung wieder beruhigt, »daß wir in Kürze die Maßregeln feststellen können, welche noch am heutigen Abend zu ergreifen sind, um die arme Gefangene zu befreien. Und zu diesem Zwecke wollen wir den Bericht Bruder Jakobis hören.«

Mit großem Geräusche sprang hierauf der dicke Maler mit dem wenigen Haar in die Höhe, that einen tüchtigen Zug aus seinem Glase und sagte, nachdem er die Versammlung lächelnd überschaut:

»Was ein guter Kerl für seine Freunde zu leisten vermag, das kann ich auch, und sei es das Schwerste. Nach der Weisung unseres ehrenwerthen Präsidenten knüpfte ich im Hause der Gebrüder Breiberg eine Bekanntschaft an, die es mir und meinen Freunden möglich macht, zu jeder Zeit unvermerkt in das Haus zu dringen. Es kostete mir einige Ueberwindung, aber ich kam zum Ziele. Verlangt keinen Namen zu wissen; seid jedoch überzeugt, auf ein gegebenes Zeichen wird sich drüben die Hausthür öffnen.«

»Du hast Großes für unseren Freund geleistet,« nahm der Kupferstecher mit einem leichten Zwinkern der Augen wieder das Wort. »Und da der Zweck die Mittel adelt, wir auch überzeugt sind von deinen rastlosen Bemühungen zum Besten des Bundes, so beantrage ich den Dank desselben für Bruder Jakob.«

Hierauf blickte er, Aufmerksamkeit fordernd, rings umher im Kreise, und auf ein Zeichen mit der Hand ertönte es aus allen Kehlen in tiefem Basse:

»Bruder Jakob, Bruder Jakob,
Schläfst du noch – schläfst du noch?
Hörst du nicht die Glocke? Hörst du nicht die Glocke?
Bumm, Bumm, Bumm!«

Don Larioz fühlte sich durch diesen kräftigen Männergesang aufs tiefste bewegt, und es hätte wenig daran gefehlt, daß Thränen der Rührung seine Augen befeuchtet hätten. Doch drängte er dieselben männlich zurück, als er bedachte, daß in nächster Stunde die Zeit des kräftigen Handels kommen würde. Er blickte deßhalb auch mit gespannter Aufmerksamkeit auf den Präsidenten, der dieses Mal, ohne sich zu erheben, der Versammlung sagte: »Alle Maßregeln sind demnach aufs beste getroffen, und ich werde euch den Plan zur Befreiung jenes unglücklichen Mädchens in wenig Worten mittheilen. Vor allen Dingen dürft ihr nicht vergessen, daß es unserem edlen Freunde Don Larioz von la Mancha allein zukommt, seine Auserwählte aus ihrem Kerker zu befreien. Unser edler Freund wird euch selbst sagen, daß dies zu allen Zeiten ritterlicher Brauch war.«

»So war es und so ist es!« rief der tapfere Spanier begeistert. »Gebt mir Waffen, zeigt mir den Weg zur Höhle jener Ungeheuer, und Ihr werdet sehen, was ein furchtloses Herz und ein starker Arm auszurichten vermag.«

»So würde es allerdings geschehen können,« gab der Kupferstecher freundlich zur Antwort, »wenn wir noch in jenen glorreichen Zeiten lebten, wo ein gutes Schwert und ein tapferer Arm eine ganze Welt aufwog. Don Larioz von la Mancha würde allein in die Wohnung der tückischen Breibergs dringen, nicht scheuend die Ueberzahl sichtbarer Feinde, sich nicht fürchtend vor jenen geheimnißvollen Dingen, welche man sieht auf den Treppen des finsteren Hauses, – alte phantastische Ritterhelme, gespenstige rothe Tricots, – er würde sie niederwerfen, die Peiniger der unglücklichen Dolores; ihre letzte, ihre blutige Stunde wäre gekommen.«

Larioz nickte schweigend mit dem Kopfe, wobei er die Lippen auf einander biß und ein Lächeln im Vorgefühl der süßen Rache über seine sanft gerötheten Wangen flog.

»Wenn wir aber,« fuhr der Präsident nach einer Pause fort, »bei der Befreiung jener Unglücklichen sicher zu Werke gehen wollen – und dazu sind wir ja fest entschlossen – so gilt es List mit Gewalt, um sie mit Tapferkeit zu paaren. Meine Idee wäre also: Von Bruder Jakob geführt, schleichen wir Anderen uns in das Haus, überfallen die Breibergs und knebeln sie, während unser Freund Don Larioz von la Mancha mit San – mit Windspiel wollt' ich sagen – auf einer Leiter zum Fenster emporsteigt, um auf dieser nach alter Rittersitte die Schöne zu befreien. Daß heute Abends ihre glückliche Stunde schlägt, davon ist Dolores benachrichtigt worden, und ein Guitarrenklang unter ihren Fenstern, welchen das des Spielens kundige Windspiel effektvoll anstimmen wird, soll sie benachrichtigen, daß ihre Erretter, ihre Rächer da sind. Ich bitte um ein Gemurmel des Beifalls oder der Mißbilligung.«

Darauf wurde mit den Füßen gescharrt, mit den Gläsern auf den Tisch getrommelt, und man vernahm unarticulirte Töne; auch wollte hier und da der erste Takt eines Liedes losbrechen, welche beginnenden Allotria der Meister übrigens mit einem strengen Blick zur Ruhe verwies.

»Genug!« rief er, »ich habe eure Zustimmung erfahren; Ruhe jetzt, das Uebrige wird sich finden.«

Der edle Spanier hatte mit seinen mageren Fingern auf den Tisch getrommelt, während er die Augenbrauen finster zusammenzog und sich dazu die Bemerkung erlaubte: »Der vom Vorsitzenden dieser achtbaren Versammlung uns so eben dargelegte vortreffliche Plan hat etwas, das mir, frei und offen gesprochen, nicht so ganz gefallen will. Daß ich nach alter Rittersitte die unglückliche Dolores durch Ersteigung des Fensters befreien soll, hat etwas Romantisches und Hochpoetisches; ich fühle mich glücklich bei diesem Gedanken, ebenso, daß das treue Windspiel mich unterstützen soll. – Und es wird mich nicht verlassen,« setzte er hinzu, indem er rückwärts den Kopf dem kleinen Kellner zuwandte, der tiefgerührt zur Betheurung mit seiner rechten Hand sich auf die linke Brustseite patschte. – »Nur finde ich es nicht ganz würdig, daß die Gebrüder Breiberg vorher der Knebelung unterworfen werden sollen. Wenn es auch niederträchtige Feinde sind, so bleiben sie doch einmal Feinde, die ich niederwerfen will; aber gegen einen geknebelten Feind wäre ich nun einmal nicht im Stande, das Schwert zu ziehen.«

»Das ist auch gerade der Punkt, der vermieden werden sollte,« versetzte der Präsident, nachdem er einen Blick auf die Versammlung geworfen. »Und Ihnen, tapferer Don, dürfte es nur gestattet sein, in einem ganz verzweifelten Falle von Ihrer Waffe Gebrauch zu machen. Und eben diese Waffe hat der Bund zum Dolche Rubens wohlweislich erwählt, es ist nämlich die Wehr des großen Meisters selbst, welche wir Ihnen hiermit zu Ihrer ausgezeichneten Thal allerfeierlichst übergeben.« Bei diesen Worten nahm er den Dolch, der vor ihm lag, in die Höhe, küßte die Klinge und gab sie seinem Nachbar zur Linken, wobei er die Worte murmelte: »Möge nie ungerecht vergossenes Blut an dir kleben!«

Und die gleichen Worte murmelten alle Gesellen, bei denen die rostige Waffe die Runde machte, und als sie zuletzt in die Hände des Spaniers kam, setzte dieser hinzu: »Sieg oder Untergang!«

»Ja, Untergang der Lügenbrut!« rief enthusiastisch der Kupferstecher Wurzel, »der Wahlspruch unseres tugendhaften Bundes. – Nun, füllt eure Gläser frisch bis zum Rande, trinkt aus und stimmt an das erhabene Lied, einfach in Melodie und Worten für den Uneingeweihten, aber unerschöpflich tief für den, der mit den Augen der Sonne steht, mit den Ohren des Windes hört:

»Zieh, Schimmel, zieh
Im Dreck bis an die Knie'!«

Und:

»Zieh, Schimmel, zieh
Im Dreck bis an die Knie'!«

jauchzten sämmtliche Mitglieder des edlen Bundes in unerhörtem Jubel nach.

»Morgen wollen wir Hafer dreschen,
Soll der Schimmel Spreuer fressen.
Zieh, Schimmel, zieh
Im Dreck bis an die Knie'!«

Nach Absingung dieses tief gedachten Liedes schien für eine Zeit lang die feierliche Haltung, deren sich alle Mitglieder bis jetzt befleißigt, etwas aus einander zu fließen. Auge und Ohr war nicht mehr wie bisher auf den Präsidenten gerichtet, jeder Einzelne beschäftigte sich mit seinem Nachbar oder mit der Punschbowle, aus der Windspiel nicht fleißig genug einschenken konnte. Hier vernahm man schallendes Gelächter, dort das Zusammenklingen der Gläser, dazwischen zuweilen die Worte: »Tod den Breibergs!« oder: »Untergang der Lügenbrut!« Ein paar, die sich am ingrimmigsten zeigten, machten gegenseitig den Versuch, sich, wie später jene Verräther, zu knebeln, was aber nicht recht gelingen wollte und damit endete, daß Beide unter den Tisch fielen, wie es schien, freiwillig, denn sie machten keine sonderlichen Versuche, von selbst aufzustehen, sondern mußten mit vieler Mühe von den Nebensitzenden wieder hervorgeholt werden.

Don Larioz brütete stumm über seinem Glase und verband seine Gedanken mit dem wilden Lärmen rings umher. Das Gläserklingen, das wilde Toben heimelte ihn ordentlich an; ihm war es wie vor einer Schlacht, wo er fernab vor einem Zelte saß, wo die Lichter des Lagers wie in trübem Nebel zu ihm herüber schimmerten, wo der Gesang der kraftvollen Krieger nur gedämpft an sein Ohr schlug. Er lebte in seinen Träumen rasch die Nacht hindurch; es tagte, die Knappen kamen, ihn zu rüsten; er setzte den Helm auf, nahm Schild und Lanze und gedachte beim aufsteigenden Licht der Sonne an die Dame, die er liebte.

Horch, ein Trompetenstoß!

Nein, es war kein Trompetenstoß; es war die Stimme des ehrbedürftigen Meisters, der laut und kraftvoll Silentium! in das wilde Getreibe rief. Und darauf legte sich dasselbe, alle die erwartungsvollen Gesichter, die glänzenden Augen, die lachenden Lippen wandten sich dem Vorsitzenden zu, der mit gewaltiger Faust auf den Tisch schlug und sprach: »Laßt genug sein des grausamen Spieles. Endet dieses lyrische Intermezzo; die Stunde der Rache naht.«

Und als das die Gesellen hörten, verstummten sie plötzlich, und man sah es ihnen an, wie sehr sie sich auf den bevorstehenden Augenblick freuten. Einer klopfte dem Anderen lächelnd auf die Schultern; noch einmal mußte Windspiel die Gläser füllen, noch einmal zählte der Vorsitzende »Eins, Zwei, Drei!« und darauf gossen Alle den Rest des Punsches in ihre Kehlen hinab.

»So hört mich denn noch einmal,« sprach der Meister, der seinen Sitz verlassen hatte und in den Kreis der Mitglieder trat, die sich erwartungsvoll um ihn scharten. »Jeder von euch kennt seine Stellung, kennt seine Pflicht. Bruder Jakob, du ziehst voran, um uns die Thür jener Mörderhöhle zu öffnen. Und der tapfere Freund Don Larioz von la Mancha und das getreue Windspiel begeben sich in den ihnen wohlbekannten Raum zwischen beiden Häusern, dieses Mal mit Genehmigung unseres Kneipenwirthes, der ebenfalls entzückt ist, seine schändlichen Nachbarn in ihrem unheilvollen Treiben gestört zu sehen. Sie werden dort eine Leiter finden, welche sie an das Fenster des Ateliers lehnen, und dort den Augenblick erwarten, wo wir durch ein Zeichen die Nachricht geben, daß wir die Gebrüder Breiberg unschädlich gemacht. – Es wäre Sünde, unseren edeln spanischen Freund zu fragen, ob er auf seinem Vorhaben besteht. Ich will nur hinzufügen, er möge in jeder Hinsicht vertrauen der theuren Waffe, die wir ihm übergeben; sie wird ihn führen und leiten und ihm sogar beistehen bei Anfechtungen höllischer geheimnißvoller Scharen, denen er bei seinem Unternehmen ausgesetzt sein könnte. – Auf denn, meine Freunde – ans Werk!«

»Auf denn, ans Werk!« sprach jeder Einzelne, und Alle verließen in feierlichem Schritte das Gemach, nachdem Jeder vorher noch einen Handschlag mit Don Larioz gewechselt.

Dieser blieb mit dem Kellner allein zurück und steckte den Dolch des großen Meisters Rubens mit unbeschreiblichen Gefühlen in seinen Busen. Windspiel stand wenige Schritte von ihm und hatte die Hände gefaltet, und der Blick, mit welchem er den Abziehenden nachschaute und dann an seinem Freunde emporsah, war nicht ganz so zuversichtlich, als er der Lage der Dinge nach eigentlich hätte sein sollen. Auch erlaubte er sich einen gelinden Seufzer; ja, er kratzte sich etwas Weniges am Kopfe, als er die erhabene Haltung des Spaniers bemerkte und den entschlossenen Schritt, mit dem derselbe das Gemach nach allen Seiten durchmaß.

Jetzt blieb Larioz neben dem kleinen Kellner stehen, legte seine Hand auf dessen Schulter und sagte:

»So ist denn der Augenblick gekommen, nach dem ich mich lange und innig gesehnt. Dem Gelingen wird für mich ein süßer Lohn folgen, für Sie aber, treuer Gefährte, das Bewußtsein, sich einen Freund ewig verpflichtet zu haben. Ehe Sie sich aber zum Kampf und wahrscheinlichen Sieg rüsten, befragen Sie nochmals Ihr Herz, ob es nicht zurückschrickt vor den Gefahren, denen wir allenfalls entgegen gehen können.«

Windspiel sammelte sich einen Augenblick, ehe er zur Antwort gab: »Nein, mein Herz schrickt nicht zurück; wir werden glücklicher sein als die vorhergehenden Male.«

»Das hoffe ich zuversichtlich. Und nun ans Werk!«

Der tapfere Spanier nahm seinen Mantel um, holte aus demselben noch ehre kleine Blendlaterne, die er anzündete und in die Tasche steckte; dann setzte er seinen Hut auf.

Ebenso rüstete sich Windspiel und ergriff, als er fertig war, dem Anderen zu folgen, nicht eine Waffe, sondern seine Guitarre mit dem blauen Bande, die er sich um die Schultern hängte.

So zogen Beide dahin, durch die Hausthür hinaus in den kleinen Raum neben an, den sie geöffnet fanden.


 << zurück weiter >>